Krisenreporter Michael Obert: “Ich dachte, jetzt sterbe ich”

Der Journalist Michael Obert (FOTO: DAVID FISCHER, Public domain via Wikimedia Commons)

Interview mit dem freien Reporter Michael Obert am Rande der Fachtagung “Krieg und Krise, Terror und Trauma – Emotionale Belastungen in der Arbeit von Journalistinnen und Journalisten”: Obert erzählt, wie er nur knapp dem Tod entkommen ist als er für das “SZ Magazin” mit einem Warlord vor der libyschen Küste unterwegs war – und: Warum er vor allem junge JournalistInnen vor Einsätzen im “Backpacker-Style” in Krisenregionen warnt.

Auszüge dieses Interviews sind – zusammen mit anderen Stimmen – unter anderem in Berichte für das Radioeins-“Medienmagazin” und für “Mediasres” im Deutschlandfunk geflossen.

— Wörtliches Transkript —

Mein Name ist Michael Obert, Auslandsjournalist mit Schwerpunkten Nahost und Afrika und Gründer und Leiter der Reporterakademie Berlin.

Sie sind viel in Krisenregionen unterwegs, in Extremsituationen. Sie haben hier auf der Veranstaltung kurz angerissen, dass Sie selbst massiv unter Beschuss geraten sind als Sie einen Warlord porträtieren wollten, wenn ich das richtig verstanden habe. Was haben Sie erlebt?

Ich war mit dem Fotografen Moises Saman letztes Jahr für das “SZ Magazin” in Libyen unterwegs und wir haben da gemeinsam einen Warlord porträtiert, der Küstenwache spielt mit einem eigenen schwer bewaffneten Boot und einer Truppe Gleichgesinnter dort im Auftrag Europas die Außengrenzen der EU organisiert, kann man sagen, der Flüchtlinge und Migranten abhalten soll, in die Boote nach Europa zu steigen. Und wir sind eines Nachts rausgefahren mit ihm auf seinem Boot mit seinen schwer bewaffneten Leuten: Maschinengewehre, schweres Bordgeschütz, Tarnuniformen, Gesichtsmasken. Und der Auftrag war eigentlich, bei recht schwerem Seegang 100+ Menschen aus Schlauchbooten aufzusammeln, damit sie nicht ertrinken. So hatten wir das verstanden und so ist auch kommuniziert worden. Wir sind dann rausgefahren, haben nachts um zwei dann 30 Kilometer vor der libyschen Küste dieses Schlauchboot gefunden und haben dann auf dem Nachtsichtgerät in letzter Sekunde, kurz bevor wir da ankamen, gesehen, dass sich der Schatten eines Schnellbootes hinter dem Schlauchboot löste.

Die Menschenhändler sind auf diesem Schnellboot auf uns zu gerast, haben sofort mit Raketenwerfern und schweren Maschinengewehren das Feuer auf uns eröffnet. Da sind viele Menschen gestorben in dieser Nacht, auch bei uns auf einem Schiff. Und alle Menschenhändler wurden wurden erschossen. Der Fotograf Moises Saman, unser Fixer und ich, wir haben überlebt. Ich war schwer verletzt. Ich hatte mir vier Rippen gebrochen bei einem Sturz, bei einem Positionswechsel während des Angriffs. Und, ja, also es war haarscharf.

Wie sehr hat Sie das mitgenommen letztlich? Wir reden ja hier über Trauma im Journalismus. Hat sich das eingebrannt? Festgesetzt? Kommt das wieder?

Also, im Moment, wenn das passiert, da habe ich einfach nur funktioniert. Ich habe schon gedacht: Okay, das war es jetzt. Ich habe ein paar Versäumnisse gedacht in meinem Leben und an vieles, was schön gewesen ist und ich dachte, jetzt sterbe ich. Und als wir dann überlebt haben und zurückgekommen sind an die Küste – ich eben mit vier gebrochenen Rippen –, da war ich dann erst einmal sehr zittrig. Zwei Tage haben wir gebraucht, um nach Tripolis zurückzukommen, das ist ja sehr umkämpftes Gebiet. Und von da sind wir dann ausgeflogen über Tunesien, ich zurück nach Berlin. Und ich hatte mir dann zwei Tage Zeit genommen, um einfach – also ich hab Meditation gemacht, ich bin ein großer Freund von Meditation, habe mir sehr viel Zeit genommen, habe das reflektiert, habe das mit Freunden durchgesprochen und bin dann in die Textarbeit und habe mir auch nochmal zweieinhalb Wochen Zeit genommen, über die Textarbeit das wahrscheinlich nochmal einfach therapeutisch zu bearbeiten. Und bei mir ist nichts übrig geblieben. Also ich hatte nie einen Albtraum oder schlaflose Nächte.

Ich bin der Ansicht – obwohl ich natürlich weiß, dass Spätfolgen auch eintreten können, wenn man so etwas erlebt hat, dass dann nach einem Jahr oder zwei Jahren plötzlich irgendwie etwas getriggert werden kann und man dann plötzlich in eine posttraumatische Belastungsstörung rein geraten kann – ich glaube, nicht dass persönlich da was übrig geblieben ist bei mir.

Glauben Sie, Sie hatten – man muss ja dann sagen im doppelten Sinne Glück, nicht nur vor Ort, sondern auch in der Bewältigung? Oder haben Sie da einfach eine gute Strategie für sich persönlich gefunden?

Also, ich glaube, ich hatte sehr großes Glück vor Ort als es passiert ist. Das war einfach wirklich nur Glück, weil unsere Handlungsspielräume waren null. Wir konnten uns einfach nur an Deck an Boden legen und hoffen, dass wir nicht getroffen werden. Was die Bewältigungsstrategien angeht, bin ich eher der Ansicht, dass – ich habe schon viel erlebt in den 20 Jahren, in denen ich jetzt im Nahen Osten und in Afrika als Journalist unterwegs bin und auch viel überstanden. Und ich glaube, dass sich da bestimmte Strategien, Bewältigungsstrategien entwickelt habe, die von Meditation, Selbststärkung und auch von der Sicherheit, von der Gewissheit, etwas auch Schlimmes überstehen zu können und dann hinterher gestärkt daraus hervorzugehen, dass ich dass ich daraus was gezogen habe. Und, ich habe es vorhin auch in der Veranstaltung gesagt: Ich bin sehr, sehr fest davon überzeugt, dass meine Vision, dass meine Arbeit etwas bewirken kann, dass mir das auch eine Menge Kraft gibt und eine Menge Stabilität gibt, aus der ich dann eben auch Energien und Kräfte ziehen kann, die mir dann helfen, so was auch gut zu bewältigen.

Wir reden ja auch über Verantwortung einerseits der Journalisten – Sie sind selbst freier Journalist. Sie treffen auch unterwegs immer wieder Kollegen. Wie sieht es beim Freien, Stichwort “Verantwortung”, aus?

Wir Freie haben natürlich kein Netz und keinen doppelten Boden. Wir haben keine feste Redaktion im Rücken. Ich persönlich kann sagen, dass die Redaktionen, mit denen ich arbeite, also namentlich “SZ Magazin”, “Geo” und so weiter, dass die sich schon sehr kümmern und dass ich mich da gut aufgehoben fühle. Natürlich bin ich nicht in dem Redaktionsalltag eingebunden. Ich habe keinen Debriefing. Ich habe kein direktes kollegiales Umfeld, was mich stützen kann. Dennoch, sagen wir mal, für einen freien fühle ich mich da sehr, sehr gut aufgehoben.

Was ich kritisch sehe, ist, dass viele Freie, die ja unter starkem auch wirtschaftlichem Druck arbeiten, die mit wenig Mitteln in kürzest möglicher Zeit so ein qualitativ hochwertig wie mögliches Stück liefern sollen, dass die sehr leicht in so schwierigen Gebieten dann in Überforderung reinkommen. Die Gefahr zumindest ist da, sich da zu weit aus dem Fenster zu lehnen mit zu wenig Erfahrung bei gleichzeitig geringer Mittelausstattung, weil: Die Budgets sind natürlich alles entscheidet darüber, mit wem ich vor Ort arbeiten kann. Wie gut ist mein Fixer? Wie gut ist mein Übersetzer? Wie gut sind meine Helfer vor Ort? Diese Dienstleistungen haben ihren Preis. Und gerade wenn es in gefährlichere Gebiete geht, wo es höhere Sicherheitsrisiken gibt, da sind eben die lokalen Helfer dann schon auch unsere Lebensversicherung. Und wenn da die Qualität nicht stimmt, weil man sie sich nicht leisten kann, da wird es dann schwierig.

Dann sind wir beim Stichwort “Verantwortung der Auftraggeber, der Medienhäuser”: Die Öffentlich-Rechtlichen haben Agenturen, mit denen sie kooperieren, die auch Kräfte vor Ort haben, um auch Journalisten im Zweifel rauszuholen. Es gibt ein Netz an Fixern oder an Stringern, wie immer man sie nennen möchte. Wir haben gehört, auch einzelne Medienhäuser wie die “Zeit” neuerdings betreiben das systematisch. Wie ist die Lage insgesamt, Verantwortung der Medienhäuser, was vor allen Dingen auch freie Mitarbeiter angeht?

Ich kann da keinen Rundumschlag machen, kann nicht pauschalisieren, weil ich selbst als Freier nur für eine Handvoll Print-Magazine arbeite, bei denen ich mich persönlich sehr gut aufgehoben fühle, die sich auch kümmern. Zum Beispiel als ich jetzt schwer verwundet mit den vier Rippenbrüchen aus Libyen angekommen bin, da hat sich die Redaktion rührend um mich gekümmert. Das “SZ Magazin” war dann da, hat auch klar kommuniziert “Hey, wenn Du Schwierigkeiten hast, dann ruf bitte an, wir hängen uns da rein”. Also ich habe mich da sehr gut aufgehoben gefühlt.

Ich nehme schon eher wahr, dass gerade jüngere Kolleginnen und Kollegen, weil man ihnen eine Geschichte in einem schwierigen Gebiet nicht zutraut, dann zunehmend auf eigene Kappe hinfahren, das selbst finanzieren und dann so im Backpacker-Style im Prinzip mit 20 Euro Tagesbudget sich da irgendwie durchkämpfen…

…wer ist da schuld? Ist das derjenige, der sagt, ich mache das zu den Konditionen, oder ist das der Auftraggeber, der sagt, schau doch wo du bleibst, wenn die Geschichte gut ist nehmen wir sie gerne, sonst wollen wir damit nix zu tun haben?

Ne, da muss man schon genauer hingucken, weil es gibt ja keinen Auftraggeber. Die Auftraggeber nehmen ja ihre Verantwortung wahr, indem sie sagen – die potenziellen Auftraggeber, indem sie sagen “Ne, Du bist uns zu jung, Du bist zu unerfahren. Wir schicken da lieber einen erfahreneren Kollegen oder Kollegin hin, vielleicht auch einen festangestellten”. Und dann kommt ein Freier, eine Freie sehr schnell in die Situation, eben zu sagen “Okay, zum Einstieg, fahre ich dann halt selbst. Ich kaufe mir mein Ticket. Ich hol mir meine Akkreditierung. Und dann schaue ich einfach, wie ich es hinkriege”. Und da wird es dann eben eng, da wird es gefährlich.

Da muss der Einzelne sagen “Besser nicht machen”?

Das ist auf jeden Fall im Rahmen dann der Selbstverantwortung des einzelnen Journalisten, der einzelnen Journalistin – auch Stichwort “Selbstfürsorge”, die eigenen Grenzen kennen – habe ich genügend Kompetenzen, habe ich genügend Felderfahrung da draußen, um meine Sicherheit auch einigermaßen zu garantieren?

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