ZDF-Redakteur Niehaves über die Facebook-Falle

Der “WISO”-Chef hat auf der Fachtagung “Wissen ist Macht – Verbraucherjournalismus” erklärt, wie der Algorithmus von Facebook JournalistInnen dazu zwingt, auf bestimmte Inhalte zu setzen – und warum er dennoch nicht Fan der Idee ist, eine große europäische Plattform dagegen zu setzen.

— Wörtliches Transkript —

Wir spielen natürlich ein Spiel mit mit diesen sozialen Netzwerken, das wir nicht mehr selber in der Hand haben. Also, der Algorithmus, der gibt uns schon auch vor, was erfolgreich ist und was nicht. Und da Teile ich Ihre Bedenken schon sehr, weil – wir haben zwei Formate, die für “WISO” stehen. Das eine ist der “WISO Tipp”. Seit, glaube ich, 35 Jahren gibt’s diesen “WISO Tipp”. Das ist wirklich geballte Information. Der läuft in den sozialen Netzwerken null, weil er von dem Algorithmus nicht belohnt wird. Also das heißt, wir geben da Tipps. Das liest man sich auch ganz gerne durch und hat auch was davon. Aber man teilt dann diese Grafik nicht. Man diskutiert nicht darüber. Man kann gar keine andere Meinung haben, weil dann hätten wir schlecht gearbeitet. Alles, was aber zu Diskussionen führt, was provozierend ist, was zugespitzt ist, was vielleicht ein Aufregerthema ist, das leitet dann zu Diskussionen, das wird geteilt, da wird gewarnt davor – und das belohnt der Algorithmus. Und deshalb entscheiden wir uns auch mehr und mehr natürlich, solche Themen zu machen, die dann auf Facebook und auf Youtube gut funktionieren. Und da kann man dann den Eindruck kriegen, dass das dann sehr einseitig wird und dass die reine Informationsvermittlung im Netz möglicherweise gar nicht mehr stattfindet. Dafür haben wir ehrlich gesagt noch keine Lösung gefunden.

Vielleicht müssen wir da Konzepte entwickeln, die halt beides machen. Ich weiß nicht, ob Herr Lindemann da sitzt? Genau. Wir haben ein Format, die “WISO Oma”, der “Oma-Trick”. Das ist auf den ersten Blick sehr, sehr unterhaltsam und erfüllt genau dieses Kriterium: Da kann man sich darüber aufregen. Da kann man mitdiskutieren. Das teilt man. Das ist alles gegeben, läuft auf YouTube perfekt. Mehr als 300.000 Abrufe. Das ist ein wirklich tolles Format, was übrigens eins zu eins vom Fernsehen auf YouTube übernommen wurde und läuft. Aber da lernt man eben auch viel. Da lerne ich wirklich dann – vielleicht nicht so plakativ, aber ich lerne da wirklich auch, wie ich mich verhalten muss, auf was ich achten muss. Vielleicht sind es dann solche Formen, die beides mitbringen, die dann eine Chance sind. Aber das Problem besteht total.

Publikumsfrage: Es gibt ja eine zumindest diskutierte Alternative und zwar eben halt dieses europäische YouTube-Projekt, das der Intendant des Bayerischen Rundfunks, Herr Wilhelm, ins Spiel gebracht hat, wo ja die Idee auch da ist, mit sogenannten guten Algorithmen zu arbeiten. Das heißt eben nicht, dass nicht das gefördert wird, was sehr starke Emotionalisierung und Polarisierung fördert, sondern eben halt, was Diskussion, sachliche Diskussion anregt, Aufklärung und, wie er sagt, europäische Werte und so weiter und so fort. Was halten Sie davon?

Ja, die Frage mit dem guten YouTube: Erstens kommt dieser Vorschlag ein bisschen spät. Vor zehn Jahren hätte ich gesagt, ganz gute Idee. Jetzt finde ich es ein bisschen naiv ehrlich gesagt, weil die Funktionsweise von solchen Netzwerken ist ja: Je mehr Leute mitmachen, desto interessanter wird es. Ich finde Arte einen ganz, ganz tollen Sender, aber damit kann man natürlich nicht so viele Menschen erreichen. Und die Kritik gibt’s ja auch immer dann an öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern – wir müssen schon versuchen, möglichst viele Menschen zu erreichen. Und da haben wir total was verschlafen und haben denen so einen Vorsprung gegeben, dass wir jetzt eigentlich ein Riesenproblem haben. Ich würde jetzt nicht sagen, dass das gar keine Chance hätte. Da müsste man sich viele Gedanken machen. Da bin ich jetzt auch nicht Experte genug, wie man so etwas aufbaut. Es hört sich für mich aber so ein bisschen naiv und spät an.

Ich weiß nicht, wie konkret die Pläne da angedacht werden, aber ich finde eher, dass es für uns eine Herausforderung auch sein muss, vielleicht da schon mitzumachen und eben Formen zu finden, die unseren Ansprüchen genügen, aber eben auch den Blick haben, wie funktioniert heute eben Medienkonsum und wie funktioniert heute eine jüngere Generation. Uch ich glaube, dagegen zu arbeiten, das wird uns nicht gelingen. Aber es ist schon ein Problem. Das sehe ich schon.

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