Große Recherche, große Vermarktung

“Football Leaks” & Co: Auch 2018 haben Medien große Recherchen hingelegt. Aber welche kommen an – und warum? Das zeige ich zusammen mit Kathrin Drehkopf bei ZAPP.

für NDR Fernsehen

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem Du auf "Übernehmen" im Banner klicken.

— Manuskript des Beitrags —

Ein Einkaufszentrum in Schleswig-Holstein. Hier wollen wir erfahren: “Recherchen 2018” – welche aus der jüngsten Zeit sind in Erinnerung geblieben? Bei den vielen Themen und beteiligten Medien: nicht einfach.

„Vielleicht liegt‘s auch daran, dass ständig irgendetwas breit durch die Medien geht. Dann ploppt mal wieder was auf und dann ist es ganz schnell wieder weg. Dann hört man nichts mehr davon. Deswegen bleibt einiges dann leider auch nicht so hängen.“

Gerade erst veröffentlicht: die „Implant Files“.

„Weltweit leiden und sterben tausende Menschen wegen fehlerhafter oder defekter Medizinprodukte“
„Lebensgefährlich. Keinen anderen Schluss lassen die Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung zu.“

„Ein Grund für mangelnde Qualität könnte sein, dass bislang kein einziges Medizinprodukt ein behördliches Zulassungsverfahren durchlaufen muss.“

Ein Medizinskandal – breit veröffentlicht. Was kam an?

„Herzschrittmacher, die eingesetzt werden, die gar nicht technisch auf dem besten Stand sind, dass die Patienten dadurch sehr große Probleme bekommen haben.“
„Die Brustimplantate, dass sie minderwertiges Material verwendet haben, das aus Frankreich kam.“
„Die ja mehr mit Bauzement und solchen Sachen verunreinigt werden und es keine reinen Implantate sind, die dann natürlich auch krebserzeugend und so weiter sind.“

Die “Implant Files” – fast alle Befragten kannten sie. Und noch ein Thema blieb offenbar hängen:
„Football Leaks“ – seit Monaten Geschichten zu den „Dirty Deals“ im „Spiegel“. Auch der holt sich den NDR dazu. Der produziert auch einen Film im Ersten. „Von Gier, Lügen und geheimen Deals“.

„Football Leaks“, klingelt da irgendetwas?
„Ja, dass der FIFA Vorsitzende (…) ‘ne Europa-League oder Welt-League anschaffen will.”
Was war der Skandal? Erinnern Sie das noch?
„Genau inhaltlich nicht, ich weiß nur noch, irgendwelche Dokumente, von irgendwelchen Zahlungen, von Fußballvereinen etc. Das ist alles, was ich weiß.“
„Nein.“ (lacht)
Fußball-Skandal in den vergangenen Wochen…
„Tatsächlich gar kein Interesse für Fußball.“

Vor allem die Fußball-Fans erinnern sich an „Football Leaks“ – aber kennen die Geschichte nicht unbedingt aus dem „Spiegel“.

„Ich habe das im Radio gehört und dann im Fernsehen etwas dazu gesehen – und das im NDR.“ „Also mir ist es im Radio begegnet das Thema.“
„Mir auch und dann im Internet.“

Unsere Umfrage zeigen wir Tanjev Schultz – früher Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, heute Journalistik-Professor in Mainz. Die Wahl des Recherchepartners – für ihn entscheidend für den Erfolg:

„Ich glaube schon, dass gerade auch beim sehr populären Thema Fußball das viel schneller verpufft, wenn es jetzt der Spiegel und seine internationalen Partner alleine gemacht hätten plus dann vielleicht eben auch digital, ‚Spiegel Online‘. Das hätte schon eine enorme Reichweite, weil das ein sehr wichtiges Medium ist. Aber wenn dann nochmal der Rundfunk dazukommt, dann ist es wirklich sehr viel weiter in Poren der Gesellschaft hinein getröpfelt. Und das ist in der Hinsicht clever.“

Auf vielen Kanälen platziert. Das kann helfen. Aber nicht unbedingt in diesem Fall: den „CumEx Files“.

Der „Cum-Ex“ Skandal, haben Sie da was von mitbekommen?
“Mit den Panama-Papieren.”
Das war was anderes. Cum-Ex war in diesem Jahr.
“Diese doppelte Zurückzahlung der Steuern.”
Ganz richtig!
„Seit 2 Jahren beschäftigen wir uns nun schon mit diesem gigantischen Steuerraub.“

Die Täter: Banken. Die ließen sich zu Unrecht Steuern zurückerstatten. Recherchiert etwa von „Panorama“, dem Recherchebüro Correctiv und der „Zeit“. Viele aber fühlen sich nicht betroffen.

Das war ein Volumen von mehr als 50 Milliarden Euro, die sie letztendlich vom Steuerzahler geklaut haben. Das heißt, Sie sind schon betroffen, ist aber nicht hängen geblieben?
„Ist nicht hängen geblieben.”
„Große Firmen? Also Firmen vor allen Dingen? Oder nicht?“
Es sind Banken.
„Gut. Dann sind es Banken!”
„Bei Finanztransaktionen, Cum-Ex-Geschäfte, irgendwelche Manipulationen, Steueroasen – wenn es in die Details geht, wird es für die meisten Verbraucher, denke ich mal, sehr abstrakt, sehr kompliziert und auch sehr fern.“

Wesentlich konkreter: „Hannibal“. Aufgedeckt – unabhängig voneinander – von „taz“ und „Focus“. Im Mittelpunkt: eine „rechte Schattenarmee“. „Die Verschwörung“: Soldaten, Polizisten und Verfassungsschützer planen angeblich den bewaffneten Umsturz. Ein rechtsradikales Netzwerk mit Mordabsichten.

„Hannibal“. Haben Sie von der Recherche schon mal irgendwas gehört?
„Weiß ich nicht, damit habe ich keine Befassung gehabt.“

“Leider gar nichts.”
Hannibal ein Drahtzieher…
„Mhh.“
„Also ich nicht.“
„Gab ja damals nur diesen Gruselfilm…“
„…Hannibal Lecter.“
(lacht) „Aber sonst sagt mir das nichts.“

Die „Hannibal“-Story kannte keiner. Im Gegensatz zu den anderen Recherchen waren Radio und Fernsehen bei dieser Geschichte nicht dabei.

Was glauben Sie: Wenn NDR und WDR mit eingestiegen wären, wie das bei der ‚Süddeutschen‘ häufig der Fall ist, wie wäre es dann?
„Ja, da vermute ich schon, dass da dann schon in die Hauptnachrichtensendungen reingegangen wäre. Wir da mindestens bei der Hälfte wären.“

Tanjev Schultz sieht ARD und ZDF in der Verantwortung: Sie sollten nicht nur eigenen Recherchen großen Raum bieten.

„Der Rundfunk, der er nun doch auch personell noch immer vergleichsweise gut dasteht, hätte vielleicht auch die Aufgabe, selbst da, wo er nicht unmittelbar in der Recherche von Anfang an dabei war, mitzumachen später und dann noch einmal selber auch das aufzugreifen, ehrlich zu sein, zu sagen ‚ursprünglich kam die Recherche von denen und jetzt gehen wir der Sache selber nochmal nach und drehen das weiter‘.“

Auch das zeigt sich bei unserer Umfrage: Das Publikum scheint vom lauten Trommeln vieler Medien für ihre Recherchen nicht genervt. Im Gegenteil:

„Die Presse war ja in letzter Zeit auch sehr in Kritik. Und ich finde so was, wenn es ordentlich recherchiert wird, wenn solche Geschichten aufgedeckt werden, spricht es ja endlich wieder für die Medien, die ja auch einiges einstecken mussten.“

Die Recherchen werden also wertgeschätzt und bleiben oft in Erinnerung, auch wenn sich hier die wenigsten wirklich daran erinnern konnten, wer die Geschichten recherchiert hat. Letztlich profitieren die Medien insgesamt.

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

Kommentar hinterlassen zu "Große Recherche, große Vermarktung"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*