Eine Katastrophe für alle Journalisten

Der spektakuläre Fall “Claas Relotius” wird den Spiegel über Jahre beschäftigen. Wie konnte ausgerechnet das stolze Nachrichtenmagazin aus Hamburg auf einen Hochstapler reinfallen? Das habe ich aktuell u.a. WDR5 aufgearbeitet.

für WDR5

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— Manuskript des Beitrags —
Musik Image-Film

Zu seinem 70. Geburtstag hat sich der „Spiegel“ einen opulenten Image-Film geleistet. Das Magazin feierte seine stolze Vergangenheit. Seine Kraft, bei Recherche und Reportage. Und eine Besonderheit auf dem deutschen Medienmarkt.

„Sagen, was ist. Ein Augstein-Zitat, das heut noch gilt. Und damit das so bleibt, gibt es beim ‚Spiegel‘ eine ganze Abteilung: die Dokumentation. 70 Personen überprüfen Fakten, korrigieren Schreibweisen und suchen Fehler.“

Die „Dok“, wie die Dokumentation beim „Spiegel“ intern genannt wird, ist in ihrer Dimension tatsächlich einmalig – mindestens in Deutschland, vielleicht sogar weltweit. Der Leiter der Abteilung sagt im Jubiläumsfilm:

„Wir sind grundsätzlich skeptisch. Ein Kollege von mir hat mal gesagt: Der Dokumentar ist der natürliche Feind des Redakteurs.“

Nun aber steht die Arbeit der hausinternen Fakten-Checker infrage – wie die Glaubwürdigkeit des „Spiegel“ grundsätzlich: Reporter Claas Relotius hat eingeräumt, sich für seine Geschichten vieles dazu gedichtet zu haben. Er hat den Traumjob „Spiegel“-Reporter gekündigt und den Deutschen Reporterpries zurückgegeben, den er erst Anfang Dezember entgegennehmen durfte.

„Wenn man den Text liest, dann spürt man den Krieg, dann riecht man den Krieg“

, lobt Laudatorin Ines Pohl, Chefredakteurin der Deutschen Welle, stellvertretend für die Jury.

„Herzlichen Glückwunsch, Claas Relotius.“ (Applaus)

Kollegen waren in den vergangenen Wochen misstrauisch geworden, haben ihn mit dem Verdacht konfrontiert, mal für seine Reportagen Details zu erfinden, mal aber auch das Treffen mit Protagonisten. „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann berichtet: Am Ende habe sein Reporter vieles bestätigt.

„Das Ausmaß ist groß. Es sind um die 60, knapp 60 Geschichten betroffen. Das ist für den ‚Spiegel‘ eine Katastrophe“

, sagt Klusmann. Dass die eigene, große Fakten-Check-Abteilung nichts merkte, ärgert den Chefredakteur. Allerdings: Während die Dokumentare bei investigativen Geschichten Unterlagen oder Studien prüfen könnten, sammle ein Reporter vor allem eigene Eindrücke ein.

„Das heißt, es gibt eigentlich nur den einen Zeugen, den Protagonisten selber und den Reporter. Und ein Stück weit muss der Dokumentar darauf vertrauen, dass der Kollege, der Reporter ihm da keinen Mist erzählt und nicht irgendwas vormacht, nicht irgendwas erfindet.“

Aber hätten die Fakten-Checker wirklich nichts finden können oder waren sie vielleicht naiv und haben ihrem hoch dekorierten Kollegen zu sehr vertraut? Für blindes Vertrauen statt echter Kontrolle sprechen Hinweise, die dem „Spiegel“ nun vorgehalten werden: In einer Relotius- Reportage aus den USA finden sich diverse Unstimmigkeiten – die teils bei simplen Recherchen im Internet hätten auffallen können.
Chefredakteur Klusmann schweben jedenfalls Veränderungen vor. Vor allem will er die Fact-Checker nun regelmäßig „durchtauschen“:

„Die sind jetzt oft bestimmten Ressorts zugeordnet, kennen die Leute da gut. Dann kommt einfach immer wieder eine neue Art des ‚positiven Misstrauens‘ rein, weil man die Kollegen nicht so gut kennt, die die Geschichten gemacht haben. Dann fragt man vielleicht an der ein oder anderen Stelle einmal mehr nach.“

Im Haus heißt es, eine Lösung könnte auch sein, auf Reporter-Einsätzen noch häufiger auch Fotografen mitzuschicken – dann gäbe es zumindest den Beweis im Bild, dass es tatsächlich Treffen mit Protagonisten oder Reisen in abgelegene Regionen gab. Allerdings muss Steffen Klusmann nun auch seine übrigen Kollegen schützen: Es solle kein Generalverdacht gegen alle Reporter geben.

„Das ist – nach allem, was wir bisher wissen – ein genialistischer Einzeltäter, der uns da betrogen hat. Deswegen müssen wir jetzt ein bisschen aufpassen, dass wir jetzt von dem nicht ableiten auf den Rest der großen Redaktion und so tun, als würden hier nur so Leute arbeiten.“

Gleichzeitig werden sich auch andere Medien mit dieser Affäre beschäftigen müssen, denn vor dem „Spiegel“ hat Relotius für viele andere Medien geschrieben.

„Ich habe deswegen den Chefredakteuren (…) eine Mail geschickt und gesagt, sie sollten da mal genau reingucken in ihre Geschichten, ob da am Ende auch alles wirklich mit der Wahrheit zuging oder nicht. Und das wollen die jetzt auch tun.“

, sagt Steffen Klusmann. Das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ hat ebenfalls Probleme entdeckt und zwei Geschichten aus dem Netz genommen. Ebenso der Berliner „Tagesspiegel“ mit einer Reportage.
Der „Spiegel“ plant derzeit keine rechtlichen Schritte. Auch die betroffenen Geschichten nimmt die Redaktion vorerst nicht aus dem Netz. Sie tragen nun aber einen Warnhinweis – vor „weitgehenden Fälschungen und Manipulationen durch den Autor“.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

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