Was muss sich bei Journalistenpreisen tun?

Bei der Betrugsaffäre im “Spiegel” geht es vor allem um die Redaktion und ihren Redakteur. Seine vielen Journalistenpreise sind ein Nebenschauplatz, dennoch: ein paar Gedanken.

Stichwort “Preishörigkeit”: Es ist mitunter schon erstaunlich, wie viel wir in unserer Branche auf Preise und andere Auszeichnungen geben. Eine Kollegin, die es in die “Top 30 bis 30” des “medium magazins” geschafft hat (obwohl die Erwähnung in der Reihe eigentlich stellvertretend für viele gelten sollte, werden die “Top30” natürlich als direkte Auszeichnung wahrgenommen), war anschließend erleichtert: “Damit ist die Verlängerung meines Zeitvertrags gesichert. Preise sind bei uns im Haus Gold.” So kam es.

Journalistenpreise sind eine Währung – in Verlagen, meiner Erfahrung nach aber noch viel stärker in Sendern. Welchen Stellenwert Journalistenpreise haben und wie groß die Gier nach ihnen bisweilen ist, dazu zwei Beobachtungen: In diversen Redaktionen, in denen ich mit- bzw. zugearbeitet habe, wurden “Preisbeauftragte” benannt – und in vielen anderen darüber hinaus auch. Ihr Job ist es, die viel zu vielen Journalistenpreise zu sichten und zu checken, welche eigene Geschichten dort eingereicht werden könnten, damit die eigene Redaktion im Vergleich zu anderen doch endlich mal wieder einen Preis abbekommt. Vorgesetzte sehen in Journalistenpreisen so etwas wie journalistisches Benchmarking.

Vor allem jungen KollegInnen (und: Redaktionen!) helfen Preise selbstverständlich dabei, auf sich aufmerksam zu machen und die Existenz zu sichern. Ein Kollege – wir waren beide noch unter 30 – hat sich mal zwei Tage zurückgezogen. Ich erinnere: “Ich bewerbe mich jetzt auf alle Preise, die irgendwie passen, irgendwo wird’s schon klappen.” Irgendwo klappte es dann auch. Ich kann es ihm nicht verübeln, denn, wie gesagt: Redaktionen hören auf Preise, sie sichern Karrieren. Davon ab hilft dem Nachwuchs das ein oder andere Preisgeld auch dabei, als freie JournalistInnen in künftige Recherchen zu investieren – damit sie wieder einen Preis bekommen und so mehr Aufmerksamkeit usw usf.

In den vergangenen Jahren war ich Teil ein paar weniger (Vor-)Jurys bzw. bin es noch. Wie groß die Gier nach Preisen ist und wie groß auch der innerredaktionelle Druck, endlich einen zu holen, zeigt sich auch daran: Juroren werden “versorgt”. Nein, mich hat bislang kein Scheck erreicht und auch keine Rolex, aber “Argumentationshilfen”.

Es ist jedenfalls schon bemerkemswert, wer einen nach langer Zeit plötzlich anruft, freundliche Worte verliert und dann – gezielt über die eigene großartige Arbeit im abgelaufenen Jahr spricht. Dann wieder erreichen einen sogar ganze Dossiers darüber, warum diese oder jene Arbeit doch unbedingt einen Preis verdient hätte. So ein freundlicher Hinweis füllt schon mal mehrere DIN-A4-Seiten. Vielleicht lässt sich ja schon allein davon jemand beeindrucken.

Natürlich finde ich, dass auch gute journalistische Arbeiten ausgezeichnet und bisweilen auch belohnt werden sollten – mit Applaus, aber warum auch nicht mit einer kleinen Finanzspritze. Die aktuelle Situation hat mich – und einige KollegInnen, die ähnliche Gedanken haben und sich darüber austauschen – aber nachdenklich gestimmt: Welche Preise sind noch legitim? Wie viele sollten es sein? Wer sollte sie (wie oft) bekommen? Und nach welchem Prozedere?

Ich glaube eine Sache nicht: Dass es die Aufgabe von Preisjurys ist, Factchecking zu betreiben – das ist weder leistbar, noch ihre Verantwortung; es ist die Verantwortung der Medien, die die Geschichten der Öffentlichkeit präsentieren. Dennoch könnten Stichproben abschrecken, wie sie nun das Reporterforum plant – so verstehe ich zumindest Cordt Schnibben, der zum Standard für Auslandsreportagen im Reporterpreis machen will, dass Preisanwärter die Kontaktdaten ihrer Protagonisten vorlegen, wie er uns im radioeins-“Medienmagazin” erzählte.

Was ich aber glaube: Dass es sinnvoll ist, über die Vielzahl und vor allem auch über die Schlagzahl nachzudenken. Ich glaube auch, dass es der Sache guttun würde, wenn Jurys selbständig den Markt nach preiswürdigen Veröffentlichungen “sondieren” würden, statt um Einreichungen zu bitten, der wiederum manch’ AutorInnen und RedakteurInnen in einen Preisrausch versetzt und dazu verleitet, bei der Wahl der “Geschichten” (sollten wir künftig vielleicht besser Artikel, Beiträge, Filme und Stücke sagen, statt auch in unserem Vokabular dicht am Märchen zu sein?) schon eine konkrete Einreichung vor Augen zu haben.

In einem anderen Punkt bin ich zwar noch nicht gefestigt darin, wie das praktisch aussehen kann, aber ich finde: Auch das Prinzip “Wer hat, dem wird gegeben” muss hinterfragt werden. Die Möglichkeit, nach einem Preis auch andere “abzuräumen”, verleitet. Da sind auch die Jurys in der Verantwortung und haben so zugleich eine Chance: für mehr Vielfalt unter den Ausgezeichneten zu sorgen, gerade in den Spitzenkategorien. Ich bin jedenfalls gespannt darauf, ob und was sich nach diesem journalistischen Unglück strukturell verändern wird – auch bei den Journalistenpreisen.

3 Kommentare zu "Was muss sich bei Journalistenpreisen tun?"

  1. Ulrich Werner Schulze | 27. Dezember 2018 um 11:35 | Antworten

    Bei der Causa Claas Relotius werden nicht nur Methoden und Arroganz des Spiegel-Reporters deutlich. Es geht um grundsätzliche Themen des Journalismus und der Medien..
    1) Was folgte aus den früheren Fakes der sogenannten Leitmeiden?
    2) Welche Qualität und welche Freiräume,e haben die so genannten „Edelfedern“;
    3) welche Maststäbe setzen die unendliche Flut der Journalistenpreise?

    Dafür zuerst ein Blick in die Chronologie ähnlicher Ereignisse an vier Beispielen.

    Tom Kummer; der das SZ Magazin im Jahre 2000 mit gefälschten Interviews täuschte und diese Fälschung Borderline-Journalismus nannte. Und auf den fünf Jahre danach , 2005,die Berliner Zeitung wieder hereinfiel (warum eigentlich?), indem er ihr eine bereits mehrfach veröffentlichte Geschichte als neu verkauft hatte. Qualitätsjournalismus . . .
    2011 musste der Spiegel-Redakteur René Pfister den Nannen-Preis kurz nach der ehrenvollen Verleihung kleinlaut zurück geben. Ein instrumentalisierter Teil seiner Reportage über den CSU-Politiker Horst Seehofer stimmte nicht: der Autor war nie im Keller des Politikers, nie hatte er dort dessen Modell-Eisenbahn gesehen, die er genüsslich beschrieben hatte.
    Eine Geschichte, die es auch gab, blieb ohne Folgen. Heribert Prantl, Chef der Innenpolitik der SZ, jetzt Leiter dessen Meinungsressorts – soweit mir bekannt – schrieb im Jahre 2012 auf der Seite 3 eine Geschichte über Andreas Voßkuhle, den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes. Darin erscheint eine Szene aus er Küche Voßkuhles. Sie suggeriert eine authentische Szene aus der Küche. Aber Prantl war dort nicht gewesen; er musste es kurz darauf zugeben. Die SZ veröffentlichte eine korrigierende Notiz. Schwamm drüber – berühmter Kollege, kann passieren. Und S.P..O.N. – Spiegel online – sprang dem Kollegen flankierende bei mit der Bemerkung, es habe ein Halbsatz gefehlt. . . . Übrigens wurde der Autor dafür nicht sanktioniert.
    Ein weiteres Beispiel aus jüngerer Zeit: dpa Südafrika. Die Agentur verbreitete eine Geschichte über einen Taxifahrer, der Kundinnen offenbar sexuell nötigte. Fake news. Die Geschichte basierte auf Veröffentlichungen aus weit vorigen Jahren und war von einer Hospitantin auf aktuelle Zeit „gezimmert „worden. Niemand hatte Verdacht geschöpft. Die dpa zog die Geschichte zurück.

    Damit nähern wir uns dem Nukleus des Vorgangs Relotius. Es handelt sichhierbei – wie ersichtlich – nicht um einen bedauerichen „Einzelfall“, wie im öffentlichrechtlichen Rundfunk ein zum Thema befragter Kollege bemerkte.

    Das Grundproblem des Journalismus, wenigstens in Deutschland, ist , dass man sogenannten Leitmedien und „Edelfedern“ offenbar einfach alles abnimmt, oder wenigstens nicht näher überprüft und eher durchgehen lässt. Auffällig an den Beispielen ist, um welche Medien es sich handelt: Spiegel und SZ, sozusagen die FC Bayern und BVB der Journalisten-Bundesliga. Unantastbar. Und nicht nur das. An wenigstens einem Beispiel wird deutlich, dass man sich wechselseitig „hilft“.

    Der dritte Komplex´x betrifft dieFlut der Journalistenpreise. Die Szene efeiert sich selbst; die Medien inszenieren sich, statt nüchtern über andere zu berichten. Auffällig oft gewinnen „Edelfedern“ von den fälschlicherweise als Leitmedien genannten Blättern – treffender wäre die Bezeichnung Leidmedien. Geradezu grotesk arrogant ist es bei dem Deutschen Reporterpreis. Cord Schnibben, eine so genannte graue Eminenz des Spiegel, hat ihn mit anderen Kollegen unter dem Dach des Reporter-Forums e.V. initiiert. Und wie es der Zufall will, gewinnt der Spiegel-Reporter Claas Relotius binnen weniger Jahre gleich vier Mall diesen Preis. Ein Schelm, wer sich dabei etwas denkt.

    Es gibt nur zwei Folgen aus diesem neuerlichen Medien-Skandal: Schafft den Begriff Leitmedien, schafft die Bezeichnung „Edelfedern“ und schafft endlich die Inzucht der Journalistenpreise ab.

    Und dann geht wieder ans Handwerk: Demut, Respekt, Recherche, Nachricht – und dann, vielleicht, ein Kommentar. Bisher läuft es ja anders herum: Meinung first.

    Aber die meisten Leserinnen und Leser sind in der Lage, sich ihre Meinung selbst zu bilden; sie brauchen das vorgefertigte Lebensmuster der“ „Edelfedern“ in den Leidmedien nicht – auch nicht die des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
    Ulrich Werner Schulze

  2. Unser beständiges Streben nach Leistung und Anerkennung fördert Strukturen extrinsischer Motivation und Gratifikation. Es genügt nicht mehr, einen Text nach bestem Wissen und Gewissen zu schreiben, er soll auch immer etwas Besonderes sein und daher prämiert werden. Gelingt das nicht, weil das Material den eigenen oder von anderen erwarteten Ansprüchen nicht genügt oder derjenige das Handwerkszeug nicht mitbringt, wird mitunter in die Trickkiste gegriffen. Das gilt in diesem Einzelfall nicht nur für den Journalismus, sondern fand sich auch in der Politik, wie die causa Guttenberg belegt.

    Die wenigsten (intrinsisch motivierten) Journalisten werden in den Spiegel schauen und sich kritisch fragen müssen, schreibe ich, um einen Preis zu erhalten oder weil ich informieren, auf bestimmte Umstände hinweisen, zum Nachdenken oder zur gesellschaftlichen Verbesserung anregen möchte. Wenn mit Journalistenpreisen Publikationspolitik betrieben wird, was bedeutet das für heutigen Journalismus, der in ständiger Konkurrenz zu ungeprüften Behauptungen im Internet steht? Sind angenehm zu lesende, glatt gebügelte, aber teilweise faktenferne Geschichten, mit denen nebenbei riskante Propaganda gemacht wird, ein notwendiges Übel unserer Zeit? Oder beschämen und beschädigen erfundene Texte und Fakten nicht gerade das Ansehen und die Arbeit derjenigen, die sich für fundierte Recherche einsetzen und sich dafür die Zeit nehmen (dürfen)? Zumal es im Fall Relotius überwiegend um Recherchen im Ausland geht, die trotz aller Vernetzung immer noch aufwändiger und riskanter sein dürften.

    Was verleitet jemanden dazu, sich von den Grundsätzen guter journalistischer Arbeit zu entfernen? Aus der Sicht interessierter Laien steht dahinter zunächst eine tatsächliche oder empfundene Drohkulisse beim Arbeitgeber: Liefer oder geh! Unter solchen Umständen bleiben für den Reifungsprozess eines Textes immer seltener Zeit und Muße. Müsste sich nicht jeder Einzelne zusätzlich fragen: Habe ich tatsächlich etwas zu erzählen oder komme ich eigenem Geltungsdrang oder dem einer Redaktion oder Jury nach? Könnte ich dazu stehen und damit leben, wenn meine Geschichte einmal nicht das hält, was ich mir anfangs versprach, oder werde ich dann auf die Straße gesetzt?

    Gefälschte Texte spielen genau denjenigen in die Hände, die die Meinungsfreiheit in unserem Land am liebsten für immer beschnitten sehen möchten. Wofür haben sich frühere Generationen, und darunter gerade auch der Spiegel, jahrzehntelang eingesetzt, wenn diese Grundsätze jetzt mit Füßen getreten und um eines dotierten Preises willen aufs Spiel gesetzt werden? Genügt die Entlohnung in den Redaktionen nicht mehr, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten? Oder geht es bei dotierten Journalistenpreisen inzwischen nicht auch viel zu sehr um “Haste was, biste was!”?

  3. Die “Top 30 bis 30” des “medium magazins” sind unter den Verhältnissen, die bei der Kollegin herrsch(t)en, dann ja auch irgendwie eine selbsterfüllende Prophezeihung. Kommt sie nicht in die “Top 30”, läuft ihr Vertrag aus und sie kann u.U. ihr Talent gar nicht mehr zeigen und umgekehrt.

    Wobei ich mich bei diesen Vorhersagelisten aber auch frage, was man von den Kolleginnen und Kollegen noch nach einem oder drei Jahren liest, sieht oder hört? Wieviel Zufall ist in solchen Listen? Ab wievielen von 30 Talenten, die es auch bleiben, ist das “medium magazin” ein guter Prophet?

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  1. #Reoltius – aus Geschichten lernen

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