Das Urteil vor dem Urteil

Für WDR5 habe ich mit Persönlichkeitsrechtsanwalt Christian Schertz über das Risiko der Verdachtsberichterstattung gesprochen – u.a. bei Jörg Kachelmann. Schertz mahnt: Im Boulevard lohne nach wie vor der “kalkulierte Rechtsbruch”.

für WDR5

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— Manuskript des Beitrags —

Die Geschichte von Jörg Kachelmann ist Stoff auch für Politmagazine. „Panorama“ hat ihn daheim, in der Schweiz besucht.

„Dieser Mann will eine Lüge aus der Welt schaffen. Aber: Es gelingt ihm nicht. Er war mal ein bekannter ARD-Wettermoderator. Ein echter Liebling der Deutschen. Ein lustiger, unbeschwerter Typ. Dann kam er als angeblicher Vergewaltiger vor Gericht. Trotz Freispruchs ist er nicht mehr der gleiche.“

Die ARD nahm ihren Moderator und Wetterexperten vom Schirm – auch über den Freispruch hinaus. Kachelmann erzählte „Panorama“, wie hart das war.

„Dass sich niemand nur mal gemeldet hat, dass niemand nur einmal geschrieben hat nach dem Motto ‚Ja, mit so einem können wir auf keinen Fall mehr zusammenarbeiten‘. Das hat schon sehr wehgetan.“

Christian Schertz ist der Anwalt in Deutschland, wenn es um den Schutz von Persönlichkeitsrechten geht. Der Fall „Kachelmann“ zeigt für ihn, dass auch bei einem Freispruch immer etwas kleben bleibt.

„Er hat Vermögenseinbußen hinnehmen müssen und hat seinen eigentlichen Marktwert als der Wetterfachmann im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bis heute verloren. Und das sind die Folgen, die hier auch den Medien anzulasten sind. Und die ihm auch letztlich keiner wirklich ersetzen kann.“

Unter bestimmten Voraussetzungen dürfen Medien allerdings zum Instrument der sogenannten Verdachtsberichterstattung greifen – unter anderem, wenn das öffentliche Interesse besonders groß ist. Nur: Wo ist – jenseits des Klatschs – das öffentliche Interesse bei einem Moderator?

„Das müssen eben Ausnahmefälle bleiben, die insbesondere im Bereich von Wirtschaft, Politik und so weiter sicherlich gegeben sind. Aber nur, weil jemand prominent ist, ihn bei einem bloßen Vorwurf eines Delikts in die Öffentlichkeit zu zerren, halte ich für höchst bedenklich, weil er diese Folgen nie wieder los wird.“

, mahnt Medienanwalt Schertz. Er vermutet aber bei den Medien, getrieben von Quoten und Auflagen, den kalkulierten Rechtsbruch.

„Im Zweifel verdienen die Boulevard-Medien mehr Geld damit, wenn sie den Rechtsbruch praktisch einkalkulieren, und im Verhältnis zu dem, was sie später an Schmerzensgeldern zahlen müssen. In Deutschland sind die Geldentschädigungssummen für Betroffene von Medienberichterstattung immer noch so niedrig, dass sich eigentlich jeder Rechtsbruch bei den Boulevard-Medien rechnet. Also auch der im Fall Kachelmann.“

Für Medien ist die Verdachtsberichterstattung aber mitunter auch ein wichtiges Instrument. Etwa bei investigativen Berichten. Der einstige „Spiegel“-Chefredakteur Georg Mascolo, der heute für den WDR, den NDR und die „Süddeutsche Zeitung“ recherchiert, verteidigt dieses Instrument etwa auf Fachtagungen – einerseits, denn andererseits fragt er sich auch:

„Sind diejenigen, die diese außerordentlich verantwortungsvolle Aufgabe ausüben, sind die darauf eigentlich gut genug vorbereitet? Ich fürchte, dass die Antwort darauf manchmal ja, aber immer häufiger auch nein ist.“

Mascolos Befund: Redaktionen bespielen zwar häufig immer mehr Kanäle, nehmen sich dabei aber immer weniger Zeit, bei ihrer Berichterstattung abzuwägen. Überforderung statt Gründlichkeit.

„Und wenn wir wissen, dass unsere Arbeit sich geradezu zwingend von dem unterscheiden muss von alldem, was wir da draußen irgendwie zu häufig inzwischen erleben – Vorverurteilung, Hass, Häme – dann kann ich immer nur dafür plädieren, dann muss sie in den höchsten journalistischen Maßstäben und Standards genügen und dann müssen diejenigen, die in Redaktionen Verantwortung tragen, auch für die notwendigen Voraussetzungen sorgen.“

Mascolo mahnt eine bessere Ausbildung an – damit Journalisten bewusst ist, wann eine Verdachtsberichterstattung angebracht ist und wann sie besser abwarten. Medienanwalt Christian Schertz sieht dieses Defizit bei der Ausbildung ebenso – aber auch unter Juristen. Immerhin war es die Staatsanwaltschaft, die im Fall Kachelmann gegenüber Medien früh von Ermittlungen gegen einen Moderator sprach.

„Ich halte inzwischen sehr viele Vorträge an Richterakademien, um auch die Justiz zu sensibilisieren: Geht vorsichtig mit euren Schutzbefohlenen um, für die ihr gerade in dem Moment – auch von Festnahmen – eine Fürsorgepflicht habt. Und natürlich gilt das auch für den Journalismus. Man muss den jungen Kollegen und Journalisten natürlich deutlich machen und sie sensibilisieren: Sie haben die Macht, mit einer Geschichte über das Schicksal einer anderen Person zu entscheiden.“

Und nicht alle seien so stabil wie Kachelmann. Der hat sich dafür entschieden, zu kämpfen – juristisch erfolgreich gegen die Frau, die ihn vor Gericht brachte, gegen Medien, die ihn vorverurteilt haben und für eine neue Existenz. Mit „Kachelmannwetter“ hat er eine neue Firma. Bei „T-Online“ berichtet er wieder. Und zumindest der MDR nimmt ihn nun auch wieder auf den Schirm. Jörg Kachelmann hat es geschafft.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

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