Whistleblower im Rampenlicht

Nach dem Zugriff auf Rui Pinto: Wie sind “Spiegel” und NDR mit dem Mann hinter #FootballLeak umgegangen?

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —

Das ist er: Der Mann hinter Football Leaks. Rui Pinto. Ein 30-jähriger Portugiese. Er nannte sich „John“. Drei Jahre lang versorgte er Journalisten mit geheimen Dokumenten aus dem Innern des Fußballgeschäfts.
„Wenn ich Daten von einem bestimmten Club habe, warum sollte ich das nicht mit den Medien teilen? Ich habe alles geteilt, was ich hatte.“
Mitte Januar der Zugriff in Budapest: Pinto wird verhaftet, auf Geheiß der portugiesischen Staatsanwaltschaft. In Ungarn steht er unter Hausarrest und tritt jetzt offen als Whistleblower auf. Mit dieser Strategie will er die drohende Auslieferung und einen Prozess in seiner Heimat abwehren.
„Also, ich denke, Portugal will mich einfach zum Schweigen bringen und das, was in meinem Laptop ist, zum Schweigen zu bringen. Sie haben Angst.“
Die Frage jetzt: Was ist Rui Pinto – Whistleblower oder Hacker?
Pinto bestätigt selbst: Er hat eine Sportrechteagentur mit ihren eigenen Daten erpresst. Auch deshalb wurde er mit europäischem Haftbefehlt gesucht. Er spricht von einem Test.
„Ich wollte wissen, wie wertvoll die Dokumente für sie sind. Ich wollte wissen, wie weit sie bereit sind zu gehen.“
„Der Spiegel“ hatte drei Jahre exklusiven Zugang zu John, also Pinto. Rafael Buschmann hat ihn als einziger getroffen. Wie seine Quelle an die Dokumente kam, hat aber auch er nicht wirklich erfahren.
„Er hat das vermieden. Also er hat bis heute seinen sehr klaren Standardsatz, dass er sagt ‚Ich bin kein Hacker, wir arbeiten nicht mit Hackern zusammen‘. Und dass er auch an der Stelle sagt ‚Wir haben Quellen und manche der Quellen wissen nicht, dass sie unsere Quellen sind‘. Das ist ein Satz, der, finde ich, mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt, aber es ist ein Satz, den er sagt.“
Was ist dran an den Vorwürfen gegen Pinto? Und sollten sie zutreffen: Kann er dann eine Quelle sein? Im „Spiegel“ dazu: lange Debatten.
„Wir kommen hier zum Ergebnis, dass wir trennen müssen zwischen einem Informanten und einer Information. Das heißt, die Motivation des Informanten, warum er bestimmte Dinge tut, seine Sozialisation, seine Biographie, sind eigentlich nicht entscheidend für die Dokumente, die am Ende vorliegen und an denen wir recherchieren können.“
„Ein Whistleblower kann möglicherweise auch ein Hacker sein. Für uns besteht dann eben immer nur die Hürde, dass das Material von hohem öffentlichen Interesse sein muss, dass es authentisch sein muss, dass es vor allen Dingen belastbar sein muss.“
Im vergangenen Herbst rückt das portugiesische Magazin „Sábado“ Pinto in die Nähe zur Cyberkriminalität. Berichtet über „Den Piraten, der die Geheimnisse von Benfica Lissabon gestohlen“ haben soll.
Es ist die Zeit vor der letzten großen Veröffentlichung von „Football Leaks“, an denen der „Spiegel“ auch Journalisten vom NDR und anderen europäischen Medien beteiligt. Doch ihren Partnern verraten die „Spiegel“- Rechercheure damals nicht, dass dieser Pinto ihre Quelle ist.
„Vor allen Dingen die portugiesischen Kollegen waren natürlich in der Situation, dass sie zu unserem Netzwerk gehören, aber auf der anderen Seite dann in Portugal der Publikationsdruck enorm hoch war, weil ‚Sábado‘ sich sehr lange an den Ermittlungsakten der portugiesischen Behörden entlang gehangelt hat. Und wir haben aber natürlich, wir haben gesagt, wir geben die Quelle nicht preis. Das ist eine Situation gewesen, die so ein bisschen kippelig war. Aber sie hat gehalten.“
Der NDR produziert fürs Erste eine Dokumentation über „Football Leaks“. Darin: kein Hinweis darauf, dass die Quelle womöglich kriminell ist. „John“ und der Kontakt zu ihm werden stattdessen geheimnisvoll inszeniert.
„Der Journalist ist vorsichtig. Er erzählt, dass Fußballclubs schon Privatdetektive angesetzt haben. Viel ist über John nicht bekannt. Er soll Portugiese sein und den Fußball über alles lieben.“
Sven Lohmann hat im NDR die „Football Leaks“-Recherchen betreut. Er und sein Team waren in einem Dilemma: Es gab Gerüchte über die Quelle. Aber keine Klarheit darüber, wer „John“ wirklich war.
„Wir sind da an einen sehr schwierigen Punkt gekommen, weil wir auf der einen Seite transparent mit der Quelle umgehen wollten, aber auf der anderen Seite hier einen Vorwurf hatten, den wir nicht nachvollziehen konnten. Wir konnten ihn nicht nachrecherchieren. Und das war eine Abwägungssache.“
Der NDR macht weiter. Versucht sich – über den „Spiegel“-Kollegen – irgendwie der Quelle zu nähern.
„Buschmann konnte von John noch keine Bilder drehen. Es ist nicht klar, ob er es überhaupt zulassen wird. Aber der NDR kann das erste Mal Kontakt zu John aufnehmen.“

Rafael: Woher kommen Deine Daten?
John: Seit 2015 haben wir tausende Gigabyte an Daten aus verschiedenen Quellen bekommen. Wir wissen nichts über die genaue Herkunft der Informationen. Aber eines kann ich garantieren: Wir sind keine Hacker.“

Damals bleibt diese Aussage so stehen. Die Zweifel daran: für den NDR nicht belegt. Und heute – wo „Johns“ Identität klar ist?
Wäre das vor Veröffentlichung des Films schon klar gewesen, hätte es diesen Film gegeben im Programm?
„Ja. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil die Dokumente, die am Ende in den Film gekommen sind, die Sachverhalte, sind Sachverhalte nach meiner persönlichen Auffassung, die ein hohes öffentliches Interesse haben und eine hohe öffentliche Relevanz haben. Und es ist ja auch Teil des journalistischen Prinzips und auch des Presserechts, dass man Dokumente verwenden kann, auch wenn sie auf einem Wege vielleicht beschafft worden sind, ganz allgemein besprochen, die diskutabel sind.“

Für die Journalisten war Pinto alias „John“ zweifellos eine brisante Quelle. Hacker oder Whistleblower? Darüber muss jetzt ein ungarisches Gericht entscheiden.

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

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