Schluss mit dem Wettrüsten der PR!

Immer mehr Organisationen und Unternehmen leisten sich eigene Newsrooms. Warum das legitim, aber auch gefährlich ist, mahne ich in meinem Standpunkt für Deutschlandfunk Kultur.

für Deutschlandfunk Kultur

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— Manuskript des Beitrags —

Jetzt also auch die SPD. „So happy“, twitterte Katarina Barley und begrüßte eine neue Mitarbeiterin im Willy-Brandt-Haus: Eine frühere Journalistin von „Spiegel Online“ werde „den SPD-Newsroom übernehmen“. Wer durch die Branchenmagazine blättert, stellt fest: In der PR-Szene ist ein regelrechtes Newsroom-Fieber ausgebrochen. Die Lufthansa wird als Musterbeispiel gehandelt. Aber auch Pharma- und Chemiekonzerne betreiben Newsrooms. Auch andere Parteien.

Zu alledem kommt das Corporate Publishing: vermeintlich journalistische Portale und Magazine, dazu Info-Häppchen für Facebook und Co. – Grafiken, kleine Videos, ganze Dokus, neuerdings auch Podcasts. Vieles davon ist eher plump und der Absender der Botschaft sofort klar. Gerade Konzerne produzieren aber auch Aufwändiges.

Besonders große Energie wendet etwa der Brausehersteller Red Bull auf: Der österreichische Konzern betreibt ein eigenes Medienunternehmen, das tatsächlich Magazine an Kioske bringt und zudem weltweit Fernsehsender mit Dokumentationen beliefert. Mit Servus TV betreibt die Red-Bull-Tochter sogar ihren eigenen Fernsehkanal.

Das Kalkül dahinter: Berichterstattung über Sport, vor allem Extremsport generieren und so die Lust dafür wecken, denn genau in diesem Umfeld – bei den Mutigen – platziert Red Bull seine Brause – die dem Werbespruch zufolge schließlich „Flügel verleiht“.

Die Gefahren des Extremsports spielen in den Red-Bull-eigenen Medien kaum eine Rolle: Spaßbremsen, das sind die anderen, die echten Journalisten. Der kritische Blick auf die eigene Sache ist weder bei Corporate Publishing gefragt, noch in den Newsrooms der Konzerne, Parteien und Behörden. In beides pumpen Politik und Industrie aber zunehmend Geld.

Das ist perfide, denn: Der Journalismus steckt gleichzeitig tief in der Krise. Die Redaktionen vieler Zeitungen und Zeitschriften schrumpfen. Auch in Sendern bleibt für Recherche oft immer weniger Zeit: Dieselben Journalisten sollen immer mehr Kanäle bespielen. Stichwort: Synergie. Das alles führt zu einer Schieflage. Während Medien kränkeln, rüstet die PR auf – und bespielt ihre eigenen Medien.

Dass ein Newsroom eigentlich die Wirkungsstätte der Journalisten bezeichnet und nicht die Maschinenräume der PR: geschenkt! Dass die PR sich weiterentwickelt und aus verstaubten Apparaten „Ämter 2.0“ werden mit eigenen Social-Media-Teams: bitte! Die wahre Gefahr liegt ohnehin hinter der Wortklauberei und so manchem Neid über die neuen Kräfteverhältnisse.

Das Problem ist der Faktor Zeit: Ein hochgerüsteter PR-Apparat sucht Beschäftigung. Auch die PR-Newsrooms wollen an Abgeordnete, Minister und Konzernlenker heran. Und das können sie auch, denn: Es sind ja ihre Protagonisten. Sie haben exklusive Zugänge.

Alarmierend war jüngst eine Meldung des ARD-Hauptstadtstudios: Wollen Reporter Interviews führen, müssen sie neuerdings warten, bis Minister ihre Instagram-Kanäle bespielt haben. Erst die loyalen Hausreporter, dann – wenn überhaupt noch Zeit ist – kritische, echte Journalisten. Das ist der Knackpunkt dieser Debatte.

Und genau hier ist Alarmismus angesagt, wenn sich zwischen PR und Journalismus die Kräfteverhältnisse verschieben und sich die Politik von Konzernen abschaut, wie es geht. Dann sollte das Wettrüsten der PR sein Ende finden. Sonst leidet die aufgeklärte Demokratie.

>> Download MP3 (Quelle: Dlf Kultur-“Politisches Feuilleton”)

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