Eine für alle

Die Nachrichtenagentur dpa wird 70. Warum zunehmend PR-Dienste das Kerngeschäft subventionieren müssen, habe ich im ARD-Hörfunk erklärt – u.a. auf WDR5.

für WDR5

— Manuskript des Beitrags —

Wenn auf der Welt etwas passiert, das sehr, sehr wichtig ist, dann senden Nachrichtenagenturen eine sogenannte „Blitz“-Meldung. Bei der Feierstunde zum 70. der dpa gab‘s eine Auswahl dieser Raritäten.

„19.3.1951 – der erste dpa-‚Blitz‘ überhaupt: Montanvertrag paraphiert. 19.10.1951: Truman unterzeichnet Entschließung zur Kriegsbeendigung mit Deutschland. 4.7.1954: Deutschland Fußball-Weltmeister durch 3:2. Sieg über Ungarn.“

Im Zeitalter der Fernschreiber löste der „Blitz“ in den Redaktionen einen Alarm aus: Journalisten sollten sofort auf die Meldung schauen. Auf dem Festakt mahnt der Bundespräsident: Gerade im digitalen Zeitalter werde dpa nun mehr denn je gebraucht – und: ihre Objektivität.

„Unbehindert natürlich durch Zensur oder staatliche Reglementierung, aber auch mit Blick aufs Heute: Unbehindert mit Blick auf absichtsvolle Manipulation“

, so Frank-Walter Steinmeier. Er erinnert auch an die enorme Verantwortung der dpa, die praktisch alle Nachrichtenredaktionen in Deutschland beliefert – bei Zeitungen, Fernseh- und Radiosendern und Onlineportalen:

„Fakten sind Fakten, wenn sie von dpa gemeldet werden. Und sind sie es einmal nicht, dann werden sie – auch das habe ich erlebt – umgehend korrigiert. Dieses Vertrauen, meine Damen und Herren, das haben Sie sich durch Ihre Arbeit erworben.“

Für dpa arbeiten inzwischen etwa 1.000 Journalisten. Die meisten sitzen verstreut auf Korrespondentenbüros in Deutschland und der Welt. Allein 270 Schreibtische stehen jedoch in einem riesigen „Newsroom“ in Berlin.

Atmo: Newsroom dpa

Auf dieser Fläche – 150 Meter lang – wird die Berichterstattung koordiniert. Tempo ist dabei eine wichtige Größe. Gerade die Vernetzung birgt für die Agenturjournalisten aber auch Risiken: Im Internet kann jeder Fälschungen verbreiten. Dass dabei auch gezielt Nachrichtenagenturen adressiert werden, hat dpa vor zehn Jahren erlebt.

Auszug „Bluewater“-Fake: Nachrichtensprecherin

Über das Netz – flankiert von Anrufen – erreichten dpa Bilder eines vermeintlichen Nachrichtesenders aus den USA. dpa meldete einen Terroranschlag – den es nie gab. Angerufen hatten Schauspieler. Sie haben Internetseiten und Videos gefälscht. Sven Gösmann, seit fünf Jahren der Chefredakteur der dpa:

„Ich war noch nicht bei dpa. Ich habe es nur so erzählt bekommen, dass es der Weckruf war, der vielleicht auch nötig war, weil man natürlich häufig zu sehr vertraut hat.“

Heute beschäftigt Gösmann ein ganzes Verifikationsteam. Es checkt das Material, das die Agentur etwa über soziale Netzwerke erreicht. dpa – früher nur Lieferant von Informationen – ist neuerdings auch mit den Redaktionen in Verlagen und Sendern vernetzt: In einem Chatsystem tauschen sich Redakteure über fragwürdiges Material aus.

Doch die nächste Prüfung steht schon bevor: sogenannte Deepfakes. Fälscher legen Politikern oder Konzernchefs Worte in den Mund. Moderne Technik baut Stimmen und die Gesichtszüge fast perfekt nach.

„Wir müssen uns alle davor fürchten. Wir als Nachrichtenmacher beziehungsweise Nachrichtenübermittler, aber auch die Empfänger solcher vermeintlichen Nachrichten, weil da ist der Manipulation natürlich Tür und Tor geöffnet.“

Zusammen mit Forschern etwa des Fraunhofer Instituts arbeitet dpa an der nötigen Technik, um Deepfakes zu erkennen. Vermutlich braucht der Chefredakteur aufwändige Software und auch weitere Faktenchecker.

„Das alles kostet. Journalismus ist nie umsonst.“

Die Digitalisierung fordert dpa auch wirtschaftlich. Nach dem Krieg wurde die Agentur als Genossenschaft gegründet: Sie gehört fast 200 Rundfunkanstalten und Zeitungen – und damit letztlich den Medien. Peter Kropsch, der Geschäftsführer der dpa, sagt, diese Konstruktion schaffe letztlich Unabhängigkeit: Niemand könne durchregieren.

Das Problem: Die wichtigsten Kunden sind nach wie vor die Zeitungen. Sie zahlen nach Auflage. Die geht jedoch seit Jahren zurück. Das, sagt Kropsch, schlage auch auf dpa durch…

„…, sodass wir in unseren Kernbereichen wie auf einer schiefen Ebene weniger Umsatz machen. Das kommt aus dem Entgeltmodell heraus. Deswegen ist es so wichtig, in anderen Bereichen zu wachsen.“

dpa verdient immer mehr Geld mit Ablegern: Dienstleister, die PR-Meldungen verbreiten. Sie subventionieren zunehmend das eigentliche Geschäft, den Nachrichtenjournalismus. Außerdem kommt aus dem Silicon Valley erstes Geld: Facebook kauft Faktenchecks. So hilft dpa auch der Kampf gegen Desinformation und Deepfakes beim Überleben.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

Kommentar hinterlassen zu "Eine für alle"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*