70 Jahre Deutsche Presse-Agentur

Die dpa liefert seit 70 Jahren das Grundrauschen für deutsche Medien. Für WDR3 habe ich beschrieben, warum die Agentur unter Druck steht – journalistisch und finanziell.

für WDR3

— Manuskript des Beitrags —
Das Tempo, mit dem Journalisten Neuigkeiten verbreiten, ist im Nachrichtengeschäft entscheidend. Dieser Druck begleitet schon immer auch die Deutsche Presseagentur. Ihr wichtigstes Hilfsmittel ist die Computertechnik. dpa setzt sie schon Anfang der Achtziger Jahre ein. Damals feiern die Journalisten die neue Technik in einem Imagefilm:

„Die Möglichkeiten, die die moderne Elektronik bietet sind verblüffend: Verbessern und löschen ohne radieren. Ganze Sätze und komplette Absätze auf Knopfdruck umstellen. Artikel ändern in Sekundenschnelle. Am nächsten Morgen steht’s in der Zeitung.“

Die dpa hat über Jahrzehnte ihre Logistik optimiert. Die Fotoredaktion saß lange am Frankfurter Hauptbahnhof, denn: Abends brachte die Bahn Abzüge tagesaktueller Fotos sternförmig zu den Verlagen. Seit es das Internet gibt, ist vieles einfacher. Doch spätestens mit sozialen Netzwerken ist auch der Druck für die Journalisten größer geworden.

„Es geht immer um Tempo, weil wir müssen schnell sein, weil die Fragen von unseren Kunden natürlich kommen“

, sagt Sven Gösmann, der Chefredakteur der dpa. Seine Kunden, das sind die Redaktionen in Zeitungen, Sendern und Onlinediensten, die dpa-Meldungen beziehen. Sie bekommen heute praktisch in Echtzeit mit, was auf der Welt – angeblich – passiert.

„Die haben auch Ihr Tweetdeck offen und sagen ‚Der hat das getwittert. Wir hören das. Da soll es eine Bombenexplosion gegeben haben.‘ Nur: Wir haben natürlich ein weltweites Netzwerk von Kollegen, die sagen können ‚Okay, ich gucke mal in Neu-Delhi, wie es denn wirklich ist, ob es da wirklich eine Bombe gibt‘, ‚Ich kenne den Flughafen in Nowosibirsk‘. Und das hilft uns natürlich gerade bei der Beurteilung weltweiter Nachrichten.“

Für dpa arbeiten weltweit inzwischen etwa 1.000 Journalisten. Das Tempo ist wichtig, vielleicht noch wichtiger denn je, sagt Gösmann, sei aber der Wahrheitsgehalt der Informationen. Das Stichwort: Fakenews.

Besonders schmerzliche Erfahrungen machte dpa damit vor zehn Jahren. Schauspieler inszenierten einen Terroranschlag. Einer rief bei dpa an, gab sich als Praktikant eines Nachrichtensenders aus und wies auf – letztlich gefälschte – Nachrichtenclips im Internet hin.

„Less than an hour ago a suicide-attack, we believe, took place in Bluewater, California.“

Andere fälschten Internetseiten. Als die dpa-Redakteure – eigentlich vorbildlich – nach den Nummern der Polizei und Feuerwehr googelten und anriefen, hatten sie die nächsten Schauspieler dran: Muttersprachler gaben sich vor Sirenengeheul aus Lautsprechern als Rettungskräfte aus.

“A suicide-attack, more information I cannot give you at this time.“

2009 war Sven Gösmann noch Chefredakteur der “Rheinischen Post”.

„Ich war noch nicht bei dpa. Ich hab’s nur so erzählt bekommen, dass es der Weckruf war, weil man natürlich häufig auch zu sehr vertraut hat.“

Damit dpa heute nicht mehr blind heißem Material vertraut und sich wie damals für Falschmeldungen schämen muss, hat Gösmann ein ganzes Verifikationsteam angestellt. Das checkt Material, das dpa übers Netz erreicht. Neuerdings geht es auch um sogenannte Deepfakes: Videos, in denen Politiker oder Konzernchefs etwas sagen, was sie nie gesagt haben – perfekt gefälscht mit Stimmproben und künstlicher Intelligenz.

„Wir müssen uns alle davor fürchten. Wir als Nachrichtenmacher beziehungsweise Nachrichtenübermittler, aber auch die Empfänger solcher vermeintlichen Nachrichten, weil da ist dann natürlich Manipulation Tür und Tor geöffnet“

, mahnt Chefredakteur Gösmann. Sein Problem: Bei den Hauptkunden der dpa, den Zeitungen, schmelzen die Auflagen. Und weil Zeitungen für dpa je nach Auflage zahlen, kommt immer weniger rein. Die dpa kann das noch ausgleichen, indem sie anders Geld verdient. Ein Ableger verteilt etwa Pressemitteilungen an Redaktionen. Die Zukunft der dpa ist aber ungewiss. Unterstützung kommt vom höchsten Mann im Staate.

„Fakten sind Fakten, wenn sie von dpa gemeldet werden. Und sind sie es einmal nicht, dann werden sie – auch das habe ich erlebt – umgehend korrigiert“

, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf einem Festakt zum 70. der Agentur Anfang Juli. Er sprach vor allem vor Verlegern.

„Ihnen will ich raten: Investieren Sie in einen Journalismus der informiert und aufklärt. Erhalten Sie die Ressourcen der dpa – auch und vor allem die personellen Ressourcen.“

Dass der Bundespräsident so deutlich für die dpa wirbt – auch das ist ein Zeichen dafür, wie stark die Agentur tatsächlich unter Druck steht – und das eben nicht nur journalistisch, sondern zunehmend auch finanziell. Es geht ums Ganze.

(Quelle: WDR3-“Kultur am Mittag”)

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