Journalisten als Aktivisten?

Welche Aufgabe haben Journalisten beim Klimawandel? Eine Diskussion darüber habe ich u.a. für WDR5 zusammengefasst.

für WDR5

— Manuskript des Beitrags —
Für Kai Schächtele, selbst jahrelang freier Autor für Magazine, ist die Sache klar: Der Klimawandel sei da, die Uhr ticke – da müssten Journalisten die Menschen mit ihrer Berichterstattung aktivieren.

„Bei der größten Aufgabe, die die Menschheit in ihrer Geschichte jemals vor der Brust hatte, haben auch Journalisten und Journalistinnen die Verantwortung, das Thema so aufzunehmen und auch im Hauptabendprogramm an prominenten Stellen auszustellen, dass Leute auf eine neue Weise mit dieser Krise in Berührung kommen.“

Er selbst organisiert dafür sogar Klima-Shows, informiert Menschen in Veranstaltungshallten. Das sei Aktivismus mit journalistischen Mitteln.

Jan Fleischhauer – zuletzt Kolumnist des „Spiegel“, seit diesem Sommer beim „Focus“ – sind Journalisten viel zu oft Aktivisten. Der Protestbewegung stünden sie unkritisch gegenüber. Es fehle: Distanz.

„Wenn Greta Thunberg ein Segelschiff besteigt, dann wird ja mittlerweile jeder Meter, den sie zurücklegt, berichtet und das eben ja auch nicht mit einer gewissen augenzwinkernden Distanz, sondern so, als ob sich eben eine Heilsbringerin jetzt aufmacht nach Amerika. Das ist mir ‚too much‘.“

Weil bei der Diskussion in der Hamburg Media School vor allem angehende Journalistinnen und Journalisten zuhören, mahnt Fleischhauer: Medien müssten auch „gute“ Bewegungen hinterfragen – wie die Jugenddemonstrationen von Fridays for Future.

„Spätestens dann, wenn sie auch ernst genommen werden wollen mit ihren politischen Forderungen, muss ich mir doch die politischen Forderungen auch mal angucken und erstens beurteilen, macht das Sinn, ist das vertretbar und vereinbar mit den Erfordernissen einer Volkswirtschaft wie der deutschen, wenn wir zum Beispiel über Nacht alle Kohlekraftwerke abschalten würden und anderes mehr. Und diese Fragen werden nach meinem Gefühl kaum gestellt, sondern man steht vor diesen jungen Menschen und ist auch ganz ergriffen und fasst sich gemeinsam an den Händen und sagt ‚Hoffentlich erleben wir noch einen besseren Tag‘.“

Arnaud Boehmann ist einer der Sprecher von Fridays for Future. Unkritisch begleitet fühlt er sich keineswegs.

„Es gibt diverse Medien – spontan würde mir die ‚Welt‘ einfallen, die ganz massiv und nach ihren besten Möglichkeiten gegen uns schießt – da keines Wegs. Wir kriegen durchaus Gegenwind. Wir kriegen Kritik über diverse Kanäle. Es ist Kritik teilweise an unseren Aktionsformen. Ob das jetzt Greta Thurnberg auf dem Atlantik ist, das war jetzt das letzte große Aufregerthema. Da haben wir letztlich einen Prozess, der uns ganz klar zeigt: Wir sind nicht überall akzeptiert. Und wir werden auch kritisiert, was ja auch gut ist. Also Kritik ist letztlich gut“

Fridays-for-Future-Sprecher Boehmann wünscht sich aber, dass Medien sich weniger an der Protestform abarbeiteten, als an den Inhalten seiner Bewegung. Und: Sie sollten kontinuierlich berichten, nah an den Leuten.

„Wenn man dann sagen würde, vielleicht nach den Lotto-Zahlen ist am Ende der ‚Tagesschau‘ ‚Deine fünf Klimatipps für heute‘ oder ‚Aktuelle Lage Emissionsberichte XY, ein Mal die Zusammenfassung des Tages‘ – fänd‘ ich wunderbar.“

Aber fehlt tatsächlich eine kontinuierliche Berichterstattung? Diese Frage stellt sich auch Journalistin Astrid Frohloff, die einst das ARD-Magazin „Kontraste“ moderiert hat und Vorstand war von Reporter ohne Grenzen.

„Ich persönlich glaube, dass es selten ein Ereignis gab in Deutschland, über das mit so viel Empathie und so viel Begeisterung berichtet wurde in Deutschland wie über die Fridays-for-Future-Demos und Greta Thurnberg. Und das war für mich eigentlich ein Indiz dafür, es braucht keine separaten Gefäße, um über dieses Thema ‚Klimawandel‘ zu berichten.“

Gleichwohl: Auch Frohloff wünscht sich eine stärkere Differenzierung.

„Eine sehr viel sachlichere und seriösere Auseinandersetzung auch mit Gegenargumenten aus der Wirtschaft, aus der Politik, die das Machbare betreffen. Und ich hätte mir mehr Hintergrund gewünscht in der Berichterstattung über mögliche Motive, ein Mädchen nach vorne zu heben und als eine PR-Figur möglicherweise nach vorne zu schieben, um eigene Interessen zu featuren. Dieses Gerücht gibt es ja. Das hätte ich gerne in großer Breite mal berichtet gesehen.“

Allerdings wandelt sich die Berichterstattung auch – ein Jahr nach „Greta“: Nach so manchem Hype folgt immer mehr ernsthafte, auch aufwändige Analyse. So plant das ZDF etwa Mitte September über diverse Formate wie „Frontal21“ und Dokumentationen hinweg einen Schwerpunkt. Das vor allem stiftungsfinanzierte Recherchebüro Correctiv hat gerade sogar eine ständige Fachredaktion zum Klimawandel gegründet. Sie soll den Klimawandel mindestens anderthalb Jahre konsequent begleiten – möglichst journalistisch.

>> Download (MP3) (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

Teaserbild: “Fridays for Future 25.01.2018 Berlin” by fridaysforfuture is licensed under CC BY 2.0

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