Chaotische Öffentlichkeitsarbeit

Für ZAPP habe ich mir den affärenbelasteten Start der neuen “Berliner Zeitung”-Verleger angesehen.

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —
„Ja, das ist die Akte…“
Besuch bei der „Welt am Sonntag“. Christian Meier und Uwe Müller durchleuchten die Vergangenheit des neuen Medienbesitzers Holger Friedrich. Die Anfrage bei der Stasi-Unterlagenbehörde: ein Treffer.
„Ich hätte da niemals mit gerechnet. Das war eine Anfrage, die man stellt im Rahmen einer Recherche. Ich hätte aber nicht gedacht, dass sich jemand einen Verlag kauft und dann, wenn er seine Motive erklärt, gerade bei einem Berliner Verlag, das nicht auch thematisiert, nach vorne heraus zu sagen, ich habe auch eine Vergangenheit.“
Etwa 80 Seiten aus der Akte von Holger Friedrich hat die Behörde freigegeben. Er verpflichtet sich, zu spitzeln. Als Wehrpflichtiger soll er „Hinweise zu Fahnenfluchten, politische Untergrundtätigkeit und Kirchentätigkeit“ liefern. Und Friedrich liefert: Der Bruder eines Soldaten habe „Ausreisegedanken Richtung BRD“.
Oder auch vom Treffen mit einem Kohl-„Heizer“:
„Dass dieser gesagt habe: ‚Das mit dieser Rohbraunkohle halt ich für eine Schweinerei für die Umwelt. (…) Und dann sagt dieser Heizer da noch: diese Dienststelle hier Ziegendorf ist ein einziger Saustall!‘“
Die Konsequenz:
„Dann interessiert sich jetzt auf einmal die Stasi dafür, ist dieser Mann etwa ein Umweltaktivist – da müssen wir doch jetzt mal gucken.“
Auf ihre Anfrage dazu antwortet Holger Friedrich in der eigenen Zeitung. Er spricht von einer „Notsituation“ – sei erpresst worden: Knast wegen des Verdachts der Fahnenflucht oder Konspiration. Er habe „unter Zwang“ zugestimmt. Tatsächlich halten auch seine Führungsoffiziere fest, er sei „auf der Grundlage der Wiedergutmachung seiner strafbaren Handlungen kontaktiert“ worden. Und: Am Ende habe seine „Ablehnung der Zusammenarbeit“ gestanden. Wie es dazu kam? Der bekannte Teil der Akte lässt es offen.
„Genau aus diesem Grunde hätten wir natürlich auch sehr, sehr gerne mit Herrn Friedrich gesprochen und wir haben ja ausführliche Fragen an ihn geschickt. Und er hat es dann ja vorgezogen, diese Fragen schriftlich zu beantworten und auf der Seite der ‚Berliner Zeitung‘ zu veröffentlichen, statt die an uns zu schicken.“
„Und ich finde, damit hat er seine Redaktion zur Geisel seiner eigenen Geschichte gemacht. Er hat sie da mit reingezogen. Es ist aber eine Geschichte von ihm. Die liegt lange, bevor er Verleger geworden ist.“

Und es ist nicht das einzige Mal, dass die Verleger die Zeitung zu ihrer Plattform machen. Zum Mauerfall präsentieren sie ihre „Berliner Botschaft“ – und irritieren zu Egon Krenz mit der Frage, ob es „groß war, ihn neben anderen zu viereinhalb Jahren Haft zu verurteilen“.
Dazu auf dem Titel: eine „Ostdeutsche Erfolgsstory in der Medizin“. Über ein Biotech-Unternehmen, an dem der Verleger Aktien hält und im Aufsichtsrat sitzt. Dazu: kein Wort.
Brigitte Fehrle war selbst Chefredakteurin der „Berliner Zeitung“. Zuletzt hat sie beim „Spiegel“ die Aufklärungskommission um den Fall Relotius geleitet. Sie kennt sich aus mit Kommunikation „In eigener Sache“.
„Man muss die Hoheit über die Abläufe haben und man muss die Deutungshoheit über die Inhalte haben. Und beides ist hier an allen Punkten schiefgegangen. Also, die Stasi-Geschichte wurde von der “Welt” enthüllt und damit auch getrieben. Die Geschichte über die Firma wurde vom “Spiegel” enthüllt und daher getrieben. (…) Also in jedem Punkt war die Redaktion immer nur die reaktive, der reaktive Part und konnte an keinem Punkt aktiv handeln und offenen Visiers und selbstbewusst mit dieser Situation umgehen.“
Auch auf einer Journalisten-Feier in der Hauptstadt zeigt sich: Die anfängliche Begeisterung über die neuen Eigentümer ist dahin.
„Berliner Zeitung“ – da fällt mir gar nichts mehr zu ein.“
„Die armen – Redakteure?!“
„Och, Bauchschmerzen, wenn man die Entwicklung der letzten Tage verfolgt.“
„Na, das eine ist, nicht offen mit der Biographie umgehen, aber problematischer finde ich noch diese Verquickung von geschäftlichen Interessen, verlegerischen Interessen, redaktionellen Interessen.“

Der Berliner Verlag. Ein Interview mit den neuen Verlegern: erst mal nicht – Friedrich will zunächst seine eigene Akte lesen.
Stattdessen: ein Treffen mit Michael Maier. Die Friedrichs haben ihn als Herausgeber und Geschäftsführer installiert. Er will jetzt „Brandmauer“ sein zwischen Redaktion und Verlegern.
„Grundsätzlich, glaube ich, muss sich das einspielen, diese Regel. Und das für einen Jungverleger, dem muss man das auch zugestehen, dass man sagt: Du kannst hier eben nicht einfach PR-Artikel platzieren oder Gefälligkeitsding. Das gibt’s nicht. Ende.
Muss er lernen?
Ja, selbstverständlich! Das muss aber jeder lernen. Verstehen Sie? Ich glaube, es ist niemand zum Verleger geboren.“

Die Redaktion will nun auch selbst für Klarheit sorgen – mit einem Redaktionsstatut. Es soll vor allem regeln, wann die neuen Verleger in ihr eigenes Blatt schreiben dürfen – und wann besser nicht.
„Wenn sie es wirklich ernst meinen damit, dass sie sagen, sie nehmen keinen Einfluss auf die Zeitungen und auf die Inhalte, dann sollten sie nach all dem, was jetzt passiert ist, das umsetzen und sollten die Zeitung in eine Stiftung überführen.“
Doch die Verlagsspitze lehnt ab.
„Es ist völlig unrealistisch. Es hat einfach mit einer freien Marktwirtschaft nichts zu tun. Es ist ein nettes Gedankenspiel. Aber es ist – wenn jemand eine Zeitung kauft und sagt, ich glaube an dieses an dieses Unternehmen und bin bereit, mein eigenes Geld zu investieren, dann muss er natürlich die Freiheit dazu haben, auch zu entscheiden oder nicht.“

Entschieden ist: Die Stasi-Vergangenheit des Verlegers sollen jetzt auch fünf Redakteure der „Berliner Zeitung“ aufarbeiten. Es bleibt ein besonderes Spannungsverhältnis.

>> Beitrag in der NDR-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

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