Bilanz: Ein Jahr Relotius

Für ZAPP bin ich der Frage nachgegangen, was sich nach der Fälschungsaffäre im “Spiegel” und in anderen Redaktionen getan hat.

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —
Verleihung des Deutschen Reporterpreises 2019. Es ist wieder so weit: Eine große Feierstunde für den Journalismus.
Vor einem Jahr hatte er hier seinen letzten Preis bekommen: Claas Relotius – für eine Reportage über den Krieg in Syrien.
[Claas Relotius] „Und ohne die Drei, die bezeichnender Weise alle selbst geflohen sind, wäre es überhaupt nicht möglich gewesen, diese Geschichte zu schreiben, zu recherchieren, überhaupt an diesen Jungen ranzukommen.“
[Jörg Thadeusz] „Herzlichen Glückwunsch, Claas Relotius! Vielen, vielen Dank!“
Nur wenige Tage später platzte die Bombe.
[Nachrichtencollage] „Der Begriff ‚Spiegel-Affäre‘, der bekommt in diesen Tagen eine neue Bedeutung.“
„Claas Relotius galt als Superstar der Branche. Seine Reportagen: preisgekrönt, detailreich, nah dran – zu schön, um wahr zu sein.“
„Relotius hatte über Jahre hinweg Interviews und Reportage-Szenen teils erfunden.“

[Susanne Beyer (2018), Stv. Chefredakteurin “Der Spiegel”] „Wir wissen, wir haben auch eine Leitfunktion für die gesamte Branche. Und dass wir der nicht gerecht geworden sind, das schmerzt uns furchtbar.“
Der „Spiegel“ enthüllte in eigener Sache: „Sagen, was ist.“ In 54 „Spiegel“-Heften hatte Relotius geschrieben. Vieles davon: gefälscht, verfälscht oder abgeschrieben.
Er schrieb aber auch für viele andere Medien. – Der Skandal trifft weite Teile des Journalismus im deutschsprachigen Raum.
[Stephan Lamby, Filmproduzent] „Natürlich müssen sich alle fragen, wie so etwas passieren konnte und ob die Branche anfällig dafür ist. Und viele suchen die Antworten noch immer.“
[Stephan Lebert, Reporter “Die Zeit”] „Das Urvertrauen ist weg. Das Urvertrauen, dass Reporter wo hingehen und aufschreiben, was Sie sehen.“
[Felix Dachsel, Chefredakteur “Vice Deutschland”] „Wenn wir zum Beispiel im Ausland Geschichten angeboten kriegen, dann lehnt man die vielleicht eher ab, weil das Risiko, dass man es nicht überprüfen kann, zu hoch ist. Was eine traurige Konsequenz ist.“
Auch eine Konsequenz: mehr Kontrolle. Redaktionen – etwa die „Süddeutsche Zeitung“ – installieren Datenbanken. Reporterinnen und Reporter sollen ihr komplettes Material an die Redaktionen schicken: Dokumente, Kontaktdaten, Mitschnitte.
Aus Autorensicht: mehr Misstrauen.
Spüren Sie so eine Art Generalverdacht gegen Autorinnen und Autoren?
[Carola Dorner, Vorsitzende “Freischreiber”] „Früher war es so, dass ich mich immer sehr gefreut habe, wenn der ‚Doker‘ anrief, wenn der Faktchecker anrief, weil ich dann immer das gute Gefühl hatte, da bewahrt mich jetzt jemand davor, einen Flüchtigkeitsfehler zu machen, dann Fehler können ja jedem passieren, das wissen wir ja auch. Aber jetzt hat das schon eher was von Inquisition.“
[Ariel Hauptmeier, Reportageschule Reutlingen] „Ich leite ja zusammen mit einem Kollegen die Reportageschule in Reutlingen. Und wir werden das jetzt insofern auch reflektieren diesen Skandal, dass wir künftig einen Dokumentar, einen ehemaligen Dokumentar vom ‚Stern‘ beschäftigen werden, der jeweils jede Übungsreportage einmal stichprobenartig überprüfen wird.“
Der „Spiegel“ an der Hamburger Ericusspitze. Hier wurde alles minutiös aufgearbeitet, Strukturen verändert. Einige Mitarbeiter mussten gehen. Nach einem Jahr gibt es neue Standards. Strengeren Kontrollen.
Clemens Höges ist seit 29 Jahren dabei – erst Reporter, dann Ressortleiter, nun Mitglied der Chefredaktion. Er verspricht: Man werde noch genauer hinsehen.
[Clemens Höges, Chefredaktion “Der Spiegel”] „Ich wäre eigentlich froh, wenn die Affäre Relotius nicht verschwinden würde, sondern wenn sie uns, aber durchaus auch Kollegen in anderen Häusern immer sagt, was passieren kann, worauf man achten muss, dass man eben immer noch mal zehn Prozent gründlicher arbeiten muss als man es eigentlich vielleicht für nötig hält. Das Relotius – ich glaube, das wird nicht schnell verschwinden. Und das ist gut so.“
Der „Spiegel“ will künftig noch mehr Belege sehen. Was das bedeutet, zeigt dieser Fall aus 2014. Wettbetrug im Fußball, „Faule Äpfel“. Die Basis, ein Facebook-Chat mit einem Insider – nicht mehr auffindbar. Schon damals. Nun heißt es offiziell, „aus heutiger Sicht“ würde ihn der „Spiegel“ so „nicht mehr drucken“.
Clemens Höges mahnt allerdings: Kontrollen seien gut, hätten aber auch ihre Grenzen. Etwa: bei Selfies mit Interviewpartnern – so wie hier beim Besuch von ZAPP.
[Clemens Höges, Chefredaktion “Der Spiegel”] „Die Wirkung ist eingeschränkt Es gibt wenige Leute, die mehr Fotos gemacht haben als Claas Relotius. Nur waren die Personen, von denen er behauptete, es seien die auf den Fotos, die waren nicht echt, die gab es nicht. Das waren ganz andere Leute teilweise.“
Viel ist aufgearbeitet, vieles anders – ein Jahr nach dem großen Knall. Eine Frage aber, sie quält die Journalisten noch immer. Vor allem hier beim „Spiegel“.
[Clemens Höges, Chefredaktion “Der Spiegel”] „Ich verstehe Relotius nicht. Ich verstehe nicht, warum er das gemacht hat. Dieses ist ein wirklich gutes Haus, das seinen Reportern alle Möglichkeiten gibt. (…) Warum musste er fälschen? Oder warum glaube er, fälschen zu müssen? Warum? Oder warum wollte er fälschen? Warum hat er es gemacht? Kiribati. Für eine Geschichte um Klimawandel, er sollte nach Kiribati, Inselgruppe in der Südsee fliegen, Insel in der Südsee. Und soweit wir wissen, ist er nicht nach Kiribati geflogen, hat aber so getan, als wäre er nach Kiribati geflogen. Warum das? Ein Journalist, der der mal eben nach Kiribati fliegen kann und dort eine Reportage schreiben kann, warum erfindet man das dann? Warum? Ich verstehe es nicht.“

>> Beitrag in der ARD-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

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