dpa-Chefredakteur zu Corona:
“Ein großer Stresstest für jede Medienorganisation”

Sven Gösmann und Froben Homburger im sonst leeren Newsroom der dpa
dpa-Chefredakteur Sven Gösmann und sein Nachrichtenchef Froben Homburger im verwaisten Newsroom der dpa (Foto: Sven Gösmann)

[0:00:00] Sven Gösmann, Chefredakteur der dpa – über Twitter erreichte uns die Meldung, dass dpa den Newsroom weitestgehend geräumt hat, weil es einen Verdachtsfall auf Corona gab. Wie haben Sie sich jetzt organisiert?

[0:00:22] Ja, hallo! Wir sind wie viele Medienorganisationen ins Homeoffice gegangen. Im Newsroom – der hat rund 2.500 Quadratmeter – sitzen jetzt noch zwei Journalisten. Das sind der Nachrichtenchef Froben Homburger und ich, der Chefredakteur, und zwei Kolleginnen aus dem Newsroom-Management beziehungsweise aus der Assistenz und ein Techniker, der noch neu ankommende Laptops fixed für die Kollegen, die sich die noch abholen können oder wir senden sie ihnen zu per Kurier. Das ist es dann. Wenn man sich überlegt, dass sonst mindestens 250 Menschen gleichzeitig hier arbeiten, ist das ein verdammt stiller Raum. Auf der anderen Seite ist dpa eine dezentrale Organisation immer schon gewesen in 70 Jahren. Wir haben 105 Standorte [Anm.: es sind sogar ca. 150]. Das heißt, dpa-Journalisten sind es auch gewohnt, aus dem Homeoffice zu arbeiten.

Der größte Einschnitt ist es sicherlich zum einen für die Kollegen, die hier sonst an den Desks zusammenkommen, die sich zusammenstellen können, die sich absprechen können vor Ort. Dass das jetzt alles über Videokonferenzsysteme oder Slack oder sowas passiert, ist auch nicht ganz neu, aber in der Dimension neu.

[0:01:23] Jetzt haben Sie das schon ein paar Tage erprobt, dieses zwangsläufige Modell. Wo gibt es denn da die größten Schwierigkeiten aus Ihrer Sicht?

[0:01:33] Ich bin froh, dass wir sehr früh uns Gedanken darüber gemacht haben, was wäre eigentlich, wenn. Die Situation ist ja neu. Die Bundeskanzlerin hat für die Bundesrepublik von der größten Herausforderung der letzten 70 Jahre gesprochen. Das ist es natürlich auch für eine Nachrichtenorganisation wie unsere mit mehr als 1.000 Journalistinnen und Journalisten. Die größte Herausforderung wird nicht im Moment sein, sondern es ist eher, glaube ich, wenn diese Situation lange anhält, die Motivation hochzuhalten. Ich nenne das immer, die Körperspannung zu behalten, um aufmerksam zu sein, um kollegial im Umgang zu bleiben, um sich die Quellen weiter zu erhalten, die ja auch größtenteils im Homeoffice sitzen oder schwerer erreichbar sind als natürlich. Und das wird für uns die ganz große Herausforderung. Die Technik – bei allem, was ab und zu mal ruckelt – haben wir im Griff. Wir hoffen, dass wir auch die Motivation erhalten können und natürlich auch die Gesundheit der Menschen.

[0:02:33] Reden wir noch einmal über das Stichwort „Informationsbeschaffung“. Läuft da dieser Tage alles reibungslos, auch speziell zu diesem großen Thema?

[0:02:42] Na ja, reibungslos würde ich nicht sagen. Es ist natürlich wie immer in solchen Krisen. Der französische Präsident hat die Vokabel „Krieg“ gewählt gegen das Virus. Soweit möchte ich nicht gehen. Aber natürlich ist es eine Ausnahmesituation und wir wissen: In Kriegen stirbt zuerst immer die Wahrheit, in diesem Fall die Gewissheit. Also, wir wissen nicht ganz genau: Welchen Virologen soll ich glauben? Ist dieser Hinweis richtig? Was tut sich in Ländern, die sich stärker abgeschottet haben?

Als weltweite Organisation erleben wir natürlich auch, dass Mitarbeiter von uns in autokratischen Ländern – wo vielleicht das Internet reguliert ist, wo der Zugang zu öffentlichen Informationen ohnehin schwieriger ist – uns fragen, was hört ihr von außen. In Deutschland fühlen wir uns gut informiert. Gleichzeitig muss man natürlich sagen: Der Einschnitt in die Freiheitsrechte der Bundesbürger, der jetzt sehr schnell vorgenommen wird, ist sicherlich gesundheitlich begründbar, aber er ist natürlich auch ein harscher und er berührt natürlich auch die Pressefreiheit.

[0:03:55] Möglicherweise – andere Länder haben dieses Instrument ja schon eingeführt – könnte es auch in Deutschland zu einer Ausgangssperre kommen. Womit rechnen Sie denn dann, was die Arbeitsbedingungen auch Ihrer Kolleginnen und Kollegen angeht?

[0:04:08] Das wird es noch erschweren. Wenn man die Liste der systemrelevanten Berufe sah, denn haben sich natürlich viele Journalistinnen und Journalisten – nicht nur bei dpa – auf der Liste gesucht und dann gesagt, unter welchen Sammelbegriff fallen wir denn. Es gibt inzwischen Äußerungen des Regierungssprechers, aber auch vieler Länderverwaltungen und Senatsverwaltungen, die sagen: Ja, Journalistinnen und Journalisten sollen sich weiter bewegen dürfen. Wir haben uns natürlich trotzdem präpariert: Wir stellen noch mal sicher, dass sich jeder unserer Kollegen ausweisen kann. Wir haben uns erstmal eigene Passierscheine ausgestellt. Wir harren da natürlich auch drauf und hoffen weiter darauf, dass die Versicherung dann auch greift im Falle von Ausgangssperren, dass Journalistinnen und Journalisten sich bewegen dürfen – nicht nur zwischen Arbeitsplätzen, das ist wichtig, sondern auch Zugang haben zu Schauplätzen. Speziell unsere Reporter und Fotografinnen und Fotografen brauchen das natürlich und Kameraleute.

[0:05:05] Was berichten Ihnen denn Ihre Korrespondentinnen und Korrespondenten in aller Welt? Wie läuft das da mit dem Zugang und mit der Bewegungsfreiheit?

[0:05:13] Na ja, wir haben natürlich dadurch, dass wir zum Beispiel ein Büro in China haben und in asiatischen Ländern, sehr früh gesehen, wie dann Isolation und Berichterstattung gehen kann. Einer unserer Korrespondenten zum Beispiel ist dann in Hongkong steckengeblieben und sitzt da jetzt seit ein paar Wochen. Die andere Kollegin sitzt in Peking auch in Quarantäne. Ein weiterer Kollege ist gar nicht mehr nach China zurückgekommen. Und natürlich wissen wir, dass in Ländern wie China die Informationen immer gefiltert sind und es schwierig war. Aber wir haben uns über die Jahre natürlich ein Netz von Informantinnen und Informanten aufgebaut und versuchen, so gut das geht, die auch vor allen Dingen über soziale Medien zu kontaktieren, die nicht so leicht zu entschlüsseln sind für Geheimdienste. Das ist das eine. Darüber hinaus gibt es die offiziellen Bulletins.

Und es gibt daneben eine zweite Dimension, die ich nicht unterschätzen will: In einer Reihe von Ländern – Italien zuvorderst – gab es natürlich einfach die Isolationssituation auch für unsere Kolleginnen und Kollegen mit ihren Familien mit all den Fragen. Wie organisiere ich ein Leben mit der Ausgangssperre? Das ist natürlich eine psychische Belastung. Und gleichzeitig gibt es diesen großen Approach bei dpa, der wirklich toll ist: Wir müssen trotzdem weiter berichten. Und das passiert ja auch. Also, wir haben keinen Abriss im Nachrichtenstrom, eher im Gegenteil eine sehr hohe Fokussierung. Ich habe neulich fast scherzhaft gesagt, im Moment haben wir weniger Rechtschreibfehler als sonst.

[0:06:42] Heißt das auch, kein Abriss im Nachrichtenstrom, was die übrigen Themen angeht? Also inwiefern dominiert das Thema Corona jetzt alles, auch bei Ihnen und bei Ihren Kunden? Sie spüren ja den Puls des Medienmarktes, weil sie im Prinzip für alle arbeiten. Spielen die übrigen Themen, die es gibt – Gesetzgebung möglicherweise im Inland, Flüchtlingsbewegungen im Ausland zum Beispiel – praktisch keine Rolle mehr?

[0:07:11] Im Moment ist das so. Da gab es eine Bewegung. Ich glaube, nicht nur die Politik hat vielleicht Corona etwas unterschätzt – Ursula von der Leyen, die EU-Kommissionspräsidentin, hat das ja erklärt – sondern auch der Journalismus hat sich sehr abgearbeitet an der Frage, gibt es Geisterspiele in der Bundesliga, um ein Beispiel zu nennen, davon ist gar nicht mehr die Rede. Niemand hat Mitleid mit dem Kurzarbeitergeld für Manuel Neuer. Also diese Themen sind gerade verschwunden. Sie kommen aber sicherlich wieder.

Was reißen uns die Kunden gerade aus der Hand? Das sind alle schnellen Nachrichten zur Lage, alle erklärenden, einordnenden Stücke – Stichwort „Faktencheck“. Also all der Wahnsinn, der da unterwegs ist im Netz – Zwiebeln in die Luft halten, die saugen das Coronavirus auf und all so ein Quatsch. Und das Dritte sind interessanterweise Kindernachrichten, weil natürlich in der Homeschooling-Situation viele Bildungseinrichtungen, aber auch alle Medienunternehmen darauf gehen, Kinder in dieser für sie auch verstörenden Erfahrungen möglichst aufzuklären, zu begleiten.

Wir glauben, dass es dann einen zweiten Schritt geben wird. Der zweite Schritt wird sein, dass daneben irgendwann das Interesse kommt nach Ablenkung und nach Information auch für sehr wichtige Themen – „was wurde eigentlich aus…?“. Wir messen im Grunde jeden Tag, was im Netz, was in den Sendungen gemacht wird, was abgedruckt wird – soweit Zeitungen in den nächsten Wochen noch erscheinen können. Da ist die Erfahrung, dass die Themen Flüchtlingskrise, Klimawandel deutlich zurückgetreten sind, aber sie sind ja nicht weg: Immer noch sterben in Idlib Menschen. Immer noch sitzen in Lesbos Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern. Immer noch gibt es andere Themen. Und immer noch gibt es natürlich auch das eine oder andere Schöne. Aber Corona überlagert alles.

[0:09:07] Um noch mal auf Ihren Newsroom zurück zu kommen, der jetzt sehr verwaist ist – es gibt ja jetzt auch „Die [große] Leere“ als Film, den Blockbuster der dpa… Nein, Scherz beiseite! Eine Frage, die sich einige in größeren Apparaten wie Rundfunkanstalten stellen, stellen Sie sich die vielleicht auch: inwiefern der Trend zu Super-Newsrooms vielleicht unglücklich war?

[0:09:34] Na ja, gut, wir sind immer noch eine dezentrale Agentur. Wir haben in Deutschland neben Berlin noch sechs andere Desks: in Hamburg, in Düsseldorf, in Frankfurt, in Stuttgart, in München. Jetzt habe ich irgendwen vergessen, Sie werden es mir nachsehen. Alle Evakuierungsfantasien – Terror, Wasserschaden – gingen immer davon aus, dass wir dann schlichtweg in einen anderen Hub gehen. Wir hatten auch in Berlin natürlich Rückfalllösungen in einem benachbarten Hotel, aber diese Hotels nehmen auch niemanden mehr auf. Diese Situation ist neu. Das ist das Erste. Das Zweite: Mobiles Arbeiten haben wir begonnen, aber in der Intensität werden wird daraus lernen. Es ist ein großer Stresstest für jede Medienorganisation, erst recht für eine Ereignisorganisation wie dpa. Wir haben natürlich schon begonnen, eine Bestandsaufnahme zu machen. Chefredaktion, Nachrichtenchefs, alle Kolleginnen und Kollegen sind gebeten, ihren Input zu geben.

Was fällt uns auf? Da gibt es technische Details, manchmal eher Dinge, die man im Alltag vernachlässigt wie die Frage, wie wird eigentlich die Telefonanlage für alle Apparate umgestellt? Welches ist die richtige Software, die alle nutzen sollen für Videoconferencing? Solche Fragen. Ich glaube, diese Fragen werden aber danach, nach diesem Stresstest – denn hoffentlich ist die Coronakrise irgendwann beherrschbar und damit auch vorbei für Medien – eine große Rolle spielen. Natürlich wird das die Frage mobiles Arbeiten nochmal mehr in den Mittelpunkt rücken. Auch die Frage, wie halte ich dann in dezentralen Organisationen die Information, die Arbeitsfähigkeit und die Moral aufrecht? All das sind Fragen, die werden uns sicher viel stärker beschäftigen. Super-Newsrooms, also sozusagen ein Lagerfeuer, an dem Redaktionen sich gegenseitig vergewissern können, Teams zusammenkommen können, wird es geben. Aber wir werden das sicherlich auch genauer angucken, gegebenenfalls modifizieren.

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