Verwaist und prekär fürs System

Leere Newsrooms, getrennte Teams, maue Auftragslage: Für die taz bin ich der Frage nachgegangen, was die Krise mit den Medien und ihren Journalist*innen macht.

für taz

Ein Laptop, eine Maus, eine Tastatur und drei Monitore, dann kann es losgehen: Der Onlineauftritt des Spiegels entsteht dieser Tage auch an einem Esstisch im Norden der Republik – zu Hause, bei einem der sogenannten Chefs vom Dienst. Der Newsroom an der Hamburger Ericusspitze ist genauso weitgehend verwaist wie das größte journalistische Großraumbüro der Republik – der Newsroom der Deutschen Presseagentur in Berlin.

Nachdem ein Mitarbeiter Kontakt zu einem Corona-Verdachtsfall hatte, arbeiten die Redakteur*innen der dpa-Zentrale von draußen. In dem 2.200 Quadratmeter großen Büro hält Chefredakteur Sven Gösmann die Stellung, zusammen mit zwei Assistentinnen, einem Techniker und seinem Nachrichtenchef. Der hat auf Twitter „Die große Leere – der Film“ zur Aufführung gebracht, einen Rundgang durchs redaktionelle Nichts.

„Wenn man sich überlegt, dass sonst mindestens 250 Menschen hier arbeiten, ist das ein verdammt stiller Raum“, sagt Gösmann. Konferiert wird nun per Videoschalte oder Chat. Gösmann sagt: Glücklicherweise sei Vernetzung in der 70-jährigen Geschichte bei dpa schon immer ein Thema gewesen. „Wir haben 150 Standorte und unsere Journalist*innen sind es auch gewohnt, aus dem Homeoffice zu arbeiten.“ Im Fall der Fälle ist Dezentralität Gold. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender, die ihre Newsrooms für Radio und TV nicht so einfach aufgeben könnten und immer neue, immer größere bauen, haben Pandemiepläne ausgelöst, Mitarbeitende getrennt.

Besondere Vorsicht gilt bei der „Tagesschau“. „Sie muss bis zum Schluss durchhalten“, sagte Chefredakteur Marcus Bornheim in einem Interview mit „Zapp“, das nur vor und nicht im Nachrichtenhaus geführt wurde – die „Tagesschau“ hat sich auch intern isoliert. Ein Teil der Redaktion arbeite inzwischen auch an einem anderen Ort. So gebe es für den Fall, dass im Newsroom Corona-Alarm ausgelöst werde, einen „zweiten Sturm“, sagte Bornheim.

Wenn einem die Puste ausgeht

„Wir müssen damit rechnen, dass die Krise auch uns zum Teil beeinträchtigt“, mahnte der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow auf einer Pressekonferenz. Die Dritten erwägen demnach, im Fall der Fälle ihre Programme zu bündeln – bis auf regionale Informationen. Im Hörfunk seien „Übernahmen von Teilstrecken möglich, wenn einem Inforadio etwas die Puste ausgeht“. Beim BR ist es soweit: Ein Corona-Fall bei der Info-Welle B5 dünnt die Redaktion bedrohlich aus. Ab Montag wird deshalb „bis auf Weiteres überwiegend gemeinsames Programm“ mit Bayern 2 gesendet.

Schon heute kürzen oder streichen die Dritten einzelne Sendungen, um Personal für die Aktualität zusammenzuziehen – nicht zuletzt für ein „ARD Extra“, das nun nahezu täglich nach der Tagesschau um 20 Uhr laufen soll. „Hier zeigt sich die Stärke des Föderalismus“, betont ARD-Programmdirektor Volker Herres. Die neun Landesrundfunkanstalten wechselten sich reihum wöchentlich ab. Damit könne jede zwischendurch wieder zu Kräften kommen. Gleichzeitig lassen die Sender weiter auch Stoffe jenseits der Information abdrehen: Serien und Spielfilme, also Nachschub für die Ablenkung von der Krise.

Das Problem: An Filmsets wimmelt es nur so vor Schauspieler*innen, Kompars*innen, Kameramenschen und anderen Beteiligten. Corona freut das. „Wir kommen da in eine Situation, die für die fiktionalen Produktionen wirklich heikel ist“, sagt selbst ARD-Programmdirektor Herres. Einige Beteiligte wollten nicht mehr ans Set. „Das ist für die Produzenten natürlich mit erheblichen Risiken verbunden.“ Wenn es zu Verschiebungen kommen sollte, sei die ARD bereit, Mehrkosten von bis zu 50 Prozent des ursprünglichen Auftrags zu übernehmen.

Die Sender stoppen die Produktionen als Auftraggeber*innen allerdings nicht, sondern schieben diese Verantwortung den Produzenten zu – trotz mitunter fragwürdigen Bedingungen. Von einem Krimidreh für das ZDF erreichte die taz das Foto einer Flasche mit Desinfektionsmittel. Auf einem aufgeklebten Zettel für die Crew stand: „Bitte seid sparsam. Wir haben nur das und haben keine Möglichkeit, noch welches zu kaufen.“

Das ZDF geht bei einer Anfrage der taz nicht auf diesen Hinweis ein. „Die Gesundheit aller Beteiligten hat für uns höchste Priorität“, heißt es. Mitte der Woche liefen für den Mainzer Sender noch fiktionale Produktionen im Wert von gut 50 Millionen Euro. Sie könnten „im Zweifelsfall geschoben und zu einem späteren Zeitpunkt umgesetzt werden“. Ein Angebot, das immer mehr Produzenten annehmen: Auch der besagte Krimi-Dreh ist nun gestoppt.

Es sieht mau aus

Ein besonders Risiko ist die Lage für freischaffende Künstler*innen, darunter auch Journalist*innen. Öffentlich-rechtliche Sender wollen Ausfallhonorare zahlen und Mitarbeitende anderweitig einsetzen, etwa für die Aufbereitung der Sendungen, die nun speziell für Schüler*innen angeboten würden und ARD und ZDF viel Applaus bringen.

Auch wenn teils noch an Details gearbeitet wird: Tarifverträge für regelmäßige freie Mitarbeiter*innen sehen oft Sonderzahlungen vor, Redaktionen weniger bestellen. ARD-Vorsitzender Tom Buhrow versprach, im Zweifel werde man sich „großzügig“ zeigen.

Prekärer ist die Lage schlagartig außerhalb der beitragsfinanzierten Medienhäuser, wo es keine Tarifverträge für „arbeitnehmerähnliche Freie“ gibt. Freie Fotograf*innen stehen plötzlich teils ganz ohne Aufträge da. Besonders mau sieht es bei jenen aus, die sonst über Pressekonferenzen und Veranstaltungen berichten.

Georg Rudiger berichtet beispielsweise von Freiburg aus über das Musikleben im Südwesten, dem Elsass und der Schweiz – für Zeitungen und Fachmagazine. „Fast alle Themen sind weggebrochen“, sagt er. Immerhin: Statt eines geplanten Vorberichts führt er mit einem Dirigenten nun ein Interview darüber, wie die Corona-Krise auch diese Szene trifft. Das laufe gut. Er schreibt auch noch weiter an Programmheften für Festivals, die „im Sommer hoffentlich stattfinden“. Die nächsten vier Wochen habe er so wohl noch zu tun. Und dann? „Wenn bis zum Sommer keine Konzerte stattfinden, habe ich ein echtes Problem.“

Gleichwohl: Das Bild ist divers. „Einigen fällt komplett alles weg – je nachdem, in welchem Bereich sie arbeiten“, sagt Anna Heidelberg-Stein aus dem Vorstand des Berufsverbands Freischreiber. Dazu gehörten auch viele, die ihr Geld vor allem damit verdienten, Podien oder Kongresse zu moderieren. Veranstalter und Zeitungen zahlten selten Ausfallhonorare.

Anerkennung der Systemrelevanz

In ersten Bundesländern sind Nothilfen angelaufen, auch für sogenannte Soloselbstständige. In der kommenden Woche soll zudem der Bundestag ein milliardenschweres Hilfspaket beschließen. Auch Verwertungsgesellschaften wie die VG Wort haben Notfonds. Vor allem die Hilfen der Politik brauche es dringend flächendeckend und ohne große Bürokratie, sagt Heidelberg-Stein. Einige Kolleg*innen, vor allem auf Wissenschaft spezialisierte, könnten sich aber auch „aufgrund ihrer Expertise vor Aufträgen gar nicht retten“.

Auch Zeitungen trifft die Entwicklung. Viele Regionaltitel haben ihren Umfang reduziert, da über Corona hinaus im Regionalen fast nichts mehr los ist. Der Verlegerverband BDZV rechnet zudem mit deutlichen Anzeigenrückgängen, etwa weil es vorerst keine Veranstaltungen gebe, die beworben werden könnten. „Sicher bekommt der Lebensmitteleinzelhandel seine Regale derzeit auch ohne Sonderangebote leer verkauft und storniert bereits gebuchte Anzeigen“, sagt eine Sprecherin der Zeitungsbranche. „Gleiches gilt für andere Geschäfte, in denen durch behördliche Anordnungen die Öffnungszeiten reduziert werden oder deren Betrieb untersagt wird.“

Was nun alle beschäftigt, ist die Frage, wie Journalismus bei einer Ausgangssperre funktioniert. Frank Überall, Vorsitzende der Journalist*innen-Gewerkschaft DJV, freut sich, dass immer mehr Bundesländer Journalist*innen als „systemrelevante Berufsgruppe“ einstufen. „Dass man sich zur Berichterstattung noch vor Ort ein Bild machen kann, sind gute Ansätze“, sagt er. Außerdem helfe die Einstufung denjenigen, die noch in Funkhäuser müssten und Kinder hätten: Sie können Notbetreuung beantragen.

Sven Gösmann, Chefredakteur der dpa, denkt unterdessen darüber nach, ob der Themenmix sich nicht langsam ein wenig verschieben sollte. „Immer noch sterben in Idlib Menschen. Immer noch sitzen in Lesbos Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern. Immer noch gibt es andere Themen. Und immer noch gibt es natürlich auch das eine oder andere Schöne“, sagt Gösmann. „Aber Corona überlagert alles.“

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