“Ich bin Greta”: Exklusiver Zugang zu Greta Thunberg

Der schwedische Filmemacher Nathan Grossman konnte Greta Thunberg ein Jahr lang begleiten – von den Anfängen ihres Schulstreiks über die Überfahrt nach New York bis zu ihrem Auftritt vor den Vereinten Nationen. Unter anderem für radioeins habe ich mit ihm über die Bedingungen für dieses Projekt und seine Erlebnisse gesprochen.

für radioeins

Nathan Grossman [00:00:00] Ich bin Nathan Grossman, der Regisseur hinter einem neuen Dokumentarfilm über die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg: „I am Greta“.

Daniel Bouhs [00:00:09] Greta war eines der größten Personality-Phänomene, die es jemals weltweit gegeben hat. Hier in Deutschland war sie auf den Titeln von Nachrichtenmagazinen. Fernsehsender hatten ein massives Interesse. Ich vermute mal, dass viele Journalisten versucht haben, ihr so nahe zu kommen wie Sie. Wie haben Sie es denn geschafft, diesen — sagen wir mal – journalistischen Jackpot zu knacken?
Nathan Grossman [00:00:35] Zeit. Ich habe viel Zeit mit ihr verbracht. Das ist der Luxus, wenn man Dokumentarfilme und Features macht. Dann kannst Du etwas langfristiger rangehen, sprich: mehr Zeit mit Greta verbringen. Als sie langsam berühmter und auf Veranstaltungen in Europa eingeladen wurde, nahm ich mir diese Zeit: Ich ging mit ihr auf die langen Fahrten in Elektrofahrzeugen und in der Bahn, raus aus Schweden. Plötzlich merkte ich, wie abgelegen Stockholm mitunter ist.

Daniel Bouhs [00:01:06] Sie haben sie also im Fernsehen gesehen, beim Schulstreik, und angefangen, sich ihr zu nähern? War das journalistisches Stalking?
Nathan Grossman [00:01:15] Nein. Wie bei so vielen dokumentarischen Projekten stand auch hier am Anfang ein Tipp: Ein Freund von mir hatte mitbekommen, dass Greta vor dem schwedischen Parlament eine Aktion plante – kurz vor den Wahlen. Er erzählte mir davon und ich spürte: Es könnte sich lohnen, zu schauen, ob sie interessant ist. Dafür habe ich sie dann auch schon sehr früh in diesem ganzen Prozess gefilmt.

Daniel Bouhs [00:01:43] Und Sie sind sehr, sehr nah rangekommen. Greta hat gelacht und herumgealbert. Wir haben sie so noch nie in den Medien gesehen. Sie streitet auch mit ihrem Vater. Und auf dem Segelboot bricht sie zusammen. Gab es denn irgendwelche Bedingungen, irgendetwas, das Sie ihr oder ihrer Familie versprechen mussten?
Nathan Grossman [00:02:04] Nein. Ich war schon sehr früh bei den Dreharbeiten sehr klar: Damit ich so einen Film machen konnte, brauchte ich einen so großen Zugang wie möglich. Aber ich konnte nichts zurückgeben, denn ich musste ja meine Perspektive auf sie finden. Ansonsten wäre es unmöglich, ein Regisseur zu sein und einen Film zu machen. Aber natürlich habe ich ihr gesagt: Wenn der Film praktisch fertig ist, kann sie ihn sich ansehen und schauen, ob es etwas gibt, das überhaupt nicht für sie steht. Und als sie für diesen Check ins Kino kam, wollte sie gar nicht, dass ich etwas rausnehme. Ich glaube, das ist typisch Greta: Sie will noch mehr in den Film reinpacken – mehr Kontext, mehr Informationen, mehr Treffen. Aber wenn sie ein Feature machen, dann müssen sie sich an eine bestimmte Länge halten.

Daniel Bouhs [00:02:49] Es gab also eine Privatvorführung für sie?
Nathan Grossman [00:02:53] Ja. Sie hat den Film am Ende der Produktion gesehen. Und, klar: Im Film geht es vor allem darum, wie ich versuche, zu verstehen, wie es ist, Greta zu sein in diesem sehr emotionalen und verrückten Jahr. Deswegen war es natürlich etwas ganz Besonderes, ihn ihr zu zeigen und zu sehen, wie sie reagiert. Sie meinte, dass sie sich wiederfindet. Manchmal, sagte sie, hätte sie den Eindruck: In den Medien komme sie ein wenig eindimensional, einfach nur als sehr wütendes Kind rüber. Aber im Film erkannte sie, dass sie auch ein wenig ein Nerd ist und ein Charakter mit sehr vielen Facetten.

Daniel Bouhs [00:03:35] Ich kann mir vorstellen, dass das auch für Sie eine sehr intensive Produktion war. Greta ist zweifellos ein besonderer Charakter. Wie hat sie über die Monate auf die Kamera reagiert und auch mit Ihnen interagiert?
Nathan Grossman [00:03:48] Ich denke, Greta hatte schon sehr früh bei ihren Aktionen viele Journalisten um sich herum. Ich glaube, sie hat sich daran gewöhnt, dass Kameras in ihrer Nähe sind. Ich war in einer eher speziellen Situation, filmte privatere Momente. Ich habe mich sehr zurückgenommen und habe nie versucht, sie in irgendeiner Weise zu steuern. Ich habe eher versucht, sie zu beobachten. Bei den Filmarbeiten hatte ich die Kamera praktisch die ganze Zeit auf meiner eigenen Schulter. Ich habe auch keine Kameramänner oder Tontechniker mitgebracht, damit ich nicht zu sehr bei ihren Aktionen auffalle. Ich wollte dabei sein und sie nicht stören.

Daniel Bouhs [00:04:32] Und wie war es für Sie persönlich, dieser Ikone einer ganzen Bewegung so nahe zu sein?
Nathan Grossman [00:04:39] Natürlich war es etwas ganz Besonderes. Und es war interessant, denn viele Leute sehen in ihr eine Art Ikone. Ich sehe in ihr aber eher diese Person, diesen Teenager. Ich glaube, da unterscheidet sich meine Perspektive von der, wie der Rest der Welt sie sieht. An diesem Aktivismus dranzubleiben, war aber sicher ein sehr hektisches Jahr. Und ich muss sagen: Manchmal hatte ich zu Hause sogar meine Kamera unter meinem Bett. Ich konnte ja nicht wissen, was passieren würde, ob wieder etwas Aufpoppen würde. Es war alles so rasant, mit so schnellen Wendungen.

Daniel Bouhs [00:05:18] Gab es dabei noch irgendeine Form von Distanz? Ich meine, Sie waren mit ihr auch auf dem Boot, oder? Sind Sie jetzt Freunde?
Nathan Grossman [00:05:27] Natürlich ist es etwas Besonderes. Ich bin jetzt 30 geworden. Greta ist 17. Unser Altersunterschied ist groß. Außerdem war ich professionell an ihr dran. Aber ich muss sagen: Wir sind uns sehr nahe gekommen. Greta weiß sicher eine Menge über mich und ich kenne sie sehr gut. Das ist natürlich eine besondere Beziehung. Wir haben jetzt nicht mehr täglich Kontakt wie bei unseren Dreharbeiten. Aber wir unterhalten uns immer noch manchmal am Telefon und reden darüber, wenn sich wieder etwas tut.

Daniel Bouhs [00:05:55] Wie ist denn Ihr Eindruck von Greta? Wie kommt sie mit all dem Stress und auch all dem Druck klar?
Nathan Grossman [00:06:00] Das hat mich definitiv sehr interessiert. Und es war wirklich ein großes Glück, ihr auf dieser Reise so genau folgen zu können, um zu sehen, was dieses verrückte Jahr mit ihr gemacht hat. Und natürlich war es manchmal ziemlich hart und taff. Ich war aber schon überrascht, wie gut sie damit zurechtkam und wie sie sich auf das konzentrieren konnte, was für sie wichtig war und was die Botschaften waren, die sie über diese ganze Zeit erzählen wollte.

Daniel Bouhs [00:06:30] Da dieses Gespräch auch in einem Medienmagazin laufen wird: Was ist Ihr Eindruck von anderen Medien, die über Greta berichtet haben?
Nathan Grossman [00:06:35] Ich denke, sie hat eine Art, ihre Gedanken über die Klimakrise rüberzubringen, die es Medien leicht machen, darüber zu berichten. Sie reduziert das große Problem Klimawandel auf etwas sehr Verständliches. Aber der Film zeigt, denke ich, auch sehr intensiv die Schattenseiten dieser Prominenz. Medien haben manchmal zu viel über sie und nicht über die Zahlen und Fakten berichtet, die sie nach vorne stellen will. Sie und viele der anderen streikenden Schüler wollen keine Promis oder Medienstars werden. Sie wollen einfach die Alarmglocken klingeln lassen und uns sagen, dass wir das große Problem zu lange ignoriert haben und ihre Zukunft gefährden. Sie wollen, dass dann die Erwachsenen die Verantwortung übernehmen. Und da haben auch Medien manchmal falschgelegen. Nicht sie, sondern die Erwachsenen sollten Verantwortung übernehmen.

Daniel Bouhs [00:07:43] Haben Sie sich manchmal für Kollegen geschämt?
Nathan Grossman [00:07:47] Nein, ich glaube, was das angeht, habe ich mich nicht für Kollegen geschämt. Mich haben die Kollegen eher inspiriert. Ich wusste schon, dass ich eine Sonderstellung hatte und eher eine Meta-Geschichte erzählen konnte über einige Teile der Medien. Grundsätzlich sieht man dem Film ja an, dass Journalisten und ihre Art der Berichterstattung für mich und meine Geschichte eine große Rolle spielen. Wir haben sicher alle die Nachrichten über sie gebraucht. Und jetzt ist es gut, dass etwas vorliegt, was ein bisschen tiefer geht, wo man mehr in Gretas Kopf reinschauen kann, anstatt vielleicht nur darauf zu bauen, was Journalisten erzählen, die von draußen auf sie blicken.

Daniel Bouhs [00:08:37] Berichten schwedischen Medien anders über sie als Medien außerhalb Schwedens?
Nathan Grossman [00:08:39] Ich weiß es nicht genau, aber ich denke grundsätzlich , dass schwedische Medien dazu tendieren … Also, wir haben in Schweden nicht sehr viele Boulevardzeitungen. Grundsätzlich hat man sie sehr respektvoll behandelt. Ich denke, an einigen anderen Orten waren die Leute eher auf seltsame Details aus, ob sie Mais isst oder ob sie Karotten isst oder was auch immer. Ich denke, in Schweden hat es sich mehr darauf konzentriert, was sie sagen will und wofür sie steht — meiner Meinung nach ziemlich respektvoll.

Daniel Bouhs [00:09:17] Was ist Ihre Prognose: Wie geht es mit ihr weiter und wird auch Ihre Arbeit vielleicht ein zweites Kapitel bekommen? Machen Sie weiter?
Nathan Grossman [00:09:28] Natürlich ist es schwer zu wissen, wo Greta am Ende sein wird. Ich habe vor ein paar Tagen mit diesem amerikanischen Journalisten gesprochen. Er fand es fantastisch, den Film zu sehen, weil es die Vorläufe der Superheldengeschichte zeigt. Das sei etwas Besonderes. Wir erfahren und verstehen irgendwie, wie Greta kreiert wurde und wie sie als junger Mensch war, wie sie heranwächst. Ich denke, wir werden in Zukunft mehr von ihr sehen, aber ich weiß nicht genau, in welcher Form und wofür sie in der Zukunft stehen wird. Aber ich freue mich darauf, sie weiter zu beobachten – vielleicht mehr als Zuschauer. Ich arbeite nämlich schon an neuen Projekten.

Daniel Bouhs [00:10:11] OK, viel Glück damit. Danke für Ihre Zeit, Nathan!
Nathan Grossman [00:10:14] Danke, Daniel. Gutes Interview!

Vgl. “Ich bin Greta”, 16.11.2020 23:230 Uhr in Das Erste

Overvoices Nathan Grossman: Jörg Wagner; Foto Nathan Grossman: Lucas Lennig

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