ZDF zufrieden, ARD zerknirscht: Die Lehren aus der Live-Nacht von Washington

Wie reagieren die Sender auf die Kritik an ihrer #CapitolRiots-Berichterstattung? Ein Überblick für Übermedien.

für Übermedien

Am 6. Januar war das ZDF pünktlich zur Primetime live drauf. „Die USA kommen auch zwei Monate nach den Präsidentschaftswahlen nicht zur Ruhe“, sagte Moderator Daniel Bröckerhoff. Um 20:16 Uhr stand er in einem Studio. Nur eine Minute später schaltete sich auch US-Korrespondent Elmar Theveßen zu. Theveßen stand direkt vor dem Kapitol, an der Ostseite, und reportierte: „Sie versuchen, das US-Gebäude zu stürmen.“

Das sah und hörte allerdings nur, wer den Livestream von „ZDFheute“ anklickte.

Im linearen Fernsehen begann im Zweiten gerade nach einer Spezialsendung zu den Coronamaßnahmen das Team von Carl Sievers mit seinen Ermittlungen auf Sylt. Auch das Erste sendete einen Film. In sozialen Netzwerken mehrten sich unterdessen die Hinweise auf das Geschehen in Washington. Das gipfelte in einem Tweet von „heute-journal“-Moderator Claus Kleber. An dem Abend, an dem er selbst frei hatte, brüllte er:

Ulrich Deppendorf, einst Leiter des ARD-Hauptstadtstudios und noch viel früher auch der „Tagesschau“, notierte süffisant:

ZDF zufrieden mit der eigenen Leistung
Nun, bald drei Wochen später, haben die Verantwortlichen in den Sendern viel diskutiert. Der Sturm auf das US-Kapitol ist in vielerlei Hinsicht lehrreich für sie, weil er sowohl zeigt, was ARD und ZDF bei „Breaking News“ leisten können, als auch, wo der milliardenschwere öffentlich-rechtliche Rundfunk noch viel zu unbeweglich ist. Bröckerhoffs Chefin Bettina Schausten, die als stellvertretende Chefredakteurin beim ZDF die Aktualität leitet, strahlt dabei allerdings vor allem das Signal aus: Ach, so schlecht lief es bei uns doch gar nicht. Schausten sagt:

„Der 6. Januar hätte für uns eigentlich nicht viel besser laufen können.“

Bröckerhoff und Theveßen sendeten in der Mediathek und auf Facebook. Im Hauptprogramm übernahm dann das reguläre „heute-journal“. Vor Markus Lanz grätschte dann noch ein „heute-journal spezial“ rein. „Es war für mich deshalb ein Schlag vor den Kopf, als ich wieder hören musste: Die sind immer noch so verschnarcht“, sagt Schausten.

ARD will schneller werden
Rainald Becker, der Chefredakteur der ARD, ist weniger zufrieden:

„Da breche ich mir keinen Zacken aus der Krone, wenn ich sage: Wir haben an diesem Abend im Ersten nicht die perfekte Performance abgegeben.“

Das Thema habe auch die Intendant:innen beschäftigt. „In den ersten Diskussionen hat sich gezeigt, dass sich alle einig sind“, berichtet Becker, der an der Runde in der vergangenen Woche teilgenommen hat. „Das Thema Schnelligkeit muss an Position eins.“

Die ARD hatte zu den Ausschreitungen in Washington ein „Tagesthemen extra“ im Programm. Sie zog auch ihre regulären „Tagesthemen“ vor und verlängerte sie. Dazwischen sendete sie aber auch ein Dokudrama über Hans Albers. „Wir sind im Ersten sehr in gelernten Abläufen verhaftet“, sagt Becker. Man wolle nun stärker umdenken: Bei „Breaking News“-Lagen sei die Programmplanung nicht mehr wichtig. „Da müssen wir flexibler werden.“

Treibt „Bild“ ARD und ZDF vor sich her?
Wenn auf der Welt etwas Überraschendes passiert, gibt es für die Sender, die vielen zu träge sind, zuverlässig Prügel. 2019 beschwerten sich Menschen, weil sie in „ihrem“ Ersten oder Zweiten nicht zusehen konnten, wie eine Kathedrale brannte. Sogar ein Ministerpräsident machte seinem Ärger Luft:

Nach dem gescheiterten Aufstand in der Türkei merkte 2016 wiederum nicht nur der „Tagesspiegel“ an: „Beim Putschversuch fehlte ein echter Nachrichtensender“. Damals gingen noch keine Bröckerhoffs auf den Schirm, sondern: Julian Reichelt. „Bild“ begann, mit vergleichsweise überschaubaren Möglichkeiten, ARD und ZDF in Streams auf der eigenen Seite und bei Facebook bei überraschenden Nachrichtenlagen abzuhängen. Im Axel-Springer-Hochhaus hatte er schon damals mehrere Studios und eine Liveregie installiert. An seine Reporter:innen ließ er Mikrofone und „BILD“-Puschel für Smartphones verteilen.

„Wir wollen nicht das Fernsehen kopieren oder neues Fernsehen sein, sondern Live-Bewegtbild für das Smartphone-Zeitalter liefern“, sagte Reichelt in einem Gespräch mit dem NDR-Magazin „Zapp“. Über den neuen Video-Wettbewerb mit ARD und ZDF sagte er: „Wir sehen tatsächlich eine Revolution, die einen Angriff eigentlich überflüssig macht.“

Heute geht „Bild“ stundenlang live, wenn Kanzlerin und Ministerpräsident:innen über neue Coronamaßnahmen diskutieren. Das Springer-Blatt baut seinen Videoapparat kräftig aus und setzt damit auch die öffentlich-rechtlichen Programmmacher:innen unter Druck – auch wenn freilich niemand offen zugeben möchte, ausgerechnet von „Bild“ getrieben zu sein.

„Erstmal guckt jeder ins Smartphone“
In den Sendern betonen die Verantwortlichen zwei Dinge. Zum einen seien das Erste und das Zweite keine Nachrichtensender. Beim Amoklauf in München im Juli 2016, der für die Menschen in Deutschland viel gravierender war als der Angriff auf das US-Kapitol, hatte die ARD einen „Tatort“ unterbrochen. „Ich habe noch immer den Korb hier mit hunderten verärgerten Zuschriften“, sagt Becker. „Es gibt eben auch Menschen, die trotzdem ‚ihre‘ Sendung weitersehen wollen.“

Auch Schausten spricht von einer immer neuen Abwägung. Bei einer „kompletten Eskalation“ wäre man früher draufgegangen. Doch die Lage sei nicht so klar gewesen: „Zwischenzeitlich schien es auch Elmar Theveßen, als zögen die ersten ab.“

Zum anderen fahren nun auch die öffentlich-rechtlichen Sender die Strategie, mehr im Netz zu senden und das unaufwändiger als im klassischen TV-Angebot. „Wir berichten linear und non-linear, so wie das dem Nutzungsverhalten bei Ereignislagen auch zunehmend entspricht“, sagt Schausten. Denn: „Erstmal guckt jeder ins Smartphone.“

Für die ARD tastet sich die Redaktion der „Tagesschau“ vor – mitunter sogar noch roher als „Bild“ vor fünf Jahren. Beim Sturm des Kapitols liefen in einem Livestream auf Facebook die Bilder aus Washington über längere Strecken unkommentiert. Dann und wann schaltete sich ein Mitarbeiter des Social-Media-Teams ein, seinem Hintergrund zufolge mutmaßlich aus dem Homeoffice. Er verschwand wieder, um sich – wie er sagte – die aktuellen Meldungen anzusehen. Ob das die Qualität ist, die der Marke „Tagesschau“ gerecht wird?

Das Potenzial der Ex-Korresponden nutzen
Für ARD-Chefredakteur Becker ist heute jedenfalls das Wichtigste: „Wir müssen schnell einen Livestream herstellen.“ Becker setzt dabei auf den „nachrichtlichen Taktgeber“, also die „Tagesschau“ in Hamburg, aber auch auf die „Kraft der Landesrundfunkanstalten“. Die haben sich nicht nur die Republik, sondern auch die Welt aufgeteilt und betreiben entsprechend Büros im In- und Ausland.

Und viele Reporter:innen, die einmal als Korrespondent:innen draußen waren, arbeiten heute als Redakteur:innen in den Zentralen. Sie planen das Programm. „Diese Kompetenz müssen wir auch aktuell nutzen können“, fordert Becker. Dafür könne ein livefähiger Laptop für den ersten Moment reichen. Seit Corona seien die Leute eh auch zu Hause entsprechend ausgerüstet, optimal für spontane Einsätze auch am Abend. „Das kann reichen, wenn es darum geht, schnell etwas anzubieten, bis der komplette Apparat hochgefahren ist.“

Schausten denkt im ZDF ähnlich, will aber keine allzu hohen Erwartungen befeuern. „Eine Art 24/7-Nachrichtenkanal im Netz zu etablieren, das werden wir nicht schaffen“, sagt die frühere Leiterin des Hauptstadtstudios. Die 50 Leute, die sie für ihren Qualitätsanspruch im Schichtdienst bräuchte, habe sie nicht, da auch das klassische Geschäft weitergehe. „Deshalb muss ich sehen, was ich mit den vorhandenen Ressourcen und Kompetenzen liefern kann. Das ist nicht wenig.“

Schausten und Becker sind sich einig darin, dass im Ersten und im Zweiten künftig darauf verwiesen werden sollte, wenn es diese alternativen Angebote gibt. Das gelte auch für die Spartenprogramme: Tagesschau24 bei der ARD, Phoenix bei beiden.

Tagesschau24 soll wachsen
Die ARD baut Tagesschau24 gerade ein Stück weiter aus. Studio und Redaktion sind seit Mitte Januar nicht mehr nur wie früher bis zur „20 Uhr“-Ausgabe im Ersten besetzt, sondern bis zu den „Tagesthemen“. Aus einem Bericht einer Arbeitsgruppe der ARD mit dem Titel „Flottenstrategie“, der Übermedien vorliegt, geht zudem hervor, dass Tagesschau24 „die digitale Bewegtbildoffensive von tagesschau.de stärker als bisher unterstützen“ soll. Das Ziel ist demnach: „Die Menschen zu Augenzeugen zu machen.“

Technisch soll die Redaktion der „Tagesschau“ mehr „niederschwellige Breaking-News-Fälle“ realisieren und live gehen können. Für den ARD-Chefredakteur ist das zentral: „Wenn wir das haben, sind wir natürlich auch in der Lage, das aufzuschalten – auf Tagesschau24, auf Phoenix oder auch aufs Erste.“

Becker wirbt dafür, dass auch die Bemühungen in den Spartenangeboten bei Kritik wahrgenommen werden. „Die ARD ist eine Senderfamilie“, sagt er auch mit Blick auf den 6. Januar: Tagesschau24 habe den Livestream übernommen, Phoenix schon vor den Extras von „Tagesthemen“ und „heute-journal“ aus Washington gesendet, „wenn man das alles zusammenfasst, gab es bei uns durchaus etwas zu sehen“.

Mehr Kooperation? Eher nicht.
Becker und Schausten wollen an dem Sender Phoenix als einem gemeinsamen, aber eben auch parallelen Angebot festhalten. Er habe eine eigene Fangemeinde. Aber: Könnten sich ARD und ZDF nicht abwechseln, wenn es darum geht, „Breaking News“ zu stemmen – so wie sie es wöchentlich beim „Morgen-“ und beim „Mittagsmagazin“ machen? Könnte nicht etwa derjenige, der ohnehin das „MoMa“ vorbereitet, späte Fälle abdecken und der andere dann entsprechend auf ihn verweisen? Könnten ARD/ZDF nicht intelligenter verzahnt werden?

„Wenn zwei Korrespondentinnen oder Korrespondenten die Lage beschreiben, haben wir im besten Fall das umfassendere Bild, als wenn wir sagen, bei ‚Breaking News‘ bemüht sich nur die ARD oder nur das ZDF“, sagt Schausten. Die ARD sei mit Tagesschau24 natürlich in einem strategischen Vorteil. ZDF Info habe als Dokukanal einen anderen Auftrag. Das ZDF solle aber bei Nachrichtenlagen präsent bleiben. „Ich habe diesen Anspruch, dass das ZDF im TV und im Netz umfassend informiert, und mache das, was möglich ist.“

Wie kraftvoll ein Sender dabei auftreten kann, ist mitunter auch von Zufällen abhängig: Am 6. Januar war das ZDF mit Daniel Bröckerhoff und Elmar Theveßen beim Livestream zwar als Erster „drauf“. Bettina Schausten, die stellvertretende Chefredakteurin, macht aus den glücklichen Umständen keinen Hehl: „Dieses Mal waren wir im Vorteil, da wir ohnehin einen Livestream geplant hatten“, sagt sie. „Anderes wird plötzlich und überraschend kommen.“

>> zur Originalveröffentlichung auf übermedien.de

Daniel Bouhs

Ich berichte über Medienunternehmen, Journalismus, Medien-/Netzpolitik – für TV, Radio, Print und Online. Manche nennen mich auch: den Mediennerd. Mit Jörg Wagner präsentiere ich das Medienmagazin auf radioeins.

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