Gesucht wird: eine Intendantin mit Migrationshintergrund

Wie es um kulturelle Diversität bestellt ist in Talk-Formaten und warum ein Wandel nötig, aber schwierig ist, habe ich für ZEIT ONLINE notiert.

für ZEIT ONLINE

Iva Krtalic ist der Frust noch immer anzumerken. Sie ist in Kroatien aufgewachsen und ausgebildet worden, hat dort bereits als Journalistin gearbeitet. Dann kam sie nach Deutschland und zum WDR. Sie war bei Cosmo, dem Radioprogramm, das die Vielfalt der Gesellschaft abbilden soll. Inzwischen ist sie die Beauftragte des Senders für „Integration und interkulturelle Vielfalt“. Dass sich ausgerechnet in einer Talkshow des WDR eine Runde ausschließlich weißer Menschen über das Für und Wider rassistischer Begriffe verständigen durfte, dass es da überhaupt ein Für und Wider gab, ist für sie ein harter Rückschlag. „Ich war aufgewühlt, als ich die Sendung gesehen habe“, sagt Krtalic über jene Ausgabe der Talkshow Die letzte Instanz, die nun Wochen nach ihrer Erstausstrahlung zu einem Skandal führte.

„Nordrhein-Westfalen ist das Einwanderungsland“, sagt Krtalic. Mehr als 40 Prozent der Grundschulkinder haben einen sogenannten Migrationshintergrund. „Das ist unser Publikum von morgen.“ Sie arbeitet an Durchlässigkeit – beim Personal und im Programm. Seit 15 Jahren versuche der WDR etwa mit seiner Talentwerkstatt „WDR Grenzenlos“, junge Menschen mit internationalen Biografien für sich zu gewinnen. „Das ist für mich der WDR.“ Was bei der Letzten Instanz hinter den Kulissen falsch gelaufen sei? Krtalic führt Gespräche mit der Redaktion. Und sie will noch mehr: „In einer Gruppe mit den Chefinnen und Chefs des Programms gehen wir jetzt gezielt auch die strukturellen Fragen an.“

Diese Fragen stellen sich allerdings nicht erst jetzt – spätestens 2019 hätten die Programmverantwortlichen aufwachen müssen. Da hatte sich der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann die Talkshows bei ARD und ZDF vorgeknöpft und festgestellt: Der Ausländeranteil lag in den Sendungen Anne Will, Hart aber fair, Maischberger und Maybrit Illner bei nur gut fünf Prozent. Von ihnen kamen viele wiederum aus Großbritannien, da damals fleißig über den Brexit diskutiert wurde. Vor allem: Von den deutschen Gästen waren auch 95 Prozent hierzulande geboren. In den Sendungen saßen „mehr Peters als Türken“, in zwei Drittel sogar ausschließlich weiße Gäste.

Geht es nach WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni, soll zukünftig zumindest nicht mehr über Rassismus diskutiert werden, ohne dass seine Opfer im Raum sind. „Keine Frage: Wenn wir ein bestimmtes Thema diskutieren, müssen Betroffene ausführlich zu Wort kommen“, sagt Ehni gegenüber ZEIT ONLINE. „Ungleich schwieriger ist es, auch bei anderen Themen die Vielfalt der Gesellschaft in Diskussionsrunden abzubilden.“ Viele Ämter in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft seien „nun einmal selbst nicht wahnsinnig divers besetzt“. Gerade deshalb müssten Sender „diese Stimmen immer wieder suchen“. Krtalic könnte dabei helfen: Gerade bei Corona, erwähnt sie, hätten viele Schlüsselfiguren einen Migrationshintergrund – sei es die Familie hinter BioNTech, die Medizinerin des Jahres Marylyn Addo oder Menschen in sogenannten systemrelevanten Berufen wie Pflegende.

Beim WDR sieht man sich allerdings schon länger auf einem richtigen Weg und verweist dabei zum Beispiel auf eine Ausgabe von Hart aber fair zum „Streit um die Sprache – Was darf man noch sagen und was besser nicht?“ mit dem Journalisten Stephan Anpalagan und Andrew Onuegbu, der sein Restaurant „Zum Mohrenkopf“ nannte, oder auch eine Runde bei Maischberger mit der Publizistin Lamya Kaddor und dem Lungenarzt Cihan Celik. Chefredakteurin Ehni sagt: „Wir sind in den vergangenen Jahren deutlich diverser geworden. Aber darauf ruht sich hier niemand aus.“

Das ist die Situation der größten ARD-Sendeanstalt, die im Dritten auch den Kölner Treff betreibt und fürs Erste Maischberger und Hart aber fair. Das ZDF meldet derweil nur grundsätzlich, dass es sich mit seinen Programmen „im Sinne des Rundfunkstaatsvertrags für eine plurale und weltoffene Gesellschaft“ einsetze. Bei Markus Lanz und Maybrit Illner, die in Goldmanns Auswertung etwas besser abschnitten als die ARD-Talks, würden Gäste „stets nach redaktionellen Gesichtspunkten passend zum jeweiligen Thema ausgewählt“, wobei es „zum redaktionellen Selbstverständnis gehört, ein umfassendes Bild der Gesellschaft abzubilden“. Auf die Frage, warum das dennoch offensichtlich nicht immer klappt, sagt das ZDF hingegen: nichts.

Neuen Gesichtern eine Chance geben
Etwas mehr und Spezifischeres erfährt man beim NDR. Als zweiter großer Talkshowsender in der ARD verantwortet der neben Anne Will auch die NDR Talk Show, DAS! und Käpt’ns Dinner im dritten Programm. Letzteres erstellt Moderator Michel Abdollahi mit seiner Produktionsgesellschaft selbst. Abdollahi bezeichnet sich als „Poetry-Slam-Pate, Conférencier und Performance-Künstler“ und kam 1986 aus dem Iran nach Deutschland. Diversität ist ihm wichtig. „Wenn du immer dieselben Menschen einlädst, dann bekommst du auch immer dieselben Gespräche“, mahnt er. „Mir persönlich wäre das zu langweilig.“ Anderen Redaktionen sei es aber „erst mal am liebsten, wenn das im Programm auftaucht, was schon mal geklappt hat“. Zudem arbeiteten dort einfach zu wenig Menschen, die selbst eine Einwanderungsgeschichte einbringen könnten.

Mit anderen Worten: Oft laden weiße Menschen weiße Menschen ein – und zwar am liebsten weiße Menschen, die schon über Erfahrung verfügen. Außerdem müssen die Sender sparen, auch Personal. Ausgedünnte Redaktionen haben weniger Zeit, neue Gesichter zu suchen – und noch einmal weniger Antrieb, wenn in ihnen selbst keine neuen Gesichter auftauchen. Wenn die Fluktuation in den Häusern überschaubar ist, wie soll sich da Diversität breitmachen?

Abdollahi wünscht sich, dass Redaktionen zumindest den Mut haben, neuen Gesichtern eine Chance zu geben. Der NDR hat im Herbst und Winter einen jungen Ableger seiner NDR Talk Show aufgelegt: Deep und deutlich. Die Reihe, die vor allem für die Mediathek und YouTube produziert wurde, richtete sich an junge Menschen und war wohl so divers besetzt wie bislang keine andere Reihe im deutschen Fernsehen, etwa mit der Stuntfrau Marie Mouroum oder Beatboxerin Lia Sahin. Die zunächst sechs Folgen seien zusammen auf eine halbe Million Klicks in der Mediathek gekommen und auf 1,6 Millionen auf YouTube. „Die mündlichen und schriftlichen Rückmeldungen der Userinnen und User sind ganz überwiegend positiv und ermutigend“, heißt es beim NDR. Ob er eine zweite Staffel auflegt, ist aber zunächst nicht bekannt.

Grundsätzlich ist die Sorge um Quoten und Zugriffe aber nicht das Thema, wenn es um Diversität geht: Im Käpt’ns Dinner habe Sara Nuru im vergangenen Jahr mit die beste Quote geholt, erzählt Abdollahi. Und auch die Redaktion von DAS! spüre keine Auswirkungen auf die Akzeptanz, wenn dort Gäste mit oder ohne Migrationshintergrund säßen, teilt der NDR exemplarisch mit. Der Marktanteil dieser Reihe, in der jeden Tag ein anderer Gast auf dem berühmten roten Sofa sitzt, habe 2020 im Norden bei gut 13 Prozent gelegen. „Sendungen, in denen der Migrationshintergrund der DAS!-Gäste wesentlicher Bestandteil war, haben diesen Durchschnitt teilweise übertroffen.“ Als etwa der Herzchirurg Umeswaran Arunagirinathan erzählte, wie er aus Sri Lanka geflohen sei, habe der Marktanteil in Norddeutschland bei über 15 Prozent gelegen.

Werte für Anne Will liefert der NDR wiederum nicht. Diese Redaktion lade nun mal vor allem Politikerinnen und Politiker ein, teilt der Sender mit, was wohl so viel heißen soll wie: Wenn in der Politik mehr Menschen mit Migrationshintergrund in prominente Funktionen kämen, würde sich das automatisch im Programm widerspiegeln. Der NDR betont aber auch: „Wir haben erkannt, dass wir an dieser Stelle besser werden können.“ Was das konkret heißt, lässt er offen.

„Die beste Instanz“ auf YouTube
Der WDR ist nach der Aufregung um die Letzte Instanz unterdessen um Schadensbegrenzung bemüht. Um Entschuldigung hat der Sender schnell gebeten. Er ließ aber die Chance verstreichen, mit seinem Apparat aktuell eine Sendung aufzulegen, die mit entsprechenden Gästen ausgleicht, was in der Letzten Instanz falsch lief. Die iranisch-deutsche Künstlerin Enissa Amani hatte auf Twitter über die „Blamage“ des WDR geschrieben, die WDR-Reihe habe statt Betroffenen „teilweise Auschwitz-Witze relativierende Menschen“ zu Wort kommen lassen.

Amani fragte den WDR: „Wie wär’s statt einem ‚Post‘ mit einer PRIMETIME-Sendung. Wo FÜNF BIPOCS eingeladen werden, mit wissenschaftlicher Expertise.“ Sie hat sich selbst angeboten. „Oder schlage euch eine Gästeliste vor.“ Dazu kam es jedoch nicht – und Amani hat kurzerhand selbst auf YouTube Die beste Instanz aufgelegt. In der Runde sprach sie anderthalb Stunden mit ihren Gästen, von denen viele wie sie offensichtlich eine Einwanderungsgeschichte haben, über Rassismus, Antisemitismus und andere Diskriminierungen. Nach zwei Tagen kam Die beste Instanz ohne großes Medienhaus im Rücken bereits auf gut 160.000 Abrufe. Ein Senderprofil des Hessischen Rundfunks, der bei Talks selbst praktisch keine Rolle spielt, kommentierte: „Herzlichen Glückwunsch zur großartigen Sendung! Like und Abo ist raus.“

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Der WDR will nun im März nachlegen. Er plant einen Themenschwerpunkt, bei dem nicht nur über Rassismus gesprochen werden soll. Es ist auch ein Film geplant. Krtalic, die Integrationsbeauftragte des Senders, spricht davon, dass es einen langen Atem brauche. Sie verweist auf erste Erfolge, etwa dass von den Volontärinnen und Volontären des Senders, also dem journalistischen Nachwuchs, derzeit mehr als ein Drittel einen Migrationshintergrund hätten. Und auch beim Führungspersonal tue sich etwas: Für die Landesstudios sei „ein Sohn ehemaliger Gastarbeiter“ verantwortlich. „Murad Bayraktar bringt eine andere Perspektive auf Themen mit und hat auch die Autorität, sie zuzulassen.“

Auch NDR-Moderator Abdollahi sieht Bewegung in den Sendern. Ihm geht das aber nicht schnell genug. Nach der Letzten Instanz habe es „halbherzige Tweets“ gegeben. Der WDR hoffe offenbar, dass der Shitstorm weiterziehe. Von echten Konsequenzen habe er nichts gehört. „Es wird sich auch nicht wirklich etwas ändern, bis da oben jemand sitzt, der selbst betroffen ist“, sagt Abdollahi. „Ja, wir brauchen endlich auch eine Intendantin oder einen Intendanten mit Migrationshintergrund.“ Er selbst strebe das Amt aber nicht an.

In seiner neuen Staffel, die am 20. Februar anläuft, spricht Abdollahi nun unter anderem mit Collien Ulmen-Fernandes und mit Kübra Gümüşay, die das System Talkshow bei Maybrit Illner bereits hart kritisiert hat. Der NDR sei heute „sehr offen“, wenn es um Diversität bei der Gästeauswahl gehe, sagt Abdollahi. „Aber fragen wir uns doch mal, ob wir uns vorstellen können, dass die ARD eine Frau mit Kopftuch nicht nur in eine Talkshow setzt, sondern auch die 20-Uhr-Tagesschau präsentieren lässt? Ehrlich gesagt: Ich glaube, leider nicht.“

Quelle: „ZEIT ONLINE“

Vorschaubild: „WDR Kamera“ by Maik Meid is licensed under CC BY-SA 2.0

Daniel Bouhs

Ich berichte über Medienunternehmen, Journalismus, Medien-/Netzpolitik – für TV, Radio, Print und Online. Manche nennen mich auch: den Mediennerd. Mit Jörg Wagner präsentiere ich das Medienmagazin auf radioeins.

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