hr-Direktorin: ARD sollte stärker kooperieren – auch im Programm

Weniger ähnliche Magazine, Dokus und die Quizsendungen von verschiedenen Sendern, das will Gabriele Holzner, um den “USP” der ARD zu sichern: die Regionalität. Jörg Wagner und ich haben sie auf radioeins interviewt.

für radioeins

Daniel Bouhs [00:00:00] Wie können die öffentlich-rechtlichen Sender, wie kann vor allem die ARD sparen? Das ist das medienpolitische Thema, seit Sachsen-Anhalt die Erhöhung des Rundfunkbeitrags gestoppt hat.

Jörg Wagner [00:00:10] Der Fall liegt ja beim Bundesverfassungsgericht. Die Spardebatte geht aber weiter. Im Branchendienst DWDL ist Mitte dieser Woche ein bemerkenswertes Interview erschienen mit Gabriele Holzner, der Programmdirektorin und stellvertretenden Intendantin des Hessischen Rundfunks. Holzner wolle mehr Kooperation. Zitat: “Wir machen vieles doppelt und dreifach.”

Daniel Bouhs [00:00:30] Jetzt wollen wir dieses Interview natürlich nicht in verteilten Rollen vorlesen, sondern mit Gabriele Holzner selbst darüber reden. Sie ist uns aus Frankfurt am Main zugeschaltet. Hallo!

Gabriele Holzner [00:00:39] Hallo, guten Abend!

Daniel Bouhs [00:00:40] Wo macht die ARD denn vieles doppelt und dreifach?

Gabriele Holzner [00:00:45] Na ja, Sie können in die ARD-Mediathek reingucken und das ist ja der Vorteil oder Nachteil – je nachdem, da kommt es auf die Perspektive an – einer digitalen Plattform. Da wird sehr schnell sehr transparent, wo ähnliche oder sehr ähnliche Sachen von verschiedenen Anstalten doppelt und dreifach gemacht werden. Das ist im Dokumentationsbereich. Und das geschieht ja nicht aus bösem Willen, sondern weil das neun unabhängige Landesrundfunkanstalten sind, die ihr Programmangebot selbst gestalten.

Daniel Bouhs [00:01:21] Nur bei den Dokus oder fällt Ihnen da noch etwas anderes ein?

Gabriele Holzner [00:01:25] Na ja, das ist im Unterhaltungsbereich so. Es gibt Quizshows, die von verschiedenen Sendern gemacht werden. Es gibt Unterhaltungsshows, die von verschiedenen Sendern gemacht werden. Es gibt die Magazine, die wir im Ersten machen, ob es Politmagazine oder Wirtschaftsmagazine oder “ttt”, das Kulturmagazin, gemacht wird, wo mehrere Sender zusammenarbeiten, aber es in verschiedenen Sendern dann die Redaktionen und auch Moderatoren gibt. Also ich glaube, da ist schon noch ein bisschen Luft nach oben.

Daniel Bouhs [00:01:57] Man könnte jetzt natürlich auch sagen, das ist publizistische Vielfalt, dafür steht die ARD auch, dass es nicht die ARD ist als ein Sender, sondern eine Arbeitsgemeinschaft aus vielen. Ist das für Sie jetzt nicht mehr zeitgemäß?

Gabriele Holzner [00:02:09] Doch und zwar die publizistische Vielfalt und ich würde jetzt noch ergänzen: die regionale Vielfalt. Das ist nämlich der USP der ARD, deswegen gibt es neun regionale Landesrundfunkanstalten. Das ist das föderale Prinzip. Da dürfen und da will auch ich überhaupt nicht ran, denn jede regionale Rundfunkanstalt und ich komme vom Hessischen Rundfunk, wir sind zuallererst erstmal dafür da, für ein bestimmtes Land oder bei den Mehr-Länder-Anstalten für mehrere Länder Programm zu machen und das entsprechend anzubieten. Aber wir machen ja auch zusammen Gemeinschaftsprogramme und da kann man, glaube ich, Kompetenzen, die ja da sind und die verstärkt oder stärker da sind bei einzelnen Rundfunkanstalten, besser bündeln. Ich mache mal ein kleines Beispiel und das ist wirklich ein winzig kleines Beispiel in der großen ARD und auch vom finanziellen Rahmen ein winzig kleines Beispiel: Wir machen beim Hessischen Rundfunk seit Anfang 2020 das Wetter-Kompetenzzentrum für die gesamte ARD, also die Wetterberichte – das ist alles sehr, sehr kleinteilig – für Radio, für Online und fürs Fernsehen in den Gemeinschaftsprogrammen und für etliche Regionalprogramme, übrigens auch für den rbb. Und das haben wir, weil wir schon ganz lange, seit 60 Jahren für die “Tagesschauen” das Wetter machen – der Deutsche Wetterdienst ist hier um die Ecke von Frankfurt in Offenbach, also machen wir das im hr für die ARD und bündeln da Kompetenzen. Und das kann man mit ganz vielen Themen in anderen Bereichen auch durchspielen. Und ich glaube nicht, dass dadurch die publizistische Vielfalt und auch nicht die föderale und regionale Vielfalt gefährdet ist.

Jörg Wagner [00:04:04] Das hab ich aber auch schon so gehört von Leuten, die uns kritisch begleiten hier bei der ARD, zum Beispiel, dass der Zeckenbiss, egal ob der nun im Bayerischen Wald oder im Thüringer Wald stattfindet, von einem Gesundheitsmagazin durchaus beleuchtet werden könnte. Aber ist das vielleicht jetzt unter diesem Druck, dass es nicht mehr Geld gibt durch gerade diese Beitragsentscheidung in Sachsen-Anhalt so, dass auch in der ARD selbst Entscheider möglicherweise jetzt darauf kommen, synergetischer zu arbeiten?

Gabriele Holzner [00:04:35] Also ich glaube, es gibt zweierlei. Es gibt einmal – da haben Sie völlig Recht – den finanziellen Druck, dass wir an vielen Stellen, vor allem natürlich im nicht-programm-, aber auch in programmlichen Fragen Synergien schaffen müssen und enger zusammenarbeiten. Es gibt aber auch noch eine zweite Schiene, die ich anfangs erwähnt habe, nämlich die digitale Welt. Wenn sie auf Platteformen arbeiten und ihre Inhalte an die Nutzer*innen bringen, dann – ich habe das eingangs gesagt – stehen die verschiedenen Inhalte nebeneinander und für einen Nutzer, für die Nutzerin ist es nicht unbedingt sinnvoll, warum da jetzt – jetzt bin ich wieder bei meinem Beispiel Dokus – zwei Dokus von unterschiedlichen Sendern zum selben Thema sind. Und: Um in der digitalen Welt auffindbar zu sein für die Nutzer*innen und transparent zu sein für die Nutzer*innen, macht es aus meiner Sicht auch da an vielen Stellen einfach wirklich Sinn, zusammen zu arbeiten. Also ich mache da jetzt auch nochmal ein Beispiel: Es gibt grandiose Reihen in Landesrundfunkanstalten, regionale Reihen für Reportagen, die einen tollen Titel haben und da könnte man enger zusammenarbeiten und trotzdem aus jedem Bundesland, aus jeder Region die entsprechenden Reportagen unter ein Dach, unter einen reinen Titel zu packen…

Daniel Bouhs [00:06:06] …ein großes Erfolgsmodell ist ja von Ihnen “Mittendrin – Flughafen Frankfurt”. Sie meinen also…

Gabriele Holzner [00:06:12] …zum Beispiel…

Daniel Bouhs [00:06:12] …ist ja auch irre geklickt im Netz, muss man sagen, schon eine Erfolgsstory des Hessischen Rundfunks. Sie meinen also, dass man dann möglicherweise nicht nur “Mittendrin – Flughafen Frankfurt”, sondern “Mittendrin – Flughäfen in Deutschland” produziert?

Gabriele Holzner [00:06:25] Zum Beispiel. Klar, könnte man machen. Dann bleibt man bei dem Titel “Mittendrin”. Wir machen den Frankfurter Flughafen. Ihr macht den BER. Aber man muss auch gar nicht unbedingt bei Flughäfen bleiben. Vielleicht gibt es andere Bereiche: der Bahnhof oder sowas, wo man sowas auch noch machen könnte.

Jörg Wagner [00:06:45] Aber auch strukturell?

Gabriele Holzner [00:06:46] Genau.

Daniel Bouhs [00:06:49] Kai Gniffke, der Intendant des SWR, hatte ja auch vor ein paar Wochen Schlagzeilen gemacht mit Sparvorschlägen. Da ging es jetzt weniger ums Programmliche, mehr um das tatsächlich Strukturelle, ans Eingemachte eigentlich auch der ARD-Struktur. Er hatte ins Spiel gebracht, dass sein Sender mit dem kleinen Saarländischen Rundfunk noch stärker zusammenarbeiten könnte, dass man auch Direktionen, also die Leitungsebenen zusammenlegt, eben nicht mehr nur Programmstrecken und das Archiv, was dort schon passiert. Er hat aber auch sofort auf die Finger bekommen. Wie war das bei Ihnen in dieser Woche? Was passierte hinter den Kulissen, nachdem Sie mit dem Interview raus sind?

Gabriele Holzner [00:07:23] (Lacht) Also, ich habe viel positive Rückmeldungen gekriegt…

Daniel Bouhs [00:07:26] …aber nicht nur?!

Gabriele Holzner [00:07:28] Erstaunlicherweise – nja. Ich glaube ehrlich gesagt, dass die, die das nicht so toll finden, sich bei mir nicht direkt melden, sondern dann lieber darüber reden. Das ist ja auch ein bewährtes Muster. Nein, aber ich habe hauptsächlich positive Rückmeldungen gekriegt. Aber ich habe ja jetzt auch – Kai Gniffke ist ja einen anderen Weg gegangen und hatte ein direktes Angebot an einen kleinen Sender gemacht. Und das habe ich ja nicht gemacht. Wohlweislich.

Jörg Wagner [00:07:58] Sie sind also entspannt – Sie haben etwa die Größe des rbb – dass Sie vielleicht auf die Idee kämen, zum Beispiel mit Thüringen eine neue Einheit zu gründen oder so, das war ja mal im Gespräch, dass Thüringen aus dem MDR-Verbund ausschert und dann vielleicht mit dem Hessischen Rundfunk eine Doppeleinheit bildet. Das ist alles vom Tisch ne?

Gabriele Holzner [00:08:17] Also ich glaube nicht, dass so etwas jemals wieder aufkommt. Wir haben auch vom SWR kein Fusionsangebot gekriegt als Hessischer Rundfunk. Wir halten schon sehr viel darauf, dass wir eine eigenständige Anstalt bleiben wollen für Hessen. Hessen ist ein starkes Bundesland. Ja, aber ich weiß schon, worauf Sie raauswollen. Natürlich ist das immer eine Gratwanderung oder ein Spagat zwischen Standortinteressen, die medienpolitische Standortinteressen sind und natürlich auch Senderinteressen sind, und das einerseits zu verfolgen, aber gleichzeitig offen zu sein für Kooperationen und auch vielleicht auch wirklich mal das eine oder andere Tabu auf den Tisch zu legen und darüber zu reden – erst einmal intern, bevor wir es über die Presse tun.

Daniel Bouhs [00:09:11] Gabriele Holzner, Programmdirektorin und stellvertretende Intendantin des Hessischen Rundfunks, mit ihren – ja, ich würde sagen konstruktivem Sparvorschlägen für die ARD. Vielen Dank für Ihre Zeit!

Gabriele Holzner [00:09:20] Danke!

Jörg Wagner [00:09:20] Guten Abend!

Gabriele Holzner [00:09:20] Tschüss!

Quelle: radioeins-“Medienmagazin” 13.2.2021

Vorschaubild: hr

Daniel Bouhs

Ich berichte über Medienunternehmen, Journalismus, Medien-/Netzpolitik – für TV, Radio, Print und Online. Manche nennen mich auch: den Mediennerd. Mit Jörg Wagner präsentiere ich das Medienmagazin auf radioeins. In einem eigenen Projekt dokumentiere und analysiere ich zudem die Debatte über die Zukunft von ARD und ZDF.

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