“Journalisten machen keine PR”

Streit um Medienkodex

für B5aktuell

Manuskript des Beitrags
„Journalisten machen keine PR“ – dieser Satz bringt Daniela Friedrich auf die Palme. Denn für sie geht dieser fünfte Punkt des Medienkodex’, den die Organisation Netzwerk Recherche vor zehn Jahren aufgestellt hat, gänzlich an der Realität vieler Kollegen vorbei. Kollegen, die nur schwerlich allein vom Journalismus leben könnten.

„Also einen Medienkodex zu formulieren, einen Kodex mit Idealen vollzustopfen, ist eigentlich nicht die richtige Antwort auf eine prekäre Situation, in denen Journalisten, freie Journalisten vor allem tagtäglich leben.“

Daniela Friedrich studiert Journalistik in Hamburg. Zusammen mit Kommilitonen hat sie sich den Kodex’ vorgeknöpft und – für eine Diskussion auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche – einen Alternativ-Kodex vorgelegt. „Botox für den Kodex“ steht darüber. Das Ergebnis dieses Faceliftings: Aus „Journalisten machen keine PR“ wurde „Journalisten vermeiden es, PR zu machen“.

Julia Stein, die Vorsitzende des Netzwerk Recherche, hält davon nichts – und weiß ihre Mitglieder im Rücken. Die haben am vergangenen Wochenende an ihrem Kodex geschraubt – zum Zehnjährigen. An vielen Stellen hat sich etwas geändert, aber:

„Dieser Satz bleibt genauso bestehen, wie wir ihn bisher immer hatten: Journalisten machen keine PR. Es geht uns darum, ein Leitbild zu formulieren und ein Idealzustand zu formulieren. Und Journalismus und PR, die schließen sich natürlicherweise aus, weil die einen sind auf der Suche nach der Wahrheit und die anderen verführen eher, um eine bestimmte Information irgendwo unter zu bringen.“

Was aber sollen Journalisten, die vom Journalismus nicht leben können, dann tun? Beim Netzwerk Recherche flachst manch einer, niemand müsse PR machen, man könnte sich doch notfalls andere Jobs suchen, vielleicht an der Supermarktkasse. Journalistik-Studentin Daniela Friedrich schüttelt mit dem Kopf:

„PR ist viel besser bezahlt als am Supermarkt an der Kasse zu arbeiten und schließt direkt an die Kompetenzen des Journalisten an. Und wenn Journalisten eh’ schon mit der Arbeit, die sie investieren, am Existenzminimum leben müssen, dann müssen sie gucken, dass sie nebenbei was Lukratives machen. Und was eben an ihre Kompetenzen anschließt und nicht sie herausfordert, noch irgendwie eine weitere Ausbildung zu machen.“

PR, die süße Versuchung als Weg aus der prekären Situation – das ist nicht nur eine fixe Idee der Hamburger Studenten. Ein Blick in soziale Netzwerke zeigt: Der Alternativ-Kodex findet Zustimmung, gerade unter jungen Journalisten. PR-Berater Klaus Kocks, einst Kommunikationschef von VW, warnt indes vor diesem Vorschlag:

„Das ist der Versuch, eine schizophrene Praxis, eine mangelnde moralische Orientierung in einen Leitsatz zu gießen. Dumm.“

Der PR-Berater sagt aber auch: Die Dämme seien im Alltag längst gebrochen.

„Natürlich machen Journalisten PR. Ein ganz großer Teil des Journalismus fühlt sich ökonomisch zu PR gezwungen, aber das ist eine Frage, die müssen Sie den Verlegern stellen. Wenn dies eine Profession ist, wird sie anständig bezahlt werden müssen. Dann kann ich davon leben und muss nicht notgedrungen in die Schwarzarbeit in der PR drängen lassen.“

Ein Appell an Verleger: bezahlt freie Journalisten anständig, das schafft Unabhängigkeit. Genau so will auch Studentin Daniela Friedrich ihren alternativen Kodex verstanden wissen. Eigentlich wünsche nämlich auch sie sich die saubere Trennung – die einen machen Journalismus, die anderen PR – und niemand beides.

„Ich finde auch: Journalisten machen keine PR. Aber ich würde das für mich anders formulieren: Ich finde, Journalisten sollten keine PR machen müssen.“

Und das wiederum ist ein Satz, den am Ende zweifellos alle unterschreiben würden. Nicht zuletzt Journalisten, die vom Journalismus allein nicht leben können.

>> Beitrag in BR-Mediathek (Quelle: B5aktuell-“Medienmagazin”)

Journalismus an der Grenze

Bei seiner Jahreskonferenz untersucht das “netzwerk recherche” diesmal vielfältige journalistische Grenzüberschreitungen. Die Grundfrage lautet: Wann verlieren Berichterstatter ihre professionelle Distanz?

für WDR5

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

Zerstückelte Pay-TV-Rechte?

Die Deutsche Fußball-Liga hat angekündigt, dass sie die Bundesliga-Rechte ab der Saison 2017/2018 vergeben wird. Durchgesickert ist bereits, dass das Bundeskartellamt eine neue Bedingung durchsetzen will – mit Folgen wahrscheinlich auch für Fußball-Fans

für Deutschlandfunk

>> Download MP3 (Quelle: Deutschlandfunk-“Sport am Wochenende”)

Gewalt gegen Journalisten eskaliert

Beim Widerstand gegen die vermeintliche “Lügenpresse” bleibt es längst nicht mehr nur bei verbalen Attacken. Bundestags-Abgeordnete haben sich über die Arbeitsbedingungen von Journalisten informiert

für Deutschlandfunk

Manuskript des Beitrags
Warum bedrängen, bewerfen, bespucken und – ja – schlagen Demonstranten Journalisten? Auf diese Frage hat ZDF-Korrespondentin Britta Hilpert bis heute keine Antwort:

“In was einem Land leben wir, wo eine Demonstration, eine öffentliche Darstellung von Meinungen eine Situation der Gefahr für Journalisten ist? Ich meine, wozu geht man auf die Straße und demonstriert, wenn man nicht will, dass diese Meinung auch publik wird? Das ist doch total widersinnig!”

Hilpert ist selbst Opfer: Sie besuchte eine Demonstration der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland. Sie stellte – aufrichtig – Fragen, bekam aber kaum Antworten. Stattdessen: eine Rangelei. Die Polizei schritt ein, vor laufender Kamera.

Hetze und Gewalt gegen Journalisten statt friedlicher Demonstrationen – das ist inzwischen Alltag auf Kundgebungen von AfD, Pegida und Co. Dem Bundestags-Kulturausschuss berichtete Hilpert dann auch zusammen mit Kollegen: Die Pressefreiheit ist bedroht – nicht in Russland, nicht in der Türkei, sondern in Deutschland. Hilpert, auch Vorstand bei “Reporter ohne Grenzen”, ist besorgt:

“Ich sehe auch, dass es inzwischen Journalisten gibt, die aus Angst es ablehnen über Pegida und Co. zu berichten. Das sind Zustände, die wir in Deutschland nicht dulden dürfen und da muss dringend etwas übernommen werden.”

Die zentrale Frage: Was tut die Polizei, oder vielmehr: Tut sie genug? Nein, konstatierte Frank Überall, der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes, der auch selbst über Demonstrationen berichtet. Mit der Sicherheit von Berichterstattern seien Polizisten bisweilen überfordert und schlecht vorbereitet:

“Einsatzhundertschaften müssen in den Einsatzbesprechungen, in den Einsatzbefehlen darauf hingewiesen werden, dass Journalisten erwartet werden und wie man dann damit umgeht, wie man die schützen kann. Das passiert aus meiner Sicht bisher noch viel zu selten, was ja dazu führt, dass verschiedene Sender mittlerweile ihre Teams rausschicken mit Bodyguards.”

Im Internet hat der DJV-Vorsitzende das Blog augenzeugen.info gestartet. Überall will Gewalt gegen Journalisten dokumentieren und analysieren. Die ist vor allem für Medien in Sachsen ein großes Problem. MDR-Chefredakteur Stefan Raue sagte den Politikern: Inzwischen müsse sein Sender schon jungen Journalisten in der Ausbildung beibringen, wie sie sich auf politischen Demonstrationen schützen.

“Ich finde, das ist schwer erträglich. Wir sind von allen streitenden Seiten in den letzten Jahrzehnten immer akzeptiert worden als Beobachter, haben auch einen gewissen Schutz genossen. Das gilt wohl offensichtlich von Seiten Pegida nicht mehr. Dort sind wir gewissermaßen Freiwild.”

Zuletzt traf – im wahrsten Sinne des Wortes – die Gewalt der Demonstranten eine Radio-Korrespondentin: Eine Frau schlug ihr ins Gesicht. Dazu kommen offene Aufrufe zur Gewalt gegen Journalisten. In Leipzig hieß es erst vor einer Woche über die Lautsprecheranlage, man möge doch die “Eliten aus den Pressehäusern prügeln”. Auch wenn es schwerfalle: Medien müssten ruhig bleiben, mahnt Raue.

“Wir dürfen nicht in eine Art geistigen Bürgerkrieg ziehen. Wir müssen unsere Rolle als distanzierte Beobachter behalten. Und dann glaube ich, auf mittlere Sicht, dass wir dann auch wieder zu einer Entspannung, Entkrampfung der Situation kommen können.”

Mindestens kurzfristig aber schickt auch Raue seine Reporter nur noch mit Begleitschutz auf solche Veranstaltungen. Verbesserungsbedarf sieht nach diesem Gespräch dann auch der Vorsitzende des Ausschusses, der SPD-Politiker Siegmund Ehrmann.

“Der Staat ist in der Lage, das Grundrecht “Pressefreiheit” zu schützen, aber er muss es noch besser tun – indem er über die Polizei und die Sicherheitsorgane bei Demonstrationen gewährleistet, dass tatsächlich Journalistinnen und Journalisten ihre Arbeit erledigen können.”

Dabei hat Ehrmanns Ausschuss allerdings nur wenig zu melden, denn: Polizei ist Ländersache. Mit dem Termin im Bundestag hat die Politik das Thema “Gewalt gegen Journalisten” aber immerhin schon mal auf ihrem Radar erfasst.

>> Download MP3 (Quelle: Deutschlandfunk-“Markt und Medien”)