Bilanz: Ein Jahr Relotius

Für ZAPP bin ich der Frage nachgegangen, was sich nach der Fälschungsaffäre im “Spiegel” und in anderen Redaktionen getan hat.

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —
Verleihung des Deutschen Reporterpreises 2019. Es ist wieder so weit: Eine große Feierstunde für den Journalismus.
Vor einem Jahr hatte er hier seinen letzten Preis bekommen: Claas Relotius – für eine Reportage über den Krieg in Syrien.
[Claas Relotius] „Und ohne die Drei, die bezeichnender Weise alle selbst geflohen sind, wäre es überhaupt nicht möglich gewesen, diese Geschichte zu schreiben, zu recherchieren, überhaupt an diesen Jungen ranzukommen.“
[Jörg Thadeusz] „Herzlichen Glückwunsch, Claas Relotius! Vielen, vielen Dank!“
Nur wenige Tage später platzte die Bombe.
[Nachrichtencollage] „Der Begriff ‚Spiegel-Affäre‘, der bekommt in diesen Tagen eine neue Bedeutung.“
„Claas Relotius galt als Superstar der Branche. Seine Reportagen: preisgekrönt, detailreich, nah dran – zu schön, um wahr zu sein.“
„Relotius hatte über Jahre hinweg Interviews und Reportage-Szenen teils erfunden.“

[Susanne Beyer (2018), Stv. Chefredakteurin “Der Spiegel”] „Wir wissen, wir haben auch eine Leitfunktion für die gesamte Branche. Und dass wir der nicht gerecht geworden sind, das schmerzt uns furchtbar.“
Der „Spiegel“ enthüllte in eigener Sache: „Sagen, was ist.“ In 54 „Spiegel“-Heften hatte Relotius geschrieben. Vieles davon: gefälscht, verfälscht oder abgeschrieben.
Er schrieb aber auch für viele andere Medien. – Der Skandal trifft weite Teile des Journalismus im deutschsprachigen Raum.
[Stephan Lamby, Filmproduzent] „Natürlich müssen sich alle fragen, wie so etwas passieren konnte und ob die Branche anfällig dafür ist. Und viele suchen die Antworten noch immer.“
[Stephan Lebert, Reporter “Die Zeit”] „Das Urvertrauen ist weg. Das Urvertrauen, dass Reporter wo hingehen und aufschreiben, was Sie sehen.“
[Felix Dachsel, Chefredakteur “Vice Deutschland”] „Wenn wir zum Beispiel im Ausland Geschichten angeboten kriegen, dann lehnt man die vielleicht eher ab, weil das Risiko, dass man es nicht überprüfen kann, zu hoch ist. Was eine traurige Konsequenz ist.“
Auch eine Konsequenz: mehr Kontrolle. Redaktionen – etwa die „Süddeutsche Zeitung“ – installieren Datenbanken. Reporterinnen und Reporter sollen ihr komplettes Material an die Redaktionen schicken: Dokumente, Kontaktdaten, Mitschnitte.
Aus Autorensicht: mehr Misstrauen.
Spüren Sie so eine Art Generalverdacht gegen Autorinnen und Autoren?
[Carola Dorner, Vorsitzende “Freischreiber”] „Früher war es so, dass ich mich immer sehr gefreut habe, wenn der ‚Doker‘ anrief, wenn der Faktchecker anrief, weil ich dann immer das gute Gefühl hatte, da bewahrt mich jetzt jemand davor, einen Flüchtigkeitsfehler zu machen, dann Fehler können ja jedem passieren, das wissen wir ja auch. Aber jetzt hat das schon eher was von Inquisition.“
[Ariel Hauptmeier, Reportageschule Reutlingen] „Ich leite ja zusammen mit einem Kollegen die Reportageschule in Reutlingen. Und wir werden das jetzt insofern auch reflektieren diesen Skandal, dass wir künftig einen Dokumentar, einen ehemaligen Dokumentar vom ‚Stern‘ beschäftigen werden, der jeweils jede Übungsreportage einmal stichprobenartig überprüfen wird.“
Der „Spiegel“ an der Hamburger Ericusspitze. Hier wurde alles minutiös aufgearbeitet, Strukturen verändert. Einige Mitarbeiter mussten gehen. Nach einem Jahr gibt es neue Standards. Strengeren Kontrollen.
Clemens Höges ist seit 29 Jahren dabei – erst Reporter, dann Ressortleiter, nun Mitglied der Chefredaktion. Er verspricht: Man werde noch genauer hinsehen.
[Clemens Höges, Chefredaktion “Der Spiegel”] „Ich wäre eigentlich froh, wenn die Affäre Relotius nicht verschwinden würde, sondern wenn sie uns, aber durchaus auch Kollegen in anderen Häusern immer sagt, was passieren kann, worauf man achten muss, dass man eben immer noch mal zehn Prozent gründlicher arbeiten muss als man es eigentlich vielleicht für nötig hält. Das Relotius – ich glaube, das wird nicht schnell verschwinden. Und das ist gut so.“
Der „Spiegel“ will künftig noch mehr Belege sehen. Was das bedeutet, zeigt dieser Fall aus 2014. Wettbetrug im Fußball, „Faule Äpfel“. Die Basis, ein Facebook-Chat mit einem Insider – nicht mehr auffindbar. Schon damals. Nun heißt es offiziell, „aus heutiger Sicht“ würde ihn der „Spiegel“ so „nicht mehr drucken“.
Clemens Höges mahnt allerdings: Kontrollen seien gut, hätten aber auch ihre Grenzen. Etwa: bei Selfies mit Interviewpartnern – so wie hier beim Besuch von ZAPP.
[Clemens Höges, Chefredaktion “Der Spiegel”] „Die Wirkung ist eingeschränkt Es gibt wenige Leute, die mehr Fotos gemacht haben als Claas Relotius. Nur waren die Personen, von denen er behauptete, es seien die auf den Fotos, die waren nicht echt, die gab es nicht. Das waren ganz andere Leute teilweise.“
Viel ist aufgearbeitet, vieles anders – ein Jahr nach dem großen Knall. Eine Frage aber, sie quält die Journalisten noch immer. Vor allem hier beim „Spiegel“.
[Clemens Höges, Chefredaktion “Der Spiegel”] „Ich verstehe Relotius nicht. Ich verstehe nicht, warum er das gemacht hat. Dieses ist ein wirklich gutes Haus, das seinen Reportern alle Möglichkeiten gibt. (…) Warum musste er fälschen? Oder warum glaube er, fälschen zu müssen? Warum? Oder warum wollte er fälschen? Warum hat er es gemacht? Kiribati. Für eine Geschichte um Klimawandel, er sollte nach Kiribati, Inselgruppe in der Südsee fliegen, Insel in der Südsee. Und soweit wir wissen, ist er nicht nach Kiribati geflogen, hat aber so getan, als wäre er nach Kiribati geflogen. Warum das? Ein Journalist, der der mal eben nach Kiribati fliegen kann und dort eine Reportage schreiben kann, warum erfindet man das dann? Warum? Ich verstehe es nicht.“

>> Beitrag in der ARD-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

Chaotische Öffentlichkeitsarbeit

Für ZAPP habe ich mir den affärenbelasteten Start der neuen “Berliner Zeitung”-Verleger angesehen.

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— Manuskript des Beitrags —
„Ja, das ist die Akte…“
Besuch bei der „Welt am Sonntag“. Christian Meier und Uwe Müller durchleuchten die Vergangenheit des neuen Medienbesitzers Holger Friedrich. Die Anfrage bei der Stasi-Unterlagenbehörde: ein Treffer.
„Ich hätte da niemals mit gerechnet. Das war eine Anfrage, die man stellt im Rahmen einer Recherche. Ich hätte aber nicht gedacht, dass sich jemand einen Verlag kauft und dann, wenn er seine Motive erklärt, gerade bei einem Berliner Verlag, das nicht auch thematisiert, nach vorne heraus zu sagen, ich habe auch eine Vergangenheit.“
Etwa 80 Seiten aus der Akte von Holger Friedrich hat die Behörde freigegeben. Er verpflichtet sich, zu spitzeln. Als Wehrpflichtiger soll er „Hinweise zu Fahnenfluchten, politische Untergrundtätigkeit und Kirchentätigkeit“ liefern. Und Friedrich liefert: Der Bruder eines Soldaten habe „Ausreisegedanken Richtung BRD“.
Oder auch vom Treffen mit einem Kohl-„Heizer“:
„Dass dieser gesagt habe: ‚Das mit dieser Rohbraunkohle halt ich für eine Schweinerei für die Umwelt. (…) Und dann sagt dieser Heizer da noch: diese Dienststelle hier Ziegendorf ist ein einziger Saustall!‘“
Die Konsequenz:
„Dann interessiert sich jetzt auf einmal die Stasi dafür, ist dieser Mann etwa ein Umweltaktivist – da müssen wir doch jetzt mal gucken.“
Auf ihre Anfrage dazu antwortet Holger Friedrich in der eigenen Zeitung. Er spricht von einer „Notsituation“ – sei erpresst worden: Knast wegen des Verdachts der Fahnenflucht oder Konspiration. Er habe „unter Zwang“ zugestimmt. Tatsächlich halten auch seine Führungsoffiziere fest, er sei „auf der Grundlage der Wiedergutmachung seiner strafbaren Handlungen kontaktiert“ worden. Und: Am Ende habe seine „Ablehnung der Zusammenarbeit“ gestanden. Wie es dazu kam? Der bekannte Teil der Akte lässt es offen.
„Genau aus diesem Grunde hätten wir natürlich auch sehr, sehr gerne mit Herrn Friedrich gesprochen und wir haben ja ausführliche Fragen an ihn geschickt. Und er hat es dann ja vorgezogen, diese Fragen schriftlich zu beantworten und auf der Seite der ‚Berliner Zeitung‘ zu veröffentlichen, statt die an uns zu schicken.“
„Und ich finde, damit hat er seine Redaktion zur Geisel seiner eigenen Geschichte gemacht. Er hat sie da mit reingezogen. Es ist aber eine Geschichte von ihm. Die liegt lange, bevor er Verleger geworden ist.“

Und es ist nicht das einzige Mal, dass die Verleger die Zeitung zu ihrer Plattform machen. Zum Mauerfall präsentieren sie ihre „Berliner Botschaft“ – und irritieren zu Egon Krenz mit der Frage, ob es „groß war, ihn neben anderen zu viereinhalb Jahren Haft zu verurteilen“.
Dazu auf dem Titel: eine „Ostdeutsche Erfolgsstory in der Medizin“. Über ein Biotech-Unternehmen, an dem der Verleger Aktien hält und im Aufsichtsrat sitzt. Dazu: kein Wort.
Brigitte Fehrle war selbst Chefredakteurin der „Berliner Zeitung“. Zuletzt hat sie beim „Spiegel“ die Aufklärungskommission um den Fall Relotius geleitet. Sie kennt sich aus mit Kommunikation „In eigener Sache“.
„Man muss die Hoheit über die Abläufe haben und man muss die Deutungshoheit über die Inhalte haben. Und beides ist hier an allen Punkten schiefgegangen. Also, die Stasi-Geschichte wurde von der “Welt” enthüllt und damit auch getrieben. Die Geschichte über die Firma wurde vom “Spiegel” enthüllt und daher getrieben. (…) Also in jedem Punkt war die Redaktion immer nur die reaktive, der reaktive Part und konnte an keinem Punkt aktiv handeln und offenen Visiers und selbstbewusst mit dieser Situation umgehen.“
Auch auf einer Journalisten-Feier in der Hauptstadt zeigt sich: Die anfängliche Begeisterung über die neuen Eigentümer ist dahin.
„Berliner Zeitung“ – da fällt mir gar nichts mehr zu ein.“
„Die armen – Redakteure?!“
„Och, Bauchschmerzen, wenn man die Entwicklung der letzten Tage verfolgt.“
„Na, das eine ist, nicht offen mit der Biographie umgehen, aber problematischer finde ich noch diese Verquickung von geschäftlichen Interessen, verlegerischen Interessen, redaktionellen Interessen.“

Der Berliner Verlag. Ein Interview mit den neuen Verlegern: erst mal nicht – Friedrich will zunächst seine eigene Akte lesen.
Stattdessen: ein Treffen mit Michael Maier. Die Friedrichs haben ihn als Herausgeber und Geschäftsführer installiert. Er will jetzt „Brandmauer“ sein zwischen Redaktion und Verlegern.
„Grundsätzlich, glaube ich, muss sich das einspielen, diese Regel. Und das für einen Jungverleger, dem muss man das auch zugestehen, dass man sagt: Du kannst hier eben nicht einfach PR-Artikel platzieren oder Gefälligkeitsding. Das gibt’s nicht. Ende.
Muss er lernen?
Ja, selbstverständlich! Das muss aber jeder lernen. Verstehen Sie? Ich glaube, es ist niemand zum Verleger geboren.“

Die Redaktion will nun auch selbst für Klarheit sorgen – mit einem Redaktionsstatut. Es soll vor allem regeln, wann die neuen Verleger in ihr eigenes Blatt schreiben dürfen – und wann besser nicht.
„Wenn sie es wirklich ernst meinen damit, dass sie sagen, sie nehmen keinen Einfluss auf die Zeitungen und auf die Inhalte, dann sollten sie nach all dem, was jetzt passiert ist, das umsetzen und sollten die Zeitung in eine Stiftung überführen.“
Doch die Verlagsspitze lehnt ab.
„Es ist völlig unrealistisch. Es hat einfach mit einer freien Marktwirtschaft nichts zu tun. Es ist ein nettes Gedankenspiel. Aber es ist – wenn jemand eine Zeitung kauft und sagt, ich glaube an dieses an dieses Unternehmen und bin bereit, mein eigenes Geld zu investieren, dann muss er natürlich die Freiheit dazu haben, auch zu entscheiden oder nicht.“

Entschieden ist: Die Stasi-Vergangenheit des Verlegers sollen jetzt auch fünf Redakteure der „Berliner Zeitung“ aufarbeiten. Es bleibt ein besonderes Spannungsverhältnis.

>> Beitrag in der NDR-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

Springer: Wohin steuert der Medienkonzern?

Zusammen mit Jon Mendrala habe ich mir u.a. für ZAPP die Frage gestellt, wo in Zeiten der KKR-Investitionen eigentlich noch der Journalismus bleibt.

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— Manuskript des Beitrags —
Hamburg. Am Axel-Springer-Platz eine Großbaustelle – und großes Bangen. Wie viele Mitarbeiter müssen gehen? Bei „Bild“, „Sportbild“, „Computerbild“. Dazu die „Welt“: werktags bald ohne Lokalteil. Und dann noch das:

[“Handelsblatt” 27.8.2019] „KKR wird Springers größter Aktionär“.
[“Abendblatt” 27.8.2019] „US-Investor übernimmt 43 Prozent von Springer“.
Manch einer sieht eine
[taz 18.9.2019] „Weltuntergangsstimmung bei Springer“.
Der Deutsche Journalisten-Verband sieht allein in Hamburg bis zu 100 Stellen bedroht.

[Stefan Endter, DJV Hamburg] „Das ist eine Sorge um die Arbeitsplätze. Das ist die Sorge um eine Zukunft der Produkte für die Kolleginnen und Kollegen zum Teil seit Jahrzehnten engagiert arbeiten.“

Unruhige Zeiten am Standort Hamburg. In den Neunzigern war Martin Jastorff selbst Manager bei Springer, kümmerte sich um die Strategie des Konzerns. Heute lehrt er Medienmanagement. Ihn beschäftigt, was gerade passiert.

[Prof. Dr. Martin Jastorff, Macromedia Hochschule] „Springer hat schon sehr früh den Weg zum digitalen Verlag eingeschlagen und das ja auch sehr erfolgreich und sehr viel konsequenter als die meisten anderen deutschen Medienunternehmen. Insofern ist der Weg, den sie jetzt gehen, einfach wirklich sehr konsequent, sich – ja – von fast allen Print-Titeln, muss man ja ganz ehrlich sagen, zu trennen.“

Berlin. Seit Mitte der Sechziger Jahre Springers Konzernsitz – früher direkt an der Mauer. Zur aktuellen Lage: für ZAPP kein Interview. Stattdessen: ein Gespräch mit Lutz Meier. Der Wirtschaftsjournalist beobachtet Springers neuen „Balanceakt“.

[Lutz Meier, Wirtschaftsjournalist „Capital“] „Das Hauptgeschäft von Axel Springer heute ist Kleinanzeigenportale zu betreiben für Jobs, für Wohnungen und anderes. Drei Viertel des Gewinns kommt aus diesen Kleinanzeigenportalen. Vereinfacht gesagt, bestehen diese Geschäfte ja aus einem Server, den man irgendwo hinstellt. Die Inserenten, die die Kleinanzeigen aufgeben, liefern den Content. Dadurch entstehen Vorsteuerrenditen von 40, 50 Prozent. So etwas gab es in den besten Zeiten des Verlagswesens nicht.“

Die US-Investoren von KKR schießen etwa drei Milliarden Euro in den Konzern, damit er weiter wachsen kann. Das Kalkül: satte Gewinne – vor allem: für KKR. Das hat schon mal geklappt.

Von 2006 bis 2014 bei ProSiebenSat1. Für mehr Profit strich der Konzern etliche Stellen im klassischen TV-Geschäft. Der Betriebsrat sprach von einem „Erosionsprozess“. Der Konzern würde „ausgehöhlt“. Was passiert jetzt bei Springer?

Auf den Münchner Medientagen Ende Oktober. Die Branche diskutiert über die Zukunft. Und eine KKR-Managerin lobt Springers Digitalgeschäft.

[Franziska Kayser, Finanzinvestor KKR] „Gleichzeitig wird natürlich das traditionelle Geschäft bei Axel Springer immer Teil des Unternehmens bleiben. Also wir unterstützen die ‚Bild‘, die ‚Welt‘. Beides wird in der traditionellen Form so weitgeführt werden.“

Axel Springer selbst kündigt an: „Wir gehen mit BILD und WELT jetzt den nächsten Schritt“. Offiziell ist von „Kosteneinsparungen von 50 Millionen Euro“ die Rede. Bei den klassischen Medien in Deutschland.

[Lutz Meier, Wirtschaftsjournalist „Capital“] „Es ist schon ein deutliches Signal, die guten Jahre sind vorbei. Und es ist, glaube ich, vor allem ein Signal nach innen an die Leute, dass jetzt mehr gearbeitet, mehr Geld verdient werden soll und dass die journalistischen Bereiche keine – ja – Narrenfreiheit haben.“

Während die Kollegen im Print-Geschäft um ihre Jobs fürchten, baut Springer im Digitalen aber auch aus. Und: um. Im Neubau zieht der Konzern bald seinen TV-Sender Welt mit der Print- und Onlineredaktion zusammen.

Neben Fernsehwerbung soll die „Welt“ vor allem im Digitalen Geld verdienen, mit „Welt+“. Genauso „Bild“. Dafür kündigt Springer auch Investitionen an – mehr als „100 Millionen Euro, vor allem in eine Live-Video-Strategie von BILD“.

Schon heute zücken „Bild“-Reporter ihre Smartphones praktisch überall – so wie hier vor der CDU-Zentrale. „Bild“ geht live – im Videostream. Das soll erst der Anfang sein. Und Springer investiert auch weltweit. In Medien, die in Deutschland kaum einer kennt. Etwa „Politico“ mit Informationen aus Brüssel zur EU-Politik. Und: „Business Insider“ – ein internationales Wirtschaftsportal.

Dass Springer den Journalismus weiter hochhält, hat vor allem mit Friede Springer zu tun, der Witwe des Gründers – und: mit Mathias Döpfner. Der Journalist leitet den Konzern seit bald 18 Jahren. Von ihrem Großinvestor KKR haben sie sich schriftlich geben lassen, dass die letzten Traditionsmarken bleiben.

[Textzitat Axel Springer SE] „Mindestens fünf Jahre, das können aber auch bis zu zehn Jahre sein. Die Vereinbarung mit KKR sieht einen großzügigen Ergebniskorridor vor, der faktisch einer Bestandsgarantie gleicht.“

Doch auch in der Medienbranche gilt: Am Ende schaut ein Investor auf die Zahlen.

[Lutz Meier, Wirtschaftsjournalist „Capital“] „Die suchen ja nicht die Seele. Die suchen Return on Investment. Und für Mitarbeiter ist es natürlich schon wichtig, dass man ihnen das Gefühl gibt, das Unternehmen ist mehr als eine Geldmaschine.“

[Prof. Dr. Martin Jastorff, Macromedia Hochschule] „Ich glaube, als Springer-Mitarbeiter fühlt man sich immer noch als Teil eines besonderen Unternehmens. Aber natürlich sind auch harte Einschnitte nicht zu vermeiden, wenn es der Print-Branche eben doch deutlich schlechter geht, wie in den letzten Jahren.“

Einschnitte, bei denen viele etablierte Mitarbeiter auf der Strecke bleiben dürften. Hier schließt sich der Kreis, denn wer sich bald als Journalist etwa in Hamburg einen neuen Job suchen muss – möglicherweise könnte er ihn finden: Auf einem Anzeigenportal aus dem Hause Axel Springer.

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

Raus aus der Nische

Beim Journalismus für die Ohren hatten Radiosender lange ein Monopol. Für ZAPP bin ich der Frage nachgegangen, wie sie ihr Terrain in Zeiten der Podcasts verteidigen.

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— Manuskript des Beitrags —

Intime Gespräche, aus der App, individuell aufs Ohr. Podcasts.
„Hallo und herzlich Willkommen zu ‚Filterbubble‘.“
„‘Hamburg News‘ – der tägliche Podcast des ‚Hamburger Abendblatts‘.“
„Für ‚Stern Crime‘ begebe ich mich auf Spurensuche. Ich treffe die besten Ermittler und Spezialisten Deutschlands.“
„Ich habe für diese Episode Peter Müller angerufen. Er ist der ‚Spiegel‘-Korrespondent in Brüssel.“
„In der Fabrik: unfassbare Arbeitsumstände. Viel zu heiß. Du kannst nicht atmen.“
„Auch darüber reden wir in ‚Der Tag‘. Ich bin Philipp May. Hi!“

Podcasts. Wieder ein boomendes Geschäft auf dem Medienmarkt.
Auch hier: In Berlin-Kreuzberg. Im Radiobüro Viertausendhertz.
Die Podcast-Agentur haben vor drei Jahren Journalisten und Werbeprofis gegründet. Heute leben sie davon.
Und Podcasts – das sind für sie vor allem pure Gespräche. Der Inhalt bestimmt die Form – nicht das Format, wie beim Radio.
„Wenn man was gefragt wird, das ging mir auch selbst bei Interviews immer so, ich dachte, ich muss jetzt zum Ende kommen, wo ich gerade anfangen habe, nachzudenken.“
„Wenn Redakteure uns da einladen, weil die müssen wahrscheinlich dafür kämpfen, dass eine Band wie wir da stattfinden – aber trotzdem merkt man sehr, wie die dem Format verpflichtet sind. Und bevor man überhaupt zum Gedanken ansetzen kann, wird meist schon die nächste Frage gestellt.“

Und Erfolg bei Podcasts heißt am Ende: weniger Radio.
„Ich glaube einfach, dass es so sein wird, dass sich das lineare Radio jetzt einfach einen großen Anteil der Hörerschaft teilen wird und tut sie ja eigentlich schon, also dass wir halt einfach sagen okay, es ist nicht mehr gesetzt, dass man im Auto zum Beispiel, was so ein klassischer Ort ist fürs Radio, (…) dass man nicht mehr automatisch UKW einschaltet, sondern eben Spotify, uns, wen auch immer.“
Das Angebot – inzwischen schier unüberschaubar. Von den Sendern: hunderte Angebote zum Hören und Abonnieren. Auch Verlage sind dabei. Die „Zeit“ redet stundenlang mit je einem Gast, bis für den „Alles gesagt“ ist. Der „Stern“ geht bei Kriminalfällen auf „Spurensuche“. Auch Zeitungen podcasten.
„‘Hamburg News‘, der tägliche Podcast des ‚Hamburger Abendblatts‘.“
Für Verleger sind werbefinanzierte Podcasts ein neues Geschäftsmodell. Großes Thema auf dem Digitalkongress der Zeitungen.
Und er wirbt dafür: Europamanager Michael Krause von Spotify. „Hören ist das neue sehen“. Alle sollen in Podcasts machen und sie auf Spotify stellen – Sender, aber auch Zeitungsverlage.
„In Deutschland waren es jähr und jähr wieder 150 Prozent Wachstum. Und wir sehen, dass das gesprochene Wort – Podcasts, Hörbücher, Hörspiele – tatsächlich in Deutschland eine sehr große Relevanz hat.“
Und die Verleger haben Lust.
„Eine kleine Umfrage zum Thema Podcasts…“
„…wir sind gerade bei diesem Thema…“
„…in der Diskussion!“
„Na, das passt doch wunderbar!“

„Überall, wo sich Nutzungssituationen verändern, dann ist das eine Chance für uns. Und die Nutzungssituation ist das Auto. Da ist im Moment das Radio drin. Die Zeitungsverlage noch nicht. Und in einer geschickten Kombination – Audiostreaming, Musikstreaming, Nachrichtenstreaming – da kann was für uns draus werden.“
Also quasi ein Markt, den es zu besetzen gilt?
„Ja, sicher!“
„Wenn man auch noch die Zeitschriftenverlage dazu nimmt, kann ich sagen, dass von den hundert größten Verlagen 50 tatsächlich mit Podcasts dabei sind. Es ist also schon ganz hübsch. Und da wir nichts tun, was nicht am Ende vernünftig ist und wo auch wasrauskommt: Es gibt gerade durch Werbung, durch Werbegeschichten finanziert sich die Nummer.“
Doch Spotify drängt auch mit eigenen Reihen auf den Markt. Der erfolgreichste, sogar weltweit: „Fest & Flauschig“ mit Jan Böhmermann.
„Opa, Opa! Was schnibbelst Du denn die ganze Zeit in de Küche rum?“
„Ja, Paulchen, ich mache uns heute einen schönen, frischen Eiersalat. Kommt doch die letzte Folge von ‚Fest und Flauschig‘ vor der Sommerpause!“
„Oh, wie toll Opa – ich liebe frischen Eiersalat!“

Im US-Börsenfernsehen: der Spotify-Gründer macht eine klar Ansage.
„Unsere Mission war Musik. Jetzt geht’s um alle Audios. Wir wollen weltweit die führende Plattform sein.“
Um dem etwas entgegen zu setzen, bauen die Sender ihre Audiotheken aus. Unabhängige Plattformen. Die ARD und auch das Deutschlandradio. Der Erfolgspodcast hier: „Der Tag“.
„Über den Testosterongehalt des Blutes hergestellt…“

Die Themen des Tages – produziert wird im Radiostudio. Und doch: Podcasts sind anders als das klassische Radio.
„Da werden noch Atmer irgendwie weggeschnitten. Da wird jedes Äh weggeschnitten. Also, das Endprodukt im Radio ist immer sehr, sehr optimiert und glattgeschliffen. Und Podcast sind da letztlich einfach ehrlicher. Da lassen wir auch Sachen einfach mal – wenn ein Fehler passiert, dann korrigieren wir uns gegenseitig und machen weiter und alles ist gut. Wenn die Putzfrau reinkommt, dann machen wir weiter und alles ist gut, binden es irgendwie ein. Ich mag das sehr, weil das die Welt irgendwie ein bisschen realer erscheinen lässt.“
Die Verantwortlichen des Deutschlandradios wollen mit Podcasts vor allem junge Hörer gewinnen – Zukunftssicherung. Der Programmdirektor weiß: Sein Deutschlandfunk ist stark – der Durchschnittshörer aber: über 50.
„Ich habe mal mitgebracht, was wir wissen von Spotify (…) – haben wir also die höchste Altersgruppe, die also am besten erreicht wird mit 35 Prozent die 23- bis 27-Jährigen. Das ist ein Wert, den wir im klassischen Programm nicht erreichen. Und das ist auch ein Grund, warum wir an dieser Stelle aktiv sind.“
Da helfen die neuen Plattformen – wie Spotify, Audible und Apple. Sie sind aber auch: Konkurrenz.
„Wir merken den Druck nur beispielsweise auch auf dem Markt im Sinne von wo finde ich Autoren, die für uns tätig werden. Dass einige Autoren, mit denen wir in der Vergangenheit zusammengearbeitet haben, die auch zum Teil jetzt auch mit der Konkurrenz aus unserer Sicht zusammenarbeiten. Der Markt wird da enger. Das ist deutlich spürbar.“
Allerdings: Konkurrenz belebt das Geschäft. Und das ist für die Sender auch eine Chance: neue Angebote für neue Aufmerksamkeit auf dem Audiomarkt.
„Morgen an dieser Stelle Sarah Zerback. Ich bin Ann-Kathrin Büüsker. Tschüss!“

>> Beitrag in der NDR-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

Auf der Pirsch

Seit 70 Jahren beliefert dpa Zeitungen und Sender mit Nachrichten. Mit Inga Mathwig habe ich mich für ZAPP gefragt, wie es um ihre Verlässlichkeit und Zukunft bestellt ist.

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>> Beitrag in der NDR-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

Das Geschäft mit Verkürzungen

In “Zitat-Kacheln” verkürzen Medien Reden und Interviews teils deutlich. Zusammen mit Caroline Schmidt habe ich mich für ZAPP gefragt: Wie legitim ist diese Praxis?

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— Manuskript des Beitrags —
Er ist einer, der Debatten gerne mal anheizt: SPD-Vize Ralf Stegner. Was denkt er, wie weit dürfen Medien das dann noch zuspitzen? Für ZAPP schaut er sich Texttafeln an. Erstes Beispiel: Ein langer Tweet: Thema Enteignung für bezahlbaren Wohnraum. Auf der Tafel verdichtet zu einem Halbsatz.
“Enteignung als Notwehrrecht für handlungsfähigen Staat.”
“Klarheit ist gut. Verständlichkeit auch. Das ist zulässige Polemik zwischen demokratischen Parteien. Dagegen ist nichts zu sagen.”
Das nächste Zitat nicht verkürzt, aber der Zusammenhang fehlt. So provoziert’s.
“Ein Diesel-SUV, das nur wenige Kilometer genutzt wird, ist umweltfreundlicher als der Kleinwagen mit hoher Fahrleistung.”
“Der hat das sicherlich ein bisschen anders sagen wollen, aber: Pech gehabt. Dass das den Spott der Konkurrenz findet, da darf er sich nicht beschweren, zumal er ja auch ein sehr zugespitzter Formulierer selber ist. Und insofern finde ich: Das gehört zum Geschäft dazu. Wem es zu warm in der Küche ist, der sollte nicht Koch werden. “
Zuspitzungen – für Stegner okay. Manches werde aber auch bewusst verdreht. Ein Tweet aus dem Jahr 2016 verfolgt Stegner bis heute.
Fakt bleibt, man muss Positionen und Personal der Rechtspopulisten attackieren, weil sie gestrig, intolerant, rechtsaußen und gefährlich sind.
Das rechte Portal PI-News nutzte das Zitat, um Stegner für einen Anschlag auf einen AfD-Politiker verantwortlich zu machen.
“Das missbrauchen die jetzt ständig, zu behaupten, man würde zur Gewalt gegen sie aufrufen – das ist ein Missbrauch, offenkundig das Gegenteil, was gemeint ist, auch in der Verkürzung nicht zulässig, weil ich in vielen Äußerungen immer klar gesagt habe, dass ich Gewalt ablehne, in jedweder Form.”
So funktionieren Texttafeln oder Kacheln. Scheinbar transportieren sie wörtliche Zitate. Tatsächlich aber sind diese oft verkürzt, der Kontext fehlt, manche gar verfälscht.
So auch im Fall Linnemann. Der CDU-Politiker hatte der Rheinischen Post ein Interview gegeben. Darin sagt er, dass Kinder, die kaum Deutsch können, auf einer Grundschule noch nichts zu suchen hätten. Die dpa griff diese Aussage auf, spitzte sie zu – mit folgendem Titel:
CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können.
Als die Journalisten bei der Rheinischen Post die Kachel sahen, waren sie überrascht.
“Unser erster Impuls war: Auweia, das werden die bereuen.”
Die Meldung verbreitete sich in Windeseile – und mit ihr die Empörung im Netz.
Dumpfbacken
Populistischer Unfug.
Rassistisch.

Schnell berichten Medien über den Aufreger:
Carsten Linnemann sorgt mit Grundschulaussage für Empörung
Kein Deutsch, keine Einschulung?
Eva Quadbeck mag eigentlich Zuspitzungen. Nur so bekomme man in den Sozialen Medien Aufmerksamkeit für die eigenen Inhalte.
“Aber man darf sie nicht unzulässig zuspitzen und man muss sich auch selber prüfen ob man mit dem mit der Art und Weise wie man zuspitzt nicht Missverständnisse produziert. Und ein Wort wie das Grundschulverbot produziert natürlich Missverständnisse und drückt auch denjenigen, der das gesagt hat einfach in eine falsche Ecke.”
Linnemann habe eine Vorschulpflicht gefordert. Kein Grundschulverbot. Gerade seriöse Medien sollten hier sauber sein.
“Weil wir mit diesen Meldungen auffallen wollen, lassen wir uns dazu herab immer steiler immer schriller zu werden? Nein das sollten wir natürlich nicht tun.
Die Verlockung ist allerdings groß im Kampf um die Aufmerksamkeit im Ne
tz. ”
Auch die Tagesschau verbreitet ihre Inhalte längst bei Facebook, Twitter und Instagram. So gut es geht jedenfalls.
“Wir können bei Instagram nicht einen kompletten Nachrichtenüberblick liefern, aber wir können den Menschen, die dort unterwegs sind eben zeigen, Tagesschau ist eine Marke für Nachrichten, und wer sich dafür interessiert, kann unser Gesamtangebot auch nutzen, auf anderen Kanälen auch nutzen.”
Ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen auch hier: Kacheln mit maximal verkürztem Text.
“Es ist immer eine Gratwanderung zwischen Verknappung und Kontext. Journalismus ist insgesamt immer eine Gratwanderung, weil es ja unheimlich schwer ist, das gesamte Bild abzubilden.”
Und so passieren ab und zu Fehler. Auf Twitter entschuldigt sich der Nachrichtenchef der dpa ausführlich:
“Linnemann hat nicht von einem Grundschulverbot gesprochen. Wir haben mit dieser selbstgewählten Formulierung die Äußerungen über ein journalistisch zulässiges Maß hinaus zugespitzt. Das bedauern wir.”
Ein richtiger Schritt, findet auch Eva Quadbeck, denn:
“Umso wichtiger ist natürlich dass die klassischen Medien ihr Geschäft entsprechend seriös betreiben und nicht selber eine Instagramisierung für sich zulassen. Die einfache Botschaft kann nur die Hinleitung zur Differenzierung sein.”
Wie gut müssen Grundschüler Deutsch können? Viele Zeitungen haben diese Frage dann doch noch erörtert. So hat eine reißerische Verfälschung am Ende zu einer ausgewogenen Debatte geführt.
“Man muss auch immer bedenken: Neben der virtuellen Welt gibt es immer auch eine reale. Und beides muss betrachtet werden. Und manche Aufregung ist wie gesagt ein Shitstörmchen im Wasserglas.”

>> Beitrag in der NDR-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

Der Fall Relotius und seine Folgen

Zusammen mit Inga Mathwig habe ich eine Sondersendung von ZAPP zur Fälschungsaffäre recherchiert: Was haben die Redaktionen über ihren Fälscher herausgefunden und welche Konsequenzen ziehen Journalisten nun?

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>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

PR-Instrument?

Mit Andreas Maisch habe ich in ZAPP über Pressereisen im politischen Raum berichtet. Zwei von drei Teilnehmern lassen sich einladen – weil Verlage nicht zahlen.

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Fast wie eine Klassenfahrt: Eine Gruppe Journalisten besucht die EU-Kommission. ZAPP ist vor drei Jahren mit dabei. Treffen mit Günther Oettinger. Ein EU-Kommissar zum Anfassen.
Beim Fachgespräch in kleiner Runde platzieren und diskutieren der Kommissar und seine Experten ihre Botschaften – damals zur umstrittenen Urheberrechtsreform.
„Die europäischen Themen gehen sehr tief rein auch in die Fachjournalisten, in die Wirtschaftsredaktion. Und dort sind dann oft Journalisten mit europäischen Themen befasst, die den Brüsseler Betrieb so nicht kennen. Und da geht es darum, die einfach mal einzuladen in den Brüsseler Maschinenraum, damit sie die handelnden Personen und die Verfahren besser einschätzen können.“
Reinhard Hönighaus will, dass sich Medien mit Europa beschäftigen. Dafür bringt er Journalisten mit EU-Politikern zusammen, organisiert ganze Reisepakete. Wie hier nach Brüssel, aber auch in die Mitgliedsstaaten.
Auch die Entwicklungshilfeagentur der Bundesregierung, die GIZ, lädt Journalisten zu Reisen ein – zu einem ihrer gut anderthalbtausend Projekte weltweit.
Das Ergebnis: eher wohlwollende Berichte über die Hilfsprojekte. Nicht nur im GIZ-Magazin „Akzente“, sondern auch in der Tagespresse – oft von denselben Autoren. Nur ein Beispiel: die Reise zu einem Ausbildungszentrum in Tunesien. Artikel darüber: Auf der Seite der GIZ. In der „Rheinischen Post“. In der „Sächsischen Zeitung“. Und im „Südkurier.“
Julia Gerlach war einst mit der GIZ im Jemen. Über ein Frauenhaus berichtete sie zunächst für das Magazin der GIZ. Dann verkaufte sie ihre Recherche auch an die „Berliner Zeitung“ und die „NZZ am Sonntag“.
„Ich glaube, dass sie durchaus natürlich Interesse daran hatten, dass über ihr Projekt auch in anderen Medien berichtet wird und dadurch natürlich einfach für ein größeres Publikum diese Informationen auch zugänglich gemacht wurden. Aber es war nicht das, was sie sozusagen verlangt haben.“
Als freie Korrespondentin hätte Julia Gerlach die Reise in den Jemen damals ohne GIZ-Unterstützung nicht realisieren können – auch wegen der schwierigen Sicherheitslage. Die Journalistin weiß selbst: Dieses Modell hat auch seine Probleme.
„Natürlich ist es schwierig, in so einer Situation jemanden zu finden, der sagt ‚Hör mal zu, dieses Projekt ist total korrupt und wir werden hier schlecht behandelt und es gibt auch nichts zu essen‘. Das würden die natürlich nicht sagen. Das heißt, wenn man investigativ über solche Projekte berichten möchte, dann darf man natürlich keine Pressereise machen.“
Die GIZ gibt zu ihren Pressereisen kein Interview, betont aber: Die Reisen seien nur ein Angebot.
„Den Journalisten steht es frei, weiter zu recherchieren. Wir knüpfen die Teilnahme jedenfalls an keine Bedingungen.“
Wolfgang Bauer berichtet auch über Krisen, Katastrophen und Hilfsprogramme. Pressereisen lehnt er konsequent ab.
„Pressereisen, ich glaube, muss man schon fast als Auftragsarbeiten bezeichnen, was dann am Ende dabei herauskommt, nicht weil die Kollegen sich jetzt willentlich korrumpieren lassen würden, sondern weil ihnen technisch keine anderen Werkzeuge in die Hände gelegt werden. Sie haben fast nur die Chance einen positiven Artikel darüber zu verfassen.“
Bauer arbeitet für die „Zeit“. Reisekosten sind für ihn kein Problem. Auf eigene Faust erfährt er dann etwa von „Rissen im Fundament“ eines GIZ-Projekts in Afghanistan. Sein Vorwurf: schwere Baumängel und ein Korruptionsverdacht. Gesprächspartnern, die man auf Pressereisen trifft, traut er solche Hinweise nicht zu.
„Denn die stehen ja auch in einem Abhängigkeitsverhältnis zu dieser Hilfsorganisation und wurden eingeladen von der Hilfsorganisation, die ihnen dann quasi einen Tag später wieder diverse Hilfen zukommen lässt, für ihre Landwirtschaft, für ihr Startup-Projekt, was sie da am Laufen haben.“
Zeitungsverlagen fehlt aber zunehmend Geld für Auslandsreisen. Nur wie wäre es dann, das Reise-Sponsoring transparent zu machen? Bei unseren Stichproben: kein einziger Hinweis. Aus den Redaktionen heißt es: Transparenz sei eigentlich Standard. Hier habe man es vergessen, es sei zu lange her oder die Autoren hätten nicht informiert.
Wenn der EU-Sprecher anbietet, die Reisekosten zu übernehmen, greifen zwei von drei Journalisten zu. Transparent mache es davon wiederum nur die Hälfte.
Warum, glauben Sie, macht der andere Teil das nicht? Stellen Sie sich diese Frage?
„Klar. Ich spreche auch mit den Journalisten darüber. Und dann sagen Sie da vielleicht, ja, das sieht ein bisschen doof aus und außerdem das Programm ist doch sowieso so überparteilich und es ist unverdächtig, da sehen wir keinen Grund, das noch irgendwie besonders auszuflaggen. Ich persönlich hätte nichts dagegen, wenn es alle täten.“
Den Blick weiten, notfalls auch mit solcher Unterstützung – besser als Recherche vom Schreibtisch. Dem Publikum sollte dann aber wenigstens klar sein, wie die Berichte entstehen.

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

Eine Gratwanderung

Journalismus und PR sind zwei unterschiedliche Sachen. Allein: Immer mehr Journalisten machen inzwischen beides. Für ZAPP habe ich gefragt, wie die Branche damit umgeht.

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —

Philipp Eins liebt Podcasts. Ob Neues aus der Politik oder der Welt der Medien: Der Journalist hat immer eine Sendung im Ohr. Und: Er produziert auch selbst welche.

„Forschende Pharma-Unternehmen arbeiten unentwegt an der Entwicklung besserer Medikamente. Dabei helfen Ihnen Ehrgeiz, gute Ideen und die Digitalisierung…“

Sieht nach Radio aus, ist aber PR – in diesem Fall ein Podcast des Verbandes forschender Pharmaunternehmen – fürs Fachpublikum. Philipp Eins macht solche „Corporate Podcasts“ bewusst:

„Das ist die Überlegung, dass ich natürlich ein Geschäftsmodell haben will, das möglichst breit aufgestellt ist. Und nur Journalismus ist wahrscheinlich eng, weil im Journalismus gibt es kein riesen Wachstum mehr wie vielleicht vor 20 Jahren. ‚Content Marketing‘ oder eben ‚Corporate Podcasts‘ ist ein Bereich, der wächst. Und da versuche ich natürlich auch, davon zu profitieren als Freiberufler.“

Mit dieser Strategie ist er nicht allein. In Berlin probiert der Deutsche Journalistenverband den „Brückenschlag“ – vom Journalismus zum Wachstumsfeld PR – und ihren Medien. Allen voran: Frank Überall, der Vorsitzende des DJV.

„Journalismus und Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, das sind – Achtung: Floskelalarm – zwei Seiten einer Medaille. (Lacht)“

Für den Journalistenverband sind die Macher von PR-Medien und sogar Pressesprecher Kollegen. Er nimmt sie – wie selbstverständlich – auf. Hier hat damit kaum jemand ein Problem.

„Es gibt ja Menschen, die zum einen Journalismus ausüben und zum anderen für Unternehmen eben in der einen oder anderen Form im Bereich Kommunikation tätig sind. Und wir finden, dass das eben sehr wohl zu einem Journalistenverband gehört.“

„Ich habe gemerkt, dass ich die Distanz zu gewissen Themen, lokalpolitischen Themen nicht mehr habe und habe für mich überlegt, den Seitenwechsel deswegen zu machen. Das heißt aber nicht, dass ich nicht mehr journalistisch arbeite.“

„Das, was in der PR gemacht wird, also in der effektiven Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, ist eine Spielart des Journalismus. Und das machen wir ja schon seit Jahrzehnten, dass wir beide Seiten vertreten, dass wir beiden Seiten dann auch die Möglichkeit geben, miteinander ins Gespräch zu kommen.“

Das Argument des DJV: Das Handwerk sei bei Journalismus und PR weitgehend dasselbe.

„Es müssen ja Informationen aufgearbeitet werden. Sie müssen wahrhaftig sein. Man muss sich auch kritischen Fragen stellen.“

Journalistikprofessor Volker Lilienthal ist selbst DJV-Mitglied. Eigentlich aus Überzeugung. Der Umgang mit der PR aber stört ihn.

„Was ich hier am Werk sehe, ist im Grunde eine Assimilation, eine Angleichung von Journalismus und PR, der Herr Überall fahrlässig, wie ich finde, das Wort redet. /// Journalismus ist etwas ganz anderes, ist ein neutrales Beurteilen von Wirklichkeit, ist vor allen Dingen universale Nachrichtengebung, also den Journalismus interessiert potenziell alles, was in Politik, Gesellschaft und überall passiert, während die PR immer Auftragskommunikation ist.“

(Auszug Podcast)

Auch „Corporate Podcast“-Macher Philipp Eins ist klar, dass Journalismus und PR getrennte Welten sind – ganz praktisch.

„In der PR ist klar vereinbart letztendlich, dass der Kunde, also in dem Fall des Unternehmens, da auch noch mal ein Blick drauf hat und dass bei der Gestaltung so eines Podcasts, dass der Kunde da mit eine Rolle spielt bei der Auswahl der Quellen.“

Regelmäßig produziert er auch journalistische Beiträge – für Deutschlandfunk Kultur. Für seine Ausflüge in die PR hat er sich klare Spielregeln verpasst.

„Da muss letztendlich klar sein, von wem kommt dieser Podcast. Ist das von einem Unternehmen? Von welchem Unternehmen?“
Wer hat’s bezahlt.
„Wer hat es bezahlt. Das ist einfach eine Frage der Transparenz und es ist halt einfach sauber. (…) Wenn ich jetzt für ein Pharma-Unternehmen Podcast erstelle und gleichzeitig aber im Deutschlandfunk über dieses Unternehmen berichten möchte, dann schließt sich das aus.“

Auch der DJV fordert, PR und Journalismus in der Praxis zu trennen – zumal in Zeiten, in denen immer mehr Journalisten finanziell unter Druck sind.

„Viele Freiberufler sind ja nahezu dazu gezwungen auf Grund der Situation im etablierten Journalismus, wo immer mehr kaputtgespart wird, auch PR-Aufträge anzunehmen. Aber wenn man das genau im gleichen Bereich macht, dann ist das unethisch.“

Die Verantwortung dafür drückt der DJV aber seinen Mitgliedern auf. Damit steht und fällt die Glaubwürdigkeit mit jedem Einzelnen: Trennen oder nicht?

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal

(Quelle: NDR-“Zapp”)

Lehren aus medialen Übertretungen?

Zehn Jahre nach dem Amoklauf in Winnenden

für NDR Fernsehen

— mit Sabine Schaper —

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Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)