Des Geldes wegen, aber nicht gern

ExjournalistInnen, die PR-Arbeiten machen, tun das nicht ohne Unbehagen, ergibt eine Befragung

für taz

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Faktencheck in den Medien

Wie “Spiegel”, “Tagesschau” und Co. Qualität sichern – und was trotzdem durchrutscht

für NDR Fernsehen

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Manuskript des Beitrags
Bertolt Hunger hat schon Fakten geprüft, bevor der Journalismus in die Glaubwürdigkeitskrise kam. Seit gut zwanzig Jahren ist er Dokumentar beim „Spiegel“ – einer von 70. Dokumentare checken die Texte ihrer Kollegen. Tatsächlich: Wort für Wort.

„Wir haben hier ein Jahrzehnte altes System – simpel, aber effektiv. Alles, was hier durchgestrichen ist, ist korrekt. Ich kann auf einen Blick sehen, ist noch etwas offen oder nicht. Hier ist jetzt alles erledigt. In der Regel schreiben wir auch unsere Quelle daneben.“

Fast 250 Journalisten arbeiten für den „Spiegel“. Die aktuelle Produktion: für die Kamera tabu. Das Beispiel für den Fakten-Check: ein Fall von Anfang Februar: „Putins Schläfer: Tschetschenische Agenten getarnt als Flüchtlinge“.

Aber wie viele kommen so nach Deutschland? Der Autor schreibt ursprünglich: „Mehr als 4.000“.

„Ich habe gefunden, im vergangenen Jahr eine höhere Zahl. Im Jahr davor war sie niedriger. Also das schwankt sehr stark. Deswegen kann man 4000 sowieso schon mal nicht sagen. Und mein Versuch dann, an dem Nachmittag noch von der zuständigen Behörde Zahlen für mehrere Jahre zu bekommen, ist gescheitert. Und dann mussten wir am Ende etwas allgemeiner werden.“

Im Magazin ist dann nur noch von „Tausenden Tschetschenen“ die Rede. Ein Fehler: vermieden.

In der Chefredaktion. Auch hier liefern die Dokumentare ihre Korrekturvorschläge an. Über manches wird heftig gestritten.

„Da der „Spiegel“ ja auch in seinen Geschichten ja immer auch eine Kommentierung mitliefert, gibt es da manchmal ganz schöne, ein Kräftemessen – ist einer Inflationsrate von 1,5 problematisch für die Wirtschaft oder erst ab 2,5 oder so was. Da kann es dann auch zu Glaubensfragen ausarten.“

Bei der Interpretation von Fakten – also Meinung – entscheidet die Chefredaktion. Hunderte eindeutige Vorschläge
der Dokumentare werden hingegen sofort übernommen – pro Ausgabe.

Treibt nur der “Spiegel” diesen Aufwand? ZAPP hat bei mehr als 20 Medienhäusern nachgefragt. Das Ergebnis: Auch andere Magazine haben Fakten-Check-Abteilungen – wenn auch deutlich kleinere.

Produktionstag bei der „Zeit“ – dem Gegenmodell. Denn: trotz Wochenrhythmus‘ – hier prüfen seit jeher die Redakteure die Texte, die auch die Seiten planen – ohne Fakten-Check-Abteilung.

„Die ‚Zeit‘ braucht das nicht, weil bei der Zeit funktioniert das tatsächlich sehr, sehr gut, ohne dass wir eine eigene Abteilung haben. Unsere Ressorts und unsere Redaktion, die arbeitet auch so, dass sich die Kollegen aufeinander verlassen, dass die Kollegen sich gegenseitig redigieren, gegenseitig ihre Texte checken.“

Spezialisierte Redakteure sollen die Qualität sichern. Texte über die Volkswirtschaft redigiert auch ein Volkswirt, juristisches ein Jurist. Klappt das genauso gut ohne separate Fakten-Checker? Das Problem: Statistiken dazu fehlen.

Neben der „Zeit“ arbeiten vor allem aktuelle Medien ohne Fakten-Check-Abteilungen. Eine Sprecherin von Axel Springer bringt das Prinzip auf den Punkt: „Fact-Checker heißen bei uns Journalisten und davon haben wir in allen Redaktionen eine Menge.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ merkt zudem an: „90 Prozent unserer Texte werden in der Stunde vor Redaktionsschluss fertig“.
Wie Qualitätssicherung bei ihnen funktioniert, wollen sie aber nicht zeigen. Anders: ARD-aktuell.

Vergangenen Montag – es entsteht die „Tagesschau“. Spezialisten prüfen hier bei Bedarf Bildquellen, sonst: Generalisten – jeder muss jedes Thema übernehmen können, wenn die Aktualität treibt.

Er – heute zuständig für die Bundespolitik. Die Reporter – unterwegs im Regierungsviertel. Währenddessen scannt er – über Agenturen und Live-Übertragungen – die Nachrichtenlage aus der Ferne. So wird er zum Fakten-Checker.

„Ich sitze ja den ganzen Tag auf diesen zwei Themen. Und ich versuche das immer so anzugehen als wäre ich der Autor. Also würde der andere aus den Latschen kippen, könnte ich übernehmen – also wenn ich das Material hätte. Also so arbeite ich – und ich glaube, die anderen auch – sich so rein, weil dann ist man sozusagen auf Ballhöhe.“

Am Ende: Textabnahme kurz vor der Sendung. Vieraugen-Prinzip – mit Abstand zu den Reportern.

„Die Korrespondenten vor Ort sind sehr in ihren Themen drin. Häufig müssen sie sich schnell einarbeiten, aber sie sind in der Regel gut drin. Das gilt insbesondere für die Auslandskorrespondenten, die das US-Wahlsystem kennen und unsere London-Korrespondenten sind inzwischen Fachleute im Brexit. Und wir hier aus der Distanz haben einen eigenen Blick. Und in der Regel gelingt es uns, das zusammenzuführen zu einem verständlichen und auch inhaltlich korrektem Stück.“

Und trotzdem: Fehler passieren. Große wie hier aus dem Krisengebiet in der Ukraine:
(Programmauszug)
Und vermeintlich kleine – erst am Sonntag: Obwohl der neue Bundespräsident aus Ostwestfalen-Lippe stammt: nur…
(Programmauszug)

„Die Menschen in Lippe wissen, woher der Steinmeier kommt und dass das ein Lipper ist. Und da fällt es natürlich denen besonders auf, wenn wir da ungenau sind. Und dann kommt vielleicht auch der Verdacht auf, dass wir in anderen Punkten ungenau sind. Und das wollen wir nicht.“

Und auch dem „Spiegel“ mit seinem opulenten Fakten-Prüf-Apparat rutschen Fehler durch, die an der Glaubwürdigkeit kratzen. Auch hier: ein Geburtsort – von US-Präsident Bill Clinton: Litte Rock im Staat „Alabama“ – richtig ist: Arkansas. In der folgenden Ausgabe: Die Korrektur.

„Wir haben uns alle geschämt und an den Kopf gefasst. Aber es ist passiert. Der menschliche Fehler kann mal vorkommen. Es gibt sicherlich irgendwelche Erklärungen von wegen, da ist irgendjemand noch drüber gegangen und der Dokumentar hat es nicht mehr gesehen oder was auch immer. Aber es zeigt – ja, dass am Ende: kein System hundert-prozentige Sicherheit gewährleistet.“

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Legitim?

Die Nebenjobs von ARD & ZDF-Sportmoderatoren

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Wo bleibt die Verantwortung?

Hass, Filterblasen, Fake-News: Facebook wird gefordert

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Schutzmacht

Verlage EU-weit gegen Google

für NDR Fernsehen

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Der jährliche Zeitungskongress. Die deutschen Verleger beraten über ihre Zukunft in schwierigen Zeiten. Deshalb geht es auch um Politik. Links der EU-Kommissar, rechts der Chef-Verleger. Sie machen gemeinsame Sache – und wählen starke Bilder.
„In einem Land, in dem man in den Geschäften Brot stehlen darf, würde auch keiner mehr Bäcker werden. Nach wie vor ist es aber so, dass andere Unternehmen im Netz Artikel, Fotos und Videos kopieren und auf eigene Rechnung vertreiben und vermarkten können ohne dafür an die Verlage etwas zu bezahlen.“
Es geht vor allem: um Google. Sucht ein Nutzer etwa nach „Krankenkassen“ – dann listet die Suchmaschine prominent „News-Themen“ – Berichte über Krankenkassen. Aber: auch Werbung – für Krankenkassen. Das sind die Anzeigen, mit denen Google Milliarden macht – während der IT-Riese für die Zeitungsausrisse daneben – die „Snippets“ – nichts bezahlt.
„Wenn der Schutz geistigen Eigentums nicht gesichert ist, haben Verlage in Zukunft keine Perspektive. Und jeder, der etwas anderes sagt und die Verlage locker-flockig zu mehr Kreativität und neuen Geschäftsmodellen auffordert, lügt oder lenkt ab.“
Mit einem neuen europäischen Urheberrecht aber sollen die Verlage endlich Geld verlangen können –  sogar für kleinste Ausschnitte. Der EU-Kommissar verspricht:
„Eine eigenständige Rechtsposition, die nicht in Euro und Cent Ihnen schon Einnahmen garantiert, aber die Sie auf Augenhöhe bringt. Auf Augenhöhe bringt und die Online-Plattformen an den Verhandlungstisch bringt und zwingt, damit man faire Vergütungsregeln finden kann, gegebenenfalls vor Gericht sie einklagen kann und daraus eine Perspektive in der Online-Welt für Ihre Verlage und damit für Ihre Arbeitsplätze in Verwaltung und Redaktion entstehen kann.“
Sprich: Google soll für Verlagsinhalte zahlen.
Onlinejournalisten – wie hier bei „Zeit Online“ – aber wissen: Google bringt ihnen wichtige Laufkundschaft.
Der Chefredakteur erklärt es – und seine Redaktion hat das auch Oettinger mitgeteilt: Google bringt hier 20 Prozent, jeden fünften Besucher.
„In dem Fall ist sozusagen die Balance deutlich zu unseren Gunsten. Es ist natürlich für viele Verlage frustrierend zu sehen, dass ein – ich sage mal – Infrastrukturprovider wie Google so großartige Erlöse macht. Das ist aber sozusagen – das löst das Verlagsproblem nicht, dass es jetzt einen Player gibt wie Google. Wir müssen halt in so einer Welt uns zurechtfinden.“
Auf Twitter erklärt auch der Digitalchef der FAZ: Gut 17% seiner Besucher kommen über Suchmaschinen – also am Ende Google. Und Onlinejournalisten haben noch eine Sorge:
„Ein Aspekt des neuen Urheberrechts, wie es auf europäischer Ebene jetzt diskutiert wird, ist ja auch, dass es sozusagen Suchmaschinen nicht einfach so erlaubt sein wird, Inhalte zu kopieren und im Suchindex zu verarbeiten. Also nicht darzustellen, sondern überhaupt zu verarbeiten. Auch das ist verrückt. Also das heißt, dass Google eigentlich sein Geschäft abschalten muss, wenn wir Google keine Lizenz geben, unsere Inhalte zu indizieren. Das kann man schon machen. Es ist nur ein völlig neues Netz, das da entsteht. Und ich habe halt Sorge, dass da was kaputt geht, wenn das wirklich ernst ist, was da beschlossen werden soll.“
Und so denken viele Online-Journalisten kritisch über die EU-Pläne. Kommentieren sehr direkt: „Oettinger gefährdet das Internet“
Der aber versucht sich zu wehren, adressiert gezielt die Verleger.
„In vielen Ihrer Häuser haben Sie Offline- und Online-Redaktionen. Und bei den Onlinern war die Redaktion relativ negativ. Nicht Zensur ist gefragt, aber Überzeugung. Schwärmen Sie aus!“
Das klare Signal der organisierten Verlegerschaft an den Kommissar: Wir sind auf Ihrer Seite.
„Ich weiß auch, dass Sie mit erheblichen Widerständen zu kämpfen haben. Unsere Unterstützung ist Ihnen sicher. Wir werden alles daransetzen, Sie zu unterstützen, dieses Ziel zu erreichen.“
Verleger machen gemeinsame Sache mit der Politik – trotz Kritik ihrer eigenen Onlineredaktionen.

Journalisten-Klassenfahrt zur Europäischen Kommission.
Das gibt es hier öfter. Ungewöhnlich aber, wenn Journalisten über die Zukunft der eigenen Branche diskutieren – und dann auch noch mit jemandem, der eine andere Strategie verfolgt. Den Aufschlag macht Oettinger: Er schimpft auf Konzerne wie Google.
„Die verdienen Milliarden! Der Kapitalismus von heute heißt ‚Werbestrategie von Online-Plattformen’. Und ich würde gerne davon einen Teil dorthin übertragen, wo der Inhalt verantwortet wird: Journalisten in Verlagen. So einfach ist das.“
Der Schlagabtausch beginnt.
„Sie haben einen Tweet abgeschickt, indem Sie ein bisschen infrage gestellt haben, ob Leute, die Nachrichten googeln, wirklich auf den Seiten der Verlage landen. Da gab es ja auch ein paar Antworten von verschiedenen Chefredakteuren.“
Das Argument: Google bringt den Verlagen Leser. Oettinger allerdings: beharrlich.
„Die Zahlen von Zeitungen, die kennen Verleger. Und Chefredakteure eingeschränkt. Also ich wüsste jetzt nicht ein Chefredakteur, der Einnahmen/Ausgaben jeden Tag misst. Das ist nicht sein Job. Sein Job ist der Content. – Ganz ruhig bleiben!“
Aber mit der Ruhe ist es jetzt vorbei – und zwar auf beiden Seiten.
„Müssten nicht eigentlich die Verleger eher an Google als Content-, sozusagen als Content-Interessenten-Lieferant bezahlen?“
(Oettinger überlegt)
„Ja, ich finde es ja gut, dass der Deutschlandfunk Google-Lobbyist geworden ist. Alle Achtung!“
„Es ist halt Tatsache, dass Google nicht zahlen will. Was machen Sie denn, wenn Google auch auf europäischer Ebene nicht zahlt und quasi die ganzen Zeitungen ausgelistet werden? Also da wären Sie ja verantwortlich für noch mehr, also, Einnahmeverlusten von den Zeitungen.“
„Google ist bereit, den spanischen Markt auszublenden. Oder auch den deutschen. Aber nicht den europäischen.“

„Woher wissen Sie das?!“
„Weil ich glaube, dass man 500 Millionen potenzielle Nutzer und Partner nicht ausblenden will.“
Eine Annäherung ist auch nach 52 Minuten nicht in Sicht. Die Gräben scheinen tiefer als zuvor. Der Kommissar in der Kritik.
„In diesen Spezialbereichen des Digitalen, da lernt er offenbar noch jeden Tag hinzu – und da ist vielleicht noch ein bisschen Luft nach oben.“
„Er hat ja den Eindruck vermittelt, dass für ihn halt die Argumente der Verlegerverbände maßgeblich sind. Und ich hatte den Eindruck, dass ihn Einzelmeinungen von Journalisten gar nicht interessieren. Wenn Journalisten sagen, die Fakten, die die Verlegerverbände behaupten, die treffen gar nicht zu, dass ihn das halt gar nicht berührt, sondern dass er sagt, er muss die Meinung der Verbände vertreten und das ist seine Aufgabe als Kommissar.“

Und die scheint unveränderbar – trotz freundlicher Verabschiedung. Nach dem Klassenausflug nach Brüssel muss nun jeder hier mit seinem Verleger reden. Auch eine Hausaufgabe.
>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

Knallhart gegen samtig

Die Interview-Profis Tim Sebastian und Hubert Seipel geben Auskunft über ihre Strategien und Ziele bei Gesprächen mit Politikern. Beide sorgen regelmäßig für viel Aufsehen

für NDR Fernsehen

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Hier sind Sendungstitel Programm: “Hardtalk” – mit Tim Sebastian bei der BBC und “Conflict Zone” – bei der Deutschen Welle. Er ist der Meister der Konflikte.

(freistehend)

Das Wortgefecht mit der AfD-Vorsitzenden – es hat ihn auch in Deutschland bekannt gemacht.

(freistehend)

Ein kurzes Interview per Skype mit dem Konfrontationskünstler: Was glaubt er – warum funktioniert seine Art zu Fragen? Und warum so hart in der Sache?

„Unterschätze niemals die Chance, 25 Minuten über dich selbst zu sprechen. Wir haben es nicht mit Kleinkindern zu tun, sondern mit Erwachsenen, die schon lange im Geschäft sind. In einem harten Geschäft: der Politik. Benehmen wir uns wie Erwachsene. Sie sagen was sie sagen wollen, wir nehmen es auf und senden es. Das ist der Deal.”

Sebastian liefert Konfrontation seit 30 Jahren. Gerade erst mit Brexit-Befürworter Daniel Hannan.

(freistehend)

Dem italienischen EU-Politiker Sandro Gozo.

(freistehend)

Dem griechischen Ex-Finanzminister Jannis Varoufakis.

(freistehend)

Ist die Eskalation das Ziel?

„Mein Ziel ist, sie herauszufordern und zur Verantwortung zu ziehen. Das ist zwangsläufig eine gegnerische Beziehung. Wir sitzen da nicht, um Freunde zu werden.“

Gibt es jemanden, bei dem Sie das bedauern, dass Sie ihn nicht bekommen haben?

„(Lachen) Putin.”

Glauben Sie, Wladimir Putin würde in Ihre Sendung kommen?

“Ich hoffe doch!”

Der Preis der harten Interviews: nicht jeder kommt. Aber er bekommt sie: Hubert Seipel – Meister der Zurückhaltung. Sein Interviewpartner immer wieder: Wladimir Putin – mit persönlichen Einblicken.

(freistehend)

„Ich mache jetzt den ‚Bad Cop‘ und konfrontiere den jetzt, führt zu relativ wenig. Je länger Menschen offenkundig reden, das ist meine Erfahrung aus vielen Gesprächen und Dokumentationen, die ich gemacht habe, desto mehr reden sie auch über das, über was sie gar nicht reden wollen.“

Seipel bekommt die großen Köpfe – und überlässt ihnen die Bühne.

(freistehend)

„Mein Ziel war: So viel wie möglich von ihm zu erfahren und das ins Fernsehen zu bringen und die Zuschauer darüber urteilen lassen.“

„Putins – Innenansichten der Macht“ – Seipels Biographie verkauft sich auch in Russland. Pflichttermin fürs russische Fernsehen in Moskau: die Buchpräsentation. Denn mit dabei: der Präsident. Höhepunkt: Die persönliche Widmung.

(freistehend)

Nähe statt Konfrontation – dafür muss Seipel Kritik einstecken: Kollegen rufen „Hofberichterstattung“! Seipel liefere „unkritisches Kreml-TV“. Und Putin sei: sein Kumpel.

„Nähe macht möglicherweise befangen. Aber ohne eine Annäherung an eine Person funktioniert auch nicht eine Befragung einer Person. Der Punkt ist ja, wo hört die Nähe auf? Ich bin in diesem Moment Journalist und er ist in diesem Moment Präsident. Wir benutzen uns gegenseitig, um irgendwelche Botschaften weiter zu vermitteln. Das werden Sie nie ausschließen können.“

Freundliche Interviews: Für den harten Frager Tim Sebastian hat das in Deutschland System. Deutsche Interviewer: aus seiner Sicht oft viel zu zahm.

“Auf Deutsch sagt man Interviewpartner. Wir sagen Interviewee. Ich denke euer Begriff klingt freundlicher als er eigentlich ist – zumindest soweit es mich betrifft.”

Zwei Strategien, zwei Interviewer. Bei dem einen kommen Politiker vielleicht zu gut weg – zu dem anderen vielleicht gar nicht.

“Die Entscheidung der Interviewpartner gefällt uns vielleicht nicht. Das ist die Kehrseite, wenn man in einer freien Gesellschaft lebt. Sie wählen, wir wählen. Manchmal freuen sie sich, manchmal wir.”

>> Beitrag in der NDR-Mediathek (Quelle: NDR-“ZAPP”)

Die Bewegtbild-Offensive der Verlage

Reichweitenstarke Ausspielwege über Social Media und leistungsstarke Smartphones ermöglichen Verlagen den Einstieg in den Bewegtbild-Journalismus. Die “Bild” ist ganz vorn dabei

für NDR Fernsehen

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Manuskript des Beitrags
„3, 2, 1…“

Berlin-Kreuzberg, die Regie der „Bild“-Zeitung. Mehrfach täglich gehen Boulevard-Reporter live.

(Auszug)

Hier wird professionell verpackt, was als Signal via Smartphone ankommt. Einfaches und schnelles Programm – gezielt für soziale Netzwerke. Der Anfang vom Umbruch.

OT Julian Reichelt (Chefredakteur bild.de)
„Man kann das Angriff aufs Fernsehen nennen. Man kann es Revolution nennen. Ich nenne es Revolution. Ich glaube, wir sehen tatsächlich eine Revolution, die einen Angriff eigentlich überflüssig macht.“

Diese Revolution hat viele Kinder. Zum Beispiel hier in Regensburg: Die „Mittelbayerische Zeitung“ – seit Jahrzehnten eine Redaktion, in der vor allem geschrieben wird. Jetzt aber auch hier: eine neu Video-Offensive.

(Auszug)

Reporter liefern Interviews per Smartphone zu. Dazu noch die Moderation – fertig ist die die eigene Sendung:

(Auszug)

Der Nachrichtenchef der Zeitung: in der Bewegtbild-Offensive – letztlich, weil Smartphones das Technik-Monopol der Sender gebrochen haben.

OT Christian Kucznierz (Leiter Newsdesk „Mittelbayerische Zeitung“)
„Es ist einfach früher sehr aufwändig gewesen, mit einem Kamerateam irgendwas zu machen und in einer vernünftigen Qualität zu machen. (…) Heute können Sie einfach innerhalb von wenigen Sekunden den Film der ganzen Welt zugänglich machen. Und wie gesagt: Wenn wir da nicht hingehen würden, wo unsere Nutzer und Leser sind in ihrer täglichen Lebenswirklichkeit, wären wir halt schlecht beraten.“

Zu den Sendungen kommen Live-Einsätze. Spektakuläres nicht nur aufschreiben, sondern auch zeigen.

(Auszug)

Die Video-Offensive der Verlage – sie soll nicht als Angriff aufs TV verstanden werden. Stattdessen: Diplomatie.

OT Christian Kucznierz (Leiter Newsdesk „Mittelbayerische Zeitung“)
„Wir sehen uns nicht als Konkurrenz. Wir machen kein Fernsehen. Wir machen Videobeiträge. Ob das eine Lücke ist, in die wir gesprungen sind, weiß ich nicht. Aber wir haben Geschichten und Themen aus der Region, die wir halt auf allen Ebenen erzählen wollen. Und dementsprechend erzählen wir sie jetzt auch mal in Videobeiträgen.“

Und das interessiert die Medienaufseher. Gremiensitzung in Berlin-Mitte. Brauchen Verlag für Videos eine TV-Lizenz? Wenn sie live senden, mitunter schon.

OT Cornelia Holsten (Direktorin Bremische Landesmedienanstalt)
„Das gleiche gilt für das Kriterium des Sendeplans beispielsweise. Also wenn ich als Zuschauer nicht aktiv werden muss, indem ich beispielsweise auf einen Button klicke und dann ein Angebot sehen kann, sondern wenn es von alleine auf mich zukommt, hat der Rundfunkstaatsvertragsgeber vor vielen, vielen Jahren gedacht, ist da so eine Wucht drin, dann braucht das auch eine Zulassung.“

Doch Zeitungen wollen nicht offiziell Fernsehen sein. Axel Springer achtet peinlich genau aufs Rundfunkrecht:

„Lizenzen müssen nur beantragt werden, soweit das Gesetz dies vorsieht. Dies ist bei den Videoformaten von BILD nicht der Fall.“

Sonst könnte es Debatten geben über die Marktmacht von Axel Springer. „Bild“ aber nutzt clever Lücken im alten Rundfunkrecht, sagt zum Beispiel nicht auf die Minute genau, wann sie live geht.

OT Cornelia Holsten (Direktorin Bremische Landesmedienanstalt)
„Sie müssen sich das so vorstellen: Der Rundfunkstaatsvertrag ist so etwas wie ein Opa, den man total gerne mag. Der hat ganz viel erfahren, der hat ganz viel zu erzählen und ganz viel zu geben. Aber in manchen Stellen – ich sage mal: Inlinern können Sie mit dem nicht mehr. Und so ähnlich können Sie mit dem Rundfunkstaatsvertrag jetzt in die Welt von Periscope und Facebook-Live-TV ganz schwer sich da fortbewegen.“

Unterdessen bauen die Verlage aus, allen voran „Bild“: Der Putsch in der Türkei – „Bild“ ist drauf. 15 Jahre „9/11“ – „Bild“ sendet aus New York. Und auch bei Wahlen: „Bild“ geht live.

(Auszug)

OT Julian Reichelt (Chefredakteur bild.de)
„Wenn der Reporter jetzt neuerdings ein iPhone mit dieser Live-Technologie dabei hat, ändert sich an dem Anspruch nichts, die als erster zu haben. Nur die Übertragungstechnik, die ändert sich. Ja? Aber das ist natürlich dann, wenn wir sehen, mit welch enormer, mit welch enormem Ressourcenaufwand wir beim Fernsehen konkurrieren, ist dann natürlich eine besondere Freude mit diesem sehr kleinen Set-Up solche Sachen eben exklusiv und als erster in diese neue Social-Media-Welt zu transportieren.“

Eigenes Programm machen – für Zeitungen auch Zukunftssicherung. Wichtig in Zeiten, in denen Print immer schlechter funktioniert – und das ausgerechnet, weil das Netz Zeitungen unter Druck gebracht hat.

OT Julian Reichelt (Chefredakteur bild.de)
„Ich glaube, das ist durchaus vergleichbar mit dem, was wir sozusagen als alte Print-Industrie die letzten 15 Jahre erlebt haben: Dass wir mal die einzigen waren, die mit Zeitungen Nachrichten, Unterhaltung, Meinung usw. verteilen konnten, und plötzlich mit dem Smartphone jeder seinen eigenen Verteilungsmechanismus für Nachrichten, Unterhaltung usw. in der Hand hatte (…) Wir sind jetzt aber durch das, was im Bewegbild-Bereich geschieht, in der Lage, wieder deutlich offensiver vorzugehen.“

Und so erreicht mit jedem Smartphone-Video auch ein Hoffnungsschimmer die Redaktion – Hoffnung auf den Weg aus der Zeitungskrise.
„Danke fürs Zuschauen! Pfiatdi!“

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“ZAPP”)