Eine Gemeinschaft ringt um ihre Zukunft

Im Juni 1950 wurde die ARD beschlossen – der Aufbau eines bundesweiten Fernsehprogramms. Was die ARD künftig sein soll und wie teuer sie sein darf, ist heute Gegenstand politischer Diskussionen. Unser “Hintergrund” im DLF.

für Deutschlandfunk

— Beitrag gemeinsam mit Marcus Heumann —

— Manuskript des Beitrags —
„This is Radio Hamburg – a station of the allied military government. Hier spricht Hamburg – ein Sender der alliierten Militärregierung.“

Hamburg, 4. Mai 1945 – das sind Geburtsort und Geburtstag des deutschen Nachkriegsrundfunks.

„Radio Hamburg, ein Sender der britischen Militärregierung – das interessierte mich“, erzählt Axel Eggebrecht. „Und am 16. Juni 45, für mich ein unvergesslicher Tag, betrat ich das Funkhaus in der Rothenbaumchaussee.“ Der Schriftsteller und Journalist Axel Eggebrecht, der sich im NS-Regime als Systemgegner mit harmlosen Filmdrehbüchern durchgeschlagen hatte, wird zu einem der ersten deutschen Mitarbeiter bei Radio Hamburg, das ab September 1945 als „Nordwestdeutscher Rundfunk“, kurz NWDR, die gesamte britische Zone und Berlin versorgt.

Obwohl er beim Vorstellungsgespräch einiges Misstrauen überwinden muss: „Auf allen Gängen standen Tommies mit aufgepflanztem Bajonett, und schließlich kam ich zu einem Captain Everitt, der so etwas wie ein Programmleiter war. ‚Wann haben Sie zum letzten Mal eine Sendung gemacht?‘ fragte er mich. Ich sagte: ‚Am 6. Februar 1933, seitdem hatte ich leider keine Möglichkeit mehr.‘ Er musterte mich mit unverhohlener Ironie: ‚Aha, wieder ein Anti-Nazi – wie jetzt alle Deutschen. Da haben wir uns wohl etwas geirrt.‘“

Ab Oktober 1946 unter der Leitung von Hugh Carleton Greene, dem vormaligen Chef des Deutschen Dienstes der BBC, wird der NWDR, der sich erst zehn Jahre später in NDR und WDR aufspaltet, zur Keimzelle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland. Greene im Juni 1947: „Für die SPD und KPD ist der NWDR antimarxistisch, und für die CDU ist er marxistisch. Es scheint mir, dass dem NWDR in aller Bescheidenheit erlaubt werden könnte, zu dem Schluss zu kommen, dass er in seinen Bemühungen, unparteiisch und überparteilich zu sein, nicht nur Misserfolge aufzuweisen hat.“

„Greene hat sozusagen die Grundfundamente eines unabhängigen Journalismus den Deutschen beigebracht und immer wieder betont, wie wichtig es sei, dass Leute festangestellt seien und deshalb nicht abhängig, auch kritisch gegenüber dem Staat zu sein; was man den Deutschen ja auch lange beibringen musste“, sagt Bernd Gäbler, Medienwissenschaftler, Journalist und früherer Leiter des Grimme-Instituts.

1948 und 1949 werden – parallel zur Entstehung des Grundgesetzes, das Presse- und Rundfunkfreiheit garantiert – in den Westzonen die deutschsprachigen Sender aus alliierter Kontrolle entlassen. Nach dem Muster des NWDR entstehen Anstalten des Öffentlichen Rechts: zunächst der Bayerische Rundfunk in München, der Süddeutsche Rundfunk in Stuttgart, der Südwestfunk in Baden-Baden, Radio Bremen und der Hessische Rundfunk in Frankfurt am Main. Dabei verteidigen die West-Alliierten eisern ihr Konzept des Rundfunks als gesamtgesellschaftliches Eigentum gegen alle Einmischungsversuche aus der Politik.

Im Juni 1950 schließlich, vor 70 Jahren, versammeln sich die sechs Sender unter dem Dach einer „Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands“: Die ARD, zu Beginn nur mit Hörfunksendern, finanziert durch Gebühren der Bürger, ist geboren.

„Hier spricht Deutschland! Aus Baden-Baden hörten Sie eine Gemeinschaftssendung zu den Wahlen in der Sowjetzone“: Das erste Projekt der ARD richtet sich an Hörer in der DDR: Für sie produziert der Senderverbund erstmals zu den Volkskammerwahlen im Oktober 1950 Gemeinschaftssendungen, die von allen ARD-Anstalten ausgestrahlt und neben den Sendungen des US-kontrollierten RIAS Berlin zu einer wichtigen Informationsquelle für die Menschen „drüben“ werden.

Schon wenige Monate nach ihrer Entstehung gründet die ARD ein gemeinsames historisches Schallarchiv, das heutige Deutsche Rundfunkarchiv. Eine Kommission soll ein gemeinsames bundesweites Fernsehprogramm aufbauen – mit Zulieferungen von allen regionalen Sendern.

Der regelmäßige Fernsehdienst startet, betreut vom NWDR in Hamburg, am 1. Weihnachtstag 1952, zunächst nur in Norddeutschland. Noch sind es nur ein paar hundert Zuschauer, die schon am Tag darauf auf der Mattscheibe die Geburt jener Sendung verfolgen können, die bis heute zum Markenkern der ARD gehört: die Tagesschau.

Schon in ihrer Titelmusik kann die Tagesschau der frühen Jahre nicht die Nähe zur Kino-Wochenschau verleugnen; einen Nachrichtensprecher gibt es auf dem Bildschirm erst ab 1960.

Die Beliebtheit des Fernsehens wird beflügelt durch erste Liveübertragungen wie die der Krönung Queen Elizabeths im Juni 1953 oder des deutschen Triumphes bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954. Doch erst im November 1954 startet das bundesweite „Deutsche Fernsehen“ unter dem Signet der ARD, nachdem alle zuliefernden Anstalten technisch miteinander vernetzt sind.

Viele Sendereihen und Bildschirm-Stars werden ab Mitte der 50er Jahre zu regelrechten Ikonen des ARD-Programms, vom „Internationalen Frühschoppen“ über das „Wort zum Sonntag“ bis zur „Augsburger Puppenkiste“, von Peter von Zahn über Robert Lembke bis zu Hans-Joachim Kulenkampff und Peter Frankenfeld.

Und auch die Tagesschau entwickelt sich schnell weiter. Statt einem bunten Themenkaleidoskop in Wochenschau-Manier dominiert nun die aktuell-politische Berichterstattung. Daran hat sich bis heute ebenso wenig geändert wie an der 1956 erneuerten Erkennungsmelodie – aus der „Hammond-Fantasie“ von Hans Carste.

„Wir haben als erster 1957 eine Strichliste führen müssen über die politischen Parteien, wer dran war: SPD, CDU und so weiter“, erzählte der erste Tagesschau-Chefredakteur Martin S. Svoboda 1990 im Gespräch mit früheren Mitarbeitern wie dem NDR-Redakteur Jürgen Schröder Jahn: „Ich kann mich erinnern, dass der Svoboda der undiplomatischste Chef war, den ich je hatte. Das ging doch bis zu strengen Verweisen an einflussreiche Politiker, nicht bei der Mittagskonferenz anzurufen. Ich erinnere mich, dass der damalige Bundesinnenminister Schröder die Unverschämtheit besaß, uns zu stören während unserer Mittagskonferenz, und er dann gesagt hat: ‚Jetzt haben wir keine Zeit, Herr Schröder, rufen Sie später wieder an!‘“

Die Einmischungsversuche der Politik in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gipfeln Ende der 50er Jahre im Versuch Konrad Adenauers, ein zweites, privat finanziertes, aber unter Regierungskontrolle stehendes Fernsehprogramm aufzubauen. Mehrere SPD-regierte Bundesländer antworten mit der Anrufung des Bundesverfassungsgerichts. Und das spricht in seinem sogenannten „1. Fernsehurteil“ 1961 wegweisende Worte.

Bernd Gäbler: „‚Die Staatsferne der elektronischen Medien ist ein hohes Gut‘, und ab diesem Fernsehurteil 1961 gibt es in unserer Gesellschaft einen Pfeiler, auf dem das ganze öffentlich-rechtliche System ruht und sich immer wieder darauf berufen kann.“

Damit sind des Kanzlers Träume eines Regierungsfernsehens dahin. Aus der Konkursmasse des havarierten Adenauer-Fernsehens entsteht 1963 das ZDF – als eine von den Bundesländern gemeinsam getragene öffentlich-rechtliche Anstalt.

Durch die Popularität des Fernsehens wird der ARD-Hörfunk in den frühen Sechzigern in die Defensive gedrängt. „Diversifizierung“ heißt die Antwort, das Radioprogramm wird für verschiedene Zielgruppen zurechtgeschnitzt. Es entstehen Spezialsendungen und später eigene Rundfunkwellen; von fremdsprachigen Programmen für die sogenannten Gastarbeiter bis zu Pop-, Klassik-, Kultur- und Servicewellen. Und schon 1962 – als einziger überregionaler Sender – der Deutschlandfunk, damals vor allem als Informationssender für Hörer in der DDR konzipiert. Sein Pendant für das Ausland ist die im selben Jahr geschaffene „Deutsche Welle“.

Ab Mitte der 80-er Jahre müssen sich die Öffentlich-Rechtlichen dann doch noch privater Konkurrenz erwehren, als mit RTL und SAT1 die ersten kommerziellen TV-Sender auf der Mattscheibe auftauchen. Doch auch dem neuen, sogenannten „dualen System“ setzt das Bundesverfassungsgericht Grenzen – gleich durch mehrere Rundfunkurteile.

Medienforscher Gäbler: „Das eine, das Öffentlich-Rechtliche ist die Basis, dann darf es auch das andere geben. Aber nie andersherum.“

Die deutsche Einheit wird auch für die ARD zu einem Kraftakt: Der DDR-Rundfunk wird integriert – journalistische Kontrahenten von einst sitzen nun mitunter Schreibtisch an Schreibtisch in der gleichen Redaktion.

Heute, 70 Jahre nach ihrer Gründung, zählt die ARD – nach diversen Umstrukturierungen und Fusionen – neun öffentlich-rechtliche Anstalten. Die betreiben jeweils ein Drittes Programm, gemeinschaftlich das Erste, tagesschau24 und den Film- und Dokumentationskanal One. Dazu kommen etwa 60 Radiosender und moderierte Livestreams im Netz sowie gemeinsame Programme mit dem ZDF und Sendern im Ausland: der KiKa, Phoenix, 3sat und Arte. Die ARD ist groß.

Aber was soll sie künftig eigentlich sein und was darf das kosten? Darüber wird aktuell besonders intensiv diskutiert: Nach elf Jahren soll der Rundfunkbeitrag ab Januar 2021 steigen, um 86 Cent auf 18,36 Euro pro Haushalt im Monat. So hat es die Finanzkommission KEF, die die Beitragshöhe regelmäßig überprüft, im Frühjahr vorgeschlagen.

Ob es dazu kommt, hängt von den Landesparlamenten ab, die der Erhöhung in den kommenden Monaten alle zustimmen müssen. Davor müssen – voraussichtlich bei ihrem nächsten Treffen Mitte Juni – auch noch alle Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten zustimmen.

Tom Buhrow – früher Moderator der „Tagesthemen“, heute Intendant des WDR – und aktuell ARD-Vorsitzender: „Wir sind immer in einem gesellschaftlichen Spannungsfeld tätig, das ist ganz klar. Das war über die sieben Jahrzehnte so, die es uns gibt. Eine Signalwirkung – nicht von der Politik, sondern von der Gesellschaft insgesamt ist, dass sie sehen will, dass wir uns der Zukunft zuwenden, dass wir Angebote machen, die ihnen nutzen und dass wir im digitalen Raum mehr machen.“

Mit funk betreibt die ARD – auch hier gemeinsam mit dem ZDF – inzwischen ein „Content-Netzwerk“. funk hat keinen eigenen Sender, sondern veröffentlicht seine etwa 70 Formate vor allem in sozialen Netzwerken, auf Youtube oder Instagram – dort, wo das Publikum der Zukunft ist.

Die ARD, sagt Tom Buhrow, stecke aber in einem Dilemma: „Eigentlich muss man ja in solchen Zeiten des Wandels in die neue Technik, in die neue Verbreitungsform mehr investieren, um da attraktiv zu sein fürs Publikum und für die Nutzerinnen und Nutzer. Man kann das alte aber auch nicht lassen, denn das sind die treusten unserer treuen Zuschauerinnen und Zuschauer und Hörerinnen und Hörer.“

Dazu kommt die heikle politische Stimmungslage. Mit der AfD sitzt in allen Landesparlamenten eine Partei, die oft von „Staatsfunk“ spricht und den Rundfunkbeitrag abschaffen will. Dabei sorgt gerade der für Staatsferne: Das Geld für die Sender kommt – abgesehen von der Deutschen Welle – nicht aus dem Staatshaushalt und kann deshalb auch nicht mal eben gekürzt werden, wenn einer Regierung das Programm nicht passt.

Die FDP, die an drei Landesregierungen beteiligt ist, steht wie die übrigen Parteien grundsätzlich zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie will ihn aber spürbar kürzen: Unterhaltung und Sport könnten doch auch private Sender.

Auch Teile der Union wünschen sich eine andere ARD, so wie Rainer Robra, der Chef der Staatskanzlei in Sachsen-Anhalt: „62 Jahre der 70 Jahre der ARD habe ich bewusst miterlebt. Wir haben 1958 den ersten Fernsehapparat bekommen. Also insofern kenne ich das noch als den Funk der deutschen Länder.“

Die ARD solle sich wieder stärker abgrenzen von den nationalen Angeboten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, vor allem vom ZDF. Ein Rückbesinnen auf die Wurzeln, bei denen auch im Ersten bewusst aus den Regionen geschaltet worden sei, um die politische und gesellschaftliche Realität der Bundesrepublik abzubilden.

„Nicht Berlin als Paris, alles kommt von dort aus, oder als London oder als Madrid. Keine zentralstaatliche Verfassung, sondern ein Leben von unten aus den Regionen bis in die höchste politische Ebene. Und da noch mehr in der ARD übereinander und voneinander zu erfahren und miteinander zu besprechen, das halte ich für die eigentliche große Zukunftschance der ARD.“

Die ARD hat auf diese Forderungen reagiert. Seit Ende Mai haben die „Tagesthemen“ mehr Sendezeit – zunächst freitags, später auch an anderen Tagen. Moderatorin Caren Miosga sagte zum Start der Veränderung: „Wie sieht der Alltag der Menschen in Deutschland aus? Welche Geschichten haben sie zu erzählen? Ab heute wollen wir uns regelmäßig Zeit nehmen, noch genauer hinzuschauen und reisen quer durch die Republik in unserer neuen Rubrik ‚Tagesthemen mittendrin‘.“

Kritiker wie CDU-Politiker Rainer Robra begrüßen diesen Schritt. Allein: „Das reicht mir zugegebenermaßen noch nicht. Aber ich finde es ein sehr wichtiges Signal auch gegenüber der Diskussionen, die eben auch stark dadurch getrieben wird, gerade auch aus Ostdeutschland, dass man den Eindruck hat, noch nicht wirklich voll von der ARD akzeptiert zu sein und noch nicht voll in der Gemeinschaft der Länder im Rundfunk angekommen zu sein.“

Will heißen: Die ARD sollte den Mitteldeutschen Rundfunk nicht nur formal zu ihren Mitgliedern zählen, sondern dieses Sendegebiet auch ganz selbstverständlich bundesweit abbilden. Manch ein Unionspolitiker in den Landesparlamenten mahnt zudem, die ARD, die zuletzt aus dem Rundfunkbeitrag 5,6 Milliarden Euro bekam, müsse sich „gesundschrumpfen“ – zumal in Zeiten der Coronakrise, unter der viele Bürgerinnen und Bürger litten.

Tatsächlich sind im öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem längst Sparmaßnahmen angelaufen. Neben der ARD betonen auch Deutschlandradio und das ZDF, Kooperationen hinter den Kulissen – bei Technik und Verwaltung – seien von großer Bedeutung. Deutschlandradio ist darüber hinaus vertraglich verpflichtet, eng mit ARD und ZDF zusammenzuarbeiten. Viele bauen seit Jahren Stellen ab und streichen Angebote – auch, weil sie davon ausgehen, dass die geplante Erhöhung des Rundfunkbeitrags nicht reichen wird, um in den nächsten vier Jahren, solange dauert die nächste Beitragsperiode, die laufenden Kosten zu decken.

Wie eins ist die ARD noch in ihrem 70. Jahr? WDR-Intendant und ARD-Vorsitzender Tom Buhrow will so viel Gemeinschaftssinn erhalten, wie möglich. Leicht werde das aber nicht. „Das muss eine Balance sein zwischen dem, was man in der eigenen Landesrundfunkanstalt an Sparmaßnahmen und an Kürzungen macht und dem, was in der Gemeinschaft an Kürzungen vorgenommen werden muss. Das ist ein schwieriger Prozess. ”

Über den in den kommenden Monaten auch in den 16 Landesparlamenten intensiv diskutiert werden wird, wenn es um die geplante Beitragserhöhung und damit verbundene Sparmaßnahmen geht. Bisher ist auch noch nicht klar, ob alle Parlamente zustimmen. Als Wackelkandidat gilt vor allem Sachsen-Anhalt, aber zum Beispiel auch Sachsen.

Die Zukunft der ARD – wie auch von Deutschlandradio und dem ZDF – sieht Bernd Gäbler trotz dieser Debatten nicht grundlegend gefährdet. Der Medienwissenschaftler warnt aber auch davor, dass die Intendantinnen und Intendanten in dieser entscheidenden Zeit allzu selbstbewusst auftreten:

„Es gibt eine Gefahr, die ich sehe. Die liegt darin, dass die Sender-Verantwortlichen ihren Auftrag überhöhen. Wenn ein Intendant sagt ‚Die Gebühr ist eine Demokratieabgabe‘ oder ‚Wir sind der Kitt für die Gesellschaft’ – das ist eine Anmaßung! Wenn man diesen Anspruch hat, dann führt das immer zu einem Überhang der Didaktik gegenüber dem Handwerk, immer dazu, dass ich als Medien die Leute zu einem Zusammenhalt erziehen will, obwohl die Gesellschaft sich innerlich pluralisiert. Man muss aufpassen, dass man Arenen der Meinungsbildung organisiert, aber nicht sich begreift als Erzieher des Volkes.“

>> Download MP3 (Quelle: DLF-“Hintergrund”)

Regierungs-PR als Konkurrenz für Journalisten?

Während Hauptstadtkorrespondenten über schwere Zugänge in den politischen Maschinenraum klagen, startet die Bundesregierung mit ihren Experten einen eigenen Podcast.

für NDR Fernsehen

— Beitrag gemeinsam mit Caroline Schmidt —

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>> Beitrag in der ARD-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

120 Anfragen an einem Tag

Die Sprecherin des Robert-Koch-Instituts schafft es nicht mehr, alle Anfragen zu beantworten. Wird aus der Corona-Krise eine Informationskrise?

für taz

Susanne Glasmacher leitet die Pressestelle des Robert-Koch-Instituts (RKI) schon seit 20 Jahren. Krisen hatte sie immer wieder: Sars, die Schweinegrippe und auch Ehec. Doch nichts davon war so belastend wie Corona. „Damals gab es mal einen Tag mit 100 Anfragen, jetzt schon seit über drei Monaten täglich.“ Allein an einem „vergleichsweise ruhigen Tag“ Mitte April habe ihre Pressestelle 120 E-Mails erreicht. „Das ist schon brutal viel.“

Für das Abarbeiten von Presseanfragen seien sie eigentlich nur zu zweit. In Krisen kämen noch mal ein bis zwei Kolleginnen dazu. „Das war’s“, sagt Glasmacher. Und dann erzählt sie von der aktuellen Überforderung. „Mein Leitbild war stets: Antworte allen. Das haben wir auch eine ganze Weile noch geschafft. Aber irgendwann mussten wir das aufgeben. Es ist nicht mehr zu schaffen.“ Sie sortiere nun, vor allem nach der Reichweite der Medien.

Die Wissenschaftspressekonferenz hat mit der Coronakrise einen „Krisenstammtisch“ gegründet. An den Videokonferenzen nehmen bis zu 30 Fachjournalist:innen teil. „Viele haben erzählt, dass sie bei einzelnen Pressestellen telefonisch gar nicht mehr durchkommen und auch auf E-Mails oft keine oder nur sehr knappe Reaktionen erhalten“, sagt Medizinjournalistin und Vorstand Nicola Kuhrt.

Die Lage am RKI, dem „derzeit für die wissenschaftliche Berichterstattung entscheidenden Nadelöhr“, sei schwierig, aber auch bei anderen Instituten, Universitäten und Gesundheitsministerien beim Bund und bei den Ländern.

Die Großen haben es leichter

„Wir sind dort gut vernetzt“, sagt Kuhrt, die selbst das Portal Medwatch mitgegründet hat und sonst für diverse Magazine berichtet. Expert:innen wollten sich bei öffentlichen Äußerungen aber mit ihrer Pressestelle abstimmen. „Das ist natürlich völlig in Ordnung. Es hilft aber nicht, wenn die Pressestelle dann drei Tage nicht erreichbar ist.“

Vor allem in den großen Sendern halten sich die Schwierigkeiten in Grenzen. Der WDR, bei dem die Wissenschaftsredaktion Quarks angesiedelt ist, meldet mit der Frage, welche relevanten Fragen im Kontakt von Politik und RKI auf der Strecke blieben: „Nach unseren bisherigen Erfahrungen keine.“ Und für den Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios, Theo Koll, sind die Informationszugänge „insgesamt gut in dieser Krisenphase“, auch zu politischen Akteuren – „als hätten sie plötzlich abends alle Zeit“. Es gibt aber auch andere Erfahrungen.

NDR-Journalist Christian Baars recherchiert für „Tagesschau“ und „Panorama“. „Manchmal geht es richtig schnell, bei anderen Anfragen muss ich nachhaken“, sagt er über das RKI – wenngleich er Verständnis habe: „Gerade das RKI wird zugeballert mit Anfragen.“

Ein größeres Problem habe er ohnehin mit dem Bundesgesundheitsministerium: „Dass da konkrete Fragen beantwortet würden, kann ich leider nicht berichten.“ Schon „ein paarmal“ habe er gar keine Antwort erhalten, und wenn, dann nur „allgemeine Statements“. Das sei schon früher so gewesen. „Aber es ist gerade in dieser Situation wahnsinnig unbefriedigend.“

Verweis auf Zeitungsartikel

Als Baars zu Beatmungsgeräten recherchierte, habe er nur einen Verweis auf eine Pressekonferenz und auf einen Zeitungsartikel erhalten – „nach ganzen zwei Tagen“. Medizinjournalistin Kuhrt hatte für den Stern zum selben Komplex Fragen gestellt. „Die Antwort kam auch, aber eine Woche später“, berichtet sie. „Da war das Stück längst gedruckt.“ Was sie nicht weiß: Warum die Antwort dauerte. „Solche Hinweise bleiben derzeit auf der Strecke. Da hält sich mein Verständnis für Verzögerungen eher in Grenzen.“

Die Wissenschaftspressekonferenz hat in einem offenen Brief bessere Informationszugänge angemahnt. „Nach der Veröffentlichung gab es einige Gespräche“, berichtet Kuhrt. „Wir wissen, dass sich viele ernsthaft bemühen. Und dennoch sagen wir auch heute noch: Wir wünschen uns eine größere Unterstützung und auch eine Wertschätzung unserer Arbeit.“ Mit besseren Erklärungen könne zudem die Akzeptanz der Maßnahmen steigen.

Könnten Journalist:innen ihre Anfragen koordinieren? RKI-Sprecherin Glasmacher berichtet immerhin: Sie erreiche „aus größeren Häusern Anfragen zur gleichen Fragestellung aus ganz unterschiedlichen Redaktionen“. Bei den Jour­na­lis­t:in­nen heißt es indes: Die Anforderungen etwa einer Nachrichtensendung oder -seite für schnelle Reaktionen sei anders als die eines Polit- oder Nachrichtenmagazins, das eher an Details interessiert sei. Also ist das eher keine Lösung.

Eine andere Möglichkeit wären Datenbanken mit Antworten auf bereits gestellte Fragen. Damit würden Kapazitäten frei für neue Recherchen. Die Wissenschaftspressekonferenz überlegt zudem, gemeinsam mit der Bundespressekonferenz Vertreter:innen aus Wissenschaft und Politik einzuladen. „So könnten Kolleg:innen sowohl des Wissenschafts- als auch des Politikressorts gleichzeitig teilnehmen“, sagt Kuhrt. „Expertinnen und Experten müssten sich dann auch nicht mehr überlegen, wofür sie überhaupt Zeit haben.“

Machtverschiebung in der Kommunikation

Das Kölner Science Media Center, das auf eine Initiative der Wissenschaftspressekonferenz zurückgeht und von Stiftungen und Spender:innen finanziert wird, organisiert bereits seit Jahresbeginn „Pressebriefings“ zu Corona. An den Veranstaltungen nehmen neben Wis­sen­schaft­ler:innen zwischen 25 und 90 Journalist:innen teil.

Volker Stollorz, Leiter des Zentrums, beobachtet aber auch „eine Machtverschiebung“: Institutionen laden zunehmend selbst zu Runden ein. Dann würden aber nicht Journalist:innen moderieren, sondern die Wissenschaft sich selbst. Vor allem bei den Pressekonferenzen des RKI rate er zur Umsicht. Da es dem Bundesgesundheitsministerium unterstellt sei, falle es eher nicht unter die Wissenschaftsfreiheit. Klar erkennbar sei dann auch das „One Voice Prinzip“: Auf den pro Woche zwei Pressekonferenzen des RKI spreche nur die Hausleitung. Abweichende Meinungen seinen keine zu hören, obwohl Diskurs zwingend Teil der Wissenschaft sei.

RKI-Sprecherin ­Glasmacher sagt wiederum, ihre Ex­per­t:in­nen müssten in dieser Lage sehr viel bewältigen und daneben auch wissenschaftlich pu­bli­zieren. Gespräche mit Medien seien „in dieser Situation nur im Ausnahmefall möglich“. Ihren kleinen Apparat mal eben aufstocken, das funktioniere auch nicht. Und PR-Agenturen wären eher Risiko statt Hilfe: „Jede ungeschickte oder unpräzise Aussage wäre in der angespannten Lage ein Problem.“

Wenn sie sich etwas wünschen könnte, sagt Glasmacher, dann wäre es, dass mehr Jour­na­lis­t:innen Verständnis hätten für ihre Situation. Sie tue jedenfalls mit ihrem Team, was sie könne, um so viele Anfragen wie möglich abzuarbeiten. Allein: „Wenn uns dann noch Einzelne in vier Tagen fünf Fragenkataloge schicken und dazu mehrfach anrufen, um ihrer Sache Nachdruck zu verleihen, dann fragen wir uns schon, ob das sein muss.“

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de


Das Vorschaubild zeigt einen Blick ins Hochsicherheitslabor des Robert-Koch-Instituts. Foto: RKI

Die Corona-Pandemie und die Medien

Fernsehsender finden in Corona-Zeiten so viel Zuspruch wie selten zuvor. Zugleich trifft der weitgehende Stillstand des öffentlichen Lebens vor allem die Printmedien hart. Meine “Gedanken zur Zeit” für NDR Kultur.

für NDR Kultur

— Manuskript des Beitrags —
Medien werden gebraucht. Das ist die einfache Botschaft dieser Tage. Öffentlich-rechtliche Sender erleben einen erstaunlichen Zuspruch. Mehr als 15 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer sind bei der „Tagesschau“ derzeit nicht die Ausnahme, sondern die neue Regel – wohlgemerkt: allein um 20 Uhr und allein im klassischen Fernsehen. Dazu kommen viele weitere Angebote, etwa in sozialen Netzwerken bis hin zur jungen Plattform TikTok. Und da ist der tägliche NDR-Podcast mit dem Virologen Christian Drosten – 20 Minuten Tiefgang statt bloß die viel kritisierten „1:30“ aus dem Nachrichtengeschäft. Plus neue Angebote für Daheimbleiber: Radio und Fernsehen für Kinder und Jugendliche erfährt eine plötzliche Renaissance.
Natürlich: Beizeiten wird wieder über alle Ausformungen und Dimensionen von ARD, ZDF und Deutschlandradio diskutiert werden – und auch diskutiert werden müssen. Aber: Die Frage, ob es öffentlich- rechtliche Sender überhaupt braucht, stellt zurzeit fast niemand mehr. Sie scheint sich erledigt zu haben. Zumindest vorerst. Dankbarkeit über tägliche Sondersendungen und auch über die letzten Kulturübertragungen, die sonst ohne Publikum wären, überwiegen.

Das gilt im Übrigen auch für viele Informationsangebote kommerzieller Sender. Die Mediengruppe RTL Deutschland jubiliert ebenso über ein enormes Interesse an ihren Corona-Angeboten. Damit ist nicht etwa die Webcam-Show mit Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Oliver Pocher gemeint, die „Quarantäne-WG“ – sie wurde mangels Interesse schon wieder abgesetzt. RTL berichtet von „rapide schrumpfenden“ Zuschauerzahlen. Skype-Bilder aus Wohnzimmern erschöpfen sich eben doch schnell. Das wird auch Informations-Profis noch auf eine Probe stellen: Für permanente Schalten in die Wohn- und Arbeitszimmer der Reporter werden sich die Sender etwas einfallen lassen müssen, wenn sie auch optisch nicht zu sehr abfallen wollen.
Das mit dem Zuspruch gilt auch bei den Privatsendern für das Informationsprogramm: Mehr als 30 Millionen Menschen will die Kölner RTL-Gruppe damit nach eigenen Angaben auf allen Kanälen an einem einzigen Tag erreicht haben. Und auch Verlage melden Positives: nie dagewesene Klick-Raten auf Nachrichtenportale im Netz, Hamsterkäufe bei Zeitschriften, Rekorde bei Online-Abonnements für Regionalzeitungen. Diese recherchieren zur Lage des Gesundheitssystems vor Ort, des Kreiskrankenhauses etwa oder des örtlichen Gesundheitsamtes – und sie sind so auch das lokale Rückgrat für die nationalen und regionalen Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender.

Unsicherheit, wie sie sich derzeit vielfach breitmacht, über das Virus selbst, über die aktuelle Lage und ihre möglichen Folgen, ist außerdem der perfekte Nährboden für Gerüchte, Spekulationen und Desinformation –die gerade in sozialen Netzwerken verbreitet werden. Medien helfen, kursierende Fake News einzudämmen, indem sie Präsenz zeigen auf Facebook, auf Twitter und auf Instagram. Auch hier verbreiten sie ihre Recherchen und Analysen. Das stabilisiert die Gesellschaft, baut unnötiger Panik vor. Und auch auf diesen Kanälen zeigt sich: Vieles, was Redaktionen recherchiert haben, wird intensiv geteilt.

Medien scheinen Krisenprofiteure zu sein. Der genauere Blick aber offenbart: Viele sind auch so bedroht wie nie. Klar, der Rundfunkbeitrag sorgt in solchen Zeiten für Sicherheit – und damit auch für eine Absicherung der journalistischen Grundversorgung. Hier droht vielmehr, dass Corona auch in den Sendern die Mannschaften zu sehr schwächt.
In Österreich haben einige Journalistinnen und Journalisten zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus der Sendetechnik ihre eigene „Corona-WG“ eröffnet: Der ORF hat eine Isolierstation eingerichtet, wie ein Krankenhaus. Dort lebt nun ein Kernteam, damit es sich gar nicht erst draußen anstecken kann.

Soweit ist noch kein Sender in Deutschland. Die „Tagesschau“ hat – wie viele Redaktionen – zunächst mehrere Teams aufgebaut, die räumlich getrennt voneinander arbeiten, teils sogar zurückgezogen zu Hause. Arte hat bereits mehrere Tage lang seine Nachrichtensendung gestrichen. Es gab zu viele Coronafälle in den eigenen Reihen. Auch erste Radiosender in der ARD mussten Programm zusammenlegen. Und wir stehen erst am Anfang der Pandemie.

Bedroht ist aber vor allem der Journalismus, der sich durch Verkauf des eigenen Produkts und durch Werbung finanziert. Zur Unsicherheit über die gesundheitliche Lage kommt nämlich der wirtschaftliche Niedergang dazu: Unternehmen und Kulturinstitutionen haben im großen Stil Anzeigen storniert. Die Betreiber von Supermärkten etwa, heißt es beinahe verzweifelt in Verlagen, bräuchten keine Schnäppchen- Prospekte mehr drucken und verteilen zu lassen. Ihnen würden auch so die Regale leergekauft. Und wo kein Konzert, wo keine Lesung und wo kein Sportereignis stattfindet, da fällt auch die Werbung dafür aus. Gerade bei Lokalzeitungen macht Werbung oft noch immer etwa 40 Prozent aller Einnahmen aus, auch wenn sich das langsam, aber sicher zugunsten der Abobeiträge verschiebt, gerade im Digitalen.

Alles hängt mit allem zusammen, auch im Journalismus. Viele Reporterinnen und Reporter leben von Veranstaltungen – im Sport, in der Kultur, in den Regionen. Nun haben viele weniger oder nichts mehr zu tun. Zeitungen drucken statt Sportseiten Rätsel und Kochtipps. Allenfalls Kindernachrichten boomen in der Krise. Wer Kindern erklären kann, was da gerade auf der Welt und mit uns passiert, warum sie nicht mehr einfach auf den Bolzplatz dürfen, in die Schule oder zu Freunden, ist gefragt. Bei den meisten anderen aber ist Ebbe.

Wie viele Journalistinnen und Journalisten werden – wirtschaftlich gesehen – überleben? Wie viele Verlage, also auch Zeitungen? Es geht um viel. Damit Zeitungen eine womöglich monatelange Krise durchstehen können, brauchen sie Einnahmen. Wer fordert, Verlage mögen ihre Berichterstattung dieser Tage doch vor ihre „Paywalls“ holen, ihre Bezahlschranken, also kostenpflichtigen Angebote, mag dabei ein nobles Ziel verfolgen: dass die Gesellschaft aufgeklärt wird in schwierigen Zeiten. Doch riskieren jene, die das fordern, Totalausfälle im Lokaljournalismus oder dass sich am Ende der Staat im großen Stil an Verlagen beteiligen müsste, um sie zu retten – Journalismus ist dieser Tage immerhin auch offiziell systemrelevant.

Wer kann, sollte also unbedingt für Journalismus Geld ausgeben. Nur so können Verlage überleben, die nicht das Privileg und den Schutz des Rundfunkbeitrags genießen. Nur so schauen auch im Lokalen Journalistinnen und Journalisten hin, wie das Gesundheitssystem mit der gigantischen Herausforderung Corona klarkommt. Was es konkret heißt, wenn der Staat Grundrechte wie die persönliche Freiheit einschränkt. Und welche Folgen das hat für Betriebe und Kultureinrichtungen, für unser Leben insgesamt. In der Krise ist Solidarität gefragt, auch mit Medien. Gerade mit lokalen. Auch sie leisten derzeit Bemerkenswertes.

Nur ein Beispiel: Die „Nordsee-Zeitung“ aus Bremerhaven hat gerade eine Sonderausgabe produziert. Die Journalistinnen und Journalisten informieren in 13 Sprachen über das mitunter tödliche Virus, den richtigen Schutz und wichtige Kontakte vor Ort. Verteilt wurde diese Ausgabe an diesem Sonntag frei an alle Haushalte, damit auch zugezogene Mitbürgerinnen und Mitbürger aus dem Ausland alle relevanten Informationen erhalten. Für ihre tagesaktuellen Ausgaben verlangt aber auch die „Nordsee“-Zeitung im Netz Geld.

Aber was, wenn einem in dieser Zwangspause selbst fast alles genommen wurde – die eigene Arbeit, der eigene Betrieb? Was, wenn sich jemand tatsächlich Abonnements nicht leisten kann? Warum sollte der- oder diejenige außen vor bleiben bei relevanten, lokalen Informationen? Auch dafür hat unsere Gesellschaft eine Lösung: Bibliotheken bieten Zugriff auch auf viele Zeitungen und Zeitschriften, auf ePaper, per Online-Ausleihe. Ja, das ist umständlicher als direkt auf die Portale zu gehen und hinter die sonst üblichen Bezahlschranken schauen zu können. Aber es muss niemand auf der Strecke bleiben, der auch recherchierte lokale Informationen sucht. Das System funktioniert. Aber eben auch nur, solange Zeitungen grundsätzlich finanziert werden.

>> Download MP3 (Quelle: NDR Kultur)

radioeins-“Medienmagazin” vom 28. März 2020

In unserer radioeins-Sendung sprachen Jörg Wagner und ich unter anderem mit RTL-Chefredakteur Michael Wulf über das Medienmachen in Zeiten von Corona.

für radioeins

— Zeitmarken dieser Sendung —

[00:00] INTRO: Maskenbasteln mit RTL | [01:54] Internationale Corona-Medienschau | [12:37] Die aktuelle Lage der Stadtmagazine und Zeitschriften | [23:41] RTL im Corona-Modus | [34:03] Programm-Tipp: Der Inforadio-Podcast – Die erzählte Recherche | [42:11] Bonus: Sendungskritik

>> Download MP3 (Quelle: radioeins/Jörg Wagner)

Radiojournalismus im Corona-Modus

In der Coronakrise gilt: Wer nicht in einem Funkhaus sein muss, soll zuhause arbeiten. Tatsächlich ist das auch für Radiojournalist*innen kein besonderes Problem mehr. Ich erkläre, wie ich arbeite.

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Krise für freie Journalisten

Viele Medien reduzieren wegen des Coronavirus ihr Angebot, das öffentliche Leben steht still. U.a. für WDR5 habe ich mir angesehen, was das für Autor*innen heißt.

für WDR5

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

Verwaist und prekär fürs System

Leere Newsrooms, getrennte Teams, maue Auftragslage: Für die taz bin ich der Frage nachgegangen, was die Krise mit den Medien und ihren Journalist*innen macht.

für taz

Ein Laptop, eine Maus, eine Tastatur und drei Monitore, dann kann es losgehen: Der Onlineauftritt des Spiegels entsteht dieser Tage auch an einem Esstisch im Norden der Republik – zu Hause, bei einem der sogenannten Chefs vom Dienst. Der Newsroom an der Hamburger Ericusspitze ist genauso weitgehend verwaist wie das größte journalistische Großraumbüro der Republik – der Newsroom der Deutschen Presseagentur in Berlin.

Nachdem ein Mitarbeiter Kontakt zu einem Corona-Verdachtsfall hatte, arbeiten die Redakteur*innen der dpa-Zentrale von draußen. In dem 2.200 Quadratmeter großen Büro hält Chefredakteur Sven Gösmann die Stellung, zusammen mit zwei Assistentinnen, einem Techniker und seinem Nachrichtenchef. Der hat auf Twitter „Die große Leere – der Film“ zur Aufführung gebracht, einen Rundgang durchs redaktionelle Nichts.

„Wenn man sich überlegt, dass sonst mindestens 250 Menschen hier arbeiten, ist das ein verdammt stiller Raum“, sagt Gösmann. Konferiert wird nun per Videoschalte oder Chat. Gösmann sagt: Glücklicherweise sei Vernetzung in der 70-jährigen Geschichte bei dpa schon immer ein Thema gewesen. „Wir haben 150 Standorte und unsere Journalist*innen sind es auch gewohnt, aus dem Homeoffice zu arbeiten.“ Im Fall der Fälle ist Dezentralität Gold. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender, die ihre Newsrooms für Radio und TV nicht so einfach aufgeben könnten und immer neue, immer größere bauen, haben Pandemiepläne ausgelöst, Mitarbeitende getrennt.

Besondere Vorsicht gilt bei der „Tagesschau“. „Sie muss bis zum Schluss durchhalten“, sagte Chefredakteur Marcus Bornheim in einem Interview mit „Zapp“, das nur vor und nicht im Nachrichtenhaus geführt wurde – die „Tagesschau“ hat sich auch intern isoliert. Ein Teil der Redaktion arbeite inzwischen auch an einem anderen Ort. So gebe es für den Fall, dass im Newsroom Corona-Alarm ausgelöst werde, einen „zweiten Sturm“, sagte Bornheim.

Wenn einem die Puste ausgeht

„Wir müssen damit rechnen, dass die Krise auch uns zum Teil beeinträchtigt“, mahnte der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow auf einer Pressekonferenz. Die Dritten erwägen demnach, im Fall der Fälle ihre Programme zu bündeln – bis auf regionale Informationen. Im Hörfunk seien „Übernahmen von Teilstrecken möglich, wenn einem Inforadio etwas die Puste ausgeht“. Beim BR ist es soweit: Ein Corona-Fall bei der Info-Welle B5 dünnt die Redaktion bedrohlich aus. Ab Montag wird deshalb „bis auf Weiteres überwiegend gemeinsames Programm“ mit Bayern 2 gesendet.

Schon heute kürzen oder streichen die Dritten einzelne Sendungen, um Personal für die Aktualität zusammenzuziehen – nicht zuletzt für ein „ARD Extra“, das nun nahezu täglich nach der Tagesschau um 20 Uhr laufen soll. „Hier zeigt sich die Stärke des Föderalismus“, betont ARD-Programmdirektor Volker Herres. Die neun Landesrundfunkanstalten wechselten sich reihum wöchentlich ab. Damit könne jede zwischendurch wieder zu Kräften kommen. Gleichzeitig lassen die Sender weiter auch Stoffe jenseits der Information abdrehen: Serien und Spielfilme, also Nachschub für die Ablenkung von der Krise.

Das Problem: An Filmsets wimmelt es nur so vor Schauspieler*innen, Kompars*innen, Kameramenschen und anderen Beteiligten. Corona freut das. „Wir kommen da in eine Situation, die für die fiktionalen Produktionen wirklich heikel ist“, sagt selbst ARD-Programmdirektor Herres. Einige Beteiligte wollten nicht mehr ans Set. „Das ist für die Produzenten natürlich mit erheblichen Risiken verbunden.“ Wenn es zu Verschiebungen kommen sollte, sei die ARD bereit, Mehrkosten von bis zu 50 Prozent des ursprünglichen Auftrags zu übernehmen.

Die Sender stoppen die Produktionen als Auftraggeber*innen allerdings nicht, sondern schieben diese Verantwortung den Produzenten zu – trotz mitunter fragwürdigen Bedingungen. Von einem Krimidreh für das ZDF erreichte die taz das Foto einer Flasche mit Desinfektionsmittel. Auf einem aufgeklebten Zettel für die Crew stand: „Bitte seid sparsam. Wir haben nur das und haben keine Möglichkeit, noch welches zu kaufen.“

Das ZDF geht bei einer Anfrage der taz nicht auf diesen Hinweis ein. „Die Gesundheit aller Beteiligten hat für uns höchste Priorität“, heißt es. Mitte der Woche liefen für den Mainzer Sender noch fiktionale Produktionen im Wert von gut 50 Millionen Euro. Sie könnten „im Zweifelsfall geschoben und zu einem späteren Zeitpunkt umgesetzt werden“. Ein Angebot, das immer mehr Produzenten annehmen: Auch der besagte Krimi-Dreh ist nun gestoppt.

Es sieht mau aus

Ein besonders Risiko ist die Lage für freischaffende Künstler*innen, darunter auch Journalist*innen. Öffentlich-rechtliche Sender wollen Ausfallhonorare zahlen und Mitarbeitende anderweitig einsetzen, etwa für die Aufbereitung der Sendungen, die nun speziell für Schüler*innen angeboten würden und ARD und ZDF viel Applaus bringen.

Auch wenn teils noch an Details gearbeitet wird: Tarifverträge für regelmäßige freie Mitarbeiter*innen sehen oft Sonderzahlungen vor, Redaktionen weniger bestellen. ARD-Vorsitzender Tom Buhrow versprach, im Zweifel werde man sich „großzügig“ zeigen.

Prekärer ist die Lage schlagartig außerhalb der beitragsfinanzierten Medienhäuser, wo es keine Tarifverträge für „arbeitnehmerähnliche Freie“ gibt. Freie Fotograf*innen stehen plötzlich teils ganz ohne Aufträge da. Besonders mau sieht es bei jenen aus, die sonst über Pressekonferenzen und Veranstaltungen berichten.

Georg Rudiger berichtet beispielsweise von Freiburg aus über das Musikleben im Südwesten, dem Elsass und der Schweiz – für Zeitungen und Fachmagazine. „Fast alle Themen sind weggebrochen“, sagt er. Immerhin: Statt eines geplanten Vorberichts führt er mit einem Dirigenten nun ein Interview darüber, wie die Corona-Krise auch diese Szene trifft. Das laufe gut. Er schreibt auch noch weiter an Programmheften für Festivals, die „im Sommer hoffentlich stattfinden“. Die nächsten vier Wochen habe er so wohl noch zu tun. Und dann? „Wenn bis zum Sommer keine Konzerte stattfinden, habe ich ein echtes Problem.“

Gleichwohl: Das Bild ist divers. „Einigen fällt komplett alles weg – je nachdem, in welchem Bereich sie arbeiten“, sagt Anna Heidelberg-Stein aus dem Vorstand des Berufsverbands Freischreiber. Dazu gehörten auch viele, die ihr Geld vor allem damit verdienten, Podien oder Kongresse zu moderieren. Veranstalter und Zeitungen zahlten selten Ausfallhonorare.

Anerkennung der Systemrelevanz

In ersten Bundesländern sind Nothilfen angelaufen, auch für sogenannte Soloselbstständige. In der kommenden Woche soll zudem der Bundestag ein milliardenschweres Hilfspaket beschließen. Auch Verwertungsgesellschaften wie die VG Wort haben Notfonds. Vor allem die Hilfen der Politik brauche es dringend flächendeckend und ohne große Bürokratie, sagt Heidelberg-Stein. Einige Kolleg*innen, vor allem auf Wissenschaft spezialisierte, könnten sich aber auch „aufgrund ihrer Expertise vor Aufträgen gar nicht retten“.

Auch Zeitungen trifft die Entwicklung. Viele Regionaltitel haben ihren Umfang reduziert, da über Corona hinaus im Regionalen fast nichts mehr los ist. Der Verlegerverband BDZV rechnet zudem mit deutlichen Anzeigenrückgängen, etwa weil es vorerst keine Veranstaltungen gebe, die beworben werden könnten. „Sicher bekommt der Lebensmitteleinzelhandel seine Regale derzeit auch ohne Sonderangebote leer verkauft und storniert bereits gebuchte Anzeigen“, sagt eine Sprecherin der Zeitungsbranche. „Gleiches gilt für andere Geschäfte, in denen durch behördliche Anordnungen die Öffnungszeiten reduziert werden oder deren Betrieb untersagt wird.“

Was nun alle beschäftigt, ist die Frage, wie Journalismus bei einer Ausgangssperre funktioniert. Frank Überall, Vorsitzende der Journalist*innen-Gewerkschaft DJV, freut sich, dass immer mehr Bundesländer Journalist*innen als „systemrelevante Berufsgruppe“ einstufen. „Dass man sich zur Berichterstattung noch vor Ort ein Bild machen kann, sind gute Ansätze“, sagt er. Außerdem helfe die Einstufung denjenigen, die noch in Funkhäuser müssten und Kinder hätten: Sie können Notbetreuung beantragen.

Sven Gösmann, Chefredakteur der dpa, denkt unterdessen darüber nach, ob der Themenmix sich nicht langsam ein wenig verschieben sollte. „Immer noch sterben in Idlib Menschen. Immer noch sitzen in Lesbos Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern. Immer noch gibt es andere Themen. Und immer noch gibt es natürlich auch das eine oder andere Schöne“, sagt Gösmann. „Aber Corona überlagert alles.“

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