Rechtsruck in den “Tagesthemen”?

Die ARD überarbeitet ihren Kommentarplatz – nicht nur das Etikett, sondern auch inhaltlich. Was das etwa für die politische Ausrichtung heißt und was Kritiker befürchten, habe ich für ZAPP zusammengetragen.

für NDR Fernsehen

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— Onlinebegleittext zum Film—
Fast auf den Tag genau vor einem Jahr, im Oktober 2019, trat Helge Fuhst als sogenannter Zweiter Chefredakteur der Redaktion ARD-aktuell in Hamburg an. Während sich sein Kollege Marcus Bornheim als Erster Chefredakteur vor allem um die “Tagesschau” kümmert und seine Kollegin Juliane Leopold in der Chefredaktion um die digitalen Aktivitäten, ist Fuhst für “Tagesthemen” zuständig. Dort schraubt er gerade an den täglichen Kommentaren. Der Chefredakteur spricht von einem “ganzen Paket” an Änderungen, die das Publikum nach und nach bemerken werde.

Der erste und sichtbarste Schritt ist auch bei Satiriker Jan Böhmermann angekommen. Nach 42 Jahren heißt der Kommentar in den “Tagesthemen” nun Meinung – wie Moderatorin Caren Miosga ankündigte, “ganz einfach, damit noch deutlicher wird, dass dies nicht die Ansicht der gesamten ‘Tagesthemen’-Redaktion ist, sondern die persönliche Meinung eines einzelnen Kollegen. Böhmermann vermutet, die “Angsthasenredaktion” befinde sich in einer “heraufbefürchteten journalistischen Defensive”, und fragte: “Was sind denn das für “Leute”, die das nicht verstehen?”

AfD und FDP fordern “Ausgewogenheit” – und die ARD zieht nach

Fuhst verteidigt den Schritt. Die Chefredaktion habe zwar keine Statistik geführt, sagt er, doch aus Diskussionen in Sozialen Netzwerken oder auch in der Zuschauerpost sei klar geworden, dass einige hinter dem Begriff “Kommentar” nicht das richtige vermuteten. “Wir sind auch nicht die Einzigen, die von ‘Meinung’ sprechen”, sagt Fuhst. Bei vielen Zeitungen hießen entsprechende Seiten schon lange so. Für die Chefredaktion passe der Begriff schlicht “besser in die heutige Zeit”. Ändern sollen sich bald aber auch das Format und vor allem die Bandbreite der Positionen.

Im Netz hat die “Tagesschau” Erfolg mit Pro-und-Contra-Kommentaren, bei denen gegensätzliche Meinungen direkt aufeinanderprallen. Das soll es künftig auch in den “Tagesthemen” geben – ein paar Mal im Jahr und zu ausgewählten Inhalten. Bei großen Themen sollen aber auch die klassischen, einzelnen Meinungsbeiträge über die Zeit unterschiedliche Positionen widerspiegeln. Auch dazu registriere die Redaktion immer wieder Kritik in Sozialen Netzwerken und per Post. Aus der Politik fordern vor allem AfD und FDP “Ausgewogenheit”. Dazu sei die ARD nun mal verpflichtet.

Während Fuhst in der Chefredaktion von ARD-aktuell grundsätzlich am Format arbeitet, wird die Auswahl der Themen und Kommentierenden von Rainald Becker als ARD-Chefredakteur in München koordiniert. “Ich sage mal, wenn sie im Jahr 25 Mal im weitesten Sinne Klimawandel kommentieren und 25 Mal immer aus der gleichen Richtung, dann blenden sie einen Teil der Bevölkerung aus”, sagt er. “Da wollen wir in Zukunft ein bisschen gegensteuern, um das mal klar zu sagen.”

Historiker warnt vor Diskursverschiebung nach rechts

In der Wissenschaft werden Zweifel laut, ob dieser Weg tatsächlich geboten ist. “Wessen Position wird eigentlich gehört, wessen Position wird gesendet und welche Position bekommt damit auch Legitimität?”, fragt Jürgen Zimmerer, Historiker an der Hamburger Universität. Er warnt vor einer “Diskursverschiebung” nach rechts. Zudem könnten extreme Positionen salonfähig gemacht werden.

“Multiperspektivität ist gut”, sagt Zimmerer. Zum einen sollten aber gerade schwierigen Positionen nicht ungefiltert Sendezeit eingeräumt werden, sondern nur mit einer Einordnung, sonst setzten sei sich fest. “Aber es gibt natürlich einen Rahmen, außerhalb dessen Positionen einfach absurd sind Ich warte dann auf den Kommentar in den ‘Tagesthemen’ zu ‘Die Erde ist eine Scheibe’ oder ‘Der Antisemitismus ist richtig’.”

Die Frage wird also sein, wie weit das Spektrum erweitert werden soll. “Antisemitische Meinungen haben in den ‘Tagesthemen’ überhaupt nichts zu suchen”, betont Becker. Solange er Chefredakteur sei, “aber mit Sicherheit” auch unter seinem Nachfolger Oliver Köhr, der im Mai antritt, werde es das nicht geben. “Da muss man dann einschreiten. Und ansonsten: Zwischen den Leitplanken, die uns die demokratisch-freiheitliche Grundordnung setzt, muss alles möglich sein.”

ARD will mehr Experten statt Stimmen aus der Hierarchie

Becker sucht nun mit den Chefredakteurinnen und Chefredakteuren der neun ARD-Sender neue Gesichter und vor allem Stimmen für den Kommentarplatz in den “Tagesthemen”. Mehr jüngere sollen es dem Vernehmen nach gerne sein, nachdem unter Becker der Anteil von Frauen an den gesprochenen Kommentaren im zuletzt ausgewerteten Jahr 2019 bereits auf 41 Prozent gestiegen ist – von beinahe 0 im ersten Jahr 1978. Außerdem sollen mehr Expertinnen und Experten, eventuell sogar Externe ihre Meinung sagen. Zurückstehen sollen dafür Hierarchinnen und Hierarchen der Sender, so der Plan.

“Wir werden keine Zensur ausüben”, erklärt Rainald Becker auf die Frage, wie der Kreis der Kommentierenden aus der ARD zustande kommen soll. Eine feste Liste soll es – anders als in den vergangenen Jahrzehnten – nicht mehr geben. “Wir werden rumfragen. Wir werden uns vielleicht ein bisschen mehr Zeit nehmen in unseren täglichen Schaltkonferenzen, eine Kommentatorin oder einen Kommentator zu einem bestimmten Thema zu finden. Aber wenn es eine bestimmte Richtung nicht gibt, dann gibt es sie nicht.”

Quelle: NDR-“ZAPP”

Kritik an Verwendung von “Zitat-Kacheln”

für NDR Info

Manuskript des Beitrags
Ein Anruf bei Martin Hoffmann. Der Journalist, der einst das Social-Media-Team der Zeitung “Die Welt” geleitet hat, kritisiert schon seit Monaten immer wieder Kollegen – und zwar immer dann, wenn sie besonders knackige Zitate von sehr populistischen Politikern auf sogenannte Zitat-Kacheln schreiben, die sie dann beispielsweise bei Facebook oder Twitter veröffentlichen. Die Zitate stehen neben den Fotos der Politiker – zur schnellen Verbreitung in den sozialen Netzwerken. Hoffmann findet das falsch: “Das Problem mit diesen ‘Zitat-Kacheln’ ist letztendlich, dass wir Journalisten da einfach eine Botschaft weitergeben, ohne ihr irgendwie einen Rahmen zu geben, also ohne sie einzuordnen.”

Im Radio oder im Fernsehen sei das anders, hier würde ein Reporter in seinem Bericht oder ein Moderator den jeweiligen Kontext liefern, vielleicht auch die Aussage mit Fakten widerlegen. Oder auch in einem Text in der Zeitung oder im Netz: Auch hier würde niemand – ohne ein Minimum an Einordnung einfach so ein Zitat drucken, meint Hoffmann: “Dummerweise hat sich das aber so im Online-Journalismus – besonders in Social-Media – irgendwie eingeschlichen. Das ist nicht gut!”

Hoffmanns Vorwurf lautet: “Zitat-Kacheln”, auf denen sich nur ein kurzer Wortlaut, der Name und die Funktion des Politikers und vielleicht noch ein Stichwort zum Thema der Aussage findet, sei kein Journalismus. Medien würden so bloß Populisten helfen. Zuletzt hat sich Hoffmann nach der Bayern-Wahl aufgeregt, als Medien – zum Beispiel der Deutschlandfunk – Zitate von AfD-Politikern verbreitet haben, in denen sie die Neuwahl des Bundestages forderten.

Hoffmann fliegen dafür in sozialen Netzwerken “Likes” und zustimmende Kommentare zu. Auch von Kollegen – und auch, wenn er das Social-Media-Team der Tagesschau kritisiert. Etwa, wenn die Tagesschau Zitate von US-Präsident Donald Trump verbreitet. Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke wiederum nimmt seine Kollegen in Schutz: “Wer mit der kurzen Form nicht leben kann, der sollte nicht Nachrichten machen. Das ist unsere verdammte journalistische Pflicht, Inhalte auf engem, begrenztem Raum und in kurzer Zeit zu vermitteln. Dazu gehören auch ‘Zitat-Kacheln’.”

Bieten Redaktionen wie die Tagesschau damit aber nicht vielleicht doch Populisten eine Bühne? Gniffke wehrt sich auch gegen diesen Vorwurf: Seine Redaktion biete niemandem eine Bühne, sie berichte. Dabei dürfte es auch keine Rolle spielen, ob den Journalisten ein Politiker, dessen Äußerungen oder Wortwahl nicht gefallen: “Wenn wir also beispielsweise ein Zitat von Markus Söder mit dem ‘Asyl-Tourismus’ benutzen, dann können wir unserem Zuschauer, unserem User, getrost das Urteil überlassen, ob er das gut oder schlecht findet. Da müssen wir und da sollten wir nicht dran schreiben: ‘Ach, das finden wir aber nicht so schick’.”

Tatsächlich ist die Verkürzung der “Zitat-Kacheln” mitunter aber durchaus ein Problem: wenn Zitate zwar knackig sind, aber aus dem Zusammenhang gerissen. Passiert ist das vor einem Monat dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Viele Medien, darunter die Heute-Sendung im ZDF, teilten Spahns Aussage zum Mangel an Pflegekräften: “Wenn von einer Million Pflegekräften 100.000 nur drei, vier Stunden mehr pro Woche arbeiten würden, wäre schon viel gewonnen.”

Das Zitat ging “viral” und Spahn wurde von vielen Bürgern kritisiert. Allein: Spahn hatte sich in dem Interview vor allem dafür stark gemacht, die Bedingungen der Pflegekräfte zu verbessern und mehr Pfleger einzustellen. Der zitierte Vorschlag sollte eine Übergangslösung sein. Die “Zitat-Kacheln” suggerierten etwas anderes.

Redaktionen verweisen in solchen Fällen gerne auf die ergänzenden Zeilen in ihren Einträgen in sozialen Netzwerken und die Links auf ausführliche Artikel. Kritiker Hoffmann warnt hingegen: “Wenn man sich die Mechanismen anschaut, die da wirken, dann ist es nun mal ganz oft so, dass die Leute eben diesen zweiten Klick nicht mehr machen. Sie sehen das, was ihnen vielleicht in den Feed gespült wird, machen dann aber ganz oft nicht mehr den Klick.” Was am Ende hängen bleibe sei ausschließlich die Aussage, die auf der Kachel steht.

>> Download MP3 (Quelle: NDR Info)

Faktencheck: Chemnitz-Videos auf dem Prüfstand

für NDR Fernsehen

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>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

— Manuskript des Beitrags —

„Es ist hier markant die Kirche. Es ist aber auch (…) der Schaden im Straßenbelag, der mir später helfen wird, den Ort ganz genau zu bestimmen, auf den Meter genau, von wo gefilmt worden ist. Ich sehe hier ein Werbebanner.“

Die Herausforderung für Journalisten wie Lars Wienand von „T-Online“: Belegen, ob das Video aus Chemnitz echt ist. Hinweise sammeln, Details abgleichen – etwa mit Karten- und Fotodiensten.

„Eine gute Übersichtsaufnahme aus der Luft, wo ich die Schilderbrücke sehe. Wo ich die Kirche sehe. Wo ich Schaden im Straßenraum sehe. (…) Ich kann den Ort sehr genau eingrenzen.“
Also es kommt weder aus Hollywood, noch aus einer anderen Stadt? Das ist tatsächlich da in Chemnitz?
„Das ist dort gefilmt. Oder es ist (…) so hervorragend produziert worden – was ich für ausgeschlossen halte.“

Verfassungsschutz-Präsident Maaßen hatte das zunächst nicht ausgeschlossen. Mit seinen öffentlich platzierten Zweifeln hat er Faktenchecker herausgefordert.
Und so fragen sich viele: „Wurden in Chemnitz Menschen gejagt?“ Und gehen Hinweisen auf den Ort nach. Sie unterziehen das „Video aus Chemnitz [dem] Faktencheck“. Gleichen dafür auch das Wetter aus dem Video mit Archiven ab. Sogar: den Sonnenstand. Ihr Befund: „Herr Maaßen, alles spricht dafür, dass das Jagdszenen-Video echt ist“. Auch, weil ein Werbeplakat im Video eine aktuelle Kampagne der Chemnitzer Theater zeigt. Auch der ARD-„Faktenfinder“ bilanziert: Es gibt „Keine Indizien für [eine] Fälschung“.

„Natürlich wenn der Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz sich äußert, dann wollen wir das natürlich noch mal ganz genau prüfen. Denn wir gehen ja davon aus, dass er dann irgendwelchen, ja, belastbaren Indizien oder Belege hat, dass dem so sei. Wir konnten diese aber einfach nicht finden.”

Ein weiteres Indiz für die Echtheit: andere Videos von denselben Protesten.

„Diese Aufnahme zum Beispiel gibt es aus verschiedenen Perspektiven auch. Hier sieht man das aus einer anderen Perspektive, wie dieser Personenmob da lang läuft. Und so lässt sich tatsächlich die gesamte Demonstrationsroute rekonstruieren.“

Inzwischen können die Journalisten genau sagen, wo der Aufmarsch wann unterwegs war und wo es dabei zu Übergriffen gekommen ist. Dazu kommt noch die klassische Recherche vor Ort. Auch Reporter der „Tagesthemen“ treffen zwei Männer, die sagen: Sie seien die Gejagten in dem schlecht aufgelösten Video.

„Der Mann ist einfach zu uns gekommen und hat gesagt: Habt ihr ein Problem? Geh‘ weg von Deutschland, geh‘ doch raus! Dann hat er uns geschlagen.“

Faktenchecker sind sich also sicher: Das Video ist kein Fake. Es ist echt. Dabei passieren Faktencheckern auch Fehler. Etwa „Watson“, einem jungen Portal. Ausgerechnet ein rechter Demonstrant mit einem RAF-Tattoo – rein montiert, hieß es zunächst bei „Watson“. Dann: detailliert eine „Korrektur“: das „Hitlergruß-Bild mit RAF-Tattoo ist kein Fake“. Man habe sich zu sehr auf eigene, dürftige Bilder verlassen.
In sozialen Netzwerken geht die Chefredakteurin mit der Korrektur maximal in die Offensive: „Bitte helft uns, diese Korrektur zu verbreiten.“ Dafür: auch Lob.

„Die haben diesen Fehler dann transparent gemacht und erklärt, wie dieser Fehler zustande gekommen ist. Und sie haben sich dafür sehr aufrichtig entschuldigt. Und ich glaube, das ist der beste Weg.“

Auf die Arbeit der „Faktenfinder“ schauen in diesen Tagen viele ganz genau. Dabei ist es nicht nur an ihnen, Material in sozialen Netzwerken zu prüfen.

„Weil jeder eben auch selbst zum Sender geworden ist. Da hat jeder auch eine größere Verantwortung, das liegt nicht nur bei uns Medien, sondern das liegt auch bei jedem Einzelnen, die Verbreitung von Falschnachrichten nicht noch zu unterstützen.“

Auf Twitter treffen sie sich: Journalisten und technisch teils noch versiertere Nutzer. In ihrem Verifikations-Quizz üben sie täglich, Schnappschüsse zu analysieren. Heute stellt Lars Wienand die Aufgabe: Gesucht wird der Heimatort — dieses Schweins.

„Auch das ist Training für den Ernstfall. Das ist jetzt wirklich eine eher launige Aufgabe. Ein Schwein. Es ist aber auch eine eher harmlose Aufgabe. Das gleiche mit einem Menschen zu machen, kann ich bei einem Quizz nicht einfach so tun. Also das schult für andere Situationen.“

Es geht darum, fit zu sein, wenn es wieder mal ernst wird und die Faktenchecker herausgefordert werden. Vom Verfassungsschutz oder wem auch immer.

Fakten, Fakten, Fakten

Politik und Medien sind vor der Bundestagswahl im Anti-Fake-News-Rausch

für taz

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“Fake News”-Checker in Deutschland

für NDR Fernsehen

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Manuskript des Beitrags
Teil 1: Überblick

Sie wollen es für Facebook richten: Die Journalisten des Recherchebüros Correctiv: „Jäger der Falschmeldungen“. Im Januar gefeiert auch als die „Fake-News-Fahnder“.
David Schraven, Herausgeber “Correctiv”:
„Wir wollen, dass Menschen aufgeklärte Informationen haben, auf deren Basis sie auf tatsächlichen Informationen, auf deren Basis sie informierte Entscheidungen treffen können über die Zukunft unseres Landes.“
Die Umsetzung aber zieht sich: Correctiv sucht nun erst „zum schnellstmöglichen Termin Fact Checker“ und fragt: „Du möchtest im Internet nach falschen Behauptungen suchen und diese richtigstellen?“ Facebook wiederum: Schraubt noch immer an der Technik. Will aber bald auch in Deutschland, dass Nutzer einen verdächtigen „Beitrag als Falschmeldung markieren“ und der Konzern beim Teilen dann hinweisen: „von Faktenprüfern außerhalb von Facebook angezweifelt“.
Aber die Suche nach weiteren Partnern: kompliziert. „Facebook, Fake News und die Medien – Aufklärer verzweifelt gesucht“.
Stattdessen bauen Medien ohne Facebook Anti-Fake-News-Einheiten auf – auch ARD und ZDF. Öffentlich-rechtliche Sender im Kampf um die Deutungshoheit? Umstritten.
Kai Gniffke, Chefredakteur “ARD-aktuell”:
„Die ‚Tagesschau’ ist kein Wahrheitsministerium. Die ‚Tagesschau’ ist ein Dienstleister in Sachen Information. Und die ‚Tagesschau’ – glaube ich – ist auch die Quelle, bei der die Menschen nachgucken, wenn sie ein Gerücht oder eine Meldung hören, bei der sie sich nicht sicher sind, ob das stimmt.“
Peter Frey, Chefredakteur ZDF:
„Es hat auch etwas damit zu tun, dass ich davon ausgehe, dass die Bundestagswahl gezielt zum Anlass genommen wird, Deutschland mit ‚Fake News’ anzugreifen. Und darauf müssen wir eine Antwort geben.“

Teil 2: Besuch beim BR

Arbeitsgruppentreffen. Thema: Fake im Netz.
„Ich glaube, wir haben die Tools, um Fake-Videos zu finden. Wir finden sie halt in dem Moment, in dem sie gerade anfangen, von größeren Mengen von Leuten wahrgenommen zu werden.“
„Wir kriegen von diesen Videos halt nur etwas mit, wenn es in einen Artikel eingebunden ist, weil wir uns nur gerade auf die Artikel ein bisschen spezialisiert haben.“
Das Netz durchwühlen, aktuelle Aufreger suchen – vier Wochen gibt der Bayerische Rundfunk dieser Arbeitsgruppe, um den richtigen Umgang mit „Fake News“ zu finden. Die Einheit: „BR Verifikation“. Ziel: Vernetzung – mit Sendern, Redaktionen und Reportern. Gemeinsam: verifizieren.
„Ist aber tatsächlich noch so ein bisschen dürftig, was da aus den Redaktionen kommt.“
„Die sind noch nicht gewöhnt, dass es uns gibt. (Lachen)“

Deshalb fahnden sie selbst nach Fake-News – und werden immer wieder fündig, auch jenseits des Politischen.
„RT-Deutsch darüber ein Heilmittel gegen alle Krebsarten. Also die ganze Meldung macht einen eigentlich schon mal skeptisch.“
„Wenn was dran ist, dann machen wir es auch.“
„Dann machen wir es ganz groß – aber ich halte es für ausgesprochen unwahrscheinlich.“

Spezielle Datenbanken verraten den Journalisten, was gerade wie oft geteilt wird. Nur: Was in geschlossenen Gruppen oder auch auf WhatsApp passiert bleibt unsichtbar.
Stefan Primbs (“BR Verifikation”):
„Also wir sehen im Grunde nur die Spitze des Eisbergs. Wir hoffen aber ein bisschen, dass uns die Spitze des Eisbergs doch etwas über den Eisberg an sich verrät.“
Auch Sprachen sind eine Barriere. Für das Vorstoßen in die Filterblasen etwa von Türken in Deutschland brauchen Anti-Fake-News-Teams auch passende Mitarbeiter.
Stefan Primbs (“BR Verifikation”):
„Hier haben wir noch einen blinden Fleck. Das ist die türkischsprachige, die russischsprachige, auch die arabischsprachige Community in Deutschland.“
Trotz aller Probleme: In der Redaktion wird schon umgesetzt, Berichte über Falschmeldungen ans Publikum gebracht. Die klassische journalistische Form aber: ein Auslaufmodell.
Gudrun Riedl (Redaktionsleitung BR24):
„Wenn wir ein Thema posten, ist eben nicht gesagt, dass dieses Thema diskutiert wird, sondern das Thema nimmt eben in der Diskussion auf Facebook eine völlig andere Richtung. Und wenn wir diese Themensetzung unserer User – die uns ja liken – ernst nehmen, dann müssen wir das Thema eben in einer völlig anderen Facette diskutieren, auch recherchieren. Das nehmen wir wichtig. Und das halte ich auch für eine notwendige Weiterentwicklung des Journalismus.“
Beispiel: die Wahl die Wahl des Bundespräsidenten. Halbwissen bei den Nutzern: Gauck, der bisherige, wohne „in einem Schloss mit ca. 1.000 Zimmern“.
Die Journalistin schmeißt ihren „Fact Fox“ an – eine Datenbank für widerlegte Gerüchte. Automatisch wird die neue Behauptung mit früheren abgeglichen. Die journalistische Antwort – kopiert und eingefügt mit wenigen Klicks: „Ganz so ist es nicht“. Gauck wohnt nur in einer Villa.
Gudrun Riedl (Redaktionsleitung BR24):
„Das kennt jeder auch aus seinem eigenen Kreis, Freunde, Bekannte, Familie –, dass oft sich Vorurteile lange halten und auch immer wieder diskutiert werden zu bestimmten Zusammenhängen. Und Social Media bewegt sich eben auch in so einem Rahmen. Das hat auch zu tun mit Journalismus: Wir haben uns Jahrzehnte nicht erklärt, warum sehen wir ein bestimmtes Thema unter diesen Gesichtspunkten, auch von der Faktenanordnung her. Wir müssen es einfach besser erklären…“
„…transparent machen.“
„Transparent machen. Erklären, wie wir zu einer Einschätzung kommen, diese Einschätzung aber auch diskutieren mit den Argumenten, die uns entgegengestellt werden.“

„Tools und Technik“ gegen „Fake News“ – noch entwickeln die Journalisten das in ihrem Labor. Und fragen sich dabei: Ob Gerüchte tatsächlich Wahlen entscheiden können? Hier glauben sie nicht daran. Aber:
Stefan Primbs (“BR Verifikation”):
„Es kann natürlich durchaus sein, dass gewisse Stimmungselemente durch eine Reihe von, insbesondere von propagandistisch gefärbten News verändert werden. Und diese Stimmungselemente können wir wahrnehmen. Darauf müssen wir als Medien reagieren und müssen den Leuten helfen, die Sachen einzuordnen.“

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“ZAPP”)

Faktencheck in den Medien

Wie “Spiegel”, “Tagesschau” und Co. Qualität sichern – und was trotzdem durchrutscht

für NDR Fernsehen

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Manuskript des Beitrags
Bertolt Hunger hat schon Fakten geprüft, bevor der Journalismus in die Glaubwürdigkeitskrise kam. Seit gut zwanzig Jahren ist er Dokumentar beim „Spiegel“ – einer von 70. Dokumentare checken die Texte ihrer Kollegen. Tatsächlich: Wort für Wort.

„Wir haben hier ein Jahrzehnte altes System – simpel, aber effektiv. Alles, was hier durchgestrichen ist, ist korrekt. Ich kann auf einen Blick sehen, ist noch etwas offen oder nicht. Hier ist jetzt alles erledigt. In der Regel schreiben wir auch unsere Quelle daneben.“

Fast 250 Journalisten arbeiten für den „Spiegel“. Die aktuelle Produktion: für die Kamera tabu. Das Beispiel für den Fakten-Check: ein Fall von Anfang Februar: „Putins Schläfer: Tschetschenische Agenten getarnt als Flüchtlinge“.

Aber wie viele kommen so nach Deutschland? Der Autor schreibt ursprünglich: „Mehr als 4.000“.

„Ich habe gefunden, im vergangenen Jahr eine höhere Zahl. Im Jahr davor war sie niedriger. Also das schwankt sehr stark. Deswegen kann man 4000 sowieso schon mal nicht sagen. Und mein Versuch dann, an dem Nachmittag noch von der zuständigen Behörde Zahlen für mehrere Jahre zu bekommen, ist gescheitert. Und dann mussten wir am Ende etwas allgemeiner werden.“

Im Magazin ist dann nur noch von „Tausenden Tschetschenen“ die Rede. Ein Fehler: vermieden.

In der Chefredaktion. Auch hier liefern die Dokumentare ihre Korrekturvorschläge an. Über manches wird heftig gestritten.

„Da der „Spiegel“ ja auch in seinen Geschichten ja immer auch eine Kommentierung mitliefert, gibt es da manchmal ganz schöne, ein Kräftemessen – ist einer Inflationsrate von 1,5 problematisch für die Wirtschaft oder erst ab 2,5 oder so was. Da kann es dann auch zu Glaubensfragen ausarten.“

Bei der Interpretation von Fakten – also Meinung – entscheidet die Chefredaktion. Hunderte eindeutige Vorschläge
der Dokumentare werden hingegen sofort übernommen – pro Ausgabe.

Treibt nur der “Spiegel” diesen Aufwand? ZAPP hat bei mehr als 20 Medienhäusern nachgefragt. Das Ergebnis: Auch andere Magazine haben Fakten-Check-Abteilungen – wenn auch deutlich kleinere.

Produktionstag bei der „Zeit“ – dem Gegenmodell. Denn: trotz Wochenrhythmus‘ – hier prüfen seit jeher die Redakteure die Texte, die auch die Seiten planen – ohne Fakten-Check-Abteilung.

„Die ‚Zeit‘ braucht das nicht, weil bei der Zeit funktioniert das tatsächlich sehr, sehr gut, ohne dass wir eine eigene Abteilung haben. Unsere Ressorts und unsere Redaktion, die arbeitet auch so, dass sich die Kollegen aufeinander verlassen, dass die Kollegen sich gegenseitig redigieren, gegenseitig ihre Texte checken.“

Spezialisierte Redakteure sollen die Qualität sichern. Texte über die Volkswirtschaft redigiert auch ein Volkswirt, juristisches ein Jurist. Klappt das genauso gut ohne separate Fakten-Checker? Das Problem: Statistiken dazu fehlen.

Neben der „Zeit“ arbeiten vor allem aktuelle Medien ohne Fakten-Check-Abteilungen. Eine Sprecherin von Axel Springer bringt das Prinzip auf den Punkt: „Fact-Checker heißen bei uns Journalisten und davon haben wir in allen Redaktionen eine Menge.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ merkt zudem an: „90 Prozent unserer Texte werden in der Stunde vor Redaktionsschluss fertig“.
Wie Qualitätssicherung bei ihnen funktioniert, wollen sie aber nicht zeigen. Anders: ARD-aktuell.

Vergangenen Montag – es entsteht die „Tagesschau“. Spezialisten prüfen hier bei Bedarf Bildquellen, sonst: Generalisten – jeder muss jedes Thema übernehmen können, wenn die Aktualität treibt.

Er – heute zuständig für die Bundespolitik. Die Reporter – unterwegs im Regierungsviertel. Währenddessen scannt er – über Agenturen und Live-Übertragungen – die Nachrichtenlage aus der Ferne. So wird er zum Fakten-Checker.

„Ich sitze ja den ganzen Tag auf diesen zwei Themen. Und ich versuche das immer so anzugehen als wäre ich der Autor. Also würde der andere aus den Latschen kippen, könnte ich übernehmen – also wenn ich das Material hätte. Also so arbeite ich – und ich glaube, die anderen auch – sich so rein, weil dann ist man sozusagen auf Ballhöhe.“

Am Ende: Textabnahme kurz vor der Sendung. Vieraugen-Prinzip – mit Abstand zu den Reportern.

„Die Korrespondenten vor Ort sind sehr in ihren Themen drin. Häufig müssen sie sich schnell einarbeiten, aber sie sind in der Regel gut drin. Das gilt insbesondere für die Auslandskorrespondenten, die das US-Wahlsystem kennen und unsere London-Korrespondenten sind inzwischen Fachleute im Brexit. Und wir hier aus der Distanz haben einen eigenen Blick. Und in der Regel gelingt es uns, das zusammenzuführen zu einem verständlichen und auch inhaltlich korrektem Stück.“

Und trotzdem: Fehler passieren. Große wie hier aus dem Krisengebiet in der Ukraine:
(Programmauszug)
Und vermeintlich kleine – erst am Sonntag: Obwohl der neue Bundespräsident aus Ostwestfalen-Lippe stammt: nur…
(Programmauszug)

„Die Menschen in Lippe wissen, woher der Steinmeier kommt und dass das ein Lipper ist. Und da fällt es natürlich denen besonders auf, wenn wir da ungenau sind. Und dann kommt vielleicht auch der Verdacht auf, dass wir in anderen Punkten ungenau sind. Und das wollen wir nicht.“

Und auch dem „Spiegel“ mit seinem opulenten Fakten-Prüf-Apparat rutschen Fehler durch, die an der Glaubwürdigkeit kratzen. Auch hier: ein Geburtsort – von US-Präsident Bill Clinton: Litte Rock im Staat „Alabama“ – richtig ist: Arkansas. In der folgenden Ausgabe: Die Korrektur.

„Wir haben uns alle geschämt und an den Kopf gefasst. Aber es ist passiert. Der menschliche Fehler kann mal vorkommen. Es gibt sicherlich irgendwelche Erklärungen von wegen, da ist irgendjemand noch drüber gegangen und der Dokumentar hat es nicht mehr gesehen oder was auch immer. Aber es zeigt – ja, dass am Ende: kein System hundert-prozentige Sicherheit gewährleistet.“

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“ZAPP”)

Phänomen oder Phantom?

Falschmeldungen und Hasskommentare sollen nach dem Willen der Großen Koalition härter bestraft werden. Zu Recht? Kritiker halten dagegen: das Phänomen werde überschätzt.

für WDR5

Manuskript des Beitrags
Nachrichten-Collage „Politik und Fake News“

Es ist das Droh-Szenario in der Bundespolitik: Erst Unwahrheiten über Trump-Konkurrentin Hilary Clinton, nun vielleicht gegen Angela Merkel, Sigmar Gabriel und Co. Nein, beteuern Politiker unisono: Es gehe nicht um Zensur. Ziel sei gleiches Recht für alle, die publizieren – wo auch immer. Unions-Fraktionschef Volker Kauder:

„Bei jeder Zeitung habe ich einen Ansprechpartner, wo ich mich hinwenden kann, und wo ich dann, wenn ich der Meinung bin, es wird nicht richtig reagiert, auch eine Klage einreichen kann. Die sozialen Netzwerke haben – so nach dem Motto „Toter Käfer“ – gar nicht reagiert.“

Auch der netzpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Lars Klingbeil, will – ähnlich wie die Grünen –, dass Tech-Giganten gegen professionelle Lügen im digitalen Raum vorgehen:

„Wir reden bei Fake News ja wirklich von gezielten Lügen, die journalistisch aufbereitet werden, die ganz klar mit dem Ziel auch gestreut werden, Menschen zu schaden, Unternehmen zu schaden, politischen Institutionen zu schaden. Da geht es also nicht um die Frage, ob jemand politisch eine andere Meinung hat, sondern wirklich um gezielt aufbereitete Lügen, die eine strafrechtliche Relevanz haben. Und dagegen muss ein Unternehmen wie Facebook auch vorgehen.“

Sogar ein Abwehrzentrum gegen Fake-News im Regierungsapparat ist im Gespräch – ein vielfach aber auch umstrittener Vorstoß, denn er riecht nach Zensur.

Facebook spürt den politischen Druck und will nun selbst etwas tun: Das soziale Netzwerk will seinen Nutzern die Möglichkeit bieten, Fake-News-verdächtige Einträge zu melden. Journalisten prüfen die Geschichten – der Konzern sucht dafür Medienpartner, der erste und bislang einzige ist hierzulande das Recherchenetzwerk Correctiv aus Essen. Stellt sich ein Eintrag als Fake heraus, dann will ihn Facebook mit einer Warnmeldung versehen und die Gegen-Recherche verlinken.

Auch andernorts deuten sich Allianzen an – im Kampf für die Wahrheit. Zusammen mit Google hat Facebook die First Draft Coalition gegründet, ein internationales Netzwerk von Faktencheckern aus aller Welt. Allerdings: Es geht um den Austausch von Technologien, nicht um gemeinsame Recherchen, sagt dpa-Chefredakteur Sven Gösmann – obwohl er sich eine gemeinsame Recherche auch vorstellen könnte.

„Man muss aber ehrlich sein: Da sind aber natürlich auch Media-Outlets dabei, die im Wettbewerb zueinanderstehen. Eine ‚New York Times’ und ‚Washington Post’ werden sich schwertun, in einer Koalition mehr als sozusagen generelles Wissen zu tauschen.“

Auch die „Tagesschau“-Redaktion ARD-aktuell ist dem internationalen Netzwerk von Faktencheckern beigetreten. Chefredakteur Kai Gniffke berät wiederum mit den übrigen ARD-Chefredakteuren, ob eine eigene Einheit zu Fake News angebracht ist. Der Ausgang dieser Debatte sei noch offen und auch völlig unklar, ob die ARD dann auch mit Facebook kooperiere oder allein arbeite, betont Gniffke. Er sagt aber auch:

„Das gehört, glaube ich, schon in unsere Kernkompetenz, da wir uns als ein auch Informationsanbieter verstehen. Da glaube ich nicht, dass es klug ist zu warten, bis die Politik – sprich das Innenministerium oder das Bundespresseamt – entsprechende Institutionen geschaffen haben. Das sollen die ruhig tun, aber ich glaube, dass gerade ein Medium wie das Öffentlich-Rechtliche, die wir uns auf die Unabhängigkeit schon sehr berufen, dass wir gut beraten wären, da auch tätig zu sein.“

Die Verifikation von Nachrichten und Geschichten sei natürlich schon immer Aufgabe von Journalisten gewesen und Fake News daher kein wirklich neues Problem, aber die Intensität der Falschmeldungen, bisweilen auch ihre Wirkung. Das verändere die Arbeitsweise von Nachrichtenjournalisten, sagt Gniffke: Während Falschmeldungen bislang hinter den Kulissen aussortiert wurden, würden sie nun bewusst zum Thema.

„Das würden wir zum Beispiel – wenn wir es machen – würden wir das jetzt nicht in der ‚Tagesschau’ um 20 Uhr machen. Aber man wäre – glaube ich – klug beraten, den Nutzerinnen und Nutzern eine Plattform zur Verfügung zu stellen, wo man sagt: Okay, hier haben wir bestimmte Dinge nachgeprüft, da könnt ihr euch ein Bild informieren und selbst ein Bild machen, wir ihr das einschätzt. Dazu geben wir einfach mal unsere Expertise ab.“

Die Frage bleibt aber: Wir das Systemkritiker und Zweifler am Ende erreichen – vor allem die, die ohnehin „Lügenpresse!“ rufen. Hier aber sind sich die Chefredakteure einig: Sie wollen es wenigstens probiert haben.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

Claus Grewenig (VPRT)

Ulrich Deppendorf, einst Chef der “Tagesschau” und des ARD-Hauptstadtstudios, fordert aus dem Ruhestand einen echten Nachrichtensender von ARD und ZDF, also entweder ein stärkeres Phoenix oder Tagesschau24 im verlässlichen 24/7-Betrieb (Interview hier nachhören). Claus Grewenig, den Geschäftsführer des Privatsenderverbandes VPRT, der letztlich auch die Interessen von n-tv und N24 vertritt, habe ich gefragt, was er von dieser Idee hält.

Transparenzhinweis: Ich habe bereits selbst für ARD-aktuell gearbeitet (genauer: fürs “Nachtmagazin” und für tagesschau.de), außerdem werden meine ZAPP-Beiträge gelegentlich auf tagesschau24 wiederholt.

Brauchen wir einen öffentlich-rechtlichen Newskanal?

München, Türkei, Nizza: ARD und ZDF stehen in der Kritik

für B5aktuell

Manuskript des Beitrags
Nach dem Attentat in München ging das Konzept der ARD auf: Weil der Digital-Kanal Tagesschau24 ohnehin im Nachrichten-Betrieb war, reichten eine Entscheidung und ein Knopfdruck. Das Erste war „drauf“ und blieb es bis in die Nacht.

Auszug „Tagesschau“-Extra (nachrichtliche Moderation)

Das aber klappt nur, wenn Tagesschau24 ohnehin Nachrichten sendet. Und das ist eben nicht – anders als es der Sendername suggeriert – 24 Stunden am Tag der Fall. Nur eine Woche zuvor beendete Caren Miosga weit vor Mitternacht vorerst das Nachrichten-Programm im Ersten, obwohl sich in diesem Moment die Welt zu verändern drohte.

„…Wir verabschieden uns nach einem traurigen Tag für Frankreich und vor einer möglicherweise sehr beunruhigenden Nacht in der Türkei…“

Miosga gab ihren Zuschauern zwar noch mit auf den Weg: tagesschau.de informiert weiter. Wer aber vor dem Fernseher dabei sein wollte – der wurde erst mal enttäuscht, bis das Erste schließlich sein Programm mit neuen Informationen unterbrochen hat. Es sind Situationen wie diese, in denen sich Zuschauer mitunter einen echten Nachrichtensender von ARD und ZDF wünschen – und manch einer weiter zieht zu CNN oder BBC World. Prominentester Befürworter dieser Tage: Ulrich Deppendorf. Er hat lange selbst die „Tagesschau“ geleitet, zuletzt das Hauptstadtstudio der ARD. Heute ist er im Ruhestand – und empört sich:

„Warum wir es nicht schaffen, ein großes Nachrichten-, ein 24-Stunden-Nachrichtenprogramm hinzubekommen, ist mir ein Rätsel. Andere schaffen das. Es gibt in Spanien 24-Stunden-Kanäle, in Italien, in Polen.“

Für Deutschland sei die Zeit nun reif, sagt Deppendorf. Man könne Phoenix um- und ausbauen, gemeinsam mit dem ZDF. Oder aber aus dem Digitalkanal Tagesschau24 könnte mehr werden als bisher, ein verlässlicher Sender, der jederzeit aus dem „Tagesschau“-Studio sende, rund um die Uhr – das sei schließlich bisher nicht so.

„Hier müssen die Intendanten jetzt auch mal eine Grundsatzentscheidung fällen. Und die kann glaube ich auf Dauer nicht heißen, wir machen keinen 24-Stunden-Nachrichtenkanal.“

Kai Gniffke hingegen, der erste Chefredakteur der „Tagesschau“-Redaktion ARDaktuell, sagt ganz offen: Er will gar nicht, dass Tagesschau24 jeden Tag lückenlos auf Sendung ist. Die Ressource Korrespondent sei nun mal endlich.

„Natürlich wünsche ich mir einen Zustand, wo jedes Korrespondentenbüro der ARD – und wir haben sehr, sehr viele zum Glück –, dass jedes dieser Studios mit mindestens drei bis vier Korrespondenten besetzt ist. Das werde ich nicht schaffen. Und da würde es nicht sehr, sehr viel Sinn machen, in der Nacht um vier für eine sehr überschaubare Zahl von Nutzern dann noch Programm zu machen.“

Für einen lückenlosen Nachrichtensender müssten also – wie das der systemeigene Kritiker Deppendorf auch fordert – Korrespondentenbüros vor allem im Ausland verstärkt werden, mit mehr Geld oder auch indem anderorts gespart würde. Doch für die privaten Kanäle n-tv und N24 wäre solch ein öffentlich-rechtliches Aufrüsten ein Problem. So warnt Claus Grewenig vom Privatsenderverband VPRT:

„Da sind wir der Auffassung – ganz klar –, dass das bestehende Gesamtangebot von 23 TV-Kanälen, über 60 Radioprogrammen und über 100 Angeboten im Web auch ausreichen muss, um auch diese Fälle der Nachrichtenlage, wie sie jetzt aufgetreten sind, abzudecken – und zwar vornehmlich auch in den Hauptprogrammen, für die ja im Wesentlichen auch der Rundfunkbeitrag als Modell aufgesetzt wird.“

Mehr Nachrichten bei ARD und ZDF – damit hätten die Privatsender grundsätzlich aber kein Problem, sagt ihr Lobbyist. Ein echtes 24-Stunden-Angebot nach dem Design von CNN, BBC24 und Co. – das sei allerdings auch rechtlich schwierig.

„Wir gehen davon aus, dass auf Basis der jetzigen Gesetzeslage (…) ein 24/7-Kanal nicht möglich ist (…) Und wichtig wäre auch, dass der Öffentlich-Rechtliche hier das Privileg hat, bei solchen Themen auch nicht auf die Quote schauen zu müssen und deswegen sich auch im Hauptprogramm auch mal etwas trauen darf.“

Womit der Privatsender-Lobbyist meint: ARD und ZDF sollten einfach bei Großlagen im Hauptprogramm durchsenden. „Tagesschau“-Chefredakteur Gniffke favorisiert dieses Modell ebenfalls. In München ging das: Mit dem Bayerischen Rundfunk war ein ganzer ARD-Sender vor Ort. In der Nacht des Putschversuchs sei aber nur ein einziger Korrespondent vor Ort gewesen, Verstärkung unmöglich. Hier – und auch sonst – müssten gezielt Kräfte geschont werden.

„Wir können 24 Stunden aus diesem Studio live senden. Jederzeit. (…) Aber wir müssen Nachrichten auch ein bisschen dosieren. Wenn ich um 20 Uhr die Leute wirklich solide informieren will, dann kann ich nicht Tag und Nacht einen Korrespondenten bildlich gesprochen durch den Fleischwolf drehen.“

ARD und ZDF haben aus der Kritik an ihrer Berichterstattung aus Nizza und der Türkei offensichtlich gelernt, sendete aus München länger in den Hauptprogrammen. Und trotzdem: Gegen ein Uhr spielten ARD und ZDF – erst mal – wieder ihr Regelprogramm an: hier ein Krimi, dort eine Dokumentation. Auch Tagesschau24 und Phoenix sendeten anderes. Nutzer riefen wieder ins Netz: Wo, bitte, bleibt der öffentlich-rechtliche Nachrichtensender. Diese Debatte – sie wird anhalten.

>> Audio auf br.de (Quelle: B5aktuell-“Medienmagazin”)