“Ich bin Greta”: Exklusiver Zugang zu Greta Thunberg

Der schwedische Filmemacher Nathan Grossman konnte Greta Thunberg ein Jahr lang begleiten – von den Anfängen ihres Schulstreiks über die Überfahrt nach New York bis zu ihrem Auftritt vor den Vereinten Nationen. Unter anderem für radioeins habe ich mit ihm über die Bedingungen für dieses Projekt und seine Erlebnisse gesprochen. “Ich bin Greta”: Exklusiver Zugang zu Greta Thunberg weiterlesen

Rechtsruck in den “Tagesthemen”?

Die ARD überarbeitet ihren Kommentarplatz – nicht nur das Etikett, sondern auch inhaltlich. Was das etwa für die politische Ausrichtung heißt und was Kritiker befürchten, habe ich für ZAPP zusammengetragen.

für NDR Fernsehen

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— Onlinebegleittext zum Film—
Fast auf den Tag genau vor einem Jahr, im Oktober 2019, trat Helge Fuhst als sogenannter Zweiter Chefredakteur der Redaktion ARD-aktuell in Hamburg an. Während sich sein Kollege Marcus Bornheim als Erster Chefredakteur vor allem um die “Tagesschau” kümmert und seine Kollegin Juliane Leopold in der Chefredaktion um die digitalen Aktivitäten, ist Fuhst für “Tagesthemen” zuständig. Dort schraubt er gerade an den täglichen Kommentaren. Der Chefredakteur spricht von einem “ganzen Paket” an Änderungen, die das Publikum nach und nach bemerken werde.

Der erste und sichtbarste Schritt ist auch bei Satiriker Jan Böhmermann angekommen. Nach 42 Jahren heißt der Kommentar in den “Tagesthemen” nun Meinung – wie Moderatorin Caren Miosga ankündigte, “ganz einfach, damit noch deutlicher wird, dass dies nicht die Ansicht der gesamten ‘Tagesthemen’-Redaktion ist, sondern die persönliche Meinung eines einzelnen Kollegen. Böhmermann vermutet, die “Angsthasenredaktion” befinde sich in einer “heraufbefürchteten journalistischen Defensive”, und fragte: “Was sind denn das für “Leute”, die das nicht verstehen?”

AfD und FDP fordern “Ausgewogenheit” – und die ARD zieht nach

Fuhst verteidigt den Schritt. Die Chefredaktion habe zwar keine Statistik geführt, sagt er, doch aus Diskussionen in Sozialen Netzwerken oder auch in der Zuschauerpost sei klar geworden, dass einige hinter dem Begriff “Kommentar” nicht das richtige vermuteten. “Wir sind auch nicht die Einzigen, die von ‘Meinung’ sprechen”, sagt Fuhst. Bei vielen Zeitungen hießen entsprechende Seiten schon lange so. Für die Chefredaktion passe der Begriff schlicht “besser in die heutige Zeit”. Ändern sollen sich bald aber auch das Format und vor allem die Bandbreite der Positionen.

Im Netz hat die “Tagesschau” Erfolg mit Pro-und-Contra-Kommentaren, bei denen gegensätzliche Meinungen direkt aufeinanderprallen. Das soll es künftig auch in den “Tagesthemen” geben – ein paar Mal im Jahr und zu ausgewählten Inhalten. Bei großen Themen sollen aber auch die klassischen, einzelnen Meinungsbeiträge über die Zeit unterschiedliche Positionen widerspiegeln. Auch dazu registriere die Redaktion immer wieder Kritik in Sozialen Netzwerken und per Post. Aus der Politik fordern vor allem AfD und FDP “Ausgewogenheit”. Dazu sei die ARD nun mal verpflichtet.

Während Fuhst in der Chefredaktion von ARD-aktuell grundsätzlich am Format arbeitet, wird die Auswahl der Themen und Kommentierenden von Rainald Becker als ARD-Chefredakteur in München koordiniert. “Ich sage mal, wenn sie im Jahr 25 Mal im weitesten Sinne Klimawandel kommentieren und 25 Mal immer aus der gleichen Richtung, dann blenden sie einen Teil der Bevölkerung aus”, sagt er. “Da wollen wir in Zukunft ein bisschen gegensteuern, um das mal klar zu sagen.”

Historiker warnt vor Diskursverschiebung nach rechts

In der Wissenschaft werden Zweifel laut, ob dieser Weg tatsächlich geboten ist. “Wessen Position wird eigentlich gehört, wessen Position wird gesendet und welche Position bekommt damit auch Legitimität?”, fragt Jürgen Zimmerer, Historiker an der Hamburger Universität. Er warnt vor einer “Diskursverschiebung” nach rechts. Zudem könnten extreme Positionen salonfähig gemacht werden.

“Multiperspektivität ist gut”, sagt Zimmerer. Zum einen sollten aber gerade schwierigen Positionen nicht ungefiltert Sendezeit eingeräumt werden, sondern nur mit einer Einordnung, sonst setzten sei sich fest. “Aber es gibt natürlich einen Rahmen, außerhalb dessen Positionen einfach absurd sind Ich warte dann auf den Kommentar in den ‘Tagesthemen’ zu ‘Die Erde ist eine Scheibe’ oder ‘Der Antisemitismus ist richtig’.”

Die Frage wird also sein, wie weit das Spektrum erweitert werden soll. “Antisemitische Meinungen haben in den ‘Tagesthemen’ überhaupt nichts zu suchen”, betont Becker. Solange er Chefredakteur sei, “aber mit Sicherheit” auch unter seinem Nachfolger Oliver Köhr, der im Mai antritt, werde es das nicht geben. “Da muss man dann einschreiten. Und ansonsten: Zwischen den Leitplanken, die uns die demokratisch-freiheitliche Grundordnung setzt, muss alles möglich sein.”

ARD will mehr Experten statt Stimmen aus der Hierarchie

Becker sucht nun mit den Chefredakteurinnen und Chefredakteuren der neun ARD-Sender neue Gesichter und vor allem Stimmen für den Kommentarplatz in den “Tagesthemen”. Mehr jüngere sollen es dem Vernehmen nach gerne sein, nachdem unter Becker der Anteil von Frauen an den gesprochenen Kommentaren im zuletzt ausgewerteten Jahr 2019 bereits auf 41 Prozent gestiegen ist – von beinahe 0 im ersten Jahr 1978. Außerdem sollen mehr Expertinnen und Experten, eventuell sogar Externe ihre Meinung sagen. Zurückstehen sollen dafür Hierarchinnen und Hierarchen der Sender, so der Plan.

“Wir werden keine Zensur ausüben”, erklärt Rainald Becker auf die Frage, wie der Kreis der Kommentierenden aus der ARD zustande kommen soll. Eine feste Liste soll es – anders als in den vergangenen Jahrzehnten – nicht mehr geben. “Wir werden rumfragen. Wir werden uns vielleicht ein bisschen mehr Zeit nehmen in unseren täglichen Schaltkonferenzen, eine Kommentatorin oder einen Kommentator zu einem bestimmten Thema zu finden. Aber wenn es eine bestimmte Richtung nicht gibt, dann gibt es sie nicht.”

Quelle: NDR-“ZAPP”

Nur eine Frau, nur weiße Gesichter

Eine Frau steht an der Spitze: Christine Strobl wird Programmdirektorin von “Das Erste”. Auch andere Spitzenpositionen haben die Intendanten neu besetzt. Auf WDR5 habe ich über (mangelnde) Diversität gesprochen.

für WDR5

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Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”

Zu große CDU-Nähe?

Als Programmdirektorin fürs Erste und die ARD-Mediathek hat Christine Strobl bald viel zu sagen. Doch das CDU-Mitglied begleiten Zweifel hinsichtlich ihrer politischen Unabhängigkeit. Dazu eine Analyse für ZAPP.

für NDR Fernsehen

Christine Strobl ist konsequent aufgestiegen: Die 49-jährige Juristin verantwortete beim Südwestrundfunk (SWR) die Kinder- und Jugendsendungen, später die Fernsehfilme.

Als die ARD vor zwei Jahren mit dem Film “Aufbruch ins Ungewisse” das Publikum mit der Fiktion zum Nachdenken brachte, weiße Menschen aus Europa müssten nach Afrika flüchten, schimpften AfD-Politiker “Staatsfunk” – und verwiesen auf das familiäre Umfeld Strobls.

Acht Jahre an der Spitze der Degeto

Vor acht Jahren hatte Strobl die Degeto übernommen, eine Tochter der ARD für Filme und Serien mit einem Jahresbudget im mittleren dreistelligen Millionen-Bereich. Grund genug für die “Bild“-Schlagzeile: “Schäubles Tochter füllt unser TV-Programm”.

Auch in den vergangenen Tagen, als ihr Aufstieg in der ARD die Runde machte, wurde in den sozialen Netzwerken immer wieder auf Strobls Familie hingewiesen: auf den Vater, Bundestagpräsident Schäuble (CDU), und ihren Ehemann, Thomas Strobl (CDU), den Innenminister von Baden-Württemberg. Der “Spiegel” stellt aktuell fest, Strobl gelte als “bestens vernetzt, sowohl im öffentlich-rechtlichen Rundfunk als auch in der Politik”.

In der CDU – aber nie im Amt

Tatsächlich bezeichnet sie sich auch selbst als politischen Menschen, zuletzt im Interview mit ihrem Heimatsender SWR1. Dort sprach der Moderator die Medienmanagerin darauf an, sie sei “früh” in die CDU eingetreten. “Ich beobachte Politik gerne. Ich habe auch wahnsinnig viele Gedanken dazu”, sagte Strobl. Aber: “Ich will [die Politik] nicht selber gestalten.”

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Ob das alle Zweifler überzeugen kann? Strobl wird von Mai an immerhin nicht mehr nur für eine Filmfirma zuständig sein, sondern für das gesamte Programm des Ersten und für die immer wichtigere ARD-Mediathek. Nach der jüngsten ARD-Sitzung erklärte auch der Vorsitzende Tom Buhrow, die Programmdirektorin sei äußerst mächtig. Sie sei nun für alle Genres zuständig.

Strobls bisherige Laufbahn zeigt: Um journalistische Formate hat sie bislang einen großen Bogen gemacht. Statt sich mit Nachrichtensendungen, Magazinen oder Dokumentationen zu beschäftigen, setzte sie im SWR etwa den “Tigerenten-Club” neu auf. Bei der Degeto, die vor ihrem Antritt in Skandalen versunken war, räumte sie auf – im besten Sinne. Mit “Babylon Berlin” organisierte sie der ARD einen großen Erfolg, im klassischen Programm, aber auch im Netz.

Kandidatur für SWR-Sitze abgelehnt

Für die ARD ist Strobl eine große Hoffnungsträgerin. Ihre bisherigen Projekte rechnen ihr die Intendantinnen und Intendanten der neun Landesrundfunkanstalten hoch an. Buhrow sprach von einer “extrem hohen fachlichen Kompetenz” und lobte Strobl dafür, dass sie “in Zeiten sich verändernden Sehgewohnheiten ein relevantes und attraktives Programm für Jung und Alt, für viele Menschen machen kann”.

Strobl weiß allerdings auch selbst um das Konfliktpotenzial, das eine erkennbare Nähe zur CDU mit sich bringt. Als sie 2019 als Intendantin des SWR im Gespräch war, lehnte sie ab. Der “Heilbronner Stimme”, sagte sie, da ihr Mann stellvertretender Ministerpräsident sei, ließe sich das mit einer derartigen Funktion nicht vereinbaren. Strobl verzichtete auf eine beachtliche Karriereoption, auch zum Schutz des Senders.

Strobl-Vorgänger war journalistisch involviert

Noch-ARD-Programmdirektor Volker Herres zeigt den zuliefernden Redaktionen, dass er sich auch für die journalistischen Formate interessiert – nach dem Geschmack einiger Redakteurinnen und Redakteure bisweilen zu sehr.

Wenn Strobl im Mai seine Nachfolge antritt, muss das nicht heißen, dass sie es ihm gleichtut. Die Konstruktion sieht schon immer getrennte Zuständigkeiten vor: Der Programmdirektor kümmert sich um den großen Rahmen des Programms, um das Sendeschema, wann also grundsätzlich welche Genres laufen, und vor allem um fiktionale Inhalte. Für alles Journalistische hat die ARD einen eigenen Chefredakteur, zuständig für “tagesschau”, “tagesthemen”, Dokumentationen und Talkshows.

Föderale Struktur der ARD schützt im Zweifel

“Die ARD ist doch nie eine One-Woman-Show, egal, wer da an der Spitze sitzt”, betont dann auch rbb-Intendantin Patricia Schlesinger, die einst unter anderem die Dokumentationen des NDR verantwortet und für “Panorama” gearbeitet hat. Für Schlesinger ist Strobl absolut integer. Die ARD seien aber immer viele, zum Beispiel die neun Chefredakteurinnen und Chefredakteure der einzelnen Anstalten oder auch deren Programmdirektorinnen und -direktoren: “Entscheidungen werden bei uns nie ganz allein, nie unkontrolliert getroffen.”

Die föderale Struktur als Schutz ist auch das Argument des ARD-Vorsitzenden, der glaubt, Strobl werde vermutlich so oft nach der CDU gefragt wie die Intendanten nach ihren Gehältern. “Die redaktionelle Hoheit liegt sowieso bei den Sendungen”, sagt Buhrow, der selbst länger für das Erste berichtet hat.

Auf eine klare Trennung der Funktionen kommt es an

In einem Pressegespräch zu den jüngsten ARD-Personalien betonte Strobl auf die Frage von ZAPP, wie sie bei Zweiflern für Vertrauen werben kann, dass ihre CDU-Nähe auch künftig keine Auswirkungen auf Programmliches haben wird: “Das eine ist eine private und persönliche Haltung und die hat im Job nichts zu suchen. Genauso werde ich das auch in der Zukunft handhaben.”

Zusammen mit der Spitze der ARD-Programmdirektion wechselt im Mai 2021 auch der ARD-Chefredakteur. Bislang ist das Rainald Becker. Im Mai – zusammen mit Strobl – soll nun Oliver Köhr folgen, der parteipolitisch unauffällige stellvertretende Leiter des Hauptstadtstudios. Und in die Versuchung, den “Presseclub” zu aktuellen politischen Themen im Ersten zu moderieren, so wie Programmdirektor Herres in den vergangenen Jahren, dürfte Strobl gar nicht erst kommen: Denn Herres bleibt vorerst an Bord, als Berater und Moderator.

Quelle: NDR-“ZAPP”

Im Wettlauf mit Spotify

Weil immer mehr Leute Podcasts hören und Musik streamen, fürchten klassische Radiosender um ihr Publikum – und werden kreativ. Notiert für die taz.

für taz

Thomas Jung leitet die erfolgreichste Popwelle der Republik: SWR3 vom Südwestrundfunk. Etwa 3,6 Millionen Menschen schalten täglich ein. Jung sagt, er gehöre nicht zu denen, die glaubten, das Radio sei tot. Er sagt: „Wir glauben, dass das Radio auch auf lange Sicht als Begleitprogramm erfolgreich bleiben kann.“ Jung will die Zukunft aber nicht dem Zufall überlassen. Wie viele Radiomanager investiert auch er dafür in technische Spielereien.

In der neuen Version seiner App kreuzt SWR3 seinen Sender mit dem, was NutzerInnen zunehmend von Spotify & Co. kennen. „Es gibt immer Titel, die einem auf den Geist gehen“, sagt Jung. „Uns ist es lieber, HörerInnen schalten innerhalb unseres Programms um als auf eine andere Welle oder in eine andere App.“ Nun kann das Publikum in der App des SWR auf Knopfdruck Musiktitel wechseln – im laufenden Programm.

Die Entwicklung, die auch die Jugendwelle DasDing nutzt, wird in der Szene gefeiert. Dabei ist der SWR gar nicht der erste Sender, der einen Eingriff ins Liveprogramm ermöglicht. Nach Entwicklungen in Österreich, Skandinavien und Großbritannien hat die Radiogruppe von RTL, zu der unter anderem Antenne Niedersachsen und das Berliner Spreeradio gehören, schon 2018 den „Swop“ eingeführt. Auch hier kann das Publikum nervige Titel wegdrücken.

Christian Schalt ist der „Chief Digital Officer“ der RTL-Radios. Auch er geht davon aus, dass das Radio seinen Platz neben Plattformen wie Spotify verteidigen wird: „Radio hat den unschlagbaren Vorteil, dass es NutzerInnen nichts kostet“, sagt Schalt. „Wenn um das Radio herum aber immer mehr Audioplattformen starten, dann ist die Antwort, diese Technologien auch zum Radio zu bringen.“

Eine ganze Diskothek im Handy
Hat SWR3 seine neuen Funktionen in der App einfach von RTL kopiert? Tatsächlich sind die Entwicklungen nur auf den ersten Blick vergleichbar. Wenn in den Programmen der RTL-Radios Musiktitel starten, laufen im Hintergrund eine Handvoll alternativer Titel an, in die NutzerInnen „swoppen“ können. Die SWR-Apps sind dagegen mit der gesamten „Rotation“ der jeweiligen Welle verknüpft. Das System greift auf bis zu 1.600 Titel zu und ist lernfähig.

„Wir wollten nicht parallele Musikstreams mit einer Scheinauswahl laufen lassen, sondern dass das Publikum auf unsere gesamte Musikauswahl zurückgreifen kann“, sagt SWR3-Programmchef Jung. Da schwingt der Seitenhieb mit, das Modell der privaten Sender sei nicht so ausgeklügelt. Das ist auch so, doch die überschaubare Auswahl muss kein Nachteil sein: Während bei den RTL-Wellen die Alternativtitel mit dem Originaltitel im Liveprogramm enden und die ModeratorInnen punktgenau wieder zu Wort kommen, bricht in den SWR-Apps die individuelle Musik ab, wenn die Moderation wieder startet.

Matthias Pfaff arbeitet an einem dritten Weg. Er verantwortet die Digitalstrategie der Gruppe Regiocast mit Stationen wie PSR in Sachsen und R.SH in Schleswig-Holstein. „Warum läuft Radio auch in einer Welt des Überangebots von Audio so gut?“, fragt Pfaff. „Menschen schätzen es, wenn sie auf einen Knopf drücken und ihnen Entscheidungen abgenommen werden.“ Individualisierung werde vor allem dann funktionieren, wenn HörerInnen nichts wegdrücken müssten. Apps könnten lernen, was NutzerInnen neben dem Hauptprogramm hören: Podcasts oder spezielle Streams einzelner Genres – immer nur Rockmusik zum Beispiel. Die App könnten dann dafür sorgen, dass die Musik im Liveprogramm automatisch an den Hörer angepasst wird.

Der Regiocast-Manager Pfaff vergleicht das mit einem Burger-Laden. „Die meisten Leute nervt es, wenn sie 15 Zutaten aufzählen und Fragen zum Brot oder zur Sauce beantworten müssen.“ Wer einen Burger wolle, wähle lieber ein Menü. „Wenn der Mann hinter der Theke seinen Gast besser kennt, empfiehlt der ihm eins und sagt, er lässt die Gürkchen weg und macht dafür Zwiebeln drauf.“ So müssten auch Radio-Apps funktionieren.

Spotify macht’s vor
Genauso läuft es bei Spotify. Mit „Daily Drive“ bietet die Plattform Pendlern ein individuelles Programm an, einen Mix aus der eigenen Lieblingsmusik, dazu Nachrichten und Beiträge, die klassische Radiosender als Pod­casts ins Netz stellen. Ein personalisierter Radiosender. Die Manager der klassischen Sender sehen in „Daily Drive“ eine Gefahr. Sie wollen Ähnliches bieten, kombiniert mit Livemoderationen, zu der auch regionale Informationen gehören. Beides kann Spotify nicht.

SWR3 hat seiner App noch weitere Funktionen verpasst. NutzerInnen können Musikstücke herzen und jederzeit nachhören. Und sie können im Live-Programm zurückspulen – für den Fall, dass sie nicht mitbekommen haben, welches Buch oder welcher Film da gerade empfohlen wurde.

Für all das hat der Sender mit der Verwertungsgesellschaft Gema und den Musiklabels mühsam einen neuen Tarif ausgehandelt. Damit der SWR die neuen Funktionen anbieten kann, zahlt der SWR extra an die Musikindustrie, allerdings nur für Zugriffe aus Deutschland. Im Urlaub Titel wegdrücken oder Lieblingstitel nachhören funktioniert nicht.

Andere Sender prüfen, ob und wie sie ihre Livestreams erweitern. Der SWR bietet seine Entwicklung der ARD an. Interesse hätten etwa der Rundfunk Berlin Brandenburg und Radio Bremen angemeldet. Der Bayerische Rundfunk will im Herbst das Zurückspulen anbieten. Außer­dem arbeitet er wie viele Sender daran, seine Radio-Apps auch auf die Systeme von Apple und Google in Autos zu bringen – wo sich Spotify & Co. schon breitgemacht haben, aber nur wenige Radiosender wie der Deutschlandfunk.

„Ich bin überzeugt, dass klassisches Radio dann weiter erfolgreich sein wird, wenn wir unsere HörerInnen stärker am Programm beteiligen, damit es auch wirklich ihr Programm ist“, sagt SWR3-Wellenchef Thomas Jung noch zur Zukunft. Bislang entscheide seine Redaktion, welches „Topthema“ am späten Nachmittag gesendet werde. Sie könne aber auch ihr Publikum befragten: ganz direkt und einfach über die App, natürlich.

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de

Der SWR, die neue Innovationsmaschine?

Im Medienmagazin von radioeins haben Jörg Wagner und ich SWR-Intendant Kai Gniffke und die Leiterin seines neuen XLabs, Vanessa Wormer, besucht.

für radioeins

— Zeitmarken des Podcasts —
[00:00] INTRO: Hexenküche 2009 | [01:54] Innovationsgespräch (1) mit Dr. Kai Gniffke und Vanessa Wormer | [10:23] Innovationsgespräch (2) | [20:48] Innovationsgespräch (3) | [31:14] Innovationsgespräch (4) | [49:48] Bonus: Der SWR 3 Jahre nach der Fusion aus Gewerkschaftssicht #r1MM 20.10.2001 [49:48] Bonus: Die Intendantensicht von Peter Voß #r1MM 01.12.2001

>> Download MP3 (Quelle: radioeins-“Medienmagazin”/wwwagner.tv)

Die Kampfansage bleibt

1,1 Milliarden Euro pro Saison – auch wenn das ein bisschen weniger ist als bisher: Die Vergabe der Bundesligarechte sichert die Liga finanziell ab und auch vor allem deutscher Sender. Die sollten sich aber nicht zu sehr in Sicherheit wiegen. Mein Kommentar für den Dlf.

für Deutschlandfunk

— Manuskript des Beitrags —
Wie sehr hatten alle mit Amazon gerechnet – dem Onlinedienst mit seinem gigantischen Budget. Und dem Streaming-Anbieter DAZN mit seinem milliardenschweren Privatinvestor. Doch zum Bieterkampf zwischen den beiden ist es offensichtlich nicht gekommen. Damit muss die Deutsche Fußball-Liga (DFL) indes nicht unzufrieden sein: In der Krise halten die Liga und die deutschen Sender zusammen. Man weiß, was man voneinander hat.

Sky ist der große Gewinner, die Zukunft des Münchner Bezahlsenders damit sicher. Dass DAZN vom Sommer 2021 an freitags und sonntags überträgt ist verschmerzbar. Exklusivität hatte ohnehin wieder mal das Kartellamt untersagt: Für die Ausschreibung galt ein sogenanntes „Alleinerwerbsverbot“. Und sogar „Ran“ darf ein Comeback feiern, mit neun frei empfangbaren Spielen pro Saison. Eine kleine Überraschung.

Auch bei ARD und ZDF dürften die Sektkorken geknallt haben: Das „Sportstudio“ und die „Sportschau“ sind gesichert. Mehr noch: Beide dürfen auch im Internet – in ihren Mediatheken und Apps – den Ball rollen lassen – zu allererst aber wieder „Bild“. Ebenso anders als bisher darf die ARD auch ihre legendäre Bundesligakonferenz nicht nur im Radio senden, sondern auch im Netz. Die ARD plant ohnehin einen Ausbau von sportschau.de. Die Ware „Fußball“ kommt da wie gerufen.

Aber: Vorsicht! Dieses Ergebnis heißt nicht, dass das Ringen um die Rechte vorbei ist. Amazon hat in der Krise keine Geldsorgen – im Gegenteil! Der Online-Konzern baut allerdings gerade eine andere Plattform aus: Twitch, eine Art Youtube für Livestreams – bisher für Computerspiele, zunehmend auch für Sport. In Großbritannien werden Nutzerinnen und Nutzer dort Spiele der Premiere League sehen können.

Deutschland steht bei der Entwicklung von Twitch noch hinten an, wie so oft beim „Rollout“ neuer Geschäftsmodelle amerikanischer Konzerne. Ein Erfolg der Plattform könnte die Karten aber wieder ganz neu mischen. Und auch DAZN hat gerade noch mal beteuert, „die Nummer 1 der Live-Sport-Anbieter“ werden zu wollen. Die Kampfansage bleibt. Und auch die „Bild“-Zeitung will mit 100 Millionen Euro ihr Video-Angebot ausbauen, plant bereits eine eigene Bundesliga-Show.

Welche Rolle klassische Fernseh-Anbieter noch spielen – in vier Jahren dürfte die Lage eine völlig andere sein und die aktuelle Rechtevergabe für die Sender rückblickend wie eine letzte Gnadenfrist wirken. Allzu sicher sollten sich Sky oder auch die ARD deshalb besser nicht fühlen – auch wenn sie jetzt erst mal vier Jahre verschnaufen können.

>> Download MP3 (Quelle: DLF-“Sport”)

Wohin mit der ARD?

Der Senderverbund ist historisch gewachsen: Viel TV, noch mehr Radio, nun immer mehr im Netz. Politik und Kritiker fragen sich derweil: Wie viel ARD soll künftig noch sein?

für NDR Fernsehen

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>> Beitrag in der ARD-Mediathek (Quelle: NDR-“ZAPP”)

Eine Gemeinschaft ringt um ihre Zukunft

Im Juni 1950 wurde die ARD beschlossen – der Aufbau eines bundesweiten Fernsehprogramms. Was die ARD künftig sein soll und wie teuer sie sein darf, ist heute Gegenstand politischer Diskussionen. Unser “Hintergrund” im DLF.

für Deutschlandfunk

— Beitrag gemeinsam mit Marcus Heumann —

— Manuskript des Beitrags —
„This is Radio Hamburg – a station of the allied military government. Hier spricht Hamburg – ein Sender der alliierten Militärregierung.“

Hamburg, 4. Mai 1945 – das sind Geburtsort und Geburtstag des deutschen Nachkriegsrundfunks.

„Radio Hamburg, ein Sender der britischen Militärregierung – das interessierte mich“, erzählt Axel Eggebrecht. „Und am 16. Juni 45, für mich ein unvergesslicher Tag, betrat ich das Funkhaus in der Rothenbaumchaussee.“ Der Schriftsteller und Journalist Axel Eggebrecht, der sich im NS-Regime als Systemgegner mit harmlosen Filmdrehbüchern durchgeschlagen hatte, wird zu einem der ersten deutschen Mitarbeiter bei Radio Hamburg, das ab September 1945 als „Nordwestdeutscher Rundfunk“, kurz NWDR, die gesamte britische Zone und Berlin versorgt.

Obwohl er beim Vorstellungsgespräch einiges Misstrauen überwinden muss: „Auf allen Gängen standen Tommies mit aufgepflanztem Bajonett, und schließlich kam ich zu einem Captain Everitt, der so etwas wie ein Programmleiter war. ‚Wann haben Sie zum letzten Mal eine Sendung gemacht?‘ fragte er mich. Ich sagte: ‚Am 6. Februar 1933, seitdem hatte ich leider keine Möglichkeit mehr.‘ Er musterte mich mit unverhohlener Ironie: ‚Aha, wieder ein Anti-Nazi – wie jetzt alle Deutschen. Da haben wir uns wohl etwas geirrt.‘“

Ab Oktober 1946 unter der Leitung von Hugh Carleton Greene, dem vormaligen Chef des Deutschen Dienstes der BBC, wird der NWDR, der sich erst zehn Jahre später in NDR und WDR aufspaltet, zur Keimzelle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland. Greene im Juni 1947: „Für die SPD und KPD ist der NWDR antimarxistisch, und für die CDU ist er marxistisch. Es scheint mir, dass dem NWDR in aller Bescheidenheit erlaubt werden könnte, zu dem Schluss zu kommen, dass er in seinen Bemühungen, unparteiisch und überparteilich zu sein, nicht nur Misserfolge aufzuweisen hat.“

„Greene hat sozusagen die Grundfundamente eines unabhängigen Journalismus den Deutschen beigebracht und immer wieder betont, wie wichtig es sei, dass Leute festangestellt seien und deshalb nicht abhängig, auch kritisch gegenüber dem Staat zu sein; was man den Deutschen ja auch lange beibringen musste“, sagt Bernd Gäbler, Medienwissenschaftler, Journalist und früherer Leiter des Grimme-Instituts.

1948 und 1949 werden – parallel zur Entstehung des Grundgesetzes, das Presse- und Rundfunkfreiheit garantiert – in den Westzonen die deutschsprachigen Sender aus alliierter Kontrolle entlassen. Nach dem Muster des NWDR entstehen Anstalten des Öffentlichen Rechts: zunächst der Bayerische Rundfunk in München, der Süddeutsche Rundfunk in Stuttgart, der Südwestfunk in Baden-Baden, Radio Bremen und der Hessische Rundfunk in Frankfurt am Main. Dabei verteidigen die West-Alliierten eisern ihr Konzept des Rundfunks als gesamtgesellschaftliches Eigentum gegen alle Einmischungsversuche aus der Politik.

Im Juni 1950 schließlich, vor 70 Jahren, versammeln sich die sechs Sender unter dem Dach einer „Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands“: Die ARD, zu Beginn nur mit Hörfunksendern, finanziert durch Gebühren der Bürger, ist geboren.

„Hier spricht Deutschland! Aus Baden-Baden hörten Sie eine Gemeinschaftssendung zu den Wahlen in der Sowjetzone“: Das erste Projekt der ARD richtet sich an Hörer in der DDR: Für sie produziert der Senderverbund erstmals zu den Volkskammerwahlen im Oktober 1950 Gemeinschaftssendungen, die von allen ARD-Anstalten ausgestrahlt und neben den Sendungen des US-kontrollierten RIAS Berlin zu einer wichtigen Informationsquelle für die Menschen „drüben“ werden.

Schon wenige Monate nach ihrer Entstehung gründet die ARD ein gemeinsames historisches Schallarchiv, das heutige Deutsche Rundfunkarchiv. Eine Kommission soll ein gemeinsames bundesweites Fernsehprogramm aufbauen – mit Zulieferungen von allen regionalen Sendern.

Der regelmäßige Fernsehdienst startet, betreut vom NWDR in Hamburg, am 1. Weihnachtstag 1952, zunächst nur in Norddeutschland. Noch sind es nur ein paar hundert Zuschauer, die schon am Tag darauf auf der Mattscheibe die Geburt jener Sendung verfolgen können, die bis heute zum Markenkern der ARD gehört: die Tagesschau.

Schon in ihrer Titelmusik kann die Tagesschau der frühen Jahre nicht die Nähe zur Kino-Wochenschau verleugnen; einen Nachrichtensprecher gibt es auf dem Bildschirm erst ab 1960.

Die Beliebtheit des Fernsehens wird beflügelt durch erste Liveübertragungen wie die der Krönung Queen Elizabeths im Juni 1953 oder des deutschen Triumphes bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954. Doch erst im November 1954 startet das bundesweite „Deutsche Fernsehen“ unter dem Signet der ARD, nachdem alle zuliefernden Anstalten technisch miteinander vernetzt sind.

Viele Sendereihen und Bildschirm-Stars werden ab Mitte der 50er Jahre zu regelrechten Ikonen des ARD-Programms, vom „Internationalen Frühschoppen“ über das „Wort zum Sonntag“ bis zur „Augsburger Puppenkiste“, von Peter von Zahn über Robert Lembke bis zu Hans-Joachim Kulenkampff und Peter Frankenfeld.

Und auch die Tagesschau entwickelt sich schnell weiter. Statt einem bunten Themenkaleidoskop in Wochenschau-Manier dominiert nun die aktuell-politische Berichterstattung. Daran hat sich bis heute ebenso wenig geändert wie an der 1956 erneuerten Erkennungsmelodie – aus der „Hammond-Fantasie“ von Hans Carste.

„Wir haben als erster 1957 eine Strichliste führen müssen über die politischen Parteien, wer dran war: SPD, CDU und so weiter“, erzählte der erste Tagesschau-Chefredakteur Martin S. Svoboda 1990 im Gespräch mit früheren Mitarbeitern wie dem NDR-Redakteur Jürgen Schröder Jahn: „Ich kann mich erinnern, dass der Svoboda der undiplomatischste Chef war, den ich je hatte. Das ging doch bis zu strengen Verweisen an einflussreiche Politiker, nicht bei der Mittagskonferenz anzurufen. Ich erinnere mich, dass der damalige Bundesinnenminister Schröder die Unverschämtheit besaß, uns zu stören während unserer Mittagskonferenz, und er dann gesagt hat: ‚Jetzt haben wir keine Zeit, Herr Schröder, rufen Sie später wieder an!‘“

Die Einmischungsversuche der Politik in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gipfeln Ende der 50er Jahre im Versuch Konrad Adenauers, ein zweites, privat finanziertes, aber unter Regierungskontrolle stehendes Fernsehprogramm aufzubauen. Mehrere SPD-regierte Bundesländer antworten mit der Anrufung des Bundesverfassungsgerichts. Und das spricht in seinem sogenannten „1. Fernsehurteil“ 1961 wegweisende Worte.

Bernd Gäbler: „‚Die Staatsferne der elektronischen Medien ist ein hohes Gut‘, und ab diesem Fernsehurteil 1961 gibt es in unserer Gesellschaft einen Pfeiler, auf dem das ganze öffentlich-rechtliche System ruht und sich immer wieder darauf berufen kann.“

Damit sind des Kanzlers Träume eines Regierungsfernsehens dahin. Aus der Konkursmasse des havarierten Adenauer-Fernsehens entsteht 1963 das ZDF – als eine von den Bundesländern gemeinsam getragene öffentlich-rechtliche Anstalt.

Durch die Popularität des Fernsehens wird der ARD-Hörfunk in den frühen Sechzigern in die Defensive gedrängt. „Diversifizierung“ heißt die Antwort, das Radioprogramm wird für verschiedene Zielgruppen zurechtgeschnitzt. Es entstehen Spezialsendungen und später eigene Rundfunkwellen; von fremdsprachigen Programmen für die sogenannten Gastarbeiter bis zu Pop-, Klassik-, Kultur- und Servicewellen. Und schon 1962 – als einziger überregionaler Sender – der Deutschlandfunk, damals vor allem als Informationssender für Hörer in der DDR konzipiert. Sein Pendant für das Ausland ist die im selben Jahr geschaffene „Deutsche Welle“.

Ab Mitte der 80-er Jahre müssen sich die Öffentlich-Rechtlichen dann doch noch privater Konkurrenz erwehren, als mit RTL und SAT1 die ersten kommerziellen TV-Sender auf der Mattscheibe auftauchen. Doch auch dem neuen, sogenannten „dualen System“ setzt das Bundesverfassungsgericht Grenzen – gleich durch mehrere Rundfunkurteile.

Medienforscher Gäbler: „Das eine, das Öffentlich-Rechtliche ist die Basis, dann darf es auch das andere geben. Aber nie andersherum.“

Die deutsche Einheit wird auch für die ARD zu einem Kraftakt: Der DDR-Rundfunk wird integriert – journalistische Kontrahenten von einst sitzen nun mitunter Schreibtisch an Schreibtisch in der gleichen Redaktion.

Heute, 70 Jahre nach ihrer Gründung, zählt die ARD – nach diversen Umstrukturierungen und Fusionen – neun öffentlich-rechtliche Anstalten. Die betreiben jeweils ein Drittes Programm, gemeinschaftlich das Erste, tagesschau24 und den Film- und Dokumentationskanal One. Dazu kommen etwa 60 Radiosender und moderierte Livestreams im Netz sowie gemeinsame Programme mit dem ZDF und Sendern im Ausland: der KiKa, Phoenix, 3sat und Arte. Die ARD ist groß.

Aber was soll sie künftig eigentlich sein und was darf das kosten? Darüber wird aktuell besonders intensiv diskutiert: Nach elf Jahren soll der Rundfunkbeitrag ab Januar 2021 steigen, um 86 Cent auf 18,36 Euro pro Haushalt im Monat. So hat es die Finanzkommission KEF, die die Beitragshöhe regelmäßig überprüft, im Frühjahr vorgeschlagen.

Ob es dazu kommt, hängt von den Landesparlamenten ab, die der Erhöhung in den kommenden Monaten alle zustimmen müssen. Davor müssen – voraussichtlich bei ihrem nächsten Treffen Mitte Juni – auch noch alle Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten zustimmen.

Tom Buhrow – früher Moderator der „Tagesthemen“, heute Intendant des WDR – und aktuell ARD-Vorsitzender: „Wir sind immer in einem gesellschaftlichen Spannungsfeld tätig, das ist ganz klar. Das war über die sieben Jahrzehnte so, die es uns gibt. Eine Signalwirkung – nicht von der Politik, sondern von der Gesellschaft insgesamt ist, dass sie sehen will, dass wir uns der Zukunft zuwenden, dass wir Angebote machen, die ihnen nutzen und dass wir im digitalen Raum mehr machen.“

Mit funk betreibt die ARD – auch hier gemeinsam mit dem ZDF – inzwischen ein „Content-Netzwerk“. funk hat keinen eigenen Sender, sondern veröffentlicht seine etwa 70 Formate vor allem in sozialen Netzwerken, auf Youtube oder Instagram – dort, wo das Publikum der Zukunft ist.

Die ARD, sagt Tom Buhrow, stecke aber in einem Dilemma: „Eigentlich muss man ja in solchen Zeiten des Wandels in die neue Technik, in die neue Verbreitungsform mehr investieren, um da attraktiv zu sein fürs Publikum und für die Nutzerinnen und Nutzer. Man kann das alte aber auch nicht lassen, denn das sind die treusten unserer treuen Zuschauerinnen und Zuschauer und Hörerinnen und Hörer.“

Dazu kommt die heikle politische Stimmungslage. Mit der AfD sitzt in allen Landesparlamenten eine Partei, die oft von „Staatsfunk“ spricht und den Rundfunkbeitrag abschaffen will. Dabei sorgt gerade der für Staatsferne: Das Geld für die Sender kommt – abgesehen von der Deutschen Welle – nicht aus dem Staatshaushalt und kann deshalb auch nicht mal eben gekürzt werden, wenn einer Regierung das Programm nicht passt.

Die FDP, die an drei Landesregierungen beteiligt ist, steht wie die übrigen Parteien grundsätzlich zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie will ihn aber spürbar kürzen: Unterhaltung und Sport könnten doch auch private Sender.

Auch Teile der Union wünschen sich eine andere ARD, so wie Rainer Robra, der Chef der Staatskanzlei in Sachsen-Anhalt: „62 Jahre der 70 Jahre der ARD habe ich bewusst miterlebt. Wir haben 1958 den ersten Fernsehapparat bekommen. Also insofern kenne ich das noch als den Funk der deutschen Länder.“

Die ARD solle sich wieder stärker abgrenzen von den nationalen Angeboten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, vor allem vom ZDF. Ein Rückbesinnen auf die Wurzeln, bei denen auch im Ersten bewusst aus den Regionen geschaltet worden sei, um die politische und gesellschaftliche Realität der Bundesrepublik abzubilden.

„Nicht Berlin als Paris, alles kommt von dort aus, oder als London oder als Madrid. Keine zentralstaatliche Verfassung, sondern ein Leben von unten aus den Regionen bis in die höchste politische Ebene. Und da noch mehr in der ARD übereinander und voneinander zu erfahren und miteinander zu besprechen, das halte ich für die eigentliche große Zukunftschance der ARD.“

Die ARD hat auf diese Forderungen reagiert. Seit Ende Mai haben die „Tagesthemen“ mehr Sendezeit – zunächst freitags, später auch an anderen Tagen. Moderatorin Caren Miosga sagte zum Start der Veränderung: „Wie sieht der Alltag der Menschen in Deutschland aus? Welche Geschichten haben sie zu erzählen? Ab heute wollen wir uns regelmäßig Zeit nehmen, noch genauer hinzuschauen und reisen quer durch die Republik in unserer neuen Rubrik ‚Tagesthemen mittendrin‘.“

Kritiker wie CDU-Politiker Rainer Robra begrüßen diesen Schritt. Allein: „Das reicht mir zugegebenermaßen noch nicht. Aber ich finde es ein sehr wichtiges Signal auch gegenüber der Diskussionen, die eben auch stark dadurch getrieben wird, gerade auch aus Ostdeutschland, dass man den Eindruck hat, noch nicht wirklich voll von der ARD akzeptiert zu sein und noch nicht voll in der Gemeinschaft der Länder im Rundfunk angekommen zu sein.“

Will heißen: Die ARD sollte den Mitteldeutschen Rundfunk nicht nur formal zu ihren Mitgliedern zählen, sondern dieses Sendegebiet auch ganz selbstverständlich bundesweit abbilden. Manch ein Unionspolitiker in den Landesparlamenten mahnt zudem, die ARD, die zuletzt aus dem Rundfunkbeitrag 5,6 Milliarden Euro bekam, müsse sich „gesundschrumpfen“ – zumal in Zeiten der Coronakrise, unter der viele Bürgerinnen und Bürger litten.

Tatsächlich sind im öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem längst Sparmaßnahmen angelaufen. Neben der ARD betonen auch Deutschlandradio und das ZDF, Kooperationen hinter den Kulissen – bei Technik und Verwaltung – seien von großer Bedeutung. Deutschlandradio ist darüber hinaus vertraglich verpflichtet, eng mit ARD und ZDF zusammenzuarbeiten. Viele bauen seit Jahren Stellen ab und streichen Angebote – auch, weil sie davon ausgehen, dass die geplante Erhöhung des Rundfunkbeitrags nicht reichen wird, um in den nächsten vier Jahren, solange dauert die nächste Beitragsperiode, die laufenden Kosten zu decken.

Wie eins ist die ARD noch in ihrem 70. Jahr? WDR-Intendant und ARD-Vorsitzender Tom Buhrow will so viel Gemeinschaftssinn erhalten, wie möglich. Leicht werde das aber nicht. „Das muss eine Balance sein zwischen dem, was man in der eigenen Landesrundfunkanstalt an Sparmaßnahmen und an Kürzungen macht und dem, was in der Gemeinschaft an Kürzungen vorgenommen werden muss. Das ist ein schwieriger Prozess. ”

Über den in den kommenden Monaten auch in den 16 Landesparlamenten intensiv diskutiert werden wird, wenn es um die geplante Beitragserhöhung und damit verbundene Sparmaßnahmen geht. Bisher ist auch noch nicht klar, ob alle Parlamente zustimmen. Als Wackelkandidat gilt vor allem Sachsen-Anhalt, aber zum Beispiel auch Sachsen.

Die Zukunft der ARD – wie auch von Deutschlandradio und dem ZDF – sieht Bernd Gäbler trotz dieser Debatten nicht grundlegend gefährdet. Der Medienwissenschaftler warnt aber auch davor, dass die Intendantinnen und Intendanten in dieser entscheidenden Zeit allzu selbstbewusst auftreten:

„Es gibt eine Gefahr, die ich sehe. Die liegt darin, dass die Sender-Verantwortlichen ihren Auftrag überhöhen. Wenn ein Intendant sagt ‚Die Gebühr ist eine Demokratieabgabe‘ oder ‚Wir sind der Kitt für die Gesellschaft’ – das ist eine Anmaßung! Wenn man diesen Anspruch hat, dann führt das immer zu einem Überhang der Didaktik gegenüber dem Handwerk, immer dazu, dass ich als Medien die Leute zu einem Zusammenhalt erziehen will, obwohl die Gesellschaft sich innerlich pluralisiert. Man muss aufpassen, dass man Arenen der Meinungsbildung organisiert, aber nicht sich begreift als Erzieher des Volkes.“

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120 Anfragen an einem Tag

Die Sprecherin des Robert-Koch-Instituts schafft es nicht mehr, alle Anfragen zu beantworten. Wird aus der Corona-Krise eine Informationskrise?

für taz

Susanne Glasmacher leitet die Pressestelle des Robert-Koch-Instituts (RKI) schon seit 20 Jahren. Krisen hatte sie immer wieder: Sars, die Schweinegrippe und auch Ehec. Doch nichts davon war so belastend wie Corona. „Damals gab es mal einen Tag mit 100 Anfragen, jetzt schon seit über drei Monaten täglich.“ Allein an einem „vergleichsweise ruhigen Tag“ Mitte April habe ihre Pressestelle 120 E-Mails erreicht. „Das ist schon brutal viel.“

Für das Abarbeiten von Presseanfragen seien sie eigentlich nur zu zweit. In Krisen kämen noch mal ein bis zwei Kolleginnen dazu. „Das war’s“, sagt Glasmacher. Und dann erzählt sie von der aktuellen Überforderung. „Mein Leitbild war stets: Antworte allen. Das haben wir auch eine ganze Weile noch geschafft. Aber irgendwann mussten wir das aufgeben. Es ist nicht mehr zu schaffen.“ Sie sortiere nun, vor allem nach der Reichweite der Medien.

Die Wissenschaftspressekonferenz hat mit der Coronakrise einen „Krisenstammtisch“ gegründet. An den Videokonferenzen nehmen bis zu 30 Fachjournalist:innen teil. „Viele haben erzählt, dass sie bei einzelnen Pressestellen telefonisch gar nicht mehr durchkommen und auch auf E-Mails oft keine oder nur sehr knappe Reaktionen erhalten“, sagt Medizinjournalistin und Vorstand Nicola Kuhrt.

Die Lage am RKI, dem „derzeit für die wissenschaftliche Berichterstattung entscheidenden Nadelöhr“, sei schwierig, aber auch bei anderen Instituten, Universitäten und Gesundheitsministerien beim Bund und bei den Ländern.

Die Großen haben es leichter

„Wir sind dort gut vernetzt“, sagt Kuhrt, die selbst das Portal Medwatch mitgegründet hat und sonst für diverse Magazine berichtet. Expert:innen wollten sich bei öffentlichen Äußerungen aber mit ihrer Pressestelle abstimmen. „Das ist natürlich völlig in Ordnung. Es hilft aber nicht, wenn die Pressestelle dann drei Tage nicht erreichbar ist.“

Vor allem in den großen Sendern halten sich die Schwierigkeiten in Grenzen. Der WDR, bei dem die Wissenschaftsredaktion Quarks angesiedelt ist, meldet mit der Frage, welche relevanten Fragen im Kontakt von Politik und RKI auf der Strecke blieben: „Nach unseren bisherigen Erfahrungen keine.“ Und für den Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios, Theo Koll, sind die Informationszugänge „insgesamt gut in dieser Krisenphase“, auch zu politischen Akteuren – „als hätten sie plötzlich abends alle Zeit“. Es gibt aber auch andere Erfahrungen.

NDR-Journalist Christian Baars recherchiert für „Tagesschau“ und „Panorama“. „Manchmal geht es richtig schnell, bei anderen Anfragen muss ich nachhaken“, sagt er über das RKI – wenngleich er Verständnis habe: „Gerade das RKI wird zugeballert mit Anfragen.“

Ein größeres Problem habe er ohnehin mit dem Bundesgesundheitsministerium: „Dass da konkrete Fragen beantwortet würden, kann ich leider nicht berichten.“ Schon „ein paarmal“ habe er gar keine Antwort erhalten, und wenn, dann nur „allgemeine Statements“. Das sei schon früher so gewesen. „Aber es ist gerade in dieser Situation wahnsinnig unbefriedigend.“

Verweis auf Zeitungsartikel

Als Baars zu Beatmungsgeräten recherchierte, habe er nur einen Verweis auf eine Pressekonferenz und auf einen Zeitungsartikel erhalten – „nach ganzen zwei Tagen“. Medizinjournalistin Kuhrt hatte für den Stern zum selben Komplex Fragen gestellt. „Die Antwort kam auch, aber eine Woche später“, berichtet sie. „Da war das Stück längst gedruckt.“ Was sie nicht weiß: Warum die Antwort dauerte. „Solche Hinweise bleiben derzeit auf der Strecke. Da hält sich mein Verständnis für Verzögerungen eher in Grenzen.“

Die Wissenschaftspressekonferenz hat in einem offenen Brief bessere Informationszugänge angemahnt. „Nach der Veröffentlichung gab es einige Gespräche“, berichtet Kuhrt. „Wir wissen, dass sich viele ernsthaft bemühen. Und dennoch sagen wir auch heute noch: Wir wünschen uns eine größere Unterstützung und auch eine Wertschätzung unserer Arbeit.“ Mit besseren Erklärungen könne zudem die Akzeptanz der Maßnahmen steigen.

Könnten Journalist:innen ihre Anfragen koordinieren? RKI-Sprecherin Glasmacher berichtet immerhin: Sie erreiche „aus größeren Häusern Anfragen zur gleichen Fragestellung aus ganz unterschiedlichen Redaktionen“. Bei den Jour­na­lis­t:in­nen heißt es indes: Die Anforderungen etwa einer Nachrichtensendung oder -seite für schnelle Reaktionen sei anders als die eines Polit- oder Nachrichtenmagazins, das eher an Details interessiert sei. Also ist das eher keine Lösung.

Eine andere Möglichkeit wären Datenbanken mit Antworten auf bereits gestellte Fragen. Damit würden Kapazitäten frei für neue Recherchen. Die Wissenschaftspressekonferenz überlegt zudem, gemeinsam mit der Bundespressekonferenz Vertreter:innen aus Wissenschaft und Politik einzuladen. „So könnten Kolleg:innen sowohl des Wissenschafts- als auch des Politikressorts gleichzeitig teilnehmen“, sagt Kuhrt. „Expertinnen und Experten müssten sich dann auch nicht mehr überlegen, wofür sie überhaupt Zeit haben.“

Machtverschiebung in der Kommunikation

Das Kölner Science Media Center, das auf eine Initiative der Wissenschaftspressekonferenz zurückgeht und von Stiftungen und Spender:innen finanziert wird, organisiert bereits seit Jahresbeginn „Pressebriefings“ zu Corona. An den Veranstaltungen nehmen neben Wis­sen­schaft­ler:innen zwischen 25 und 90 Journalist:innen teil.

Volker Stollorz, Leiter des Zentrums, beobachtet aber auch „eine Machtverschiebung“: Institutionen laden zunehmend selbst zu Runden ein. Dann würden aber nicht Journalist:innen moderieren, sondern die Wissenschaft sich selbst. Vor allem bei den Pressekonferenzen des RKI rate er zur Umsicht. Da es dem Bundesgesundheitsministerium unterstellt sei, falle es eher nicht unter die Wissenschaftsfreiheit. Klar erkennbar sei dann auch das „One Voice Prinzip“: Auf den pro Woche zwei Pressekonferenzen des RKI spreche nur die Hausleitung. Abweichende Meinungen seinen keine zu hören, obwohl Diskurs zwingend Teil der Wissenschaft sei.

RKI-Sprecherin ­Glasmacher sagt wiederum, ihre Ex­per­t:in­nen müssten in dieser Lage sehr viel bewältigen und daneben auch wissenschaftlich pu­bli­zieren. Gespräche mit Medien seien „in dieser Situation nur im Ausnahmefall möglich“. Ihren kleinen Apparat mal eben aufstocken, das funktioniere auch nicht. Und PR-Agenturen wären eher Risiko statt Hilfe: „Jede ungeschickte oder unpräzise Aussage wäre in der angespannten Lage ein Problem.“

Wenn sie sich etwas wünschen könnte, sagt Glasmacher, dann wäre es, dass mehr Jour­na­lis­t:innen Verständnis hätten für ihre Situation. Sie tue jedenfalls mit ihrem Team, was sie könne, um so viele Anfragen wie möglich abzuarbeiten. Allein: „Wenn uns dann noch Einzelne in vier Tagen fünf Fragenkataloge schicken und dazu mehrfach anrufen, um ihrer Sache Nachdruck zu verleihen, dann fragen wir uns schon, ob das sein muss.“

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Das Vorschaubild zeigt einen Blick ins Hochsicherheitslabor des Robert-Koch-Instituts. Foto: RKI