Springer: Wohin steuert der Medienkonzern?

Zusammen mit Jon Mendrala habe ich mir u.a. für ZAPP die Frage gestellt, wo in Zeiten der KKR-Investitionen eigentlich noch der Journalismus bleibt.

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —
Hamburg. Am Axel-Springer-Platz eine Großbaustelle – und großes Bangen. Wie viele Mitarbeiter müssen gehen? Bei „Bild“, „Sportbild“, „Computerbild“. Dazu die „Welt“: werktags bald ohne Lokalteil. Und dann noch das:

[“Handelsblatt” 27.8.2019] „KKR wird Springers größter Aktionär“.
[“Abendblatt” 27.8.2019] „US-Investor übernimmt 43 Prozent von Springer“.
Manch einer sieht eine
[taz 18.9.2019] „Weltuntergangsstimmung bei Springer“.
Der Deutsche Journalisten-Verband sieht allein in Hamburg bis zu 100 Stellen bedroht.

[Stefan Endter, DJV Hamburg] „Das ist eine Sorge um die Arbeitsplätze. Das ist die Sorge um eine Zukunft der Produkte für die Kolleginnen und Kollegen zum Teil seit Jahrzehnten engagiert arbeiten.“

Unruhige Zeiten am Standort Hamburg. In den Neunzigern war Martin Jastorff selbst Manager bei Springer, kümmerte sich um die Strategie des Konzerns. Heute lehrt er Medienmanagement. Ihn beschäftigt, was gerade passiert.

[Prof. Dr. Martin Jastorff, Macromedia Hochschule] „Springer hat schon sehr früh den Weg zum digitalen Verlag eingeschlagen und das ja auch sehr erfolgreich und sehr viel konsequenter als die meisten anderen deutschen Medienunternehmen. Insofern ist der Weg, den sie jetzt gehen, einfach wirklich sehr konsequent, sich – ja – von fast allen Print-Titeln, muss man ja ganz ehrlich sagen, zu trennen.“

Berlin. Seit Mitte der Sechziger Jahre Springers Konzernsitz – früher direkt an der Mauer. Zur aktuellen Lage: für ZAPP kein Interview. Stattdessen: ein Gespräch mit Lutz Meier. Der Wirtschaftsjournalist beobachtet Springers neuen „Balanceakt“.

[Lutz Meier, Wirtschaftsjournalist „Capital“] „Das Hauptgeschäft von Axel Springer heute ist Kleinanzeigenportale zu betreiben für Jobs, für Wohnungen und anderes. Drei Viertel des Gewinns kommt aus diesen Kleinanzeigenportalen. Vereinfacht gesagt, bestehen diese Geschäfte ja aus einem Server, den man irgendwo hinstellt. Die Inserenten, die die Kleinanzeigen aufgeben, liefern den Content. Dadurch entstehen Vorsteuerrenditen von 40, 50 Prozent. So etwas gab es in den besten Zeiten des Verlagswesens nicht.“

Die US-Investoren von KKR schießen etwa drei Milliarden Euro in den Konzern, damit er weiter wachsen kann. Das Kalkül: satte Gewinne – vor allem: für KKR. Das hat schon mal geklappt.

Von 2006 bis 2014 bei ProSiebenSat1. Für mehr Profit strich der Konzern etliche Stellen im klassischen TV-Geschäft. Der Betriebsrat sprach von einem „Erosionsprozess“. Der Konzern würde „ausgehöhlt“. Was passiert jetzt bei Springer?

Auf den Münchner Medientagen Ende Oktober. Die Branche diskutiert über die Zukunft. Und eine KKR-Managerin lobt Springers Digitalgeschäft.

[Franziska Kayser, Finanzinvestor KKR] „Gleichzeitig wird natürlich das traditionelle Geschäft bei Axel Springer immer Teil des Unternehmens bleiben. Also wir unterstützen die ‚Bild‘, die ‚Welt‘. Beides wird in der traditionellen Form so weitgeführt werden.“

Axel Springer selbst kündigt an: „Wir gehen mit BILD und WELT jetzt den nächsten Schritt“. Offiziell ist von „Kosteneinsparungen von 50 Millionen Euro“ die Rede. Bei den klassischen Medien in Deutschland.

[Lutz Meier, Wirtschaftsjournalist „Capital“] „Es ist schon ein deutliches Signal, die guten Jahre sind vorbei. Und es ist, glaube ich, vor allem ein Signal nach innen an die Leute, dass jetzt mehr gearbeitet, mehr Geld verdient werden soll und dass die journalistischen Bereiche keine – ja – Narrenfreiheit haben.“

Während die Kollegen im Print-Geschäft um ihre Jobs fürchten, baut Springer im Digitalen aber auch aus. Und: um. Im Neubau zieht der Konzern bald seinen TV-Sender Welt mit der Print- und Onlineredaktion zusammen.

Neben Fernsehwerbung soll die „Welt“ vor allem im Digitalen Geld verdienen, mit „Welt+“. Genauso „Bild“. Dafür kündigt Springer auch Investitionen an – mehr als „100 Millionen Euro, vor allem in eine Live-Video-Strategie von BILD“.

Schon heute zücken „Bild“-Reporter ihre Smartphones praktisch überall – so wie hier vor der CDU-Zentrale. „Bild“ geht live – im Videostream. Das soll erst der Anfang sein. Und Springer investiert auch weltweit. In Medien, die in Deutschland kaum einer kennt. Etwa „Politico“ mit Informationen aus Brüssel zur EU-Politik. Und: „Business Insider“ – ein internationales Wirtschaftsportal.

Dass Springer den Journalismus weiter hochhält, hat vor allem mit Friede Springer zu tun, der Witwe des Gründers – und: mit Mathias Döpfner. Der Journalist leitet den Konzern seit bald 18 Jahren. Von ihrem Großinvestor KKR haben sie sich schriftlich geben lassen, dass die letzten Traditionsmarken bleiben.

[Textzitat Axel Springer SE] „Mindestens fünf Jahre, das können aber auch bis zu zehn Jahre sein. Die Vereinbarung mit KKR sieht einen großzügigen Ergebniskorridor vor, der faktisch einer Bestandsgarantie gleicht.“

Doch auch in der Medienbranche gilt: Am Ende schaut ein Investor auf die Zahlen.

[Lutz Meier, Wirtschaftsjournalist „Capital“] „Die suchen ja nicht die Seele. Die suchen Return on Investment. Und für Mitarbeiter ist es natürlich schon wichtig, dass man ihnen das Gefühl gibt, das Unternehmen ist mehr als eine Geldmaschine.“

[Prof. Dr. Martin Jastorff, Macromedia Hochschule] „Ich glaube, als Springer-Mitarbeiter fühlt man sich immer noch als Teil eines besonderen Unternehmens. Aber natürlich sind auch harte Einschnitte nicht zu vermeiden, wenn es der Print-Branche eben doch deutlich schlechter geht, wie in den letzten Jahren.“

Einschnitte, bei denen viele etablierte Mitarbeiter auf der Strecke bleiben dürften. Hier schließt sich der Kreis, denn wer sich bald als Journalist etwa in Hamburg einen neuen Job suchen muss – möglicherweise könnte er ihn finden: Auf einem Anzeigenportal aus dem Hause Axel Springer.

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

radioeins-“Medienmagazin” vom 9. März 2019

In unserer radioeins-Sendung blicken Jörg Wagner und ich diesmal auf den Amoklauf in Winnenden und die Verfehlungen der Medien zurück. Außerdem geht’s um Axel Springer.

für radioeins

— Inhalt der Sendung —

1. Axel Springer SE mit Wachstum bei Umsatz, Ergebnis und Dividende
Noch erzielt das Axel-Springer-Verlagshaus knapp über 50% seiner Erlöse aus journalistischen Produkten. Der Verkauf digitaler Abonnements für BILD und WELT ist weiter gestiegen, Bild+ hat inzwischen 420.000 digitale Abonnenten. Das sei die höchste Abonnentenzahl in Kontinentaleuropa und Platz 5 weltweit.
O-Ton: Ausschnitt Bilanz-Pressekonferenz der Axel Springer SE, 07.03.2019
Fragen: Jörg Wagner + Daniel Bouhs
Interview mit Dr. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender Axel Springer SE
Autor: Daniel Bouhs

2. Noch keine Einigung über künftigen Rundfunkbeitrag in Sicht
Wenn die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten in zwei Wochen zu ihrer nächsten Tagung zusammentreffen, könnte die Frage, ob der Rundfunkbeitrag weiterhin nach der herkömmlichen Methode berechnet wird oder durch eine sogenannte Indexierung gekoppelt an die Inflationsrate weiterhin offen bleiben. Diskutiert wird gegenwärtig auch, ob man die Beitragsperiode auf 6 Jahre verlängert und eine Kombination aus beiden Modellen realisieren sollte.
Interview mit Heike Raab, Bevollmächtigte des Landes Rheinland-Pfalz beim Bund und für Europa, Medien und Digitales als Staatssekretärin in der Staatskanzlei, maßgebliche Koordinatorin in der Rundfunkkommission der Länder
Autor: Jörg Wagner

3. 10 Jahre nach dem Amoklauf in Winnenden (1)
Am 11.03.2009 tötete ein ehemaliger Schüler der Albertville-Realschule von Winnenden 15 Menschen und danach sich selbst. Die mediale Berichterstattung überschritt das bis dahin bekannte Ausmaß. Respekt vor der Trauer der Angehörigen musste polizeilich durchgesetzt werden. Redaktionen begingen mehrfach Rechtsbruch beim Veröffentlichen von Fotos der Opfer, die man sich aus den sozialen Netzwerken “besorgte”.
Studiogespräch mit O-Tönen von:
Archivtöne:
* Tagesschau, Tagesthemen extra, Tagesthemen, ARD, 11.03.2009
* ZDF-Reportage, ZDF, 15.03.2009
* Knut Bauer, SWR-Hörfunk, Reporter
* Anton Jany, ZDF-Studio Stuttgart
Autor: Daniel Bouhs (live, honorarpflichtig)

4. 10 Jahre nach dem Amoklauf in Winnenden (2)
Das “Besorgen” von Opfer- und Täterfotos durch unlautere Überredung oder Diebstahl gehört schon seit Jahrzehnten zu den Praktiken besonders von Boulevardmedien, die regelmäßig vom Deutschen Presserat gerügt wurden (“Witwenschüttler”). Doch Winnenden 2009 war eine Zäsur durch den offenen, ungeschützten Umgang mit Fotos und Selfies in sozialen Netzwerken und in “Opfergalerien”.
Interview mit Prof. Dr. Christian Schertz, Medienanwalt, spezialisiert auf das Persönlichkeitsrecht (im PodCast die Langfassung)
Autor: Jörg Wagner

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“Wir teilen nach Ärger, Neugier und Freude auf”

Die Leiter von “Bild Politik”, Selma Stern und Nikolaus Blome, erklären mir im Interview für ZAPP ihr Konzept.

für NDR Fernsehen

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>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

Deutschland sucht die Supermediathek

Die ARD-Chefs sind begeistert von der Idee einer Mediathek aus öffentlich-rechtlichen und privaten Angeboten – als Alternative zu US-Plattformen. Kann das funktionieren?

für ZEIT ONLINE

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Mehr Digitalabos, neue Struktur, stärkere Macht: Axel Springer 2017

Auf der Pressekonferenz des Axel-Springer-Verlags am 8. März 2018 in Berlin berichtet der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner , wie sich “Bild” und “Welt” 2017 im Digitalen entwickelt haben, wie sein Konzern hinter den Kulissen das Geschäft neu organisiert und warum die “publizistische Einflusssphäre” des Medienhauses wächst — und damit auch seine journalistische Verantwortung.

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Kritisierte Kooperation

Über die Marktmacht von NDR/WDR/SZ

für NDR Fernsehen

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>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

Die Bewegtbild-Offensive der Verlage

Reichweitenstarke Ausspielwege über Social Media und leistungsstarke Smartphones ermöglichen Verlagen den Einstieg in den Bewegtbild-Journalismus. Die “Bild” ist ganz vorn dabei

für NDR Fernsehen

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Manuskript des Beitrags
„3, 2, 1…“

Berlin-Kreuzberg, die Regie der „Bild“-Zeitung. Mehrfach täglich gehen Boulevard-Reporter live.

(Auszug)

Hier wird professionell verpackt, was als Signal via Smartphone ankommt. Einfaches und schnelles Programm – gezielt für soziale Netzwerke. Der Anfang vom Umbruch.

OT Julian Reichelt (Chefredakteur bild.de)
„Man kann das Angriff aufs Fernsehen nennen. Man kann es Revolution nennen. Ich nenne es Revolution. Ich glaube, wir sehen tatsächlich eine Revolution, die einen Angriff eigentlich überflüssig macht.“

Diese Revolution hat viele Kinder. Zum Beispiel hier in Regensburg: Die „Mittelbayerische Zeitung“ – seit Jahrzehnten eine Redaktion, in der vor allem geschrieben wird. Jetzt aber auch hier: eine neu Video-Offensive.

(Auszug)

Reporter liefern Interviews per Smartphone zu. Dazu noch die Moderation – fertig ist die die eigene Sendung:

(Auszug)

Der Nachrichtenchef der Zeitung: in der Bewegtbild-Offensive – letztlich, weil Smartphones das Technik-Monopol der Sender gebrochen haben.

OT Christian Kucznierz (Leiter Newsdesk „Mittelbayerische Zeitung“)
„Es ist einfach früher sehr aufwändig gewesen, mit einem Kamerateam irgendwas zu machen und in einer vernünftigen Qualität zu machen. (…) Heute können Sie einfach innerhalb von wenigen Sekunden den Film der ganzen Welt zugänglich machen. Und wie gesagt: Wenn wir da nicht hingehen würden, wo unsere Nutzer und Leser sind in ihrer täglichen Lebenswirklichkeit, wären wir halt schlecht beraten.“

Zu den Sendungen kommen Live-Einsätze. Spektakuläres nicht nur aufschreiben, sondern auch zeigen.

(Auszug)

Die Video-Offensive der Verlage – sie soll nicht als Angriff aufs TV verstanden werden. Stattdessen: Diplomatie.

OT Christian Kucznierz (Leiter Newsdesk „Mittelbayerische Zeitung“)
„Wir sehen uns nicht als Konkurrenz. Wir machen kein Fernsehen. Wir machen Videobeiträge. Ob das eine Lücke ist, in die wir gesprungen sind, weiß ich nicht. Aber wir haben Geschichten und Themen aus der Region, die wir halt auf allen Ebenen erzählen wollen. Und dementsprechend erzählen wir sie jetzt auch mal in Videobeiträgen.“

Und das interessiert die Medienaufseher. Gremiensitzung in Berlin-Mitte. Brauchen Verlag für Videos eine TV-Lizenz? Wenn sie live senden, mitunter schon.

OT Cornelia Holsten (Direktorin Bremische Landesmedienanstalt)
„Das gleiche gilt für das Kriterium des Sendeplans beispielsweise. Also wenn ich als Zuschauer nicht aktiv werden muss, indem ich beispielsweise auf einen Button klicke und dann ein Angebot sehen kann, sondern wenn es von alleine auf mich zukommt, hat der Rundfunkstaatsvertragsgeber vor vielen, vielen Jahren gedacht, ist da so eine Wucht drin, dann braucht das auch eine Zulassung.“

Doch Zeitungen wollen nicht offiziell Fernsehen sein. Axel Springer achtet peinlich genau aufs Rundfunkrecht:

„Lizenzen müssen nur beantragt werden, soweit das Gesetz dies vorsieht. Dies ist bei den Videoformaten von BILD nicht der Fall.“

Sonst könnte es Debatten geben über die Marktmacht von Axel Springer. „Bild“ aber nutzt clever Lücken im alten Rundfunkrecht, sagt zum Beispiel nicht auf die Minute genau, wann sie live geht.

OT Cornelia Holsten (Direktorin Bremische Landesmedienanstalt)
„Sie müssen sich das so vorstellen: Der Rundfunkstaatsvertrag ist so etwas wie ein Opa, den man total gerne mag. Der hat ganz viel erfahren, der hat ganz viel zu erzählen und ganz viel zu geben. Aber in manchen Stellen – ich sage mal: Inlinern können Sie mit dem nicht mehr. Und so ähnlich können Sie mit dem Rundfunkstaatsvertrag jetzt in die Welt von Periscope und Facebook-Live-TV ganz schwer sich da fortbewegen.“

Unterdessen bauen die Verlage aus, allen voran „Bild“: Der Putsch in der Türkei – „Bild“ ist drauf. 15 Jahre „9/11“ – „Bild“ sendet aus New York. Und auch bei Wahlen: „Bild“ geht live.

(Auszug)

OT Julian Reichelt (Chefredakteur bild.de)
„Wenn der Reporter jetzt neuerdings ein iPhone mit dieser Live-Technologie dabei hat, ändert sich an dem Anspruch nichts, die als erster zu haben. Nur die Übertragungstechnik, die ändert sich. Ja? Aber das ist natürlich dann, wenn wir sehen, mit welch enormer, mit welch enormem Ressourcenaufwand wir beim Fernsehen konkurrieren, ist dann natürlich eine besondere Freude mit diesem sehr kleinen Set-Up solche Sachen eben exklusiv und als erster in diese neue Social-Media-Welt zu transportieren.“

Eigenes Programm machen – für Zeitungen auch Zukunftssicherung. Wichtig in Zeiten, in denen Print immer schlechter funktioniert – und das ausgerechnet, weil das Netz Zeitungen unter Druck gebracht hat.

OT Julian Reichelt (Chefredakteur bild.de)
„Ich glaube, das ist durchaus vergleichbar mit dem, was wir sozusagen als alte Print-Industrie die letzten 15 Jahre erlebt haben: Dass wir mal die einzigen waren, die mit Zeitungen Nachrichten, Unterhaltung, Meinung usw. verteilen konnten, und plötzlich mit dem Smartphone jeder seinen eigenen Verteilungsmechanismus für Nachrichten, Unterhaltung usw. in der Hand hatte (…) Wir sind jetzt aber durch das, was im Bewegbild-Bereich geschieht, in der Lage, wieder deutlich offensiver vorzugehen.“

Und so erreicht mit jedem Smartphone-Video auch ein Hoffnungsschimmer die Redaktion – Hoffnung auf den Weg aus der Zeitungskrise.
„Danke fürs Zuschauen! Pfiatdi!“

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“ZAPP”)

Jugendportale

Verlage wollen junge Nutzer

für NDR Fernsehen

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Manuskript des Beitrags
Schülerinnen – die jungen Nutzer. Internetseiten surfen sie kaum noch an. Informationen lassen sie sich meist kommen – über Apps oder die Fan-Seiten der Medien in sozialen Netzwerken.
„Wenn man zum Beispiel auf Facebook ist. Da wird viel miteinander geteilt und man sieht, was Freunde teilen.“
„Ich benutze gerne die ‚Tagesschau‘-App, morgens wenn ich zur Bahn fahre. Sonst abends gucke ich auch gerne die ‚Tagesschau‘. Sonst benutze ich auch die ‚BuzzFeed‘-App.“

BuzzFeed – ein Erfolgsportal aus den USA, konsequent für junge, gut vernetzte Leute. Spaß und Info-Häppchen – leicht verdaulich, leicht zu teilen. Im Fokus: vor allem mobile Leser. Für die Macher: die Zukunft des Journalismus.
“Die meisten Inhalte rufen junge Leute auf mobilen Gerät ab. Und sie wollen auf allen Plattformen darankommen, um mit ihren Freunden darüber zu sprechen, komische Fotos zu teilen, aber auch seriöse Nachrichten.“
Nachrichten für die vernetzte Generation. Die Antwort von „Bild“: der junge Ableger „BYou“. News von Starts und Sternchen, dazu Schmink- und Sporttipps. Eine Art tägliche „Bravo“ für die Hosentasche.
„Das, was ‚das Internet‘ für die Menschen ist, hat sich einfach verändert. Da gibt es ein völlig neues Leseverhalten. Wir sehen, dass sich das Leseverhalten fragmentiert.“
Die eine Webseite reicht wohl nicht mehr – auch nicht als Werbefläche, um Redaktionen zu finanzieren. Deshalb: zusätzlich „Byou“. Nutzer wollen von den Machern abgeholt werden – mit eigener Sprache.
„Wer legt dieses Leseverhalten am Dominantesten zu Tage? Das sind die jungen Leute. Also wenden wir uns mit Inhalten an junge Leute, um im Prinzip von ihrem Verhalten, von ihrem Leseverhalten zu lernen, und das dann auf unsere anderen Angebote und journalistischen Plattformen anzuwenden.“
Junge Plattformen – ein Labor für die Nutzer der Zukunft. Deshalb ist „Bild“ mit dieser Strategie nicht allein. Der „Spiegel“ startet „Bento“. Erste Experimente auf Facebook – dort, wo die Zielgruppe zu Hause ist. Richtig los gehen soll es in ein paar Wochen. Schon für alle sichtbar im Beta-Test: „Ze.tt“. Eine Internetseite vor allem für Studenten und: ein Ableger von „Zeit Online“, das sich bei Experimenten zurückhält.
„Wir werden nicht ganz so verspielt, nicht ganz so experimentel, nicht ganz so verrückt. Am Ende achten wir natürlich schon darauf, dass alles sozusagen noch den Markenkern trifft. Und das andere Team – das ‚Ze.tt‘-Team – hat eher den Auftrag, ein bisschen rumzuspielen, uns auch zu ärgern.“
Eine interne Konkurrenz, damit sich die Etablierten unter den Online-Journalisten bewegen. Denn: die Zeiten ändern sich!
Bisher lief das Spiel so: Medien schrieben ihre Geschichten. Wenn Nutzer erfahren wollten, was auf der Welt los ist, kamen sie vorbei. Sie holten sich Informationen bei den Journalisten ab.
Inzwischen aber stöbern Nutzer in sozialen Netzwerken: Was gibt es Neues, nicht zuletzt von ihren Freunden? Wollen Medien vorkommen, dann müssen sie hier rein.
Medien müssen ihre Geschichten also zu den Nutzern bringen und das auf immer mehr Kanälen.
Dafür veröffentlichen Medien sogar erste Artikel komplett auf Facebook – sogenannte „Instant Articles“. Der „Spiegel“ fängt damit an und auch „Bild“ lockt Nutzer gar nicht mehr weg Facebook von auf das klassische Portal.
„Wir glauben, dass es keinen Sinn mehr macht, an Plattformen festzuhalten wie zum Beispiel nur der stationären Webseite, nur dem Browser die von sehr vielen Menschen auf der Welt schlicht nicht mehr aufgerufen wird. Deswegen gehen wir so offensiv auf diese neue Plattformen wie ‚Instant Articles‘ und versuchen da, sehr schnell und sehr viel zu lernen.“
“Verlage sollten eines wissen: Der Wechsel von der klassischen Webseite zum Mobilen ist genauso bedeutend wie einst der Wechsel vom Gedruckten zum Netz.“
Die klassische Homepage: für junge Nutzer ein Auslaufmodell. Die Medien arbeiten daran, sie trotzdem zu erreichen. Aber: funktioniert das, kommen „Ze.tt“ und „Byou“ bei diesen Leserinnen an?
„Es ist alles sehr einfach formuliert, man kann es sehr gut verstehen und auch interessant präsentiert. Also ich finde die Seite ‚ze.tt‘ ziemlich cool.“
„So die eher unnützeren Nachrichten, die ich mir auch in der Freizeit angucken würde.“
Die Machart kommt an. Die Themen aber: bisweilen banal.
„Also hier geht’s gerade um den neuen Trend auf Instagram, dass Frauen ihre Hautfalten zeigen. Und das finde ich ist nicht wirklich ein sinnvoller Beitrag, der mich nicht wirklich interessiert.“
Aber draußen gibt es noch Millionen andere junge Nutzer. Das Rennen beginnt.
>> Beitrag im “Zapp”-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

Mit “Upday” zum Erfolg?

Warum Springer mit Samsung kooperiert

für WDR5

Manuskript des Beitrags
Im Rückblick ergibt plötzlich alles einen Sinn. Ende November irritierte Kai Diekmann noch mit Einträgen auf Twitter: Während hiesige Medienmacher noch fasziniert aufs Silicon Valley blickten, zu Facebook und Google und Apple, trieb sich der „Bild“-Chefredakteur in Süd-Korea herum. Zusammen mit anderen Vertretern von Axel Springer besuchte er Samsung. Heute ist klar: Damals wurde ein großes Projekt eingefädelt. Das Medienhaus und der Handyhersteller machen gemeinsame Sache. Das erste Produkt: „Upday“ – eine Nachrichten-App nur für Samsung-Kunden.

„Wir profitieren sehr in der Zusammenarbeit mit Samsung, weil wir sozusagen als digitales Verlagshaus die Expertise im Journalismus mitbringen und Samsung die Expertise in der Technologie und natürlich als Vertriebskanal mit Samsung-Handys, weil die Abdeckung in Europa sehr hoch ist.“

, sagt Sandra Petersen, die Sprecherin des neuen Projekts. Dabei bündeln also zwei Schwergewichtige ihre Kräfte: das Medienhaus, das mit seinem Journalismus an mobile Nutzer herankommen möchte, und der IT-Konzern, der Inhalte für seine Handys sucht. Auch für Jens Twiehaus, der die Verlagsszene für den Branchendienst „Kress“ beobachtet, ist diese Kooperation ein kluger Schachzug:

„Axel Springer will zum führenden Digitalverlag werden und dazu muss das Unternehmen auf das Smartphone. Und man muss sich vor Augen führen: Das iPhone vielleicht das bekannteste Smartphone, aber nicht das verbreitetste. Nicht einmal jedes fünfte Verkaufte Smartphone in Deutschland ist ein iPhone. Und d a ist Samsung schon eher so etwas wie der Volkswagen unter den Smartphones.“

Auch Inhaltlich probiert Springer Neues: Nur die Rubrik „Want to know“ – also „Das will man wissen“ – stellt die Redaktion aus Geschichten zusammen, die Springer-Journalisten aufgeschrieben haben. Die Rubrik „Need to know“ – also „Das muss man wissen“ – ist hingegen ein „kuratierter Nachrichtenstream“. Das heißt: Anders als bei klassischen Zeitungen und Portalen schreiben hier keine Springer-Redakteure die Neuigkeiten auf. Die App stellt die Nachrichten stattdessen aus Quellen im Netz zusammen – von den eigenen Titeln bis zu fremden, von „Bild“ und „Welt“ bis zur FAZ und „Süddeutschen Zeitung“.

„Das ganz erklärte Ziel dieser Plattform ist es eben, nicht nur Axel-Springer-Marken dort einzubinden, sondern eine übergreifende Plattform zu sein“

, sagt dann auch Springer-Frau Petersen. Aber was haben eigentlich die anderen davon, was hat etwa die FAZ davon, in „Upday“ aufzutauchen und vor allem: Darf Springer das so einfach, sich für seine App an fremden Texten bedienen? Petersen erklärt: Letztlich verweist die App nur auf fremde Inhalte. Der Nutzer surft sie dann an.

„Wir verlinken auf die Mobilseiten der Publisher und zahlen natürlich das Leistungsschutzrecht an die entsprechenden Publisher.“

Das Leistungsschutzrecht – das ist so gar nicht Silicon Valley. Es ist ein Gesetz, das es vor allem gibt, weil Verlage – allen voran Springer – juristisch gegen Google kämpfen. Das Gesetz verpflichtet Unternehmen, die mit der Verlinkung auf Online-Inhalte von Zeitungen und Magazinen Geld verdienen wollen, dafür zu bezahlen. Mit „Upday“ will Springer also der Branche offensichtlich ganz nebenbei auch zeigen: Das Gesetz, das viele als überflüssig bezeichnen, bringt etwas, nämlich Verlagen bares Geld und sei es auch nur untereinander, denn Google zahlt bislang nicht.

Noch digitaler werden, mit einem IT-Riesen kooperieren, das Wunsch-Gesetz unter Beweis stellen: „Upday“ ist für Springer offensichtlich ein ziemlich wichtiges Projekt. Das zeigen auch die Personalien: „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann hat den Deal mit Samsung in Korea eingefädelt, „Welt“-Chefredakteur Jan-Eric Peters soll „Upday“ nun bei Nutzern etablieren. Er wechselt dafür nach 13 Jahren die Redaktion. Für Branchenkenner Twiehaus ist das eine durchaus bemerkenswerte Entscheidung:

„Den Chefredakteur der zweitgrößten Tageszeitung des Hauses abzuziehen in so ein Digitalprojekt, das bedeutet natürlich, dass man glaubt, dass das möglicherweise das Geschäftsmodell der Zukunft wird.“

Das mit dem Geschäftsmodell ist allerdings noch nicht ganz klar. Springer und Samsung, den neuen Partnern, geht es erst mal vor allem darum, die App unter die Leute zu bringen. Das wiederum ist klassisch Silicon Valley#: Erst mal anfangen. Geld verdient wird später. Für traditionelle Verlagshäuser ist das alles eine neue Welt.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)