Die Corona-Pandemie und die Medien

Fernsehsender finden in Corona-Zeiten so viel Zuspruch wie selten zuvor. Zugleich trifft der weitgehende Stillstand des öffentlichen Lebens vor allem die Printmedien hart. Meine “Gedanken zur Zeit” für NDR Kultur.

für NDR Kultur

— Manuskript des Beitrags —
Medien werden gebraucht. Das ist die einfache Botschaft dieser Tage. Öffentlich-rechtliche Sender erleben einen erstaunlichen Zuspruch. Mehr als 15 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer sind bei der „Tagesschau“ derzeit nicht die Ausnahme, sondern die neue Regel – wohlgemerkt: allein um 20 Uhr und allein im klassischen Fernsehen. Dazu kommen viele weitere Angebote, etwa in sozialen Netzwerken bis hin zur jungen Plattform TikTok. Und da ist der tägliche NDR-Podcast mit dem Virologen Christian Drosten – 20 Minuten Tiefgang statt bloß die viel kritisierten „1:30“ aus dem Nachrichtengeschäft. Plus neue Angebote für Daheimbleiber: Radio und Fernsehen für Kinder und Jugendliche erfährt eine plötzliche Renaissance.
Natürlich: Beizeiten wird wieder über alle Ausformungen und Dimensionen von ARD, ZDF und Deutschlandradio diskutiert werden – und auch diskutiert werden müssen. Aber: Die Frage, ob es öffentlich- rechtliche Sender überhaupt braucht, stellt zurzeit fast niemand mehr. Sie scheint sich erledigt zu haben. Zumindest vorerst. Dankbarkeit über tägliche Sondersendungen und auch über die letzten Kulturübertragungen, die sonst ohne Publikum wären, überwiegen.

Das gilt im Übrigen auch für viele Informationsangebote kommerzieller Sender. Die Mediengruppe RTL Deutschland jubiliert ebenso über ein enormes Interesse an ihren Corona-Angeboten. Damit ist nicht etwa die Webcam-Show mit Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Oliver Pocher gemeint, die „Quarantäne-WG“ – sie wurde mangels Interesse schon wieder abgesetzt. RTL berichtet von „rapide schrumpfenden“ Zuschauerzahlen. Skype-Bilder aus Wohnzimmern erschöpfen sich eben doch schnell. Das wird auch Informations-Profis noch auf eine Probe stellen: Für permanente Schalten in die Wohn- und Arbeitszimmer der Reporter werden sich die Sender etwas einfallen lassen müssen, wenn sie auch optisch nicht zu sehr abfallen wollen.
Das mit dem Zuspruch gilt auch bei den Privatsendern für das Informationsprogramm: Mehr als 30 Millionen Menschen will die Kölner RTL-Gruppe damit nach eigenen Angaben auf allen Kanälen an einem einzigen Tag erreicht haben. Und auch Verlage melden Positives: nie dagewesene Klick-Raten auf Nachrichtenportale im Netz, Hamsterkäufe bei Zeitschriften, Rekorde bei Online-Abonnements für Regionalzeitungen. Diese recherchieren zur Lage des Gesundheitssystems vor Ort, des Kreiskrankenhauses etwa oder des örtlichen Gesundheitsamtes – und sie sind so auch das lokale Rückgrat für die nationalen und regionalen Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender.

Unsicherheit, wie sie sich derzeit vielfach breitmacht, über das Virus selbst, über die aktuelle Lage und ihre möglichen Folgen, ist außerdem der perfekte Nährboden für Gerüchte, Spekulationen und Desinformation –die gerade in sozialen Netzwerken verbreitet werden. Medien helfen, kursierende Fake News einzudämmen, indem sie Präsenz zeigen auf Facebook, auf Twitter und auf Instagram. Auch hier verbreiten sie ihre Recherchen und Analysen. Das stabilisiert die Gesellschaft, baut unnötiger Panik vor. Und auch auf diesen Kanälen zeigt sich: Vieles, was Redaktionen recherchiert haben, wird intensiv geteilt.

Medien scheinen Krisenprofiteure zu sein. Der genauere Blick aber offenbart: Viele sind auch so bedroht wie nie. Klar, der Rundfunkbeitrag sorgt in solchen Zeiten für Sicherheit – und damit auch für eine Absicherung der journalistischen Grundversorgung. Hier droht vielmehr, dass Corona auch in den Sendern die Mannschaften zu sehr schwächt.
In Österreich haben einige Journalistinnen und Journalisten zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus der Sendetechnik ihre eigene „Corona-WG“ eröffnet: Der ORF hat eine Isolierstation eingerichtet, wie ein Krankenhaus. Dort lebt nun ein Kernteam, damit es sich gar nicht erst draußen anstecken kann.

Soweit ist noch kein Sender in Deutschland. Die „Tagesschau“ hat – wie viele Redaktionen – zunächst mehrere Teams aufgebaut, die räumlich getrennt voneinander arbeiten, teils sogar zurückgezogen zu Hause. Arte hat bereits mehrere Tage lang seine Nachrichtensendung gestrichen. Es gab zu viele Coronafälle in den eigenen Reihen. Auch erste Radiosender in der ARD mussten Programm zusammenlegen. Und wir stehen erst am Anfang der Pandemie.

Bedroht ist aber vor allem der Journalismus, der sich durch Verkauf des eigenen Produkts und durch Werbung finanziert. Zur Unsicherheit über die gesundheitliche Lage kommt nämlich der wirtschaftliche Niedergang dazu: Unternehmen und Kulturinstitutionen haben im großen Stil Anzeigen storniert. Die Betreiber von Supermärkten etwa, heißt es beinahe verzweifelt in Verlagen, bräuchten keine Schnäppchen- Prospekte mehr drucken und verteilen zu lassen. Ihnen würden auch so die Regale leergekauft. Und wo kein Konzert, wo keine Lesung und wo kein Sportereignis stattfindet, da fällt auch die Werbung dafür aus. Gerade bei Lokalzeitungen macht Werbung oft noch immer etwa 40 Prozent aller Einnahmen aus, auch wenn sich das langsam, aber sicher zugunsten der Abobeiträge verschiebt, gerade im Digitalen.

Alles hängt mit allem zusammen, auch im Journalismus. Viele Reporterinnen und Reporter leben von Veranstaltungen – im Sport, in der Kultur, in den Regionen. Nun haben viele weniger oder nichts mehr zu tun. Zeitungen drucken statt Sportseiten Rätsel und Kochtipps. Allenfalls Kindernachrichten boomen in der Krise. Wer Kindern erklären kann, was da gerade auf der Welt und mit uns passiert, warum sie nicht mehr einfach auf den Bolzplatz dürfen, in die Schule oder zu Freunden, ist gefragt. Bei den meisten anderen aber ist Ebbe.

Wie viele Journalistinnen und Journalisten werden – wirtschaftlich gesehen – überleben? Wie viele Verlage, also auch Zeitungen? Es geht um viel. Damit Zeitungen eine womöglich monatelange Krise durchstehen können, brauchen sie Einnahmen. Wer fordert, Verlage mögen ihre Berichterstattung dieser Tage doch vor ihre „Paywalls“ holen, ihre Bezahlschranken, also kostenpflichtigen Angebote, mag dabei ein nobles Ziel verfolgen: dass die Gesellschaft aufgeklärt wird in schwierigen Zeiten. Doch riskieren jene, die das fordern, Totalausfälle im Lokaljournalismus oder dass sich am Ende der Staat im großen Stil an Verlagen beteiligen müsste, um sie zu retten – Journalismus ist dieser Tage immerhin auch offiziell systemrelevant.

Wer kann, sollte also unbedingt für Journalismus Geld ausgeben. Nur so können Verlage überleben, die nicht das Privileg und den Schutz des Rundfunkbeitrags genießen. Nur so schauen auch im Lokalen Journalistinnen und Journalisten hin, wie das Gesundheitssystem mit der gigantischen Herausforderung Corona klarkommt. Was es konkret heißt, wenn der Staat Grundrechte wie die persönliche Freiheit einschränkt. Und welche Folgen das hat für Betriebe und Kultureinrichtungen, für unser Leben insgesamt. In der Krise ist Solidarität gefragt, auch mit Medien. Gerade mit lokalen. Auch sie leisten derzeit Bemerkenswertes.

Nur ein Beispiel: Die „Nordsee-Zeitung“ aus Bremerhaven hat gerade eine Sonderausgabe produziert. Die Journalistinnen und Journalisten informieren in 13 Sprachen über das mitunter tödliche Virus, den richtigen Schutz und wichtige Kontakte vor Ort. Verteilt wurde diese Ausgabe an diesem Sonntag frei an alle Haushalte, damit auch zugezogene Mitbürgerinnen und Mitbürger aus dem Ausland alle relevanten Informationen erhalten. Für ihre tagesaktuellen Ausgaben verlangt aber auch die „Nordsee“-Zeitung im Netz Geld.

Aber was, wenn einem in dieser Zwangspause selbst fast alles genommen wurde – die eigene Arbeit, der eigene Betrieb? Was, wenn sich jemand tatsächlich Abonnements nicht leisten kann? Warum sollte der- oder diejenige außen vor bleiben bei relevanten, lokalen Informationen? Auch dafür hat unsere Gesellschaft eine Lösung: Bibliotheken bieten Zugriff auch auf viele Zeitungen und Zeitschriften, auf ePaper, per Online-Ausleihe. Ja, das ist umständlicher als direkt auf die Portale zu gehen und hinter die sonst üblichen Bezahlschranken schauen zu können. Aber es muss niemand auf der Strecke bleiben, der auch recherchierte lokale Informationen sucht. Das System funktioniert. Aber eben auch nur, solange Zeitungen grundsätzlich finanziert werden.

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Lebenshilfe-Themen sollen Abos bringen

Unter anderem im Deutschlandfunk habe ich erklärt, welche Strategie der “Spiegel” nun im Digitalen fährt: Mehr “weiche” Themen, bald auch individuelle Abos, dazu künstliche Intelligenz für den persönlichen Lesemix.

für Deutschlandfunk

— Manuskript des Beitrags —
Auf „Spiegel Online“ hat sich viel getan. Die Schriftarten kommen – wie das Logo – nun aus dem gedruckten Magazin. Bei Meinungsbeiträgen und nicht mehr nur bei einigen wenigen Kolumnen erscheint konsequent auch das Portrait der Autorin oder des Autors – Kommentare sollen so auf einen Blick zu erkennen sein. Die Redaktion „clustert“ außerdem Themen, bündelt also mehrere Texte zu einem aktuellen Dossier, direkt auf der Startseite. „Tempo und Tiefe“ heißt dieses Modell intern.

Inhaltlich fällt aber vor allem dies auf: Das neue Ressort „Leben“. Es bündelt, was bisher am Rande Thema war – etwa Reise und Gesundheit, dazu kommen Familie und Psychologie. Barbara Hans, in der Chefredaktion für den Digitalauftritt zuständig, sagt: Der „Spiegel“ lasse sich stärker als bisher davon leiten, was Leserinnen und Leser eigentlich tatsächlich interessiere.

„Das ist eben nicht immer nur die internationale Politik oder die Analyse zur Nato, sondern das sind auch ganz praktische Fragen: Wie erziehe ich meine Kinder? Wie gehe ich um mit meinen dementen Eltern? All diese Fragen. Und ich glaube, das ist weniger eine Frage des Themas als des Angangs.“

Tatsächlich fahren mit diesem Themenspektrum auch andere Medien schon lange gut. Die „New York Times“ generiere mit ihrer Rubrik „Smarter Living“ einen großen Teil ihrer digitalen Abos, betont der Chefredakteur des „Spiegel“, Steffen Klusmann.

„Und wenn Sie sich jetzt mal anschauen, was da draußen passiert, dann werden in den nächsten Jahren sehr viele alte Printmarken oder alte Medienmarken wahrscheinlich untergehen. Und die Frage, wer ist dann derjenige, der sozusagen das, was die anderen dann vielleicht gemacht haben – auch wenn es nicht zur Kern-DNA, aber wenn es gut ins Portfolio passt – warum sollten wir es dann nicht tun? Warum sollten wir das dem ‚Focus‘ oder dem ‚Stern‘ überlassen, wenn wir das vielleicht sogar besser hinkriegen und wenn es da draußen reihenweise Leute gibt, die dafür bereit sind, sogar ein Abo abzuschließen. Wir wären ja dämlich, wenn wir es nicht machen würden.“

Letztlich schrauben Klusmann und Hans nicht nur am Themenmix, sondern vor allem auch hinter den eigenen Kulissen. Online und das gedruckte Magazin, das waren seit dem Start von „Spiegel Online“ getrennte Redaktionen – am früheren Verlagssitz sogar separiert von einer Schnellstraße. Nun arbeiten alle zusammen, sagt zumindest Chefredakteur Klusmann.

„Die Zeit war längst reif. Und irgendwann war auch dem letzten hier auch klar, dass man so nicht weiterarbeiten kann in zwei unterschiedlichen Redaktionen, wo man zwei unterschiedliche Kanäle bedient. Das geht einfach nicht mehr. Diese Branche steht mit dem Rücken zur Wand und entweder man verbündet sich – auch im eigenen Haus, nicht nur mit Konkurrenten, sondern vor allen Dingen im eigenen Haus und erhöht dadurch die Schlagkraft.“

Das alles klappte aber nur nach zähen Verhandlungen. Chefredakteur Klusmann musste Zugeständnisse machen. Wer einst für Online eingestellt wurde, bekommt heute zwar mehr Geld. Das Gehalt fällt oft aber auch künftig noch kräftig ab im Vergleich zu langjährigen Reporterinnen und Reportern des „Spiegel“-Magazins. Und: Klusmann hat ein Moratorium verhängt. Wer lange für das Magazin gearbeitet hat, braucht zunächst keine Schichten im Newsroom der digitalen Ausgabe zu schieben.

„Was die im Zweifel nicht so gut können wie viele bei Online. Das muss man einfach sagen. Das sind ja unterschiedliche Gewerke, die wir da bedienen. Und deswegen haben wir gesagt: Also im ersten Jahr – die die wollen, können. Es ist auch ein sich aneinander gewöhnen und von den anderen lernen. Ich meine: Wir haben nicht eine Tageszeitung mit einer Webseite zusammengelegt, sondern ein Wochenmagazin. Und nicht irgendein Wochenmagazin, sondern das Wochenmagazin. Mit nicht irgendeiner Webseite, sondern der Webseite.“

Und dann gibt es bei „Spiegel“ noch eine Neuerung: Ein Algorithmus lernt, was registrierten Nutzerinnen und Nutzern gefällt und schlägt individuell Beiträge vor. Barbara Hans, die in der Chefredaktion die digitalen Aktivitäten leitet, verspricht aber: Diese Vorschläge werden nur am Rande angezeigt. Die eigentliche Startseite werde kein „Netflix“ für den Journalismus.

„Das wäre furchtbar. Ich meine, wir haben mehr als 500 Kolleginnen und Kollegen hier im Haus, die Journalismus machen. Und spiegel.de wird – wie bislang auch schon – natürlich eine publizistische Seite sein, die handgemacht wird und handgesteuert wird. Das, was der Algorithmus uns ermöglicht, ist es, zusätzliche Angebote anzubieten. Also ‚Wenn Sie dieser Text interessiert hat, könnte Sie auch das interessieren‘. Das ist natürlich im Netz inzwischen sehr gelernt. Und das ermöglicht uns im Grunde die künstliche Intelligenz. Aber die Definition dessen, was relevant ist, die wird bei uns von Menschen getroffen, von Journalistinnen und Journalisten.“

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Täglich neue Digital-Abos

Statt auf Print setzt die “Sächsische Zeitung” zunehmend auf digitale Modelle. Dabei ist auch klar, welche Geschichten neue Abos bringen – mit überraschenden Ergebnissen, wie ich bei einem Besuch für den Deutschlandfunk erfahren habe.

für Deutschlandfunk

— Transkript des Beitrags —
“Also, das hier ist das Herz der Redaktion. Wir sind im Newsroom und vor uns ist das große Dashboard.” Uwe Vetterick führt durch seine Redaktion. Verblüffend ruhig und konzentriert geht es hier zu, dazu eine erstaunlich gediegene Atmosphäre. Im gesamten zwölfstöckigen Verlagshaus haben sich Innenarchitekten ausgetobt.

An der “Newsbar” sitzen die Redakteure, die für die aktuelle Produktion verantwortlich sind, auf Lederhockern an einem halbrunden Hochtisch. Fest im Blick: eine Videowand – mit dem eigenen Portal, aber auch den Internetauftritten anderer Zeitungen: “Also was machen die, mit denen wir im Netz um Aufmerksamkeit und Abonnenten konkurrieren?” Wer ist das? „”Das sind zuallererst natürlich unsere regionalen Mitbewerber wie die ‘Freie Presse’, die LVZ in Leipzig, die ‘Leipziger Volkszeitung’.”

Besonders von Interesse ist aber eine Tabelle zum eigenen Portal: Sie zeigt, welche Artikel so interessant waren, dass Leser ein Digital-Abo lösten, statt den Hinweis auf den kostenpflichtigen Inhalt wegzuklicken.

“Also das letzte Abo ist vor 30 Minuten reingekommen: ‘Morddrohungen im Streit um #wirsindmehr’. Das ist die große Gegendemonstration nach den Vorgängen in Chemnitz gewesen, um die es jetzt Auseinandersetzungen gibt”, sagt Chefredakteur Uwe Vetterick. Mittlerweile kämen täglich zwischen 20 und 30 neue Digital-Abos dazu. Bis auf grob fünf davon blieben auch alle über den Testmonat hinaus dabei. [*]

Vetterick spricht angesichts dieser detaillierten Erkenntnisse von einem regelrechten Kulturwandel: “Journalismus – insbesondere Zeitungsjournalismus – war ja immer Schreiben in eine Blackbox, über eigentlich Jahrzehnte. Das heißt, man hat nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert und geschrieben, wusste aber nie, auf wie viel Interesse das tatsächlich stoßen würde. Und jetzt hat das was sehr Motivierendes, wenn man sieht: Die Geschichte, die ich gerade gemacht habe, ist Menschen etwas wert und die schließen dafür ein Abo für sächsische.de ab.”

Die Journalisten wissen nun also ziemlich genau, welche Artikel nicht einfach nur Klicks bringen, sondern auch Abo-Abschlüsse – mit teils überraschenden Ergebnissen. So läuft Landespolitik trotz des eher trockenen Sujets. Und: Klassische Kulturberichte, Kritiken von Konzerten und Bühnenprogrammen rufen zwar wenige Leser ab, doch besonders viele von ihnen zahlen dafür.

Diese Erkenntnis sorgte wiederum für große Erleichterung in der Kulturredaktion, etwa bei Oliver Reinhard: “Die Diskussion war: Sollen wir da überhaupt noch online drüber berichten?“ Lohnt das noch? „Genau, lohnt das überhaupt noch, wenn es überhaupt keiner liest. Also diese Idee – monatelang – wahrscheinlich können wir das nicht mehr machen, weil es zu wenige Leute nicht mehr interessiert, wir müssen unsere Ressourcen bündeln, die ist absolut vom Tisch.”

Gleichzeitig verdichtet sich bei anderen Themen die Berichterstattung, etwa beim Sport: Die Sportredaktion steckt fast ihre gesamte Energie in die Begleitung des Bundesligisten Dynamo Dresden – laut der neuen Onlineauswertung ein Abo-Garant. Und um Abos im Digitalen geht es immerhin: Sie sollen Lokalzeitungen wie der „Sächsischen“ das Überleben sichern in einer Zeit, in der immer weniger Leser zur gedruckten Zeitung greifen und die Zeitung auf Papier endlich scheint.

Uwe Vetterick ist in seinem Büro angekommen, das einer bunten Sofalandschaft gleicht. Vetterick zückt sein Tablet, beamt eine Grafik auf den gigantischen Bildschirm, der in seinem Raum hängt. Der Chefredakteur präsentiert Balkendiagramme zur Verteilung der verschiedenen Abo-Typen auf die Altersgruppen.

Fast nur noch Rentner greifen zur gedruckten Zeitung. 40- bis 65-Jährige abonnieren immerhin das E-Paper, also die gelayoutete Zeitung für Tablet-Computer. Die 25- bis 40-Jährigen zahlen für Nachrichten im Netz.

Noch sind die klassischen Zeitungsleser klar in der Mehrzahl, sagt der Chefredakteur. Aber: “Wenn die Entwicklung weiter so anhält und wenn wir – wir machen gerade die ersten Schritte –, aber wenn wir weiter in diese Richtung gehen, dann sind wir total zuversichtlich, dass wir diese Transformation hinkriegen. Überhaupt keine Frage.”

Auch wirtschaftlich, sodass Sie – in Anführungszeichen – Ihren Apparat halten können? “Die Musikindustrie hat es in Teilen schon hinter sich und wir sind ganz zuversichtlich, dass uns das gelingen wird, weil wir haben ja ein bisschen Zeit. Aber wir müssen die nutzen. Und das ist das, was wir hier in Dresden hinbekommen wollen.”

Uwe Vetterick hat es also – bei aller Euphorie – noch nicht geschafft, dass die neuen Erlösquellen im Digitalen ausgleichen, was im Analogen, dem gedruckten Geschäft, langsam, aber sicher wegfällt. Doch kein Zweifel: Er tut viel dafür, damit er dieses Ziel am Ende auch erreicht.

[*] Die Abo-Zahlen wurden in der ursprünglichen Version des Beitrags nicht richtig wiedergegeben. Sie sind hier korrigiert.

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Lokaljournalismus extrem

Norwegische Flagge
Norwegen: Auch hier kämpfen Lokalzeitungen ums Überleben. (Foto: xoiram42 by CC BY-SA 2.0)

Wenn Chefredakteure über die Zukunft diskutieren, dann laden sie sich gerne Vertreter aus Sunnhordland ein. Im Dlf erzähle ich, wie die Norweger aus der Spar-Not eine Tugend gemacht haben.

für Deutschlandfunk

— Manuskript des Beitrags —

„Wir haben das E-Paper, die Kopie der Zeitung, und wir haben die News-App“.

Magne Kydland beugt sich über sein Smartphone. Er öffnet die App seiner Zeitung und checkt die Lage.

„Es passiert immer etwas, den ganzen Tag. Diese Nacht etwas Dramatisches: Die Polizei musste in ein Auto fahren. Es flüchtete von der Polizei.“

Was in der Region Sunnhordland im Westen Norwegens los ist: Die Redaktion der gleichnamigen Zeitung meldet es online rund um die Uhr. Und das, obwohl sie auch eine Tageszeitung herausbringt. Das große Thema dieser Tage: Proteste gegen Windräder, die zwar saubere Energie bringen, aber die Landschaft verschandeln. Dazu kommt drei mal im Jahr ein Hochglanzmagazin, aktuell zum Kampf von Kindern aus der Region gegen Krebs. Das Onlineangebot, die Zeitung, das Magazin – all das kommt von gerade einmal acht Reportern und Fotografen.

„Es ist hart. (lacht) Aber auch ein riesen Spaß. Wir müssen alle möglichen Jobs machen, jeder“, sagt Hilde Nybø, die Nachrichtenchefin. „Wann immer du irgendwo mit Leuten sprichst, bekommst du eine Story mit. Abends gehst du ins Internet und hältst Ausschau nach Themen. Das ist eine Lebenseinstellung.“

„Sunnhordland“ wird in der Verlagsszene seit Jahren als Erfolgsbeispiel gehandelt. Die wohl wichtigste Entscheidung der Redaktion: Die Zeitung erscheint statt fünf nur noch drei mal die Woche. Günstiger wurde das Abonnement dadurch nicht. Ein Risiko, das für alle Seiten gut ausging.

„Es ging soviel Zeit für die Produktion der Zeitung drauf. Sie fehlte für Journalismus. Jetzt sehen unsere Abonnenten: Wir geben ihnen bessere Geschichten. Deswegen waren sie nicht sehr böse. Es war kein großes Problem.“

Im Gegenteil: Obwohl die Zeitung bei gleichem Preis seltener erscheint, kommen neue Leser. „Sunnhordland“ zählt aktuell knapp 6.500 Abonnenten, bei etwa 60.000 Menschen in der Region. Am liebsten würde Chefredakteur Magne Kydland den Schalter komplett umlegen und seine Abonnenten aktuell nur noch digital informieren, dazu die gelegentlichen Magazine. Doch beim Verkauf von Werbung kommt auch hier fast jede Krone noch immer aus der gedruckten Ausgabe.

„Da wäre es doch sehr dumm, darauf zu verzichten. Das ist wegen Google und Facebook und der ganzen Konkurrenz. Und auf den Mobilgeräten ist auch gar nicht so viel Platz für Werbung. Es fällt uns sehr schwer, im Digitalen genauso viel für Werbung zu bekommen. Das ist nicht nur in Norwegen ein Problem, sondern praktisch weltweit.“

Mehr Redakteure kann sich der Chefredakteur in diesen Zeiten einfach nicht leisten. Die Folge: Seine Redaktion könnte unter dem Stichwort „Arbeitsverdichtung im Journalismus“ in die Lehrbücher eingehen. Nachrichtenchefin Hilde Nybø zieht während des Interviews einen Ärmel hoch: Ihr Arm ist bandagiert. Krank machen muss sie sich verkneifen.

Das Erstaunliche: „Sunnhordland“ wird mit Preisen überschüttet – für modernes Layout in Zeitung und Magazin, trotz oder gerade weil die Redaktion so klein ist. Die Grafiker – der Chefredakteur zählt sie nicht zu seiner Redaktion – können ihrer kreativen Energie freien Lauf lassen. Kein Journalist quatscht ihnen rein. Dafür fehlt ohnehin die Zeit.

Wie lange dieses Modell wohl gut geht? Chefredakteur Magne Kydland ist optimistisch.

„Was wir in den vergangenen Jahren in Norwegen gesehen haben: Der Lokaljournalismus ist tatsächlich stärker geworden. Es sind mehr die überregionalen und regionalen Zeitungen, denen es noch schlechter geht. In Norwegen haben wir viele Lokalzeitungen. Sie alle haben in den vergangenen Jahren gewonnen, während die größeren verlieren. Deshalb glaube ich: Lokaler Journalismus ist die Zukunft.“

Aber die Finanzierung bleibt ein Problem?

„Kein Problem, eine Herausforderung.“

Und so arbeiten die acht Journalisten weiter bis zur Belastungsgrenze – irgendwie aus Berufung, damit „Sunnhordland“ weiter eine Zeitung hat. Sie ist ohnehin schon seit Jahren in der Region nur noch die einzige.

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Fotocredit: “Norwegian flag swaying in the sun” by xoiram42 is licensed under CC BY-SA 2.0

“Glaube nicht an dauerhafte Befriedung”

Im ZAPP-Sommerinterview erklärt Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, warum das neue “Spiegel+” der Durchbruch bei Bezahlmodellen sein könnte. Er sagt aber auch: Der Streit mit den Öffentlich-Rechtlichen ist gleichzeitig noch nicht wirklich zu Ende.

für NDR Fernsehen

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Manuskript des Beitrags
ZAPP: Herr Brinkbäumer, Sie haben vor einigen Wochen “Spiegel+” eingeführt – ein erneuter Anlauf, ein Bezahlmodell bei “Spiegel Online” und “Spiegel” zu etablieren. Ist das jetzt der Durchbruch?

Klaus Brinkbäumer: Ob es der Durchbruch ist, werden wir sehen. Es läuft hervorragend an. Wir sind tatsächlich richtig beglückt und begeistert nach aber erst vier Wochen. Da es sich in den ersten vier Wochen um eine Testphase handelt, müssen wir genau jetzt sehen: Wer nimmt das Angebot auch weiterhin an und bezahlt auch wirklich dafür? […] Wir sind jetzt schon deutlich fünfstellig, was die Abonnentenzahlen angeht. Das hatten wir für einen späteren Zeitraum erwartet. Das Angebot ist harmonisch im Gesamtkontext von “Spiegel Online”. Und die Zahlen bei “Spiegel Online” gehen nicht runter. Also all die Daten, die wir haben, sind ermutigend.

Eine Kollegin der Funke-Zeitungsgruppe hat neulich gesagt: Bezahlen für journalistische Inhalte muss so einfach funktionieren wie Netflix, sonst machen es die Leute nicht in Massen.

Stimmt!

Wie lange müssen Verlage noch experimentieren, bis man sagen kann “In Deutschland zahlen die Leute bereitwillig für Journalismus im Netz”?

Die Entwicklung hört nicht auf, das Experimentieren auch nicht. Wir werden nie sagen können “So, das ist es jetzt und so bleibt es für die nächsten 20 Jahre”. Ich glaube, dass wir längst soweit sind, dass das Publikum willig ist, zu bezahlen, wenn es denn richtig überzeugende Inhalte sind, die man nicht kostenlos bekommt. Und wenn der Bezahlvorgang einfach ist, man sich nicht geknebelt fühlt, wenn man nicht das Gefühl hat, ich schließe ein Abo ab und habe das für zwölf Monate am Hals, sondern dass ich aussteigen kann, wenn es mir nicht mehr gefällt. Es muss verständlich sein und ganz einfach zu handhaben. Und wir sind jetzt endlich so weit: “Spiegel+” ist tatsächlich genau so, wie wir es uns wünschen.

Sie sprachen eben davon – es braucht überzeugende Inhalte. Da gibt es diesen Wettbewerb auch mit den Öffentlich-Rechtlichen im Netz, wo sich alle Medien treffen. Mathias Döpfner, der Präsident des Zeitungsverlegerverbandes, sprach im vergangenen Jahr sehr prominent immer wieder von “gebührenfinanzierter Gratispresse” und damit Konkurrenz. Teilen Sie diese Sicht?

Nee, nicht so scharf. Ich mag Wettbewerb! Und ich finde auch den Wettbewerb mit den Öffentlich-Rechtlichen zunächst einmal sportlich. Ja, Gebühren, die garantiert hereinkommen, sind etwas anderes als ob ich Leser für ein Bezahlmodell gewinnen muss. Das ist nicht wirklich Chancengleichheit in allem, aber dann ist es auch so reguliert, dass es gut funktioniert. Und ich würde niemals das öffentlich-rechtliche System angreifen wollen. Das hat sich bewährt!

Es erdrückt Sie also nicht?

Nein. Verlage sollten schauen: Haben sie es eigentlich gut gemacht in der Vergangenheit, waren die Bezahlmodelle schlüssig? Warum sind wir eigentlich so spät? Warum hat der “Spiegel” nicht schon viel früher angefangen, “Spiegel+” an den Start zu bringen, so wie wir es jetzt haben? Jetzt tun wir es – und da schaue ich nicht darauf, sind die Öffentlich-Rechtlichen in irgendeiner Form böse. Es gibt Punkte, wo ich sie kritisiere, wo ich denke: Da wird Chancengleichheit ein bisschen gebogen. Aber zunächst mal achten wir darauf, dass wir gut genug sind.

Es gibt jetzt den neuen Telemedienauftrag, das große Ziehen an der Friedenspfeife. Stimmen Sie mit ein, dass jetzt alles gut ist, oder erwarten Sie, dass sich Portale wie tagesschau.de oder vielleicht auch der Politmagazine anders verhalten in der Zukunft?

Es gibt Dinge, die auch wir nach wie vor kritisieren. Natürlich halte ich es nach wie vor zumindest für bedenklich, wenn NDR, “Süddeutsche” und WDR auf die Weise kooperieren, wie sie das tun. Wenn Gebührengelder auf irgendwelchen Umwegen in Projekte fließen, die bei der “Süddeutschen” landen, dann sprechen wir von Quersubventionierung eines Zeitungsverlages. Das heißt aber nicht, dass wir nicht den sportlichen, journalistischen Wettbewerb mit der “Süddeutschen” aufnehmen. Den führen wir liebend gerne, weil die “Süddeutsche” eine sehr, sehr gute Tageszeitung ist. Wir sehen es sportlich und kritisieren hier und dort. Um Ihre Frage klar zu beantworten: Perfekt ist das System natürlich noch nicht.

Es heißt, es soll sich jetzt jeder auf seine Stärken berufen, die Sender auf Audiovisuelles, Verlage auf Texte. Wie passt dazu eine Bewegtbildoffensive der Verlage wie die Online-Plattform von “Spiegel TV” – wollen Sie sich da jetzt im Sinne des Friedens zurücknehmen?

Ich sehe nicht, dass das kollidieren würde. “Spiegel TV” ist eine eigenständige Firma, die selbstverständlich auch im Digitalen erfolgreich sein kann und längst erfolgreich ist. Ja, das wollen wir weiterführen. Klar!

Glauben Sie denn an eine dauerhafte Befriedung oder werden diese Systeme immer wieder kollidieren und neu ausgerichtet werden müssen?

An eine dauerhafte Befriedung glaube ich nicht. Der Markt ist hitzig. Anzeigen wandern weg von Verlagen zu Facebook und Google – das ist längst passiert. Es gibt also einen Kostendruck. Kostendruck sorgt immer für Nervosität. Und Nervosität sorgt dafür, dass man dahin schaut, wo sich Wettbewerber möglicherweise ein bisschen übergriffig verhalten.

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

Von der CD zum Streaming

Geschichte der digitalen Musik

für Deutschlandfunk

Manuskript des Beitrags
Atmo „CD-Laufwerk zieht ein“

Anfang der 80er Jahre: Die Compact Disk kommt auf den Markt. Nach der Schallplatte und Kassette wurde Musik digital. Ein Reporter der „Tagesschau“ berichtete:

„Bei dieser bierdeckelgroßen blitzenden Schallplatte tastet ein Laserstrahl die Oberfläche ab. 40 Mark soll die Mini-Platte kosten. Das Abspielgerät rund 2.000 Mark.“

Bei diesen Preisen griffen die Verbraucher zwar zunächst nur zögerlich zu, doch die Revolution war nicht mehr aufzuhalten. Die Einführung der CD: ein Massengeschäft.

„Das war natürlich auch eine Methode, den Gewinn zu optimieren, weil Menschen, die bisher Schalplatten gekauft hatten, die in der Sammlung hatten, dieselben Alben nochmal gekauft haben auf CD“

, erinnert sich der stellvertretende Chefredakteur der deutschen „Rolling Stone“, Arne Willander. Musikfans konnten die CD lange nicht in ihrer Brillanz kopieren. Aber dann:

„Die sogenannte Schulhofbrennerei kam dann Ende der 90er Jahre. Dann begann es damit, dass die CDs auf CD-Rohlinge überspielt wurden. Und das schien damals die größte Bedrohung zu sein. Damals erahnte man aber noch nicht, dass dann durch Tauschbörsen das ganze System geändert würden.“

Der Sündenfall schlechthin war der Start von Napster 1999. Über Napster tauschten Millionen Internetnutzer ihre digitalisierte Musik aus – die CD-Verkäufe brauchen ein, die Digitalisierung zeigte ihre Schattenseite. In der Industrie machte sich Panik breit – bis 2003. Apple Gründer Steve Jobs präsentie(OV) rte den digitalen Musikladen iTunes.

“Menschen haben schon immer Musik gekauft. Auf Schallplatte, auf Kassette und CD. Und wir glauben: Die Leute wollen ihre Musik auch im Internet kaufen – genauso wie auf Platte, auf Kassette und auf CD.”

Die Idee ging auf und wurde wiederum kopiert: Ob Googles Playstore oder Amazon Music – sie alle verkaufen heute digitale Musik. Viele illegale Tauschbörsen sind unterdessen vom Netz gegangen oder haben ihr Modell legalisiert. Das neue Konzept: Streaming – eine Flatrate für Musik.

Für die Musikindustrie sind Dienste wie Spotify oder Apple Music eine Zäsur. Bisher haben Musikliebhaber Titel gekauft und besessen – ob auf Vinyl, als CD oder MP3. Bei Streaming besitzt der Hörer keinen Titel mehr. Er mietet sie nur noch.

Die Gegenleistung: Für ein paar Euro im Monat oder die Empfänglichkeit von Werbeclips hat der Nutzer Zugriff auf Millionen Musiktitel. Und das kommt an: In Deutschland streamen schon etwa zehn Millionen Internetnutzer Musik.

>> Download MP3 (Quelle: DLF-“Marktplatz”)

Die teuren Klickbringer

Plattformen umgarnen Medienmacher

für NDR Fernsehen

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Dieser Beitrag wird hier lediglich als Arbeitsprobe präsentiert. Die Rechte etwa für Vervielfältigungen liegen beim NDR.

(Quelle: NDR-“Zapp”)

Lokalblogs im Norden hoffen auf Geld

Wie “Hamburg Mittendrin” und Co. überleben wollen

für NDRinfo

Manuskript des Beitrags
Hamburg-St. Georg, keine zehn Minuten zu Fuß vom Hauptbahnhof. Hier sitzt “Hamburg Mittendrin” – einst ein studentisches Projekt, heute eine Redaktion mit vier Ressortleitern, einigen freien Autoren und Verantwortlichen für die Technik.

Isabella David ist Bloggerin der ersten Stunde, und nun “Hamburg Mittendrin”-Chefredakteurin. Gentrifizierung – also der Zuzug von Reichen mit Verdrängung der Armen – ist ihr Thema, aber auch Alltägliches wie Musik aus dem Kiez, neue Cafés und der neue Bus-Fahrplan. In den Zeitungen komme die tiefergehende Berichterstattung ihrer Meinung nach oft zu kurz: “Ich lebe in Billstedt. Gerade diese östlichen Stadtteile Hamburgs werden oft in den Meldungsspalten abgehandelt über Polizeimeldungen und Kriminalitätsstatistiken. Dabei gibt es hier einfach viel mehr zu erzählen. Und das haben wir uns zur Aufgabe gemacht.”

Rausgehen, recherchieren, notieren – das kann eigentlich jeder. Davon leben aber können die Blogger trotz großen Einsatzes bislang nicht. David beschreibt ein grundlegendes Problem ihrer Arbeit: “90 Prozent unserer Geschichten können wir noch gar nicht umsetzen, weil wir einfach gar nicht die Zeit haben. Da wollen wir aber hin. Gerade diese Hintergrundgeschichten kosten nun mal Zeit – und deswegen eben auch Geld.”

Gut 5.000 Leser hat “Hamburg Mittendrin” jeden Tag, bei interessanter Themenlage auch mehr. Eine Umfrage hat gerade gezeigt, dass viele Akademiker darunter sind, und viele ältere ab 50 Jahren aufwärts – Leser mit Geld also. Und die, so Bloggerin David, sollen darum auch zahlen: “Ein Jahresabonnement kostet bei uns jetzt 60 Euro. Geplant ist, dass es jede Woche einen Artikel gibt, der nur für Abonnenten freigeschaltet wird.”

Vom Lokalbloggen leben will auch der einstige Einzelhändler Andreas Scharnberg. Auf “Aktuelles aus Süderelbe” blickt er ebenfalls auf die Details vor der Haustür: vom Überfall auf den Spermarkt bis zum “Frauenklönschnack” beim Sozialverband. Grund für sein Engagement ist das Aus der “Harburger Anzeigen und Nachrichten” im vergangenen Jahr gewesen: “Das war die einzige ernstzunehmende Lokalzeitung im Harburger Bereich.”

Um den Verlust des Traditionsblatts zu kompensieren, habe sich dann eine größere Gruppe gegründet, aus der auch Scharnberg stammt – ein Quereinsteiger im Journalismus. Sein Büro ist noch das Schlafzimmer, doch das soll sich ändern. Bisher bloggt er als Einzelkämpfer, setzt dabei auf Werbung aus der Nachbarschaft: “Der Kontakt zu den Leuten, die Werbung machen möchten, in Neugraben, in Harburg, der ist einfach schon da. Das sind Leute, die man auf der Straße trifft.”

Von Werbung im Internet leben können – das ist natürlich ein reichlich optimistisches Projekt. “Hamburg Mittendrin” hat – so wie klassische Verlage – mit klassischer Werbung im Netz jedenfalls eher schlechte Erfahrung gemacht. Deshalb setzt Macherin David jetzt auf den Verkauf von Abonnements. So fahren zwei inhaltlich sehr ähnlich gelagerte Projekte sehr unterschiedliche Strategien, damit sich ihr Engagement am Ende auch lohnt.

>> Download MP3 (Quelle: NDRinfo-“Netzwelt”)