#Landesverrat-Diskussion zum Nachhören

Mitschnitt der Diskussion “Landesverrat und Pressefreiheit” bei Correctiv in Berlin – vom 10. August 2015

Es diskutierten: Bommarius, Grill, Beckedahl, Crawford (Foto: Bouhs)

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Watchblog für Klatsch-Magazine

“Topf voll Gold” ist jetzt gemeinnützig

für Deutschlandfunk

Manuskript des Beitrags
„Also der Entscheidende Satz, auf den man wartet: Die Satzung der vorgenannten Körperschaft erfüllt die satzungsmäßige Voraussetzung nach den Paragrafen 51, 59, 60 und 61 Abgabenordnung.“

Was das Finanzamt so nüchtern formuliert und Moritz Tschermak trocken vorliest, ist eine kleine Revolution: Sein „Topf voll Gold“ ist jetzt offiziell eine „gemeinnützige Unternehmung“ – als erstes Blog hierzulande, dazu noch als journalistisches Projekt, denn Tschermak schaut mit Kollegen akribisch der Regenbogenpresse auf die Finger. Die Seite „Topf voll Gold“ ist ein „Watchblog“ für Klatsch-Magazine, die nur allzu oft phantasieren statt recherchieren – zum Leidwesen Prominenter und Adliger.

„Nur weil die jetzt in der Öffentlichkeit stehen, heißt das nicht, dass die ihre Persönlichkeitsrechte verloren haben. Und so sind wir eben auf deren Seite und das erkennen die glaube ich auch. Deswegen haben wir die Hoffnung, dass die von ihrem vielleicht ganz gut verdienten Geld uns was abgeben und dadurch natürlich dann ganz regulär wie bei jeder anderen Spende auch, eine Spendenerklärung bekommen, die sie dann bei der Steuererklärung einreichen können.“

Spenden für den Journalismus – der „Topf voll Gold“ setzt dabei vor allem auf die Prominenz, der die Berichterstattung des Blogs Genugtuung verschafft. Aber würden auch andere für Journalismus spenden, ganz klassische Leser? Ein Stimmungsbild:

„Wenn’s von der Steuer abzusetzen wäre – sicher interessant. Ja.“
„Ich glaube, da die Masse so groß ist an Journalismus – ich glaube, dafür wäre ich nicht bereit, zu spenden.“
„Prinzipiell finde ich es wichtig, dass Journalismus unabhängig ist. Ich glaube aber, dass es noch ziemlich lange dauern würde, bis ich dann wirklich spenden würde.“

In Deutschland können Skat-Vereine gemeinnützig werden, Sport-Vereine und Bildungseinrichtungen. Auch enthüllender und kritischer Journalismus tut unbestritten etwas für das Gemeinwohl. Das Steuerrecht verschließt sich bislang jedoch der Idee, Journalismus als gemeinnützige Veranstaltung anzuerkennen. Das geht bislang nur über Umwege, etwa wenn Journalisten auch aus- und fortbilden – zusätzlich zu ihrer eigentlichen Arbeit. Nur so hat es im vergangenen Jahr auch das Berliner-Recherchebüro Correctiv geschafft, berichtet Gründungsredakteur Daniel Drepper:

„Im rechtlichen Sinne sind wie gemeinnützig, weil wir eine Bildungseinrichtung sind. Wir bieten Veranstaltungen an für Bürger zum Thema Informationsfreiheit, zum Thema Auskunftsrechte.“

Damit Unterstützer ihre Spenden von der Steuer absetzen können, tourt Drepper mit seinen Correctiv-Kollegen durch die Republik. Sie machen andere Journalisten fit, aber auch Aktivisten. All das kostet Zeit und Energie. Doch anders geht es nicht.

„Dieser ganze Bildungsbereich ist tatsächlich etwa 50 Prozent von dem, was wir tun. Nur so können wir auch gemeinnützig sein. Für uns ist das völlig in Ordnung, dass das so ist. Was aber insgesamt natürlich ein Problem ist, ist, dass das nicht jeder leisten kann.“

Journalistenverbände, vor allem aber der Verein Netzwerk Recherche, fordern seit Jahren eine entsprechende Gesetzesänderung – bislang allerdings ohne Erfolg. Deshalb müssen auch die Klatsch-Kritiker nun mehr tun als bloß über die Verfehlungen der Regenbogenpresse zu bloggen. Ihre Ideenkiste ist bereits prall gefüllt, darin Kneipenabende und Vorträge an Universitäten – und noch mehr:

„Es gibt bei uns durchaus die ernstgemeinte Überlegung, in Altenheime zu gehen oder Tanz-Cafés und so weiter, also zu den Leuten zu gehen, die diese Hefte lesen und da mit denen darüber zu reden, dass da eigentlich ziemlich viel Quatsch drin steht.“

Fortbildungen organisieren, auf Leser zugehen, das eigene Wissen weiter tragen –das steht Journalisten freilich gut zu Gesicht, ist aber auch aufwändig. Solange die Finanzbehörden nur hier und nicht dem eigentlichen Journalismus den Stempel der Gemeinnützigkeit aufdrücken dürfen, bleibt das ein kompliziert Modell. Aber auch für andere Blogs, so für Lokaljournalismus, fällt den „Topf voll Gold“-Machern etwas ein.

„Da kann man natürlich auch überlegen: Machen wir vielleicht irgendwie für die Kinder unseres Bezirks ein Mal im Monat oder ein Mal im Quartal ‘ne Zeitungs-Werkstatt zum Beispiel. Ich könnte mir vorstellen, dass das dann auch schon in eine Richtung geht, wo man sagt: Okay, dieses Projekt hat einen Bildungs-Aspekt und das könnte man vielleicht als gemeinnützig anerkennen.“

Gemeinnützigkeit im Journalismus – dafür braucht es bis auf Weiteres also nicht zuletzt eines: Kreativität.

>> Download MP3 (Quelle: DLF-“Markt und Medien”)

Lokalblogs im Norden hoffen auf Geld

Wie “Hamburg Mittendrin” und Co. überleben wollen

für NDRinfo

Manuskript des Beitrags
Hamburg-St. Georg, keine zehn Minuten zu Fuß vom Hauptbahnhof. Hier sitzt “Hamburg Mittendrin” – einst ein studentisches Projekt, heute eine Redaktion mit vier Ressortleitern, einigen freien Autoren und Verantwortlichen für die Technik.

Isabella David ist Bloggerin der ersten Stunde, und nun “Hamburg Mittendrin”-Chefredakteurin. Gentrifizierung – also der Zuzug von Reichen mit Verdrängung der Armen – ist ihr Thema, aber auch Alltägliches wie Musik aus dem Kiez, neue Cafés und der neue Bus-Fahrplan. In den Zeitungen komme die tiefergehende Berichterstattung ihrer Meinung nach oft zu kurz: “Ich lebe in Billstedt. Gerade diese östlichen Stadtteile Hamburgs werden oft in den Meldungsspalten abgehandelt über Polizeimeldungen und Kriminalitätsstatistiken. Dabei gibt es hier einfach viel mehr zu erzählen. Und das haben wir uns zur Aufgabe gemacht.”

Rausgehen, recherchieren, notieren – das kann eigentlich jeder. Davon leben aber können die Blogger trotz großen Einsatzes bislang nicht. David beschreibt ein grundlegendes Problem ihrer Arbeit: “90 Prozent unserer Geschichten können wir noch gar nicht umsetzen, weil wir einfach gar nicht die Zeit haben. Da wollen wir aber hin. Gerade diese Hintergrundgeschichten kosten nun mal Zeit – und deswegen eben auch Geld.”

Gut 5.000 Leser hat “Hamburg Mittendrin” jeden Tag, bei interessanter Themenlage auch mehr. Eine Umfrage hat gerade gezeigt, dass viele Akademiker darunter sind, und viele ältere ab 50 Jahren aufwärts – Leser mit Geld also. Und die, so Bloggerin David, sollen darum auch zahlen: “Ein Jahresabonnement kostet bei uns jetzt 60 Euro. Geplant ist, dass es jede Woche einen Artikel gibt, der nur für Abonnenten freigeschaltet wird.”

Vom Lokalbloggen leben will auch der einstige Einzelhändler Andreas Scharnberg. Auf “Aktuelles aus Süderelbe” blickt er ebenfalls auf die Details vor der Haustür: vom Überfall auf den Spermarkt bis zum “Frauenklönschnack” beim Sozialverband. Grund für sein Engagement ist das Aus der “Harburger Anzeigen und Nachrichten” im vergangenen Jahr gewesen: “Das war die einzige ernstzunehmende Lokalzeitung im Harburger Bereich.”

Um den Verlust des Traditionsblatts zu kompensieren, habe sich dann eine größere Gruppe gegründet, aus der auch Scharnberg stammt – ein Quereinsteiger im Journalismus. Sein Büro ist noch das Schlafzimmer, doch das soll sich ändern. Bisher bloggt er als Einzelkämpfer, setzt dabei auf Werbung aus der Nachbarschaft: “Der Kontakt zu den Leuten, die Werbung machen möchten, in Neugraben, in Harburg, der ist einfach schon da. Das sind Leute, die man auf der Straße trifft.”

Von Werbung im Internet leben können – das ist natürlich ein reichlich optimistisches Projekt. “Hamburg Mittendrin” hat – so wie klassische Verlage – mit klassischer Werbung im Netz jedenfalls eher schlechte Erfahrung gemacht. Deshalb setzt Macherin David jetzt auf den Verkauf von Abonnements. So fahren zwei inhaltlich sehr ähnlich gelagerte Projekte sehr unterschiedliche Strategien, damit sich ihr Engagement am Ende auch lohnt.

>> Download MP3 (Quelle: NDRinfo-“Netzwelt”)