Alles in eigener Sache

Ein streitbares Editorial und eine verschwiegene IM-Tätigkeit: Der neue Verleger der “Berliner Zeitung” bringt die Redaktion in Erklärungsnot. Für ZEIT ONLINE bin ich der Frage nachgegangen: Was will Holger Friedrich?

für ZEIT ONLINE

Ihre zweite Seite widmen die Journalisten der Berliner Zeitung traditionell dem “Tagesthema”. An diesem Montag ist das ein eher ungewöhnliches: die Berliner Zeitung selbst. Online haben die Journalisten sogar die Rubrik “In eigener Sache” angelegt. Die füllt sich vor allem mit Texten zur Spitzelvergangenheit des Neueigentümers Holger Friedrich.

Rechercheure der Welt am Sonntag hatten den IT-Unternehmer, der zusammen mit seiner Frau Silke Friedrich im September überraschend als Käufer der Berliner Zeitung auftrat, mit seiner eigenen Stasiakte konfrontiert. Friedrich gab in einem am Freitag veröffentlichten Text zu, als Soldat Berichte über Kameraden geschrieben zu haben, sprach allerdings auch von einer “Notsituation”: Das DDR-Regime habe ihn erpresst. Die Alternative sei der Knast gewesen. Er habe sich zudem bei der ersten sich ihm bietenden Gelegenheit “der Zwangssituation durch aktive ‘Dekonspiration’ entzogen” und fortan “die Kooperation mit dem MfS verweigert”. Dennoch ist die Empörung nun groß. Der Bild-Chefredakteur Julian Reichelt nutzte diese Vorlage gar, um auf Twitter den gesamten Titel zu diskreditieren: “Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist die Berliner Zeitung wieder in Stasihand.”

Die Redaktion erklärte am Sonntag, sie wolle “diesen Fall journalistisch aufbereiten (…), Fakten sammeln, die Akten – die Opfer- und die Täterakte – einsehen (…), sich ein Bild machen und auch Experten bitten, sich ein Bild zu machen, (…) versuchen, mit Menschen zu reden, die in den Akten auftauchen”. Die Redaktion muss ihre journalistische Energie jetzt also nicht zuletzt ihrem eigenen Besitzer widmen – 30 Jahre nach dem Mauerfall und in einer Zeit, in der sie nach langjähriger Ausdünnung ohnehin kaum weiß, wo sie Ressourcen für Langzeitrecherchen hernehmen soll.

Ihr Neueigentümer hat den Redakteurinnen und Redakteuren aber noch weiteren Ärger gebracht. Die Zeitung hatte am 8. November auf ihrer Titelseite über eine “Ostdeutsche Erfolgsstory in der Medizin” berichtet: Die Firma Centogene aus Rostock ging in den USA an die Börse. So weit, so berichtenswert – auch andere Medien wie die ARD taten das. Es fehlte jedoch eine Information, die der Spiegel spitzbekam und am Freitag veröffentlichte: Friedrich, der einst mit dem Verkauf eines IT-Unternehmens nach eigenem Bekunden zu “viel zu viel Geld” kam, sitzt im Aufsichtsrat der Firma, die seine Redaktion bejubelte.

Ja, der Hinweis auf Centogene sei von Friedrich gekommen, erklärt die Redaktion nun im hauseigenen “Tagesthema” und betont: “Weder der Chefredaktion noch den beiden Wissenschaftsredakteuren war zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass Holger Friedrich an dem Unternehmen beteiligt ist.” Man werde die Berichterstattung fortan “ausnahmslos darauf prüfen, ob geschäftliche Interessen des Unternehmerehepaares Friedrich oder unseres Hauses davon berührt sind – und dies öffentlich machen”.

“Wir sind wie ein schönes Stahlboot”

Und dann ist da noch die “Berliner Botschaft” der Friedrichs, wie ihr Editorial in der gedruckten Ausgabe vom 8. November betitelt war. Darin hatten sie einerseits nach Tempo und Fortschritt gerufen und sich etwa gefragt, ob Wahlen nicht öfter und via Smartphone machbar wären. Andererseits erklärten sie aber auch, sie wollten “einen Beitrag” leisten zur “außerparlamentarischen Opposition in neuem Format, auch im Sinne bürgerlicher Selbstermächtigung”. Für Irritationen sorgten weiter ihre Äußerungen zum Thema Russland (“Warum etwa haben wir 2001 die ausgestreckte Hand von Herrn Putin nicht ergriffen?”) und ihre Huldigung des letzten Generalsekretärs des SED-Zentralkomitees, Egon Krenz (“Wir sind ihm dankbar und möchten fragen, ob es in gleichem Maße groß war, ihn neben anderen zu viereinhalb Jahren Haft zu verurteilen”).

Seit Erscheinen dieses Editorials rätseln viele, was die Mission der Neuverleger ist. “Bürgerliche Selbstermächtigung: Ist das etwa nicht der Sound von Pegida?”, fragt etwa der frühere Chefredakteur der Berliner Zeitung Uwe Vorkötter in seiner Horizont-Analyse. Der SPD-Nachwuchsstar Kevin Kühnert twitterte wiederum mit einem Link zum Editorial, es habe “zuletzt wehgetan, die Entwicklung der Zeitung zu verfolgen”, die er gelesen habe wie keine andere. “Diese narzisstische Horrorshow hat sie nicht verdient.” Redakteure bettelten mithin: “Bitte, bitte, uns nicht abschreiben. Wir sind noch da!”

In einem ausführlichen Interview mit dem rbb-Sender radioeins, das der Autor dieses Textes mitgeführt hat, sagte Silke Friedrich kurz nach Bekanntwerden des Eigentümerwechsels, die beiden seien auf Langfristigkeit aus: “Wir machen keinen Sprint, sondern wir sind wie ein schönes Stahlboot, ein schöner Verdränger, der aus dem Wasser gleitet.” Ihr Mann Holger ergänzte, sie seien “interessiert, eine Institution für Berlin so aufzustellen, dass sie auch im 21. Jahrhundert ihre Bedeutung hat”. Allein: Wie passen die jüngsten Eskapaden zur Zukunftssicherung?

Ist die Zeitung nur ein Liebhaberobjekt, das im Zweifel weg kann?

Im besten Fall zeigt sich hier, welche Folgen ein reichlich unbedarfter Umgang mit Medien haben kann. Das neue Verlegerpaar wurde in Interviews zu ihrem Leben und auch zu ihrem Verhältnis zur DDR gefragt. Holger Friedrich hatte die Chance, das vielleicht düsterste Kapitel seines Lebens kontrolliert öffentlich zu machen. Er zog es allerdings vor, zu schweigen. Die Folge ist ein PR-Gau – für ihn, vor allem aber auch für seine Zeitung, für die er die Verantwortung trägt. Genauso können die Redaktion der Berliner Zeitung und ihr Publikum nur hoffen, dass es Holger Friedrich schlicht nicht in den Sinn kam, seiner Chefredaktion mit dem Tipp auf die ostdeutsche Erfolgsfirma auch einen Beipackzettel zu reichen, auf der er seine Verbandelung offenlegt.

Die Friedrichs sind nun mal Quereinsteiger, keine Verleger des alten Schlags. Für die Zeitung hat das auch Vorteile: Ihre neuen Eigentümer bauen rasant um. Sie wollen den Berliner Verlag aufpäppeln und mit ihm auch Publikum aus aller Welt erreichen. Die Berliner Zeitung veröffentlicht seit diesem Monat auf Englisch und Russisch. Türkisch und Arabisch sollen folgen.

Holger Friedrich spendierte der Zeitung wiederum als Erstes eine neue, flotte Webseite. Dafür brachte er seine eigenen Experten mit: Friedrich – einst Partner bei McKinsey – betreibt mit Core ein Beratungsunternehmen, das weltweit aktiv ist, vor allem in der Finanzbranche. Beim Berliner Verlag hat er für die Entwicklungen Google mit ins Boot geholt. Das alles dauerte keine zwei Monate, ein irres Tempo. Technologie-Fetischist Friedrich erhöht in der Branche den Druck und zeigt anderen, wie träge sie mitunter sind. Auch daher dürfte das Unbehagen etablierter Verlagsmanager rühren. Aus ersten Verlagshäusern dringt bereits die Anekdote, IT-Chefs müssten sich erklären: Warum geht das bei den Friedrichs so schnell?

Rückendeckung kommt aus den eigenen Reihen. Frederik Bombosch, Vorsitzender des Betriebsrates, sprach im rbb zwar einerseits von einer “Achterbahnfahrt” mit den neuen Eigentümern, aber auch von ihnen als “zwei erfrischende Persönlichkeiten, die unserem Verlag auch ganz viel geben und bringen”. Zur Lobhudelei über Egon Krenz hatte Bombosch selbst ein Gegenstück veröffentlicht. Das sei problemlos möglich gewesen, da offiziell Konzept: “Die Friedrichs haben ja selbst formuliert, dass sie sich eine Debatte wünschen über das, was unsere Gesellschaft bewegt.”

Die Frage aber bleibt, worum es den neuen Eigentümern wirklich geht. Der NZZ sagte Holger Friedrich, ihre “zentrale Plattform” werde berlin.de, ein Portal, das der Verlag betreibt, an dem aber auch die Hauptstadt beteiligt ist und Bürgern dort ihre Dienstleistungen anbietet. “berlin.de ist wie ein Gebäude aus den Neunzigerjahren, das nie saniert wurde. Das wird die nächste Baustelle, diese gehen wir zusammen mit der Stadt an.” Ist die Zeitung nur ein Liebhaberobjekt, das im Zweifel weg kann? War die Hauptstadt-Seite der eigentliche Grund für den Kauf? Welche Rolle wird starker, unabhängiger Journalismus in dieser Gemengelage spielen?

Die Friedrichs werden weiter viel erklären müssen. Wenn ihnen tatsächlich an der Zukunft nicht nur des Verlages und irgendeines Internetportals gelegen ist, sondern auch an der Berliner Zeitung, müssen sie Vertrauen zurückgewinnen. Eine Lösung könnte etwa ein Transparenz-Portal sein: die eigene Vergangenheit und die heutigen Verflechtungen für alle offen einsehbar – eine vertrauensbildende Maßnahme.

Die Redaktion der Berliner Zeitung arbeitet jedenfalls daran, ihren eigenen Teil zum Projekt “Glaubwürdigkeit” beizutragen. “Wir sind eine Redaktion mit einer langen und schmerzhaften Geschichte in der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit”, schreibt die Chefredaktion der Zeitung, die bis zur Wende publizistisches Organ der SED war und sich Anfang der Neunzigerjahre konsequent von einstigen Stasi-Spitzeln trennte. “Wir haben dabei gelernt, dass diese nur mit Transparenz, Wahrhaftigkeit und Mut gelingen kann. Dies gilt auch für die jetzige Situation.”

>> zur Originalveröffentlichung auf zeit.de


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Die Erinnerung bekommt Lücken

An Ton- und Videoaufnahmen nagt der Zahn der Zeit: Teils einmaliges Material ist schon verloren gegangen. Archive digitalisieren ihre Bestände, doch das ist ein langwieriges und teures Geschäft

für Süddeutsche Zeitung

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Digitale Archive

Archivare müssen nicht nur Archive pflegen, sondern auch antike Hard- und Software, mit der sich anno dunnemals gespeicherte Daten lesen lassen.

für ZDFinfo

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Manuskript des Beitrags
Jörg Wagner aus Berlin ist Radiojournalist und liebt Geräusche. Und er hat ein Ziel. Ein Klangarchiv der DDR aufzubauen und für die Nachwelt zu erhalten. Damit sich die Menschen auch in 100 Jahren noch am Sound des Sozialismus erfreuen können.

“Ich sammle eigentlich alles was sich irgendwie mit Tönen speichern lässt. Das kann eine alte Frösi Schallplatte sein. Das ist eine uralte Kinderzeitschrift aus der DDR […] Das kann auch ein Trabbi-Geräusch sein, weil die Trabbis werden irgendwann mal aussterben und dann hat man den Trabbi konserviert und kann ihn immer wieder abspielen und sagen, so klang der mal.”

Aber Hobby-Archivare wie Wagner haben ein Problem: Den Zahn der Zeit. Denn egal ob Schallplatte, Kassette, CDs oder Festplatte – keines seiner Speichermedien ist für die Ewigkeit gemacht. Und deshalb hat er nicht nur Freude an seinen Schätzen, sondern auch Angst diese wieder zu verlieren.

“Bei mir sind inzwischen in meinem Leben vier schöne große Festplatten, die auch vom Hersteller als super langlebig charakteristiert wurden, mittlerweile weggeraucht. Letztenendes ist das nach wie vor so eine Art Nitroglycerin-, Russisch-Roulette-Geschichte, dass man nie weiß, wann geht was hoch.”

Wagner hat sich daran gewöhnen müssen, dass es in seinem Archiv die 100%ige Datensicherheit nicht geben kann. Aber Festplattencrashs bedrohen nicht nur private Datenschätze. Auch staatliche Archive kämpfen gegen Erdmagnetismus, Luftfeuchtigkeit und Bandsalat. Fest steht: Unser kollektives Gedächntnis ist in Gefahr. Jens Niederhut gibt als Archivar beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen keinen Audio- und Videoschnipsel über den SED-Überwachungsstaat verloren. Trotz denkbar schlechter Voraussetzungen.

“Wir haben die Bänder ja schon in einem Zustand übernommen, der nicht optimal war. Sie sind schon bei der Staatssicherheit oft benutzt worden, nicht optimal gelagert worden. Das heißt, da sind wir jetzt wirklich an einem Punkt, wo diese Zerfallsprozesse nicht mehr zu stoppen sind.”

Im Stasi-Archiv lagert, was das ostdeutsche Regime während der Wende am liebsten noch schnell vernichtet hätte: die Akten seiner Spitzel, aber auch viele Ton- und Videodokumente, Abhörprotokolle und Mitschnitte von Vernehmungen. Das historisch einmalige Archiv eines Überwachungsstaates. Vieles davon ist weder erschlossen noch digitalisiert. Und als wäre es nicht schon schwierig genug diesen Bestand für die Nachwelt zu erhalten, haben Niederhut und seine Kollegen ein weiteres Problem. Die technisch längst überholten Video- und Tonformate überhaupt abzuspielen. Deshalb muss nicht nur das Archiv selbst, sondern auch ein Gerätepark von vorgestern in Schuss gehalten werden.

“Wir kaufen Ersatzteile überall dort, wo wir sie bekommen können. Das heißt: online, auf dem Flohmarkt, bei Sammlern, aber damit wird natürlich irgendwann Schluss sein. Also die Technik verschwindet nach und nach.”

Reinhard Altenhöner ist bei der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt verantwortlich für die Langzeitarchivierung des Bestandes. Hier speichert man die Daten gleichzeitig in mehreren Großrechnern, verteilt auf unterschiedliche Standorte. Angst die Daten zu verlieren hat Altenhöfer zwar nicht, dafür aber eine andere Sorge: Wer kann diese Dateien in 100 Jahren noch lesen?

“Je ungewöhnlicher ein Format, desto schwieriger ist das. Manchmal gibt es Formate, die hängen an einer Firma und die Firma ist meinetwegen in Konkurs gegangen und es gibt nichts mehr auf neueren Betriebssystemumgebungen, was man da nutzen könnte. Dann haben wir ein Problem.”

Beim Digitalisieren von Büchern, Musik und Filmen setzen Archivare deshalb inzwischen auf offene Standards, die gut dokumentiert sind. Viel schwieriger zu erhalten ist Software, etwa alte Lernprogramme. Auch diese soll die Nachwelt noch daddeln können.

“Da beginnt dann wirklich die große Suche. Es kann sein, dass man wirklich nur mit einem Emulator weiterkommt, eine Computerumgebung, die dann vorgaukelt der Software, ich bin hier noch deine alte vertraute Windows-95-Umgebung.”

Egal ob man ein Geräuscharchiv, die Stasiunterlagen oder einen kompletten Bibliotheksbestand erhalten möchte. Archivierung ist auch im Zeitalter vernetzter Serverfarmen mehr als ein Festplattenbackup in der Cloud. Jeder neue Technikstandard bedeutet für Archivare ein neues Problem, auf das sie sich einstellen müssen. Und auch der Durchnitts-PC-User zu Hause sollte hin und wieder nachschauen, ob seine Datenschätze überhaupt noch da sind.

>> Beitrag auf YouTube (Quelle: “Elektrischer Reporter”)