70 Jahr, alles wahr?

Passiert der dpa ein Fehler, verbreitet der sich wie ein Lauffeuer. Wie herausfordernd diese Arbeit ist, habe ich für die taz beschrieben.

für taz

Anfang August haben die JournalistInnen der Deutschen Presseagentur (dpa) mal wieder gespürt, wie groß ihre publizistische Verantwortung ist. „CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können“ stand über einer kleinen Meldung, die wie viele andere an diesem Tag an die angeschlossenen Rundfunkanstalten, Onlinedienste und Zeitungshäuser ging.

In sozialen Netzwerken prasselten auf den stellvertretenden Chef der Bundestagsfraktion der Union, Carsten Linnemann, wüste Beschimpfungen ein. Populisten jubilierten wiederum. Linnemann wehrte sich: So habe er das nie gesagt. Tatsächlich korrigierten die JournalistInnen ihre Meldung, die ein Interview zusammenfasste: „Grundschulverbot“ sei eine „zu weitgehende Wiedergabe der Worte Linnemanns“ gewesen.

Linnemann hatte sich ursprünglich in der Rheinischen Post zu Wort gemeldet. Sven Gösmann war einst Chefredakteur der Zeitung. Seit fünf Jahren leitet er nun die dpa. Wie ist das mit der publizistischen Verantwortung – stimmt ihn so ein Vorgang nachdenklich?

„Es gibt im Nachrichtenbereich keine Gatekeeper im klassischen Sinne mehr“, sagt Gösmann. „Aber die ,Tagesschau’, der Deutschlandfunk oder wir sind natürlich immer noch gewaltige gesellschaftliche Verstärker, hinter denen sich auch mancher mit trüben Absichten verstecken möchte. Da schmerzt jeder Fehler, da hilft jede aufklärerische Leistung.“

Rund 700 Mitarbeiter weltweit
Die dpa nahm ihren Betrieb vor 70 Jahren in Hamburg auf. Dort, in einer Villa, liegt noch immer ihr Geschäftssitz. Der Newsroom der dpa befindet sich allerdings inzwischen in Berlin. Er ist 150 Meter lang und mit 270 Schreibtischen bestückt. Im Schichtbetrieb arbeiten allein hier 370 MitarbeiterInnen. Weltweit sind es fast doppelt so viele feste dpa-JournalistInnen.

Um die Dimension zu verstehen, ist noch eine Zahl entscheidend: dpa hat viele Angebote, darunter Dienste mit Meldungen in den einzelnen Bundesländern, internationale Angebote in Englisch, Arabisch und (seit vergangenem Jahr etwas ausgedünnt) Spanisch. Im „Basisdienst“ sendet dpa im Jahr fast 200.000 Beiträge an deutsche Medien – knappe Meldungen, ausführliche Zusammenfassungen und Korrespondentenberichte.

Was Nachrichtenagenturen von anderen Medien unterscheidet: Medien müssen ihre Texte bei der Übernahme nicht prüfen. Das Stichwort hier: Agenturprivileg. „Nach der Rechtsprechung dürfen die Empfänger von Texten von anerkannten Nachrichtenagenturen auf deren Richtigkeit vertrauen“, heißt es in einem juristischen Handbuch für die Reporter der dpa. „Das gilt auch für Fotos und die als Bildtext gemachten Angaben.“

Aufklärerischer Anspruch
Diese Verantwortung kann ein Fluch sein – siehe das „Grundschulverbot“. Fehler verbreiten sich wie ein Lauffeuer. Für Chefredakteur Gösmann ist sie aber auch ein Segen. Jedenfalls sagt er: „Gesellschaften sollen sich ihre Meinung auf Grundlage bestmöglich belegter Fakten bilden. Wir sind eine Organisation, die diesen aufklärerischen Anspruch in sich trägt.“

Diese „bestmöglich belegten Fakten“ sind so etwas wie das Markenversprechen der dpa. Das löst sie erstaunlich oft ein, aber auch nicht immer. Während dpa 1963 als erste Agentur weltweit „Kennedy tot“ meldete, folgte 1964 der Nachrichten-GAU: dpa erklärte auch Nikita Chrusch­tschow, den sowjetischen Staats- und Parteichef, für tot. Das wiederum war eine Falschmeldung. Zur Strafe musste sich dpa für gut ein halbes Jahr aus Moskau zurückziehen.

In der Moderne der dpa ist das Signalwort „Bluewater“. Das steht für einen Terroranschlag, den dpa meldete, obwohl es ihn nie gab. SchauspielerInnen inszenierten diesen perfekt: Einer rief getarnt als Praktikant eines US-Senders an und wies dpa auf gefälschte Videos aus – dem ebenfalls erfundenen – Bluewater hin. Andere fälschten Internetseiten von Polizei und Feuerwehr. Bei den angegebenen Hotlines nahmen MuttersprachlerInnen ab, die – vor Sirenengeheul aus Lautsprechern – Auskunft gaben. Die JournalistInnen der dpa korrigierten und schämten sich.

Deepfakes ermöglichen Manipulation
Heute beschäftigt Gösmann ein Verifikationsteam. Es checkt Material, das die Agentur über das Netz erreicht. Die Agentur sucht zudem Wege, um auch Deepfakes rechtzeitig zu erkennen: Präsidenten, Despoten und Wirtschaftschefs, denen mithilfe von Stimmproben und Algorithmen quasi perfekt Worte in den Mund gelegt werden. „Wir müssen uns alle davor fürchten“, mahnt Gösmann. „Da ist der Manipulation Tür und Tor geöffnet.“ Aber kann sich dpa immer ausgeklügeltere Recherchetechniken überhaupt leisten?

Die dpa gehört 180 Medien, vor allem Verlagen. Zeitungen zahlen nach Auflage. Sie sinkt, also kommt weniger Geld rein. Und auch das Auslandsgeschäft schwächelt. Im Geschäftsbericht heißt es: „Neben den absehbaren Erlösrückgängen beim Basisdienst und den Landesdiensten durch weiterhin rückläufige Auflagenzahlen ist es auch bei den fremdsprachigen Auslandsdiensten nicht gelungen, das Umsatzniveau des Vorjahres zu halten.“

Vor allem der Ableger News Aktuell, ein PR-Dienstleister, gleicht aus, was im Kerngeschäft wegbricht. Dort werden wiederum Kunden wie Facebook, die Faktenchecks kaufen, wichtiger und auch Regierungen, Lobbyagenturen und Unternehmen, die dpa mit dem Weltgeschehen und mit Brancheninfos versorgt. Wie unabhängig ist dpa nach 70 Jahren?

Die Bundesregierung ist auch Kunde
„Rund 3,5 Prozent des Umsatzes der dpa GmbH geht auf Geschäfte mit der Bundesregierung und beigeordneten Einheiten zurück“, heißt es auf Nachfrage. Die GmbH betreibt die klassischen Angebote der dpa. Für die gesamte dpa-Gruppe lägen keine Zahlen vor. Wichtig ist der Agenturleitung so oder so dieser Hinweis: „Die Bundesregierung ist ein Kunde wie alle anderen auch. Die Aufträge kommen in der Regel via Ausschreibung zustande.“

Lauter Applaus kam Anfang Juli von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. „Fakten sind Fakten, wenn sie von dpa gemeldet werden“, sagte er auf einem Festakt der dpa. „Und sind sie es einmal nicht, werden sie umgehend korrigiert.“ Im Fall Carsten Linnemann dauerte das fast 24 Stunden. Das ist eine ziemliche Strecke dafür, dass das eher eine Kleinigkeit war, zumal in diesen schnellen Zeiten. Aber immerhin: dpa hat sich sauber korrigiert. Alles gut.

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de

Auf der Pirsch

Seit 70 Jahren beliefert dpa Zeitungen und Sender mit Nachrichten. Mit Inga Mathwig habe ich mich für ZAPP gefragt, wie es um ihre Verlässlichkeit und Zukunft bestellt ist.

für NDR Fernsehen

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem Du auf "Übernehmen" im Banner klicken.

>> Beitrag in der NDR-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

Eine für alle

Die Nachrichtenagentur dpa wird 70. Warum zunehmend PR-Dienste das Kerngeschäft subventionieren müssen, habe ich im ARD-Hörfunk erklärt – u.a. auf WDR5.

für WDR5

— Manuskript des Beitrags —

Wenn auf der Welt etwas passiert, das sehr, sehr wichtig ist, dann senden Nachrichtenagenturen eine sogenannte „Blitz“-Meldung. Bei der Feierstunde zum 70. der dpa gab‘s eine Auswahl dieser Raritäten.

„19.3.1951 – der erste dpa-‚Blitz‘ überhaupt: Montanvertrag paraphiert. 19.10.1951: Truman unterzeichnet Entschließung zur Kriegsbeendigung mit Deutschland. 4.7.1954: Deutschland Fußball-Weltmeister durch 3:2. Sieg über Ungarn.“

Im Zeitalter der Fernschreiber löste der „Blitz“ in den Redaktionen einen Alarm aus: Journalisten sollten sofort auf die Meldung schauen. Auf dem Festakt mahnt der Bundespräsident: Gerade im digitalen Zeitalter werde dpa nun mehr denn je gebraucht – und: ihre Objektivität.

„Unbehindert natürlich durch Zensur oder staatliche Reglementierung, aber auch mit Blick aufs Heute: Unbehindert mit Blick auf absichtsvolle Manipulation“

, so Frank-Walter Steinmeier. Er erinnert auch an die enorme Verantwortung der dpa, die praktisch alle Nachrichtenredaktionen in Deutschland beliefert – bei Zeitungen, Fernseh- und Radiosendern und Onlineportalen:

„Fakten sind Fakten, wenn sie von dpa gemeldet werden. Und sind sie es einmal nicht, dann werden sie – auch das habe ich erlebt – umgehend korrigiert. Dieses Vertrauen, meine Damen und Herren, das haben Sie sich durch Ihre Arbeit erworben.“

Für dpa arbeiten inzwischen etwa 1.000 Journalisten. Die meisten sitzen verstreut auf Korrespondentenbüros in Deutschland und der Welt. Allein 270 Schreibtische stehen jedoch in einem riesigen „Newsroom“ in Berlin.

Atmo: Newsroom dpa

Auf dieser Fläche – 150 Meter lang – wird die Berichterstattung koordiniert. Tempo ist dabei eine wichtige Größe. Gerade die Vernetzung birgt für die Agenturjournalisten aber auch Risiken: Im Internet kann jeder Fälschungen verbreiten. Dass dabei auch gezielt Nachrichtenagenturen adressiert werden, hat dpa vor zehn Jahren erlebt.

Auszug „Bluewater“-Fake: Nachrichtensprecherin

Über das Netz – flankiert von Anrufen – erreichten dpa Bilder eines vermeintlichen Nachrichtesenders aus den USA. dpa meldete einen Terroranschlag – den es nie gab. Angerufen hatten Schauspieler. Sie haben Internetseiten und Videos gefälscht. Sven Gösmann, seit fünf Jahren der Chefredakteur der dpa:

„Ich war noch nicht bei dpa. Ich habe es nur so erzählt bekommen, dass es der Weckruf war, der vielleicht auch nötig war, weil man natürlich häufig zu sehr vertraut hat.“

Heute beschäftigt Gösmann ein ganzes Verifikationsteam. Es checkt das Material, das die Agentur etwa über soziale Netzwerke erreicht. dpa – früher nur Lieferant von Informationen – ist neuerdings auch mit den Redaktionen in Verlagen und Sendern vernetzt: In einem Chatsystem tauschen sich Redakteure über fragwürdiges Material aus.

Doch die nächste Prüfung steht schon bevor: sogenannte Deepfakes. Fälscher legen Politikern oder Konzernchefs Worte in den Mund. Moderne Technik baut Stimmen und die Gesichtszüge fast perfekt nach.

„Wir müssen uns alle davor fürchten. Wir als Nachrichtenmacher beziehungsweise Nachrichtenübermittler, aber auch die Empfänger solcher vermeintlichen Nachrichten, weil da ist der Manipulation natürlich Tür und Tor geöffnet.“

Zusammen mit Forschern etwa des Fraunhofer Instituts arbeitet dpa an der nötigen Technik, um Deepfakes zu erkennen. Vermutlich braucht der Chefredakteur aufwändige Software und auch weitere Faktenchecker.

„Das alles kostet. Journalismus ist nie umsonst.“

Die Digitalisierung fordert dpa auch wirtschaftlich. Nach dem Krieg wurde die Agentur als Genossenschaft gegründet: Sie gehört fast 200 Rundfunkanstalten und Zeitungen – und damit letztlich den Medien. Peter Kropsch, der Geschäftsführer der dpa, sagt, diese Konstruktion schaffe letztlich Unabhängigkeit: Niemand könne durchregieren.

Das Problem: Die wichtigsten Kunden sind nach wie vor die Zeitungen. Sie zahlen nach Auflage. Die geht jedoch seit Jahren zurück. Das, sagt Kropsch, schlage auch auf dpa durch…

„…, sodass wir in unseren Kernbereichen wie auf einer schiefen Ebene weniger Umsatz machen. Das kommt aus dem Entgeltmodell heraus. Deswegen ist es so wichtig, in anderen Bereichen zu wachsen.“

dpa verdient immer mehr Geld mit Ablegern: Dienstleister, die PR-Meldungen verbreiten. Sie subventionieren zunehmend das eigentliche Geschäft, den Nachrichtenjournalismus. Außerdem kommt aus dem Silicon Valley erstes Geld: Facebook kauft Faktenchecks. So hilft dpa auch der Kampf gegen Desinformation und Deepfakes beim Überleben.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)