70 Jahr, alles wahr?

Passiert der dpa ein Fehler, verbreitet der sich wie ein Lauffeuer. Wie herausfordernd diese Arbeit ist, habe ich für die taz beschrieben.

für taz

Anfang August haben die JournalistInnen der Deutschen Presseagentur (dpa) mal wieder gespürt, wie groß ihre publizistische Verantwortung ist. „CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können“ stand über einer kleinen Meldung, die wie viele andere an diesem Tag an die angeschlossenen Rundfunkanstalten, Onlinedienste und Zeitungshäuser ging.

In sozialen Netzwerken prasselten auf den stellvertretenden Chef der Bundestagsfraktion der Union, Carsten Linnemann, wüste Beschimpfungen ein. Populisten jubilierten wiederum. Linnemann wehrte sich: So habe er das nie gesagt. Tatsächlich korrigierten die JournalistInnen ihre Meldung, die ein Interview zusammenfasste: „Grundschulverbot“ sei eine „zu weitgehende Wiedergabe der Worte Linnemanns“ gewesen.

Linnemann hatte sich ursprünglich in der Rheinischen Post zu Wort gemeldet. Sven Gösmann war einst Chefredakteur der Zeitung. Seit fünf Jahren leitet er nun die dpa. Wie ist das mit der publizistischen Verantwortung – stimmt ihn so ein Vorgang nachdenklich?

„Es gibt im Nachrichtenbereich keine Gatekeeper im klassischen Sinne mehr“, sagt Gösmann. „Aber die ,Tagesschau’, der Deutschlandfunk oder wir sind natürlich immer noch gewaltige gesellschaftliche Verstärker, hinter denen sich auch mancher mit trüben Absichten verstecken möchte. Da schmerzt jeder Fehler, da hilft jede aufklärerische Leistung.“

Rund 700 Mitarbeiter weltweit
Die dpa nahm ihren Betrieb vor 70 Jahren in Hamburg auf. Dort, in einer Villa, liegt noch immer ihr Geschäftssitz. Der Newsroom der dpa befindet sich allerdings inzwischen in Berlin. Er ist 150 Meter lang und mit 270 Schreibtischen bestückt. Im Schichtbetrieb arbeiten allein hier 370 MitarbeiterInnen. Weltweit sind es fast doppelt so viele feste dpa-JournalistInnen.

Um die Dimension zu verstehen, ist noch eine Zahl entscheidend: dpa hat viele Angebote, darunter Dienste mit Meldungen in den einzelnen Bundesländern, internationale Angebote in Englisch, Arabisch und (seit vergangenem Jahr etwas ausgedünnt) Spanisch. Im „Basisdienst“ sendet dpa im Jahr fast 200.000 Beiträge an deutsche Medien – knappe Meldungen, ausführliche Zusammenfassungen und Korrespondentenberichte.

Was Nachrichtenagenturen von anderen Medien unterscheidet: Medien müssen ihre Texte bei der Übernahme nicht prüfen. Das Stichwort hier: Agenturprivileg. „Nach der Rechtsprechung dürfen die Empfänger von Texten von anerkannten Nachrichtenagenturen auf deren Richtigkeit vertrauen“, heißt es in einem juristischen Handbuch für die Reporter der dpa. „Das gilt auch für Fotos und die als Bildtext gemachten Angaben.“

Aufklärerischer Anspruch
Diese Verantwortung kann ein Fluch sein – siehe das „Grundschulverbot“. Fehler verbreiten sich wie ein Lauffeuer. Für Chefredakteur Gösmann ist sie aber auch ein Segen. Jedenfalls sagt er: „Gesellschaften sollen sich ihre Meinung auf Grundlage bestmöglich belegter Fakten bilden. Wir sind eine Organisation, die diesen aufklärerischen Anspruch in sich trägt.“

Diese „bestmöglich belegten Fakten“ sind so etwas wie das Markenversprechen der dpa. Das löst sie erstaunlich oft ein, aber auch nicht immer. Während dpa 1963 als erste Agentur weltweit „Kennedy tot“ meldete, folgte 1964 der Nachrichten-GAU: dpa erklärte auch Nikita Chrusch­tschow, den sowjetischen Staats- und Parteichef, für tot. Das wiederum war eine Falschmeldung. Zur Strafe musste sich dpa für gut ein halbes Jahr aus Moskau zurückziehen.

In der Moderne der dpa ist das Signalwort „Bluewater“. Das steht für einen Terroranschlag, den dpa meldete, obwohl es ihn nie gab. SchauspielerInnen inszenierten diesen perfekt: Einer rief getarnt als Praktikant eines US-Senders an und wies dpa auf gefälschte Videos aus – dem ebenfalls erfundenen – Bluewater hin. Andere fälschten Internetseiten von Polizei und Feuerwehr. Bei den angegebenen Hotlines nahmen MuttersprachlerInnen ab, die – vor Sirenengeheul aus Lautsprechern – Auskunft gaben. Die JournalistInnen der dpa korrigierten und schämten sich.

Deepfakes ermöglichen Manipulation
Heute beschäftigt Gösmann ein Verifikationsteam. Es checkt Material, das die Agentur über das Netz erreicht. Die Agentur sucht zudem Wege, um auch Deepfakes rechtzeitig zu erkennen: Präsidenten, Despoten und Wirtschaftschefs, denen mithilfe von Stimmproben und Algorithmen quasi perfekt Worte in den Mund gelegt werden. „Wir müssen uns alle davor fürchten“, mahnt Gösmann. „Da ist der Manipulation Tür und Tor geöffnet.“ Aber kann sich dpa immer ausgeklügeltere Recherchetechniken überhaupt leisten?

Die dpa gehört 180 Medien, vor allem Verlagen. Zeitungen zahlen nach Auflage. Sie sinkt, also kommt weniger Geld rein. Und auch das Auslandsgeschäft schwächelt. Im Geschäftsbericht heißt es: „Neben den absehbaren Erlösrückgängen beim Basisdienst und den Landesdiensten durch weiterhin rückläufige Auflagenzahlen ist es auch bei den fremdsprachigen Auslandsdiensten nicht gelungen, das Umsatzniveau des Vorjahres zu halten.“

Vor allem der Ableger News Aktuell, ein PR-Dienstleister, gleicht aus, was im Kerngeschäft wegbricht. Dort werden wiederum Kunden wie Facebook, die Faktenchecks kaufen, wichtiger und auch Regierungen, Lobbyagenturen und Unternehmen, die dpa mit dem Weltgeschehen und mit Brancheninfos versorgt. Wie unabhängig ist dpa nach 70 Jahren?

Die Bundesregierung ist auch Kunde
„Rund 3,5 Prozent des Umsatzes der dpa GmbH geht auf Geschäfte mit der Bundesregierung und beigeordneten Einheiten zurück“, heißt es auf Nachfrage. Die GmbH betreibt die klassischen Angebote der dpa. Für die gesamte dpa-Gruppe lägen keine Zahlen vor. Wichtig ist der Agenturleitung so oder so dieser Hinweis: „Die Bundesregierung ist ein Kunde wie alle anderen auch. Die Aufträge kommen in der Regel via Ausschreibung zustande.“

Lauter Applaus kam Anfang Juli von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. „Fakten sind Fakten, wenn sie von dpa gemeldet werden“, sagte er auf einem Festakt der dpa. „Und sind sie es einmal nicht, werden sie umgehend korrigiert.“ Im Fall Carsten Linnemann dauerte das fast 24 Stunden. Das ist eine ziemliche Strecke dafür, dass das eher eine Kleinigkeit war, zumal in diesen schnellen Zeiten. Aber immerhin: dpa hat sich sauber korrigiert. Alles gut.

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de

Auf der Pirsch

Seit 70 Jahren beliefert dpa Zeitungen und Sender mit Nachrichten. Mit Inga Mathwig habe ich mich für ZAPP gefragt, wie es um ihre Verlässlichkeit und Zukunft bestellt ist.

für NDR Fernsehen

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>> Beitrag in der NDR-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

Eine für alle

Die Nachrichtenagentur dpa wird 70. Warum zunehmend PR-Dienste das Kerngeschäft subventionieren müssen, habe ich im ARD-Hörfunk erklärt – u.a. auf WDR5.

für WDR5

— Manuskript des Beitrags —

Wenn auf der Welt etwas passiert, das sehr, sehr wichtig ist, dann senden Nachrichtenagenturen eine sogenannte „Blitz“-Meldung. Bei der Feierstunde zum 70. der dpa gab‘s eine Auswahl dieser Raritäten.

„19.3.1951 – der erste dpa-‚Blitz‘ überhaupt: Montanvertrag paraphiert. 19.10.1951: Truman unterzeichnet Entschließung zur Kriegsbeendigung mit Deutschland. 4.7.1954: Deutschland Fußball-Weltmeister durch 3:2. Sieg über Ungarn.“

Im Zeitalter der Fernschreiber löste der „Blitz“ in den Redaktionen einen Alarm aus: Journalisten sollten sofort auf die Meldung schauen. Auf dem Festakt mahnt der Bundespräsident: Gerade im digitalen Zeitalter werde dpa nun mehr denn je gebraucht – und: ihre Objektivität.

„Unbehindert natürlich durch Zensur oder staatliche Reglementierung, aber auch mit Blick aufs Heute: Unbehindert mit Blick auf absichtsvolle Manipulation“

, so Frank-Walter Steinmeier. Er erinnert auch an die enorme Verantwortung der dpa, die praktisch alle Nachrichtenredaktionen in Deutschland beliefert – bei Zeitungen, Fernseh- und Radiosendern und Onlineportalen:

„Fakten sind Fakten, wenn sie von dpa gemeldet werden. Und sind sie es einmal nicht, dann werden sie – auch das habe ich erlebt – umgehend korrigiert. Dieses Vertrauen, meine Damen und Herren, das haben Sie sich durch Ihre Arbeit erworben.“

Für dpa arbeiten inzwischen etwa 1.000 Journalisten. Die meisten sitzen verstreut auf Korrespondentenbüros in Deutschland und der Welt. Allein 270 Schreibtische stehen jedoch in einem riesigen „Newsroom“ in Berlin.

Atmo: Newsroom dpa

Auf dieser Fläche – 150 Meter lang – wird die Berichterstattung koordiniert. Tempo ist dabei eine wichtige Größe. Gerade die Vernetzung birgt für die Agenturjournalisten aber auch Risiken: Im Internet kann jeder Fälschungen verbreiten. Dass dabei auch gezielt Nachrichtenagenturen adressiert werden, hat dpa vor zehn Jahren erlebt.

Auszug „Bluewater“-Fake: Nachrichtensprecherin

Über das Netz – flankiert von Anrufen – erreichten dpa Bilder eines vermeintlichen Nachrichtesenders aus den USA. dpa meldete einen Terroranschlag – den es nie gab. Angerufen hatten Schauspieler. Sie haben Internetseiten und Videos gefälscht. Sven Gösmann, seit fünf Jahren der Chefredakteur der dpa:

„Ich war noch nicht bei dpa. Ich habe es nur so erzählt bekommen, dass es der Weckruf war, der vielleicht auch nötig war, weil man natürlich häufig zu sehr vertraut hat.“

Heute beschäftigt Gösmann ein ganzes Verifikationsteam. Es checkt das Material, das die Agentur etwa über soziale Netzwerke erreicht. dpa – früher nur Lieferant von Informationen – ist neuerdings auch mit den Redaktionen in Verlagen und Sendern vernetzt: In einem Chatsystem tauschen sich Redakteure über fragwürdiges Material aus.

Doch die nächste Prüfung steht schon bevor: sogenannte Deepfakes. Fälscher legen Politikern oder Konzernchefs Worte in den Mund. Moderne Technik baut Stimmen und die Gesichtszüge fast perfekt nach.

„Wir müssen uns alle davor fürchten. Wir als Nachrichtenmacher beziehungsweise Nachrichtenübermittler, aber auch die Empfänger solcher vermeintlichen Nachrichten, weil da ist der Manipulation natürlich Tür und Tor geöffnet.“

Zusammen mit Forschern etwa des Fraunhofer Instituts arbeitet dpa an der nötigen Technik, um Deepfakes zu erkennen. Vermutlich braucht der Chefredakteur aufwändige Software und auch weitere Faktenchecker.

„Das alles kostet. Journalismus ist nie umsonst.“

Die Digitalisierung fordert dpa auch wirtschaftlich. Nach dem Krieg wurde die Agentur als Genossenschaft gegründet: Sie gehört fast 200 Rundfunkanstalten und Zeitungen – und damit letztlich den Medien. Peter Kropsch, der Geschäftsführer der dpa, sagt, diese Konstruktion schaffe letztlich Unabhängigkeit: Niemand könne durchregieren.

Das Problem: Die wichtigsten Kunden sind nach wie vor die Zeitungen. Sie zahlen nach Auflage. Die geht jedoch seit Jahren zurück. Das, sagt Kropsch, schlage auch auf dpa durch…

„…, sodass wir in unseren Kernbereichen wie auf einer schiefen Ebene weniger Umsatz machen. Das kommt aus dem Entgeltmodell heraus. Deswegen ist es so wichtig, in anderen Bereichen zu wachsen.“

dpa verdient immer mehr Geld mit Ablegern: Dienstleister, die PR-Meldungen verbreiten. Sie subventionieren zunehmend das eigentliche Geschäft, den Nachrichtenjournalismus. Außerdem kommt aus dem Silicon Valley erstes Geld: Facebook kauft Faktenchecks. So hilft dpa auch der Kampf gegen Desinformation und Deepfakes beim Überleben.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

Faktencheck: Chemnitz-Videos auf dem Prüfstand

für NDR Fernsehen

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>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

— Manuskript des Beitrags —

„Es ist hier markant die Kirche. Es ist aber auch (…) der Schaden im Straßenbelag, der mir später helfen wird, den Ort ganz genau zu bestimmen, auf den Meter genau, von wo gefilmt worden ist. Ich sehe hier ein Werbebanner.“

Die Herausforderung für Journalisten wie Lars Wienand von „T-Online“: Belegen, ob das Video aus Chemnitz echt ist. Hinweise sammeln, Details abgleichen – etwa mit Karten- und Fotodiensten.

„Eine gute Übersichtsaufnahme aus der Luft, wo ich die Schilderbrücke sehe. Wo ich die Kirche sehe. Wo ich Schaden im Straßenraum sehe. (…) Ich kann den Ort sehr genau eingrenzen.“
Also es kommt weder aus Hollywood, noch aus einer anderen Stadt? Das ist tatsächlich da in Chemnitz?
„Das ist dort gefilmt. Oder es ist (…) so hervorragend produziert worden – was ich für ausgeschlossen halte.“

Verfassungsschutz-Präsident Maaßen hatte das zunächst nicht ausgeschlossen. Mit seinen öffentlich platzierten Zweifeln hat er Faktenchecker herausgefordert.
Und so fragen sich viele: „Wurden in Chemnitz Menschen gejagt?“ Und gehen Hinweisen auf den Ort nach. Sie unterziehen das „Video aus Chemnitz [dem] Faktencheck“. Gleichen dafür auch das Wetter aus dem Video mit Archiven ab. Sogar: den Sonnenstand. Ihr Befund: „Herr Maaßen, alles spricht dafür, dass das Jagdszenen-Video echt ist“. Auch, weil ein Werbeplakat im Video eine aktuelle Kampagne der Chemnitzer Theater zeigt. Auch der ARD-„Faktenfinder“ bilanziert: Es gibt „Keine Indizien für [eine] Fälschung“.

„Natürlich wenn der Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz sich äußert, dann wollen wir das natürlich noch mal ganz genau prüfen. Denn wir gehen ja davon aus, dass er dann irgendwelchen, ja, belastbaren Indizien oder Belege hat, dass dem so sei. Wir konnten diese aber einfach nicht finden.”

Ein weiteres Indiz für die Echtheit: andere Videos von denselben Protesten.

„Diese Aufnahme zum Beispiel gibt es aus verschiedenen Perspektiven auch. Hier sieht man das aus einer anderen Perspektive, wie dieser Personenmob da lang läuft. Und so lässt sich tatsächlich die gesamte Demonstrationsroute rekonstruieren.“

Inzwischen können die Journalisten genau sagen, wo der Aufmarsch wann unterwegs war und wo es dabei zu Übergriffen gekommen ist. Dazu kommt noch die klassische Recherche vor Ort. Auch Reporter der „Tagesthemen“ treffen zwei Männer, die sagen: Sie seien die Gejagten in dem schlecht aufgelösten Video.

„Der Mann ist einfach zu uns gekommen und hat gesagt: Habt ihr ein Problem? Geh‘ weg von Deutschland, geh‘ doch raus! Dann hat er uns geschlagen.“

Faktenchecker sind sich also sicher: Das Video ist kein Fake. Es ist echt. Dabei passieren Faktencheckern auch Fehler. Etwa „Watson“, einem jungen Portal. Ausgerechnet ein rechter Demonstrant mit einem RAF-Tattoo – rein montiert, hieß es zunächst bei „Watson“. Dann: detailliert eine „Korrektur“: das „Hitlergruß-Bild mit RAF-Tattoo ist kein Fake“. Man habe sich zu sehr auf eigene, dürftige Bilder verlassen.
In sozialen Netzwerken geht die Chefredakteurin mit der Korrektur maximal in die Offensive: „Bitte helft uns, diese Korrektur zu verbreiten.“ Dafür: auch Lob.

„Die haben diesen Fehler dann transparent gemacht und erklärt, wie dieser Fehler zustande gekommen ist. Und sie haben sich dafür sehr aufrichtig entschuldigt. Und ich glaube, das ist der beste Weg.“

Auf die Arbeit der „Faktenfinder“ schauen in diesen Tagen viele ganz genau. Dabei ist es nicht nur an ihnen, Material in sozialen Netzwerken zu prüfen.

„Weil jeder eben auch selbst zum Sender geworden ist. Da hat jeder auch eine größere Verantwortung, das liegt nicht nur bei uns Medien, sondern das liegt auch bei jedem Einzelnen, die Verbreitung von Falschnachrichten nicht noch zu unterstützen.“

Auf Twitter treffen sie sich: Journalisten und technisch teils noch versiertere Nutzer. In ihrem Verifikations-Quizz üben sie täglich, Schnappschüsse zu analysieren. Heute stellt Lars Wienand die Aufgabe: Gesucht wird der Heimatort — dieses Schweins.

„Auch das ist Training für den Ernstfall. Das ist jetzt wirklich eine eher launige Aufgabe. Ein Schwein. Es ist aber auch eine eher harmlose Aufgabe. Das gleiche mit einem Menschen zu machen, kann ich bei einem Quizz nicht einfach so tun. Also das schult für andere Situationen.“

Es geht darum, fit zu sein, wenn es wieder mal ernst wird und die Faktenchecker herausgefordert werden. Vom Verfassungsschutz oder wem auch immer.

Julia Jäkel kritisiert Facebook

Auf dem European Newspaper Congress 2017 #ENC17 in Wien hat Julia Jäkel, CEO des Verlages Gruner + Jahr, Facebook kritisiert: Das soziale Netzwerk brauche einen “Verantwortungsbooster” und Ansprechpartner jenseits von Sales-Personal, etwa für Medienhäuser, die sinnvolle Kooperationen ausloten wollten. Wörtliches Transkript:

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Fakten, Fakten, Fakten

Politik und Medien sind vor der Bundestagswahl im Anti-Fake-News-Rausch

für taz

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“Fake News”-Checker in Deutschland

für NDR Fernsehen

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Manuskript des Beitrags
Teil 1: Überblick

Sie wollen es für Facebook richten: Die Journalisten des Recherchebüros Correctiv: „Jäger der Falschmeldungen“. Im Januar gefeiert auch als die „Fake-News-Fahnder“.
David Schraven, Herausgeber “Correctiv”:
„Wir wollen, dass Menschen aufgeklärte Informationen haben, auf deren Basis sie auf tatsächlichen Informationen, auf deren Basis sie informierte Entscheidungen treffen können über die Zukunft unseres Landes.“
Die Umsetzung aber zieht sich: Correctiv sucht nun erst „zum schnellstmöglichen Termin Fact Checker“ und fragt: „Du möchtest im Internet nach falschen Behauptungen suchen und diese richtigstellen?“ Facebook wiederum: Schraubt noch immer an der Technik. Will aber bald auch in Deutschland, dass Nutzer einen verdächtigen „Beitrag als Falschmeldung markieren“ und der Konzern beim Teilen dann hinweisen: „von Faktenprüfern außerhalb von Facebook angezweifelt“.
Aber die Suche nach weiteren Partnern: kompliziert. „Facebook, Fake News und die Medien – Aufklärer verzweifelt gesucht“.
Stattdessen bauen Medien ohne Facebook Anti-Fake-News-Einheiten auf – auch ARD und ZDF. Öffentlich-rechtliche Sender im Kampf um die Deutungshoheit? Umstritten.
Kai Gniffke, Chefredakteur “ARD-aktuell”:
„Die ‚Tagesschau’ ist kein Wahrheitsministerium. Die ‚Tagesschau’ ist ein Dienstleister in Sachen Information. Und die ‚Tagesschau’ – glaube ich – ist auch die Quelle, bei der die Menschen nachgucken, wenn sie ein Gerücht oder eine Meldung hören, bei der sie sich nicht sicher sind, ob das stimmt.“
Peter Frey, Chefredakteur ZDF:
„Es hat auch etwas damit zu tun, dass ich davon ausgehe, dass die Bundestagswahl gezielt zum Anlass genommen wird, Deutschland mit ‚Fake News’ anzugreifen. Und darauf müssen wir eine Antwort geben.“

Teil 2: Besuch beim BR

Arbeitsgruppentreffen. Thema: Fake im Netz.
„Ich glaube, wir haben die Tools, um Fake-Videos zu finden. Wir finden sie halt in dem Moment, in dem sie gerade anfangen, von größeren Mengen von Leuten wahrgenommen zu werden.“
„Wir kriegen von diesen Videos halt nur etwas mit, wenn es in einen Artikel eingebunden ist, weil wir uns nur gerade auf die Artikel ein bisschen spezialisiert haben.“
Das Netz durchwühlen, aktuelle Aufreger suchen – vier Wochen gibt der Bayerische Rundfunk dieser Arbeitsgruppe, um den richtigen Umgang mit „Fake News“ zu finden. Die Einheit: „BR Verifikation“. Ziel: Vernetzung – mit Sendern, Redaktionen und Reportern. Gemeinsam: verifizieren.
„Ist aber tatsächlich noch so ein bisschen dürftig, was da aus den Redaktionen kommt.“
„Die sind noch nicht gewöhnt, dass es uns gibt. (Lachen)“

Deshalb fahnden sie selbst nach Fake-News – und werden immer wieder fündig, auch jenseits des Politischen.
„RT-Deutsch darüber ein Heilmittel gegen alle Krebsarten. Also die ganze Meldung macht einen eigentlich schon mal skeptisch.“
„Wenn was dran ist, dann machen wir es auch.“
„Dann machen wir es ganz groß – aber ich halte es für ausgesprochen unwahrscheinlich.“

Spezielle Datenbanken verraten den Journalisten, was gerade wie oft geteilt wird. Nur: Was in geschlossenen Gruppen oder auch auf WhatsApp passiert bleibt unsichtbar.
Stefan Primbs (“BR Verifikation”):
„Also wir sehen im Grunde nur die Spitze des Eisbergs. Wir hoffen aber ein bisschen, dass uns die Spitze des Eisbergs doch etwas über den Eisberg an sich verrät.“
Auch Sprachen sind eine Barriere. Für das Vorstoßen in die Filterblasen etwa von Türken in Deutschland brauchen Anti-Fake-News-Teams auch passende Mitarbeiter.
Stefan Primbs (“BR Verifikation”):
„Hier haben wir noch einen blinden Fleck. Das ist die türkischsprachige, die russischsprachige, auch die arabischsprachige Community in Deutschland.“
Trotz aller Probleme: In der Redaktion wird schon umgesetzt, Berichte über Falschmeldungen ans Publikum gebracht. Die klassische journalistische Form aber: ein Auslaufmodell.
Gudrun Riedl (Redaktionsleitung BR24):
„Wenn wir ein Thema posten, ist eben nicht gesagt, dass dieses Thema diskutiert wird, sondern das Thema nimmt eben in der Diskussion auf Facebook eine völlig andere Richtung. Und wenn wir diese Themensetzung unserer User – die uns ja liken – ernst nehmen, dann müssen wir das Thema eben in einer völlig anderen Facette diskutieren, auch recherchieren. Das nehmen wir wichtig. Und das halte ich auch für eine notwendige Weiterentwicklung des Journalismus.“
Beispiel: die Wahl die Wahl des Bundespräsidenten. Halbwissen bei den Nutzern: Gauck, der bisherige, wohne „in einem Schloss mit ca. 1.000 Zimmern“.
Die Journalistin schmeißt ihren „Fact Fox“ an – eine Datenbank für widerlegte Gerüchte. Automatisch wird die neue Behauptung mit früheren abgeglichen. Die journalistische Antwort – kopiert und eingefügt mit wenigen Klicks: „Ganz so ist es nicht“. Gauck wohnt nur in einer Villa.
Gudrun Riedl (Redaktionsleitung BR24):
„Das kennt jeder auch aus seinem eigenen Kreis, Freunde, Bekannte, Familie –, dass oft sich Vorurteile lange halten und auch immer wieder diskutiert werden zu bestimmten Zusammenhängen. Und Social Media bewegt sich eben auch in so einem Rahmen. Das hat auch zu tun mit Journalismus: Wir haben uns Jahrzehnte nicht erklärt, warum sehen wir ein bestimmtes Thema unter diesen Gesichtspunkten, auch von der Faktenanordnung her. Wir müssen es einfach besser erklären…“
„…transparent machen.“
„Transparent machen. Erklären, wie wir zu einer Einschätzung kommen, diese Einschätzung aber auch diskutieren mit den Argumenten, die uns entgegengestellt werden.“

„Tools und Technik“ gegen „Fake News“ – noch entwickeln die Journalisten das in ihrem Labor. Und fragen sich dabei: Ob Gerüchte tatsächlich Wahlen entscheiden können? Hier glauben sie nicht daran. Aber:
Stefan Primbs (“BR Verifikation”):
„Es kann natürlich durchaus sein, dass gewisse Stimmungselemente durch eine Reihe von, insbesondere von propagandistisch gefärbten News verändert werden. Und diese Stimmungselemente können wir wahrnehmen. Darauf müssen wir als Medien reagieren und müssen den Leuten helfen, die Sachen einzuordnen.“

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“ZAPP”)