Wohin mit der ARD?

Der Senderverbund ist historisch gewachsen: Viel TV, noch mehr Radio, nun immer mehr im Netz. Politik und Kritiker fragen sich derweil: Wie viel ARD soll künftig noch sein?

für NDR Fernsehen

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>> Beitrag in der ARD-Mediathek (Quelle: NDR-“ZAPP”)

Eine Gemeinschaft ringt um ihre Zukunft

Im Juni 1950 wurde die ARD beschlossen – der Aufbau eines bundesweiten Fernsehprogramms. Was die ARD künftig sein soll und wie teuer sie sein darf, ist heute Gegenstand politischer Diskussionen. Unser “Hintergrund” im DLF.

für Deutschlandfunk

— Beitrag gemeinsam mit Marcus Heumann —

— Manuskript des Beitrags —
„This is Radio Hamburg – a station of the allied military government. Hier spricht Hamburg – ein Sender der alliierten Militärregierung.“

Hamburg, 4. Mai 1945 – das sind Geburtsort und Geburtstag des deutschen Nachkriegsrundfunks.

„Radio Hamburg, ein Sender der britischen Militärregierung – das interessierte mich“, erzählt Axel Eggebrecht. „Und am 16. Juni 45, für mich ein unvergesslicher Tag, betrat ich das Funkhaus in der Rothenbaumchaussee.“ Der Schriftsteller und Journalist Axel Eggebrecht, der sich im NS-Regime als Systemgegner mit harmlosen Filmdrehbüchern durchgeschlagen hatte, wird zu einem der ersten deutschen Mitarbeiter bei Radio Hamburg, das ab September 1945 als „Nordwestdeutscher Rundfunk“, kurz NWDR, die gesamte britische Zone und Berlin versorgt.

Obwohl er beim Vorstellungsgespräch einiges Misstrauen überwinden muss: „Auf allen Gängen standen Tommies mit aufgepflanztem Bajonett, und schließlich kam ich zu einem Captain Everitt, der so etwas wie ein Programmleiter war. ‚Wann haben Sie zum letzten Mal eine Sendung gemacht?‘ fragte er mich. Ich sagte: ‚Am 6. Februar 1933, seitdem hatte ich leider keine Möglichkeit mehr.‘ Er musterte mich mit unverhohlener Ironie: ‚Aha, wieder ein Anti-Nazi – wie jetzt alle Deutschen. Da haben wir uns wohl etwas geirrt.‘“

Ab Oktober 1946 unter der Leitung von Hugh Carleton Greene, dem vormaligen Chef des Deutschen Dienstes der BBC, wird der NWDR, der sich erst zehn Jahre später in NDR und WDR aufspaltet, zur Keimzelle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland. Greene im Juni 1947: „Für die SPD und KPD ist der NWDR antimarxistisch, und für die CDU ist er marxistisch. Es scheint mir, dass dem NWDR in aller Bescheidenheit erlaubt werden könnte, zu dem Schluss zu kommen, dass er in seinen Bemühungen, unparteiisch und überparteilich zu sein, nicht nur Misserfolge aufzuweisen hat.“

„Greene hat sozusagen die Grundfundamente eines unabhängigen Journalismus den Deutschen beigebracht und immer wieder betont, wie wichtig es sei, dass Leute festangestellt seien und deshalb nicht abhängig, auch kritisch gegenüber dem Staat zu sein; was man den Deutschen ja auch lange beibringen musste“, sagt Bernd Gäbler, Medienwissenschaftler, Journalist und früherer Leiter des Grimme-Instituts.

1948 und 1949 werden – parallel zur Entstehung des Grundgesetzes, das Presse- und Rundfunkfreiheit garantiert – in den Westzonen die deutschsprachigen Sender aus alliierter Kontrolle entlassen. Nach dem Muster des NWDR entstehen Anstalten des Öffentlichen Rechts: zunächst der Bayerische Rundfunk in München, der Süddeutsche Rundfunk in Stuttgart, der Südwestfunk in Baden-Baden, Radio Bremen und der Hessische Rundfunk in Frankfurt am Main. Dabei verteidigen die West-Alliierten eisern ihr Konzept des Rundfunks als gesamtgesellschaftliches Eigentum gegen alle Einmischungsversuche aus der Politik.

Im Juni 1950 schließlich, vor 70 Jahren, versammeln sich die sechs Sender unter dem Dach einer „Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands“: Die ARD, zu Beginn nur mit Hörfunksendern, finanziert durch Gebühren der Bürger, ist geboren.

„Hier spricht Deutschland! Aus Baden-Baden hörten Sie eine Gemeinschaftssendung zu den Wahlen in der Sowjetzone“: Das erste Projekt der ARD richtet sich an Hörer in der DDR: Für sie produziert der Senderverbund erstmals zu den Volkskammerwahlen im Oktober 1950 Gemeinschaftssendungen, die von allen ARD-Anstalten ausgestrahlt und neben den Sendungen des US-kontrollierten RIAS Berlin zu einer wichtigen Informationsquelle für die Menschen „drüben“ werden.

Schon wenige Monate nach ihrer Entstehung gründet die ARD ein gemeinsames historisches Schallarchiv, das heutige Deutsche Rundfunkarchiv. Eine Kommission soll ein gemeinsames bundesweites Fernsehprogramm aufbauen – mit Zulieferungen von allen regionalen Sendern.

Der regelmäßige Fernsehdienst startet, betreut vom NWDR in Hamburg, am 1. Weihnachtstag 1952, zunächst nur in Norddeutschland. Noch sind es nur ein paar hundert Zuschauer, die schon am Tag darauf auf der Mattscheibe die Geburt jener Sendung verfolgen können, die bis heute zum Markenkern der ARD gehört: die Tagesschau.

Schon in ihrer Titelmusik kann die Tagesschau der frühen Jahre nicht die Nähe zur Kino-Wochenschau verleugnen; einen Nachrichtensprecher gibt es auf dem Bildschirm erst ab 1960.

Die Beliebtheit des Fernsehens wird beflügelt durch erste Liveübertragungen wie die der Krönung Queen Elizabeths im Juni 1953 oder des deutschen Triumphes bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954. Doch erst im November 1954 startet das bundesweite „Deutsche Fernsehen“ unter dem Signet der ARD, nachdem alle zuliefernden Anstalten technisch miteinander vernetzt sind.

Viele Sendereihen und Bildschirm-Stars werden ab Mitte der 50er Jahre zu regelrechten Ikonen des ARD-Programms, vom „Internationalen Frühschoppen“ über das „Wort zum Sonntag“ bis zur „Augsburger Puppenkiste“, von Peter von Zahn über Robert Lembke bis zu Hans-Joachim Kulenkampff und Peter Frankenfeld.

Und auch die Tagesschau entwickelt sich schnell weiter. Statt einem bunten Themenkaleidoskop in Wochenschau-Manier dominiert nun die aktuell-politische Berichterstattung. Daran hat sich bis heute ebenso wenig geändert wie an der 1956 erneuerten Erkennungsmelodie – aus der „Hammond-Fantasie“ von Hans Carste.

„Wir haben als erster 1957 eine Strichliste führen müssen über die politischen Parteien, wer dran war: SPD, CDU und so weiter“, erzählte der erste Tagesschau-Chefredakteur Martin S. Svoboda 1990 im Gespräch mit früheren Mitarbeitern wie dem NDR-Redakteur Jürgen Schröder Jahn: „Ich kann mich erinnern, dass der Svoboda der undiplomatischste Chef war, den ich je hatte. Das ging doch bis zu strengen Verweisen an einflussreiche Politiker, nicht bei der Mittagskonferenz anzurufen. Ich erinnere mich, dass der damalige Bundesinnenminister Schröder die Unverschämtheit besaß, uns zu stören während unserer Mittagskonferenz, und er dann gesagt hat: ‚Jetzt haben wir keine Zeit, Herr Schröder, rufen Sie später wieder an!‘“

Die Einmischungsversuche der Politik in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gipfeln Ende der 50er Jahre im Versuch Konrad Adenauers, ein zweites, privat finanziertes, aber unter Regierungskontrolle stehendes Fernsehprogramm aufzubauen. Mehrere SPD-regierte Bundesländer antworten mit der Anrufung des Bundesverfassungsgerichts. Und das spricht in seinem sogenannten „1. Fernsehurteil“ 1961 wegweisende Worte.

Bernd Gäbler: „‚Die Staatsferne der elektronischen Medien ist ein hohes Gut‘, und ab diesem Fernsehurteil 1961 gibt es in unserer Gesellschaft einen Pfeiler, auf dem das ganze öffentlich-rechtliche System ruht und sich immer wieder darauf berufen kann.“

Damit sind des Kanzlers Träume eines Regierungsfernsehens dahin. Aus der Konkursmasse des havarierten Adenauer-Fernsehens entsteht 1963 das ZDF – als eine von den Bundesländern gemeinsam getragene öffentlich-rechtliche Anstalt.

Durch die Popularität des Fernsehens wird der ARD-Hörfunk in den frühen Sechzigern in die Defensive gedrängt. „Diversifizierung“ heißt die Antwort, das Radioprogramm wird für verschiedene Zielgruppen zurechtgeschnitzt. Es entstehen Spezialsendungen und später eigene Rundfunkwellen; von fremdsprachigen Programmen für die sogenannten Gastarbeiter bis zu Pop-, Klassik-, Kultur- und Servicewellen. Und schon 1962 – als einziger überregionaler Sender – der Deutschlandfunk, damals vor allem als Informationssender für Hörer in der DDR konzipiert. Sein Pendant für das Ausland ist die im selben Jahr geschaffene „Deutsche Welle“.

Ab Mitte der 80-er Jahre müssen sich die Öffentlich-Rechtlichen dann doch noch privater Konkurrenz erwehren, als mit RTL und SAT1 die ersten kommerziellen TV-Sender auf der Mattscheibe auftauchen. Doch auch dem neuen, sogenannten „dualen System“ setzt das Bundesverfassungsgericht Grenzen – gleich durch mehrere Rundfunkurteile.

Medienforscher Gäbler: „Das eine, das Öffentlich-Rechtliche ist die Basis, dann darf es auch das andere geben. Aber nie andersherum.“

Die deutsche Einheit wird auch für die ARD zu einem Kraftakt: Der DDR-Rundfunk wird integriert – journalistische Kontrahenten von einst sitzen nun mitunter Schreibtisch an Schreibtisch in der gleichen Redaktion.

Heute, 70 Jahre nach ihrer Gründung, zählt die ARD – nach diversen Umstrukturierungen und Fusionen – neun öffentlich-rechtliche Anstalten. Die betreiben jeweils ein Drittes Programm, gemeinschaftlich das Erste, tagesschau24 und den Film- und Dokumentationskanal One. Dazu kommen etwa 60 Radiosender und moderierte Livestreams im Netz sowie gemeinsame Programme mit dem ZDF und Sendern im Ausland: der KiKa, Phoenix, 3sat und Arte. Die ARD ist groß.

Aber was soll sie künftig eigentlich sein und was darf das kosten? Darüber wird aktuell besonders intensiv diskutiert: Nach elf Jahren soll der Rundfunkbeitrag ab Januar 2021 steigen, um 86 Cent auf 18,36 Euro pro Haushalt im Monat. So hat es die Finanzkommission KEF, die die Beitragshöhe regelmäßig überprüft, im Frühjahr vorgeschlagen.

Ob es dazu kommt, hängt von den Landesparlamenten ab, die der Erhöhung in den kommenden Monaten alle zustimmen müssen. Davor müssen – voraussichtlich bei ihrem nächsten Treffen Mitte Juni – auch noch alle Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten zustimmen.

Tom Buhrow – früher Moderator der „Tagesthemen“, heute Intendant des WDR – und aktuell ARD-Vorsitzender: „Wir sind immer in einem gesellschaftlichen Spannungsfeld tätig, das ist ganz klar. Das war über die sieben Jahrzehnte so, die es uns gibt. Eine Signalwirkung – nicht von der Politik, sondern von der Gesellschaft insgesamt ist, dass sie sehen will, dass wir uns der Zukunft zuwenden, dass wir Angebote machen, die ihnen nutzen und dass wir im digitalen Raum mehr machen.“

Mit funk betreibt die ARD – auch hier gemeinsam mit dem ZDF – inzwischen ein „Content-Netzwerk“. funk hat keinen eigenen Sender, sondern veröffentlicht seine etwa 70 Formate vor allem in sozialen Netzwerken, auf Youtube oder Instagram – dort, wo das Publikum der Zukunft ist.

Die ARD, sagt Tom Buhrow, stecke aber in einem Dilemma: „Eigentlich muss man ja in solchen Zeiten des Wandels in die neue Technik, in die neue Verbreitungsform mehr investieren, um da attraktiv zu sein fürs Publikum und für die Nutzerinnen und Nutzer. Man kann das alte aber auch nicht lassen, denn das sind die treusten unserer treuen Zuschauerinnen und Zuschauer und Hörerinnen und Hörer.“

Dazu kommt die heikle politische Stimmungslage. Mit der AfD sitzt in allen Landesparlamenten eine Partei, die oft von „Staatsfunk“ spricht und den Rundfunkbeitrag abschaffen will. Dabei sorgt gerade der für Staatsferne: Das Geld für die Sender kommt – abgesehen von der Deutschen Welle – nicht aus dem Staatshaushalt und kann deshalb auch nicht mal eben gekürzt werden, wenn einer Regierung das Programm nicht passt.

Die FDP, die an drei Landesregierungen beteiligt ist, steht wie die übrigen Parteien grundsätzlich zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie will ihn aber spürbar kürzen: Unterhaltung und Sport könnten doch auch private Sender.

Auch Teile der Union wünschen sich eine andere ARD, so wie Rainer Robra, der Chef der Staatskanzlei in Sachsen-Anhalt: „62 Jahre der 70 Jahre der ARD habe ich bewusst miterlebt. Wir haben 1958 den ersten Fernsehapparat bekommen. Also insofern kenne ich das noch als den Funk der deutschen Länder.“

Die ARD solle sich wieder stärker abgrenzen von den nationalen Angeboten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, vor allem vom ZDF. Ein Rückbesinnen auf die Wurzeln, bei denen auch im Ersten bewusst aus den Regionen geschaltet worden sei, um die politische und gesellschaftliche Realität der Bundesrepublik abzubilden.

„Nicht Berlin als Paris, alles kommt von dort aus, oder als London oder als Madrid. Keine zentralstaatliche Verfassung, sondern ein Leben von unten aus den Regionen bis in die höchste politische Ebene. Und da noch mehr in der ARD übereinander und voneinander zu erfahren und miteinander zu besprechen, das halte ich für die eigentliche große Zukunftschance der ARD.“

Die ARD hat auf diese Forderungen reagiert. Seit Ende Mai haben die „Tagesthemen“ mehr Sendezeit – zunächst freitags, später auch an anderen Tagen. Moderatorin Caren Miosga sagte zum Start der Veränderung: „Wie sieht der Alltag der Menschen in Deutschland aus? Welche Geschichten haben sie zu erzählen? Ab heute wollen wir uns regelmäßig Zeit nehmen, noch genauer hinzuschauen und reisen quer durch die Republik in unserer neuen Rubrik ‚Tagesthemen mittendrin‘.“

Kritiker wie CDU-Politiker Rainer Robra begrüßen diesen Schritt. Allein: „Das reicht mir zugegebenermaßen noch nicht. Aber ich finde es ein sehr wichtiges Signal auch gegenüber der Diskussionen, die eben auch stark dadurch getrieben wird, gerade auch aus Ostdeutschland, dass man den Eindruck hat, noch nicht wirklich voll von der ARD akzeptiert zu sein und noch nicht voll in der Gemeinschaft der Länder im Rundfunk angekommen zu sein.“

Will heißen: Die ARD sollte den Mitteldeutschen Rundfunk nicht nur formal zu ihren Mitgliedern zählen, sondern dieses Sendegebiet auch ganz selbstverständlich bundesweit abbilden. Manch ein Unionspolitiker in den Landesparlamenten mahnt zudem, die ARD, die zuletzt aus dem Rundfunkbeitrag 5,6 Milliarden Euro bekam, müsse sich „gesundschrumpfen“ – zumal in Zeiten der Coronakrise, unter der viele Bürgerinnen und Bürger litten.

Tatsächlich sind im öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem längst Sparmaßnahmen angelaufen. Neben der ARD betonen auch Deutschlandradio und das ZDF, Kooperationen hinter den Kulissen – bei Technik und Verwaltung – seien von großer Bedeutung. Deutschlandradio ist darüber hinaus vertraglich verpflichtet, eng mit ARD und ZDF zusammenzuarbeiten. Viele bauen seit Jahren Stellen ab und streichen Angebote – auch, weil sie davon ausgehen, dass die geplante Erhöhung des Rundfunkbeitrags nicht reichen wird, um in den nächsten vier Jahren, solange dauert die nächste Beitragsperiode, die laufenden Kosten zu decken.

Wie eins ist die ARD noch in ihrem 70. Jahr? WDR-Intendant und ARD-Vorsitzender Tom Buhrow will so viel Gemeinschaftssinn erhalten, wie möglich. Leicht werde das aber nicht. „Das muss eine Balance sein zwischen dem, was man in der eigenen Landesrundfunkanstalt an Sparmaßnahmen und an Kürzungen macht und dem, was in der Gemeinschaft an Kürzungen vorgenommen werden muss. Das ist ein schwieriger Prozess. ”

Über den in den kommenden Monaten auch in den 16 Landesparlamenten intensiv diskutiert werden wird, wenn es um die geplante Beitragserhöhung und damit verbundene Sparmaßnahmen geht. Bisher ist auch noch nicht klar, ob alle Parlamente zustimmen. Als Wackelkandidat gilt vor allem Sachsen-Anhalt, aber zum Beispiel auch Sachsen.

Die Zukunft der ARD – wie auch von Deutschlandradio und dem ZDF – sieht Bernd Gäbler trotz dieser Debatten nicht grundlegend gefährdet. Der Medienwissenschaftler warnt aber auch davor, dass die Intendantinnen und Intendanten in dieser entscheidenden Zeit allzu selbstbewusst auftreten:

„Es gibt eine Gefahr, die ich sehe. Die liegt darin, dass die Sender-Verantwortlichen ihren Auftrag überhöhen. Wenn ein Intendant sagt ‚Die Gebühr ist eine Demokratieabgabe‘ oder ‚Wir sind der Kitt für die Gesellschaft’ – das ist eine Anmaßung! Wenn man diesen Anspruch hat, dann führt das immer zu einem Überhang der Didaktik gegenüber dem Handwerk, immer dazu, dass ich als Medien die Leute zu einem Zusammenhalt erziehen will, obwohl die Gesellschaft sich innerlich pluralisiert. Man muss aufpassen, dass man Arenen der Meinungsbildung organisiert, aber nicht sich begreift als Erzieher des Volkes.“

>> Download MP3 (Quelle: DLF-“Hintergrund”)

Alles in eigener Sache

Ein streitbares Editorial und eine verschwiegene IM-Tätigkeit: Der neue Verleger der “Berliner Zeitung” bringt die Redaktion in Erklärungsnot. Für ZEIT ONLINE bin ich der Frage nachgegangen: Was will Holger Friedrich?

für ZEIT ONLINE

Ihre zweite Seite widmen die Journalisten der Berliner Zeitung traditionell dem “Tagesthema”. An diesem Montag ist das ein eher ungewöhnliches: die Berliner Zeitung selbst. Online haben die Journalisten sogar die Rubrik “In eigener Sache” angelegt. Die füllt sich vor allem mit Texten zur Spitzelvergangenheit des Neueigentümers Holger Friedrich.

Rechercheure der Welt am Sonntag hatten den IT-Unternehmer, der zusammen mit seiner Frau Silke Friedrich im September überraschend als Käufer der Berliner Zeitung auftrat, mit seiner eigenen Stasiakte konfrontiert. Friedrich gab in einem am Freitag veröffentlichten Text zu, als Soldat Berichte über Kameraden geschrieben zu haben, sprach allerdings auch von einer “Notsituation”: Das DDR-Regime habe ihn erpresst. Die Alternative sei der Knast gewesen. Er habe sich zudem bei der ersten sich ihm bietenden Gelegenheit “der Zwangssituation durch aktive ‘Dekonspiration’ entzogen” und fortan “die Kooperation mit dem MfS verweigert”. Dennoch ist die Empörung nun groß. Der Bild-Chefredakteur Julian Reichelt nutzte diese Vorlage gar, um auf Twitter den gesamten Titel zu diskreditieren: “Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist die Berliner Zeitung wieder in Stasihand.”

Die Redaktion erklärte am Sonntag, sie wolle “diesen Fall journalistisch aufbereiten (…), Fakten sammeln, die Akten – die Opfer- und die Täterakte – einsehen (…), sich ein Bild machen und auch Experten bitten, sich ein Bild zu machen, (…) versuchen, mit Menschen zu reden, die in den Akten auftauchen”. Die Redaktion muss ihre journalistische Energie jetzt also nicht zuletzt ihrem eigenen Besitzer widmen – 30 Jahre nach dem Mauerfall und in einer Zeit, in der sie nach langjähriger Ausdünnung ohnehin kaum weiß, wo sie Ressourcen für Langzeitrecherchen hernehmen soll.

Ihr Neueigentümer hat den Redakteurinnen und Redakteuren aber noch weiteren Ärger gebracht. Die Zeitung hatte am 8. November auf ihrer Titelseite über eine “Ostdeutsche Erfolgsstory in der Medizin” berichtet: Die Firma Centogene aus Rostock ging in den USA an die Börse. So weit, so berichtenswert – auch andere Medien wie die ARD taten das. Es fehlte jedoch eine Information, die der Spiegel spitzbekam und am Freitag veröffentlichte: Friedrich, der einst mit dem Verkauf eines IT-Unternehmens nach eigenem Bekunden zu “viel zu viel Geld” kam, sitzt im Aufsichtsrat der Firma, die seine Redaktion bejubelte.

Ja, der Hinweis auf Centogene sei von Friedrich gekommen, erklärt die Redaktion nun im hauseigenen “Tagesthema” und betont: “Weder der Chefredaktion noch den beiden Wissenschaftsredakteuren war zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass Holger Friedrich an dem Unternehmen beteiligt ist.” Man werde die Berichterstattung fortan “ausnahmslos darauf prüfen, ob geschäftliche Interessen des Unternehmerehepaares Friedrich oder unseres Hauses davon berührt sind – und dies öffentlich machen”.

“Wir sind wie ein schönes Stahlboot”

Und dann ist da noch die “Berliner Botschaft” der Friedrichs, wie ihr Editorial in der gedruckten Ausgabe vom 8. November betitelt war. Darin hatten sie einerseits nach Tempo und Fortschritt gerufen und sich etwa gefragt, ob Wahlen nicht öfter und via Smartphone machbar wären. Andererseits erklärten sie aber auch, sie wollten “einen Beitrag” leisten zur “außerparlamentarischen Opposition in neuem Format, auch im Sinne bürgerlicher Selbstermächtigung”. Für Irritationen sorgten weiter ihre Äußerungen zum Thema Russland (“Warum etwa haben wir 2001 die ausgestreckte Hand von Herrn Putin nicht ergriffen?”) und ihre Huldigung des letzten Generalsekretärs des SED-Zentralkomitees, Egon Krenz (“Wir sind ihm dankbar und möchten fragen, ob es in gleichem Maße groß war, ihn neben anderen zu viereinhalb Jahren Haft zu verurteilen”).

Seit Erscheinen dieses Editorials rätseln viele, was die Mission der Neuverleger ist. “Bürgerliche Selbstermächtigung: Ist das etwa nicht der Sound von Pegida?”, fragt etwa der frühere Chefredakteur der Berliner Zeitung Uwe Vorkötter in seiner Horizont-Analyse. Der SPD-Nachwuchsstar Kevin Kühnert twitterte wiederum mit einem Link zum Editorial, es habe “zuletzt wehgetan, die Entwicklung der Zeitung zu verfolgen”, die er gelesen habe wie keine andere. “Diese narzisstische Horrorshow hat sie nicht verdient.” Redakteure bettelten mithin: “Bitte, bitte, uns nicht abschreiben. Wir sind noch da!”

In einem ausführlichen Interview mit dem rbb-Sender radioeins, das der Autor dieses Textes mitgeführt hat, sagte Silke Friedrich kurz nach Bekanntwerden des Eigentümerwechsels, die beiden seien auf Langfristigkeit aus: “Wir machen keinen Sprint, sondern wir sind wie ein schönes Stahlboot, ein schöner Verdränger, der aus dem Wasser gleitet.” Ihr Mann Holger ergänzte, sie seien “interessiert, eine Institution für Berlin so aufzustellen, dass sie auch im 21. Jahrhundert ihre Bedeutung hat”. Allein: Wie passen die jüngsten Eskapaden zur Zukunftssicherung?

Ist die Zeitung nur ein Liebhaberobjekt, das im Zweifel weg kann?

Im besten Fall zeigt sich hier, welche Folgen ein reichlich unbedarfter Umgang mit Medien haben kann. Das neue Verlegerpaar wurde in Interviews zu ihrem Leben und auch zu ihrem Verhältnis zur DDR gefragt. Holger Friedrich hatte die Chance, das vielleicht düsterste Kapitel seines Lebens kontrolliert öffentlich zu machen. Er zog es allerdings vor, zu schweigen. Die Folge ist ein PR-Gau – für ihn, vor allem aber auch für seine Zeitung, für die er die Verantwortung trägt. Genauso können die Redaktion der Berliner Zeitung und ihr Publikum nur hoffen, dass es Holger Friedrich schlicht nicht in den Sinn kam, seiner Chefredaktion mit dem Tipp auf die ostdeutsche Erfolgsfirma auch einen Beipackzettel zu reichen, auf der er seine Verbandelung offenlegt.

Die Friedrichs sind nun mal Quereinsteiger, keine Verleger des alten Schlags. Für die Zeitung hat das auch Vorteile: Ihre neuen Eigentümer bauen rasant um. Sie wollen den Berliner Verlag aufpäppeln und mit ihm auch Publikum aus aller Welt erreichen. Die Berliner Zeitung veröffentlicht seit diesem Monat auf Englisch und Russisch. Türkisch und Arabisch sollen folgen.

Holger Friedrich spendierte der Zeitung wiederum als Erstes eine neue, flotte Webseite. Dafür brachte er seine eigenen Experten mit: Friedrich – einst Partner bei McKinsey – betreibt mit Core ein Beratungsunternehmen, das weltweit aktiv ist, vor allem in der Finanzbranche. Beim Berliner Verlag hat er für die Entwicklungen Google mit ins Boot geholt. Das alles dauerte keine zwei Monate, ein irres Tempo. Technologie-Fetischist Friedrich erhöht in der Branche den Druck und zeigt anderen, wie träge sie mitunter sind. Auch daher dürfte das Unbehagen etablierter Verlagsmanager rühren. Aus ersten Verlagshäusern dringt bereits die Anekdote, IT-Chefs müssten sich erklären: Warum geht das bei den Friedrichs so schnell?

Rückendeckung kommt aus den eigenen Reihen. Frederik Bombosch, Vorsitzender des Betriebsrates, sprach im rbb zwar einerseits von einer “Achterbahnfahrt” mit den neuen Eigentümern, aber auch von ihnen als “zwei erfrischende Persönlichkeiten, die unserem Verlag auch ganz viel geben und bringen”. Zur Lobhudelei über Egon Krenz hatte Bombosch selbst ein Gegenstück veröffentlicht. Das sei problemlos möglich gewesen, da offiziell Konzept: “Die Friedrichs haben ja selbst formuliert, dass sie sich eine Debatte wünschen über das, was unsere Gesellschaft bewegt.”

Die Frage aber bleibt, worum es den neuen Eigentümern wirklich geht. Der NZZ sagte Holger Friedrich, ihre “zentrale Plattform” werde berlin.de, ein Portal, das der Verlag betreibt, an dem aber auch die Hauptstadt beteiligt ist und Bürgern dort ihre Dienstleistungen anbietet. “berlin.de ist wie ein Gebäude aus den Neunzigerjahren, das nie saniert wurde. Das wird die nächste Baustelle, diese gehen wir zusammen mit der Stadt an.” Ist die Zeitung nur ein Liebhaberobjekt, das im Zweifel weg kann? War die Hauptstadt-Seite der eigentliche Grund für den Kauf? Welche Rolle wird starker, unabhängiger Journalismus in dieser Gemengelage spielen?

Die Friedrichs werden weiter viel erklären müssen. Wenn ihnen tatsächlich an der Zukunft nicht nur des Verlages und irgendeines Internetportals gelegen ist, sondern auch an der Berliner Zeitung, müssen sie Vertrauen zurückgewinnen. Eine Lösung könnte etwa ein Transparenz-Portal sein: die eigene Vergangenheit und die heutigen Verflechtungen für alle offen einsehbar – eine vertrauensbildende Maßnahme.

Die Redaktion der Berliner Zeitung arbeitet jedenfalls daran, ihren eigenen Teil zum Projekt “Glaubwürdigkeit” beizutragen. “Wir sind eine Redaktion mit einer langen und schmerzhaften Geschichte in der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit”, schreibt die Chefredaktion der Zeitung, die bis zur Wende publizistisches Organ der SED war und sich Anfang der Neunzigerjahre konsequent von einstigen Stasi-Spitzeln trennte. “Wir haben dabei gelernt, dass diese nur mit Transparenz, Wahrhaftigkeit und Mut gelingen kann. Dies gilt auch für die jetzige Situation.”

>> zur Originalveröffentlichung auf zeit.de


Vorschaubild: “349” by mariettapluesch01 is licensed under CC BY-NC 2.0

Die Erinnerung bekommt Lücken

An Ton- und Videoaufnahmen nagt der Zahn der Zeit: Teils einmaliges Material ist schon verloren gegangen. Archive digitalisieren ihre Bestände, doch das ist ein langwieriges und teures Geschäft

für Süddeutsche Zeitung

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Digitale Archive

Archivare müssen nicht nur Archive pflegen, sondern auch antike Hard- und Software, mit der sich anno dunnemals gespeicherte Daten lesen lassen.

für ZDFinfo

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Manuskript des Beitrags
Jörg Wagner aus Berlin ist Radiojournalist und liebt Geräusche. Und er hat ein Ziel. Ein Klangarchiv der DDR aufzubauen und für die Nachwelt zu erhalten. Damit sich die Menschen auch in 100 Jahren noch am Sound des Sozialismus erfreuen können.

“Ich sammle eigentlich alles was sich irgendwie mit Tönen speichern lässt. Das kann eine alte Frösi Schallplatte sein. Das ist eine uralte Kinderzeitschrift aus der DDR […] Das kann auch ein Trabbi-Geräusch sein, weil die Trabbis werden irgendwann mal aussterben und dann hat man den Trabbi konserviert und kann ihn immer wieder abspielen und sagen, so klang der mal.”

Aber Hobby-Archivare wie Wagner haben ein Problem: Den Zahn der Zeit. Denn egal ob Schallplatte, Kassette, CDs oder Festplatte – keines seiner Speichermedien ist für die Ewigkeit gemacht. Und deshalb hat er nicht nur Freude an seinen Schätzen, sondern auch Angst diese wieder zu verlieren.

“Bei mir sind inzwischen in meinem Leben vier schöne große Festplatten, die auch vom Hersteller als super langlebig charakteristiert wurden, mittlerweile weggeraucht. Letztenendes ist das nach wie vor so eine Art Nitroglycerin-, Russisch-Roulette-Geschichte, dass man nie weiß, wann geht was hoch.”

Wagner hat sich daran gewöhnen müssen, dass es in seinem Archiv die 100%ige Datensicherheit nicht geben kann. Aber Festplattencrashs bedrohen nicht nur private Datenschätze. Auch staatliche Archive kämpfen gegen Erdmagnetismus, Luftfeuchtigkeit und Bandsalat. Fest steht: Unser kollektives Gedächntnis ist in Gefahr. Jens Niederhut gibt als Archivar beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen keinen Audio- und Videoschnipsel über den SED-Überwachungsstaat verloren. Trotz denkbar schlechter Voraussetzungen.

“Wir haben die Bänder ja schon in einem Zustand übernommen, der nicht optimal war. Sie sind schon bei der Staatssicherheit oft benutzt worden, nicht optimal gelagert worden. Das heißt, da sind wir jetzt wirklich an einem Punkt, wo diese Zerfallsprozesse nicht mehr zu stoppen sind.”

Im Stasi-Archiv lagert, was das ostdeutsche Regime während der Wende am liebsten noch schnell vernichtet hätte: die Akten seiner Spitzel, aber auch viele Ton- und Videodokumente, Abhörprotokolle und Mitschnitte von Vernehmungen. Das historisch einmalige Archiv eines Überwachungsstaates. Vieles davon ist weder erschlossen noch digitalisiert. Und als wäre es nicht schon schwierig genug diesen Bestand für die Nachwelt zu erhalten, haben Niederhut und seine Kollegen ein weiteres Problem. Die technisch längst überholten Video- und Tonformate überhaupt abzuspielen. Deshalb muss nicht nur das Archiv selbst, sondern auch ein Gerätepark von vorgestern in Schuss gehalten werden.

“Wir kaufen Ersatzteile überall dort, wo wir sie bekommen können. Das heißt: online, auf dem Flohmarkt, bei Sammlern, aber damit wird natürlich irgendwann Schluss sein. Also die Technik verschwindet nach und nach.”

Reinhard Altenhöner ist bei der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt verantwortlich für die Langzeitarchivierung des Bestandes. Hier speichert man die Daten gleichzeitig in mehreren Großrechnern, verteilt auf unterschiedliche Standorte. Angst die Daten zu verlieren hat Altenhöfer zwar nicht, dafür aber eine andere Sorge: Wer kann diese Dateien in 100 Jahren noch lesen?

“Je ungewöhnlicher ein Format, desto schwieriger ist das. Manchmal gibt es Formate, die hängen an einer Firma und die Firma ist meinetwegen in Konkurs gegangen und es gibt nichts mehr auf neueren Betriebssystemumgebungen, was man da nutzen könnte. Dann haben wir ein Problem.”

Beim Digitalisieren von Büchern, Musik und Filmen setzen Archivare deshalb inzwischen auf offene Standards, die gut dokumentiert sind. Viel schwieriger zu erhalten ist Software, etwa alte Lernprogramme. Auch diese soll die Nachwelt noch daddeln können.

“Da beginnt dann wirklich die große Suche. Es kann sein, dass man wirklich nur mit einem Emulator weiterkommt, eine Computerumgebung, die dann vorgaukelt der Software, ich bin hier noch deine alte vertraute Windows-95-Umgebung.”

Egal ob man ein Geräuscharchiv, die Stasiunterlagen oder einen kompletten Bibliotheksbestand erhalten möchte. Archivierung ist auch im Zeitalter vernetzter Serverfarmen mehr als ein Festplattenbackup in der Cloud. Jeder neue Technikstandard bedeutet für Archivare ein neues Problem, auf das sie sich einstellen müssen. Und auch der Durchnitts-PC-User zu Hause sollte hin und wieder nachschauen, ob seine Datenschätze überhaupt noch da sind.

>> Beitrag auf YouTube (Quelle: “Elektrischer Reporter”)