Täglich neue Digital-Abos

Statt auf Print setzt die “Sächsische Zeitung” zunehmend auf digitale Modelle. Dabei ist auch klar, welche Geschichten neue Abos bringen – mit überraschenden Ergebnissen, wie ich bei einem Besuch für den Deutschlandfunk erfahren habe.

für Deutschlandfunk

— Transkript des Beitrags —
“Also, das hier ist das Herz der Redaktion. Wir sind im Newsroom und vor uns ist das große Dashboard.” Uwe Vetterick führt durch seine Redaktion. Verblüffend ruhig und konzentriert geht es hier zu, dazu eine erstaunlich gediegene Atmosphäre. Im gesamten zwölfstöckigen Verlagshaus haben sich Innenarchitekten ausgetobt.

An der “Newsbar” sitzen die Redakteure, die für die aktuelle Produktion verantwortlich sind, auf Lederhockern an einem halbrunden Hochtisch. Fest im Blick: eine Videowand – mit dem eigenen Portal, aber auch den Internetauftritten anderer Zeitungen: “Also was machen die, mit denen wir im Netz um Aufmerksamkeit und Abonnenten konkurrieren?” Wer ist das? „”Das sind zuallererst natürlich unsere regionalen Mitbewerber wie die ‘Freie Presse’, die LVZ in Leipzig, die ‘Leipziger Volkszeitung’.”

Besonders von Interesse ist aber eine Tabelle zum eigenen Portal: Sie zeigt, welche Artikel so interessant waren, dass Leser ein Digital-Abo lösten, statt den Hinweis auf den kostenpflichtigen Inhalt wegzuklicken.

“Also das letzte Abo ist vor 30 Minuten reingekommen: ‘Morddrohungen im Streit um #wirsindmehr’. Das ist die große Gegendemonstration nach den Vorgängen in Chemnitz gewesen, um die es jetzt Auseinandersetzungen gibt”, sagt Chefredakteur Uwe Vetterick. Mittlerweile kämen täglich zwischen 20 und 30 neue Digital-Abos dazu. Bis auf grob fünf davon blieben auch alle über den Testmonat hinaus dabei. [*]

Vetterick spricht angesichts dieser detaillierten Erkenntnisse von einem regelrechten Kulturwandel: “Journalismus – insbesondere Zeitungsjournalismus – war ja immer Schreiben in eine Blackbox, über eigentlich Jahrzehnte. Das heißt, man hat nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert und geschrieben, wusste aber nie, auf wie viel Interesse das tatsächlich stoßen würde. Und jetzt hat das was sehr Motivierendes, wenn man sieht: Die Geschichte, die ich gerade gemacht habe, ist Menschen etwas wert und die schließen dafür ein Abo für sächsische.de ab.”

Die Journalisten wissen nun also ziemlich genau, welche Artikel nicht einfach nur Klicks bringen, sondern auch Abo-Abschlüsse – mit teils überraschenden Ergebnissen. So läuft Landespolitik trotz des eher trockenen Sujets. Und: Klassische Kulturberichte, Kritiken von Konzerten und Bühnenprogrammen rufen zwar wenige Leser ab, doch besonders viele von ihnen zahlen dafür.

Diese Erkenntnis sorgte wiederum für große Erleichterung in der Kulturredaktion, etwa bei Oliver Reinhard: “Die Diskussion war: Sollen wir da überhaupt noch online drüber berichten?“ Lohnt das noch? „Genau, lohnt das überhaupt noch, wenn es überhaupt keiner liest. Also diese Idee – monatelang – wahrscheinlich können wir das nicht mehr machen, weil es zu wenige Leute nicht mehr interessiert, wir müssen unsere Ressourcen bündeln, die ist absolut vom Tisch.”

Gleichzeitig verdichtet sich bei anderen Themen die Berichterstattung, etwa beim Sport: Die Sportredaktion steckt fast ihre gesamte Energie in die Begleitung des Bundesligisten Dynamo Dresden – laut der neuen Onlineauswertung ein Abo-Garant. Und um Abos im Digitalen geht es immerhin: Sie sollen Lokalzeitungen wie der „Sächsischen“ das Überleben sichern in einer Zeit, in der immer weniger Leser zur gedruckten Zeitung greifen und die Zeitung auf Papier endlich scheint.

Uwe Vetterick ist in seinem Büro angekommen, das einer bunten Sofalandschaft gleicht. Vetterick zückt sein Tablet, beamt eine Grafik auf den gigantischen Bildschirm, der in seinem Raum hängt. Der Chefredakteur präsentiert Balkendiagramme zur Verteilung der verschiedenen Abo-Typen auf die Altersgruppen.

Fast nur noch Rentner greifen zur gedruckten Zeitung. 40- bis 65-Jährige abonnieren immerhin das E-Paper, also die gelayoutete Zeitung für Tablet-Computer. Die 25- bis 40-Jährigen zahlen für Nachrichten im Netz.

Noch sind die klassischen Zeitungsleser klar in der Mehrzahl, sagt der Chefredakteur. Aber: “Wenn die Entwicklung weiter so anhält und wenn wir – wir machen gerade die ersten Schritte –, aber wenn wir weiter in diese Richtung gehen, dann sind wir total zuversichtlich, dass wir diese Transformation hinkriegen. Überhaupt keine Frage.”

Auch wirtschaftlich, sodass Sie – in Anführungszeichen – Ihren Apparat halten können? “Die Musikindustrie hat es in Teilen schon hinter sich und wir sind ganz zuversichtlich, dass uns das gelingen wird, weil wir haben ja ein bisschen Zeit. Aber wir müssen die nutzen. Und das ist das, was wir hier in Dresden hinbekommen wollen.”

Uwe Vetterick hat es also – bei aller Euphorie – noch nicht geschafft, dass die neuen Erlösquellen im Digitalen ausgleichen, was im Analogen, dem gedruckten Geschäft, langsam, aber sicher wegfällt. Doch kein Zweifel: Er tut viel dafür, damit er dieses Ziel am Ende auch erreicht.

[*] Die Abo-Zahlen wurden in der ursprünglichen Version des Beitrags nicht richtig wiedergegeben. Sie sind hier korrigiert.

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Lokaljournalismus extrem

Norwegische Flagge
Norwegen: Auch hier kämpfen Lokalzeitungen ums Überleben. (Foto: xoiram42 by CC BY-SA 2.0)

Wenn Chefredakteure über die Zukunft diskutieren, dann laden sie sich gerne Vertreter aus Sunnhordland ein. Im Dlf erzähle ich, wie die Norweger aus der Spar-Not eine Tugend gemacht haben.

für Deutschlandfunk

— Manuskript des Beitrags —

„Wir haben das E-Paper, die Kopie der Zeitung, und wir haben die News-App“.

Magne Kydland beugt sich über sein Smartphone. Er öffnet die App seiner Zeitung und checkt die Lage.

„Es passiert immer etwas, den ganzen Tag. Diese Nacht etwas Dramatisches: Die Polizei musste in ein Auto fahren. Es flüchtete von der Polizei.“

Was in der Region Sunnhordland im Westen Norwegens los ist: Die Redaktion der gleichnamigen Zeitung meldet es online rund um die Uhr. Und das, obwohl sie auch eine Tageszeitung herausbringt. Das große Thema dieser Tage: Proteste gegen Windräder, die zwar saubere Energie bringen, aber die Landschaft verschandeln. Dazu kommt drei mal im Jahr ein Hochglanzmagazin, aktuell zum Kampf von Kindern aus der Region gegen Krebs. Das Onlineangebot, die Zeitung, das Magazin – all das kommt von gerade einmal acht Reportern und Fotografen.

„Es ist hart. (lacht) Aber auch ein riesen Spaß. Wir müssen alle möglichen Jobs machen, jeder“, sagt Hilde Nybø, die Nachrichtenchefin. „Wann immer du irgendwo mit Leuten sprichst, bekommst du eine Story mit. Abends gehst du ins Internet und hältst Ausschau nach Themen. Das ist eine Lebenseinstellung.“

„Sunnhordland“ wird in der Verlagsszene seit Jahren als Erfolgsbeispiel gehandelt. Die wohl wichtigste Entscheidung der Redaktion: Die Zeitung erscheint statt fünf nur noch drei mal die Woche. Günstiger wurde das Abonnement dadurch nicht. Ein Risiko, das für alle Seiten gut ausging.

„Es ging soviel Zeit für die Produktion der Zeitung drauf. Sie fehlte für Journalismus. Jetzt sehen unsere Abonnenten: Wir geben ihnen bessere Geschichten. Deswegen waren sie nicht sehr böse. Es war kein großes Problem.“

Im Gegenteil: Obwohl die Zeitung bei gleichem Preis seltener erscheint, kommen neue Leser. „Sunnhordland“ zählt aktuell knapp 6.500 Abonnenten, bei etwa 60.000 Menschen in der Region. Am liebsten würde Chefredakteur Magne Kydland den Schalter komplett umlegen und seine Abonnenten aktuell nur noch digital informieren, dazu die gelegentlichen Magazine. Doch beim Verkauf von Werbung kommt auch hier fast jede Krone noch immer aus der gedruckten Ausgabe.

„Da wäre es doch sehr dumm, darauf zu verzichten. Das ist wegen Google und Facebook und der ganzen Konkurrenz. Und auf den Mobilgeräten ist auch gar nicht so viel Platz für Werbung. Es fällt uns sehr schwer, im Digitalen genauso viel für Werbung zu bekommen. Das ist nicht nur in Norwegen ein Problem, sondern praktisch weltweit.“

Mehr Redakteure kann sich der Chefredakteur in diesen Zeiten einfach nicht leisten. Die Folge: Seine Redaktion könnte unter dem Stichwort „Arbeitsverdichtung im Journalismus“ in die Lehrbücher eingehen. Nachrichtenchefin Hilde Nybø zieht während des Interviews einen Ärmel hoch: Ihr Arm ist bandagiert. Krank machen muss sie sich verkneifen.

Das Erstaunliche: „Sunnhordland“ wird mit Preisen überschüttet – für modernes Layout in Zeitung und Magazin, trotz oder gerade weil die Redaktion so klein ist. Die Grafiker – der Chefredakteur zählt sie nicht zu seiner Redaktion – können ihrer kreativen Energie freien Lauf lassen. Kein Journalist quatscht ihnen rein. Dafür fehlt ohnehin die Zeit.

Wie lange dieses Modell wohl gut geht? Chefredakteur Magne Kydland ist optimistisch.

„Was wir in den vergangenen Jahren in Norwegen gesehen haben: Der Lokaljournalismus ist tatsächlich stärker geworden. Es sind mehr die überregionalen und regionalen Zeitungen, denen es noch schlechter geht. In Norwegen haben wir viele Lokalzeitungen. Sie alle haben in den vergangenen Jahren gewonnen, während die größeren verlieren. Deshalb glaube ich: Lokaler Journalismus ist die Zukunft.“

Aber die Finanzierung bleibt ein Problem?

„Kein Problem, eine Herausforderung.“

Und so arbeiten die acht Journalisten weiter bis zur Belastungsgrenze – irgendwie aus Berufung, damit „Sunnhordland“ weiter eine Zeitung hat. Sie ist ohnehin schon seit Jahren in der Region nur noch die einzige.

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Fotocredit: “Norwegian flag swaying in the sun” by xoiram42 is licensed under CC BY-SA 2.0

“Ambivalentes Verhältnis zwischen Medien und Assange”

Mit Deutschlandfunk Kultur habe ich über den Wikileaks-Gründer, seine Zusammenarbeit mit Journalisten und die Frage gesprochen, ob er nun als Whistleblower geschützt werden sollte.

für Deutschlandfunk Kultur

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Facebook-Chef Zuckerberg spielt wohl auf Zeit

Facebook-Chef Mark Zuckerberg fordert plötzlich Regulierung. Sind Zuckerbergs Aussagen glaubhaft – oder nur ein geschickter Schachzug? Das habe ich für NDR Info kommentiert.

für NDR Info

Nur kurz war Mark Zuckerberg in Berlin, doch sein Besuch hatte es in sich: Der Facebook-Gründer platzierte seine Forderung nach einer internationalen Regulierung – beim Treffen mit Politikern, aber auch im Gespräch mit der ARD. Er wolle, sagte Zuckerberg, mehr gegen “schädliche Inhalte oder politische Einflussnahme” unternehmen.

Das Wort “Verantwortung” fiel auffällig oft. Facebook sei jedoch nur dafür zuständig, die nötige Technik zu entwickeln. Was genau erlaubt sei und was eigentlich politische Meinungsäußerungen seien, das solle doch besser die Gesellschaft entscheiden – also letztlich: die Politik.

Facebooks plötzlicher Kurswechsel

Erinnern wir uns: Zuckerbergs Mitarbeiter haben in den vergangenen Jahren mit aller Kraft gegen strenge Regeln etwa im Umgang mit Hasskommentaren gekämpft – in Deutschland auch gegen das Netzwerkdurchsetzungsgesetz.

Nun lobbyiert Facebook nicht mehr gegen, sondern plötzlich für gesetzliche Vorgaben? Ja, das ist ein Kurswechsel. Es ist aber vor allem auch eines: die Flucht nach vorn.

Alle und alles gegen den “blauen Planeten”

Der Schöpfer des “blauen Planeten”, wie Facebook angesichts seines dunkelblauen Logos und seinen mehr als zwei Milliarden Nutzerinnen und Nutzern weltweit gerne genannt wird, hat offensichtlich ganz einfach erkannt, dass er die Öffentlichkeit nicht für sich gewinnen konnte.

Erst kam in Deutschland das NetzDG, dann in Europa die DSGVO, die Datenschutzgrundverordnung. Dazu der äußerst unglückliche Auftritt Zuckerbergs vor dem US-Kongress. Alle und alles gegen Facebook.

Ein durchsichtiger, aber kluger Versuch

Dass Zuckerberg neulich schon erklärte, seine Plattform werde zum neuen, großen Datenschutz-Vorreiter, und nun auch noch der Politik zuruft: “Reguliert uns bitte!”, ist der ziemlich durchsichtige, aber nicht unkluge Versuch, die Stimmung zu drehen und aus der ohnehin schärferen Gesetzeslage das Beste zu machen. Facebook soll als Treiber dastehen, nicht als Getriebener.

Hat Zuckerberg tatsächlich verstanden?

Ja, vielleicht hat Zuckerberg auch tatsächlich verstanden – immerhin beteiligt sich das Facebook-Management zunehmend an öffentlichen Diskussionen und erklärt endlich besser, wie die Plattform und die bisherigen Filtermechanismen funktionieren.

Es wäre natürlich ein Gewinn, wenn der öffentliche Druck – auch der Bundesregierung – zu einem Sinneswandel geführt hätte. Wahrscheinlicher ist: Der neuerliche Vorstoß ist eine clevere Verzögerungstaktik.

Regulierung auf internationaler Ebene ist unmöglich

Zuckerberg will keinen “Flickenteppich unterschiedlicher Regeln”, sondern plädiert für eine Regulierung auf internationaler Ebene. Das klingt plausibel, schließlich macht “dieses Internet” nicht vor Landesgrenzen halt.

Allein: Schon für europäische Regeln gehen Jahre ins Land. Neue Spielregeln gar interkontinental einzuführen, das hieße in aller Konsequenz, Russland und China mit einzuschließen. Das fällt realistisch gesehen eher in die Kategorie “Unmöglich!”. Mark Zuckerberg könnte sich derweil bequem zurücklehnen und sich dabei ins Fäustchen lachen.

(Quelle: NDR Info)

Die Woche danach

Nachdem das EU-Parlament trotz starken Protesten der Urheberrechtsreform zugestimmt hat, geht’s an die Umsetzung. Für den Dlf habe ich mich umgehört, wie es nun weitergeht.

für Deutschlandfunk

Dass das Europäische Parlament der Urheberrechtsreform zugestimmt hat, das hat Dietmar Wolff – Hauptgeschäftsführer des Zeitungsverleger-Verbandes BDZV – auf einer Reise erfahren.

„Kurze SMS bekommen, wie das Ergebnis war, zur Kenntnis genommen und…“
„…kein Champagner im Rucksack gehabt?“
„Nein ­– absolut kein Champagner.“

Leistungsschutzrecht gibt es in Deutschland seit sechs Jahren
Die Zeitungsverleger freuen sich vor allem auf das Leistungsschutzrecht: Vor allem Google soll künftig dafür bezahlen, dass es die Artikel von Verlagsseiten auflistet und drumherum Werbeplätze verkauft. In Deutschland gibt es so ein Gesetz schon seit bald sechs Jahren.

„Das wird so ablaufen, wie das eben schon beim deutschen Leistungsschutzrecht abgelaufen ist, dass die Verlage auf die Plattformen zugehen – entweder einzeln, individuell, das ist ja jedem Verlag unbenommen, oder indem sie sich organisieren, zum Beispiel über eine Verwertungsgesellschaft. Und das ist ja beim deutschen Leistungsschutzrecht auch so erfolgt.“

Nur zahlt Google nicht, sondern streitet sich vor Gericht. Wolff ist aber zuversichtlich: Das künftige europäische Recht werde den Verlagen helfen. Große Gesetzesänderungen seien aber wohl nicht notwendig.

Uploadfilter auf nationaler Ebene kaum zu verhindern

Anders sieht es bei der Plattformhaftung aus, den Urheberrechten etwa auf YouTube. Die CDU macht gerade Schlagzeilen mit dem Vorstoß, beim Überführen der Richtlinie in deutsches Recht Uploadfilter doch noch verhindern zu können – wird dabei aber kaum ernstgenommen.

„Das ist aus meinen Augen Sand, der da von der CDU versucht wird, den Leuten in die Augen zu streuen.“

Sagt Jens Zimmermann, der digitalpolitische Sprecher der SPD-Fraktion – immerhin ein Koalitionspartner.

„Allen Expertinnen und Experten, mit denen ich gesprochen habe, denen ist nichts anderes eingefallen als eben diese Upload-Filter.“

Drei-Stufen-Regelung möglich: Lizenz, Löschung, freie Nutzung

Elisabeth Winkelmeier-Becker ist die Sprecherin der Unionsfraktion für Recht. Sie sagt selbst: Die Technologie hinter den Uploadfiltern würden Internetplattformen tatsächlich brauchen, um festzustellen, ob sie an einem Foto, Video oder Text Rechte halten oder nicht. Allerdings:

„Wir wollen die Verfahren und die Sorgfaltspflichten der Plattformen dabei so ausgestalten, dass ein Upload zunächst immer möglich ist und deshalb dann auch keine Anreize für ein Overblocking bestehen.“

Das oberste Ziel der Reform sei schließlich, dass Plattformen Lizenzen erwerben und so Kreative bezahlen.

„Wenn keine Lizenz besteht, dann soll kurzfristig geklärt werden, ob der Rechteinhaber eine individuelle Lizenz nachträglich vereinbaren will. Das wäre seine erste Option. Die zweite Möglichkeit ist, dass er die Löschung des Uploads will, der gegen sein Urheberrecht verstößt. Und die letzte Möglichkeit ist, dass er auch einfach damit einverstanden ist, dass sein Werk ohne Lizenz genutzt wird, weil er vielleicht gar nicht an der kommerziellen Nutzung interessiert ist.“

Steinbrecher (Bitkom): Unmöglich, genügend Lizenzverträge abzuschließen

Mit so einer Regelung könnten Plattformbetreiber auch Livestreams selbst dann laufen lassen, wenn die Urheberrechts-Scanner Alarm schlagen. Judith Steinbrecher, die Urheberrechtlerin des IT-Branchenverbandes Bitkom mahnt indes: Auch bei diesem Modell müssten Plattformbetreiber am Ende viele Inhalte rausfiltern.

„Weil man nicht so viele Lizenzverträge schließen kann, als dass jeglicher Content abgedeckt ist. Das heißt, für den Bereich, wo es keine Lizenzverträge gibt, muss dann doch ein Uploadfilter her, um das tatsächlich technisch umsetzen zu können und dort auch einer Haftung entgehen zu können.“

Europäische Lizenz-„Superdatenbank“: Welche Inhalte sind eigentlich urheberrechtlich geschützt?

Und: Woher sollen Plattformbetreiber eigentlich wissen, welche Inhalte urheberrechtlich geschützt sind? Für Bitkom-Juristin Steinbrecher führt kein Weg an einer Art europäischer „Superdatenbank“ vorbei. Die sei jedoch so kompliziert, dass es sie bisher nicht mal für Musik gebe.

„Wir sprechen aber hier ja auch nicht nur über Musikinhalte, sondern jegliche urheberrechtlich geschützten Inhalte. Also auch ein Foto, was Sie selber privat irgendwo machen, hat einen urheberrechtlichen Schutz. Ja, das ist eine große Herausforderung, dort wirklich auch das Informationsmaterial zu haben, was eine Plattform benötigt, um da Rechteklärung vornehmen zu können.“

Uploadfilter, Lizenzdatenbanken und das Leistungsschutzrecht: Den Betreibern könnte das am Ende zu viel, zu teuer oder zu riskant werden. Sie könnten einzelne Angebote einstellen – so wie Google vor Jahren „Google News“ in Spanien, nachdem auch dort bereits ein Leistungsschutzrecht eingeführt wurde. In Deutschland ließ Google Verlage, die weiter gelistet werden wollten, unterschreiben, dass das erst mal kostenfrei passiert. Ein Trick. Dietmar Wolff vom Zeitungsverlegerverband BDZV runzelt die Stirn.

„Ich gehe davon aus, dass Google überlegen wird, ja, Verlage vielleicht auch auszulisten. Aber wenn sie das europaweit tun möchten: Das ist schon ein sehr großer Markt mit über 500 Millionen potenziellen Nutzern. Das werden sie sich schon sehr gut überlegen, ob sie das machen. Da war ein einzelner Markt wie Deutschland oder eben auch Spanien doch schon eben eine andere Sache, ne?“

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Kinder-Influencer und massig Werbung

Forscher haben die Top 100 Kanäle aus Deutschland analysiert. Sie warnen vor Auswüchsen und werfen den Landesmedienanstalten mangelnde Kontrollen vor. U.a. für NDR Info und ZAPP habe ich mit ihnen gesprochen.

für NDR Info

Wenig Information, dafür viel Unterhaltung und vor allem eines: Werbung, Werbung, Werbung. So sehen auf YouTube die erfolgreichsten 100 Kanäle aus Deutschland aus. “Die ganz große Mehrheit der Kanäle hat einen unterhaltenden, sehr stark emotionalen Charakter, gepaart mit großer Trivialität und vor allem durchzogen von Kommerz”, sagt Kommunikationswissenschaftler Lutz Frühbrodt von der Hochschule Würzburg-Schweinfurt dem NDR.

Oft “platte Unterhaltung” mit “brachialen Geschmacklosigkeiten”

Mit der Kommunikationsexpertin Annette Floren hat Frühbrodt für die Otto-Brenner-Stiftung die Studie “Unboxing YouTube: Im Netzwerk der Profis und Profiteure” recherchiert. Die beiden Autoren kritisiert Influencer und ihre Agenturen im Hintergrund, vor allem aber auch die Landesmedienanstalten.

“Ganze vier” der 100 erfolgreichsten deutschen YouTube-Kanäle hätten einen “informierenden Charakter”, mahnt Frühbrodt. Die gebe es auch, etwa auf Platz zwei den Wissenschafts-Kanal “Kurzgesagt – In a Nutshell”. YouTube sei natürlich auch eine große Musikplattform. “Aber im Großen und Ganzen ist es Unterhaltung – und ich muss leider sagen: Es ist oftmals platte Unterhaltung, die verbunden ist mit ziemlich brachialen Geschmacklosigkeiten, die auch auftreten.”

Kinder-Influencer testen Spielzeug und Lippenstifte

Frühbrodt sagt, man dürfe sich vom Alter vieler Macher nicht täuschen lassen – es seien meist Profis im Hintergrund aktiv. Erkennbar sei das etwa an Gastauftritten von YouTube-Stars bei Neulingen. “Im Video treten sie als Freunde auf, aber oft steht ein Netzwerk dahinter, das den Newcomer geschickt auf diese Art und Weise promoten will.” Auch an Werbung in den Beiträgen sei erkennbar, dass Profis mitarbeiten. Werbung sei allerdings meist nicht ausreichend ausgewiesen.

Floren hat sich das Angebot “YouTube Kids” angesehen, indem YouTube Kindern eine Auswahl an Kanälen anbietet und Eltern Kontrollfunktionen. “Das ist natürlich auch mit dem Ziel gegründet worden, Kinder schon mal auf die Sehgewohnheiten von YouTube vorzubereiten”, sagt die Autorin gegenüber dem NDR und warnt vor dem Trend, schon Grundschüler zu “Kinder-Influencern” aufzubauen. “Da wird ein sechsjähriges Mädchen präsentiert im Habitus einer Influencerin. Ihre Welt dreht sich schon komplett ums gute Aussehen, passende Lippenstifte und so weiter. Für ein modernes Geschlechterverständnis ist das nicht unbedingt hilfreich.”

Auch auf den Kinder-Kanälen ziehe sich Produktwerbung durch viele Beiträge. Deutsche Nachwuchs-Influencer mit teils einer halben Million Abonnenten testen Spielzeug und Kosmetikartikel. “Das wird kindlich präsentiert, aber initiiert wird es letztlich von Erwachsenen”, mahnt Floren. “Insofern ist das auch Beeinflussung.”

Schützen Landesmedienanstalten die Influencer?

Die beiden Autoren wünschen sich, dass sich Eltern dafür interessieren, was ihre Kinder auf YouTube konsumieren, und sie über die Interessen der YouTube-Stars aufklären. Auch der gelegentlich aufkommenden Idee eines “EU-Tube”, also einem europäischen Gegengewicht zu Googles Videoplattform, unterstützen sie. Vor allem fordern sie aber von den Landesmedienanstalten eine andere Politik.

“Das Problem ist mangelnde Transparenz”, sagt Kommunikationswissenschaftler Frühbrodt mit Blick auf Kontrollen von YouTube-Kanälen und Sanktionen von Werbeverstößen. “Die Medienanstalten geben keine Zahlen und Erhebungen darüber heraus, was sie eigentlich genau machen. Man weiß nur, es gibt Werkstudenten, die sich zusammen mit einigen Mitarbeitern Videos anschauen. Aber was da genau passiert, weiß man nicht.”

Einzelne Gerichte hätten wettbewerbsrechtlich entschieden, dass Werbung besser gekennzeichnet werden müsse. Bei den Landesmedienanstalten sei aber kaum etwas davon zu hören, dass sie Verstöße sanktionierten. “Man bekommt da teilweise schon den Eindruck, dass sich die Medienanstalten mehr oder minder als Schutzpatronen der Influencer-Branche gerieren und weniger das verfolgen, was sie eigentlich sollten: den Schutz von Verbrauchern und die Mediennutzern.”

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Länder wollen gemeinsame Onlineplattformen von ARD und ZDF

Malu Dreyer, die Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, nach dem Treffen der Ministerpräsidenten am 21. März 2019 in Berlin im Interview mit den Medienjournalisten Steffen Grimberg und Daniel Bouhs.

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— Wörtliches Transkript —

Steffen Grimberg: [00:00:00] Wir lesen in Vorlagen, die zirkulierten, dass eine nicht nur am Wettbewerb orientierte, also auf gut Deutsch auf die Quote abzielende Programmgestaltung sozusagen ein bisschen konkreter festgeschrieben werden soll. Wird das so kommen?

Malu Dreyer: [00:00:15] In der Regel geht es eigentlich darum: Was ist der Kern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks? Und darauf will man, dass der Auftrag sich noch stärker bezieht, dass egal, welche Programme letztendlich ausgestrahlt werden, klar ist, was ist das öffentlich-rechtliche Angebot insbesondere. Und an dieser Stelle kann natürlich die Quote nicht immer nur das Thema sein. Aber selbstverständlich wird auch in Zukunft es wichtig sein, dass Bürger und Bürgerinnen auch die Programme entsprechend gerne konsumieren.

Steffen Grimberg: [00:00:42] Sie haben gerade gesagt, Sie haben noch mal appelliert bzw. es wird noch mal sehr stark appelliert werden an die öffentlich-rechtlichen Anstalten, weitere Sparanstrengungen zu unternehmen. Wenn man es sich mal jetzt anschaut, sind Sie da allerdings seit dem von Ihnen zitierten Vorlagen im Herbst 2017 ja eigentlich von den Anstalten im Regen stehen gelassen worden. Wie groß ist der Optimismus, dass da wirklich noch etwas Substanzielles kommt?

Malu Dreyer: [00:01:04] Ja, ich bin da sehr optimistisch, weil ganz, ganz viele Themen ja schon miteinander besprochen worden sind. Und es ist einfach klar, dass die Ministerpräsidenten da auch wirklich nicht locker lassen an dieser Stelle. Ein wichtiges Thema ist zum Beispiel eine gemeinsame Plattformstrategie zu entwickeln. Das ist auch etwas, das werden die Ministerpräsidenten genau so auch formulieren im endgültigen Beschluss. Und ein gutes Vorbild kann ja eigentlich die neue Kulturplattform sein. Daran können wir lernen, was könnten eigentlich die Anstalten miteinander stärker machen, um tatsächlich a) eine Antwort auf die neue Zeit zu haben und b) auch effektiver zu arbeiten. Im Übrigen gibt es darüber hinaus von der KEF ganz, ganz viele zusätzliche Einsparpotenziale, beispielsweise Synergien in der Produktion stärker herbeizuführen oder die SAP-Harmonisierung, andere Beispiele mehr. Und wir wünschen uns, dass die Intendanten der Anstalten sich damit auch noch einmal intensiver beschäftigen.

Daniel Bouhs: [00:01:55] Stichwort Plattformstrategie: Erwarten Sie denn, dass ARD und ZDF sich tatsächlich zusammentun, also die gemeinsame Plattform, wenn Sie die Kulturplattform loben – soll [der ARD-Vorsitzende Ulrich] Wilhelm da einspringen?

Malu Dreyer: [00:02:04] Das erwarten wir von ihnen. Das ist ganz klar unsere Auffassung, dass es an der Zeit ist, dass sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten auch in dieser Frage stärker zusammentun…

Daniel Bouhs: [00:02:14] …also eine gemeinsame Plattform aufbauen?

Malu Dreyer: [00:02:15] Das wäre ganz und gar in unserem Interesse, aber wir denken, das ist vor allem im Interesse der Zeit, weil man einfach sehen muss, dass in der Moderne, in der neuen Welt, es auch darum gehen wird, wie findet man eigentlich zukünftig die Angebote des Öffentlich-Rechtlichen. Und da macht es einfach nur Sinn, dass es am Ende eine gemeinsame Plattform gibt.

Daniel Bouhs: [00:02:34] Darf ich Sie noch mal fragen aus der Rundfunkkommission: Wer hat denn aus dem Kreis der Länderchefinnen und -chefs, wer hat denn auf die Bremse getreten? Man hört, die FDP hätte jetzt dafür gesorgt, dass das Indexmodell oder Index-angelehnte Modell jetzt noch ein Prüffall sei.

Malu Dreyer: [00:02:46] Nein, das kann man gar nicht sagen. Ich persönlich beispielsweise war immer total kritisch dem Index gegenüber gestanden, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass es ein Modell gibt – das Nordmodell war ja ohne Beteiligung der KEF – konnte ich mir nie vorstellen, weil ich der Auffassung bin, es muss auch noch mal so etwas geben wie eine objektive Überprüfung, ob eine Über- oder Unterfinanzierung vorhanden ist. Aber wir haben uns im Lauf der Diskussion wirklich auch angenähert von diesen beiden Polen. Und mir war es jetzt auch wichtig, dass die Rundfunkkommission es so formuliert und die Ministerpräsidenten, dass am Ende klar ist: Wir prüfen in diese Richtung. Wir entwickeln auch das Modell, was für alle dann auch tragbar ist und beschließen es dann.

Daniel Bouhs: [00:03:24] Sie sprachen von einer “großen Offenheit” im Länderkreis, was das Modell angeht. Was sagt denn – Sie sind ja sehr erfahren in Rundfunkpolitik – Ihr Bauchgefühl: Kommt am Ende der Index?

Malu Dreyer: [00:03:32] Also, meine Rolle in der Rundfunkkommission gibt mir auch immer auf, dass ich am besten keine Äußerung aus dem Bauch mache, sondern dass wir fleißig arbeiten an dem Ziel, was wir uns heute vorgenommen haben und dann hoffen, dass im Juni ein gemeinsamer Beschluss am Ende steht.

Steffen Grimberg: [00:03:45] Eine Frage noch: Ein Thema, das ja auch zur Debatte wohl gestanden hat, ist die sogenannte Budgetierung, also sozusagen das Zuckerbrot zu der Sparpeitsche für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sind Sie da weitergekommen? Es war ja daran gedacht worden, den Auftrag zu flexibilisieren und den Anstalten, was ihre Budgets angeht, mehr Eigenverantwortung zu übertragen.

Malu Dreyer: [00:04:05] Ja, das ist auch der Stand – also in der Bitte an die Rundfunkkommission, noch einmal konkreter mit dem Auftrag umzugehen, ist es auch der Stand, dass es doch eine große Übereinstimmung darüber gibt, dass man auch ein Budget haben kann, dass es eine höhere Deckungsfähigkeit gibt, mehr Flexibilität für die Anstalten.

radioeins-“Medienmagazin” vom 2. März 2019

In unserer radioeins-Sendung sprechen Jörg Wagner und ich diesmal über die umstrittene europäische Urheberrechtsreform und die Diskussion über eine “Supermediathek”.

für radioeins

— Inhalt der Sendung —

1. “Berlin gegen 13” – Demo gegen die EU-Urheberrechtsreform
Aus dem Aufruf: “Die EU-Urheberrechtsreform läuft mit Artikel 13 darauf hinaus, dass Plattformen eine automatisierte Inhaltskontrolle einführen müssen. Diese Uploadfilter werden massive Auswirkungen auf die Meinungsfreiheit und die Vielfalt des Internets haben. Automatisierte Filter sind nicht in der Lage, den Kontext von Inhalten einzuschätzen und daher sehr fehleranfällig. Sie können nicht zwischen Urheberrechtsverletzungen und schöpferischen Adaptionen unterscheiden. Kleinere Plattformen haben nicht die nötigen Ressourcen, um selbst aufwändige Filtermechanismen zu entwickeln und müssten die Technologie bei den großen Anbietern einkaufen, was deren Marktmacht weiter stärken würde.”
Das Bündnis „Berlin gegen 13“ bestehend aus Chaos Computer Club, der Digitalen Gesellschaft, dem Journalistenverband Freischreiber und dem Frauen-Hackerspace Heart of Code u. a. ruft zu einem Protestmarsch am 02.03.2019 um 13 Uhr durch Berlin auf.
Studiogespräch/Bericht mit O-Tönen:
* Katarina Barley, Bundesministerin für Justiz und Verbraucherschutz (Quelle: Neo Magazin Royal, ZDF Neo, 28.02.2019/22:15 Uhr)
* 2x Atmo, Demo
* Demonstrant zu Artikel 11
* Dietrich von Klaeden, Konzerngeschäftsführer Public Affairs, Axel Springer SE
* Micki Meuser, Musiker, Produzent
* Michael Duderstädt, Sprecher Politische Kommunikation GEMA
* Markus Beckedahl, Gründer Digitale Gesellschaft e. V.
Autor: Daniel Bouhs (live)
Vgl.: https://berlingegen13.wordpress.com/

2. DuMont Mediengruppe mit Verkaufsoptionen
„Keine vier Jahre nach dem Tod des Verlegers Alfred Neven DuMont soll die Mediengruppe zerschlagen werden. Die Gesellschafter wollen sich von allen Regionalmedien trennen.“, so titelte am 26.02.2019 als erstes der Branchendienst HORIZONT, andere Medien berichteten übereinstimmend. Betroffen von der Umstrukturierung des Verlagshauses wären auch Berliner Zeitung und Berliner Kurier. Die DuMont-Mediengruppe wiegelte ab: “Wir möchten Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, versichern, dass die Arbeit in Verlag und Redaktion – die Herstellung und die Produktion unserer Zeitungen sowie der Digitalangebote – davon völlig unberührt sind. (…) Die Berliner Zeitung wird selbstverständlich weiterhin in der von Ihnen gewohnten Qualität erscheinen. Das garantieren wir.” (Berliner Zeitung, 28.02.2019)
Telefoninterview mit Dr. Uwe Vorkötter, Chefredakteur HORIZONT, ehemaliger Chefredakteur Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau

3. Plattform Europa – Weg zu einer europäischen Öffentlichkeit? (1)
In den letzten Monaten mehren sich die Stimmen, die eine europäische Medienplattform fordern, teils öffentlich-rechtlich finanziert, teils als Kooperation von öffentlich-rechtlich und privat. Vor dem Brexit (der möglicherweise verschoben wird) und der anstehenden Europawahl bekommt dieser Ansatz noch mal eine neue Aktualität. Denn Kritiker sagen, dass es Populisten, die eine national ausgerichtete EU wollen, leicht haben aufgrund einer Dysfunktionalität der europäischen Öffentlichkeit. Der Politikberater Johannes Hillje hat in seinem gerade erschienenen Buch “Plattform Europa” eine europäische Medienplattform skizziert. Darin beschreibt er, was so eine Plattform leisten soll und wie sie hergestellt werden kann. Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot fordert auch so eine Plattform, schränkt aber ein, dass sich die Nutzer für so eine europäische Medienplattform interessieren werden, wenn – nach Binnenmarkt und gemeinsamer Währung – weitere Politikbereiche institutionalisiert worden sind.
Buchvorstellung/Studiogespräch mit O-Tönen:
* Johannes Hillje, Autor und Politikberater
* Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin
Autorin: Vera Linß (live)

4. Plattform Europa – Weg zu einer europäischen Öffentlichkeit? (2)
O-Ton: Prof. Dr. Dietmar Köster, MdEP S&D (02.12.2015)
Interview mit Martin Rabanus, kultur- und medienpolitischer Sprecher, SPD-Bundestagsfraktion

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Geheimtreffen mit dem Whistleblower

Verschlüsselte Kommunikation, geheime Treffen, Prüfung der Daten, ehtische Abwägungen, der enttarnte Whistleblower: Die #FootballLeaks-Journalisten Rafael Buschmann und Michael Wulzinger geben mir im Interview für ZAPP Einblicke in ihre Recherche.

für NDR Fernsehen

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>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

Whistleblower im Rampenlicht

Nach dem Zugriff auf Rui Pinto: Wie sind “Spiegel” und NDR mit dem Mann hinter #FootballLeak umgegangen?

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —

Das ist er: Der Mann hinter Football Leaks. Rui Pinto. Ein 30-jähriger Portugiese. Er nannte sich „John“. Drei Jahre lang versorgte er Journalisten mit geheimen Dokumenten aus dem Innern des Fußballgeschäfts.
„Wenn ich Daten von einem bestimmten Club habe, warum sollte ich das nicht mit den Medien teilen? Ich habe alles geteilt, was ich hatte.“
Mitte Januar der Zugriff in Budapest: Pinto wird verhaftet, auf Geheiß der portugiesischen Staatsanwaltschaft. In Ungarn steht er unter Hausarrest und tritt jetzt offen als Whistleblower auf. Mit dieser Strategie will er die drohende Auslieferung und einen Prozess in seiner Heimat abwehren.
„Also, ich denke, Portugal will mich einfach zum Schweigen bringen und das, was in meinem Laptop ist, zum Schweigen zu bringen. Sie haben Angst.“
Die Frage jetzt: Was ist Rui Pinto – Whistleblower oder Hacker?
Pinto bestätigt selbst: Er hat eine Sportrechteagentur mit ihren eigenen Daten erpresst. Auch deshalb wurde er mit europäischem Haftbefehlt gesucht. Er spricht von einem Test.
„Ich wollte wissen, wie wertvoll die Dokumente für sie sind. Ich wollte wissen, wie weit sie bereit sind zu gehen.“
„Der Spiegel“ hatte drei Jahre exklusiven Zugang zu John, also Pinto. Rafael Buschmann hat ihn als einziger getroffen. Wie seine Quelle an die Dokumente kam, hat aber auch er nicht wirklich erfahren.
„Er hat das vermieden. Also er hat bis heute seinen sehr klaren Standardsatz, dass er sagt ‚Ich bin kein Hacker, wir arbeiten nicht mit Hackern zusammen‘. Und dass er auch an der Stelle sagt ‚Wir haben Quellen und manche der Quellen wissen nicht, dass sie unsere Quellen sind‘. Das ist ein Satz, der, finde ich, mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt, aber es ist ein Satz, den er sagt.“
Was ist dran an den Vorwürfen gegen Pinto? Und sollten sie zutreffen: Kann er dann eine Quelle sein? Im „Spiegel“ dazu: lange Debatten.
„Wir kommen hier zum Ergebnis, dass wir trennen müssen zwischen einem Informanten und einer Information. Das heißt, die Motivation des Informanten, warum er bestimmte Dinge tut, seine Sozialisation, seine Biographie, sind eigentlich nicht entscheidend für die Dokumente, die am Ende vorliegen und an denen wir recherchieren können.“
„Ein Whistleblower kann möglicherweise auch ein Hacker sein. Für uns besteht dann eben immer nur die Hürde, dass das Material von hohem öffentlichen Interesse sein muss, dass es authentisch sein muss, dass es vor allen Dingen belastbar sein muss.“
Im vergangenen Herbst rückt das portugiesische Magazin „Sábado“ Pinto in die Nähe zur Cyberkriminalität. Berichtet über „Den Piraten, der die Geheimnisse von Benfica Lissabon gestohlen“ haben soll.
Es ist die Zeit vor der letzten großen Veröffentlichung von „Football Leaks“, an denen der „Spiegel“ auch Journalisten vom NDR und anderen europäischen Medien beteiligt. Doch ihren Partnern verraten die „Spiegel“- Rechercheure damals nicht, dass dieser Pinto ihre Quelle ist.
„Vor allen Dingen die portugiesischen Kollegen waren natürlich in der Situation, dass sie zu unserem Netzwerk gehören, aber auf der anderen Seite dann in Portugal der Publikationsdruck enorm hoch war, weil ‚Sábado‘ sich sehr lange an den Ermittlungsakten der portugiesischen Behörden entlang gehangelt hat. Und wir haben aber natürlich, wir haben gesagt, wir geben die Quelle nicht preis. Das ist eine Situation gewesen, die so ein bisschen kippelig war. Aber sie hat gehalten.“
Der NDR produziert fürs Erste eine Dokumentation über „Football Leaks“. Darin: kein Hinweis darauf, dass die Quelle womöglich kriminell ist. „John“ und der Kontakt zu ihm werden stattdessen geheimnisvoll inszeniert.
„Der Journalist ist vorsichtig. Er erzählt, dass Fußballclubs schon Privatdetektive angesetzt haben. Viel ist über John nicht bekannt. Er soll Portugiese sein und den Fußball über alles lieben.“
Sven Lohmann hat im NDR die „Football Leaks“-Recherchen betreut. Er und sein Team waren in einem Dilemma: Es gab Gerüchte über die Quelle. Aber keine Klarheit darüber, wer „John“ wirklich war.
„Wir sind da an einen sehr schwierigen Punkt gekommen, weil wir auf der einen Seite transparent mit der Quelle umgehen wollten, aber auf der anderen Seite hier einen Vorwurf hatten, den wir nicht nachvollziehen konnten. Wir konnten ihn nicht nachrecherchieren. Und das war eine Abwägungssache.“
Der NDR macht weiter. Versucht sich – über den „Spiegel“-Kollegen – irgendwie der Quelle zu nähern.
„Buschmann konnte von John noch keine Bilder drehen. Es ist nicht klar, ob er es überhaupt zulassen wird. Aber der NDR kann das erste Mal Kontakt zu John aufnehmen.“

Rafael: Woher kommen Deine Daten?
John: Seit 2015 haben wir tausende Gigabyte an Daten aus verschiedenen Quellen bekommen. Wir wissen nichts über die genaue Herkunft der Informationen. Aber eines kann ich garantieren: Wir sind keine Hacker.“

Damals bleibt diese Aussage so stehen. Die Zweifel daran: für den NDR nicht belegt. Und heute – wo „Johns“ Identität klar ist?
Wäre das vor Veröffentlichung des Films schon klar gewesen, hätte es diesen Film gegeben im Programm?
„Ja. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil die Dokumente, die am Ende in den Film gekommen sind, die Sachverhalte, sind Sachverhalte nach meiner persönlichen Auffassung, die ein hohes öffentliches Interesse haben und eine hohe öffentliche Relevanz haben. Und es ist ja auch Teil des journalistischen Prinzips und auch des Presserechts, dass man Dokumente verwenden kann, auch wenn sie auf einem Wege vielleicht beschafft worden sind, ganz allgemein besprochen, die diskutabel sind.“

Für die Journalisten war Pinto alias „John“ zweifellos eine brisante Quelle. Hacker oder Whistleblower? Darüber muss jetzt ein ungarisches Gericht entscheiden.

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)