“Ich bin Greta”: Exklusiver Zugang zu Greta Thunberg

Der schwedische Filmemacher Nathan Grossman konnte Greta Thunberg ein Jahr lang begleiten – von den Anfängen ihres Schulstreiks über die Überfahrt nach New York bis zu ihrem Auftritt vor den Vereinten Nationen. Unter anderem für radioeins habe ich mit ihm über die Bedingungen für dieses Projekt und seine Erlebnisse gesprochen. “Ich bin Greta”: Exklusiver Zugang zu Greta Thunberg weiterlesen

Journalisten als Aktivisten?

Welche Aufgabe haben Journalisten beim Klimawandel? Eine Diskussion darüber habe ich u.a. für WDR5 zusammengefasst.

für WDR5

— Manuskript des Beitrags —
Für Kai Schächtele, selbst jahrelang freier Autor für Magazine, ist die Sache klar: Der Klimawandel sei da, die Uhr ticke – da müssten Journalisten die Menschen mit ihrer Berichterstattung aktivieren.

„Bei der größten Aufgabe, die die Menschheit in ihrer Geschichte jemals vor der Brust hatte, haben auch Journalisten und Journalistinnen die Verantwortung, das Thema so aufzunehmen und auch im Hauptabendprogramm an prominenten Stellen auszustellen, dass Leute auf eine neue Weise mit dieser Krise in Berührung kommen.“

Er selbst organisiert dafür sogar Klima-Shows, informiert Menschen in Veranstaltungshallten. Das sei Aktivismus mit journalistischen Mitteln.

Jan Fleischhauer – zuletzt Kolumnist des „Spiegel“, seit diesem Sommer beim „Focus“ – sind Journalisten viel zu oft Aktivisten. Der Protestbewegung stünden sie unkritisch gegenüber. Es fehle: Distanz.

„Wenn Greta Thunberg ein Segelschiff besteigt, dann wird ja mittlerweile jeder Meter, den sie zurücklegt, berichtet und das eben ja auch nicht mit einer gewissen augenzwinkernden Distanz, sondern so, als ob sich eben eine Heilsbringerin jetzt aufmacht nach Amerika. Das ist mir ‚too much‘.“

Weil bei der Diskussion in der Hamburg Media School vor allem angehende Journalistinnen und Journalisten zuhören, mahnt Fleischhauer: Medien müssten auch „gute“ Bewegungen hinterfragen – wie die Jugenddemonstrationen von Fridays for Future.

„Spätestens dann, wenn sie auch ernst genommen werden wollen mit ihren politischen Forderungen, muss ich mir doch die politischen Forderungen auch mal angucken und erstens beurteilen, macht das Sinn, ist das vertretbar und vereinbar mit den Erfordernissen einer Volkswirtschaft wie der deutschen, wenn wir zum Beispiel über Nacht alle Kohlekraftwerke abschalten würden und anderes mehr. Und diese Fragen werden nach meinem Gefühl kaum gestellt, sondern man steht vor diesen jungen Menschen und ist auch ganz ergriffen und fasst sich gemeinsam an den Händen und sagt ‚Hoffentlich erleben wir noch einen besseren Tag‘.“

Arnaud Boehmann ist einer der Sprecher von Fridays for Future. Unkritisch begleitet fühlt er sich keineswegs.

„Es gibt diverse Medien – spontan würde mir die ‚Welt‘ einfallen, die ganz massiv und nach ihren besten Möglichkeiten gegen uns schießt – da keines Wegs. Wir kriegen durchaus Gegenwind. Wir kriegen Kritik über diverse Kanäle. Es ist Kritik teilweise an unseren Aktionsformen. Ob das jetzt Greta Thurnberg auf dem Atlantik ist, das war jetzt das letzte große Aufregerthema. Da haben wir letztlich einen Prozess, der uns ganz klar zeigt: Wir sind nicht überall akzeptiert. Und wir werden auch kritisiert, was ja auch gut ist. Also Kritik ist letztlich gut“

Fridays-for-Future-Sprecher Boehmann wünscht sich aber, dass Medien sich weniger an der Protestform abarbeiteten, als an den Inhalten seiner Bewegung. Und: Sie sollten kontinuierlich berichten, nah an den Leuten.

„Wenn man dann sagen würde, vielleicht nach den Lotto-Zahlen ist am Ende der ‚Tagesschau‘ ‚Deine fünf Klimatipps für heute‘ oder ‚Aktuelle Lage Emissionsberichte XY, ein Mal die Zusammenfassung des Tages‘ – fänd‘ ich wunderbar.“

Aber fehlt tatsächlich eine kontinuierliche Berichterstattung? Diese Frage stellt sich auch Journalistin Astrid Frohloff, die einst das ARD-Magazin „Kontraste“ moderiert hat und Vorstand war von Reporter ohne Grenzen.

„Ich persönlich glaube, dass es selten ein Ereignis gab in Deutschland, über das mit so viel Empathie und so viel Begeisterung berichtet wurde in Deutschland wie über die Fridays-for-Future-Demos und Greta Thurnberg. Und das war für mich eigentlich ein Indiz dafür, es braucht keine separaten Gefäße, um über dieses Thema ‚Klimawandel‘ zu berichten.“

Gleichwohl: Auch Frohloff wünscht sich eine stärkere Differenzierung.

„Eine sehr viel sachlichere und seriösere Auseinandersetzung auch mit Gegenargumenten aus der Wirtschaft, aus der Politik, die das Machbare betreffen. Und ich hätte mir mehr Hintergrund gewünscht in der Berichterstattung über mögliche Motive, ein Mädchen nach vorne zu heben und als eine PR-Figur möglicherweise nach vorne zu schieben, um eigene Interessen zu featuren. Dieses Gerücht gibt es ja. Das hätte ich gerne in großer Breite mal berichtet gesehen.“

Allerdings wandelt sich die Berichterstattung auch – ein Jahr nach „Greta“: Nach so manchem Hype folgt immer mehr ernsthafte, auch aufwändige Analyse. So plant das ZDF etwa Mitte September über diverse Formate wie „Frontal21“ und Dokumentationen hinweg einen Schwerpunkt. Das vor allem stiftungsfinanzierte Recherchebüro Correctiv hat gerade sogar eine ständige Fachredaktion zum Klimawandel gegründet. Sie soll den Klimawandel mindestens anderthalb Jahre konsequent begleiten – möglichst journalistisch.

>> Download (MP3) (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

Teaserbild: “Fridays for Future 25.01.2018 Berlin” by fridaysforfuture is licensed under CC BY 2.0

Von wegen Klima: Wissenschaftsjournalisten wettern

Ist die Klima-Berichterstattung zu aktivistisch? Wer das behauptet, bekommt Druck auch von Kollegen. Darüber habe ich gemeinsam mit Carsten Pilger für ZAPP berichtet.

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —

Bremen Anfang dieser Woche: die “Wissenswerte”, das Klassentreffen der Wissenschaftsjournalisten. Sie streiten darüber, wie aktivistisch darf Berichterstattung über den Klimawandel sein. In einem Jahr, in dem er die Schlagzeilen beherrscht hat, wie lange nicht mehr.
“Der tägliche Klimawandel”
„Wetter extrem – Ist das jetzt immer so?“
“Zukunft im Schwitzkasten”

Zuspitzungen, die Axel Bojanowski von „Spiegel Online“ so gar nicht gefallen.
“Jetzt gerade wieder ‘Am Waldbrand in Berlin war einzig das CO2 schuld, das jeder von uns verursacht’ – also Unsinn auf mehreren Ebenen! Da wird so berichtet, als ob da Wissenschaftler vom Berg kommen mit einer großen Steinplatte in der Hand, in der die Wahrheit graviert ist. Und dann wird die vorgelesen und daraus die Zukunft vorhergesagt und alle sagen ‘Ah, ja, in 100 Jahren – so wird es also!’”
Plakative Thesen statt kritischer Berichterstattung – so sieht Bojanowski es. Andere, wie Christopher Schrader, wollen dagegen einfach aufrütteln.
“Wie viel Missionsarbeit steckt denn da auch dahinter?”
“Das kann – meinen Sie für mich, als Mission?”
“Ja, persönlich.”
“Ja, es ist eine persönliche – ich finde das sehr wichtig. Ich richte auch einen Teil meiner journalistischen Arbeit danach aus.”

Und nicht nur er. Der “Hitze-Sommer” hat gezeigt: Viele Journalisten machen für jedes Wetterextrem pauschal den Klimawandel verantwortlich.
“Es sind Wetterphänomene in Deutschland, die uns aber die Folgen der globalen Klimaveränderung vor Augen führen.”
“Es sind gar keine kleinen Ausnahmen mehr, sondern das ist der Klimawandel. Dominik Jung, Sie sind Meteorologe. Können Sie das so bestätigen?”
“Ja, das ist in der Tat der Klimawandel.”

“Schlechte Nachricht für alle Biertrinker: Der weltweite Klimawandel sorgt für einen eklatanten Rückgang der Gerstenerträge, einer der Hauptbestandteile von Bier.”
Hamburg, das Deutsche Klimarechenzentrum. Hier lassen viele Wissenschaftler ihre Modelle berechnen – Stoff für Medien. Wir treffen Axel Bojanowski – und Christoph Koch. Auch der “Stern”-Journalist vermisst oft Sachlichkeit, wenn es um den Klimawandel geht.
“Es hat diese Geschichten gegeben, die sagen ‘Okay, jetzt habe ich endlich den Ansatz quasi, mein moralisches, appellatives Geschichtchen zu erzählen’. Das ist nicht abschätzig, sondern das ist wahrscheinlich auch eine Herzenssache, aber das ist nicht aufklärerisch.”
“Man bekommt, wenn man die Berichterstattung differenziert, vor allem von Kollegen Gegenwind. Das ist so. Da weiß man dann, okay, jetzt wird von einem erwartet, dass man sich anpasst.”

In einem Kommentar kritisierte Bojanowski etwa die „überhitzte“ Berichterstattung. Die Reaktion bei Twitter folgte prompt:
“Das Grundproblem mit dem Kommentar ist, dass du auf Medien schimpfst (…) Willst Du wirklich den Leugnern in die Hände spielen?”
Bojanowski antwortet:
“Die Angst den Falschen nicht in die Hände spielen zu wollen, führt zu eben jener polarisierten Berichterstattung, bei der alle Fakten egal sind, sondern nur die Bedienung des Gruppeninteresses zählt.”
Etwa bei der Berichterstattung über Waldbrände:
“Also wenn man sagt, die Waldbrände kommen vom Klimawandel, dann muss man schon erst mal erklären, warum denn Waldbrände abgenommen haben im letzten Jahrzehnt global. Das muss man zumindest einmal sagen den Leuten, weil das Gefühl ist ja: Die Waldbrände — und jetzt verbrennen wir alle. Und dieses Gefühl sollte ja offenbar bewusst auch ausgelöst werden. Aber die Statistik bestätigt das eben nicht.”
…auch wenn es dieses Jahr in der Tat besonders viele Waldbrände gab. Und muss, so seine Kritiker, Klimaberichterstattung nicht genau diesen Moment nutzen – um den Leuten die Augen zu öffnen?
“Dass es diese Polarisierung in der Szene gibt, finde ich gut. Und was man positiv hervorheben muss, ist, dass es jetzt auch nicht so ist, dass Du jetzt nicht publizieren könntest. Ich glaube, die Elastizität hat der Journalismus schon noch, dass er diese Diskussion intern behausen kann.”
“Aber nicht überall! Dass muss man eben sagen. Man ist angewiesen auf einen starken Ressortleiter, auf einen starken Rückhalt. Ich kenne einige freie Journalisten, die sich das Thema nicht mehr zutrauen, weil es zu heiß ist.“
Tatsächlich ist eine sachliche Diskussion über den Klimawandel schwierig in einer Zeit, in dem er selbst dem Burda-Verlag gleich zwei Bambis wert ist.
“Wir können nicht länger zulassen, dass Shareholder Value, also der Aktienwert wichtiger ist, als die Natur. Denn das muss nicht so sein.”
Oft beherrschen Emotionen die Debatte und nicht Fakten – sagen auch Medienwissenschaftler.
“Ich glaube, dass die Einordnung von Unsicherheit zu kurz kommt. Also ein Verständnis dessen, wie Wissenschaft eigentlich arbeitet. Denn Wissenschaft sucht nie die absolute Wahrheit, das geht nicht, sondern Wissenschaft versucht immer, bessere Modelle über Realität abzubilden.”
Christopher Schrader hat lange für die “Süddeutsche Zeitung” berichtet. Er sagt offen: Mit Unsicherheiten der Klimaforschung hält er sich schon lange nicht mehr groß auf. Die seien nämlich: gefährlich.
“Wenn man sagt, etwas ist vermeintlich unsicher, dann ist es für viele Leute erst mal das Signal, abzuwarten, bis die Wissenschaft sich geeinigt hat. Und mehr wollen die Lobbyisten der Kohle- und Ölindustrie überhaupt nicht.”
Ein Lobbyist der Kohle und Ölindustrie ist Axel Bojanowski nicht. Auch kein Klima-Leugner. Im Gegenteil. Aber mit seiner Position stand er auf der Wissenswerte ziemlich alleine da.
Wollen Sie jetzt trotzdem weiter sozusagen Ihren Kurs fahren?
“Also, ausgewogene, neutrale, faktentreue Berichterstattung muss es geben. Das werde ich immer so machen. Damit verdiene ich mein Geld. Dafür werde ich bezahlt. Und davon lasse ich mich nicht abbringen durch was auch immer.”

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)