Subventionen für Print

Erstmal bekommen Zeitungen nun eine direkte Finanzspritze aus der Staatskasse. Für die taz bin ich der Frage nachgegangen, warum sich Verlage derart in Not sehen und wie es um die Unabhängigkeit bestellt ist.

für taz

Wie es aussieht, wenn sich eine Lokalzeitung zurückzieht, lässt sich künftig im nördlichen Rheinland-Pfalz bei der Rhein-Zeitung beobachten. „In den vergangenen Tagen erst wurde neu entschieden, dass es neben den drei großen Regionaldesks keine weiteren Ortskorrespondentenbüros in der Fläche geben wird“, heißt es in einem Rundschreiben der Chefredaktion. Mit anderen Worten: Die Lokalzeitung wird kaum noch Präsenz zeigen. Die lokale Berichterstattung werde darunter „enorm“ leiden, mahnt der Deutsche Journalisten-Verband.

Auch in der Redaktion fragen sich viele, wie so noch Kontakt zu Leser*innen aufrechterhalten, wie Geschichten „entdeckt“ werden sollen. Jeder wisse doch, wie wichtig Präsenz im Lokalen sei. Leser*innen schauten bei Problemen vor Ort bei ihrer Zeitung vorbei. Der Rückbau am Mittelrhein ist ein weiteres Indiz für die Krise der klassischen Zeitung. Die Politik möchte dieser Krise nun entgegenwirken, der Bundestag hat Ende vergangenen Jahres Subventionen beschlossen.

Denn die Kurve der Auflagenkontrolle durch die Informationsgemeinschaft IVW zeigt für alle Titel kontinuierlich nach unten. 2009 verkauften Verlage täglich noch knapp 24 Millionen Exemplare. Im vergangenen Jahr waren es nicht einmal mehr 15 Millionen. Während das Geschäft mit gedruckten Zeitungen einbricht, weil Abonnent*innen keine Lust mehr haben oder schlicht sterben, wachsen zwar die Umsätze im Digitalen – oft sogar kräftig. Aber das Digitale fängt noch nicht auf, was bei gedruckten Zeitungen wegfällt.

„Es gibt einen Zeithorizont von fünf Jahren“, sagt Katrin Tischer, die Geschäftsführerin des Verlegerverbandes BDZV. Der hat seine Mitglieder befragt, wann das Digitale mehr bringt, als im Gedruckten einbricht. Tischer spricht von „viel Optimismus“ und einer „positiven Aussicht“. Mindestens bis dahin, also 2025, sollen aber die Steuer­zahler*innen einspringen.

Die genannte Subvention, der Haushaltsposten „Förderung der Zustellung von Abonnement­zeitungen und Anzeigenblättern“, sieht für das laufende Jahr 40 Millionen Euro vor. Wie der Titel schon sagt: Gefördert wird allein das Austragen gedruckter Exemplare. Auf diese Abgrenzung legen die Verleger*innen großen Wert. Nicht alle finden die Idee gut, Zeitungen an den Tropf des Staates zu legen. Von Springer-Boss Mathias Döpfner, der immerhin Präsident des Verleger­verbandes ist, sind deutliche Worte überliefert: „Lieber Insolvenzen von Zeitungen als der subventionierte Verlust ihrer Unabhängigkeit.“

Sozialere, dafür teurere Zustellung

Nun hatte sich ausgerechnet Döpfners BDZV in der Politik starkgemacht für Subventionen. Döpfner selbst traf sich dafür mit Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Wer sich beim BDZV nach diesem Widerspruch erkundigt, erfährt: Der Spruch habe sich allein auf Finanz­spritzen bezogen, die direkt auf Redaktionen abzielten. Genau das passiert in Frankreich mit der „Modernisierungsförderung“ oder in Dänemark und Schweden mit der „Innovationsförderung“: Regierungen bezuschussen die Entwicklung digitaler Produkte und so letztlich Stellen in Newsrooms oder verlagseigenen Start-ups.

Das Arbeitsministerium ließ sich in einer Studie die Presseförderung in Europa zusammenstellen. Dem Vernehmen nach soll es zunächst auch dieses Modell favorisiert haben. Schließlich wäre es dabei um die Förderung der Zukunft gegangen, nicht um lebensverlängernde Maßnahmen für ein altes Medium. Die deutschen Ver­leger*innen sollen aber vehement abgelehnt haben. Nur eine „Logistikförderung“ garantiere Unabhängigkeit.

Dass sich in der Bundesregierung das Arbeitsressort um die Presseförderung kümmert, hat einen Grund: Die Einführung des Mindestlohns hat das Austragen der Zeitungen teuer gemacht. Zusteller*innen – bundesweit sind das etwa 100.000 – wurden früher pro Stück bezahlt. Inzwischen bekommen sie einen Stundenlohn. Das ist sozialer, für die Verlage aber teurer. Die Verlage rechneten der Politik in Lobbytreffen und Briefen vor, dass die Zustellkosten allein für Tageszeitungen von 1 auf 1,4 Milliarden Euro pro Jahr gestiegen seien.

„Auch wenn inzwischen mehrere Tausend Abonnenten unsere Zeitungen digital lesen und wir über die mobilen Kanäle rund um die Uhr informieren, wollen die Menschen weiterhin überwiegend ihre Zeitung gedruckt in Händen halten, morgens spätestens um 6 Uhr“, schrieben etwa die Verleger von Schwäbischer Post und Gmünder Tagespost. „Neu-Abonnenten wählen zu über 90 Prozent das gedruckte Exemplar.“ Für ihre Schreiben haben sich auch konkurrierende Verleger zusammengetan. „Wie Telekommunikation, Strom und Verkehr ist ein flächendeckendes Pressezustellnetz eine Infrastruktur von erheblichem Wert für unsere Gesellschaft“, notierten die Geschäftsführer von Süddeutscher Zeitung und Münchner Merkur.

Mehr Geld für Zeitungen in ländlichen Regionen

Manch einer versucht es noch, indem er die Effizienz hochschraubt. Eine Delegation der Mediengruppe DDV, der die Sächsische Zeitung gehört, hat sich in Norwegen Elektrofahrzeuge besorgt. Platz haben eine Person und viele Zeitungen. Zu­stel­ler*innen können in beide Richtungen aussteigen, müssen also nicht ums Auto herumlaufen, um an Briefkästen zu kommen. Die DDV ist nun General­importeur für Verlage in ganz Deutschland.

Die Subventionen für die Verlage liegen unterdessen noch auf den Konten der Regierung. Das Arbeitsministerium muss erst einen Verteilungsschlüssel vorlegen. Im Gespräch ist nach Informationen der taz eine Staffelung: mehr Geld für die umständlichere Zustellung in ländlichen Regionen, weniger in Metropolen.

Wann es so weit ist, möchte eine Sprecherin des Ministeriums nicht sagen. Dort dürfte man sich aber immerhin mit der Not der Verlage auskennen: Das Ministerium wird von der SPD geführt. Die wiederum ist über ihre Tochter DDVG an diversen Verlagen beteiligt, etwa an der Madsack-Gruppe in Hannover.

Doris Achelwilm, die medienpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, bezeichnet den ganzen Vorgang als „in der Sache intransparent und unstimmig“. Die Koalition habe ein Preisschild gedruckt, wolle aber erst jetzt ein passendes Produkt dazu erfinden. Kritik kommt auch von den Grünen: Ein Gießkannensystem sei ein „zweifelhafter Weg“, um die Zeitungslandschaft zu fördern. Vielmehr müsse darüber nachgedacht werden, die zunehmende Zeitungskonzentration zu verhindern, dass wenigen Verlagsgruppen immer mehr Titel gehören oder für sie zentral überregionale Berichterstattung produzieren.

Der Verlegerverband BDZV will jedenfalls weiter lobbyieren. Im nächsten Haushalt sollen weit mehr als 40 Millionen Euro freigegeben werden. Nach der Umstellung auf den Mindestlohn gelte es, zusätzliche Ausgaben von 400 Millionen Euro zu kompensieren, allein bei den Zeitungsverlagen. „Die beschlossene Förderung reicht überhaupt nicht“, sagt BDZV-Geschäftsführerin Tischer.

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de

radioeins-“Medienmagazin” vom 9. März 2019

In unserer radioeins-Sendung blicken Jörg Wagner und ich diesmal auf den Amoklauf in Winnenden und die Verfehlungen der Medien zurück. Außerdem geht’s um Axel Springer.

für radioeins

— Inhalt der Sendung —

1. Axel Springer SE mit Wachstum bei Umsatz, Ergebnis und Dividende
Noch erzielt das Axel-Springer-Verlagshaus knapp über 50% seiner Erlöse aus journalistischen Produkten. Der Verkauf digitaler Abonnements für BILD und WELT ist weiter gestiegen, Bild+ hat inzwischen 420.000 digitale Abonnenten. Das sei die höchste Abonnentenzahl in Kontinentaleuropa und Platz 5 weltweit.
O-Ton: Ausschnitt Bilanz-Pressekonferenz der Axel Springer SE, 07.03.2019
Fragen: Jörg Wagner + Daniel Bouhs
Interview mit Dr. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender Axel Springer SE
Autor: Daniel Bouhs

2. Noch keine Einigung über künftigen Rundfunkbeitrag in Sicht
Wenn die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten in zwei Wochen zu ihrer nächsten Tagung zusammentreffen, könnte die Frage, ob der Rundfunkbeitrag weiterhin nach der herkömmlichen Methode berechnet wird oder durch eine sogenannte Indexierung gekoppelt an die Inflationsrate weiterhin offen bleiben. Diskutiert wird gegenwärtig auch, ob man die Beitragsperiode auf 6 Jahre verlängert und eine Kombination aus beiden Modellen realisieren sollte.
Interview mit Heike Raab, Bevollmächtigte des Landes Rheinland-Pfalz beim Bund und für Europa, Medien und Digitales als Staatssekretärin in der Staatskanzlei, maßgebliche Koordinatorin in der Rundfunkkommission der Länder
Autor: Jörg Wagner

3. 10 Jahre nach dem Amoklauf in Winnenden (1)
Am 11.03.2009 tötete ein ehemaliger Schüler der Albertville-Realschule von Winnenden 15 Menschen und danach sich selbst. Die mediale Berichterstattung überschritt das bis dahin bekannte Ausmaß. Respekt vor der Trauer der Angehörigen musste polizeilich durchgesetzt werden. Redaktionen begingen mehrfach Rechtsbruch beim Veröffentlichen von Fotos der Opfer, die man sich aus den sozialen Netzwerken “besorgte”.
Studiogespräch mit O-Tönen von:
Archivtöne:
* Tagesschau, Tagesthemen extra, Tagesthemen, ARD, 11.03.2009
* ZDF-Reportage, ZDF, 15.03.2009
* Knut Bauer, SWR-Hörfunk, Reporter
* Anton Jany, ZDF-Studio Stuttgart
Autor: Daniel Bouhs (live, honorarpflichtig)

4. 10 Jahre nach dem Amoklauf in Winnenden (2)
Das “Besorgen” von Opfer- und Täterfotos durch unlautere Überredung oder Diebstahl gehört schon seit Jahrzehnten zu den Praktiken besonders von Boulevardmedien, die regelmäßig vom Deutschen Presserat gerügt wurden (“Witwenschüttler”). Doch Winnenden 2009 war eine Zäsur durch den offenen, ungeschützten Umgang mit Fotos und Selfies in sozialen Netzwerken und in “Opfergalerien”.
Interview mit Prof. Dr. Christian Schertz, Medienanwalt, spezialisiert auf das Persönlichkeitsrecht (im PodCast die Langfassung)
Autor: Jörg Wagner

>> Download MP3

Interviews zum Telemedien-Durchbruch

Verlage, öffentlich-rechtliche Sender und vor allem die Ministerpräsidenten der Länder haben sich auf neue Spielregeln für ARD, ZDF und Deutschlandradio im Netz geeinigt, den sogenannten Telemedienauftrag. Stimmen zum Spiel nach der gemeinsamen Pressekonferenz am 14. Juni 2018 in Berlin.

für NDR Fernsehen

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem Du auf "Übernehmen" im Banner klicken.
Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem Du auf "Übernehmen" im Banner klicken.
Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem Du auf "Übernehmen" im Banner klicken.

(Quelle: NDR-“Zapp”)

Deutschland sucht die Supermediathek

Die ARD-Chefs sind begeistert von der Idee einer Mediathek aus öffentlich-rechtlichen und privaten Angeboten – als Alternative zu US-Plattformen. Kann das funktionieren?

für ZEIT ONLINE

Deutschland sucht die Supermediathek weiterlesen

Gemeinsame Plattform von ARD und Verlagen

Es gibt kaum deutsche Alternativen zu sozialen Netzwerken und anderen Angeboten von Facebook und Google. Der BR-Intendant hat nun die Idee einer gemeinsamen Plattform mit Inhalten von Öffentlich-Rechtlichen und Verlagen eingebracht – eine Art “Super-Mediathek”.

für Deutschlandfunk

Manuskript des Beitrags
“Folgen Sie uns doch auf Facebook oder Twitter” – auch Sendungen auf öffentlich-rechtlichen Kanälen werben so um ihre Fans. Sie wollen mit ihrem Publikum in Kontakt bleiben und ihnen neue Inhalte schmackhaft machen – dafür sind soziale Netzwerke schließlich da. Allein: Redaktionen diskutieren zunehmend, ob das so klug ist, US-Plattformen eigene Inhalte zuzuschieben und so die Attraktivität der Portale zu erhöhen, die um die Inhalte herum Werbung platzieren und damit Milliarden machen.

Die Emanzipation von Googles Videoplattform Youtube, vor allem aber auch von Facebook – für den gegenwärtigen ARD-Vorsitzenden, den BR-Intendanten Ulrich Wilhelm, könnte sie das Projekt seiner Amtszeit sein: eine Art Super-Mediathek, auf der öffentlich-rechtliche, aber auch viele andere Inhalte Platz finden. Die Daten blieben unter eigener Kontrolle und nicht zuletzt auch: die Spielregeln.

“Sie lesen selber: Jede Änderung des Algorithmus, die ja nie besprochen wird, nie vorangekündigt wird, nie transparent gemacht wird führt dazu, dass man sofort im Wettbewerb entsprechende Folgen zu tragen hat. Und es wäre sozusagen ein ganz großer Wurf, den Europa leisten könnte, zu dem wir als Teilnehmer natürlich nur einen ganz kleinen Beitrag leisten könnten”, erklärte Wilhelm Journalisten bereits – weitgehend unbeachtet – zu seinem Amtsantritt im Januar. Inzwischen haben mehrere Intendanten ihre Sympathien bekundet, etwa Patricia Schlesinger vom RBB und Tom Buhrow vom WDR. Wilhelm gibt sich bescheiden. Tatsächlich aber ist er der Treiber dieser Idee.

“Es ist eine Idee, die darauf angelegt ist, mit den Verlagen auszuloten, ob es da Gemeinsamkeiten gibt. Also ich würde nicht sagen, so muss es sein – lieber Mathias Döpfner –, sondern die Frage wäre eher an ihn und viele andere: Könnte das ein Feld sein, über das wir gemeinsam nachdenken sollten?”

Mathias Döpfner – Präsident des Zeitungsverlegerverbandes BDZV und Vorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Verlages – kritisiert sonst die Öffentlich-Rechtlichen für ihre Onlineaktivitäten. Auf der Jahrespressekonferenz seines Konzerns ließ er aber erkennen, dass er einer gemeinsamen Sache gegen US-Plattformen wohlwollend gegenübersteht.

“Dieser Vorschlag ist interessant und diesem Vorschlag wohnt auch eine absolut richtige Idee inne”, sagt Döpfner. Er – das heißt: Axel Springer, aber auch der BDZV – wollen das prüfen. Allerdings mahnt der Chef-Verleger auch:

“Natürlich muss man immer sehr darauf achten, dass nicht ein Kooperationsangebot auch eine Umarmung wird, die das Gegenüber erdrückt und ihm die Luft abschnürt. Also das schauen wir uns sehr genau an und auch, glaube ich, ist hier sehr darauf zu achten, dass privater Sektor und öffentlicher Sektor getrennt bleiben.”

Die Hürden für eine Super-Mediathek aus Videos und Texten wären hoch, das lehrt auch die Erfahrung: ARD und ZDF wollten vor einigen Jahren “Germany‘s Gold” starten, eine gemeinsame Plattform für ihre Inhalte, aber auch für Filme von Dritten. Allerdings hatte das Bundeskartellamt etwas dagegen.

Und dann wäre eine solche Plattform auch technisch eine große Herausforderung. Facebook und Youtube haben immerhin die Such- und Vorschlagsalgorithmen ihrer Angebote über Jahre perfektioniert und auch das Tempo, also wie schnell Trefferlisten und die eigentlichen Inhalte erscheinen. Auch bei einer möglichen Personalisierung macht den US-Giganten so schnell niemand etwas vor.

Fraglich wäre zudem, wie Verlage etwa für ihre Inhalte Geld verlangen könnten. Google und Facebook arbeiten dazu derzeit an eigenen Modellen.

“Da ist ja wirklich von der Informatik und der mathematischen Seite her sehr, sehr viel an Denkarbeit zu leisten. Sie haben natürlich dafür auch einen beachtlichen Aufwand des Gesetzgebers zu bedenken”, sagt der ARD-Vorsitzende. Beim Bayerischen Rundfunk hat Wilhelm in den vergangenen Jahren passenderweise eine eigene Softwareschmiede aufgebaut. Sie hat zuletzt die ARD-Audiothek entwickelt, die viel Lob erfährt. Diese Einheit könnte helfen – und die Länder per Gesetzesänderung eine Super-Mediathek erlauben.

“Die Initiative soll ja einfach ein Nachdenken in die Richtung ermöglichen. Am Ende kommt es darauf an, ob alle die, die da als Akteure zu gewinnen wären, sagen, das könnte hilfreich sein.”

Der anhaltende Skandal um den Datenabfluss bei Facebook – er wird das Bedürfnis nach einer Emanzipation von den US-Plattformen gewiss noch einmal verstärken.

>> Download MP3 (Quelle: DLF-“Mediasres”)

Mehr Digitalabos, neue Struktur, stärkere Macht: Axel Springer 2017

Auf der Pressekonferenz des Axel-Springer-Verlags am 8. März 2018 in Berlin berichtet der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner , wie sich “Bild” und “Welt” 2017 im Digitalen entwickelt haben, wie sein Konzern hinter den Kulissen das Geschäft neu organisiert und warum die “publizistische Einflusssphäre” des Medienhauses wächst — und damit auch seine journalistische Verantwortung.

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem Du auf "Übernehmen" im Banner klicken.

Die unheimliche Kampagne gegen die ARD

Über die strategischen “Staatsfunk”-Vorwürfe der Verlage

für ARD Fernsehen

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem Du auf "Übernehmen" im Banner klicken.

>> Beitrag im ARD-Youtube-Kanal (Quelle: ARD-“Panorama”)

Geld für Textschnipsel?

EU-Digitalkommissar Günther Oettinger wirbt dafür, dass Plattformen wie Facebook oder Google Geld an Verlage zahlen, wenn sie Artikel-Auszüge anzeigen. Dagegen formiert sich Widerstand, wie Daniel Bouhs berichtet

für WDR5

Manuskript des Beitrags
www.google.de – für Millionen Nutzer auch in Deutschland ist die Seite das Portal ins Internet. Neun von zehn Suchabfragen laufen über Google. Sogar der Duden führt den Begriff „googeln“: „mit Google im Internet suchen, recherchieren“.

Wer im Netz recherchiert, dem liefert Google vieles, von Hintergründigem bis Banalem – darunter auch fast immer „News-Themen“ – Links zu aktuellen Artikeln, in denen der Suchbegriff vorkommt. Und Werbung – Links zu Anzeigekunden, die unter dem Suchbegriff als erste gefunden werden wollen.

Links auch auf die Online-Portale von Zeitungen und Zeitschriften neben Werbung – bei Verlegern regt sich großer Unmut über dieses Prinzip der digitalen Welt:

„Es reicht ein Mausklick und man kann Inhalte, die andere geschaffen haben, erfolgreich vermarkten, ohne einen einzigen Cent investiert zu haben – und viele Suchmaschinen, Aggregatoren und Webseiten tun das. Genau das!“

, mahnte jüngst Mathias Döpfner auf dem Berliner „Zeitungskongress“. Döpfner leitet das Medienhaus Axel Springer – mit „Bild“ und „Welt“ – und ist neuerdings auch Präsident des Verlegerverbandes BDZV. Der Verbandschef ärgert sich über IT-Konzerne wie Google – aber auch Facebook. Denn verlinkt dort ein Nutzer für seine Freunde einen Artikel, dann übernimmt auch Facebook nicht nur einfach den Link, sondern auch Fotos und kurze Ausschnitte. Und wie Google zahlt auch Facebook den Verlagen dafür keinen Cent, verdient aber mit Werbung drumherum viel Geld.

„Das ist eine interessante Ordnung: Hier die Dummen, die anspruchsvolle Inhalte für teuer Geld erstellen, da die Schlauen, die die Inhalte von anderen kopieren und kostenlos anbieten, um sie durch Werbung zu vermarkten. Das kann nicht gut gehen. Der Staat steht in der Pflicht, der alltäglichen Enteignung von Verlagen ein Ende zu setzen!“

, forderte Verlagsvertreter Döpfner. Und er hat einen Verbündeten in der Politik: EU-Kommissar Günther Oettinger. Auch er empört sich über die Online-Konzerne:

„Die verdienen Mill-iarden! Der Kapitalismus von heute heißt ‚Werbestrategie von Online-Plattformen’. Und ich würde gerne davon einen Teil dorthin übertragen, wo der Inhalt verantwortet wird: Journalisten in Verlagen.“

, sagte Oettinger in Brüssel als er Journalisten seine Vorschläge für ein neues Urheberrecht erklärte. Darin: ein europaweites „Leistungsschutzrecht für Presseverlage“. Die sollen damit bei Google und Co. Geld verlangen können – für die kleinen Übernahmen aus ihren Seiten.

Das klingt nach einem noblen Ziel, allein: Schon seit Wochen laufen ausgerechnet viele Online-Journalisten Sturm. Chefredakteure – von FAZ.net bis zu „Zeit Online “ –veröffentlichen interne Statistiken: Etwa jeder fünfte Besucher komme über die Links von Google, weitere zudem über Facebook. Digitale Laufkundschaft, kostenfrei.

Damit zieht sich ein Riss durch die Verlagslandschaft: Auf der einen Seite traditionelle Verleger, die die Werbemilliarden der Digitalkonzerne neiden und davon etwas abhaben wollen. Auf der anderen Seite die eigenen Online-Journalisten, die Angst haben: Sie wollen nicht riskieren, dass Google und Co. ihre Inhalte am Ende ignorieren.

In einem Video warnen zudem EU-Abgeordnete aus fast allen Fraktionen – von den Piraten bis zur SPD – davor, dass das Gesetz auch Privatnutzer treffen könnte.

„Wenn das EU-Leistungsschutzrecht verabschiedet wird, dann ist schon das Teilen von kleinsten Ausschnitten aus Artikeln verboten, wie zum Beispiel die Überschrift auf einem privaten Blog.“
„Wir sitzen für verschiedene Parteien im europäischen Parlament, aber wir sind uns in einem einig: Wir lehnen Günther Oettingers Angriff auf die Linkfreiheit entschieden ab.“
„Ein bisschen ist dieser Plan wie Juressic Park: der Kampf der Giganten. Und die Nutzerinnen und Nutzer bleiben auf der Strecke. Der Medienfreiheit tut das niemals gut.“

Der Zeitungsverlegerverband BDZV hält dagegen: Ein europäisches Verlegerrecht werde „in keiner Weise“ private Links auf Texte aus Verlagshäusern beeinträchtigen. Allein: Unsere Nachfrage, worauf sich der Verlegerverband dabei beruft, wo sich etwa in Oettingers Urheberrechtspaket der Schutz für Privatnutzer findet – sie bleibt vorerst unbeantwortet. Der Verlegerverband will dazu in den nächsten Tagen ein Gutachten vorlegen. Der Streit um ein EU-weites Leistungsschutzrecht für Presseverlage geht dann in die nächste Runde. Vorerst noch mit dem alten Digital-Kommissar Günther Oettinger.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

Schutzmacht

Verlage EU-weit gegen Google

für NDR Fernsehen

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem Du auf "Übernehmen" im Banner klicken.
Manuskript des Beitrags
Der jährliche Zeitungskongress. Die deutschen Verleger beraten über ihre Zukunft in schwierigen Zeiten. Deshalb geht es auch um Politik. Links der EU-Kommissar, rechts der Chef-Verleger. Sie machen gemeinsame Sache – und wählen starke Bilder.
„In einem Land, in dem man in den Geschäften Brot stehlen darf, würde auch keiner mehr Bäcker werden. Nach wie vor ist es aber so, dass andere Unternehmen im Netz Artikel, Fotos und Videos kopieren und auf eigene Rechnung vertreiben und vermarkten können ohne dafür an die Verlage etwas zu bezahlen.“
Es geht vor allem: um Google. Sucht ein Nutzer etwa nach „Krankenkassen“ – dann listet die Suchmaschine prominent „News-Themen“ – Berichte über Krankenkassen. Aber: auch Werbung – für Krankenkassen. Das sind die Anzeigen, mit denen Google Milliarden macht – während der IT-Riese für die Zeitungsausrisse daneben – die „Snippets“ – nichts bezahlt.
„Wenn der Schutz geistigen Eigentums nicht gesichert ist, haben Verlage in Zukunft keine Perspektive. Und jeder, der etwas anderes sagt und die Verlage locker-flockig zu mehr Kreativität und neuen Geschäftsmodellen auffordert, lügt oder lenkt ab.“
Mit einem neuen europäischen Urheberrecht aber sollen die Verlage endlich Geld verlangen können –  sogar für kleinste Ausschnitte. Der EU-Kommissar verspricht:
„Eine eigenständige Rechtsposition, die nicht in Euro und Cent Ihnen schon Einnahmen garantiert, aber die Sie auf Augenhöhe bringt. Auf Augenhöhe bringt und die Online-Plattformen an den Verhandlungstisch bringt und zwingt, damit man faire Vergütungsregeln finden kann, gegebenenfalls vor Gericht sie einklagen kann und daraus eine Perspektive in der Online-Welt für Ihre Verlage und damit für Ihre Arbeitsplätze in Verwaltung und Redaktion entstehen kann.“
Sprich: Google soll für Verlagsinhalte zahlen.
Onlinejournalisten – wie hier bei „Zeit Online“ – aber wissen: Google bringt ihnen wichtige Laufkundschaft.
Der Chefredakteur erklärt es – und seine Redaktion hat das auch Oettinger mitgeteilt: Google bringt hier 20 Prozent, jeden fünften Besucher.
„In dem Fall ist sozusagen die Balance deutlich zu unseren Gunsten. Es ist natürlich für viele Verlage frustrierend zu sehen, dass ein – ich sage mal – Infrastrukturprovider wie Google so großartige Erlöse macht. Das ist aber sozusagen – das löst das Verlagsproblem nicht, dass es jetzt einen Player gibt wie Google. Wir müssen halt in so einer Welt uns zurechtfinden.“
Auf Twitter erklärt auch der Digitalchef der FAZ: Gut 17% seiner Besucher kommen über Suchmaschinen – also am Ende Google. Und Onlinejournalisten haben noch eine Sorge:
„Ein Aspekt des neuen Urheberrechts, wie es auf europäischer Ebene jetzt diskutiert wird, ist ja auch, dass es sozusagen Suchmaschinen nicht einfach so erlaubt sein wird, Inhalte zu kopieren und im Suchindex zu verarbeiten. Also nicht darzustellen, sondern überhaupt zu verarbeiten. Auch das ist verrückt. Also das heißt, dass Google eigentlich sein Geschäft abschalten muss, wenn wir Google keine Lizenz geben, unsere Inhalte zu indizieren. Das kann man schon machen. Es ist nur ein völlig neues Netz, das da entsteht. Und ich habe halt Sorge, dass da was kaputt geht, wenn das wirklich ernst ist, was da beschlossen werden soll.“
Und so denken viele Online-Journalisten kritisch über die EU-Pläne. Kommentieren sehr direkt: „Oettinger gefährdet das Internet“
Der aber versucht sich zu wehren, adressiert gezielt die Verleger.
„In vielen Ihrer Häuser haben Sie Offline- und Online-Redaktionen. Und bei den Onlinern war die Redaktion relativ negativ. Nicht Zensur ist gefragt, aber Überzeugung. Schwärmen Sie aus!“
Das klare Signal der organisierten Verlegerschaft an den Kommissar: Wir sind auf Ihrer Seite.
„Ich weiß auch, dass Sie mit erheblichen Widerständen zu kämpfen haben. Unsere Unterstützung ist Ihnen sicher. Wir werden alles daransetzen, Sie zu unterstützen, dieses Ziel zu erreichen.“
Verleger machen gemeinsame Sache mit der Politik – trotz Kritik ihrer eigenen Onlineredaktionen.

Journalisten-Klassenfahrt zur Europäischen Kommission.
Das gibt es hier öfter. Ungewöhnlich aber, wenn Journalisten über die Zukunft der eigenen Branche diskutieren – und dann auch noch mit jemandem, der eine andere Strategie verfolgt. Den Aufschlag macht Oettinger: Er schimpft auf Konzerne wie Google.
„Die verdienen Milliarden! Der Kapitalismus von heute heißt ‚Werbestrategie von Online-Plattformen’. Und ich würde gerne davon einen Teil dorthin übertragen, wo der Inhalt verantwortet wird: Journalisten in Verlagen. So einfach ist das.“
Der Schlagabtausch beginnt.
„Sie haben einen Tweet abgeschickt, indem Sie ein bisschen infrage gestellt haben, ob Leute, die Nachrichten googeln, wirklich auf den Seiten der Verlage landen. Da gab es ja auch ein paar Antworten von verschiedenen Chefredakteuren.“
Das Argument: Google bringt den Verlagen Leser. Oettinger allerdings: beharrlich.
„Die Zahlen von Zeitungen, die kennen Verleger. Und Chefredakteure eingeschränkt. Also ich wüsste jetzt nicht ein Chefredakteur, der Einnahmen/Ausgaben jeden Tag misst. Das ist nicht sein Job. Sein Job ist der Content. – Ganz ruhig bleiben!“
Aber mit der Ruhe ist es jetzt vorbei – und zwar auf beiden Seiten.
„Müssten nicht eigentlich die Verleger eher an Google als Content-, sozusagen als Content-Interessenten-Lieferant bezahlen?“
(Oettinger überlegt)
„Ja, ich finde es ja gut, dass der Deutschlandfunk Google-Lobbyist geworden ist. Alle Achtung!“
„Es ist halt Tatsache, dass Google nicht zahlen will. Was machen Sie denn, wenn Google auch auf europäischer Ebene nicht zahlt und quasi die ganzen Zeitungen ausgelistet werden? Also da wären Sie ja verantwortlich für noch mehr, also, Einnahmeverlusten von den Zeitungen.“
„Google ist bereit, den spanischen Markt auszublenden. Oder auch den deutschen. Aber nicht den europäischen.“

„Woher wissen Sie das?!“
„Weil ich glaube, dass man 500 Millionen potenzielle Nutzer und Partner nicht ausblenden will.“
Eine Annäherung ist auch nach 52 Minuten nicht in Sicht. Die Gräben scheinen tiefer als zuvor. Der Kommissar in der Kritik.
„In diesen Spezialbereichen des Digitalen, da lernt er offenbar noch jeden Tag hinzu – und da ist vielleicht noch ein bisschen Luft nach oben.“
„Er hat ja den Eindruck vermittelt, dass für ihn halt die Argumente der Verlegerverbände maßgeblich sind. Und ich hatte den Eindruck, dass ihn Einzelmeinungen von Journalisten gar nicht interessieren. Wenn Journalisten sagen, die Fakten, die die Verlegerverbände behaupten, die treffen gar nicht zu, dass ihn das halt gar nicht berührt, sondern dass er sagt, er muss die Meinung der Verbände vertreten und das ist seine Aufgabe als Kommissar.“

Und die scheint unveränderbar – trotz freundlicher Verabschiedung. Nach dem Klassenausflug nach Brüssel muss nun jeder hier mit seinem Verleger reden. Auch eine Hausaufgabe.
>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)