“Ich bin Greta”: Exklusiver Zugang zu Greta Thunberg

Der schwedische Filmemacher Nathan Grossman konnte Greta Thunberg ein Jahr lang begleiten – von den Anfängen ihres Schulstreiks über die Überfahrt nach New York bis zu ihrem Auftritt vor den Vereinten Nationen. Unter anderem für radioeins habe ich mit ihm über die Bedingungen für dieses Projekt und seine Erlebnisse gesprochen. “Ich bin Greta”: Exklusiver Zugang zu Greta Thunberg weiterlesen

Millionen für deutsche Verlage

Der Tech-Konzern Google pumpt immer mehr Geld in die Medienlandschaft, auch in Deutschland. Für ZAPP habe ich eine Zwischenbilanz gezogen.

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —
Google hat schon wieder etwas Neues. In der Google-eigenen „News-App“ dürfen Zeitungen und Verlage ihre Inhalte jetzt in einer Art „Schaufenster“ präsentieren. Von der „Zeit“ über „T-Online“ bis zum „Spiegel“. „Showcase“ heißt das. Und Google: zahlt dafür.
Der frühere „Handelsblatt“-Manager Gerrit Rabenstein verantwortet die Partnerschaften zu den Verlagen in Deutschland. Er ist ganz stolz.
[Gerrit Rabenstein, “Google News Initiative”] “Google News Showcase” ist in der Tat das größte und ehrgeizigste Projekt, was wir dieser Art gestartet haben. Über die nächsten drei Jahre wird Google dort 900 Millionen Euro investieren. (…) Was wir davon haben, ist: Wir können da, wir können unsere Nutzerinnen und Nutzern zum Beispiel in “Google News” zusätzliche, weiterführende Informationen anzeigen. Verlage haben davon, dass sie neue Nutzerinnen und Nutzer auf ihre Internetseiten teilweise auch für Bezahlcontent heranführen.“
Dem „Tagesspiegel“ und anderen Verlagen kauft Google die Texte aber nicht ab. Wer sie lesen will, den leitet die Suchmaschine auf das jeweilige Portal – mitunter direkt zum Abo-Angebot.
Im Verlag ist die Freude groß: Der Technologieriese schickt Publikum und auch noch Geld. Der Chefredakteur weiß jedoch: Damit verfolgt der Tech-Konzern natürlich auch eigene Ziele.
[Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur “Der Tagesspiegel”] „Google ist schon der Konzern, der sich im Moment am meisten auf die Verlage zubewegt hat. Das muss man schon sagen. Wie gesagt, wir machen uns da nichts vor. Aber es ist eines, es sind sehr interessante Schritte und es vor allen Dingen bedeutet für uns in der Umsetzung und in der Praxis, dass wir definitiv Vorteile haben und besser dastehen als vorher.“
Wenn es um Medien geht, ist Google seit Jahren allgegenwärtig. Mit seiner „Digital News Initiative“ und einem Nachfolgeprojekt pumpt der Konzern weltweit viele Millionen Euro in den Medienmarkt. Finanziert damit Digitalprojekte in zahlreichen Verlagshäusern. Google sponsert zahlreiche Journalistentreffen und investiert auch in die Ausbildung, etwa mit Stipendien für Datenjournalisten.
Ingo Dachwitz sieht das kritisch. Er legt gerade mit der Otto-Brenner-Stiftung eine Studie vor: „Medienmäzen Google“. Dafür haben die Autoren mit vielen in der Branche gesprochen.
[Ingo Dachwitz, netzpolitik.org] „Was die Verlagsleute angeht, ist erst mal ganz deutlich geworden: Viele Innovationsprojekte der letzten Jahre wären nicht zustande gekommen, wenn Google gar nicht dieses Geld gegeben hätte. Also Google stößt da in eine Lücke vor, die die Verlage in Sachen Innovation offengelassen haben. Das ist für viele Verlage, gerade auch für kleinere Verlage, aber selbst für die größeren essenziell gewesen, eigentlich an der Stelle die Unterstützung von Google zu bekommen. Und da ist so ein bisschen die Haltung: Der Journalismus braucht eigentlich jede Hilfe, die er kriegen kann, und kann deshalb auch nicht wählerisch sein an der Stelle, von wem es Geld gibt.“
Im Verlagshaus Gruner + Jahr hat der „Stern“ mit Geld von Google eine junge politische Talkshow entwickelt, zu sehen auf Googles Portal Youtube.
Auch technische Standards haben Medien gemeinsam mit Google entwickelt – etwa einen Code, der Webseiten schneller laden lässt – zum Beispiel: Nachrichtenangebote.
Googles Initiativen sind wohl auch eine Folge politischen Drucks.
Viele Verleger fordern seit Jahren: Die Politik soll Google verpflichten, für die Einbindung von Nachrichten in Google-Angeboten zu zahlen. Im Frühjahr soll es EU-weit soweit sein.
[Ingo Dachwitz, netzpolitik.org] „Wir können ganz klar nachweisen, welche strategischen Interessen es eigentlich gibt, die sich mit diesen Initiativen verbinden. Das ist der PR-Aspekt. Das ist die politische Landschaftspflege an der Stelle. Das ist das Abwehren von Regulierungsversuchen im medienpolitischen Bereich. Das ist teilweise auch die Vermarktung eigener Google Produkte.“
[Gerrit Rabenstein, “Google News Initiative”] „Ich habe manchmal den Eindruck, es wird laut gerufen danach, dass wir uns engagieren. Und wenn wir etwas tun, dann ist es aber auch wieder falsch. Ich glaube manchmal, unsere Kritiker müssen sich auch entscheiden, welche Rolle sie Google zugestehen möchten. Wir sind nicht nur als Technologieanbieter, sondern auch als Suchmaschine natürlich daran interessiert an einer engen Zusammenarbeit und einem engen Austausch.“
Für etliche Verlage überwiegt der Vorteil: Google nehme sie und ihre Sorgen ernst. Aber was ist mit der gesunden journalistischen Distanz?
[Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur “Der Tagesspiegel”] „Unseren Journalismus machen wir völlig unabhängig von Google. Es kann durchaus auch auf diese Art und Weise Artikel verlinkt werden von uns, von unserer Seite aus, die sich kritisch mit Google auseinandersetzen. Google hat null Einfluss auf die redaktionelle Arbeit. Es wäre noch schöner!“
Die Studienmacher berichten: Zumindest einzelne Gesprächspartner hätten durchaus Sorgen vor Selbstzensur und Beißhemmungen durch eine größere Nähe zu Google.
[Ingo Dachwitz, netzpolitik.org] „Wir haben von keinem Fall gehört, dass das Google jetzt als Tool benutzt hätte, um Berichterstattung zu verhindern oder explizit Einfluss zu nehmen. Das ist sozusagen die gute Nachricht. Die gute Erkenntnis an der Stelle. Die schlechte Nachricht ist: Es bleibt trotzdem nicht ohne Folgen für die Branche. Und es bleibt nicht ohne Gefahren für die Verlage.. (…) Wenn man anfängt, damit zu planen, dass es Geld von Google gibt an der Stelle, dann muss man auch stärker darauf achten, dass man den Förderer an der Stelle nicht verschreckt. Ich halte es aus journalistischer Perspektive nicht für klug.“
Google ist der „Gatekeeper“ im Internet. Dem können und wollen sich viele Medien nicht verschließen. Die Berührungsängste sind spürbar weniger geworden. Manche können sie sich womöglich einfach nicht mehr leisten.

(Quelle: NDR-“Zapp”)

Rechtsruck in den “Tagesthemen”?

Die ARD überarbeitet ihren Kommentarplatz – nicht nur das Etikett, sondern auch inhaltlich. Was das etwa für die politische Ausrichtung heißt und was Kritiker befürchten, habe ich für ZAPP zusammengetragen.

für NDR Fernsehen

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— Onlinebegleittext zum Film—
Fast auf den Tag genau vor einem Jahr, im Oktober 2019, trat Helge Fuhst als sogenannter Zweiter Chefredakteur der Redaktion ARD-aktuell in Hamburg an. Während sich sein Kollege Marcus Bornheim als Erster Chefredakteur vor allem um die “Tagesschau” kümmert und seine Kollegin Juliane Leopold in der Chefredaktion um die digitalen Aktivitäten, ist Fuhst für “Tagesthemen” zuständig. Dort schraubt er gerade an den täglichen Kommentaren. Der Chefredakteur spricht von einem “ganzen Paket” an Änderungen, die das Publikum nach und nach bemerken werde.

Der erste und sichtbarste Schritt ist auch bei Satiriker Jan Böhmermann angekommen. Nach 42 Jahren heißt der Kommentar in den “Tagesthemen” nun Meinung – wie Moderatorin Caren Miosga ankündigte, “ganz einfach, damit noch deutlicher wird, dass dies nicht die Ansicht der gesamten ‘Tagesthemen’-Redaktion ist, sondern die persönliche Meinung eines einzelnen Kollegen. Böhmermann vermutet, die “Angsthasenredaktion” befinde sich in einer “heraufbefürchteten journalistischen Defensive”, und fragte: “Was sind denn das für “Leute”, die das nicht verstehen?”

AfD und FDP fordern “Ausgewogenheit” – und die ARD zieht nach

Fuhst verteidigt den Schritt. Die Chefredaktion habe zwar keine Statistik geführt, sagt er, doch aus Diskussionen in Sozialen Netzwerken oder auch in der Zuschauerpost sei klar geworden, dass einige hinter dem Begriff “Kommentar” nicht das richtige vermuteten. “Wir sind auch nicht die Einzigen, die von ‘Meinung’ sprechen”, sagt Fuhst. Bei vielen Zeitungen hießen entsprechende Seiten schon lange so. Für die Chefredaktion passe der Begriff schlicht “besser in die heutige Zeit”. Ändern sollen sich bald aber auch das Format und vor allem die Bandbreite der Positionen.

Im Netz hat die “Tagesschau” Erfolg mit Pro-und-Contra-Kommentaren, bei denen gegensätzliche Meinungen direkt aufeinanderprallen. Das soll es künftig auch in den “Tagesthemen” geben – ein paar Mal im Jahr und zu ausgewählten Inhalten. Bei großen Themen sollen aber auch die klassischen, einzelnen Meinungsbeiträge über die Zeit unterschiedliche Positionen widerspiegeln. Auch dazu registriere die Redaktion immer wieder Kritik in Sozialen Netzwerken und per Post. Aus der Politik fordern vor allem AfD und FDP “Ausgewogenheit”. Dazu sei die ARD nun mal verpflichtet.

Während Fuhst in der Chefredaktion von ARD-aktuell grundsätzlich am Format arbeitet, wird die Auswahl der Themen und Kommentierenden von Rainald Becker als ARD-Chefredakteur in München koordiniert. “Ich sage mal, wenn sie im Jahr 25 Mal im weitesten Sinne Klimawandel kommentieren und 25 Mal immer aus der gleichen Richtung, dann blenden sie einen Teil der Bevölkerung aus”, sagt er. “Da wollen wir in Zukunft ein bisschen gegensteuern, um das mal klar zu sagen.”

Historiker warnt vor Diskursverschiebung nach rechts

In der Wissenschaft werden Zweifel laut, ob dieser Weg tatsächlich geboten ist. “Wessen Position wird eigentlich gehört, wessen Position wird gesendet und welche Position bekommt damit auch Legitimität?”, fragt Jürgen Zimmerer, Historiker an der Hamburger Universität. Er warnt vor einer “Diskursverschiebung” nach rechts. Zudem könnten extreme Positionen salonfähig gemacht werden.

“Multiperspektivität ist gut”, sagt Zimmerer. Zum einen sollten aber gerade schwierigen Positionen nicht ungefiltert Sendezeit eingeräumt werden, sondern nur mit einer Einordnung, sonst setzten sei sich fest. “Aber es gibt natürlich einen Rahmen, außerhalb dessen Positionen einfach absurd sind Ich warte dann auf den Kommentar in den ‘Tagesthemen’ zu ‘Die Erde ist eine Scheibe’ oder ‘Der Antisemitismus ist richtig’.”

Die Frage wird also sein, wie weit das Spektrum erweitert werden soll. “Antisemitische Meinungen haben in den ‘Tagesthemen’ überhaupt nichts zu suchen”, betont Becker. Solange er Chefredakteur sei, “aber mit Sicherheit” auch unter seinem Nachfolger Oliver Köhr, der im Mai antritt, werde es das nicht geben. “Da muss man dann einschreiten. Und ansonsten: Zwischen den Leitplanken, die uns die demokratisch-freiheitliche Grundordnung setzt, muss alles möglich sein.”

ARD will mehr Experten statt Stimmen aus der Hierarchie

Becker sucht nun mit den Chefredakteurinnen und Chefredakteuren der neun ARD-Sender neue Gesichter und vor allem Stimmen für den Kommentarplatz in den “Tagesthemen”. Mehr jüngere sollen es dem Vernehmen nach gerne sein, nachdem unter Becker der Anteil von Frauen an den gesprochenen Kommentaren im zuletzt ausgewerteten Jahr 2019 bereits auf 41 Prozent gestiegen ist – von beinahe 0 im ersten Jahr 1978. Außerdem sollen mehr Expertinnen und Experten, eventuell sogar Externe ihre Meinung sagen. Zurückstehen sollen dafür Hierarchinnen und Hierarchen der Sender, so der Plan.

“Wir werden keine Zensur ausüben”, erklärt Rainald Becker auf die Frage, wie der Kreis der Kommentierenden aus der ARD zustande kommen soll. Eine feste Liste soll es – anders als in den vergangenen Jahrzehnten – nicht mehr geben. “Wir werden rumfragen. Wir werden uns vielleicht ein bisschen mehr Zeit nehmen in unseren täglichen Schaltkonferenzen, eine Kommentatorin oder einen Kommentator zu einem bestimmten Thema zu finden. Aber wenn es eine bestimmte Richtung nicht gibt, dann gibt es sie nicht.”

Quelle: NDR-“ZAPP”

Nur eine Frau, nur weiße Gesichter

Eine Frau steht an der Spitze: Christine Strobl wird Programmdirektorin von “Das Erste”. Auch andere Spitzenpositionen haben die Intendanten neu besetzt. Auf WDR5 habe ich über (mangelnde) Diversität gesprochen.

für WDR5

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Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”

Zu große CDU-Nähe?

Als Programmdirektorin fürs Erste und die ARD-Mediathek hat Christine Strobl bald viel zu sagen. Doch das CDU-Mitglied begleiten Zweifel hinsichtlich ihrer politischen Unabhängigkeit. Dazu eine Analyse für ZAPP.

für NDR Fernsehen

Christine Strobl ist konsequent aufgestiegen: Die 49-jährige Juristin verantwortete beim Südwestrundfunk (SWR) die Kinder- und Jugendsendungen, später die Fernsehfilme.

Als die ARD vor zwei Jahren mit dem Film “Aufbruch ins Ungewisse” das Publikum mit der Fiktion zum Nachdenken brachte, weiße Menschen aus Europa müssten nach Afrika flüchten, schimpften AfD-Politiker “Staatsfunk” – und verwiesen auf das familiäre Umfeld Strobls.

Acht Jahre an der Spitze der Degeto

Vor acht Jahren hatte Strobl die Degeto übernommen, eine Tochter der ARD für Filme und Serien mit einem Jahresbudget im mittleren dreistelligen Millionen-Bereich. Grund genug für die “Bild“-Schlagzeile: “Schäubles Tochter füllt unser TV-Programm”.

Auch in den vergangenen Tagen, als ihr Aufstieg in der ARD die Runde machte, wurde in den sozialen Netzwerken immer wieder auf Strobls Familie hingewiesen: auf den Vater, Bundestagpräsident Schäuble (CDU), und ihren Ehemann, Thomas Strobl (CDU), den Innenminister von Baden-Württemberg. Der “Spiegel” stellt aktuell fest, Strobl gelte als “bestens vernetzt, sowohl im öffentlich-rechtlichen Rundfunk als auch in der Politik”.

In der CDU – aber nie im Amt

Tatsächlich bezeichnet sie sich auch selbst als politischen Menschen, zuletzt im Interview mit ihrem Heimatsender SWR1. Dort sprach der Moderator die Medienmanagerin darauf an, sie sei “früh” in die CDU eingetreten. “Ich beobachte Politik gerne. Ich habe auch wahnsinnig viele Gedanken dazu”, sagte Strobl. Aber: “Ich will [die Politik] nicht selber gestalten.”

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Ob das alle Zweifler überzeugen kann? Strobl wird von Mai an immerhin nicht mehr nur für eine Filmfirma zuständig sein, sondern für das gesamte Programm des Ersten und für die immer wichtigere ARD-Mediathek. Nach der jüngsten ARD-Sitzung erklärte auch der Vorsitzende Tom Buhrow, die Programmdirektorin sei äußerst mächtig. Sie sei nun für alle Genres zuständig.

Strobls bisherige Laufbahn zeigt: Um journalistische Formate hat sie bislang einen großen Bogen gemacht. Statt sich mit Nachrichtensendungen, Magazinen oder Dokumentationen zu beschäftigen, setzte sie im SWR etwa den “Tigerenten-Club” neu auf. Bei der Degeto, die vor ihrem Antritt in Skandalen versunken war, räumte sie auf – im besten Sinne. Mit “Babylon Berlin” organisierte sie der ARD einen großen Erfolg, im klassischen Programm, aber auch im Netz.

Kandidatur für SWR-Sitze abgelehnt

Für die ARD ist Strobl eine große Hoffnungsträgerin. Ihre bisherigen Projekte rechnen ihr die Intendantinnen und Intendanten der neun Landesrundfunkanstalten hoch an. Buhrow sprach von einer “extrem hohen fachlichen Kompetenz” und lobte Strobl dafür, dass sie “in Zeiten sich verändernden Sehgewohnheiten ein relevantes und attraktives Programm für Jung und Alt, für viele Menschen machen kann”.

Strobl weiß allerdings auch selbst um das Konfliktpotenzial, das eine erkennbare Nähe zur CDU mit sich bringt. Als sie 2019 als Intendantin des SWR im Gespräch war, lehnte sie ab. Der “Heilbronner Stimme”, sagte sie, da ihr Mann stellvertretender Ministerpräsident sei, ließe sich das mit einer derartigen Funktion nicht vereinbaren. Strobl verzichtete auf eine beachtliche Karriereoption, auch zum Schutz des Senders.

Strobl-Vorgänger war journalistisch involviert

Noch-ARD-Programmdirektor Volker Herres zeigt den zuliefernden Redaktionen, dass er sich auch für die journalistischen Formate interessiert – nach dem Geschmack einiger Redakteurinnen und Redakteure bisweilen zu sehr.

Wenn Strobl im Mai seine Nachfolge antritt, muss das nicht heißen, dass sie es ihm gleichtut. Die Konstruktion sieht schon immer getrennte Zuständigkeiten vor: Der Programmdirektor kümmert sich um den großen Rahmen des Programms, um das Sendeschema, wann also grundsätzlich welche Genres laufen, und vor allem um fiktionale Inhalte. Für alles Journalistische hat die ARD einen eigenen Chefredakteur, zuständig für “tagesschau”, “tagesthemen”, Dokumentationen und Talkshows.

Föderale Struktur der ARD schützt im Zweifel

“Die ARD ist doch nie eine One-Woman-Show, egal, wer da an der Spitze sitzt”, betont dann auch rbb-Intendantin Patricia Schlesinger, die einst unter anderem die Dokumentationen des NDR verantwortet und für “Panorama” gearbeitet hat. Für Schlesinger ist Strobl absolut integer. Die ARD seien aber immer viele, zum Beispiel die neun Chefredakteurinnen und Chefredakteure der einzelnen Anstalten oder auch deren Programmdirektorinnen und -direktoren: “Entscheidungen werden bei uns nie ganz allein, nie unkontrolliert getroffen.”

Die föderale Struktur als Schutz ist auch das Argument des ARD-Vorsitzenden, der glaubt, Strobl werde vermutlich so oft nach der CDU gefragt wie die Intendanten nach ihren Gehältern. “Die redaktionelle Hoheit liegt sowieso bei den Sendungen”, sagt Buhrow, der selbst länger für das Erste berichtet hat.

Auf eine klare Trennung der Funktionen kommt es an

In einem Pressegespräch zu den jüngsten ARD-Personalien betonte Strobl auf die Frage von ZAPP, wie sie bei Zweiflern für Vertrauen werben kann, dass ihre CDU-Nähe auch künftig keine Auswirkungen auf Programmliches haben wird: “Das eine ist eine private und persönliche Haltung und die hat im Job nichts zu suchen. Genauso werde ich das auch in der Zukunft handhaben.”

Zusammen mit der Spitze der ARD-Programmdirektion wechselt im Mai 2021 auch der ARD-Chefredakteur. Bislang ist das Rainald Becker. Im Mai – zusammen mit Strobl – soll nun Oliver Köhr folgen, der parteipolitisch unauffällige stellvertretende Leiter des Hauptstadtstudios. Und in die Versuchung, den “Presseclub” zu aktuellen politischen Themen im Ersten zu moderieren, so wie Programmdirektor Herres in den vergangenen Jahren, dürfte Strobl gar nicht erst kommen: Denn Herres bleibt vorerst an Bord, als Berater und Moderator.

Quelle: NDR-“ZAPP”

Wird bei radioeins jetzt Satire beschnitten?

Im Medienmagazin von radioeins haben Jörg Wagner und ich u.a. den Eklat um den Podcast mit Schroeder & Somuncu aufgearbeitet.

für radioeins

Dieser Beitrag wird hier lediglich als Arbeitsprobe präsentiert. Die Rechte etwa für Vervielfältigungen liegen beim rbb.

— Zeitmarken des Podcasts —
[00:00] INTRO: Schuldeingeständnis von Springer | [02:35] Eklat um radioeins-PodCast – Malcolm Ohanwe | [13:26] Eklat um radioeins-PodCast – Robert Skuppin | [21:20] M100 Media Award 2020 – Szabolcs Dull | [33:02] JVBB/DJV Berlin vor Vorstandswahlen – Ulrike Grönefeld/Steffen Grimberg | [46:27] Bonus: Kolumne Sarah Bosetti | [51:05] Bonus: Repodcast “Die Podcastin” | [1:29:50] Bonus: MCB Impact Day – TikTok-Panel

Quelle: radioeins-“Medienmagazin”

Im Wettlauf mit Spotify

Weil immer mehr Leute Podcasts hören und Musik streamen, fürchten klassische Radiosender um ihr Publikum – und werden kreativ. Notiert für die taz.

für taz

Thomas Jung leitet die erfolgreichste Popwelle der Republik: SWR3 vom Südwestrundfunk. Etwa 3,6 Millionen Menschen schalten täglich ein. Jung sagt, er gehöre nicht zu denen, die glaubten, das Radio sei tot. Er sagt: „Wir glauben, dass das Radio auch auf lange Sicht als Begleitprogramm erfolgreich bleiben kann.“ Jung will die Zukunft aber nicht dem Zufall überlassen. Wie viele Radiomanager investiert auch er dafür in technische Spielereien.

In der neuen Version seiner App kreuzt SWR3 seinen Sender mit dem, was NutzerInnen zunehmend von Spotify & Co. kennen. „Es gibt immer Titel, die einem auf den Geist gehen“, sagt Jung. „Uns ist es lieber, HörerInnen schalten innerhalb unseres Programms um als auf eine andere Welle oder in eine andere App.“ Nun kann das Publikum in der App des SWR auf Knopfdruck Musiktitel wechseln – im laufenden Programm.

Die Entwicklung, die auch die Jugendwelle DasDing nutzt, wird in der Szene gefeiert. Dabei ist der SWR gar nicht der erste Sender, der einen Eingriff ins Liveprogramm ermöglicht. Nach Entwicklungen in Österreich, Skandinavien und Großbritannien hat die Radiogruppe von RTL, zu der unter anderem Antenne Niedersachsen und das Berliner Spreeradio gehören, schon 2018 den „Swop“ eingeführt. Auch hier kann das Publikum nervige Titel wegdrücken.

Christian Schalt ist der „Chief Digital Officer“ der RTL-Radios. Auch er geht davon aus, dass das Radio seinen Platz neben Plattformen wie Spotify verteidigen wird: „Radio hat den unschlagbaren Vorteil, dass es NutzerInnen nichts kostet“, sagt Schalt. „Wenn um das Radio herum aber immer mehr Audioplattformen starten, dann ist die Antwort, diese Technologien auch zum Radio zu bringen.“

Eine ganze Diskothek im Handy
Hat SWR3 seine neuen Funktionen in der App einfach von RTL kopiert? Tatsächlich sind die Entwicklungen nur auf den ersten Blick vergleichbar. Wenn in den Programmen der RTL-Radios Musiktitel starten, laufen im Hintergrund eine Handvoll alternativer Titel an, in die NutzerInnen „swoppen“ können. Die SWR-Apps sind dagegen mit der gesamten „Rotation“ der jeweiligen Welle verknüpft. Das System greift auf bis zu 1.600 Titel zu und ist lernfähig.

„Wir wollten nicht parallele Musikstreams mit einer Scheinauswahl laufen lassen, sondern dass das Publikum auf unsere gesamte Musikauswahl zurückgreifen kann“, sagt SWR3-Programmchef Jung. Da schwingt der Seitenhieb mit, das Modell der privaten Sender sei nicht so ausgeklügelt. Das ist auch so, doch die überschaubare Auswahl muss kein Nachteil sein: Während bei den RTL-Wellen die Alternativtitel mit dem Originaltitel im Liveprogramm enden und die ModeratorInnen punktgenau wieder zu Wort kommen, bricht in den SWR-Apps die individuelle Musik ab, wenn die Moderation wieder startet.

Matthias Pfaff arbeitet an einem dritten Weg. Er verantwortet die Digitalstrategie der Gruppe Regiocast mit Stationen wie PSR in Sachsen und R.SH in Schleswig-Holstein. „Warum läuft Radio auch in einer Welt des Überangebots von Audio so gut?“, fragt Pfaff. „Menschen schätzen es, wenn sie auf einen Knopf drücken und ihnen Entscheidungen abgenommen werden.“ Individualisierung werde vor allem dann funktionieren, wenn HörerInnen nichts wegdrücken müssten. Apps könnten lernen, was NutzerInnen neben dem Hauptprogramm hören: Podcasts oder spezielle Streams einzelner Genres – immer nur Rockmusik zum Beispiel. Die App könnten dann dafür sorgen, dass die Musik im Liveprogramm automatisch an den Hörer angepasst wird.

Der Regiocast-Manager Pfaff vergleicht das mit einem Burger-Laden. „Die meisten Leute nervt es, wenn sie 15 Zutaten aufzählen und Fragen zum Brot oder zur Sauce beantworten müssen.“ Wer einen Burger wolle, wähle lieber ein Menü. „Wenn der Mann hinter der Theke seinen Gast besser kennt, empfiehlt der ihm eins und sagt, er lässt die Gürkchen weg und macht dafür Zwiebeln drauf.“ So müssten auch Radio-Apps funktionieren.

Spotify macht’s vor
Genauso läuft es bei Spotify. Mit „Daily Drive“ bietet die Plattform Pendlern ein individuelles Programm an, einen Mix aus der eigenen Lieblingsmusik, dazu Nachrichten und Beiträge, die klassische Radiosender als Pod­casts ins Netz stellen. Ein personalisierter Radiosender. Die Manager der klassischen Sender sehen in „Daily Drive“ eine Gefahr. Sie wollen Ähnliches bieten, kombiniert mit Livemoderationen, zu der auch regionale Informationen gehören. Beides kann Spotify nicht.

SWR3 hat seiner App noch weitere Funktionen verpasst. NutzerInnen können Musikstücke herzen und jederzeit nachhören. Und sie können im Live-Programm zurückspulen – für den Fall, dass sie nicht mitbekommen haben, welches Buch oder welcher Film da gerade empfohlen wurde.

Für all das hat der Sender mit der Verwertungsgesellschaft Gema und den Musiklabels mühsam einen neuen Tarif ausgehandelt. Damit der SWR die neuen Funktionen anbieten kann, zahlt der SWR extra an die Musikindustrie, allerdings nur für Zugriffe aus Deutschland. Im Urlaub Titel wegdrücken oder Lieblingstitel nachhören funktioniert nicht.

Andere Sender prüfen, ob und wie sie ihre Livestreams erweitern. Der SWR bietet seine Entwicklung der ARD an. Interesse hätten etwa der Rundfunk Berlin Brandenburg und Radio Bremen angemeldet. Der Bayerische Rundfunk will im Herbst das Zurückspulen anbieten. Außer­dem arbeitet er wie viele Sender daran, seine Radio-Apps auch auf die Systeme von Apple und Google in Autos zu bringen – wo sich Spotify & Co. schon breitgemacht haben, aber nur wenige Radiosender wie der Deutschlandfunk.

„Ich bin überzeugt, dass klassisches Radio dann weiter erfolgreich sein wird, wenn wir unsere HörerInnen stärker am Programm beteiligen, damit es auch wirklich ihr Programm ist“, sagt SWR3-Wellenchef Thomas Jung noch zur Zukunft. Bislang entscheide seine Redaktion, welches „Topthema“ am späten Nachmittag gesendet werde. Sie könne aber auch ihr Publikum befragten: ganz direkt und einfach über die App, natürlich.

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de

Brauchen wir eine zentrale Medien-Beschwerdestelle?

BILD wird für die Solingen-Berichterstattung dutzendfach gerügt, RTL praktisch gar nicht – weil es zu kompliziert ist. Das muss sich ändern, habe ich auf radioeins kommentiert.

für radioeins

— Manuskript des Beitrags —
Ist es uns also eher egal, was RTL macht?
Das glaube ich nicht. In sozialen Netzwerken und auch auf den Medienseiten der Zeitungen wird auch fleißig über RTL geschimpft – und das in diesem Fall sehr zurecht. Es wird einem nur nicht gerade leicht gemacht, sich über RTL zu beschweren. Den Presserat kennt, glaube ich, irgendwie jeder. Aber wer weiß schon, was Landesmedienanstalten sind, die die Privatsender kontrollieren?

Und selbst wenn man das weiß: Dann würde man sich ja zu RTL in Nordrhein-Westfalen beschweren – weil ja RTL in Köln sitzt. Tatsächlich hat der Sender aber mal seine Lizenz in Hannover erworben und wird deshalb in Niedersachsen beaufsichtigt.

Dabei wäre es total wichtig, auch RTL auf die Finger zu klopfen, weil der Sender ja das neue BILD werden will, vor allem im Netz: Da ist jetzt unter anderem zuständig Tanit Koch, die erklärtermaßen RTL.de kräftig ausbauen will zu einem großen Nachrichtenportal. Und die Kollegin war davor was? Chefredakteurin der BILD-Zeitung.

Uns wird es nicht leicht gemacht, uns über RTL zu beschweren. Wie könnte es denn besser laufen?

Also, ich finde es ist an der Zeit, das Beschwerdeverfahren über Medien zu professionalisieren und vor allem auch bekannter zu machen. Es ist einfach unübersichtlich: Für Veröffentlichungen von Verlagen gibt’s den Presserat, für Privatsender die Landesmedienanstalten – 14 Stück. Für uns wiederum, die Öffentlich-Rechtlichen, gibt es die jeweiligen Fernseh- und Rundfunkräte. Beim Presserat zum Beispiel sind die Tage auch ein paar Beschwerden zu RTL aufgelaufen. Die werden dort aber nicht bearbeitet, sagte man mir – und auch nicht weitergeleitet.

Wie hilfreich bitte wäre also eine zentrale Stelle – wenigstens für die Annahme aller Beschwerden über Medien. Die Landesmedienanstalten sind da schon einen ersten guten Schritt gegangen: Sie haben vor einigen Jahren programmbeschwerde.de gestartet. Was dort eingegeben wird, leitet die Zentrale dann an die zuständige Stelle weiter – ob privat oder öffentlich-rechtlich, wenn nicht wiederum von Verlagen. Aber auch da: Wer weiß, dass es das gibt?

Deshalb, mein Plädoyer: Damit wir alle mit Beschwerden helfen können, dass Medien gut kontrolliert und gerügt werden, wenn sie so in die Schüssel greifen wie jetzt BILD und RTL, braucht es eine und vor allem auch eine sichtbare Beschwerde-Zentrale für unsere Medienlandschaft.

Es müssen ja nicht gleich die Hersteller verpflichtet werden, auf jeden neuen Fernseher eine Hotline zu drucken. Aber: Medien geben viel Raum frei für die Bewerbung eigener Sendungen und Aktionen. Um die Beschwerdemöglichkeiten geht es dabei nie. Da wäre das Potenzial. Vielleicht ja auch für den berühmten Gesetzgeber.

(Quelle: radioeins)

Wie die deutsche Presse sich selbst kontrolliert

Der Presserat half einst, um ein Bundespressegesetz und damit eine staatliche Regulierung abzuwenden. Aber: Funktioniert das wirklich? Ein “Hintergrund” für den Deutschlandfunk.

für DLF

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— Manuskript des Beitrags —

Manfred Protze kann getrost „Mr. Presserat“ genannt werden. Er ist seit 33 Jahren dabei und schätzt, dass er seitdem bereits an etwa 15.000 Entscheidungen beteiligt war. Protze befindet mit seinen Kolleginnen und Kollegen darüber, ob Verlage Grenzen überschritten haben. Kurz nachdem Protze zum Presserat kam, war er 1988 selbst Berichterstatter eines Vorgangs, der das Gremium intensiv beschäftigt und geprägt hat.

Tagesschau 1988: „Das Geiseldrama ist heute gewaltsam beendet worden. Bei einer Schießerei auf der Autobahn Köln-Frankfurt konnten die Geiselnehmer von Gladbeck und Bremen überwältigt werden. Doch in dem Feuergefecht kam noch eine weitere Geisel ums Leben.“

Protze war Regionalreporter der Deutschen Presse-Agentur. Als die Geiselnehmer durch sein „Territorium“ bei Oldenburg fuhren und die Polizei eine Nachrichtensperre verhängt hatte, wollte er sich ein eigenes Bild machen. Die Geiselnehmer schossen auf das Taxi, in dem er saß. Zwar wurde niemand verletzt. Aber: Ein Journalist, von Geiselnehmern beschossen – konnte so jemand Teil des Kontrollgremiums der Presse sein?

„Zum einen habe ich natürlich als junges Mitglied im Presserat die Vereinbarkeit meiner Rolle als – wenn man so will – ethischer Richter mit meinem eigenen Rechercheverhalten zum Thema gemacht. Habe das dem Leitungsgremium des Presserats vorgelegt. Die haben aber keinen Anlass gesehen, mein Amt in irgendeiner Weise in Zweifel zu ziehen. Das war die eine Seite. Und die andere: Es gab Verhalten von Journalisten, das durchaus auch Grenzen überschritten hat.“

Den Presserat haben vor allem die Interviews beschäftigt, die Reporter damals telefonisch mit den Geiselnehmern führten. Während die Geiseln noch in einer Bank um ihr Leben bangten, aber auch, als sie mit ihren Geiselnehmern auf der Flucht waren.

TV-Beitrag: „Fußgängerzone Köln, der dritte Tag. Hier wurde das Gangsterstück vollends zur Massenunterhaltung. Und wieder: Die Journalisten ohne Abstand verhindern ein Eingreifen der Polizei. Interviews mit den Geiselnehmern.“
„Wir waren in einer Notsituation. Was sollen wir machen? Ich habe keine Lust, mich von Maschinenpistolen durchlöchern zu lassen, ne?“

Der Presserat sprach mehrere Rügen aus, erinnert sich Protze. Außerdem zog das Gremium Konsequenzen aus dem Fall. Es erweiterte sein Regelwerk.

„Und das Wichtigste dabei ist halt die Festlegung: Interviews mit Tätern während des Tatvorgangs darf es nicht geben. Also man darf ihnen während der Ausübung einer Straftat nicht auch noch eine öffentliche Bühne liefern. Und das zweite ist generell die Festlegung: Die Presse wird sich nicht als Propagandainstrument für Straftäter gleich welcher Art zur Verfügung stellen.“

Der Pressekodex ist Richtschnur für Journalistinnen und Journalisten. Das Gremium haben 1956 fünf Verleger und fünf Journalisten gegründet – nach britischem Vorbild. Sie konnten damit ein Bundespressegesetz abwenden, das eine stärkere staatliche Regulierung vorsah. Der Presserat steht damit auch für die Pressefreiheit. Heute tragen ihn der Zeitungsverlegerverband BDZV, der Zeitschriftenverband VDZ sowie die Gewerkschaften DJV und DJU.

Aktiv wird der Presserat nur, wenn sich Leserinnen und Lesern bei ihm über einen Bericht beschweren – egal, ob Texte in gedruckten Zeitungen erschienen sind oder in den digitalen Angeboten der Verlage. In den vergangenen Jahren erreichten das Kontrollgremium immer mehr Beschwerden, 2019 waren es 2.175. Nur 2015 waren es in der Geschichte des Presserats noch mehr. Das lag vor allem an einem Fall:

Tagesschau 2015: „Flugzeugkatastrophe in den südfranzösischen Alpen. Auf ersten Bildern des Unglücksortes sind Trümmerteile mit Schriftzügen des Germanwings-Flugzeugs zu sehen. Sie sind weit verstreut.“

Beim Absturz der Germanwings-Maschine gingen unter anderem Beschwerden zu sogenannten Opfergalerien ein: Boulevardzeitungen, aber auch Zeitschriften zeigten Fotos der Verstorbenen, dazu Namen und teilweise auch Hobbys sowie weitere Details, die sich in Profilen etwa auf Facebook recherchieren ließen. Der Germanwings-Absturz beschäftigte das Gremium aber auch über Opferfotos hinaus, erinnert sich Protze.

„Ich nehme mal als Beispiel die Frage: Durfte ein Medium aus den Krankenakten des Unglückspiloten zitieren oder nicht? Da gab es massive Beschwerden zum Beispiel von Ärzten, die der Auffassung waren, hier wird nicht nur das Persönlichkeitsrecht des Piloten verletzt, gegebenenfalls sogar seiner Angehörigen, sondern auch noch die ärztliche Schweigepflicht unterlaufen und dergleichen. Das sind dann Fälle, in denen wir wirklich sehr intensiv streiten.“

Am Ende entschied der Presserat unter anderem: Der Co-Pilot, der die Maschine zum Absturz brachte, durfte in den meisten Fällen benannt und gezeigt werden. Der Presserat rügte aber eine Veröffentlichung von Fotos der Getöteten – wie oft in solchen Fällen, zumal wenn es auch um Kinder geht.

Knifflig sind auch Fälle, in denen es um den Verdacht auf Schleichwerbung geht, wenn also in Zeitungen und Zeitschriften die Grenze zwischen journalistischen Veröffentlichungen und Anzeigen verschwimmt. Neben Regionalzeitungen erhalten vor allem Illustrierte Rügen für Schleichwerbung.

Schleichwerbung beschäftigt den Presserat zunehmend – und damit auch Sascha Borowski. Er ist seit August der neue ehrenamtliche Sprecher und seit 2014 im Presserat. Hauptberuflich ist er „Chief Digital Editor“ der „Allgäuer Zeitung“. Borowski engagiert sich im Presserat, weil ihm daran gelegen ist, dass die Branche selbst weiter auf ihre journalistische Sorgfaltspflicht achtet – einen zentralen Grundsatz des Pressekodex.

„Die meisten Beschwerden, die wir im Presserat bekommen, sind tatsächlich Leser von Regionalzeitungen, die ein ganz spezielles Verhältnis zu ihrer Zeitung haben. Die stehen zu ihrer Zeitung. Die finden ihre Marke gut. Die haben ein Verhältnis zu ihrer Marke und sie wollen, dass da wirklich in den Redaktionen, dass ihre Zeitung sauber und sorgfältig recherchiert. Und das muss unser Anspruch sein, bei allem Druck, den wir haben – wirtschaftlicher Druck, zeitlicher Druck. Und dazu gehört auch, dass wir, wenn wir Fehler machen und wir machen Fehler, dass wir die transparent korrigieren – übrigens auch im Digitaljournalismus. Das ist sehr, sehr wichtig. Da ist es sehr einfach, Texte kurz zu ändern, neu zu speichern und zu veröffentlichen und damit Fehler zu kaschieren.“

Verlage, die sich dem Presserat angeschlossen haben, haben sich auch zu Transparenz bei eigenem Fehlverhalten verpflichtet. Rügen, die der Presserat bei klarem Fehlverhalten gegen sie ausspricht, müssen sie demnach selbst veröffentlichen. Regionaljournalist und Presseratssprecher Sascha Borowski:

„Es ist, glaube ich, schon für jeden Journalisten nicht schön, wenn ihn Kolleginnen und Kollegen aus der Praxis rügen, weil er seine Profession nicht sauber gemacht hat. Insofern glaube ich schon, dass wir als Presserat durchaus eine gewisse Wirkung haben.“

Der gewissermaßen prominenteste Stammkunde des Presserats ist die „Bild“-Zeitung. Sie hat immer wieder deutlich gemacht, was sie vom Presserat hält. Die Redaktion berichtete schon mal unter Überschriften wie „Irre!“ über die Entscheidungen des Gremiums. In einem Fall – 2015 – starteten die Boulevardjournalisten sogar eine regelrechte Kampagne.

Der Presserat hatte entschieden, dass der Mord an einer 18-Jährigen nicht herausragend genug sei, um – ausnahmsweise – etwa auch ein Foto des Mörders zu veröffentlichen. Die Persönlichkeitsrechte, die auch Täter und Tatverdächtige hätten, seien wichtiger. „Bild“ berichtete tagelang und startete einen Aufruf:

„Wie finden SIE, dass der Presserat den Mord an einer 18-Jährigen ‚nicht besonders‘ findet? Sagen Sie ihm Ihre Meinung – und bitten Sie um eine Antwort!“

2011 drehte „Bild“ den Spieß sogar um, deutete die Rügen des Presserats zu einer Art Qualitätsmerkmal um:

„BILD erhält die meisten Beschwerden beim Deutschen Presserat. Weil wir uns nicht scheuen, unsere Meinung zu sagen und – im Interesse unserer Leser – den Mächtigen auf die Füße zu treten.“

Das alles ist ein paar Jahre her. Heute ist Julian Reichelt der Chefredakteur von „Bild“. Anders als seine Vorgänger will er nicht die Konfrontation suchen, sagt er:

„Es ist klar, dass Regulatoren – in dem Fall ja sozusagen Selbstregulatoren – und Regulierte nicht immer einer Meinung sind. Ich sehe allerdings keinen Anlass, da jetzt in irgendeiner Weise sozusagen zurückzuschlagen oder massiv Stimmung dagegen zu machen. Die machen ihre Aufgabe, wir machen unsere Aufgabe. Wie genau diese Aufgabe definiert ist, ist dynamisch. Wie Journalismus verstanden wird, was berichtet werden sollte, was nicht, ist immer in gewisser Weise auch dem Zeitgeist unterworfen – nach meinem Empfinden ein bisschen zu sehr dem Zeitgeist unterworfen.“

Reichelt sagt etwa: Wer es mit einem Mord an Kindern oder als Terrorist frei gewählt habe, in die Geschichtsbücher einzugehen, der solle da auch bleiben – auch mit vollem Namen. Und auch in einem anderen Punkt widerspricht er dem Presserat, dem neben Journalisten auch Vertreter von Verlagen angehören, auch vom Axel-Springer-Konzern, der „Bild“ herausgibt: Bei der Frage, ob die Presse Ausschnitte aus Videos zeigen darf, die Täter selbst ins Internet stellen oder live in sogenannten sozialen Netzwerken übertragen – wie 2019 die Attentäter in Christchurch und Halle.

Der Presserat entscheidet stets mit einfacher Mehrheit. Die will nicht, dass sich Journalistinnen und Journalisten zu Instrumenten von Tätern machen – wie bei den Interviews vor gut 30 Jahren in Gladbeck. Der „Bild“-Chefredakteur verteidigt hingegen seine Veröffentlichungen: Es gehe darum, die Täter und ihre Radikalisierung zu verstehen. Deshalb veröffentliche er auch Auszüge solcher Videos.

„Wer sind die Täter? Wie sind sie zu Tätern geworden? Was wurde da vielleicht nicht gesehen? Was wurde da übersehen? Und was von dieser Ideologie ist im Gange? Oder nimmt vielleicht sogar gerade noch zu? Was davon kann gestoppt werden? Was sehen wir da gerade nicht? All das ist nach meiner Auffassung die Aufgabe von Journalismus. Der Presserat kommt da zu einer anderen Auffassung. Aber das ist das Schöne in einem freien Land, dass man da darüber trefflich unterschiedlicher Meinung sein kann und auch streiten kann.“

Er selbst ärgere sich nicht über Rügen, sagt Reichelt. Und auch andere, langjährige Kritiker des Systems „Presserat“, hinterfragen die Wirkmacht des Kontrollorgans.

„Natürlich ist es nicht schön, so eine Rüge zu kassieren. Aber, ich meine: Wen juckt’s?!“

Medienjournalistin Ulrike Simon beobachtet die Arbeit des Presserats schon seit mehr als 20 Jahren, aktuell für die Branchenzeitung „Horizont“. Grundsätzlich ist das Instrument des Presserats eine gute Idee, sagt Simon. Die Medienjournalistin sieht in der Konstruktion aber auch ein Problem: Der Presserat sieht keine empfindlichen Strafen vor. Nur das würde aber ihrer Meinung nach in Redaktionen zu einer Verhaltensänderung führen, die sich konsequent anders verhielten, als es der Pressekodex vorsehe.

„Wenn ich Auto fahre, kann ich selbstverständlich immer wieder über rote Ampeln fahren, kann immer wieder die Geschwindigkeit übertreten. Ein Problem habe ich erst, wenn ich erwischt werde, wenn ich mehrfach erwischt werde, vielfach erwischt werde, mir einiges zu Schulden kommen lasse, dann habe ich irgendwann entweder Führerscheinentzug oder ich habe Punkte in Flensburg, muss irgendwann notgedrungen einen ‚Idiotentest‘ machen, wie man das landläufig nennt. So etwas gibt es in den Medien nicht. Es kostet kein Geld, es muss kein Chefredakteur noch einmal ein Volontariat machen, wenn er immer wieder Verstöße begeht. Diese Konsequenzen gibt es nicht und kann es auch nicht geben. Insofern ist es ein Dilemma, das nur zum Teil zu lösen ist.“

Das langjährige Presseratsmitglied Manfred Protze berichtet wiederum: Viele Verlage betrieben bei den Anhörungen einen teils beachtlichen Aufwand, um das Gremium mit ausführlichen Schriftsätzen davon zu überzeugen, dass eine Rüge in ihrem Fall nun gerade nicht angebracht sei. Ganz egal scheine ihnen eine drohende Rüge also nicht zu sein. Bei denen, die für die Rechte der Betroffenen einer Berichterstattung kämpfen, ist der Presserat wiederum kein beliebtes Instrument.

„Der Presserat hat in seiner Geschichte an der Praxis gerade der Boulevardmedien nichts, aber auch gar nichts ändern können.“

Der Berliner Anwalt Christian Schertz hat sich auf den Schutz von Persönlichkeitsrechten spezialisiert.

„Ich habe manchmal das Gefühl gehabt, dass gerade bei ‚Bild‘, in den schlimmsten Zeiten der ‚Bild‘-Zeitung, die Rügen eher sogar fast als Ehrung angesehen wurden. Nach dem Motto ‚Da haben wir mal wieder richtig gerockt‘. Und deswegen mache ich keinen Hehl daraus, bei allem Respekt vor dem von der Institution selbst und der Idee, dass er in der Praxis leider nichts verändert hat und auch keine Wirkung entfaltet. Das Einzige, was wirklich hilft, gegen diese Medien und solche Verrohung der Medien vorzugehen, sind presserechtliche Schritte bei Gericht.“

Dann, nur dann, drohten auch echte Strafen und vor allem auch: Strafzahlungen mit abschreckendem Charakter. Schertz wünscht sich zudem, dass sich der Presserat öffnet.

„Es sind letztlich die Vertreter von Burda, Bauer, Springer et cetera, die dort über sich selbst richten. Und damit ist es natürlich schon dem Grunde nach was Anderes, als wenn unabhängige Richter über so einen Fall entscheiden. Das heißt, ich würde mir wünschen, dass der Presserat, wenn er denn überhaupt mal Reformwillen entwickelt, versucht, unabhängige, vielleicht auch pensionierte Richter zu gewinnen für die Spruchkörper und nicht Verlagsvertreter aus den Boulevardmedien, aber auch aus anderen Medien, die dann letztlich über sich selbst entscheiden müssen, und man sticht dem anderen nicht so gerne ein Auge aus. Das ist auch bei Journalisten so.“

Der Presserat selbst sieht sich allerdings nicht als Ersatzjustiz, sondern als zusätzliches, brancheninternes Instrument – vor allem auch, um den einen oder anderen Streit zu klären, bevor ein ordentliches Gericht bemüht werden muss mit all den Kosten, die daran hängen.

Der Presserat bekommt laufend neue Fälle auf den Tisch. In diesen Tagen – mal wieder über eine Berichterstattung von „Bild“.

In Solingen soll eine Mutter fünf ihrer eigenen Kinder getötet haben. Deren elfjähriger Bruder, zum vermuteten Tatzeitpunkt in der Schule, tauschte sich anschließend per Whatsapp mit einem zwölfjährigen Freund aus. RTL, aber eben auch „Bild“ zitierten aus dem Chat, zeigte die beiden Jungen. Dabei mahnt die Richtlinie 4 des Pressekodex zu den Grenzen einer Recherche: Gegenüber schutzbedürftigen Personen sei „besondere Zurückhaltung geboten“ – bei Kindern und bei Menschen in einer „seelischen Extremsituation“.

„Bild“ hat den Text nach heftigen Protesten etwa in sozialen Netzwerken wieder aus dem Netz genommen – wie es vom Axel-Springer-Verlag heißt, um den Freund des Überlebenden nicht „dauerhaft identifizierbar“ zu machen. Außerdem habe die Mutter des Chatpartners die Veröffentlichung zuvor ausdrücklich erlaubt. Ob das eine weitere Rüge abwendet?

Schon länger liegen dem Gremium Eingaben vor im Fall einer polizeikritischen Kolumne der „taz“, gegen die Bundesinnenminister Horst Seehofer nach eigenen Angaben sogar eine Strafanzeige prüfte.

Die Autorin hatte – bereits im Juni und zudem satirisch – angeregt, Polizisten auf die „Mülldeponie“ zu werfen. Hunderte Beschwerden gingen beim Presserat ein. Der will an diesem Dienstag prüfen, ob die Kolumne gegen Ziffer 1 seines Kodex verstößt: die Wahrung der Menschenwürde. Medienkritikerin Ulrike Simon fragt sich jedoch, ob dieser Stoff überhaupt für das ehrenamtliche Gremium geeignet ist.

„Diese Kolumne strotzte vor Geschmacklosigkeit. Geschmacksfragen sind nicht das Thema des Presserats. Das ist ein Thema, das der Journalismus für sich diskutieren muss.“

Überfordern Kolumnen, zumal zugespitzt satirische, das Selbstkontrollgremium der Presse? Auch der neue Sprecher des Presserats, Sascha Borowski sieht schwieriges Terrain:

„Vieles dabei ist tatsächlich eine Stilfrage, eine Geschmacksfrage und vielleicht gar nicht unbedingt eine medienethische Frage. Insofern bin ich auch sehr gespannt, was die Kolleginnen und Kollegen im zuständigen Beschwerdeausschuss sagen werden, ja.“

In den 1950er-Jahren startete der Presserat mit einem Beschwerdeausschuss. Mittlerweile sind es drei. Das Kontrollorgan wächst mit der Masse der Beschwerden. Presserat-Sprecher Borowski wirbt dafür, den Presserat dennoch nicht zu überhöhen.

„Ich bin der Meinung, der Presserat ist vor allem ein Kollegengremium. Da sitzen 28 Fachleute, die aus der Praxis kommen, und die diskutieren über mögliche Verfehlungen von Kolleginnen und Kollegen und sagen dazu dann ihre Meinung. Und ich finde, so muss man den Presserat auch sehen: Der kann Tipps geben, der kann hilfreich sein, der kann immer wieder dazu anregen, dass die Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion wirklich diskutieren über Entscheidungen und damit sensibilisieren. Ich glaube, das ist so mit eine Hauptaufgabe des Presserates, bei der Arbeit in die Redaktionen hinein.“

Kritiker wünschen sich unter anderem, dass der Deutsche Presserat schneller entscheidet, gerade bei den eher wenigen Fällen, die groß in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Der neue Sprecher sagt: Ihm persönlich sei es bisweilen auch zu lang, wenn zwischen Veröffentlichung und Entscheidung mehrere Monate lägen wie nun bei der „taz“. Sascha Borowski bittet aber auch um Verständnis: In den Beschwerdeausschüssen säßen nun mal Praktiker, die neben ihrer hauptamtlichen Arbeit in Redaktionen und Verlagen ehrenamtlich zusammenkämen – und das eben derzeit vier Mal im Jahr.

(Quelle: DLF-“Hintergrund”)

Eingeschränkte Berichterstattung

Über die Folgen der Coronakrise für die Berichterstattung über die Tour de France habe ich in ZAPP berichtet.

für NDR Fernsehen

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Dieser Beitrag wird hier lediglich als Arbeitsprobe präsentiert. Die Rechte etwa für Vervielfältigungen liegen beim NDR.

(Quelle: NDR-“ZAPP”)