Das Geschäft mit Verkürzungen

In “Zitat-Kacheln” verkürzen Medien Reden und Interviews teils deutlich. Zusammen mit Caroline Schmidt habe ich mich für ZAPP gefragt: Wie legitim ist diese Praxis?

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —
Er ist einer, der Debatten gerne mal anheizt: SPD-Vize Ralf Stegner. Was denkt er, wie weit dürfen Medien das dann noch zuspitzen? Für ZAPP schaut er sich Texttafeln an. Erstes Beispiel: Ein langer Tweet: Thema Enteignung für bezahlbaren Wohnraum. Auf der Tafel verdichtet zu einem Halbsatz.
“Enteignung als Notwehrrecht für handlungsfähigen Staat.”
“Klarheit ist gut. Verständlichkeit auch. Das ist zulässige Polemik zwischen demokratischen Parteien. Dagegen ist nichts zu sagen.”
Das nächste Zitat nicht verkürzt, aber der Zusammenhang fehlt. So provoziert’s.
“Ein Diesel-SUV, das nur wenige Kilometer genutzt wird, ist umweltfreundlicher als der Kleinwagen mit hoher Fahrleistung.”
“Der hat das sicherlich ein bisschen anders sagen wollen, aber: Pech gehabt. Dass das den Spott der Konkurrenz findet, da darf er sich nicht beschweren, zumal er ja auch ein sehr zugespitzter Formulierer selber ist. Und insofern finde ich: Das gehört zum Geschäft dazu. Wem es zu warm in der Küche ist, der sollte nicht Koch werden. “
Zuspitzungen – für Stegner okay. Manches werde aber auch bewusst verdreht. Ein Tweet aus dem Jahr 2016 verfolgt Stegner bis heute.
Fakt bleibt, man muss Positionen und Personal der Rechtspopulisten attackieren, weil sie gestrig, intolerant, rechtsaußen und gefährlich sind.
Das rechte Portal PI-News nutzte das Zitat, um Stegner für einen Anschlag auf einen AfD-Politiker verantwortlich zu machen.
“Das missbrauchen die jetzt ständig, zu behaupten, man würde zur Gewalt gegen sie aufrufen – das ist ein Missbrauch, offenkundig das Gegenteil, was gemeint ist, auch in der Verkürzung nicht zulässig, weil ich in vielen Äußerungen immer klar gesagt habe, dass ich Gewalt ablehne, in jedweder Form.”
So funktionieren Texttafeln oder Kacheln. Scheinbar transportieren sie wörtliche Zitate. Tatsächlich aber sind diese oft verkürzt, der Kontext fehlt, manche gar verfälscht.
So auch im Fall Linnemann. Der CDU-Politiker hatte der Rheinischen Post ein Interview gegeben. Darin sagt er, dass Kinder, die kaum Deutsch können, auf einer Grundschule noch nichts zu suchen hätten. Die dpa griff diese Aussage auf, spitzte sie zu – mit folgendem Titel:
CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können.
Als die Journalisten bei der Rheinischen Post die Kachel sahen, waren sie überrascht.
“Unser erster Impuls war: Auweia, das werden die bereuen.”
Die Meldung verbreitete sich in Windeseile – und mit ihr die Empörung im Netz.
Dumpfbacken
Populistischer Unfug.
Rassistisch.

Schnell berichten Medien über den Aufreger:
Carsten Linnemann sorgt mit Grundschulaussage für Empörung
Kein Deutsch, keine Einschulung?
Eva Quadbeck mag eigentlich Zuspitzungen. Nur so bekomme man in den Sozialen Medien Aufmerksamkeit für die eigenen Inhalte.
“Aber man darf sie nicht unzulässig zuspitzen und man muss sich auch selber prüfen ob man mit dem mit der Art und Weise wie man zuspitzt nicht Missverständnisse produziert. Und ein Wort wie das Grundschulverbot produziert natürlich Missverständnisse und drückt auch denjenigen, der das gesagt hat einfach in eine falsche Ecke.”
Linnemann habe eine Vorschulpflicht gefordert. Kein Grundschulverbot. Gerade seriöse Medien sollten hier sauber sein.
“Weil wir mit diesen Meldungen auffallen wollen, lassen wir uns dazu herab immer steiler immer schriller zu werden? Nein das sollten wir natürlich nicht tun.
Die Verlockung ist allerdings groß im Kampf um die Aufmerksamkeit im Ne
tz. ”
Auch die Tagesschau verbreitet ihre Inhalte längst bei Facebook, Twitter und Instagram. So gut es geht jedenfalls.
“Wir können bei Instagram nicht einen kompletten Nachrichtenüberblick liefern, aber wir können den Menschen, die dort unterwegs sind eben zeigen, Tagesschau ist eine Marke für Nachrichten, und wer sich dafür interessiert, kann unser Gesamtangebot auch nutzen, auf anderen Kanälen auch nutzen.”
Ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen auch hier: Kacheln mit maximal verkürztem Text.
“Es ist immer eine Gratwanderung zwischen Verknappung und Kontext. Journalismus ist insgesamt immer eine Gratwanderung, weil es ja unheimlich schwer ist, das gesamte Bild abzubilden.”
Und so passieren ab und zu Fehler. Auf Twitter entschuldigt sich der Nachrichtenchef der dpa ausführlich:
“Linnemann hat nicht von einem Grundschulverbot gesprochen. Wir haben mit dieser selbstgewählten Formulierung die Äußerungen über ein journalistisch zulässiges Maß hinaus zugespitzt. Das bedauern wir.”
Ein richtiger Schritt, findet auch Eva Quadbeck, denn:
“Umso wichtiger ist natürlich dass die klassischen Medien ihr Geschäft entsprechend seriös betreiben und nicht selber eine Instagramisierung für sich zulassen. Die einfache Botschaft kann nur die Hinleitung zur Differenzierung sein.”
Wie gut müssen Grundschüler Deutsch können? Viele Zeitungen haben diese Frage dann doch noch erörtert. So hat eine reißerische Verfälschung am Ende zu einer ausgewogenen Debatte geführt.
“Man muss auch immer bedenken: Neben der virtuellen Welt gibt es immer auch eine reale. Und beides muss betrachtet werden. Und manche Aufregung ist wie gesagt ein Shitstörmchen im Wasserglas.”

>> Beitrag in der NDR-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

Claus Grewenig (VPRT)

Ulrich Deppendorf, einst Chef der “Tagesschau” und des ARD-Hauptstadtstudios, fordert aus dem Ruhestand einen echten Nachrichtensender von ARD und ZDF, also entweder ein stärkeres Phoenix oder Tagesschau24 im verlässlichen 24/7-Betrieb (Interview hier nachhören). Claus Grewenig, den Geschäftsführer des Privatsenderverbandes VPRT, der letztlich auch die Interessen von n-tv und N24 vertritt, habe ich gefragt, was er von dieser Idee hält.

Transparenzhinweis: Ich habe bereits selbst für ARD-aktuell gearbeitet (genauer: fürs “Nachtmagazin” und für tagesschau.de), außerdem werden meine ZAPP-Beiträge gelegentlich auf tagesschau24 wiederholt.

Brauchen wir einen öffentlich-rechtlichen Newskanal?

München, Türkei, Nizza: ARD und ZDF stehen in der Kritik

für B5aktuell

Manuskript des Beitrags
Nach dem Attentat in München ging das Konzept der ARD auf: Weil der Digital-Kanal Tagesschau24 ohnehin im Nachrichten-Betrieb war, reichten eine Entscheidung und ein Knopfdruck. Das Erste war „drauf“ und blieb es bis in die Nacht.

Auszug „Tagesschau“-Extra (nachrichtliche Moderation)

Das aber klappt nur, wenn Tagesschau24 ohnehin Nachrichten sendet. Und das ist eben nicht – anders als es der Sendername suggeriert – 24 Stunden am Tag der Fall. Nur eine Woche zuvor beendete Caren Miosga weit vor Mitternacht vorerst das Nachrichten-Programm im Ersten, obwohl sich in diesem Moment die Welt zu verändern drohte.

„…Wir verabschieden uns nach einem traurigen Tag für Frankreich und vor einer möglicherweise sehr beunruhigenden Nacht in der Türkei…“

Miosga gab ihren Zuschauern zwar noch mit auf den Weg: tagesschau.de informiert weiter. Wer aber vor dem Fernseher dabei sein wollte – der wurde erst mal enttäuscht, bis das Erste schließlich sein Programm mit neuen Informationen unterbrochen hat. Es sind Situationen wie diese, in denen sich Zuschauer mitunter einen echten Nachrichtensender von ARD und ZDF wünschen – und manch einer weiter zieht zu CNN oder BBC World. Prominentester Befürworter dieser Tage: Ulrich Deppendorf. Er hat lange selbst die „Tagesschau“ geleitet, zuletzt das Hauptstadtstudio der ARD. Heute ist er im Ruhestand – und empört sich:

„Warum wir es nicht schaffen, ein großes Nachrichten-, ein 24-Stunden-Nachrichtenprogramm hinzubekommen, ist mir ein Rätsel. Andere schaffen das. Es gibt in Spanien 24-Stunden-Kanäle, in Italien, in Polen.“

Für Deutschland sei die Zeit nun reif, sagt Deppendorf. Man könne Phoenix um- und ausbauen, gemeinsam mit dem ZDF. Oder aber aus dem Digitalkanal Tagesschau24 könnte mehr werden als bisher, ein verlässlicher Sender, der jederzeit aus dem „Tagesschau“-Studio sende, rund um die Uhr – das sei schließlich bisher nicht so.

„Hier müssen die Intendanten jetzt auch mal eine Grundsatzentscheidung fällen. Und die kann glaube ich auf Dauer nicht heißen, wir machen keinen 24-Stunden-Nachrichtenkanal.“

Kai Gniffke hingegen, der erste Chefredakteur der „Tagesschau“-Redaktion ARDaktuell, sagt ganz offen: Er will gar nicht, dass Tagesschau24 jeden Tag lückenlos auf Sendung ist. Die Ressource Korrespondent sei nun mal endlich.

„Natürlich wünsche ich mir einen Zustand, wo jedes Korrespondentenbüro der ARD – und wir haben sehr, sehr viele zum Glück –, dass jedes dieser Studios mit mindestens drei bis vier Korrespondenten besetzt ist. Das werde ich nicht schaffen. Und da würde es nicht sehr, sehr viel Sinn machen, in der Nacht um vier für eine sehr überschaubare Zahl von Nutzern dann noch Programm zu machen.“

Für einen lückenlosen Nachrichtensender müssten also – wie das der systemeigene Kritiker Deppendorf auch fordert – Korrespondentenbüros vor allem im Ausland verstärkt werden, mit mehr Geld oder auch indem anderorts gespart würde. Doch für die privaten Kanäle n-tv und N24 wäre solch ein öffentlich-rechtliches Aufrüsten ein Problem. So warnt Claus Grewenig vom Privatsenderverband VPRT:

„Da sind wir der Auffassung – ganz klar –, dass das bestehende Gesamtangebot von 23 TV-Kanälen, über 60 Radioprogrammen und über 100 Angeboten im Web auch ausreichen muss, um auch diese Fälle der Nachrichtenlage, wie sie jetzt aufgetreten sind, abzudecken – und zwar vornehmlich auch in den Hauptprogrammen, für die ja im Wesentlichen auch der Rundfunkbeitrag als Modell aufgesetzt wird.“

Mehr Nachrichten bei ARD und ZDF – damit hätten die Privatsender grundsätzlich aber kein Problem, sagt ihr Lobbyist. Ein echtes 24-Stunden-Angebot nach dem Design von CNN, BBC24 und Co. – das sei allerdings auch rechtlich schwierig.

„Wir gehen davon aus, dass auf Basis der jetzigen Gesetzeslage (…) ein 24/7-Kanal nicht möglich ist (…) Und wichtig wäre auch, dass der Öffentlich-Rechtliche hier das Privileg hat, bei solchen Themen auch nicht auf die Quote schauen zu müssen und deswegen sich auch im Hauptprogramm auch mal etwas trauen darf.“

Womit der Privatsender-Lobbyist meint: ARD und ZDF sollten einfach bei Großlagen im Hauptprogramm durchsenden. „Tagesschau“-Chefredakteur Gniffke favorisiert dieses Modell ebenfalls. In München ging das: Mit dem Bayerischen Rundfunk war ein ganzer ARD-Sender vor Ort. In der Nacht des Putschversuchs sei aber nur ein einziger Korrespondent vor Ort gewesen, Verstärkung unmöglich. Hier – und auch sonst – müssten gezielt Kräfte geschont werden.

„Wir können 24 Stunden aus diesem Studio live senden. Jederzeit. (…) Aber wir müssen Nachrichten auch ein bisschen dosieren. Wenn ich um 20 Uhr die Leute wirklich solide informieren will, dann kann ich nicht Tag und Nacht einen Korrespondenten bildlich gesprochen durch den Fleischwolf drehen.“

ARD und ZDF haben aus der Kritik an ihrer Berichterstattung aus Nizza und der Türkei offensichtlich gelernt, sendete aus München länger in den Hauptprogrammen. Und trotzdem: Gegen ein Uhr spielten ARD und ZDF – erst mal – wieder ihr Regelprogramm an: hier ein Krimi, dort eine Dokumentation. Auch Tagesschau24 und Phoenix sendeten anderes. Nutzer riefen wieder ins Netz: Wo, bitte, bleibt der öffentlich-rechtliche Nachrichtensender. Diese Debatte – sie wird anhalten.

>> Audio auf br.de (Quelle: B5aktuell-“Medienmagazin”)

Ein 24-Stunden-Nachrichtenkanal für ARD/ZDF?

für Deutschlandfunk

>> Download MP3 (Quelle: DLF-“Markt und Medien”)

Brauchen ARD und ZDF einen eigenen Nachrichtenkanal?

für SR2

Manuskript des Beitrags
Nach dem Attentat in München ging das Konzept der ARD auf: Weil der Digital-Kanal Tagesschau24 ohnehin im Nachrichten-Betrieb war, reichten eine Entscheidung und ein Knopfdruck. Das Erste war „drauf“ und blieb es bis in die Nacht.

Auszug „Tagesschau“-Extra (nachrichtliche Moderation)

Das aber klappt nur, wenn Tagesschau24 ohnehin Nachrichten sendet. Und das ist eben nicht – anders als es der Sendername suggeriert – 24 Stunden am Tag der Fall. Nur eine Woche zuvor beendete Caren Miosga weit vor Mitternacht vorerst das Nachrichten-Programm im Ersten, obwohl sich in diesem Moment die Welt zu verändern drohte.

„…Wir verabschieden uns nach einem traurigen Tag für Frankreich und vor einer möglicherweise sehr beunruhigenden Nacht in der Türkei…“

Miosga gab ihren Zuschauern zwar noch mit auf den Weg: tagesschau.de informiert weiter. Wer aber vor dem Fernseher dabei sein wollte – der wurde erst mal enttäuscht, bis das Erste schließlich sein Programm mit neuen Informationen unterbrochen hat. Es sind Situationen wie diese, in denen sich Zuschauer mitunter einen echten Nachrichtensender von ARD und ZDF wünschen – und manch einer weiter zieht zu CNN oder BBC World. Prominentester Befürworter dieser Tage: Ulrich Deppendorf. Er hat lange selbst die „Tagesschau“ geleitet, zuletzt das Hauptstadtstudio der ARD. Heute ist er im Ruhestand – und empört sich:

„Warum wir es nicht schaffen, ein großes Nachrichten-, ein 24-Stunden-Nachrichtenprogramm hinzubekommen, ist mir ein Rätsel. Andere schaffen das. Es gibt in Spanien 24-Stunden-Kanäle, in Italien, in Polen.“

Für Deutschland sei die Zeit nun reif, sagt Deppendorf. Man könne Phoenix um- und ausbauen, gemeinsam mit dem ZDF. Oder aber aus dem Digitalkanal Tagesschau24 könnte mehr werden als bisher, ein verlässlicher Sender, der jederzeit aus dem „Tagesschau“-Studio sende, rund um die Uhr – das sei schließlich bisher nicht so.

„Hier müssen die Intendanten jetzt auch mal eine Grundsatzentscheidung fällen. Und die kann glaube ich auf Dauer nicht heißen, wir machen keinen 24-Stunden-Nachrichtenkanal.“

Kai Gniffke hingegen, der erste Chefredakteur der „Tagesschau“-Redaktion ARDaktuell, sagt ganz offen: Er will gar nicht, dass Tagesschau24 jeden Tag lückenlos auf Sendung ist. Die Ressource Korrespondent sei nun mal endlich.

„Natürlich wünsche ich mir einen Zustand, wo jedes Korrespondentenbüro der ARD – und wir haben sehr, sehr viele zum Glück –, dass jedes dieser Studios mit mindestens drei bis vier Korrespondenten besetzt ist. Das werde ich nicht schaffen. Und da würde es nicht sehr, sehr viel Sinn machen, in der Nacht um vier für eine sehr überschaubare Zahl von Nutzern dann noch Programm zu machen.“

Für einen lückenlosen Nachrichtensender müssten also – wie das der systemeigene Kritiker Deppendorf auch fordert – Korrespondentenbüros vor allem im Ausland verstärkt werden, mit mehr Geld oder auch indem anderorts gespart würde. Doch für die privaten Kanäle n-tv und N24 wäre solch ein öffentlich-rechtliches Aufrüsten ein Problem. So warnt Claus Grewenig vom Privatsenderverband VPRT:

„Da sind wir der Auffassung – ganz klar –, dass das bestehende Gesamtangebot von 23 TV-Kanälen, über 60 Radioprogrammen und über 100 Angeboten im Web auch ausreichen muss, um auch diese Fälle der Nachrichtenlage, wie sie jetzt aufgetreten sind, abzudecken – und zwar vornehmlich auch in den Hauptprogrammen, für die ja im Wesentlichen auch der Rundfunkbeitrag als Modell aufgesetzt wird.“

Mehr Nachrichten bei ARD und ZDF – damit hätten die Privatsender grundsätzlich aber kein Problem, sagt ihr Lobbyist. Ein echtes 24-Stunden-Angebot nach dem Design von CNN, BBC24 und Co. – das sei allerdings auch rechtlich schwierig.

„Wir gehen davon aus, dass auf Basis der jetzigen Gesetzeslage (…) ein 24/7-Kanal nicht möglich ist (…) Und wichtig wäre auch, dass der Öffentlich-Rechtliche hier das Privileg hat, bei solchen Themen auch nicht auf die Quote schauen zu müssen und deswegen sich auch im Hauptprogramm auch mal etwas trauen darf.“

Womit der Privatsender-Lobbyist meint: ARD und ZDF sollten einfach bei Großlagen im Hauptprogramm durchsenden. „Tagesschau“-Chefredakteur Gniffke favorisiert dieses Modell ebenfalls. In München ging das: Mit dem Bayerischen Rundfunk war ein ganzer ARD-Sender vor Ort. In der Nacht des Putschversuchs sei aber nur ein einziger Korrespondent vor Ort gewesen, Verstärkung unmöglich. Hier – und auch sonst – müssten gezielt Kräfte geschont werden.

„Wir können 24 Stunden aus diesem Studio live senden. Jederzeit. (…) Aber wir müssen Nachrichten auch ein bisschen dosieren. Wenn ich um 20 Uhr die Leute wirklich solide informieren will, dann kann ich nicht Tag und Nacht einen Korrespondenten bildlich gesprochen durch den Fleischwolf drehen.“

ARD und ZDF haben aus der Kritik an ihrer Berichterstattung aus Nizza und der Türkei offensichtlich gelernt, sendete aus München länger in den Hauptprogrammen. Und trotzdem: Gegen ein Uhr spielten ARD und ZDF – erst mal – wieder ihr Regelprogramm an: hier ein Krimi, dort eine Dokumentation. Auch Tagesschau24 und Phoenix sendeten anderes. Nutzer riefen wieder ins Netz: Wo, bitte, bleibt der öffentlich-rechtliche Nachrichtensender. Diese Debatte – sie wird anhalten.

>> Download MP3 (Quelle: SR2-“Medienwelt”)

Eigener Nachrichtensender für ARD und ZDF?

Kritiker fordern einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal

für WDR5

Manuskript des Beitrags
Nach dem Attentat in München ging das Konzept der ARD auf: Weil der Digital-Kanal Tagesschau24 ohnehin im Nachrichten-Betrieb war, reichten eine Entscheidung und ein Knopfdruck. Das Erste war „drauf“ und blieb es bis in die Nacht.

Auszug „Tagesschau“-Extra (nachrichtliche Moderation)

Das aber klappt nur, wenn Tagesschau24 ohnehin Nachrichten sendet. Und das ist eben nicht – anders als es der Sendername suggeriert – 24 Stunden am Tag der Fall. Nur eine Woche zuvor beendete Caren Miosga weit vor Mitternacht vorerst das Nachrichten-Programm im Ersten, obwohl sich in diesem Moment die Welt zu verändern drohte.

„…Wir verabschieden uns nach einem traurigen Tag für Frankreich und vor einer möglicherweise sehr beunruhigenden Nacht in der Türkei…“

Miosga gab ihren Zuschauern zwar noch mit auf den Weg: tagesschau.de informiert weiter. Wer aber vor dem Fernseher dabei sein wollte – der wurde erst mal enttäuscht, bis das Erste schließlich sein Programm mit neuen Informationen unterbrochen hat. Es sind Situationen wie diese, in denen sich Zuschauer mitunter einen echten Nachrichtensender von ARD und ZDF wünschen – und manch einer weiter zieht zu CNN oder BBC World. Prominentester Befürworter dieser Tage: Ulrich Deppendorf. Er hat lange selbst die „Tagesschau“ geleitet, zuletzt das Hauptstadtstudio der ARD. Heute ist er im Ruhestand – und empört sich:

„Warum wir es nicht schaffen, ein großes Nachrichten-, ein 24-Stunden-Nachrichtenprogramm hinzubekommen, ist mir ein Rätsel. Andere schaffen das. Es gibt in Spanien 24-Stunden-Kanäle, in Italien, in Polen.“

Für Deutschland sei die Zeit nun reif, sagt Deppendorf. Man könne Phoenix um- und ausbauen, gemeinsam mit dem ZDF. Oder aber aus dem Digitalkanal Tagesschau24 könnte mehr werden als bisher, ein verlässlicher Sender, der jederzeit aus dem „Tagesschau“-Studio sende, rund um die Uhr – das sei schließlich bisher nicht so.

„Hier müssen die Intendanten jetzt auch mal eine Grundsatzentscheidung fällen. Und die kann glaube ich auf Dauer nicht heißen, wir machen keinen 24-Stunden-Nachrichtenkanal.“

Kai Gniffke hingegen, der erste Chefredakteur der „Tagesschau“-Redaktion ARDaktuell, sagt ganz offen: Er will gar nicht, dass Tagesschau24 jeden Tag lückenlos auf Sendung ist. Die Ressource Korrespondent sei nun mal endlich.

„Natürlich wünsche ich mir einen Zustand, wo jedes Korrespondentenbüro der ARD – und wir haben sehr, sehr viele zum Glück –, dass jedes dieser Studios mit mindestens drei bis vier Korrespondenten besetzt ist. Das werde ich nicht schaffen. Und da würde es nicht sehr, sehr viel Sinn machen, in der Nacht um vier für eine sehr überschaubare Zahl von Nutzern dann noch Programm zu machen.“

Für einen lückenlosen Nachrichtensender müssten also – wie das der systemeigene Kritiker Deppendorf auch fordert – Korrespondentenbüros vor allem im Ausland verstärkt werden, mit mehr Geld oder auch indem anderorts gespart würde. Doch für die privaten Kanäle n-tv und N24 wäre solch ein öffentlich-rechtliches Aufrüsten ein Problem. So warnt Claus Grewenig vom Privatsenderverband VPRT:

„Da sind wir der Auffassung – ganz klar –, dass das bestehende Gesamtangebot von 23 TV-Kanälen, über 60 Radioprogrammen und über 100 Angeboten im Web auch ausreichen muss, um auch diese Fälle der Nachrichtenlage, wie sie jetzt aufgetreten sind, abzudecken – und zwar vornehmlich auch in den Hauptprogrammen, für die ja im Wesentlichen auch der Rundfunkbeitrag als Modell aufgesetzt wird.“

Mehr Nachrichten bei ARD und ZDF – damit hätten die Privatsender grundsätzlich aber kein Problem, sagt ihr Lobbyist. Ein echtes 24-Stunden-Angebot nach dem Design von CNN, BBC24 und Co. – das sei allerdings auch rechtlich schwierig.

„Wir gehen davon aus, dass auf Basis der jetzigen Gesetzeslage (…) ein 24/7-Kanal nicht möglich ist (…) Und wichtig wäre auch, dass der Öffentlich-Rechtliche hier das Privileg hat, bei solchen Themen auch nicht auf die Quote schauen zu müssen und deswegen sich auch im Hauptprogramm auch mal etwas trauen darf.“

Womit der Privatsender-Lobbyist meint: ARD und ZDF sollten einfach bei Großlagen im Hauptprogramm durchsenden. „Tagesschau“-Chefredakteur Gniffke favorisiert dieses Modell ebenfalls. In München ging das: Mit dem Bayerischen Rundfunk war ein ganzer ARD-Sender vor Ort. In der Nacht des Putschversuchs sei aber nur ein einziger Korrespondent vor Ort gewesen, Verstärkung unmöglich. Hier – und auch sonst – müssten gezielt Kräfte geschont werden.

„Wir können 24 Stunden aus diesem Studio live senden. Jederzeit. (…) Aber wir müssen Nachrichten auch ein bisschen dosieren. Wenn ich um 20 Uhr die Leute wirklich solide informieren will, dann kann ich nicht Tag und Nacht einen Korrespondenten bildlich gesprochen durch den Fleischwolf drehen.“

ARD und ZDF haben aus der Kritik an ihrer Berichterstattung aus Nizza und der Türkei offensichtlich gelernt, sendete aus München länger in den Hauptprogrammen. Und trotzdem: Gegen ein Uhr spielten ARD und ZDF – erst mal – wieder ihr Regelprogramm an: hier ein Krimi, dort eine Dokumentation. Auch Tagesschau24 und Phoenix sendeten anderes. Nutzer riefen wieder ins Netz: Wo, bitte, bleibt der öffentlich-rechtliche Nachrichtensender. Diese Debatte – sie wird anhalten.

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