Interviews mit Abstand und Angel

Wie sich die Berichterstattung bei der Tour de France in Zeiten von Corona verändert, habe ich für den Deutschlandfunk recherchiert.

für DLF

— Manuskript des Beitrags —

„Die Tour 2020. Live im Ersten!“
„Und alles ist bereit für den längsten und schnellsten Maskenball der Geschichte. Willkommen zur 107. Ausgabe der Tour de France hier in Nizza…“

Das sagt Michael Antwerpes zum Start der Übertragung an diesem Wochenende und zieht mit einer gekonnten Bewegung seine blaue Maske mit dem weißen Logo der ARD von seinem Gesicht. Die Tour de France 2020 ist anders, auch für Journalistinnen und Journalisten. Das spürt vor allem, wer die Tour ins Fernsehen und Radio bringen möchte. Gabi Bohr ist die Teamchefin der ARD.

„Die Interviewpositionen haben sich natürlich verändert. Das ist alles etwas schwieriger geworden. Es ist eine neue Herausforderung. Aber: Deshalb sind wir vor Ort, dass wir das auch den Zuschauern und den Zuhörern auch mitteilen.“

Im Programm ist das tatsächlich nicht zu überhören. Immer wieder streuen Moderator und Kommentator Bemerkungen über die neuen Zwänge bei der Berichterstattung ein.

„Jetzt stellen sich die deutschen Fahrer erst mal selbst vor. Das haben sie mit eigenen Handyvideos uns geschickt, weil es natürlich nicht so einfach ist für uns, auch an die Fahrer heranzukommen. Die Hotels sind verbotene Zone für Journalisten. Man soll in seiner eigenen Blase bleiben. Aber die Jungs haben geliefert.“
„Hallo, ich bin André Greipel. Ich bin eigentlich zu alt für diesen Sport, aber dennoch bin ich sehr ambitioniert. Ich möchte nach Paris kommen…“

Alle wollen nach Paris. Dafür schränkt die ASO, die Organisation, die die Tour organisiert, die Bewegungsfreiheit der Berichterstatter massiv ein. Der große Plan, der auch die Medien einschließt, skizziert von Tour-Chef Christian Prudhomme:

„Alles wird getan, um die Blase von 30 Leuten pro Team zu schützen. Keine Isolation, aber Abstand: Keine Selfies, keine Autogramme, nur standardisierte Interviews.“

Interviews führt für die ARD Moritz Cassalette. Bei der Tour konnten sich er und seine Kollegen lange völlig frei bewegen. Das ist jetzt anders.

„Also normalerweise haben wir nach den Etappen immer an den Bussen gewartet, wo die Fahrer dann der Reihe nach eingetrudelt sind. Das geht jetzt nicht mehr. Aber wir haben sowohl am Start als auch am Ziel so Interviewboxen, die zugewiesen sind. Und da können wir warten und nach Rücksprache mit den Pressesprechern dann auch Gespräche führen mit den Fahrern – eben mit Abstand, mit Angel, also wir sind dann so zwei Meter voneinander entfernt. Aber das geht schon und das hat am ersten Wochenende wirklich gut funktioniert.“

Reporter müssen also vorher die Teams fragen, ob Fahrer bei ihnen vorbeischauen wollen. Außerdem sollen sich vor dem Start grundsätzlich keine Träger besonderer Trikots vor den Interviewboxen, in der sogenannten „Mixed Zone“, blicken lassen. Stattdessen verteilt der Veranstalter zentral Material an Medienvertreter. Letztlich: PR. Fahrer können bei diesem Prozedere kritische Fragen leicht umgehen.

Auch schreibende Journalisten spüren Einschränkungen. Emanuel Reinke berichtet für den SID, den Sportinformationsdienst. Die ASO zwingt ihn und seine Kollegen von Zeitungen und anderen Nachrichtenagenturen zur Zusammenarbeit.

„Wir sind, Stand jetzt, sechs deutsche Schreiber vor Ort. Das wird sich auch in den kommenden Wochen noch mal ein bisschen durchmischen, denke ich, aber von den sechs Anwesenden hier darf immer nur einer in die Mixed-Zone nach dem Rennen. Das heißt, wir müssen uns untereinander auch organisieren, absprechen, wer denn vor dem Rennen und nach dem Rennen in die Mixed-Zone geht und dann die Fragen stellt.“

Dennoch wollen Journalisten vor Ort präsent sein. Atmosphäre mitnehmen, soweit es irgendwie geht. Viele Restriktionen findet ARD-Reporter Cassalette, wie er sagt, „nicht wirklich befriedigend“. Er sagt aber auch:

„Das ist in diesem Jahr einfach so: Die Teams haben einfach, glaube ich, auch Angst, dass sie positive Fälle in ihrer Mannschaft haben, denn das könnte ja den Ausschluss von der Tour de France bedeuten. Und ich glaube, wir müssen alle in diesem Jahr einfach mit diesen Kompromissen klarkommen. Langfristig wäre das nicht schön.“

Genau das aber ist die Gefahr: Dass der Radsport – wie schon so viele Sportarten zuvor – einen neuen Standard etabliert für den Kontakt der Fahrer mit Journalisten. Ob das passiert, lässt sich freilich erst beurteilen, wenn Corona keine Bedrohung mehr ist für alle Beteiligten.

Bis dahin macht die ARD die Not zur Tugend. ARD-Teamchefin Gabi Bohr sagt: Neben Sport und Kultur geht es jetzt eben auch um Corona und die Hygienevorschriften.

„Insofern haben wir noch Themen mehr, die wir in unserem Programm präsentieren werden und wollen. Und wir hoffen natürlich, dass es weiter sehr interessant bleiben wird.“

>> Download MP3 (Quelle: DLF-Sport)

Verwaist und prekär fürs System

Leere Newsrooms, getrennte Teams, maue Auftragslage: Für die taz bin ich der Frage nachgegangen, was die Krise mit den Medien und ihren Journalist*innen macht.

für taz

Ein Laptop, eine Maus, eine Tastatur und drei Monitore, dann kann es losgehen: Der Onlineauftritt des Spiegels entsteht dieser Tage auch an einem Esstisch im Norden der Republik – zu Hause, bei einem der sogenannten Chefs vom Dienst. Der Newsroom an der Hamburger Ericusspitze ist genauso weitgehend verwaist wie das größte journalistische Großraumbüro der Republik – der Newsroom der Deutschen Presseagentur in Berlin.

Nachdem ein Mitarbeiter Kontakt zu einem Corona-Verdachtsfall hatte, arbeiten die Redakteur*innen der dpa-Zentrale von draußen. In dem 2.200 Quadratmeter großen Büro hält Chefredakteur Sven Gösmann die Stellung, zusammen mit zwei Assistentinnen, einem Techniker und seinem Nachrichtenchef. Der hat auf Twitter „Die große Leere – der Film“ zur Aufführung gebracht, einen Rundgang durchs redaktionelle Nichts.

„Wenn man sich überlegt, dass sonst mindestens 250 Menschen hier arbeiten, ist das ein verdammt stiller Raum“, sagt Gösmann. Konferiert wird nun per Videoschalte oder Chat. Gösmann sagt: Glücklicherweise sei Vernetzung in der 70-jährigen Geschichte bei dpa schon immer ein Thema gewesen. „Wir haben 150 Standorte und unsere Journalist*innen sind es auch gewohnt, aus dem Homeoffice zu arbeiten.“ Im Fall der Fälle ist Dezentralität Gold. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender, die ihre Newsrooms für Radio und TV nicht so einfach aufgeben könnten und immer neue, immer größere bauen, haben Pandemiepläne ausgelöst, Mitarbeitende getrennt.

Besondere Vorsicht gilt bei der „Tagesschau“. „Sie muss bis zum Schluss durchhalten“, sagte Chefredakteur Marcus Bornheim in einem Interview mit „Zapp“, das nur vor und nicht im Nachrichtenhaus geführt wurde – die „Tagesschau“ hat sich auch intern isoliert. Ein Teil der Redaktion arbeite inzwischen auch an einem anderen Ort. So gebe es für den Fall, dass im Newsroom Corona-Alarm ausgelöst werde, einen „zweiten Sturm“, sagte Bornheim.

Wenn einem die Puste ausgeht

„Wir müssen damit rechnen, dass die Krise auch uns zum Teil beeinträchtigt“, mahnte der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow auf einer Pressekonferenz. Die Dritten erwägen demnach, im Fall der Fälle ihre Programme zu bündeln – bis auf regionale Informationen. Im Hörfunk seien „Übernahmen von Teilstrecken möglich, wenn einem Inforadio etwas die Puste ausgeht“. Beim BR ist es soweit: Ein Corona-Fall bei der Info-Welle B5 dünnt die Redaktion bedrohlich aus. Ab Montag wird deshalb „bis auf Weiteres überwiegend gemeinsames Programm“ mit Bayern 2 gesendet.

Schon heute kürzen oder streichen die Dritten einzelne Sendungen, um Personal für die Aktualität zusammenzuziehen – nicht zuletzt für ein „ARD Extra“, das nun nahezu täglich nach der Tagesschau um 20 Uhr laufen soll. „Hier zeigt sich die Stärke des Föderalismus“, betont ARD-Programmdirektor Volker Herres. Die neun Landesrundfunkanstalten wechselten sich reihum wöchentlich ab. Damit könne jede zwischendurch wieder zu Kräften kommen. Gleichzeitig lassen die Sender weiter auch Stoffe jenseits der Information abdrehen: Serien und Spielfilme, also Nachschub für die Ablenkung von der Krise.

Das Problem: An Filmsets wimmelt es nur so vor Schauspieler*innen, Kompars*innen, Kameramenschen und anderen Beteiligten. Corona freut das. „Wir kommen da in eine Situation, die für die fiktionalen Produktionen wirklich heikel ist“, sagt selbst ARD-Programmdirektor Herres. Einige Beteiligte wollten nicht mehr ans Set. „Das ist für die Produzenten natürlich mit erheblichen Risiken verbunden.“ Wenn es zu Verschiebungen kommen sollte, sei die ARD bereit, Mehrkosten von bis zu 50 Prozent des ursprünglichen Auftrags zu übernehmen.

Die Sender stoppen die Produktionen als Auftraggeber*innen allerdings nicht, sondern schieben diese Verantwortung den Produzenten zu – trotz mitunter fragwürdigen Bedingungen. Von einem Krimidreh für das ZDF erreichte die taz das Foto einer Flasche mit Desinfektionsmittel. Auf einem aufgeklebten Zettel für die Crew stand: „Bitte seid sparsam. Wir haben nur das und haben keine Möglichkeit, noch welches zu kaufen.“

Das ZDF geht bei einer Anfrage der taz nicht auf diesen Hinweis ein. „Die Gesundheit aller Beteiligten hat für uns höchste Priorität“, heißt es. Mitte der Woche liefen für den Mainzer Sender noch fiktionale Produktionen im Wert von gut 50 Millionen Euro. Sie könnten „im Zweifelsfall geschoben und zu einem späteren Zeitpunkt umgesetzt werden“. Ein Angebot, das immer mehr Produzenten annehmen: Auch der besagte Krimi-Dreh ist nun gestoppt.

Es sieht mau aus

Ein besonders Risiko ist die Lage für freischaffende Künstler*innen, darunter auch Journalist*innen. Öffentlich-rechtliche Sender wollen Ausfallhonorare zahlen und Mitarbeitende anderweitig einsetzen, etwa für die Aufbereitung der Sendungen, die nun speziell für Schüler*innen angeboten würden und ARD und ZDF viel Applaus bringen.

Auch wenn teils noch an Details gearbeitet wird: Tarifverträge für regelmäßige freie Mitarbeiter*innen sehen oft Sonderzahlungen vor, Redaktionen weniger bestellen. ARD-Vorsitzender Tom Buhrow versprach, im Zweifel werde man sich „großzügig“ zeigen.

Prekärer ist die Lage schlagartig außerhalb der beitragsfinanzierten Medienhäuser, wo es keine Tarifverträge für „arbeitnehmerähnliche Freie“ gibt. Freie Fotograf*innen stehen plötzlich teils ganz ohne Aufträge da. Besonders mau sieht es bei jenen aus, die sonst über Pressekonferenzen und Veranstaltungen berichten.

Georg Rudiger berichtet beispielsweise von Freiburg aus über das Musikleben im Südwesten, dem Elsass und der Schweiz – für Zeitungen und Fachmagazine. „Fast alle Themen sind weggebrochen“, sagt er. Immerhin: Statt eines geplanten Vorberichts führt er mit einem Dirigenten nun ein Interview darüber, wie die Corona-Krise auch diese Szene trifft. Das laufe gut. Er schreibt auch noch weiter an Programmheften für Festivals, die „im Sommer hoffentlich stattfinden“. Die nächsten vier Wochen habe er so wohl noch zu tun. Und dann? „Wenn bis zum Sommer keine Konzerte stattfinden, habe ich ein echtes Problem.“

Gleichwohl: Das Bild ist divers. „Einigen fällt komplett alles weg – je nachdem, in welchem Bereich sie arbeiten“, sagt Anna Heidelberg-Stein aus dem Vorstand des Berufsverbands Freischreiber. Dazu gehörten auch viele, die ihr Geld vor allem damit verdienten, Podien oder Kongresse zu moderieren. Veranstalter und Zeitungen zahlten selten Ausfallhonorare.

Anerkennung der Systemrelevanz

In ersten Bundesländern sind Nothilfen angelaufen, auch für sogenannte Soloselbstständige. In der kommenden Woche soll zudem der Bundestag ein milliardenschweres Hilfspaket beschließen. Auch Verwertungsgesellschaften wie die VG Wort haben Notfonds. Vor allem die Hilfen der Politik brauche es dringend flächendeckend und ohne große Bürokratie, sagt Heidelberg-Stein. Einige Kolleg*innen, vor allem auf Wissenschaft spezialisierte, könnten sich aber auch „aufgrund ihrer Expertise vor Aufträgen gar nicht retten“.

Auch Zeitungen trifft die Entwicklung. Viele Regionaltitel haben ihren Umfang reduziert, da über Corona hinaus im Regionalen fast nichts mehr los ist. Der Verlegerverband BDZV rechnet zudem mit deutlichen Anzeigenrückgängen, etwa weil es vorerst keine Veranstaltungen gebe, die beworben werden könnten. „Sicher bekommt der Lebensmitteleinzelhandel seine Regale derzeit auch ohne Sonderangebote leer verkauft und storniert bereits gebuchte Anzeigen“, sagt eine Sprecherin der Zeitungsbranche. „Gleiches gilt für andere Geschäfte, in denen durch behördliche Anordnungen die Öffnungszeiten reduziert werden oder deren Betrieb untersagt wird.“

Was nun alle beschäftigt, ist die Frage, wie Journalismus bei einer Ausgangssperre funktioniert. Frank Überall, Vorsitzende der Journalist*innen-Gewerkschaft DJV, freut sich, dass immer mehr Bundesländer Journalist*innen als „systemrelevante Berufsgruppe“ einstufen. „Dass man sich zur Berichterstattung noch vor Ort ein Bild machen kann, sind gute Ansätze“, sagt er. Außerdem helfe die Einstufung denjenigen, die noch in Funkhäuser müssten und Kinder hätten: Sie können Notbetreuung beantragen.

Sven Gösmann, Chefredakteur der dpa, denkt unterdessen darüber nach, ob der Themenmix sich nicht langsam ein wenig verschieben sollte. „Immer noch sterben in Idlib Menschen. Immer noch sitzen in Lesbos Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern. Immer noch gibt es andere Themen. Und immer noch gibt es natürlich auch das eine oder andere Schöne“, sagt Gösmann. „Aber Corona überlagert alles.“

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de

dpa-Chefredakteur zu Corona:
“Ein großer Stresstest für jede Medienorganisation”

Sven Gösmann und Froben Homburger im sonst leeren Newsroom der dpa
dpa-Chefredakteur Sven Gösmann und sein Nachrichtenchef Froben Homburger im verwaisten Newsroom der dpa (Foto: Sven Gösmann)

[0:00:00] Sven Gösmann, Chefredakteur der dpa – über Twitter erreichte uns die Meldung, dass dpa den Newsroom weitestgehend geräumt hat, weil es einen Verdachtsfall auf Corona gab. Wie haben Sie sich jetzt organisiert?

[0:00:22] Ja, hallo! Wir sind wie viele Medienorganisationen ins Homeoffice gegangen. Im Newsroom – der hat rund 2.500 Quadratmeter – sitzen jetzt noch zwei Journalisten. Das sind der Nachrichtenchef Froben Homburger und ich, der Chefredakteur, und zwei Kolleginnen aus dem Newsroom-Management beziehungsweise aus der Assistenz und ein Techniker, der noch neu ankommende Laptops fixed für die Kollegen, die sich die noch abholen können oder wir senden sie ihnen zu per Kurier. Das ist es dann. Wenn man sich überlegt, dass sonst mindestens 250 Menschen gleichzeitig hier arbeiten, ist das ein verdammt stiller Raum. Auf der anderen Seite ist dpa eine dezentrale Organisation immer schon gewesen in 70 Jahren. Wir haben 105 Standorte [Anm.: es sind sogar ca. 150]. Das heißt, dpa-Journalisten sind es auch gewohnt, aus dem Homeoffice zu arbeiten.

Der größte Einschnitt ist es sicherlich zum einen für die Kollegen, die hier sonst an den Desks zusammenkommen, die sich zusammenstellen können, die sich absprechen können vor Ort. Dass das jetzt alles über Videokonferenzsysteme oder Slack oder sowas passiert, ist auch nicht ganz neu, aber in der Dimension neu.

[0:01:23] Jetzt haben Sie das schon ein paar Tage erprobt, dieses zwangsläufige Modell. Wo gibt es denn da die größten Schwierigkeiten aus Ihrer Sicht?

[0:01:33] Ich bin froh, dass wir sehr früh uns Gedanken darüber gemacht haben, was wäre eigentlich, wenn. Die Situation ist ja neu. Die Bundeskanzlerin hat für die Bundesrepublik von der größten Herausforderung der letzten 70 Jahre gesprochen. Das ist es natürlich auch für eine Nachrichtenorganisation wie unsere mit mehr als 1.000 Journalistinnen und Journalisten. Die größte Herausforderung wird nicht im Moment sein, sondern es ist eher, glaube ich, wenn diese Situation lange anhält, die Motivation hochzuhalten. Ich nenne das immer, die Körperspannung zu behalten, um aufmerksam zu sein, um kollegial im Umgang zu bleiben, um sich die Quellen weiter zu erhalten, die ja auch größtenteils im Homeoffice sitzen oder schwerer erreichbar sind als natürlich. Und das wird für uns die ganz große Herausforderung. Die Technik – bei allem, was ab und zu mal ruckelt – haben wir im Griff. Wir hoffen, dass wir auch die Motivation erhalten können und natürlich auch die Gesundheit der Menschen.

[0:02:33] Reden wir noch einmal über das Stichwort „Informationsbeschaffung“. Läuft da dieser Tage alles reibungslos, auch speziell zu diesem großen Thema?

[0:02:42] Na ja, reibungslos würde ich nicht sagen. Es ist natürlich wie immer in solchen Krisen. Der französische Präsident hat die Vokabel „Krieg“ gewählt gegen das Virus. Soweit möchte ich nicht gehen. Aber natürlich ist es eine Ausnahmesituation und wir wissen: In Kriegen stirbt zuerst immer die Wahrheit, in diesem Fall die Gewissheit. Also, wir wissen nicht ganz genau: Welchen Virologen soll ich glauben? Ist dieser Hinweis richtig? Was tut sich in Ländern, die sich stärker abgeschottet haben?

Als weltweite Organisation erleben wir natürlich auch, dass Mitarbeiter von uns in autokratischen Ländern – wo vielleicht das Internet reguliert ist, wo der Zugang zu öffentlichen Informationen ohnehin schwieriger ist – uns fragen, was hört ihr von außen. In Deutschland fühlen wir uns gut informiert. Gleichzeitig muss man natürlich sagen: Der Einschnitt in die Freiheitsrechte der Bundesbürger, der jetzt sehr schnell vorgenommen wird, ist sicherlich gesundheitlich begründbar, aber er ist natürlich auch ein harscher und er berührt natürlich auch die Pressefreiheit.

[0:03:55] Möglicherweise – andere Länder haben dieses Instrument ja schon eingeführt – könnte es auch in Deutschland zu einer Ausgangssperre kommen. Womit rechnen Sie denn dann, was die Arbeitsbedingungen auch Ihrer Kolleginnen und Kollegen angeht?

[0:04:08] Das wird es noch erschweren. Wenn man die Liste der systemrelevanten Berufe sah, denn haben sich natürlich viele Journalistinnen und Journalisten – nicht nur bei dpa – auf der Liste gesucht und dann gesagt, unter welchen Sammelbegriff fallen wir denn. Es gibt inzwischen Äußerungen des Regierungssprechers, aber auch vieler Länderverwaltungen und Senatsverwaltungen, die sagen: Ja, Journalistinnen und Journalisten sollen sich weiter bewegen dürfen. Wir haben uns natürlich trotzdem präpariert: Wir stellen noch mal sicher, dass sich jeder unserer Kollegen ausweisen kann. Wir haben uns erstmal eigene Passierscheine ausgestellt. Wir harren da natürlich auch drauf und hoffen weiter darauf, dass die Versicherung dann auch greift im Falle von Ausgangssperren, dass Journalistinnen und Journalisten sich bewegen dürfen – nicht nur zwischen Arbeitsplätzen, das ist wichtig, sondern auch Zugang haben zu Schauplätzen. Speziell unsere Reporter und Fotografinnen und Fotografen brauchen das natürlich und Kameraleute.

[0:05:05] Was berichten Ihnen denn Ihre Korrespondentinnen und Korrespondenten in aller Welt? Wie läuft das da mit dem Zugang und mit der Bewegungsfreiheit?

[0:05:13] Na ja, wir haben natürlich dadurch, dass wir zum Beispiel ein Büro in China haben und in asiatischen Ländern, sehr früh gesehen, wie dann Isolation und Berichterstattung gehen kann. Einer unserer Korrespondenten zum Beispiel ist dann in Hongkong steckengeblieben und sitzt da jetzt seit ein paar Wochen. Die andere Kollegin sitzt in Peking auch in Quarantäne. Ein weiterer Kollege ist gar nicht mehr nach China zurückgekommen. Und natürlich wissen wir, dass in Ländern wie China die Informationen immer gefiltert sind und es schwierig war. Aber wir haben uns über die Jahre natürlich ein Netz von Informantinnen und Informanten aufgebaut und versuchen, so gut das geht, die auch vor allen Dingen über soziale Medien zu kontaktieren, die nicht so leicht zu entschlüsseln sind für Geheimdienste. Das ist das eine. Darüber hinaus gibt es die offiziellen Bulletins.

Und es gibt daneben eine zweite Dimension, die ich nicht unterschätzen will: In einer Reihe von Ländern – Italien zuvorderst – gab es natürlich einfach die Isolationssituation auch für unsere Kolleginnen und Kollegen mit ihren Familien mit all den Fragen. Wie organisiere ich ein Leben mit der Ausgangssperre? Das ist natürlich eine psychische Belastung. Und gleichzeitig gibt es diesen großen Approach bei dpa, der wirklich toll ist: Wir müssen trotzdem weiter berichten. Und das passiert ja auch. Also, wir haben keinen Abriss im Nachrichtenstrom, eher im Gegenteil eine sehr hohe Fokussierung. Ich habe neulich fast scherzhaft gesagt, im Moment haben wir weniger Rechtschreibfehler als sonst.

[0:06:42] Heißt das auch, kein Abriss im Nachrichtenstrom, was die übrigen Themen angeht? Also inwiefern dominiert das Thema Corona jetzt alles, auch bei Ihnen und bei Ihren Kunden? Sie spüren ja den Puls des Medienmarktes, weil sie im Prinzip für alle arbeiten. Spielen die übrigen Themen, die es gibt – Gesetzgebung möglicherweise im Inland, Flüchtlingsbewegungen im Ausland zum Beispiel – praktisch keine Rolle mehr?

[0:07:11] Im Moment ist das so. Da gab es eine Bewegung. Ich glaube, nicht nur die Politik hat vielleicht Corona etwas unterschätzt – Ursula von der Leyen, die EU-Kommissionspräsidentin, hat das ja erklärt – sondern auch der Journalismus hat sich sehr abgearbeitet an der Frage, gibt es Geisterspiele in der Bundesliga, um ein Beispiel zu nennen, davon ist gar nicht mehr die Rede. Niemand hat Mitleid mit dem Kurzarbeitergeld für Manuel Neuer. Also diese Themen sind gerade verschwunden. Sie kommen aber sicherlich wieder.

Was reißen uns die Kunden gerade aus der Hand? Das sind alle schnellen Nachrichten zur Lage, alle erklärenden, einordnenden Stücke – Stichwort „Faktencheck“. Also all der Wahnsinn, der da unterwegs ist im Netz – Zwiebeln in die Luft halten, die saugen das Coronavirus auf und all so ein Quatsch. Und das Dritte sind interessanterweise Kindernachrichten, weil natürlich in der Homeschooling-Situation viele Bildungseinrichtungen, aber auch alle Medienunternehmen darauf gehen, Kinder in dieser für sie auch verstörenden Erfahrungen möglichst aufzuklären, zu begleiten.

Wir glauben, dass es dann einen zweiten Schritt geben wird. Der zweite Schritt wird sein, dass daneben irgendwann das Interesse kommt nach Ablenkung und nach Information auch für sehr wichtige Themen – „was wurde eigentlich aus…?“. Wir messen im Grunde jeden Tag, was im Netz, was in den Sendungen gemacht wird, was abgedruckt wird – soweit Zeitungen in den nächsten Wochen noch erscheinen können. Da ist die Erfahrung, dass die Themen Flüchtlingskrise, Klimawandel deutlich zurückgetreten sind, aber sie sind ja nicht weg: Immer noch sterben in Idlib Menschen. Immer noch sitzen in Lesbos Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern. Immer noch gibt es andere Themen. Und immer noch gibt es natürlich auch das eine oder andere Schöne. Aber Corona überlagert alles.

[0:09:07] Um noch mal auf Ihren Newsroom zurück zu kommen, der jetzt sehr verwaist ist – es gibt ja jetzt auch „Die [große] Leere“ als Film, den Blockbuster der dpa… Nein, Scherz beiseite! Eine Frage, die sich einige in größeren Apparaten wie Rundfunkanstalten stellen, stellen Sie sich die vielleicht auch: inwiefern der Trend zu Super-Newsrooms vielleicht unglücklich war?

[0:09:34] Na ja, gut, wir sind immer noch eine dezentrale Agentur. Wir haben in Deutschland neben Berlin noch sechs andere Desks: in Hamburg, in Düsseldorf, in Frankfurt, in Stuttgart, in München. Jetzt habe ich irgendwen vergessen, Sie werden es mir nachsehen. Alle Evakuierungsfantasien – Terror, Wasserschaden – gingen immer davon aus, dass wir dann schlichtweg in einen anderen Hub gehen. Wir hatten auch in Berlin natürlich Rückfalllösungen in einem benachbarten Hotel, aber diese Hotels nehmen auch niemanden mehr auf. Diese Situation ist neu. Das ist das Erste. Das Zweite: Mobiles Arbeiten haben wir begonnen, aber in der Intensität werden wird daraus lernen. Es ist ein großer Stresstest für jede Medienorganisation, erst recht für eine Ereignisorganisation wie dpa. Wir haben natürlich schon begonnen, eine Bestandsaufnahme zu machen. Chefredaktion, Nachrichtenchefs, alle Kolleginnen und Kollegen sind gebeten, ihren Input zu geben.

Was fällt uns auf? Da gibt es technische Details, manchmal eher Dinge, die man im Alltag vernachlässigt wie die Frage, wie wird eigentlich die Telefonanlage für alle Apparate umgestellt? Welches ist die richtige Software, die alle nutzen sollen für Videoconferencing? Solche Fragen. Ich glaube, diese Fragen werden aber danach, nach diesem Stresstest – denn hoffentlich ist die Coronakrise irgendwann beherrschbar und damit auch vorbei für Medien – eine große Rolle spielen. Natürlich wird das die Frage mobiles Arbeiten nochmal mehr in den Mittelpunkt rücken. Auch die Frage, wie halte ich dann in dezentralen Organisationen die Information, die Arbeitsfähigkeit und die Moral aufrecht? All das sind Fragen, die werden uns sicher viel stärker beschäftigen. Super-Newsrooms, also sozusagen ein Lagerfeuer, an dem Redaktionen sich gegenseitig vergewissern können, Teams zusammenkommen können, wird es geben. Aber wir werden das sicherlich auch genauer angucken, gegebenenfalls modifizieren.

70 Jahr, alles wahr?

Passiert der dpa ein Fehler, verbreitet der sich wie ein Lauffeuer. Wie herausfordernd diese Arbeit ist, habe ich für die taz beschrieben.

für taz

Anfang August haben die JournalistInnen der Deutschen Presseagentur (dpa) mal wieder gespürt, wie groß ihre publizistische Verantwortung ist. „CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können“ stand über einer kleinen Meldung, die wie viele andere an diesem Tag an die angeschlossenen Rundfunkanstalten, Onlinedienste und Zeitungshäuser ging.

In sozialen Netzwerken prasselten auf den stellvertretenden Chef der Bundestagsfraktion der Union, Carsten Linnemann, wüste Beschimpfungen ein. Populisten jubilierten wiederum. Linnemann wehrte sich: So habe er das nie gesagt. Tatsächlich korrigierten die JournalistInnen ihre Meldung, die ein Interview zusammenfasste: „Grundschulverbot“ sei eine „zu weitgehende Wiedergabe der Worte Linnemanns“ gewesen.

Linnemann hatte sich ursprünglich in der Rheinischen Post zu Wort gemeldet. Sven Gösmann war einst Chefredakteur der Zeitung. Seit fünf Jahren leitet er nun die dpa. Wie ist das mit der publizistischen Verantwortung – stimmt ihn so ein Vorgang nachdenklich?

„Es gibt im Nachrichtenbereich keine Gatekeeper im klassischen Sinne mehr“, sagt Gösmann. „Aber die ,Tagesschau’, der Deutschlandfunk oder wir sind natürlich immer noch gewaltige gesellschaftliche Verstärker, hinter denen sich auch mancher mit trüben Absichten verstecken möchte. Da schmerzt jeder Fehler, da hilft jede aufklärerische Leistung.“

Rund 700 Mitarbeiter weltweit
Die dpa nahm ihren Betrieb vor 70 Jahren in Hamburg auf. Dort, in einer Villa, liegt noch immer ihr Geschäftssitz. Der Newsroom der dpa befindet sich allerdings inzwischen in Berlin. Er ist 150 Meter lang und mit 270 Schreibtischen bestückt. Im Schichtbetrieb arbeiten allein hier 370 MitarbeiterInnen. Weltweit sind es fast doppelt so viele feste dpa-JournalistInnen.

Um die Dimension zu verstehen, ist noch eine Zahl entscheidend: dpa hat viele Angebote, darunter Dienste mit Meldungen in den einzelnen Bundesländern, internationale Angebote in Englisch, Arabisch und (seit vergangenem Jahr etwas ausgedünnt) Spanisch. Im „Basisdienst“ sendet dpa im Jahr fast 200.000 Beiträge an deutsche Medien – knappe Meldungen, ausführliche Zusammenfassungen und Korrespondentenberichte.

Was Nachrichtenagenturen von anderen Medien unterscheidet: Medien müssen ihre Texte bei der Übernahme nicht prüfen. Das Stichwort hier: Agenturprivileg. „Nach der Rechtsprechung dürfen die Empfänger von Texten von anerkannten Nachrichtenagenturen auf deren Richtigkeit vertrauen“, heißt es in einem juristischen Handbuch für die Reporter der dpa. „Das gilt auch für Fotos und die als Bildtext gemachten Angaben.“

Aufklärerischer Anspruch
Diese Verantwortung kann ein Fluch sein – siehe das „Grundschulverbot“. Fehler verbreiten sich wie ein Lauffeuer. Für Chefredakteur Gösmann ist sie aber auch ein Segen. Jedenfalls sagt er: „Gesellschaften sollen sich ihre Meinung auf Grundlage bestmöglich belegter Fakten bilden. Wir sind eine Organisation, die diesen aufklärerischen Anspruch in sich trägt.“

Diese „bestmöglich belegten Fakten“ sind so etwas wie das Markenversprechen der dpa. Das löst sie erstaunlich oft ein, aber auch nicht immer. Während dpa 1963 als erste Agentur weltweit „Kennedy tot“ meldete, folgte 1964 der Nachrichten-GAU: dpa erklärte auch Nikita Chrusch­tschow, den sowjetischen Staats- und Parteichef, für tot. Das wiederum war eine Falschmeldung. Zur Strafe musste sich dpa für gut ein halbes Jahr aus Moskau zurückziehen.

In der Moderne der dpa ist das Signalwort „Bluewater“. Das steht für einen Terroranschlag, den dpa meldete, obwohl es ihn nie gab. SchauspielerInnen inszenierten diesen perfekt: Einer rief getarnt als Praktikant eines US-Senders an und wies dpa auf gefälschte Videos aus – dem ebenfalls erfundenen – Bluewater hin. Andere fälschten Internetseiten von Polizei und Feuerwehr. Bei den angegebenen Hotlines nahmen MuttersprachlerInnen ab, die – vor Sirenengeheul aus Lautsprechern – Auskunft gaben. Die JournalistInnen der dpa korrigierten und schämten sich.

Deepfakes ermöglichen Manipulation
Heute beschäftigt Gösmann ein Verifikationsteam. Es checkt Material, das die Agentur über das Netz erreicht. Die Agentur sucht zudem Wege, um auch Deepfakes rechtzeitig zu erkennen: Präsidenten, Despoten und Wirtschaftschefs, denen mithilfe von Stimmproben und Algorithmen quasi perfekt Worte in den Mund gelegt werden. „Wir müssen uns alle davor fürchten“, mahnt Gösmann. „Da ist der Manipulation Tür und Tor geöffnet.“ Aber kann sich dpa immer ausgeklügeltere Recherchetechniken überhaupt leisten?

Die dpa gehört 180 Medien, vor allem Verlagen. Zeitungen zahlen nach Auflage. Sie sinkt, also kommt weniger Geld rein. Und auch das Auslandsgeschäft schwächelt. Im Geschäftsbericht heißt es: „Neben den absehbaren Erlösrückgängen beim Basisdienst und den Landesdiensten durch weiterhin rückläufige Auflagenzahlen ist es auch bei den fremdsprachigen Auslandsdiensten nicht gelungen, das Umsatzniveau des Vorjahres zu halten.“

Vor allem der Ableger News Aktuell, ein PR-Dienstleister, gleicht aus, was im Kerngeschäft wegbricht. Dort werden wiederum Kunden wie Facebook, die Faktenchecks kaufen, wichtiger und auch Regierungen, Lobbyagenturen und Unternehmen, die dpa mit dem Weltgeschehen und mit Brancheninfos versorgt. Wie unabhängig ist dpa nach 70 Jahren?

Die Bundesregierung ist auch Kunde
„Rund 3,5 Prozent des Umsatzes der dpa GmbH geht auf Geschäfte mit der Bundesregierung und beigeordneten Einheiten zurück“, heißt es auf Nachfrage. Die GmbH betreibt die klassischen Angebote der dpa. Für die gesamte dpa-Gruppe lägen keine Zahlen vor. Wichtig ist der Agenturleitung so oder so dieser Hinweis: „Die Bundesregierung ist ein Kunde wie alle anderen auch. Die Aufträge kommen in der Regel via Ausschreibung zustande.“

Lauter Applaus kam Anfang Juli von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. „Fakten sind Fakten, wenn sie von dpa gemeldet werden“, sagte er auf einem Festakt der dpa. „Und sind sie es einmal nicht, werden sie umgehend korrigiert.“ Im Fall Carsten Linnemann dauerte das fast 24 Stunden. Das ist eine ziemliche Strecke dafür, dass das eher eine Kleinigkeit war, zumal in diesen schnellen Zeiten. Aber immerhin: dpa hat sich sauber korrigiert. Alles gut.

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de

70 Jahre Deutsche Presse-Agentur

Die dpa liefert seit 70 Jahren das Grundrauschen für deutsche Medien. Für WDR3 habe ich beschrieben, warum die Agentur unter Druck steht – journalistisch und finanziell.

für WDR3

— Manuskript des Beitrags —
Das Tempo, mit dem Journalisten Neuigkeiten verbreiten, ist im Nachrichtengeschäft entscheidend. Dieser Druck begleitet schon immer auch die Deutsche Presseagentur. Ihr wichtigstes Hilfsmittel ist die Computertechnik. dpa setzt sie schon Anfang der Achtziger Jahre ein. Damals feiern die Journalisten die neue Technik in einem Imagefilm:

„Die Möglichkeiten, die die moderne Elektronik bietet sind verblüffend: Verbessern und löschen ohne radieren. Ganze Sätze und komplette Absätze auf Knopfdruck umstellen. Artikel ändern in Sekundenschnelle. Am nächsten Morgen steht’s in der Zeitung.“

Die dpa hat über Jahrzehnte ihre Logistik optimiert. Die Fotoredaktion saß lange am Frankfurter Hauptbahnhof, denn: Abends brachte die Bahn Abzüge tagesaktueller Fotos sternförmig zu den Verlagen. Seit es das Internet gibt, ist vieles einfacher. Doch spätestens mit sozialen Netzwerken ist auch der Druck für die Journalisten größer geworden.

„Es geht immer um Tempo, weil wir müssen schnell sein, weil die Fragen von unseren Kunden natürlich kommen“

, sagt Sven Gösmann, der Chefredakteur der dpa. Seine Kunden, das sind die Redaktionen in Zeitungen, Sendern und Onlinediensten, die dpa-Meldungen beziehen. Sie bekommen heute praktisch in Echtzeit mit, was auf der Welt – angeblich – passiert.

„Die haben auch Ihr Tweetdeck offen und sagen ‚Der hat das getwittert. Wir hören das. Da soll es eine Bombenexplosion gegeben haben.‘ Nur: Wir haben natürlich ein weltweites Netzwerk von Kollegen, die sagen können ‚Okay, ich gucke mal in Neu-Delhi, wie es denn wirklich ist, ob es da wirklich eine Bombe gibt‘, ‚Ich kenne den Flughafen in Nowosibirsk‘. Und das hilft uns natürlich gerade bei der Beurteilung weltweiter Nachrichten.“

Für dpa arbeiten weltweit inzwischen etwa 1.000 Journalisten. Das Tempo ist wichtig, vielleicht noch wichtiger denn je, sagt Gösmann, sei aber der Wahrheitsgehalt der Informationen. Das Stichwort: Fakenews.

Besonders schmerzliche Erfahrungen machte dpa damit vor zehn Jahren. Schauspieler inszenierten einen Terroranschlag. Einer rief bei dpa an, gab sich als Praktikant eines Nachrichtensenders aus und wies auf – letztlich gefälschte – Nachrichtenclips im Internet hin.

„Less than an hour ago a suicide-attack, we believe, took place in Bluewater, California.“

Andere fälschten Internetseiten. Als die dpa-Redakteure – eigentlich vorbildlich – nach den Nummern der Polizei und Feuerwehr googelten und anriefen, hatten sie die nächsten Schauspieler dran: Muttersprachler gaben sich vor Sirenengeheul aus Lautsprechern als Rettungskräfte aus.

“A suicide-attack, more information I cannot give you at this time.“

2009 war Sven Gösmann noch Chefredakteur der “Rheinischen Post”.

„Ich war noch nicht bei dpa. Ich hab’s nur so erzählt bekommen, dass es der Weckruf war, weil man natürlich häufig auch zu sehr vertraut hat.“

Damit dpa heute nicht mehr blind heißem Material vertraut und sich wie damals für Falschmeldungen schämen muss, hat Gösmann ein ganzes Verifikationsteam angestellt. Das checkt Material, das dpa übers Netz erreicht. Neuerdings geht es auch um sogenannte Deepfakes: Videos, in denen Politiker oder Konzernchefs etwas sagen, was sie nie gesagt haben – perfekt gefälscht mit Stimmproben und künstlicher Intelligenz.

„Wir müssen uns alle davor fürchten. Wir als Nachrichtenmacher beziehungsweise Nachrichtenübermittler, aber auch die Empfänger solcher vermeintlichen Nachrichten, weil da ist dann natürlich Manipulation Tür und Tor geöffnet“

, mahnt Chefredakteur Gösmann. Sein Problem: Bei den Hauptkunden der dpa, den Zeitungen, schmelzen die Auflagen. Und weil Zeitungen für dpa je nach Auflage zahlen, kommt immer weniger rein. Die dpa kann das noch ausgleichen, indem sie anders Geld verdient. Ein Ableger verteilt etwa Pressemitteilungen an Redaktionen. Die Zukunft der dpa ist aber ungewiss. Unterstützung kommt vom höchsten Mann im Staate.

„Fakten sind Fakten, wenn sie von dpa gemeldet werden. Und sind sie es einmal nicht, dann werden sie – auch das habe ich erlebt – umgehend korrigiert“

, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf einem Festakt zum 70. der Agentur Anfang Juli. Er sprach vor allem vor Verlegern.

„Ihnen will ich raten: Investieren Sie in einen Journalismus der informiert und aufklärt. Erhalten Sie die Ressourcen der dpa – auch und vor allem die personellen Ressourcen.“

Dass der Bundespräsident so deutlich für die dpa wirbt – auch das ist ein Zeichen dafür, wie stark die Agentur tatsächlich unter Druck steht – und das eben nicht nur journalistisch, sondern zunehmend auch finanziell. Es geht ums Ganze.

(Quelle: WDR3-“Kultur am Mittag”)

Auf der Pirsch

Seit 70 Jahren beliefert dpa Zeitungen und Sender mit Nachrichten. Mit Inga Mathwig habe ich mich für ZAPP gefragt, wie es um ihre Verlässlichkeit und Zukunft bestellt ist.

für NDR Fernsehen

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>> Beitrag in der NDR-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

Eine für alle

Die Nachrichtenagentur dpa wird 70. Warum zunehmend PR-Dienste das Kerngeschäft subventionieren müssen, habe ich im ARD-Hörfunk erklärt – u.a. auf WDR5.

für WDR5

— Manuskript des Beitrags —

Wenn auf der Welt etwas passiert, das sehr, sehr wichtig ist, dann senden Nachrichtenagenturen eine sogenannte „Blitz“-Meldung. Bei der Feierstunde zum 70. der dpa gab‘s eine Auswahl dieser Raritäten.

„19.3.1951 – der erste dpa-‚Blitz‘ überhaupt: Montanvertrag paraphiert. 19.10.1951: Truman unterzeichnet Entschließung zur Kriegsbeendigung mit Deutschland. 4.7.1954: Deutschland Fußball-Weltmeister durch 3:2. Sieg über Ungarn.“

Im Zeitalter der Fernschreiber löste der „Blitz“ in den Redaktionen einen Alarm aus: Journalisten sollten sofort auf die Meldung schauen. Auf dem Festakt mahnt der Bundespräsident: Gerade im digitalen Zeitalter werde dpa nun mehr denn je gebraucht – und: ihre Objektivität.

„Unbehindert natürlich durch Zensur oder staatliche Reglementierung, aber auch mit Blick aufs Heute: Unbehindert mit Blick auf absichtsvolle Manipulation“

, so Frank-Walter Steinmeier. Er erinnert auch an die enorme Verantwortung der dpa, die praktisch alle Nachrichtenredaktionen in Deutschland beliefert – bei Zeitungen, Fernseh- und Radiosendern und Onlineportalen:

„Fakten sind Fakten, wenn sie von dpa gemeldet werden. Und sind sie es einmal nicht, dann werden sie – auch das habe ich erlebt – umgehend korrigiert. Dieses Vertrauen, meine Damen und Herren, das haben Sie sich durch Ihre Arbeit erworben.“

Für dpa arbeiten inzwischen etwa 1.000 Journalisten. Die meisten sitzen verstreut auf Korrespondentenbüros in Deutschland und der Welt. Allein 270 Schreibtische stehen jedoch in einem riesigen „Newsroom“ in Berlin.

Atmo: Newsroom dpa

Auf dieser Fläche – 150 Meter lang – wird die Berichterstattung koordiniert. Tempo ist dabei eine wichtige Größe. Gerade die Vernetzung birgt für die Agenturjournalisten aber auch Risiken: Im Internet kann jeder Fälschungen verbreiten. Dass dabei auch gezielt Nachrichtenagenturen adressiert werden, hat dpa vor zehn Jahren erlebt.

Auszug „Bluewater“-Fake: Nachrichtensprecherin

Über das Netz – flankiert von Anrufen – erreichten dpa Bilder eines vermeintlichen Nachrichtesenders aus den USA. dpa meldete einen Terroranschlag – den es nie gab. Angerufen hatten Schauspieler. Sie haben Internetseiten und Videos gefälscht. Sven Gösmann, seit fünf Jahren der Chefredakteur der dpa:

„Ich war noch nicht bei dpa. Ich habe es nur so erzählt bekommen, dass es der Weckruf war, der vielleicht auch nötig war, weil man natürlich häufig zu sehr vertraut hat.“

Heute beschäftigt Gösmann ein ganzes Verifikationsteam. Es checkt das Material, das die Agentur etwa über soziale Netzwerke erreicht. dpa – früher nur Lieferant von Informationen – ist neuerdings auch mit den Redaktionen in Verlagen und Sendern vernetzt: In einem Chatsystem tauschen sich Redakteure über fragwürdiges Material aus.

Doch die nächste Prüfung steht schon bevor: sogenannte Deepfakes. Fälscher legen Politikern oder Konzernchefs Worte in den Mund. Moderne Technik baut Stimmen und die Gesichtszüge fast perfekt nach.

„Wir müssen uns alle davor fürchten. Wir als Nachrichtenmacher beziehungsweise Nachrichtenübermittler, aber auch die Empfänger solcher vermeintlichen Nachrichten, weil da ist der Manipulation natürlich Tür und Tor geöffnet.“

Zusammen mit Forschern etwa des Fraunhofer Instituts arbeitet dpa an der nötigen Technik, um Deepfakes zu erkennen. Vermutlich braucht der Chefredakteur aufwändige Software und auch weitere Faktenchecker.

„Das alles kostet. Journalismus ist nie umsonst.“

Die Digitalisierung fordert dpa auch wirtschaftlich. Nach dem Krieg wurde die Agentur als Genossenschaft gegründet: Sie gehört fast 200 Rundfunkanstalten und Zeitungen – und damit letztlich den Medien. Peter Kropsch, der Geschäftsführer der dpa, sagt, diese Konstruktion schaffe letztlich Unabhängigkeit: Niemand könne durchregieren.

Das Problem: Die wichtigsten Kunden sind nach wie vor die Zeitungen. Sie zahlen nach Auflage. Die geht jedoch seit Jahren zurück. Das, sagt Kropsch, schlage auch auf dpa durch…

„…, sodass wir in unseren Kernbereichen wie auf einer schiefen Ebene weniger Umsatz machen. Das kommt aus dem Entgeltmodell heraus. Deswegen ist es so wichtig, in anderen Bereichen zu wachsen.“

dpa verdient immer mehr Geld mit Ablegern: Dienstleister, die PR-Meldungen verbreiten. Sie subventionieren zunehmend das eigentliche Geschäft, den Nachrichtenjournalismus. Außerdem kommt aus dem Silicon Valley erstes Geld: Facebook kauft Faktenchecks. So hilft dpa auch der Kampf gegen Desinformation und Deepfakes beim Überleben.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

Phänomen oder Phantom?

Falschmeldungen und Hasskommentare sollen nach dem Willen der Großen Koalition härter bestraft werden. Zu Recht? Kritiker halten dagegen: das Phänomen werde überschätzt.

für WDR5

Manuskript des Beitrags
Nachrichten-Collage „Politik und Fake News“

Es ist das Droh-Szenario in der Bundespolitik: Erst Unwahrheiten über Trump-Konkurrentin Hilary Clinton, nun vielleicht gegen Angela Merkel, Sigmar Gabriel und Co. Nein, beteuern Politiker unisono: Es gehe nicht um Zensur. Ziel sei gleiches Recht für alle, die publizieren – wo auch immer. Unions-Fraktionschef Volker Kauder:

„Bei jeder Zeitung habe ich einen Ansprechpartner, wo ich mich hinwenden kann, und wo ich dann, wenn ich der Meinung bin, es wird nicht richtig reagiert, auch eine Klage einreichen kann. Die sozialen Netzwerke haben – so nach dem Motto „Toter Käfer“ – gar nicht reagiert.“

Auch der netzpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Lars Klingbeil, will – ähnlich wie die Grünen –, dass Tech-Giganten gegen professionelle Lügen im digitalen Raum vorgehen:

„Wir reden bei Fake News ja wirklich von gezielten Lügen, die journalistisch aufbereitet werden, die ganz klar mit dem Ziel auch gestreut werden, Menschen zu schaden, Unternehmen zu schaden, politischen Institutionen zu schaden. Da geht es also nicht um die Frage, ob jemand politisch eine andere Meinung hat, sondern wirklich um gezielt aufbereitete Lügen, die eine strafrechtliche Relevanz haben. Und dagegen muss ein Unternehmen wie Facebook auch vorgehen.“

Sogar ein Abwehrzentrum gegen Fake-News im Regierungsapparat ist im Gespräch – ein vielfach aber auch umstrittener Vorstoß, denn er riecht nach Zensur.

Facebook spürt den politischen Druck und will nun selbst etwas tun: Das soziale Netzwerk will seinen Nutzern die Möglichkeit bieten, Fake-News-verdächtige Einträge zu melden. Journalisten prüfen die Geschichten – der Konzern sucht dafür Medienpartner, der erste und bislang einzige ist hierzulande das Recherchenetzwerk Correctiv aus Essen. Stellt sich ein Eintrag als Fake heraus, dann will ihn Facebook mit einer Warnmeldung versehen und die Gegen-Recherche verlinken.

Auch andernorts deuten sich Allianzen an – im Kampf für die Wahrheit. Zusammen mit Google hat Facebook die First Draft Coalition gegründet, ein internationales Netzwerk von Faktencheckern aus aller Welt. Allerdings: Es geht um den Austausch von Technologien, nicht um gemeinsame Recherchen, sagt dpa-Chefredakteur Sven Gösmann – obwohl er sich eine gemeinsame Recherche auch vorstellen könnte.

„Man muss aber ehrlich sein: Da sind aber natürlich auch Media-Outlets dabei, die im Wettbewerb zueinanderstehen. Eine ‚New York Times’ und ‚Washington Post’ werden sich schwertun, in einer Koalition mehr als sozusagen generelles Wissen zu tauschen.“

Auch die „Tagesschau“-Redaktion ARD-aktuell ist dem internationalen Netzwerk von Faktencheckern beigetreten. Chefredakteur Kai Gniffke berät wiederum mit den übrigen ARD-Chefredakteuren, ob eine eigene Einheit zu Fake News angebracht ist. Der Ausgang dieser Debatte sei noch offen und auch völlig unklar, ob die ARD dann auch mit Facebook kooperiere oder allein arbeite, betont Gniffke. Er sagt aber auch:

„Das gehört, glaube ich, schon in unsere Kernkompetenz, da wir uns als ein auch Informationsanbieter verstehen. Da glaube ich nicht, dass es klug ist zu warten, bis die Politik – sprich das Innenministerium oder das Bundespresseamt – entsprechende Institutionen geschaffen haben. Das sollen die ruhig tun, aber ich glaube, dass gerade ein Medium wie das Öffentlich-Rechtliche, die wir uns auf die Unabhängigkeit schon sehr berufen, dass wir gut beraten wären, da auch tätig zu sein.“

Die Verifikation von Nachrichten und Geschichten sei natürlich schon immer Aufgabe von Journalisten gewesen und Fake News daher kein wirklich neues Problem, aber die Intensität der Falschmeldungen, bisweilen auch ihre Wirkung. Das verändere die Arbeitsweise von Nachrichtenjournalisten, sagt Gniffke: Während Falschmeldungen bislang hinter den Kulissen aussortiert wurden, würden sie nun bewusst zum Thema.

„Das würden wir zum Beispiel – wenn wir es machen – würden wir das jetzt nicht in der ‚Tagesschau’ um 20 Uhr machen. Aber man wäre – glaube ich – klug beraten, den Nutzerinnen und Nutzern eine Plattform zur Verfügung zu stellen, wo man sagt: Okay, hier haben wir bestimmte Dinge nachgeprüft, da könnt ihr euch ein Bild informieren und selbst ein Bild machen, wir ihr das einschätzt. Dazu geben wir einfach mal unsere Expertise ab.“

Die Frage bleibt aber: Wir das Systemkritiker und Zweifler am Ende erreichen – vor allem die, die ohnehin „Lügenpresse!“ rufen. Hier aber sind sich die Chefredakteure einig: Sie wollen es wenigstens probiert haben.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

“Da wird viel nachgeplappert”

Seit zwei Jahren ist Sven Gösmann Chefredakteur der Nachrichtenagentur dpa. Ein Gespräch über Vertuschungsvorwürfe und soziale Medien

für taz

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Journalist aus Code

Was kann Roboterjournalismus wirklich?

für NDR Fernsehen

— gemeinsam mit: Melanie Stein —

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Manuskript des Beitrags
Der Alltag in Redaktionen ändert sich. Oft belächelt, skeptisch betrachtet: Roboter – sie dringen in den Arbeitsbereich von Journalisten ein. Können sie wirklich Redakteure aus Fleisch und Blut ersetzen?

Maschinen für den Journalismus – die Medienszene aufgeregt: Sie befürchtet Texte in „Null komme nichts“, „Spielberichte aus dem Automaten“. „Nehmen Roboter allen Journalisten den Job weg?“

Saim Alkan, Geschäftsführer Aexea
„Für ungefähr 50 Prozent der Inhalte, die heute in einer Tageszeitung stattfinden, gibt es bereits heute strukturierte Daten. Das heißt, es wird viel Routine gemacht, es wird viel Routine geschrieben und die wäre tatsächlich auch schon abbildbar.“

Abbildbar über ein System, das die Sprachwissenschaftler und Programmierer von Aexea entwickeln. Der Roboterjournalist – in Wirklichkeit eine Software. Software, die Datenbanken anzapft und daraus Texte erstellt.

Saim Alkan, Geschäftsführer Aexea
„Eigentlich ist die Maschine der beste Volontär, den man je haben kann. Sie spricht elf Sprachen derzeit, produziert 90 Millionen Texte am Tag, wenn es gewünscht wäre. Und das ist ein Volontär, dem ich etwas ein Mal sage und danach tut’s die Maschine auch.“

Fähigkeiten, die manche Medien bereits zu schätzen wissen. So lässt sich der Finanzdienst DPA AFX vom Roboter zuarbeiten. Und auch „Morgenpost“-Leser, die sich über Feinstaubwerte in Berlin informieren, lesen Texte, die Roboter geschrieben haben.

Besonders experimentierfreudig: Sportredaktionen. So wie der Sportinformationsdienst SID. Bislang haben die Journalisten wichtige Termine in Tabellen zusammengetragen. Jetzt engagiert Techniker Jens Wagner Roboter, die daraus ganze Sätze formulieren.

Jens Wagner, Leiter Technik SID
„Die Daten schicken wir so, wie wir sie in der Datenbank haben, zu Aexea und von Aexea bekommen wir dann einen Texte zurück. Sie sehen, dass aus den reinen Daten, die wir in der Datenbank haben, dann ein Text entsteht: Alle Fußballfans können sich auf die Auslosung des Europ-Pokalspiels in Nyon freuen.“

Für die „FussiFreunde“ von Radio Hamburg schreibt eine Software sogar ganze Vorberichte. Seit Ende April lässt die Redaktion Roboter für sich arbeiten.

Dirk Becker, Chefredakteur „FussiFreunde“
„Dank der automatisch generierten Texte haben auch untere Spielklassen jetzt auf einmal Vorberichte. Das war vorher schlicht von der Man-Power nicht zu lösen.“

Maschinen als Arbeitskraft – gefällt nicht jedem. Noch vor ein paar Jahren hat Hans-Jürgen Jakobs für den Sport auf „süddeutsche.de“ damit experimentiert. Doch auch als „Handelsblatt“-Chef bleibt er skeptisch.

Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur „Handelsblatt“
„Journalismus hat immer mit Überraschung zu tun. Und bei Algorithmen gibt es keine Überraschungen. Da gibt es nur Programmierungen. Der Journalismus lebt davon, lebt von der Zäsur, von dem Bruch, ja, es auch ganz anders zu machen. Er lebt von dem, auch von den gedanklichen Exzessen, wenn Sie so wollen. Und das alles ist dieser berechenbaren Welt fremd.“

Wir zeigen dem Chefredakteur zwei Versionen einer Geschichte: Welche hat ein Roboter geschrieben, welche ein Journalist? Er erkennt den menschlichen Text sofort.

Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur „Handelsblatt“
„Die Unterschiede sind nicht sehr groß. Aber beim zweiten Text ist zu spüren, dass der vermutete Autor ein bisschen Stimmung erzeugen wollte und ein vorgezogenes Resümee zieht, um in den kleinen Text einzuführen.“

Für Medienprofis klar – für Leser nicht ganz eindeutig. Untersuchungen zeigen eine Trefferquote von 50 Prozent. An der Universität München hat Mario Haim die Wirkung von Robotertexten erforscht.

Mario Haim, Universität München
„Der computergenerierte Text kam bei den Leuten als qualitativ hochwertiger an. Das bedeutet, der computergenerierte Text wurde von den Leuten als objektiver wahrgenommen, als fairer beschrieben, als ausgewogener berichtet. (…) Die Leute haben also dem Computer mehr Kompetenz und mehr journalistische Qualität für den Artikel zugeschrieben.“

Geschwindigkeit und Glaubwürdigkeit – es spricht viel für den Text-Roboter. Werden Journalisten tatsächlich überflüssig?

Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur „Handelsblatt“
„Ich fürchte, dass der eine oder andere glaubt, auf diesem Wege kann man sich Redaktionen ersparen und einsparen, um die Kostensituation besser zu haben. Das ist ja schon dann auch so, dass mit diesen Argumenten dann Druck ausgeübt werden kann auf die Redakteure, um zu sagen: Nun zeigt uns mal eure Legitimation: Wenn das Maschinen auch können, ja, was macht euch dann so Besonderes?“

Jens Wagner, Leiter Technik SID
„Die Diskussion hatten wir bei uns im Haus auch. Die Redakteure haben gesagt: Ja, wo geht das hin? Hinterher braucht’s den Reporter nicht mehr. Das konnte ich aber den Kollegen erklären, dass es unsinnig ist, dass es immer die Notwendigkeit für einen Reporter geben wird oder für einen Redakteur, die Texte schreiben, die einfach viel aufwändiger sind.“

Robotertexte: ein zusätzliches Angebot. Denn die Maschine kann zwar erstaunlich viel, aber bei weitem nicht alles. Der Journalist – dem Roboter in vielem Voraus.

Mario Haim, Universität München
„Er ist linguistisch feiner. Er verbaut vielleicht Humor. Er verbaut neue Kunstwörter. Er kann Interviews führen. Der Roboter ist darauf angewiesen, dass diese Interviews vorhanden sind und dass ihm irgendwann mal jemand gesagt hat, welche linguistischen Feinheiten es denn so gibt.“

Die Angst der Journalisten vor den neuen Roboter-Kollegen – auch aus Sicht der Entwickler – häufig übertrieben.

Saim Alkan, Geschäftsführer Aexea
„Wir werden in vielen Fällen wirklich als Bedrohung gesehen, nicht als Ergänzung. Weil auch noch nicht bekannt ist, wo die Grenzen dieser Software tatsächlich liegen. Und sie hat natürlich Grenzen. (…) Alles was routiniert abläuft, ist abbildbar. Ein Artikel beispielsweise, ob Herr Gauck eine zweite Amtszeit eingehen sollte oder nicht, den werden wir nie schreiben können.“

Meinung, Recherche, Einordnung – Roboter können das nicht. Doch wenn es um Fakten geht, um Schnelligkeit, sind sie unschlagbar. Die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine – eine große Chance für den Journalismus.

(Quelle: NDR-“Zapp”)