Rundfunkbeitrag soll um 86 Cent steigen

Für tagesschau.de habe ich berichtet, wie die Finanzkommission KEF auf 18,36 Euro kommt und warum die Sender meinen, dass das trotzdem eine Kürzung sei.

für tagesschau.de

Beitragszahlerinnen und Beitragszahler sollen vom Januar nächsten Jahres an 86 Cent mehr pro Monat und Haushalt für ARD, ZDF und Deutschlandradio bezahlen – statt wie bisher 17,50 Euro dann 18,36 Euro. Das hat die Finanzkommission KEF vorgeschlagen, die im Auftrag der Länder die Finanzen der Rundfunkanstalten prüft.

Doch auch wenn der Rundfunkbeitrag steigen sollte, rechnen die Sender mit Kürzungen. Der Vorsitzende der ARD, WDR-Intendant Tom Buhrow, kündigte an, in den Angeboten müssten bei dieser Beitragsanpassung “Prioritäten” gesetzt werden.

Prüfung alle zwei Jahre

Die Höhe des Rundfunkbeitrags hängt von vielen Faktoren ab. Wichtig ist zum einen der Auftrag: Welche Programme und Plattformen sollen die Sender überhaupt betreiben? Das legen die Länder, die für Medienpolitik zuständig sind, im Rundfunkstaatsvertrag fest.

Die Sender ermitteln alle zwei Jahre, wie viel Geld sie brauchen. Die Finanzkommission KEF prüft, ob diese Prognosen stimmen. Am Ende steht eine Zahl, wobei der Vorsitzende der KEF, Heinz Fischer-Heidlberger, betont, es sage erstmal wenig aus, ob der Beitrag nun bei 17,50 oder bei 18,36 Euro liege. “Das Maß ergibt sich erst, indem man den Beitrag multipliziert mit der Zahl der Wohnungen, der Kraftfahrzeugen, der Betriebe und was sonst noch dazu gehört.”

Mehr Carsharing, mehr Beiträge

Die KEF geht in ihrem mehr als 400 Seiten umfassenden Prüfbericht letztlich davon aus, dass mehr einzelne Beiträge gezahlt werden müssen. Zum einen kalkuliert die KEF damit, dass der Trend zu mehr Single-Haushalten anhält. Außerdem dürften “neue Mobilitätskonzepte” wie Carsharing und Sammeltaxis mehr gewerbliche Autos und Kleinbusse auf den Markt bringen. Für gewerbliche Fahrzeuge fallen – im Gegensatz zu privaten Autos – ebenso Rundfunkbeiträge an wie für Betriebsstätten.

Außerdem habe die Befreiung von Zweitwohnungen vom Rundfunkbeitrag nicht zu so einem großen Ausfall geführt wie einst von den Sendern erwartet worden sei.

Rotstift bei den Personalkosten

Unter anderem mit dieser Prognose hat die KEF die Anmeldungen der Sender gedrückt. ARD, ZDF und Deutschlandradio sahen – verteilt auf die nächsten vier Jahre – insgesamt einen ungedeckten Finanzbedarf von etwa drei Milliarden Euro: Geld, das benötigt würde, um die Plattformen und Programme zu betreiben, die die Länder im Rundfunkstaatsvertrag vorgeben. Die Finanzkommission sieht nach ihren Berechnungen hingegen nur eine Lücke von 1,8 Milliarden Euro. Um sie zu schließen, soll der Beitrag auf 18,36 Euro steigen und nicht darüber hinaus.

Die KEF hat bei den Berechnungen der Sender unter anderem bei den Personalkosten den Rotstift angesetzt: Einige Sender bezahlten zu gut – jedenfalls verglichen mit dem öffentlichen Sektor. Dazu kommen sogenannte Eigenmittel einiger Sender. Geld, das etwa für Bauprojekte vorgesehen ist, eingespart wurde oder auch Rundfunkbeiträge, die einige Sender zusätzlich erhalten haben, weil in ihrem Sendegebiet überraschend mehr Rundfunkbeiträge anfielen als erwartet.

Zwölf Jahre nicht angehoben

Die Sender betonen: Die frühere Rundfunkgebühr und der heutige Rundfunkbeitrag seien zwölf Jahre lang nicht angehoben worden. Derzeit würden zudem Rücklagen verwendet. Die seien aber zum Jahresende weitgehend aufgebraucht. Um das ebenso wie die Inflation auszugleichen, bräuchte es einen höheren Beitrag, sonst wäre mehr dennoch weniger. Außerdem laufe eine “tiefgreifende Strukturreform”.

Der ARD-Vorsitzende Buhrow sagt, bei den bisherigen Sparrunden hätten es die Sender “geschafft, das Programm weitestgehend zu verschonen”, indem hinter den Kulissen, bei Produktion und Verwaltung, effizienter gearbeitet würde. “Wenn es jetzt sozusagen noch weniger sein soll und wir noch mehr wirtschaften sollen, dann sind wir an einem Punkt, an dem wir auch im Programm Prioritäten setzen müssen.”

Etat für die Sportrechte wird eingefroren

Welche Angebote die ARD zurückfahren oder gar streichen wird, wollen nun die Intendantinnen und Intendanten beraten. Um die kleineren Sender Radio Bremen und den Saarländischen Rundfunk zu stützen, hatten sich die Chefs der neuen ARD-Anstalten bereits Anfang Februar darauf verständigt, mehr Geld in den ARD-internen Finanzausgleich zu stecken. Dafür werde der Etat für die Sportrechte eingefroren.

In ihrem Bericht an die Rundfunkkommission der Länder erkennt die Prüfkommission KEF viele bereits laufende Sparprogramme der Sender ausdrücklich an. KEF-Vorsitzender Fischer-Heidelberger sagt aber auch, dass den Prüferinnen und Prüfern beim Blick auf diese Maßnahme weitere Ideen gekommen seien. “Wenn man einmal angefangen hat, kommt man sehr schnell darauf, dass da noch weitere Potenziale sind”, sagte Fischer-Heidlberger.

“Wir sind mit dem ersten Aufschlag bezogen auf die Einsparungen erstmal zufrieden gewesen”, sagte die Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Das müsse nun weitergehen. Die KEF habe ganz konkrete Vorschläge für weitere Einsparungen beispielweise durch Kooperationen gemacht, so Dreyer. “Und das bleibt der Auftrag auch für die Zukunft, auch wenn es jetzt zu einer Beitragserhöhung kommt.”

Alle müssen zustimmen

Im Bericht heißt es, die Kommission erwarte “dass die Anstalten größte Anstrengungen unternehmen, um die erkennbaren Wirtschaftlichkeitspotenziale zu realisieren”. Explizit genannt wird die Auslastung der Studios. Das ZDF könne zudem viel erreichen, indem es Teile der IT auslagere.

Damit der Rundfunkbeitrag zum Januar überhaupt steigt, müssen nun erst noch alle 16 Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten zustimmen – und zwar einstimmig – und dann alle 16 Landtage. Damit ist die – aus Sicht der Sender zu knappe – Erhöhung noch nicht endgültig gesetzt. Vor allem die Landesregierung in Sachsen-Anhalt von Ministerpräsident Reiner Haseloff hat mehrfach Widerstand angekündigt.

Als Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder zeigte sich Dreyer aber “zuversichtlich, dass wir zur Ministerpräsidentenkonferenz dann auch zu einem Ergebnis kommen”, wie sie nach der Übergabe des Berichts an sie sagte. Den Vorschlag der KEF, der nun bewertet werde, bezeichnete sie als “moderat”. “Und ich hoffe sehr, dass wir es wirklich dann auch schaffen, gemeinsam zu dieser Beitragserhöhung zu kommen.”

>> zur Originalveröffentlichung auf tagesschau.de

Sind 86 Cent mehr zu wenig?

Der Rundfunkbeitrag liegt bei 17,50 Euro, das Programm kostet allerdings 18,35 Euro – Rücklagen haben den Preis stabil gehalten. Für ZAPP bin ich der Frage nachgegangen, wie es weitergehen könnte.

für NDR Fernsehen

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>> Beitrag in der ARD-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

Erfundene Reportagen und ihr langer Widerhall

Für den Deutschlandfunk-“Hintergrund” bin ich der Frage nachgegangen, was sich ein Jahr nach dem Fall “Relotius” im Journalismus getan hat – auch im Deutschlandfunk.

für Deutschlandfunk

— Manuskript des Beitrags —
„Als ich auf die Journalistenschule ging, da war das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ für uns das Größte.“

– „Der Begriff „Spiegel“-Affäre bekommt in diesen Tagen eine neue Bedeutung.“

– „Claas Relotius galt als Superstar der Branche. Seine Reportagen: preisgekrönt, detailreich, nah dran – zu schön, um wahr zu sein.“

– „Relotius hatte über Jahre hinweg Interviews und Reportageszenen teils erfunden.“

– „Personen Worte in den Mund gelegt, die er nie getroffen hat.“

– „Dieses Haus – so der erste Satz der morgigen Ausgabe – ist erschüttert.“

– „Wir wissen, wir haben auch eine Leitfunktion für die gesamte Branche. Und dass wir der nicht gerecht geworden sind, das schmerzt uns furchtbar.“

– „Ein massiver Schlag gegen die Glaubwürdigkeit.“

Die journalistische Fälschungsaffäre des Claas Relotius. Sie hat nicht nur, aber ganz besonders das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ getroffen. Clemens Höges ist seit 29 Jahren dabei. Er war Reporter und Korrespondent in Krisenregionen, in Washington, aber auch in Deutschland. Höges hat das Deutschland-Ressort geleitet.

Inzwischen ist Clemens Höges Mitglied der Chefredaktion und sitzt in seinem Büro im 13. Stock des „Spiegel“-Hochhauses an der Hamburger Ericusspitze. Die Erinnerung an die Relotius-Affäre sitzt tief.

„Weil es ausgerechnet uns getroffen hat, so etwas, weil Relotius ausgerechnet bei uns so gearbeitet hat, wie er das getan hat. Ausgerechnet deswegen, weil kein anderes Printmedium in Deutschland verfügt über eine Dokumentation in der Stärke, wie wir sie haben. Wir haben uns immer sehr viel darauf zu Gute gehalten, dass bei uns alles stimmen muss.“

Tatsächlich hatte der „Spiegel“ immer wieder mit Sprüchen wie „Keine Angst vor der Wahrheit“ geworben und seine Dokumentation, also Archivare und Faktenchecker, als Alleinstellungsmerkmal gepriesen. Auch in einem Imagefilm zum 70. Geburtstag – mit einer Erinnerung an die hohen Maßstäbe, die „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein einst setzte.

„Sagen, was ist – ein Augstein-Zitat, das heute noch gilt. Und damit es so bleibt, gibt es beim „Spiegel“ eine ganze Abteilung: die Dokumentation. 70 Personen überprüfen Fakten, korrigieren Schreibweisen und suchen Fehler. Tief im Archiv ist auch heute noch die inoffizielle Verfassung des Heftes zu finden: das „Spiegel“-Statut, eine Art Grundgesetz für alle Mitarbeiter des Hauses.“

„Alle im „Spiegel“ verarbeiteten und verzeichneten Nachrichten, Informationen, Tatsachen müssen unbedingt zutreffen. Und in Zweifelsfällen ist eher auf eine Information zu verzichten, als die Gefahr einer falschen Berichterstattung zu laufen.“

Bei Relotius hat dieses System versagt. Entsprechend groß war der Schock, erinnert sich Höges.

„Als das unten im Atrium der Belegschaft verkündet wurde: Die Leute waren fassungslos. Bei einzelnen flossen Tränen. Es war unvorstellbar.“

Der „Spiegel“ hat all das mit großer Energie aufgearbeitet, investigativ recherchiert im eigenen Haus. Eine Kommission, der mit der früheren Chefredakteurin der „Berliner Zeitung“, Brigitte Fehrle, auch eine externe Expertin angehörte, legte Mitte dieses Jahres einen schonungslosen Bericht vor. Fehrle ging zusammen mit zwei Kollegen aus dem „Spiegel“ über Monate der Frage nach, warum Relotius täuschen konnte.

„Bei der Dokumentation war es so, dass da ein grundlegender Fehler gewesen ist. Da ist ein Dokumentar für alle Texte aus diesem Ressort zuständig gewesen – egal, aus welcher Weltregion oder in welchem Themenbereich diese Texte spielten. Der war sehr eng verwoben mit den Redakteuren und hat, glaube ich, einfach nicht mehr so genau hingeguckt wie eigentlich im „Spiegel“ hingeguckt wird. Und das andere Problem liegt eher in der Redaktion. Relotius hat in einem Bereich gearbeitet, wo es hauptsächlich darum ging, Reportagen zu schreiben, die sehr brillant sein sollten, die im Zweifel auch Preise gewinnen sollten. Also die außergewöhnliche Geschichte, die außergewöhnliche Protagonisten – das ist das, was im Grunde Standard ist in diesem Ressort. Und das kann man natürlich besser leisten, wenn man sich nicht so sehr um die Fakten kümmert.“

Zu der Jagd nach Journalistenpreisen kam also eine laxe Kontrolle. Relotius nutzte das aus: Er lieferte – vermeintlich – brillante Reportagen. In diesem Genre zählen vor allem die subjektiven Beobachtungen des Journalisten. Vom Hamburger Schreibtisch aus lässt sich kaum checken, was sich im Ausland, gar in Krisenregionen abgespielt haben soll. Das Vertrauen der Redaktion für Autoren spielt hier eine besonders Rolle.

Juan Moreno, der „Spiegel“-Reporter, der Relotius auf die Schliche kam, veröffentlichte im Herbst ein Buch: „Tausend Zeilen Lüge“. Darin und auch auf Lesungen beschreibt Moreno, mit welchen Tricks Relotius vermied, dass jemand in der Ferne mitbekam: Da wurden Recherchen erfunden oder abgeschrieben – wie offenbar bei einer Geschichte über den US-amerikanischen Footballspieler Colin Kaepernick, der sich aus Protest gegen Rassismus zur Nationalhymne hinkniete.

„Das ist natürlich der absolute Wahnsinn, erst mal als journalistischer Stunt, sich so was auszudenken, und dann aber auch in der Exekution: Was der gemacht hat, ist, der hat beim „Spiegel“ angerufen. Es gibt eine Abteilung, die übersetzt die Texte und hat denen erzählt, ich habe dieses Interview – und es ist fantastisch, es war für den Reporterpreis letztes Jahr nominiert. Ich habe es nur bekommen, weil die Eltern wollten es nicht für amerikanische Medien machen, weil dann alle über sie herfallen. Wir dürfen es leider nicht ins Englische übersetzen. Ja, was sagen die Kollegen? Ne, wir drucken es nicht? Also: Klar, ja. Wenn das der Wunsch der Eltern war, verständlicherweise. Dann machen wir das. Und das hat er immer wieder gemacht.“

Der „Spiegel“ hat Konsequenzen gezogen. Einige Mitarbeiter, die in der Affäre eine Rolle spielten, haben den Verlag verlassen. Das Gesellschaftsressort heißt nun „Reporter“, ist an die große Dokumentation angeschlossen und muss immer wieder mit anderen Ressorts zusammenarbeiten. Die Reporterinnen und Reporter sollen sich gegenseitig im Blick haben. Doch der Schaden geht weit über den „Spiegel“ hinaus – auch, weil Relotius in seiner Karriere andere Redaktionen journalistisch betrogen hatte, etwa „Zeit Online“ und den „Tagesspiegel“. Die Affäre hat viele Journalistinnen und Journalisten nachdenklich gestimmt. Zum Beispiel Gianna Niewel, Redakteurin der Seite 3 der „Süddeutschen Zeitung“ – dem Ressort für Portraits und Reportagen.

„Als das herausgekommen ist – es war ein Mittwoch – da hatte ich gerade ein dreiseitiges Dossier bei uns, das ich gemeinsam mit einem Kollegen geschrieben habe. Und wir haben plötzlich alles in Zweifel gezogen. Also, es war das Porträt eines Flughafenseelsorgers. Und wir hatten geschrieben „Er will einen Ordner zeigen“. Wir haben uns gefragt, will er den wirklich zeigen oder zeigt er den nur, weil wir da sind? Wir haben wirklich über jeden Nebensatz diskutiert.“

Niewel hat sich Ende November in Tutzing am Starnberger See mit mehreren Dutzend Kolleginnen und Kollegen getroffen – auf einer gemeinsamen Tagung der bayerischen Akademie für politische Bildung und der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche. Der Titel der Tagung: „Jetzt mal ehrlich!“ Über Redaktionsgrenzen hinweg diskutierten die Journalisten unter anderem darüber, welche Lehren sie aus dem Relotius-Skandal gezogen haben. Denn im Laufe des Jahres flogen auch einige andere Reporter auf, die ihre Redaktionen und das Publikum getäuscht haben. Verglichen mit Relotius waren sie zwar kleine Fische.

So entdeckte das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ einen Fälscher frühzeitig – noch vor dem Druck. Dennoch fährt die Zeitung ihre journalistische Qualitätssicherung hoch, berichtet Gianna Niewel.

„Also, auf einer operativen Ebene arbeiten wir als Haus gerade an einer Plattform, sodass Fälschungen noch unwahrscheinlicher werden können. Wo es darum geht, dass Autorinnen und Autoren ihre Interviewbänder, ihre Kontaktinformationen hochladen können, dass das zugreifbar ist. Und ansonsten haben wir bei der Seite 3 auch nochmal das Faktenchecken angezogen. Das machen wir nochmal deutlich intensiver, als wir es vorher ohnehin schon gemacht haben.“

Die Redakteurin der „Süddeutschen Zeitung“ sagt ganz offen: Diese neue Zeit ist für die Journalisten bisweilen auch belastend.

„Es bedeutet in erster Linie mehr Arbeit. Wir haben ja jetzt nicht plötzlich zwei Stellen mehr bekommen, um das zu machen, sondern das ist eine Arbeit, die wir – meine Kolleginnen, Kollegen und ich – zusätzlich machen. Die wir so gut machen, wie es nur irgendwie geht. Aber das ist natürlich auch ein System, das an seine Grenzen gerät. Ich persönlich kann sagen, wenn ich Kolleginnen und Kollegen Fakten checke: die kenne ich seit Jahren, mit denen bin ich teilweise befreundet. Und ich glaube, dieses Vertrauen, das wir haben, das ist sehr wichtig und sehr schön. Aber ich versuche mich beim Faktenchecken davon immer ein Stück weit zu distanzieren und zu sagen, ich versuche dann fast der Gegner zu sein, weil ich denke, nur wenn ich mich in die Rolle reinsteigere, sage ich jetzt mal, kann ich wirklich das so gut wie möglich machen.“

Erste Ausbildungszentren misstrauen außerdem heute dem Nachwuchs. Die Deutsche Journalistenschule in München prüft, ob beschriebene Szenen in den Bewerbungsreportagen stimmen können. Bei der Reportageschule in Reutlingen soll künftig im laufenden Betrieb ein Faktenchecker den angehenden Reporterinnen und Reportern auf die Finger schauen – zumindest mit Stichproben. Auch erste Jurys von Journalistenpreisen sehen mittlerweile genauer hin. Immerhin hatte Relotius selbst etliche Auszeichnungen gesammelt. Er war förmlich in einem Preis-Rausch.

Berlin, Anfang Dezember. Im Veranstaltungszelt TIPI direkt am Bundeskanzleramt wird der Reporterpreis verliehen. Er ist schon seit Jahren nicht mehr mit Geld dotiert, unter Journalistinnen und Journalisten aber dennoch heiß begehrt. Relotius hatte ihn gleich mehrfach bekommen – das letzte Mal 2018, wenige Tage vor Bekanntwerden seiner eigenen Affäre. Der Text, für den er damals ausgezeichnet wurde, wurde laut „Spiegel“ zu großen Teilen erfunden. Ein Jahr später lässt man sich die Stimmung bei der Verleihung dadurch nicht vermiesen. Gleichwohl haben die Veranstalter ihre Standards angezogen. Anette Dowideit aus dem Vorstand berichtet: Wer Texte einreicht, muss ein Rechercheprotokoll beilegen.

„Man macht jetzt ein Making-of von den Texten, die man einreicht. Und dass wir auch sagen, es gibt Faktchecker, also dass man sich darauf gefasst machen muss, wenn man einen Preis, einen Vorschlag einreicht und sich um einen Preis bewirbt, dass der dann auch gecheckt wird und die Fakten noch einmal nachgeprüft werden können.“

Dowideit ist selbst Investigativreporterin der „Welt“. Auch bei ihrer eigenen Arbeit gelten strengere Beweispflichten.

„Und zwar haben wir bei uns im Team, bei der „Welt“, im Investigativteam gesagt, dass wir noch stärker dokumentieren, wie wir recherchiert haben. Dass wir unter anderem, wenn wir mit Personen sprechen, dass wir, wenn es möglich ist, dann auch Selfies mit denen machen, einfach nur für unsere Unterlagen. Dass wir auch stärker nachhalten, wann, wo hat welches Gespräch stattgefunden.“

Auch der „Spiegel“ erhöht seine Standards. Auf etwa 75 Seiten erfahren die Reporterinnen und Reporter, wie gründlich sie arbeiten müssen. Co-Chefredakteur Clemens Höges sagt: Künftig werde es noch wichtiger sein, harte Belege vorzulegen.

„Bei Investigativgeschichten lag die Messlatte bei uns schon immer natürlich sehr hoch, weil bei Investigativgeschichten auch die Gefahr, dass man einer falschen Quelle aufsitzt, weil Interessen im Hintergrund eine Rolle spielen, dass man auch juristische Risiken eingeht – diese Gefahren sind bei investigativen Stoffen alle sehr viel größer. Und da haben wir schon immer vorgebaut. Aber das bauen wir auch noch aus.“

Höges macht aber auch klar: Gerade bei Recherchen im Ausland bleibe ein Risiko – und Relotius hatte vor allem im Ausland recherchiert, immer wieder in den USA, aber auch in Krisenregionen.

„Selfies mit Gesprächspartnern sind natürlich hilfreich, um zu dokumentieren‚ hey, ich war da und es gibt da diesen Menschen. Die Wirkung ist eingeschränkt. Es gibt wenige Leute, die mehr Fotos gemacht haben als Claas Relotius. Nur waren die Personen, von denen er behauptete, es seien die auf den Fotos, die waren nicht echt, die gab es nicht. Das waren ganz andere Leute teilweise.“

Und selbst, wenn ein Redakteur oder Dokumentar einem – vermeintlichen – Protagonisten hinterhertelefoniere, könne ein bezahlter Lügner am anderen Ende der Verbindung sitzen, mahnt Höges.

Das Ausland ist eine besondere Schwachstelle. Sie nutzte auch ein Reporter beim Deutschlandfunk aus. Etwa 20 Jahre hatte er als freier Mitarbeiter unter anderem für diesen Sender gearbeitet und aus dem europäischen Ausland berichtet. Es stellte sich heraus: Zuletzt lieferte er einige Beiträge, bei denen er ausdrücklich vorgab, vor Ort gewesen zu sein – so, wie das die Redaktionen auch bei ihm bestellt hatten. Tatsächlich aber stellte er seine Berichte aus fremdem Material zusammen, das er etwa im Internet fand: bei anderen, örtlichen Sendern oder in Mitschnitten von Veranstaltern. Dem Deutschlandfunk fiel das selbst auf. Deutschlandfunk-Chefredakteurin Birgit Wentzien betont: Dieser Fall sei mitnichten ein zweiter Relotius, keine Fälschung, aber doch journalistischer Betrug:

„Naja, wenn ich als Reporter so tue, als wäre ich in der Arena von Verona und ich sitze daheim in meiner kleinen Kemenate in Bad Reichenhall und wenn ich als Reporter oder Autorin und Autor so tue, als würde ich das Geschehen verfolgen, dann – glaube ich – produziere ich eine Fakenews, eine falsche Geschichte und simuliere eine Anwesenheit, die ja nicht gegeben war. Und tue nicht mein Handwerk, sondern ich liege einfach schlicht und ergreifend daneben.“

Dazu kommt ein Fall, bei dem eine Autorin – neben anderen Medien – auch bei Deutschlandfunk Nova eine erfundene Geschichte erzählt hat. Wentzien sagt: In diesem Fall hat die Redaktion nicht ausreichend nach Belegen gefragt. Das Deutschlandradio, zu dem auch der Deutschlandfunk gehört, überarbeitet nun ebenfalls seine Standards: Im Frühjahr nächsten Jahres soll ein Update des journalistischen Selbstverständnisses erscheinen. Vor allem bei subjektiven Berichten sollen Autorinnen und Autoren ihren Redaktionen konsequenter als bisher belegen, dass ihre Geschichten auch stimmen.

Außerdem sollen in beiden Funkhäusern – in Berlin und Köln – Vertrauenspersonen installiert werden, die Hinweisen nachgehen und selbst auch Stichproben machen. Deutschlandfunk-Chefredakteurin Wentzien sagt, es gehe darum, den eigenen Werkzeugkasten zu entstauben, nicht etwas Neues zu erfinden. Hier und da habe über die Jahre die Routine übernommen. Das Ziel sei, wieder genauer hinzusehen.

„Ein Kollege in Berlin hat ein ganz praktisches Beispiel oder sagen wir mal ein ganz praktisches Bild dafür genutzt. Er sagte: Das, was wir gerade machen, ist so etwas wie eine Schluckimpfung oder eine Auffrischung einer Impfung, um danach ganz kräftig wieder in der Landschaft zu stehen. Das pikst. Manchmal ist es auch bitter, ein bisschen bitter, wenn man so ein Stück Zucker mit Tropfen einnimmt, aber es hilft ungemein.“

In der Diskussion – im Deutschlandradio und darüber hinaus – geht es allerdings nicht nur um die Kontrolle der journalistischen Arbeit, das Checken der Fakten und Protagonisten. Es geht auch um die Verantwortung bei der Planung: Redaktionen wollen mehr denn je darauf achten, dass Reporterinnen und Reporter wirklich frei recherchieren können, statt um jeden Preis Wunschgeschichten zu liefern.

Im „Spiegel“, bei Claas Relotius, lief das mitunter anders. Im Zuge ihrer Aufarbeitung veröffentlichte die installierte Kommission eine E-Mail. Aus ihr geht hervor, wie die Redaktion bei Relotius eine Reportage aus den USA bestellt hat – und gleichzeitig die gewünschte Dramaturgie minutiös vorgab. Das sei allerdings kein „Spiegel“-weiter Standard gewesen, heißt es – sowohl von der Kommission als auch von „Spiegel“-Reporter Moreno und der Chefredaktion des „Spiegel“.

Derjenige, der diese Debatte losgetreten hat, schweigt allerdings: Claas Relotius selbst. Ein Anwalt geht gegen einzelne Details im Buch über die Affäre vor, lehnt Interviewanfragen an Relotius aber ab. Sein Mandant räume zwar ein, dass er eine schwere Verfehlung begangen habe. Er sei aber erst mal noch selbst damit beschäftigt, die Dinge zu verstehen. Clemens Höges und seine Kolleginnen und Kollegen im „Spiegel“ wünschen sich, dass Relotius mit der Aufklärungskommission redet. Vor allem eine offene Frage soll er endlich beantworten.

„Er hatte alle Möglichkeiten, Geschichten zu machen, die gut sind und stimmen. So wie es die ganzen Kollegen hier tun. Warum hat er das nicht gemacht? Warum musste er fälschen? Für eine Geschichte zum Klimawandel, er sollte nach Kiribati, Inselgruppe in der Südsee fliegen. Und soweit wir wissen, ist er nicht nach Kiribati geflogen, hat aber so getan, als wäre er nach Kiribati geflogen. Warum das? Ein Journalist, der mal eben nach Kiribati fliegen kann und dort eine Reportage schreiben kann, warum erfindet man das dann? Warum? Ich verstehe es nicht.“

Auch wenn nun seit einem Jahr das Schimpfwort „Relotius-Presse“ die Runde macht – beim Abverkauf habe der „Spiegel“ die Affäre nicht gespürt. Im Gegenteil: In den vergangenen Monaten verkaufte sich das Magazin mit im Schnitt gut 726.000 Exemplaren – gedruckt und digital – sogar etwas besser als vor einem Jahr. Das Publikum hält dem Magazin die Treue. Einen Relotius-Effekt gib es hier nicht.

Gleichwohl kam es vor einem Jahr im Journalismus zu einer Zäsur. Es gibt eine neue Zeitrechnung. Vor Claas Relotius. Und danach. Beim „Spiegel“ und über ihn hinaus. Die neue Ära im Journalismus hat gerade erst begonnen.

>> Download MP3 (Quelle: Dlf-“Hintergrund”)

Warum Sky ab und zu auf Exklusivität verzichtet

Für den Deutschlandfunk habe ich unter anderem mit ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann über die neuerliche Kooperation bei Bundesliga-Übertragungen gesprochen.

für Deutschlandfunk

— Manuskript des Beitrags —
Fast 900 Millionen Euro – so viel zahlt Sky an die Deutsche Fußballliga pro Jahr, um die Bundesliga übertragen zu dürfen. Für die Vereine ist das die Haupteinnahmequelle. Aber die Liga dürfte nicht nur an dem Geld aus den Fernsehrechten interessiert sein. Denn nur wenn viele Menschen erreicht werden, zahlen auch die Sponsoren der Klubs und die Werbekunden in den Stadien weiterhin hohe Summen.

Gerade vor diesem Hintergrund scheint die – gelegentliche – Kooperation des Pay-TV-Anbieters und Bundesliga-Senders Sky mit frei empfangbaren Sendern logisch. Sky erklärt jedenfalls:

„Damit betreiben wir Werbung für unser Sky Bundesliga-Produkt und für den deutschen Fußball im Allgemeinen. Durch die Kooperation mit dem reichweitenstarken ZDF machen wir das Spiel einem besonders großen TV-Publikum zugänglich.“

Im Frühjahr zeigte die ARD das „Revierderby“. Den Besuch der Bayern in Frankfurt hat nun wiederum das ZDF ausgestrahlt. Das freut natürlich ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann. Live-Fußball ist bei ihm selten, nachdem der Streaminganbieter DAZN dem Zweiten die Champions League wegschnappte.

„Das ist jetzt kein großes Geheimnis, dass Sky von der deutschen Fußball-Liga dieses Recht eingeräumt hat zwei Spiele pro Saison zu verwerten für Promotionszwecke, wie es heißt. Und in diesem Fall, jetzt im Sommer, sind wir auf die zugegangen.“

Zuallererst betont Fuhrmann, habe das Publikum etwas von diesem Deal: Bundesliga, frei empfangbar. Sky lässt sich das allerdings auch bezahlen. Über die Lizenzgebühr schweigt das Management des Bezahl-Senders aber. Fuhrmann sagt immerhin:

„Das ist jetzt keine Symbolsumme in der Größenordnung von einem Euro oder so etwas, sondern das sind schon andere Summen. Sie wissen aber, dass ich in der Öffentlichkeit nie Summen nenne. Das werde ich heute auch nicht anders halten, aber wie immer bei einem Geschäft: Wir sind sehr zufrieden mit den Konditionen und gehen, glaube ich sehr verantwortungsvoll – wie sonst auch – mit den Beitragsgeldern um“

, meint der ZDF-Sportchef. Fußball hätte er gerne wieder häufiger im Programm – und setzt so lange auch auf andere Sportarten: Nächste Woche steigt das ZDF wieder ins Boxen ein. Ein Ausgleich für die populärste Sportart sei das aber natürlich nicht, sagt Fuhrmann.

Wenn die Liga demnächst die künftigen Medienrechte ausschreibt, hofft er, dass es für das ZDF bei den bisherigen Rechten bleibt. Derzeit sieht das sogenannten Paket H Zusammenfassungen am Samstagabend vor.

„Seit vielen Jahrzehnten fährt die Bundesliga und das ZDF gut damit, dass es das ‚Aktuelle Sportstudio‘ gibt und es ist eine Traditionsmarke. Und jedes Recht wird neu verhandelt. Man muss die neue Marktsituation anschauen. Einfacher ist die Situation nicht geworden.“

Das sieht auch Lutz Meier so. Der Journalist beobachtet seit vielen Jahren die Vergabe von Sportrechten – erst für die „Financial Times Deutschland“, heute für das Monatsmagazin „Capital“.

„Sky ist doch inzwischen sehr unter Druck geraten. Zudem sind ja einige Konkurrenten auf den Plan getreten, allen voran DAZN. Und zudem hat die Deutsche Telekom angekündigt, dass sie Interesse hat. Also wird sich grundlegend was ändern.“

Ob die Liga Kooperationen von Bezahl- und frei empfangbaren Sendern von einer Ausnahme zum Standard machen will, ist offen. Bekannt ist, dass sie das Bundeskartellamt bereits gebeten hat, ihr wieder zu erlauben, alle Live-Rechte an einen Anbieter zu geben. Es dürfte also auf einen Showdown zulaufen zwischen Sky, DAZN und der Telekom. Branchenbeobachter Lutz Meier mahnt jedoch: Was nach großem Wettbewerb aussehe, könne für die Liga auch nach hinten losgehen.

„Die tun immer gerne so, als würden sie da noch jemanden aus dem Hut zaubern. Das wird die sicherlich sehr gefreut haben, dass sich die Telekom jetzt gemeldet hat, die auch in der Vergangenheit schon öfter mal den Joker gespielt hat. Aber da ist dann die Frage: Zieht dieser Joker wirklich am Ende?“

Die Telekom nehme immerhin schon viel Geld in die Hand für die Europameisterschaft in knapp fünf Jahren. Sollte sie die anderen nicht zu neuen Höchstpreisen treiben, könnte der Preis für die Liverechte der Liga sogar sinken. Ein Risiko vor allem für die Finanzlage der Vereine.

>> Download MP3 (Quelle: Deutschlandfunk-“Sport am Wochenende”)

Nun auch Täuschungsfall beim Radio: Wie sich die Sender schützen wollen

für Übermedien

Seit vor bald einem Jahr bekannt wurde, dass der „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius über Jahre gefälschte Reportagen im „Spiegel“ und anderen Medien untergebracht hat, überlegt die Branche, wie sie sich schützen kann vor derlei Betrug – aber auch generell vor Fehlern und Unsauberkeiten.

Zuweilen wird die Causa Relotius dabei als Einzelfall abgetan, als beispiellose Täuschung eines Hochstaplers. In der Dimension, also dem Ausmaß der Fälschungen, mag das stimmen. Aber auch nach Relotius wurden Fälle bekannt, in denen Autoren Beiträge ablieferten, die so nicht stimmten.

So wurde zum Beispiel öffentlich, dass ein Autor versucht hatte, im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ eine Geschichte unterzubringen, deren Protagonistin er erfunden hatte. Auch anderen Medien entdeckten daraufhin Fehler in seinen Texten. Sie beendeten die Zusammenarbeit.

Oder der Fall eines RTL-Autors, den der Sender selbst öffentlich machte. Er hatte PR-Videos ausländischer Stars als eigene verkauft und sich sogar mit Fragen dazwischen geschnitten. Er arbeitet nun nicht mehr für den Sender.

Dieser Fall ist auch deshalb bemerkenswert, weil FernsehjournalistInnen gerne behaupten, in ihrem Medium sei Betrug oder unsauberes Arbeiten kaum möglich. Aber es funktioniert eben doch, nur anders als im Geschriebenen. Und nun ist nach Informationen von Übermedien auch der Hörfunk betroffen.

Deutschlandradio-Reporter bediente sich bei anderen Medien

Es geht um einen Reporter, der gut zwei Jahrzehnte lang für das Deutschlandradio arbeitete und bis zuletzt aus dem europäischen Ausland berichtet hat. Er soll im vergangenen halben Jahr O-Töne verwendet haben, die nicht aus von ihm selbst geführten Interviews stammten. Mehr noch: Der Journalist hat mit atmosphärischen Elementen in seinen vermeintlichen Reportagen sogar den Eindruck erweckt, er sei persönlich vor Ort gewesen. War er aber nicht.

Das Deutschlandradio bestätigt dies auf unsere Anfrage, und auch der Journalist räumt sein Vorgehen ein. Das Material, das er nutzte, stammte demnach aus anderen Medien. Das Deutschlandradio hat die Beiträge nach eigenen Angaben geprüft und geht davon aus, dass die Fakten stimmen – und die O-Töne auch nicht mit ausgeklügelter Stimmsynthese modelliert wurden.

Der Reporter hat die Redaktionen im Unklaren darüber gelassen, wie seine Beiträge zustande kamen. Der Sender kam ihm dann offenbar selbst auf die Schliche. Der Journalist führt persönliche Gründe an, weshalb er seinen Wohnort nicht für Reportage-Reisen habe verlassen können und deshalb so vorging. Er schreibt auf Anfrage, er habe aus einer „persönlichen Notlage“ heraus gehandelt, „aber das entschuldigt nichts“. Der Sender hat die Zusammenarbeit mit ihm beendet.

„Der Fall ist kein zweiter Relotius“, betont Deutschlandfunk-Chefredakteurin Birgit Wentzien. Der Kollege habe keine Geschichten erfunden, sich allerdings in fremdem Material bedient. „Klar, keine Auslandskorrespondentin und kein Auslandskorrespondent wird immer in der Lage sein, alle O-Töne selbst einzuholen“, sagt Wentzien. „Das ist eine Schwäche, aber damit gehen wir offen um, indem wir die Herkunft des Materials benennen.“ In diesen Fällen habe der Autor seiner Redaktion diese Möglichkeit aber verschwiegen.

Sandra Müller: „Auch Rundfunk anfällig für Manipulationen“

Sandra Müller sieht sich bestätigt. Müller berichtet für den SWR und die ARD aus Tübingen, bildet VolontärInnen aus und organisiert Fachkonferenzen für JournalistInnen. Dass auch der Rundfunk anfällig ist für Manipulationen und Fälschungen, davor warnt sie schon lange. Zu dem aktuellen Fall sagt sie, es sei „keine komplette Fälschung, klar, aber doch ein Betrug an den HörerInnen, weil ihnen etwas vorgegaukelt wird, was so nicht stattgefunden hat.“

Die Sache erinnere sie an den „virtuelle Journalismus“, den Lutz Mükke schon 2008 in einem Dossier zum Zustand der deutschen Auslandsberichterstattung beklagt hatte, also: in Features über Länder zu berichten, in die Reporter nie gereist waren. Müller wiederum hat vor zwölf Jahren die Initiative Fair Radio gegründet, der sie bis vor ein paar Tagen angehörte. Fair Radio forderte schon 2007 im „Tutzinger Appell“ ein „glaubwürdiges Radio“.

Dagegen sei der Fall beim Deutschlandradio ein „klarer Verstoß“, sagt Müller. Der Appell werde „in der Branche zum Teil aber leider immer noch belächelt“ – auch für die Forderung, nichts vorzugaukeln. So kommt es etwa immer wieder vor, dass Radios insinuieren, ein Reporter sei gerade live vor Ort, dabei wurde die Schalte aufgezeichnet. „Das seien doch ganz normale Radiotechniken, heißt es oft“, sagt Müller. „Ich finde: Nein!“ Deshalb freue es sie „um so mehr, dass das Deutschlandradio da so konsequent entschieden hat“.

Auch wenn alle bisher bekannten Fälle einzeln betrachtet werden müssen, weil sie unterschiedlich sind – welche Schlüsse lassen sich dennoch daraus ziehen für die Arbeit mit Reporterinnen und Reportern?

Die Wissenschaftsjournalistin Eva Wolfangel schrieb, kurz nachdem der Fall Relotius bekannt geworden war, in ihrem Blog darüber, „wie wir JournalistInnen unsere Fakten prüfen“. Sie warb unter anderem dafür, dass „wir Deutschen uns einiges aus dem angelsächsischen Raum abschauen“. Auch heute ist sie noch davon überzeugt, dass das angebracht sei – und bei der Qualitätssicherung die Kulturen auf beiden Seiten des Atlantiks oft unterschiedlich sind.

Derzeit ist Wolfangel Stipendiatin am Massachusetts Institute of Technology (MIT) bei Boston, arbeitet also erst mal nicht mehr als Journalistin. Der Fälschungs-Skandal lässt sie dennoch nicht ganz los. Der Fall sei auch in den USA ein Thema, Factchecking sowieso: Bei US-Medien sei es „praktisch selbstverständlich, dass Redaktionen Gesprächspartner fragen, ob man sich wirklich in der beschriebenen Bar getroffen hat und ob die Zitate stimmen“, sagt sie.

Quellentransparenz sei auch gegenüber dem Publikum gängiger, erzählt Wolfangel diese Woche am Telefon. „Statt eines ‚sagte er‘ heißt es oft präzise ‚sagte er am vergangenen Dienstag in einem Telefonat‘“. In Deutschland habe sie zwar auch erlebt, dass Redaktionen wissen wollten, ob Geschichten stimmten. „Ich sollte sogar Selfies mit meinen Protagonisten machen“, berichtet sie von ihrer Zusammenarbeit mit „Geo“. Standard sei das aber nicht.

Da war etwa ihr Radiofeature, das der SWR im Frühjahr sendete. Wolfangel hatte unter anderem in London recherchiert, was sie in ihrem knapp 30-minütigen Beitrag mit atmosphärischen Tönen illustriert, etwa von ihren Bahnfahrten. Sie lobt die Zusammenarbeit mit dem Sender: Ihr Redakteur habe wissen wollen, mit wem sie sich wann treffe und auch hinterfragt, ob ein Experte wirklich Ahnung habe. „Das war ein intensiver, kritischer Kontakt“, sagt Wolfangel. „Das war gut!“ Sie sagt aber auch: „Ich hatte vergessen, die Reise abzurechnen. Ob ich wirklich vor Ort war, kann also niemand gewusst haben.“

Nun ließe sich sagen: Das nennt sich Vertrauen. Andererseits: Auch der „Spiegel“ vertraute Relotius. Lange Zeit. Bei ihm kam dann heraus, dass er nicht immer dort war, wo er hätte sein sollen. Die interne Kommission, die prüfte, weshalb der mit Preisen überschüttete Betrüger über Jahre nicht aufflog, schreibt in ihrem Abschlussbericht etwa: „Heute ist klar, dass Relotius nicht einmal auf Kiribati war, sein Text war gefälscht.“ Im Protokoll zu seinen Fälschungen heißt es, er habe den Flug nach Kiribati „nicht angetreten“, die Motelbuchung „kurzfristig (…) storniert“. Der Klima-Text mit Relotius‘ vermeintlicher Reportage von der Südsee-Insel erschien Ende 2018 im „Spiegel“.

Umfrage bei Sendern: Wie schützen vor Betrug und Unsauberkeiten?

Wie gehen Sender damit nun um? Beim Deutschlandradio heißt es, man plane, seinem „Journalistischen Selbstverständnis“ ein Update zu verpassen. Seit 2014 regelt der Leitfaden den Umgang mit Interessenkonflikten. Nun soll es unter anderem zum Thema Lügen erweitert werden. „Es geht um Reportagen, aber es geht auch um subjektive Geschichten, wie wir sie gerade in unserem jüngeren Programm Deutschlandfunk Nova wünschen“, sagt DLF-Chefredakteurin Wentzien. „In diesen Zeiten müssen wir in der Lage sein, jederzeit dokumentieren zu können, was wir tun.“

Im Gespräch seien unter anderem Recherche-Protokolle: AutorInnen des Deutschlandradios sollen für RedakteurInnen Kontaktdaten zu ihren GesprächspartnerInnen festhalten und „durchaus“ Fotos ihrer Recherchen beifügen. Außerdem solle, zumindest nach derzeitigem Stand der Überlegungen, eine Ombudsperson eingesetzt werden, die Stichproben mache und Zweifeln nachgehe. „Am Ende geht es doch darum, dass wir journalistisch sauber arbeiten“, sagt Wentzien. „Das wollen AutorInnen, das wollen auch RedakteurInnen. Und das sind wir unserem hohen Qualitätsanspruch schuldig.“

Übermedien hat auch die neun Landesrundfunkanstalten der ARD, das ZDF, die Deutsche Welle und den Rundfunk in der Schweiz und in Österreich gefragt. Aus der Schweiz, aus Österreich und von der Deutschen Welle stehen noch Antworten aus – wenn sie eintreffen, ergänzen wir sie.

Bayerischer Rundfunk: „Zeile für Zeile und Wort für Wort“

Was das Fernsehen bei ARD und ZDF angeht, lautet die Reaktion auf unsere Fragen zusammengefasst: Alle Beiträge durchliefen mindestens ein Vier-Augen-Prinzip, zwei Quellen seien Pflicht und Fälschungen oder Manipulationen gerade im Teamwork-Medium Fernsehen kaum möglich. Vor allem investigative Stoffe würden „Zeile für Zeile und Wort für Wort“ geprüft, verspricht unter anderem der BR. „Alle Fakten, die wir veröffentlichen, können wir belegen.“

Der SWR geht in der Debatte auf große Distanz zu Relotius. „Der Fall ist nicht dazu geeignet, alle Medien unter einen Generalverdacht zu stellen“, schreibt ein Sendersprecher und betont, das sei ein Print-Fall. Hundertprozentige Sicherheit gebe es nicht, doch „bei der Abnahme werden die Recherchen der AutorInnen kritisch überprüft und hinterfragt“. Ähnlich antwortet auch der MDR: Das Vertrauen der Bevölkerung in den Sender habe „oberste Priorität, da in der Wahrhaftigkeit im Journalismus der Schlüssel für die Legitimation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks liegt“. Die Messlatte liegt hoch.

Sandra Müller sieht allerdings noch Potenzial. Auf dem Programm der Tutzinger Radiotage Mitte September stand unter anderem „Professionell zweifeln“. Müller wollte ExpertInnen aus den Sendern gewinnen, die TeilnehmerInnen von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern im Faktenchecken schulen, jenseits der Verifikation von „Fake News“ im Netz.

„Ich hatte mich in meinem – nicht ganz kleinen – Radionetzwerk erkundigt“, sagt Müller. „Niemand kannte FaktencheckerInnen, die Hörfunkmanuskripte prüfen. Auch KollegInnen, die seit Jahrzehnten fürs Radio arbeiten und auch Features produzieren, konnten mir nicht weiterhelfen.“ Allein beim Hessischen Rundfunk (HR) habe man ihr gesagt, es gebe nun zwei Archivare, die kürzlich bei einer Faktencheck-Weiterbildung gewesen seien. Nach Tutzing kam letztlich eine Faktencheckerin des Recherche-Netzwerks Correctiv.

HR: ArchivarInnen seit einem Jahr auch Faktenchecker

Der HR bestätigt auf Nachfrage, dass es inzwischen Faktenchecker gebe, dieses Instrument sei aber noch neu und müsse sich erst etablieren. Die ArchivarInnen seien vor etwa einem Jahr in Faktenchecks eingestiegen. Erste Checks würden für die Reihe „Funkkolleg” laufen. Das Archiv wolle „noch im Herbst“ prüfen, ob und wie das ausgeweitet werden könne, auch für die aktuelle Berichterstattung. Insgesamt sei man überzeugt, dass dieses Angebot in diesen Zeiten immer stärker gebraucht werde.

Aber es geht natürlich nicht nur um Fakten, sondern auch darum, ob ReporterInnen überhaupt unterwegs waren und Fakten und Töne selbst eingesammelt haben – oder einfach zusammenkopiert. Meistens lautet das Argument in den Antworten der ARD-Anstalten: das Berichterstattungsgebiet schütze.

„Unser Kerngeschäft liegt in der regionalen Berichterstattung“, teilt etwa ein Sprecher des Saarländischen Rundfunks (SR) mit. Inhaltliche Manipulationen würden „sehr schnell auffallen“. Das meint auch Radio Bremen (RB): „Das Berichtsgebiet ist überschaubar, die Nutzung unserer Programme hoch, die Redaktionen über ihre verschiedenen Kanäle wie zum Beispiel Social Media leicht zu erreichen und dem Publikum gefühlt nah.“ Außerdem würden die eigenen Qualitätsstandards „regelmäßig evaluiert“.

Kein Sender meldet weitere Betrugs-Fälle

Kein Sender – weder aus der ARD noch das ZDF – meldet auf unsere Anfrage hin weitere eigenen Fälle aus der jüngeren Zeit. Schon nach Relotius hätten sich die Hörfunk-ChefredakteurInnen „mehrfach mit dem Thema Quellennennung befasst“, erklärt ein Sprecher der ARD und zitiert aus einem Handbuch für die KorrespondentInnen des Hörfunks:

„Besondere Sensibilität ist bei Studio-Berichten geboten, die z.B. szenische Schilderungen oder besondere Originaltöne enthalten und insgesamt den Eindruck erwecken könnten, Korrespondent*innen seien direkt vor Ort. In solchen Fällen sollte der Beitragstext an geeigneter Stelle einen kurzen Hinweis enthalten.“

Auch der Umgang mit Fremdmaterial ist in den Sender offensichtlich ein Thema – teils auch schon seit Jahren. „Aus unserer Sicht hat die Debatte, die sich an den angeblichen Panzer-Bildern aus der Ukraine entzündete, sehr viel tiefgreifendere Auswirkungen auf unsere Arbeitsabläufe und Kontrollmechanismen gehabt“, erklärt beispielsweise ein rbb-Sprecher.

In der Tat hatte die ARD bei der Berichterstattung aus der Ukraine mehrmals Bilder eingesetzt, die gar nicht zeigten, was gerade vor Ort passierte. Sie musste sich daraufhin korrigieren. „Die Frage, wie wir mit unseren Bildern und auch O-Tönen umgehen, woher sie stammen, was sie tatsächlich abbilden, spielt seitdem im Alltag eine wesentlich größere Rolle.“

Größere Veränderungen interner Standards melden allerdings erstaunlich wenig Sender zurück. Mindestens ein Sender hat sogar gar nichts, was er verändern könnte: „Der Hessische Rundfunk hat kein geschriebenes Regelwerk“, heißt es aus Frankfurt am Main: „Allerdings verlässt nichts, was nicht mindestens double-checked wäre, das Haus – egal, auf welchem Ausspielweg.“

Der WDR wiederum arbeitet daran, seine Grundsätze zu erweitern. So soll auch dort die „Dokumentation und Transparenz des Rechercheweges“ eingeführt werden, vor allem bei investigativen Berichten, schreibt der WDR.

NDR zieht Schlussfolgerungen aus dem Fall Relotius

Das NDR-Fernsehen berichtet von „zum Teil stichprobenartigen Sichtungen von Rohmaterial – auch durch das Justiziariat“. Der Hörfunk schickt zudem ein internes Papier. In „Der Fall Relotius – Schlussfolgerungen der Redaktionen von NDR Info, NDR Kultur, NDR2 und N-Joy“ heißt es:

„Bei Recherchen für Langformate: Originalbelege über Fahrten und Unterkünfte vorlegen lassen.

[…] Kritisch nachfragen bei exklusiven Interviews mit Künstler*innen (Stammen alle Aussagen im Beitrag aus dem Interview? Lassen sich Zitate in indirekter Rede mit aufgenommenem Audiomaterial belegen? Ort und Zeit des Interviews nachprüfen).

[…] In Reportagen sollte keine Atmo eingesetzt werden, die nicht am Ort des Geschehens aufgenommen wurde – es sei denn, dies wird im Text kommuniziert („Fernsehbilder zeigen den landenden Hubschrauber…“).“

Das alles könnte man als ungewöhnliches Misstrauen gegenüber AutorInnen werten. Oder eben als gesunde Vorsicht. „Ich halte professionelles Misstrauen für unproblematisch“, sagt Sandra Müller. Es sei vermutlich eine Frage der Gewohnheit. „Wenn alle ihre Kontakte und Reisen belegen müssen, dann ist das eben der Standard, der uns allen mehr Sicherheit vor FälscherInnen gibt.“ Sie selbst würde den Schwerpunkt dabei allerdings auf Faktenchecks legen.

Eva Wolfangel beobachtet „hier und da“ auch Bewegung, etwa als sie sich neulich für den Reporterpreis bewarb, den Relotius gleich vier Mal erhalten hatte. Sie habe neben dem Beitrag auch Kontaktdaten von Gesprächspartnern und ein Making-of einreichen müssen. „Solche Dokumentationen und vor allem auch die Fragen von Faktencheckern nerven jedes einzelne Mal – aber sie sind wichtig“, sagt Wolfangel. Wer Faktenchecks bedienen müsse, sei schon in der Recherche sehr genau. Das helfe allen – und auch der Glaubwürdigkeit, dem unique selling point des Journalismus.

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“DAB+ hat keine Zukunft”

DAB-Aus und Blockade bei der Reform des Rundfunkbeitrags: Die FDP engagiert sich auffällig stark in der Rundfunkpolitik. Warum, hat mir Stefan Birkner für die taz erklärt.

für taz

Herr Birkner, der niedersächsische Landtag hat auf Ihre Initiative hin für eine Überraschung gesorgt: Er hat einstimmig empfohlen, DAB+ nicht weiter mit Rundfunkbeiträgen zu fördern. Was soll nun konkret passieren?

ARD und Deutschlandradio sollen nicht mehr subventioniert über DAB+ senden. Das ist einfach nicht der zukunftsweisende Standard: DAB+ hat keinen Rückkanal für eine Interaktion zwischen Sendern und HörerInnen. Der Mobilfunk bietet sich viel eher an. 5G wird ohnehin flächendeckend ausgebaut und verkraftet auch problemlos Radiostreams.

Sie wollen DAB+ abschalten?

Nein. Wir treffen keine Technologieentscheidung. In diese Übergangstechnologie – mehr ist DAB+ ohnehin nicht – soll nur kein Geld der BeitragszahlerInnen mehr fließen. Das ist der Appell an die MinisterpräsidentInnen. Was der private Markt macht, muss er entscheiden.

Dabei bietet DAB+ durchaus Vorteile gegenüber UKW. Fehlt nicht einfach nur der Mut, UKW abzuschalten und allein auf DAB+ zu setzen, so wie etwa in Norwegen?

Nein, wir wollen auch keinen Umschaltzeitpunkt. Damit würde man das Radio in die falsche Technologie pressen.

Die FDP zeigt bei der Medienpolitik ja gerade grundsätzlich eine erstaunliche Präsenz. Wo kommt der plötzliche Elan her?

Na ja, es wird gerade im Länderkreis über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks diskutiert. Da müssen sich unsere KollegInnen in Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz positionieren. Sie sind dort schließlich an den Regierungen beteiligt.

Eigentlich waren sich die MinisterpräsidentInnen einig, den Rundfunkbeitrag per sogenanntem Index-Modell an die Inflation zu koppeln. Ihre KollegInnen haben im Juni zum zweiten Mal in Folge dagegengehalten. Warum dieser Widerstand?

Wir wollen erst über den Auftrag reden, also was die Öffentlich-Rechtlichen in Zukunft eigentlich bieten sollen, und erst dann über die Finanzierung. Bisher sollte das in einem Rutsch passieren – für uns der falsche Weg. Wir führen allerdings auch keinen Glaubenskrieg: Es kann durchaus sein, dass am Ende ein Index-Modell sinnvoll wäre. Was wir auf keinen Fall wollen, ist ein Blankoscheck, die automatische Erhöhung des Beitrags mit der Inflation. Es muss unbedingt weiter eine parlamentarische Kontrolle des Rundfunkbeitrags geben. Dabei gibt es aber in der Rundfunkkommission der Länder auch Annäherungen.

In Wahlprogrammen der FDP war mal von einer Halbierung des Rundfunkbeitrags die Rede. Ist das noch aktuell?

Unser Ziel ist klar: Der Rundfunkbeitrag muss spürbar gesenkt werden.

Wollen Sie dafür ganze Programme streichen?

Es geht darum, dass sich ARD und ZDF auf wesentliche Aufgaben konzentrieren, also Information und Kultur, und dabei die Kosten dämpfen: vor allem, indem sie weniger teuren Sport und weniger teure Unterhaltung zeigen. Ja, dabei geht es am Ende auch um die Frage, ob alle Kanäle nötig sind. Die MinisterpräsidentInnen wollten dazu Vorschläge von den IntendantInnen haben. Ich fand das feige. Diese Entscheidung ist Aufgabe der Politik.

Auch die AfD will an den Rundfunkbeitrag, sie will ihn sogar abschaffen und stattdessen einen „Bürgerfunk“ als Pay-TV.

Mag sein, zwischen uns gibt es aber keine Nähe. So wie ich die AfD auch hier in Niedersachsen erlebe, sieht sie sich in einer Feindschaft zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wir bekennen uns hingegen klar zu einem starken System. Das hindert uns aber nicht daran, über Einsparungen zu reden. ARD und ZDF sind einfach zu teuer. Das ist auch ein Problem für die Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die ist aber wichtig!

SPD und Union behandeln die Medienpolitik zunehmend stiefmütterlich, oder? Die Zeiten starker Rundfunkpolitiker wie Kurt Beck und Edmund Stoiber sind vorbei.

Das ist ein großer Fehler! Medien sind in einer Demokratie ein zentrales Politikfeld. In einer polarisierten gesellschaftlichen Debatte, in der auch der Journalismus angegriffen wird, müssen wir Position beziehen – nicht nur hinter den Kulissen in der Rundfunkkommission.

Da können Sie sich leicht profilieren.

Ach, uns bewegt einfach die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Da geht es gerade um Grundsätzliches. Wenn andere ein Feld vernachlässigen, ist das natürlich auch eine Chance, um stattzufinden. Wir schauen aber nicht strategisch auf Lücken, die andere lassen.

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de

Neues vom Rundfunkbeitrag

Weniger Zweitwohnungen, dafür mehr Anmeldungen nach einem Meldedatenabgleich: Über die Entwicklung des Rundfunkbeitrags habe ich mit dem Dlf gesprochen.

für Deutschlandfunk

>> Download MP3 (Quelle: Dlf-“Mediasres”)

Rundfunkbeitrag: Kopplung an Inflation zu riskant?

Briefkopf mit ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice
Wie viel fordert künftig der Beitragsservice von und für ARD, ZDF und Deutschlandradio? Vorerst wird das auch weiter nicht – via eines Index’ – über die Teuerungsrate ermittelt. (Foto: FotoDB.de by CC BY-NC-SA 2.0)

Erneut haben die Ministerpräsidenten keine Mehrheit für den Plan gefunden, den Rundfunkbeitrag über ein Index-Modell an die Inflation zu koppeln. Nach der Sitzung hat die rheinland-pfälzische Staatssekretärin Heike Raab (SPD), die die Medienpolitik der Länder koordiniert, Dlf-Kollegen Christoph Sterz und mir die Lage erklärt.

— Wörtliches Transkript —

Daniel Bouhs: Frau Raab, kurz zum Einstieg schon mal: Wir hören ja, dass wieder Auftrag, Indexmodell, das Eckpunktepapiert verschoben wird. Woran hängt es diesmal?

Heike Raab: [Heike Raab sprach zunächst über die Änderung des Rundfunkbeitragsstaatsvertrags zu Zweitwohnungen und den Stand in Sachen Medienstaatsvertrag – Ausschnitt ausgekoppelt am Ende dieses Eintrags] Das ist kein triviales Thema. An dem arbeiten wir schon lange. Da haben wir noch ein paar offene Fragen. Die wollen wir über den Sommer klären, mit Experten und Verbänden sprechen, damit wir dann im September, Oktober auf die Zielgerade laufen.

Daniel Bouhs: Aber was heißt “offene Fragen”? Es gab ja schon mehrere Runden. Sie haben ja das Eckpunktepapier, den Entwurf auch an vielen Stellen noch mal sozusagen in Handarbeit überarbeitet. Wo kommen diese neuen offenen Fragen her?

Heike Raab: Wir haben eine große Weiterentwicklung, was das Thema der Weiterentwicklung des Auftrages angeht. Wir müssen die digitale Transformation auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ermöglichen. Und dort haben wir uns sehr, sehr weit bewegt. Wir haben aber viele Fragen, ob und wie wir ein Finanzierungssystem neu gestalten. Das Land Rheinland-Pfalz hatte schon einmal eine Kompromisslösung erarbeitet, die einen sechsjährigen Zeitraum in den Blick genommen hat, wo die KEF ein Rolle spielt. Wir haben ein Gutachten, ein umfangreiches Gutachten in Auftrag gegeben, das besagt, dass ein Index-basiertes Modell rechtlich möglich wäre. Wir haben aber auch nach dem Beihilfekompromiss mit der EU Fragen zu klären, ob ein veränderter Auftrag auch Beihilfe-rechtskonform ist. Und last but not least: Würden wir einen Index einführen, dann müssen wir uns ja auch klar darüber werden, welcher Index soll das sein. An was knüpfen wir denn an.

Es gibt verschiedenste Denkmodelle, die ich alle gar nicht jetzt erörtern will. Aber den passenden Index für einen Zeitraum zu finden und zwei, vier und sechs Jahre, das ist die große Herausforderung. Und wir sind uns auch einig, dass wir – ähnlich wie wir es beim Telemedienauftrag gemacht haben, wo wir am Ende zwischen dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk und dem BDZV und den Verlegern einen Kompromiss gefunden haben: Wir wollen auch aktiv auf Vaunet zugehen. Wir wollen auf auch die private Seite zugehen. Und wir haben jetzt schon für Mitte Juli Gespräche terminiert. Die Terminabsprachen laufen gerade, damit wir auch – wie wir das in einer guten Übung haben – ein Ausjustieren im dualen Mediensystem hinbekommen.

Christoph Sterz: Das bedeutet also, die Vertagung liegt auch am Privatrundfunk?

Heike Raab: Sie liegt darin, dass wir keinesfalls mit einer Veränderung des Systems die Dualität unseres Mediensystems gefährden wollen. Demokratie braucht Medien, aber Medien – um frei und unabhängig zu wirtschaften – brauchen auch auskömmliche wirtschaftliche Grundlagen. Und wir haben das schon sehr bewusst auch aufgenommen, wie hier sensibel reagiert worden ist. Und es war wegen Wahlen, Europawahl, Kommunalwahlen im Moment im Frühjahr keine Zeit. Und jetzt haben wir gesagt, wir führen lieber vor der endgültigen Beschlussfassung auch mit den privaten Anbietern die ernsthaften und guten Gespräche, bevor wir dann etwas beschließen.

Christoph Sterz: Wer ebenfalls sensibel reagiert hat, ist die FDP. Ich habe sowohl mit der aus Rheinland-Pfalz als auch mit der aus NRW gesprochen und die bestätigen mir, dass sie Bauchschmerzen haben, was das Indexmodell angeht, dass sie erst Auftrag und Struktur besprochen haben wollen und sich dann ums Finanzielle kümmern. Das heißt, hat die FDP an diesem Punkt auch eine wichtige Rolle gespielt, dass es eben heute vertagt wurde?

Heike Raab: Also in der Ministerpräsidentenkonferenz wissen Sie ja, dass die Themen dort auch besprochen werden. Und Sie wissen, wie viele A- und B-Länder es gibt und es gibt noch einen grünen Ministerpräsidenten, einen Linken und jede Landesregierung muss in den unterschiedlichen Konstellationen, die es in den Ländern gibt, am Ende dafür sorgen, dass ein Eckpunktepapier in den jeweiligen Landtagen oder ein neuer Staatsvertrag in den jeweiligen Landtagen Mehrheiten findet. Und das kann man nicht an einer Partei festmachen. Definitiv nicht. Wir haben auch zum Thema “Index” auch unterschiedliche Meinungen im Länderkreis. Das wissen Sie: Wir haben ein Einstimmigkeitsprinzip, kein Mehrheitsprinzip. Und deshalb müssen immer alle miteinander gut die Dinge besprechen. Wir brauchen den Öffentlich-Rechtlichen. Wir brauchen die Privaten. Wir brauchen 16 Landtage, 16 MPs. Das alles ist die große Herausforderung. Aber um drei Monate verschieben, ist kein Ende des Prozesses, sondern das ist einfach noch eine weitere Wegstrecke.

Daniel Bouhs: Aber die Ambition war ja schon da, das relativ zügig auf die Beine zu stellen. Jetzt haben sich in den letzten Wochen ja doch relativ starke Stimmen auch dagegen, skeptisch geäußert, der KEF-Vorsitzende Fischer-Heidelberger zum Beispiel ja auch öffentlich. Hat man sich gerade mit dem Index-Model einfacher vorgestellt als es dann vielleicht doch ist?

Heike Raab: Wir haben uns das von Anfang an nicht einfach vorgestellt. Wir haben ja auch schon sehr viel daran gearbeitet – die, die das einbrachten, wir als Vorsitzland und viele andere. Es gibt viel Für und Wider. Wir sind uns einig in den Punkten – und das möchte ich betonen: zwei Staatsverträge haben wir auf den Weg gebracht – wir sind uns einig, was die Weiterentwicklung des Auftrags und der Beauftragung im digitalen Zeitalter angeht. Und wir haben nur an einem einzigen Punkt offene Fragen: Stellen wir das Finanzierungssystem um oder nicht?

Das bisherige KEF-System ist rechtssicher. Es ist von der EU als Beihilfe-rechtskonform anerkannt worden. Das muss ein neues System alles gewährleisten. Und dass wir uns dann in einem solchen Prozess vergewissern, dass das auch hält und ich sage ganz klar: Jeden Vorschlag, den wir unterbreiten, der soll auch Rechtskraft vor Karlsruhe haben vorm Bundesverfassungsgericht. Deshalb denkt man lieber dreimal drüber nach.

Daniel Bouhs: Es geht also nicht um den Willen, sondern darum, ein rechtliches Risiko auszuschließen?

Heike Raab: Ja, das geht auch – ist immer ein wichtiger Aspekt.

Christoph Sterz: Und das bedeutet, dass das auch ein Indexmodell tatsächlich irgendwann mal ausschließen könnte? Also könnte es passieren, dass im Herbst dann die Entscheidung kommt, wir wollen zwar etwas verändern, aber eben nicht mit einem Index?

Heike Raab: Ich kann jetzt überhaupt keine Kaffeesatzleserei da betreiben, möchte das auch nicht. Ich bitte um Verständnis. Wir werden jetzt die Gespräche mit den Privaten führen. Wir werden jetzt auch noch wissenschaftlichen Beirat, noch mal Expertise hinzuziehen Wir haben das ja auch durch das Mainzer Medieninstitut – Herr Professor Cornlis – der hat ganz klar belegt, ein Index-basiertes Modell ist rechtlich möglich, er hat aber gleichzeitig auch Leitplanken aufgezeigt und quasi einen Korridor schon geschaffen, indem wir uns auch nur bewegen können. Aber selbst dieser Korridor ist, wenn Sie alle Abwägungen treffen, noch ziemlich breit. Und deshalb prüfen wir das. Eine Gesetzesfolgenabschätzung, so würde man es in einem anderen normalen Prozess [nennen], die muss man ja auch hier führen. Wir müssen das bis zum Ende denken.

Daniel Bouhs: Wie würde es im Kreis der Ministerpräsidenten weitergehen, zeitlich? Und wie optimistisch sind Sie auch persönlich für Rheinland-Pfalz, dass es am Ende noch zu einem Index kommt?

Heike Raab: Wir beraten jetzt im September auf der Ebene der Rundfunkkommission weiter und dann kann ich Ihnen diese Fragen beantworten.

Christoph Sterz: Und können Sie auch die Frage beantworten, ob das jetzt schon laufende Verfahren eine Rolle spielt? Denn es ist ja so, dass die Anmeldungen schon längst gelaufen sind, dass die KEF jetzt rechnet. Das läuft ja parallel. Und dann ist eben der Wunsch zum Beispiel der Beitragsstabilität rückt ja dann vielleicht doch in eine gewisse Ferne.

Heike Raab: Wir haben Beitragstabilität seit 2009. Und es gibt kaum einen anderen Kostenfaktor in der Bundesrepublik Deutschland, der jetzt über zehn Jahre gleich geblieben ist. Im Gegenteil: Wir haben 2015 den Beitrag mal um 48 Cent gesenkt. Ich möchte das in Erinnerung rufen. Und dafür gibt es echt ein vielfältiges Programm. Und wir brauchen freie und unabhängige Medien in einer Demokratie. Ich glaube, die jüngsten Beispiele, wie wir sie aus Österreich, wie wir sie aus anderen Bereichen kennengelernt haben, zeigen, dass auch freie und unabhängige Presse auch wirtschaftliche Grundlagen haben muss. Auch Journalistinnen und Journalisten müssen von Tariferhöhungen partizipieren können, wie sie in anderen Industriezweigen gibt. Und wir wissen alle, dass jetzt auch das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zu den Zweitwohnungssteuer Einnahmeeinbußen mit sich bringen wird.

Und wenn dann – jetzt werden die Bedarfe festgestellt. Wir sind im normalen KEF-Verfahren. Und wir bewegen uns völlig im Rechtsrahmen. Ein neues System könnte auch erst dann aufsetzen, wenn wir ein neues System geschaffen haben. Wir haben ja noch gar kein neues System. Insofern ist alles in Ordnung. Die Bedarfe werden jetzt angemeldet. Die KEF wird uns 2020 Anfang des Jahres eine Empfehlung aussprechen. Mit der beschäftigen wir uns dann. Und diese Empfehlung kann dann der Einstieg in den Umstieg sein. Er kann aber auch einfach der Einstieg in die nächste Beitragsperiode sein.

Daniel Bouhs: Sie sind entspannt.

Heike Raab: Ich bin entspannt. Ja. Wir haben doch ein gutes Mediensystem, oder?


Heike Raab hat sich außerdem noch zum verabschiedeten Rundfunkbeitragsänderungsstaatsvertrag geäußert, mit dem nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts Zweitwohnungen von der Beitragspflicht befreit werden – und zum Stand für den geplanten Medienstaatsvertrag:

Rechte am Teaserbild: “Beitragsservice” by FotoDB.de is licensed under CC BY-NC-SA 2.0

Wie sich öffentlich-rechtliche Angebote verändern

Logos: Apps von ARD und ZDF
Onlineangebote von ARD und ZDF. (FOTO: DANIEL BOUHS)

Für ARD, ZDF und DLF gelten neue Netz-Regeln. Dass diese auf Drittplattformen nun größere Freiheiten haben, ist Chance und Risiko zugleich, erklärte ich im Deutschlandfunk Kultur

für Deutschlandfunk Kultur

>> Download MP3 (Quelle: Dlf Kultur-“Breitband”)

Länder wollen gemeinsame Onlineplattformen von ARD und ZDF

Malu Dreyer, die Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, nach dem Treffen der Ministerpräsidenten am 21. März 2019 in Berlin im Interview mit den Medienjournalisten Steffen Grimberg und Daniel Bouhs.

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— Wörtliches Transkript —

Steffen Grimberg: [00:00:00] Wir lesen in Vorlagen, die zirkulierten, dass eine nicht nur am Wettbewerb orientierte, also auf gut Deutsch auf die Quote abzielende Programmgestaltung sozusagen ein bisschen konkreter festgeschrieben werden soll. Wird das so kommen?

Malu Dreyer: [00:00:15] In der Regel geht es eigentlich darum: Was ist der Kern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks? Und darauf will man, dass der Auftrag sich noch stärker bezieht, dass egal, welche Programme letztendlich ausgestrahlt werden, klar ist, was ist das öffentlich-rechtliche Angebot insbesondere. Und an dieser Stelle kann natürlich die Quote nicht immer nur das Thema sein. Aber selbstverständlich wird auch in Zukunft es wichtig sein, dass Bürger und Bürgerinnen auch die Programme entsprechend gerne konsumieren.

Steffen Grimberg: [00:00:42] Sie haben gerade gesagt, Sie haben noch mal appelliert bzw. es wird noch mal sehr stark appelliert werden an die öffentlich-rechtlichen Anstalten, weitere Sparanstrengungen zu unternehmen. Wenn man es sich mal jetzt anschaut, sind Sie da allerdings seit dem von Ihnen zitierten Vorlagen im Herbst 2017 ja eigentlich von den Anstalten im Regen stehen gelassen worden. Wie groß ist der Optimismus, dass da wirklich noch etwas Substanzielles kommt?

Malu Dreyer: [00:01:04] Ja, ich bin da sehr optimistisch, weil ganz, ganz viele Themen ja schon miteinander besprochen worden sind. Und es ist einfach klar, dass die Ministerpräsidenten da auch wirklich nicht locker lassen an dieser Stelle. Ein wichtiges Thema ist zum Beispiel eine gemeinsame Plattformstrategie zu entwickeln. Das ist auch etwas, das werden die Ministerpräsidenten genau so auch formulieren im endgültigen Beschluss. Und ein gutes Vorbild kann ja eigentlich die neue Kulturplattform sein. Daran können wir lernen, was könnten eigentlich die Anstalten miteinander stärker machen, um tatsächlich a) eine Antwort auf die neue Zeit zu haben und b) auch effektiver zu arbeiten. Im Übrigen gibt es darüber hinaus von der KEF ganz, ganz viele zusätzliche Einsparpotenziale, beispielsweise Synergien in der Produktion stärker herbeizuführen oder die SAP-Harmonisierung, andere Beispiele mehr. Und wir wünschen uns, dass die Intendanten der Anstalten sich damit auch noch einmal intensiver beschäftigen.

Daniel Bouhs: [00:01:55] Stichwort Plattformstrategie: Erwarten Sie denn, dass ARD und ZDF sich tatsächlich zusammentun, also die gemeinsame Plattform, wenn Sie die Kulturplattform loben – soll [der ARD-Vorsitzende Ulrich] Wilhelm da einspringen?

Malu Dreyer: [00:02:04] Das erwarten wir von ihnen. Das ist ganz klar unsere Auffassung, dass es an der Zeit ist, dass sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten auch in dieser Frage stärker zusammentun…

Daniel Bouhs: [00:02:14] …also eine gemeinsame Plattform aufbauen?

Malu Dreyer: [00:02:15] Das wäre ganz und gar in unserem Interesse, aber wir denken, das ist vor allem im Interesse der Zeit, weil man einfach sehen muss, dass in der Moderne, in der neuen Welt, es auch darum gehen wird, wie findet man eigentlich zukünftig die Angebote des Öffentlich-Rechtlichen. Und da macht es einfach nur Sinn, dass es am Ende eine gemeinsame Plattform gibt.

Daniel Bouhs: [00:02:34] Darf ich Sie noch mal fragen aus der Rundfunkkommission: Wer hat denn aus dem Kreis der Länderchefinnen und -chefs, wer hat denn auf die Bremse getreten? Man hört, die FDP hätte jetzt dafür gesorgt, dass das Indexmodell oder Index-angelehnte Modell jetzt noch ein Prüffall sei.

Malu Dreyer: [00:02:46] Nein, das kann man gar nicht sagen. Ich persönlich beispielsweise war immer total kritisch dem Index gegenüber gestanden, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass es ein Modell gibt – das Nordmodell war ja ohne Beteiligung der KEF – konnte ich mir nie vorstellen, weil ich der Auffassung bin, es muss auch noch mal so etwas geben wie eine objektive Überprüfung, ob eine Über- oder Unterfinanzierung vorhanden ist. Aber wir haben uns im Lauf der Diskussion wirklich auch angenähert von diesen beiden Polen. Und mir war es jetzt auch wichtig, dass die Rundfunkkommission es so formuliert und die Ministerpräsidenten, dass am Ende klar ist: Wir prüfen in diese Richtung. Wir entwickeln auch das Modell, was für alle dann auch tragbar ist und beschließen es dann.

Daniel Bouhs: [00:03:24] Sie sprachen von einer “großen Offenheit” im Länderkreis, was das Modell angeht. Was sagt denn – Sie sind ja sehr erfahren in Rundfunkpolitik – Ihr Bauchgefühl: Kommt am Ende der Index?

Malu Dreyer: [00:03:32] Also, meine Rolle in der Rundfunkkommission gibt mir auch immer auf, dass ich am besten keine Äußerung aus dem Bauch mache, sondern dass wir fleißig arbeiten an dem Ziel, was wir uns heute vorgenommen haben und dann hoffen, dass im Juni ein gemeinsamer Beschluss am Ende steht.

Steffen Grimberg: [00:03:45] Eine Frage noch: Ein Thema, das ja auch zur Debatte wohl gestanden hat, ist die sogenannte Budgetierung, also sozusagen das Zuckerbrot zu der Sparpeitsche für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sind Sie da weitergekommen? Es war ja daran gedacht worden, den Auftrag zu flexibilisieren und den Anstalten, was ihre Budgets angeht, mehr Eigenverantwortung zu übertragen.

Malu Dreyer: [00:04:05] Ja, das ist auch der Stand – also in der Bitte an die Rundfunkkommission, noch einmal konkreter mit dem Auftrag umzugehen, ist es auch der Stand, dass es doch eine große Übereinstimmung darüber gibt, dass man auch ein Budget haben kann, dass es eine höhere Deckungsfähigkeit gibt, mehr Flexibilität für die Anstalten.