Digitale Verleger wollen gleichbehandelt werden

Die Bundesregierung will den Aufbau digitaler Angebote im Verlagswesen subventionieren. Nicht darin enthalten sind verlagsunabhängige Portale. Diese beschweren sich nun und bekommen Unterstützung auch aus der Koalition. Notiert für ZEIT ONLINE. Digitale Verleger wollen gleichbehandelt werden weiterlesen

Keine Zeit für Experimente

Vor knapp fünf Jahren gingen Formate wie “Bento” und “Ze.tt” an den Start. Jetzt naht bei vielen das Ende. Ist allein Corona daran schuld? Notiert für die taz.

für taz

„Zeit für etwas Frisches“ – mit diesen Worten gab der damalige Spiegel-Online-Chefredakteur Florian Harms 2015 den Startschuss für „das neue Angebot für junge Leute“ aus seinem Haus: Bento war geboren. Die Neuen bezogen einen eigenen Newsroom, maximal getrennt von ihren älteren Kolleginnen und Kollegen.Die einen pflasterten vom Dachgeschoss aus das Internet zu, die anderen begannen, sich im Erdgeschoss auszutoben.

Es war die Zeit, in der Verlage viel probierten, um weiteres Publikum für sich und vor allem auch für die eigenen Werbekunden zu gewinnen. Bei dem Aufbruch ging es nicht zuletzt darum, die nächste Generation an etablierte Häuser zu binden.

Wenige Monate vor Bento hatte bereits Zeit Online einen Ableger gestartet. „Es ist ein Ze.tt“, bloggte Jochen Wegner, der Chefredakteur von Zeit Online. Das neue Team, sagte er damals im Interview, solle „ein bisschen rumspielen, uns auch ärgern“. Der Verlag spendierte Ze.tt sogar eigene Räume mehrere U-Bahn-Stationen entfernt, um möglichst unabhängig wirken zu können.

Der Start dieser Portale war auch eine Reaktion auf einen Eindringling im hiesigen Medienmarkt. Schon 2014 legte die deutsche Version von Buzzfeed los, das konsequent – wie kein Portal hierzulande – auch für Spaß sorgte. Die eigene Homepage war von Beginn an ein beiläufiges Produkt. Kern der Sache sollte vielmehr sein, Menschen über soziale Netzwerke zu erreichen. Damals war dieser Schwerpunkt originell.

Das Coronavirus, das auch eine Wirtschaftskrise ausgelöst hat, bringt nun die Projekte ins Wanken. Die Redaktion von Buzzfeed ist größtenteils in Kurzarbeit, arbeitet nur einen Tag pro Woche. Die Zentrale in den USA versucht, die deutsche Redaktion zu verkaufen. Ze.tt schlüpft bei Zeit Online als Ressort unter. Bento verschwindet ganz.

Die Anzeigen-Krise

Den kleinen und großen Nachrichtenmarken, Zeitungshäuser wie Onlineportale, sind die Werbeeinnahmen weggebrochen. Bei Tageszeitungen haben auch Stammkunden ihre Abos gekündigt. Vor allem Unternehmen versuchen, das Geld zusammenzuhalten. Das alles trifft viele Häuser schwer, die nicht das Privileg der Beitragsfinanzierung haben oder wie die taz von einer Genossenschaft getragen werden, die wie ein Schutzschirm wirkt.

Andererseits melden erste Medienhäuser auch Zuversicht. Der Zeit-Verlag berichtet etwa von „ordentlichen Zuwächsen“ bei Abos, in der Auflage und auch der Reichweite im ersten halben Jahr. Im Anzeigengeschäft habe es zwar „coronabedingt deutliche Einbußen“ gegeben. Für die nächsten Monate sei man aber wieder „vorsichtig optimistisch“.

Während der Verlag nicht nur im Vertrieb, in der Anzeigenakquise und in der Organisation von Konferenzen, die vor Corona in vielen Häusern als vermeintlicher Zukunftsmarkt ausgebaut wurden, auch in der Print­redaktion „in geringem Maße“ Kurzarbeit eingeführt habe, sei zumindest die Printredaktion wieder bei „100 Prozent“. Trotzdem fallen beim Zeit-Magazin fast alle Regionalausgaben weg. Andere Ableger verschieben sich: das Magazin speziell für Männer, die internationale Ausgabe und der noch neue Ableger, der sich an Menschen im Ausland richtet, die mit dem Gedanken spielen, in Deutschland zu studieren.

Das eigene Geschäft beschnitten hatte mit dem Aufkommen der Coronakrise auch die FAZ. Ende Juni erschien das letzte Mal die Frankfurter Allgemeine Woche, nach insgesamt vier Jahren. „Das Magazin hat viele Leser gefunden und eine jüngere Zielgruppe an die FAZ herangeführt“, heißt es am Main. Die Abo-Zahlen seien aber zu schlecht gewesen. Letztlich habe dann noch „die Coronakrise die Lage am Anzeigenmarkt und im Verlagsgeschäft weiter verschärft“. Corona, zeigt sich hier, ist mancherorts auch ein Anlass zum Aufräumen. Immerhin: Eine Sprecherin bestätigt, dass tatsächlich alle Mitarbeitenden der Woche Anfang Juli anderweitig im Haus untergekommen sind. Auch sei bislang keine Kurzarbeit nötig gewesen. „Der Verlauf der nächsten Wochen ist jedoch nicht absehbar.“

Eine ungewisse Lage

Wie alle größeren Portale spürt die FAZ seit Corona deutlich stärkere Zugriffe auf das eigene Portal im Netz und verkauft dafür auch zunehmend Digital­abos. Das hat, wie so oft, auch mit einer Aktion zu tun: Die Zeitung senkte den Preis für ihr Bezahlangebot F+ auf monatlich einen symbolischen Euro. Das brachte ihr gut 22.000 neue Abonnentinnen und Abonnenten. Ob dieser Aufschwung nachhaltig ist, ist aber unklar: Der Niedrigpreis gilt für vier Monate. Frühestens im August wird die Zeitung wissen, ob viele auch zum regulären Preis bleiben.

Interviews ermöglichte für diesen Text keine Geschäftsführung. Die Lage scheint noch viel zu ungewiss, Entscheidungen bisweilen auch unangenehm. Bekannt vom Spiegel ist, dass er ein weiteres Sparprogramm aufgelegt hat. Auch wenn es beim Spiegel noch lange nicht an die Substanz geht, sollen in den nächsten Jahren 10 Millionen Euro eingespart werden. Mit dem Aus von Bento werden nicht alle Mitarbeitenden im Haus bleiben, ebenso wie auch der Zeit-Verlag nicht allen Ze.tt-Mitarbeitenden Angebote für eine gemeinsame Zukunft macht.

Bento soll sich einige Jahre selbst getragen haben. Der Versuch, das Angebot in eine nächste Phase zu entwickeln und dafür zu entschleunigen – mehr Eigenrecherchen zu bieten, statt bloß eines von mehreren jungen News-Portale zu sein – sei aber schiefgegangen. Die Marke habe sich nicht „drehen“ lassen, heißt es. Dann sei eben auch noch der Werbe-Killer Corona eingeschlagen. Und für ein junges Portal statt Werbung Abos zu verkaufen, sei aussichtslos.

Der Spiegel arbeitet nun an einem neuen Angebot für die junge Zielgruppe, wenn Bento im Herbst wegfällt. Spiegel Start soll jungen Leuten Lebenshilfe bieten, etwa zur Karriere und Orientierung bei Verbraucherthemen. Gerade das zuletzt aufgebaute Digitalressort Leben steht dem Vernehmen nach vor der Aufgabe, künftig stärker auch die „U30“ anzusprechen.

Die Zeit und der Spiegel hatten ihre jungen Ableger auch gegründet, um – wie Buzzfeed – mit neuen Werbeformen zu experimentieren: dem „Native Advertising“, bei dem die Grenzen von Werbung und Journalismus verschwimmen, Werbetreibende Geschichten „sponsern“. Bento setzte dafür sogar einen Experten mit an den Newsdesk und hatte „mehr Freiraum sowohl für inhaltliche Experimente als auch neue Wege in der Vermarktung“, als das unter der Marke Spiegel möglich wäre, hieß es noch vor einigen Jahren offiziell, während es im gedruckten Spiegel unter der Überschrift „Seelen-Verkäufer“ über andere Medienhäuser hieß: „Werbung, die aussieht wie ein Text der Redaktion, wird es nicht geben.“

Nun hat diese Werbeform in Deutschland allerdings auch nie so gezündet wie etwa in den USA. Außerdem sind auch einige etablierte Portale flexibler geworden, wenn es darum geht, Werbung nicht allzu platt als solche auf die Seiten zu stellen. Die Zeit der Experimente ist heute ein Stück weit vorbei. Ob das alles mit oder wegen Corona passiert? Auch da scheinen die Grenzen fließend. Erkennbar ist allerdings: Ob Spiegel, Zeit oder auch Tageszeitungen wie die FAZ: Verlage konzentrieren sich in der Krise wieder stärker auf ihre Kernprodukte.

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de

Das Geschäft mit Verkürzungen

In “Zitat-Kacheln” verkürzen Medien Reden und Interviews teils deutlich. Zusammen mit Caroline Schmidt habe ich mich für ZAPP gefragt: Wie legitim ist diese Praxis?

für NDR Fernsehen

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem Du auf "Übernehmen" im Banner klicken.

— Manuskript des Beitrags —
Er ist einer, der Debatten gerne mal anheizt: SPD-Vize Ralf Stegner. Was denkt er, wie weit dürfen Medien das dann noch zuspitzen? Für ZAPP schaut er sich Texttafeln an. Erstes Beispiel: Ein langer Tweet: Thema Enteignung für bezahlbaren Wohnraum. Auf der Tafel verdichtet zu einem Halbsatz.
“Enteignung als Notwehrrecht für handlungsfähigen Staat.”
“Klarheit ist gut. Verständlichkeit auch. Das ist zulässige Polemik zwischen demokratischen Parteien. Dagegen ist nichts zu sagen.”
Das nächste Zitat nicht verkürzt, aber der Zusammenhang fehlt. So provoziert’s.
“Ein Diesel-SUV, das nur wenige Kilometer genutzt wird, ist umweltfreundlicher als der Kleinwagen mit hoher Fahrleistung.”
“Der hat das sicherlich ein bisschen anders sagen wollen, aber: Pech gehabt. Dass das den Spott der Konkurrenz findet, da darf er sich nicht beschweren, zumal er ja auch ein sehr zugespitzter Formulierer selber ist. Und insofern finde ich: Das gehört zum Geschäft dazu. Wem es zu warm in der Küche ist, der sollte nicht Koch werden. “
Zuspitzungen – für Stegner okay. Manches werde aber auch bewusst verdreht. Ein Tweet aus dem Jahr 2016 verfolgt Stegner bis heute.
Fakt bleibt, man muss Positionen und Personal der Rechtspopulisten attackieren, weil sie gestrig, intolerant, rechtsaußen und gefährlich sind.
Das rechte Portal PI-News nutzte das Zitat, um Stegner für einen Anschlag auf einen AfD-Politiker verantwortlich zu machen.
“Das missbrauchen die jetzt ständig, zu behaupten, man würde zur Gewalt gegen sie aufrufen – das ist ein Missbrauch, offenkundig das Gegenteil, was gemeint ist, auch in der Verkürzung nicht zulässig, weil ich in vielen Äußerungen immer klar gesagt habe, dass ich Gewalt ablehne, in jedweder Form.”
So funktionieren Texttafeln oder Kacheln. Scheinbar transportieren sie wörtliche Zitate. Tatsächlich aber sind diese oft verkürzt, der Kontext fehlt, manche gar verfälscht.
So auch im Fall Linnemann. Der CDU-Politiker hatte der Rheinischen Post ein Interview gegeben. Darin sagt er, dass Kinder, die kaum Deutsch können, auf einer Grundschule noch nichts zu suchen hätten. Die dpa griff diese Aussage auf, spitzte sie zu – mit folgendem Titel:
CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können.
Als die Journalisten bei der Rheinischen Post die Kachel sahen, waren sie überrascht.
“Unser erster Impuls war: Auweia, das werden die bereuen.”
Die Meldung verbreitete sich in Windeseile – und mit ihr die Empörung im Netz.
Dumpfbacken
Populistischer Unfug.
Rassistisch.

Schnell berichten Medien über den Aufreger:
Carsten Linnemann sorgt mit Grundschulaussage für Empörung
Kein Deutsch, keine Einschulung?
Eva Quadbeck mag eigentlich Zuspitzungen. Nur so bekomme man in den Sozialen Medien Aufmerksamkeit für die eigenen Inhalte.
“Aber man darf sie nicht unzulässig zuspitzen und man muss sich auch selber prüfen ob man mit dem mit der Art und Weise wie man zuspitzt nicht Missverständnisse produziert. Und ein Wort wie das Grundschulverbot produziert natürlich Missverständnisse und drückt auch denjenigen, der das gesagt hat einfach in eine falsche Ecke.”
Linnemann habe eine Vorschulpflicht gefordert. Kein Grundschulverbot. Gerade seriöse Medien sollten hier sauber sein.
“Weil wir mit diesen Meldungen auffallen wollen, lassen wir uns dazu herab immer steiler immer schriller zu werden? Nein das sollten wir natürlich nicht tun.
Die Verlockung ist allerdings groß im Kampf um die Aufmerksamkeit im Ne
tz. ”
Auch die Tagesschau verbreitet ihre Inhalte längst bei Facebook, Twitter und Instagram. So gut es geht jedenfalls.
“Wir können bei Instagram nicht einen kompletten Nachrichtenüberblick liefern, aber wir können den Menschen, die dort unterwegs sind eben zeigen, Tagesschau ist eine Marke für Nachrichten, und wer sich dafür interessiert, kann unser Gesamtangebot auch nutzen, auf anderen Kanälen auch nutzen.”
Ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen auch hier: Kacheln mit maximal verkürztem Text.
“Es ist immer eine Gratwanderung zwischen Verknappung und Kontext. Journalismus ist insgesamt immer eine Gratwanderung, weil es ja unheimlich schwer ist, das gesamte Bild abzubilden.”
Und so passieren ab und zu Fehler. Auf Twitter entschuldigt sich der Nachrichtenchef der dpa ausführlich:
“Linnemann hat nicht von einem Grundschulverbot gesprochen. Wir haben mit dieser selbstgewählten Formulierung die Äußerungen über ein journalistisch zulässiges Maß hinaus zugespitzt. Das bedauern wir.”
Ein richtiger Schritt, findet auch Eva Quadbeck, denn:
“Umso wichtiger ist natürlich dass die klassischen Medien ihr Geschäft entsprechend seriös betreiben und nicht selber eine Instagramisierung für sich zulassen. Die einfache Botschaft kann nur die Hinleitung zur Differenzierung sein.”
Wie gut müssen Grundschüler Deutsch können? Viele Zeitungen haben diese Frage dann doch noch erörtert. So hat eine reißerische Verfälschung am Ende zu einer ausgewogenen Debatte geführt.
“Man muss auch immer bedenken: Neben der virtuellen Welt gibt es immer auch eine reale. Und beides muss betrachtet werden. Und manche Aufregung ist wie gesagt ein Shitstörmchen im Wasserglas.”

>> Beitrag in der NDR-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

ZDF-Redakteur Niehaves über die Facebook-Falle

Der “WISO”-Chef hat auf der Fachtagung “Wissen ist Macht – Verbraucherjournalismus” erklärt, wie der Algorithmus von Facebook JournalistInnen dazu zwingt, auf bestimmte Inhalte zu setzen – und warum er dennoch nicht Fan der Idee ist, eine große europäische Plattform dagegen zu setzen.

ZDF-Redakteur Niehaves über die Facebook-Falle weiterlesen

Kritik an Verwendung von “Zitat-Kacheln”

für NDR Info

Manuskript des Beitrags
Ein Anruf bei Martin Hoffmann. Der Journalist, der einst das Social-Media-Team der Zeitung “Die Welt” geleitet hat, kritisiert schon seit Monaten immer wieder Kollegen – und zwar immer dann, wenn sie besonders knackige Zitate von sehr populistischen Politikern auf sogenannte Zitat-Kacheln schreiben, die sie dann beispielsweise bei Facebook oder Twitter veröffentlichen. Die Zitate stehen neben den Fotos der Politiker – zur schnellen Verbreitung in den sozialen Netzwerken. Hoffmann findet das falsch: “Das Problem mit diesen ‘Zitat-Kacheln’ ist letztendlich, dass wir Journalisten da einfach eine Botschaft weitergeben, ohne ihr irgendwie einen Rahmen zu geben, also ohne sie einzuordnen.”

Im Radio oder im Fernsehen sei das anders, hier würde ein Reporter in seinem Bericht oder ein Moderator den jeweiligen Kontext liefern, vielleicht auch die Aussage mit Fakten widerlegen. Oder auch in einem Text in der Zeitung oder im Netz: Auch hier würde niemand – ohne ein Minimum an Einordnung einfach so ein Zitat drucken, meint Hoffmann: “Dummerweise hat sich das aber so im Online-Journalismus – besonders in Social-Media – irgendwie eingeschlichen. Das ist nicht gut!”

Hoffmanns Vorwurf lautet: “Zitat-Kacheln”, auf denen sich nur ein kurzer Wortlaut, der Name und die Funktion des Politikers und vielleicht noch ein Stichwort zum Thema der Aussage findet, sei kein Journalismus. Medien würden so bloß Populisten helfen. Zuletzt hat sich Hoffmann nach der Bayern-Wahl aufgeregt, als Medien – zum Beispiel der Deutschlandfunk – Zitate von AfD-Politikern verbreitet haben, in denen sie die Neuwahl des Bundestages forderten.

Hoffmann fliegen dafür in sozialen Netzwerken “Likes” und zustimmende Kommentare zu. Auch von Kollegen – und auch, wenn er das Social-Media-Team der Tagesschau kritisiert. Etwa, wenn die Tagesschau Zitate von US-Präsident Donald Trump verbreitet. Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke wiederum nimmt seine Kollegen in Schutz: “Wer mit der kurzen Form nicht leben kann, der sollte nicht Nachrichten machen. Das ist unsere verdammte journalistische Pflicht, Inhalte auf engem, begrenztem Raum und in kurzer Zeit zu vermitteln. Dazu gehören auch ‘Zitat-Kacheln’.”

Bieten Redaktionen wie die Tagesschau damit aber nicht vielleicht doch Populisten eine Bühne? Gniffke wehrt sich auch gegen diesen Vorwurf: Seine Redaktion biete niemandem eine Bühne, sie berichte. Dabei dürfte es auch keine Rolle spielen, ob den Journalisten ein Politiker, dessen Äußerungen oder Wortwahl nicht gefallen: “Wenn wir also beispielsweise ein Zitat von Markus Söder mit dem ‘Asyl-Tourismus’ benutzen, dann können wir unserem Zuschauer, unserem User, getrost das Urteil überlassen, ob er das gut oder schlecht findet. Da müssen wir und da sollten wir nicht dran schreiben: ‘Ach, das finden wir aber nicht so schick’.”

Tatsächlich ist die Verkürzung der “Zitat-Kacheln” mitunter aber durchaus ein Problem: wenn Zitate zwar knackig sind, aber aus dem Zusammenhang gerissen. Passiert ist das vor einem Monat dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Viele Medien, darunter die Heute-Sendung im ZDF, teilten Spahns Aussage zum Mangel an Pflegekräften: “Wenn von einer Million Pflegekräften 100.000 nur drei, vier Stunden mehr pro Woche arbeiten würden, wäre schon viel gewonnen.”

Das Zitat ging “viral” und Spahn wurde von vielen Bürgern kritisiert. Allein: Spahn hatte sich in dem Interview vor allem dafür stark gemacht, die Bedingungen der Pflegekräfte zu verbessern und mehr Pfleger einzustellen. Der zitierte Vorschlag sollte eine Übergangslösung sein. Die “Zitat-Kacheln” suggerierten etwas anderes.

Redaktionen verweisen in solchen Fällen gerne auf die ergänzenden Zeilen in ihren Einträgen in sozialen Netzwerken und die Links auf ausführliche Artikel. Kritiker Hoffmann warnt hingegen: “Wenn man sich die Mechanismen anschaut, die da wirken, dann ist es nun mal ganz oft so, dass die Leute eben diesen zweiten Klick nicht mehr machen. Sie sehen das, was ihnen vielleicht in den Feed gespült wird, machen dann aber ganz oft nicht mehr den Klick.” Was am Ende hängen bleibe sei ausschließlich die Aussage, die auf der Kachel steht.

>> Download MP3 (Quelle: NDR Info)

Gemeinsame Plattform von ARD und Verlagen

Es gibt kaum deutsche Alternativen zu sozialen Netzwerken und anderen Angeboten von Facebook und Google. Der BR-Intendant hat nun die Idee einer gemeinsamen Plattform mit Inhalten von Öffentlich-Rechtlichen und Verlagen eingebracht – eine Art “Super-Mediathek”.

für Deutschlandfunk

Manuskript des Beitrags
“Folgen Sie uns doch auf Facebook oder Twitter” – auch Sendungen auf öffentlich-rechtlichen Kanälen werben so um ihre Fans. Sie wollen mit ihrem Publikum in Kontakt bleiben und ihnen neue Inhalte schmackhaft machen – dafür sind soziale Netzwerke schließlich da. Allein: Redaktionen diskutieren zunehmend, ob das so klug ist, US-Plattformen eigene Inhalte zuzuschieben und so die Attraktivität der Portale zu erhöhen, die um die Inhalte herum Werbung platzieren und damit Milliarden machen.

Die Emanzipation von Googles Videoplattform Youtube, vor allem aber auch von Facebook – für den gegenwärtigen ARD-Vorsitzenden, den BR-Intendanten Ulrich Wilhelm, könnte sie das Projekt seiner Amtszeit sein: eine Art Super-Mediathek, auf der öffentlich-rechtliche, aber auch viele andere Inhalte Platz finden. Die Daten blieben unter eigener Kontrolle und nicht zuletzt auch: die Spielregeln.

“Sie lesen selber: Jede Änderung des Algorithmus, die ja nie besprochen wird, nie vorangekündigt wird, nie transparent gemacht wird führt dazu, dass man sofort im Wettbewerb entsprechende Folgen zu tragen hat. Und es wäre sozusagen ein ganz großer Wurf, den Europa leisten könnte, zu dem wir als Teilnehmer natürlich nur einen ganz kleinen Beitrag leisten könnten”, erklärte Wilhelm Journalisten bereits – weitgehend unbeachtet – zu seinem Amtsantritt im Januar. Inzwischen haben mehrere Intendanten ihre Sympathien bekundet, etwa Patricia Schlesinger vom RBB und Tom Buhrow vom WDR. Wilhelm gibt sich bescheiden. Tatsächlich aber ist er der Treiber dieser Idee.

“Es ist eine Idee, die darauf angelegt ist, mit den Verlagen auszuloten, ob es da Gemeinsamkeiten gibt. Also ich würde nicht sagen, so muss es sein – lieber Mathias Döpfner –, sondern die Frage wäre eher an ihn und viele andere: Könnte das ein Feld sein, über das wir gemeinsam nachdenken sollten?”

Mathias Döpfner – Präsident des Zeitungsverlegerverbandes BDZV und Vorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Verlages – kritisiert sonst die Öffentlich-Rechtlichen für ihre Onlineaktivitäten. Auf der Jahrespressekonferenz seines Konzerns ließ er aber erkennen, dass er einer gemeinsamen Sache gegen US-Plattformen wohlwollend gegenübersteht.

“Dieser Vorschlag ist interessant und diesem Vorschlag wohnt auch eine absolut richtige Idee inne”, sagt Döpfner. Er – das heißt: Axel Springer, aber auch der BDZV – wollen das prüfen. Allerdings mahnt der Chef-Verleger auch:

“Natürlich muss man immer sehr darauf achten, dass nicht ein Kooperationsangebot auch eine Umarmung wird, die das Gegenüber erdrückt und ihm die Luft abschnürt. Also das schauen wir uns sehr genau an und auch, glaube ich, ist hier sehr darauf zu achten, dass privater Sektor und öffentlicher Sektor getrennt bleiben.”

Die Hürden für eine Super-Mediathek aus Videos und Texten wären hoch, das lehrt auch die Erfahrung: ARD und ZDF wollten vor einigen Jahren “Germany‘s Gold” starten, eine gemeinsame Plattform für ihre Inhalte, aber auch für Filme von Dritten. Allerdings hatte das Bundeskartellamt etwas dagegen.

Und dann wäre eine solche Plattform auch technisch eine große Herausforderung. Facebook und Youtube haben immerhin die Such- und Vorschlagsalgorithmen ihrer Angebote über Jahre perfektioniert und auch das Tempo, also wie schnell Trefferlisten und die eigentlichen Inhalte erscheinen. Auch bei einer möglichen Personalisierung macht den US-Giganten so schnell niemand etwas vor.

Fraglich wäre zudem, wie Verlage etwa für ihre Inhalte Geld verlangen könnten. Google und Facebook arbeiten dazu derzeit an eigenen Modellen.

“Da ist ja wirklich von der Informatik und der mathematischen Seite her sehr, sehr viel an Denkarbeit zu leisten. Sie haben natürlich dafür auch einen beachtlichen Aufwand des Gesetzgebers zu bedenken”, sagt der ARD-Vorsitzende. Beim Bayerischen Rundfunk hat Wilhelm in den vergangenen Jahren passenderweise eine eigene Softwareschmiede aufgebaut. Sie hat zuletzt die ARD-Audiothek entwickelt, die viel Lob erfährt. Diese Einheit könnte helfen – und die Länder per Gesetzesänderung eine Super-Mediathek erlauben.

“Die Initiative soll ja einfach ein Nachdenken in die Richtung ermöglichen. Am Ende kommt es darauf an, ob alle die, die da als Akteure zu gewinnen wären, sagen, das könnte hilfreich sein.”

Der anhaltende Skandal um den Datenabfluss bei Facebook – er wird das Bedürfnis nach einer Emanzipation von den US-Plattformen gewiss noch einmal verstärken.

>> Download MP3 (Quelle: DLF-“Mediasres”)

Wie wäre es mit – Lokaljournalismus?

Weg vom Schreibtisch, raus in die Provinz: Kurz vor der Wahl starten einige Redaktionen Sonderprojekte. Sie wollen mit echten Menschen über echte Probleme reden. Wem bringt das was?

für taz

Wie wäre es mit – Lokaljournalismus? weiterlesen

Angela Gruber (“Spiegel Online”)

EU-Kommissar Günther Oettinger kämpft gemeinsam mit vielen Verlegern für ein europäisches Leistungsschutzrecht – und hat nun Verleger aufgefordert, für seine Pläne Stimmung zu machen (“Schwärmen Sie aus!”). Dabei hat er die Verleger auch aufgefordert, die eigenen Online-Journalisten von der Idee zu überzeugen (Video-Mitschnitt, 2min).

“Spiegel Online”-Redakteurin Angela Gruber hatte Oettingers Pläne kritisch kommentiert. Nach Oettingers Verleger-Appell twitterte sie dann auch:

Für “Markt und Medien” im Deutschlandfunk (Podcast der Ausgabe vom 1. Oktober 2016 [mp3]) habe ich Gruber daraufhin gefragt, was sie von Oettingers Vorstoß hält. Sie sagt unter anderem:

“Ich finde Oettingers Auftreten letztlich unsouverän. Entscheidend ist für mich, dass er nicht auf einer inhaltlichen Ebene argumentiert und versucht, von seinen Ideen zu überzeugen, sondern er argumentiert letztlich gegen eine innere Pressefreiheit an. Das ist ziemlich vermessen. (…) Ich finde, das gehört sich nicht!”