Im Wettlauf mit Spotify

Weil immer mehr Leute Podcasts hören und Musik streamen, fürchten klassische Radiosender um ihr Publikum – und werden kreativ. Notiert für die taz.

für taz

Thomas Jung leitet die erfolgreichste Popwelle der Republik: SWR3 vom Südwestrundfunk. Etwa 3,6 Millionen Menschen schalten täglich ein. Jung sagt, er gehöre nicht zu denen, die glaubten, das Radio sei tot. Er sagt: „Wir glauben, dass das Radio auch auf lange Sicht als Begleitprogramm erfolgreich bleiben kann.“ Jung will die Zukunft aber nicht dem Zufall überlassen. Wie viele Radiomanager investiert auch er dafür in technische Spielereien.

In der neuen Version seiner App kreuzt SWR3 seinen Sender mit dem, was NutzerInnen zunehmend von Spotify & Co. kennen. „Es gibt immer Titel, die einem auf den Geist gehen“, sagt Jung. „Uns ist es lieber, HörerInnen schalten innerhalb unseres Programms um als auf eine andere Welle oder in eine andere App.“ Nun kann das Publikum in der App des SWR auf Knopfdruck Musiktitel wechseln – im laufenden Programm.

Die Entwicklung, die auch die Jugendwelle DasDing nutzt, wird in der Szene gefeiert. Dabei ist der SWR gar nicht der erste Sender, der einen Eingriff ins Liveprogramm ermöglicht. Nach Entwicklungen in Österreich, Skandinavien und Großbritannien hat die Radiogruppe von RTL, zu der unter anderem Antenne Niedersachsen und das Berliner Spreeradio gehören, schon 2018 den „Swop“ eingeführt. Auch hier kann das Publikum nervige Titel wegdrücken.

Christian Schalt ist der „Chief Digital Officer“ der RTL-Radios. Auch er geht davon aus, dass das Radio seinen Platz neben Plattformen wie Spotify verteidigen wird: „Radio hat den unschlagbaren Vorteil, dass es NutzerInnen nichts kostet“, sagt Schalt. „Wenn um das Radio herum aber immer mehr Audioplattformen starten, dann ist die Antwort, diese Technologien auch zum Radio zu bringen.“

Eine ganze Diskothek im Handy
Hat SWR3 seine neuen Funktionen in der App einfach von RTL kopiert? Tatsächlich sind die Entwicklungen nur auf den ersten Blick vergleichbar. Wenn in den Programmen der RTL-Radios Musiktitel starten, laufen im Hintergrund eine Handvoll alternativer Titel an, in die NutzerInnen „swoppen“ können. Die SWR-Apps sind dagegen mit der gesamten „Rotation“ der jeweiligen Welle verknüpft. Das System greift auf bis zu 1.600 Titel zu und ist lernfähig.

„Wir wollten nicht parallele Musikstreams mit einer Scheinauswahl laufen lassen, sondern dass das Publikum auf unsere gesamte Musikauswahl zurückgreifen kann“, sagt SWR3-Programmchef Jung. Da schwingt der Seitenhieb mit, das Modell der privaten Sender sei nicht so ausgeklügelt. Das ist auch so, doch die überschaubare Auswahl muss kein Nachteil sein: Während bei den RTL-Wellen die Alternativtitel mit dem Originaltitel im Liveprogramm enden und die ModeratorInnen punktgenau wieder zu Wort kommen, bricht in den SWR-Apps die individuelle Musik ab, wenn die Moderation wieder startet.

Matthias Pfaff arbeitet an einem dritten Weg. Er verantwortet die Digitalstrategie der Gruppe Regiocast mit Stationen wie PSR in Sachsen und R.SH in Schleswig-Holstein. „Warum läuft Radio auch in einer Welt des Überangebots von Audio so gut?“, fragt Pfaff. „Menschen schätzen es, wenn sie auf einen Knopf drücken und ihnen Entscheidungen abgenommen werden.“ Individualisierung werde vor allem dann funktionieren, wenn HörerInnen nichts wegdrücken müssten. Apps könnten lernen, was NutzerInnen neben dem Hauptprogramm hören: Podcasts oder spezielle Streams einzelner Genres – immer nur Rockmusik zum Beispiel. Die App könnten dann dafür sorgen, dass die Musik im Liveprogramm automatisch an den Hörer angepasst wird.

Der Regiocast-Manager Pfaff vergleicht das mit einem Burger-Laden. „Die meisten Leute nervt es, wenn sie 15 Zutaten aufzählen und Fragen zum Brot oder zur Sauce beantworten müssen.“ Wer einen Burger wolle, wähle lieber ein Menü. „Wenn der Mann hinter der Theke seinen Gast besser kennt, empfiehlt der ihm eins und sagt, er lässt die Gürkchen weg und macht dafür Zwiebeln drauf.“ So müssten auch Radio-Apps funktionieren.

Spotify macht’s vor
Genauso läuft es bei Spotify. Mit „Daily Drive“ bietet die Plattform Pendlern ein individuelles Programm an, einen Mix aus der eigenen Lieblingsmusik, dazu Nachrichten und Beiträge, die klassische Radiosender als Pod­casts ins Netz stellen. Ein personalisierter Radiosender. Die Manager der klassischen Sender sehen in „Daily Drive“ eine Gefahr. Sie wollen Ähnliches bieten, kombiniert mit Livemoderationen, zu der auch regionale Informationen gehören. Beides kann Spotify nicht.

SWR3 hat seiner App noch weitere Funktionen verpasst. NutzerInnen können Musikstücke herzen und jederzeit nachhören. Und sie können im Live-Programm zurückspulen – für den Fall, dass sie nicht mitbekommen haben, welches Buch oder welcher Film da gerade empfohlen wurde.

Für all das hat der Sender mit der Verwertungsgesellschaft Gema und den Musiklabels mühsam einen neuen Tarif ausgehandelt. Damit der SWR die neuen Funktionen anbieten kann, zahlt der SWR extra an die Musikindustrie, allerdings nur für Zugriffe aus Deutschland. Im Urlaub Titel wegdrücken oder Lieblingstitel nachhören funktioniert nicht.

Andere Sender prüfen, ob und wie sie ihre Livestreams erweitern. Der SWR bietet seine Entwicklung der ARD an. Interesse hätten etwa der Rundfunk Berlin Brandenburg und Radio Bremen angemeldet. Der Bayerische Rundfunk will im Herbst das Zurückspulen anbieten. Außer­dem arbeitet er wie viele Sender daran, seine Radio-Apps auch auf die Systeme von Apple und Google in Autos zu bringen – wo sich Spotify & Co. schon breitgemacht haben, aber nur wenige Radiosender wie der Deutschlandfunk.

„Ich bin überzeugt, dass klassisches Radio dann weiter erfolgreich sein wird, wenn wir unsere HörerInnen stärker am Programm beteiligen, damit es auch wirklich ihr Programm ist“, sagt SWR3-Wellenchef Thomas Jung noch zur Zukunft. Bislang entscheide seine Redaktion, welches „Topthema“ am späten Nachmittag gesendet werde. Sie könne aber auch ihr Publikum befragten: ganz direkt und einfach über die App, natürlich.

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de

radioeins-“Medienmagazin” vom 28. März 2020

In unserer radioeins-Sendung sprachen Jörg Wagner und ich unter anderem mit RTL-Chefredakteur Michael Wulf über das Medienmachen in Zeiten von Corona.

für radioeins

— Zeitmarken dieser Sendung —

[00:00] INTRO: Maskenbasteln mit RTL | [01:54] Internationale Corona-Medienschau | [12:37] Die aktuelle Lage der Stadtmagazine und Zeitschriften | [23:41] RTL im Corona-Modus | [34:03] Programm-Tipp: Der Inforadio-Podcast – Die erzählte Recherche | [42:11] Bonus: Sendungskritik

>> Download MP3 (Quelle: radioeins/Jörg Wagner)

Rundfunkbeitrag: Kopplung an Inflation zu riskant?

Briefkopf mit ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice
Wie viel fordert künftig der Beitragsservice von und für ARD, ZDF und Deutschlandradio? Vorerst wird das auch weiter nicht – via eines Index’ – über die Teuerungsrate ermittelt. (Foto: FotoDB.de by CC BY-NC-SA 2.0)

Erneut haben die Ministerpräsidenten keine Mehrheit für den Plan gefunden, den Rundfunkbeitrag über ein Index-Modell an die Inflation zu koppeln. Nach der Sitzung hat die rheinland-pfälzische Staatssekretärin Heike Raab (SPD), die die Medienpolitik der Länder koordiniert, Dlf-Kollegen Christoph Sterz und mir die Lage erklärt.

— Wörtliches Transkript —

Daniel Bouhs: Frau Raab, kurz zum Einstieg schon mal: Wir hören ja, dass wieder Auftrag, Indexmodell, das Eckpunktepapiert verschoben wird. Woran hängt es diesmal?

Heike Raab: [Heike Raab sprach zunächst über die Änderung des Rundfunkbeitragsstaatsvertrags zu Zweitwohnungen und den Stand in Sachen Medienstaatsvertrag – Ausschnitt ausgekoppelt am Ende dieses Eintrags] Das ist kein triviales Thema. An dem arbeiten wir schon lange. Da haben wir noch ein paar offene Fragen. Die wollen wir über den Sommer klären, mit Experten und Verbänden sprechen, damit wir dann im September, Oktober auf die Zielgerade laufen.

Daniel Bouhs: Aber was heißt “offene Fragen”? Es gab ja schon mehrere Runden. Sie haben ja das Eckpunktepapier, den Entwurf auch an vielen Stellen noch mal sozusagen in Handarbeit überarbeitet. Wo kommen diese neuen offenen Fragen her?

Heike Raab: Wir haben eine große Weiterentwicklung, was das Thema der Weiterentwicklung des Auftrages angeht. Wir müssen die digitale Transformation auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ermöglichen. Und dort haben wir uns sehr, sehr weit bewegt. Wir haben aber viele Fragen, ob und wie wir ein Finanzierungssystem neu gestalten. Das Land Rheinland-Pfalz hatte schon einmal eine Kompromisslösung erarbeitet, die einen sechsjährigen Zeitraum in den Blick genommen hat, wo die KEF ein Rolle spielt. Wir haben ein Gutachten, ein umfangreiches Gutachten in Auftrag gegeben, das besagt, dass ein Index-basiertes Modell rechtlich möglich wäre. Wir haben aber auch nach dem Beihilfekompromiss mit der EU Fragen zu klären, ob ein veränderter Auftrag auch Beihilfe-rechtskonform ist. Und last but not least: Würden wir einen Index einführen, dann müssen wir uns ja auch klar darüber werden, welcher Index soll das sein. An was knüpfen wir denn an.

Es gibt verschiedenste Denkmodelle, die ich alle gar nicht jetzt erörtern will. Aber den passenden Index für einen Zeitraum zu finden und zwei, vier und sechs Jahre, das ist die große Herausforderung. Und wir sind uns auch einig, dass wir – ähnlich wie wir es beim Telemedienauftrag gemacht haben, wo wir am Ende zwischen dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk und dem BDZV und den Verlegern einen Kompromiss gefunden haben: Wir wollen auch aktiv auf Vaunet zugehen. Wir wollen auf auch die private Seite zugehen. Und wir haben jetzt schon für Mitte Juli Gespräche terminiert. Die Terminabsprachen laufen gerade, damit wir auch – wie wir das in einer guten Übung haben – ein Ausjustieren im dualen Mediensystem hinbekommen.

Christoph Sterz: Das bedeutet also, die Vertagung liegt auch am Privatrundfunk?

Heike Raab: Sie liegt darin, dass wir keinesfalls mit einer Veränderung des Systems die Dualität unseres Mediensystems gefährden wollen. Demokratie braucht Medien, aber Medien – um frei und unabhängig zu wirtschaften – brauchen auch auskömmliche wirtschaftliche Grundlagen. Und wir haben das schon sehr bewusst auch aufgenommen, wie hier sensibel reagiert worden ist. Und es war wegen Wahlen, Europawahl, Kommunalwahlen im Moment im Frühjahr keine Zeit. Und jetzt haben wir gesagt, wir führen lieber vor der endgültigen Beschlussfassung auch mit den privaten Anbietern die ernsthaften und guten Gespräche, bevor wir dann etwas beschließen.

Christoph Sterz: Wer ebenfalls sensibel reagiert hat, ist die FDP. Ich habe sowohl mit der aus Rheinland-Pfalz als auch mit der aus NRW gesprochen und die bestätigen mir, dass sie Bauchschmerzen haben, was das Indexmodell angeht, dass sie erst Auftrag und Struktur besprochen haben wollen und sich dann ums Finanzielle kümmern. Das heißt, hat die FDP an diesem Punkt auch eine wichtige Rolle gespielt, dass es eben heute vertagt wurde?

Heike Raab: Also in der Ministerpräsidentenkonferenz wissen Sie ja, dass die Themen dort auch besprochen werden. Und Sie wissen, wie viele A- und B-Länder es gibt und es gibt noch einen grünen Ministerpräsidenten, einen Linken und jede Landesregierung muss in den unterschiedlichen Konstellationen, die es in den Ländern gibt, am Ende dafür sorgen, dass ein Eckpunktepapier in den jeweiligen Landtagen oder ein neuer Staatsvertrag in den jeweiligen Landtagen Mehrheiten findet. Und das kann man nicht an einer Partei festmachen. Definitiv nicht. Wir haben auch zum Thema “Index” auch unterschiedliche Meinungen im Länderkreis. Das wissen Sie: Wir haben ein Einstimmigkeitsprinzip, kein Mehrheitsprinzip. Und deshalb müssen immer alle miteinander gut die Dinge besprechen. Wir brauchen den Öffentlich-Rechtlichen. Wir brauchen die Privaten. Wir brauchen 16 Landtage, 16 MPs. Das alles ist die große Herausforderung. Aber um drei Monate verschieben, ist kein Ende des Prozesses, sondern das ist einfach noch eine weitere Wegstrecke.

Daniel Bouhs: Aber die Ambition war ja schon da, das relativ zügig auf die Beine zu stellen. Jetzt haben sich in den letzten Wochen ja doch relativ starke Stimmen auch dagegen, skeptisch geäußert, der KEF-Vorsitzende Fischer-Heidelberger zum Beispiel ja auch öffentlich. Hat man sich gerade mit dem Index-Model einfacher vorgestellt als es dann vielleicht doch ist?

Heike Raab: Wir haben uns das von Anfang an nicht einfach vorgestellt. Wir haben ja auch schon sehr viel daran gearbeitet – die, die das einbrachten, wir als Vorsitzland und viele andere. Es gibt viel Für und Wider. Wir sind uns einig in den Punkten – und das möchte ich betonen: zwei Staatsverträge haben wir auf den Weg gebracht – wir sind uns einig, was die Weiterentwicklung des Auftrags und der Beauftragung im digitalen Zeitalter angeht. Und wir haben nur an einem einzigen Punkt offene Fragen: Stellen wir das Finanzierungssystem um oder nicht?

Das bisherige KEF-System ist rechtssicher. Es ist von der EU als Beihilfe-rechtskonform anerkannt worden. Das muss ein neues System alles gewährleisten. Und dass wir uns dann in einem solchen Prozess vergewissern, dass das auch hält und ich sage ganz klar: Jeden Vorschlag, den wir unterbreiten, der soll auch Rechtskraft vor Karlsruhe haben vorm Bundesverfassungsgericht. Deshalb denkt man lieber dreimal drüber nach.

Daniel Bouhs: Es geht also nicht um den Willen, sondern darum, ein rechtliches Risiko auszuschließen?

Heike Raab: Ja, das geht auch – ist immer ein wichtiger Aspekt.

Christoph Sterz: Und das bedeutet, dass das auch ein Indexmodell tatsächlich irgendwann mal ausschließen könnte? Also könnte es passieren, dass im Herbst dann die Entscheidung kommt, wir wollen zwar etwas verändern, aber eben nicht mit einem Index?

Heike Raab: Ich kann jetzt überhaupt keine Kaffeesatzleserei da betreiben, möchte das auch nicht. Ich bitte um Verständnis. Wir werden jetzt die Gespräche mit den Privaten führen. Wir werden jetzt auch noch wissenschaftlichen Beirat, noch mal Expertise hinzuziehen Wir haben das ja auch durch das Mainzer Medieninstitut – Herr Professor Cornlis – der hat ganz klar belegt, ein Index-basiertes Modell ist rechtlich möglich, er hat aber gleichzeitig auch Leitplanken aufgezeigt und quasi einen Korridor schon geschaffen, indem wir uns auch nur bewegen können. Aber selbst dieser Korridor ist, wenn Sie alle Abwägungen treffen, noch ziemlich breit. Und deshalb prüfen wir das. Eine Gesetzesfolgenabschätzung, so würde man es in einem anderen normalen Prozess [nennen], die muss man ja auch hier führen. Wir müssen das bis zum Ende denken.

Daniel Bouhs: Wie würde es im Kreis der Ministerpräsidenten weitergehen, zeitlich? Und wie optimistisch sind Sie auch persönlich für Rheinland-Pfalz, dass es am Ende noch zu einem Index kommt?

Heike Raab: Wir beraten jetzt im September auf der Ebene der Rundfunkkommission weiter und dann kann ich Ihnen diese Fragen beantworten.

Christoph Sterz: Und können Sie auch die Frage beantworten, ob das jetzt schon laufende Verfahren eine Rolle spielt? Denn es ist ja so, dass die Anmeldungen schon längst gelaufen sind, dass die KEF jetzt rechnet. Das läuft ja parallel. Und dann ist eben der Wunsch zum Beispiel der Beitragsstabilität rückt ja dann vielleicht doch in eine gewisse Ferne.

Heike Raab: Wir haben Beitragstabilität seit 2009. Und es gibt kaum einen anderen Kostenfaktor in der Bundesrepublik Deutschland, der jetzt über zehn Jahre gleich geblieben ist. Im Gegenteil: Wir haben 2015 den Beitrag mal um 48 Cent gesenkt. Ich möchte das in Erinnerung rufen. Und dafür gibt es echt ein vielfältiges Programm. Und wir brauchen freie und unabhängige Medien in einer Demokratie. Ich glaube, die jüngsten Beispiele, wie wir sie aus Österreich, wie wir sie aus anderen Bereichen kennengelernt haben, zeigen, dass auch freie und unabhängige Presse auch wirtschaftliche Grundlagen haben muss. Auch Journalistinnen und Journalisten müssen von Tariferhöhungen partizipieren können, wie sie in anderen Industriezweigen gibt. Und wir wissen alle, dass jetzt auch das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zu den Zweitwohnungssteuer Einnahmeeinbußen mit sich bringen wird.

Und wenn dann – jetzt werden die Bedarfe festgestellt. Wir sind im normalen KEF-Verfahren. Und wir bewegen uns völlig im Rechtsrahmen. Ein neues System könnte auch erst dann aufsetzen, wenn wir ein neues System geschaffen haben. Wir haben ja noch gar kein neues System. Insofern ist alles in Ordnung. Die Bedarfe werden jetzt angemeldet. Die KEF wird uns 2020 Anfang des Jahres eine Empfehlung aussprechen. Mit der beschäftigen wir uns dann. Und diese Empfehlung kann dann der Einstieg in den Umstieg sein. Er kann aber auch einfach der Einstieg in die nächste Beitragsperiode sein.

Daniel Bouhs: Sie sind entspannt.

Heike Raab: Ich bin entspannt. Ja. Wir haben doch ein gutes Mediensystem, oder?


Heike Raab hat sich außerdem noch zum verabschiedeten Rundfunkbeitragsänderungsstaatsvertrag geäußert, mit dem nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts Zweitwohnungen von der Beitragspflicht befreit werden – und zum Stand für den geplanten Medienstaatsvertrag:

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Programm, Online, Kosten

Neue Regeln für ARD/ZDF

für NDR Fernsehen

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>> Beitrag in der NDR-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

Claus Grewenig (VPRT)

Ulrich Deppendorf, einst Chef der “Tagesschau” und des ARD-Hauptstadtstudios, fordert aus dem Ruhestand einen echten Nachrichtensender von ARD und ZDF, also entweder ein stärkeres Phoenix oder Tagesschau24 im verlässlichen 24/7-Betrieb (Interview hier nachhören). Claus Grewenig, den Geschäftsführer des Privatsenderverbandes VPRT, der letztlich auch die Interessen von n-tv und N24 vertritt, habe ich gefragt, was er von dieser Idee hält.

Transparenzhinweis: Ich habe bereits selbst für ARD-aktuell gearbeitet (genauer: fürs “Nachtmagazin” und für tagesschau.de), außerdem werden meine ZAPP-Beiträge gelegentlich auf tagesschau24 wiederholt.

Brauchen wir einen öffentlich-rechtlichen Newskanal?

München, Türkei, Nizza: ARD und ZDF stehen in der Kritik

für B5aktuell

Manuskript des Beitrags
Nach dem Attentat in München ging das Konzept der ARD auf: Weil der Digital-Kanal Tagesschau24 ohnehin im Nachrichten-Betrieb war, reichten eine Entscheidung und ein Knopfdruck. Das Erste war „drauf“ und blieb es bis in die Nacht.

Auszug „Tagesschau“-Extra (nachrichtliche Moderation)

Das aber klappt nur, wenn Tagesschau24 ohnehin Nachrichten sendet. Und das ist eben nicht – anders als es der Sendername suggeriert – 24 Stunden am Tag der Fall. Nur eine Woche zuvor beendete Caren Miosga weit vor Mitternacht vorerst das Nachrichten-Programm im Ersten, obwohl sich in diesem Moment die Welt zu verändern drohte.

„…Wir verabschieden uns nach einem traurigen Tag für Frankreich und vor einer möglicherweise sehr beunruhigenden Nacht in der Türkei…“

Miosga gab ihren Zuschauern zwar noch mit auf den Weg: tagesschau.de informiert weiter. Wer aber vor dem Fernseher dabei sein wollte – der wurde erst mal enttäuscht, bis das Erste schließlich sein Programm mit neuen Informationen unterbrochen hat. Es sind Situationen wie diese, in denen sich Zuschauer mitunter einen echten Nachrichtensender von ARD und ZDF wünschen – und manch einer weiter zieht zu CNN oder BBC World. Prominentester Befürworter dieser Tage: Ulrich Deppendorf. Er hat lange selbst die „Tagesschau“ geleitet, zuletzt das Hauptstadtstudio der ARD. Heute ist er im Ruhestand – und empört sich:

„Warum wir es nicht schaffen, ein großes Nachrichten-, ein 24-Stunden-Nachrichtenprogramm hinzubekommen, ist mir ein Rätsel. Andere schaffen das. Es gibt in Spanien 24-Stunden-Kanäle, in Italien, in Polen.“

Für Deutschland sei die Zeit nun reif, sagt Deppendorf. Man könne Phoenix um- und ausbauen, gemeinsam mit dem ZDF. Oder aber aus dem Digitalkanal Tagesschau24 könnte mehr werden als bisher, ein verlässlicher Sender, der jederzeit aus dem „Tagesschau“-Studio sende, rund um die Uhr – das sei schließlich bisher nicht so.

„Hier müssen die Intendanten jetzt auch mal eine Grundsatzentscheidung fällen. Und die kann glaube ich auf Dauer nicht heißen, wir machen keinen 24-Stunden-Nachrichtenkanal.“

Kai Gniffke hingegen, der erste Chefredakteur der „Tagesschau“-Redaktion ARDaktuell, sagt ganz offen: Er will gar nicht, dass Tagesschau24 jeden Tag lückenlos auf Sendung ist. Die Ressource Korrespondent sei nun mal endlich.

„Natürlich wünsche ich mir einen Zustand, wo jedes Korrespondentenbüro der ARD – und wir haben sehr, sehr viele zum Glück –, dass jedes dieser Studios mit mindestens drei bis vier Korrespondenten besetzt ist. Das werde ich nicht schaffen. Und da würde es nicht sehr, sehr viel Sinn machen, in der Nacht um vier für eine sehr überschaubare Zahl von Nutzern dann noch Programm zu machen.“

Für einen lückenlosen Nachrichtensender müssten also – wie das der systemeigene Kritiker Deppendorf auch fordert – Korrespondentenbüros vor allem im Ausland verstärkt werden, mit mehr Geld oder auch indem anderorts gespart würde. Doch für die privaten Kanäle n-tv und N24 wäre solch ein öffentlich-rechtliches Aufrüsten ein Problem. So warnt Claus Grewenig vom Privatsenderverband VPRT:

„Da sind wir der Auffassung – ganz klar –, dass das bestehende Gesamtangebot von 23 TV-Kanälen, über 60 Radioprogrammen und über 100 Angeboten im Web auch ausreichen muss, um auch diese Fälle der Nachrichtenlage, wie sie jetzt aufgetreten sind, abzudecken – und zwar vornehmlich auch in den Hauptprogrammen, für die ja im Wesentlichen auch der Rundfunkbeitrag als Modell aufgesetzt wird.“

Mehr Nachrichten bei ARD und ZDF – damit hätten die Privatsender grundsätzlich aber kein Problem, sagt ihr Lobbyist. Ein echtes 24-Stunden-Angebot nach dem Design von CNN, BBC24 und Co. – das sei allerdings auch rechtlich schwierig.

„Wir gehen davon aus, dass auf Basis der jetzigen Gesetzeslage (…) ein 24/7-Kanal nicht möglich ist (…) Und wichtig wäre auch, dass der Öffentlich-Rechtliche hier das Privileg hat, bei solchen Themen auch nicht auf die Quote schauen zu müssen und deswegen sich auch im Hauptprogramm auch mal etwas trauen darf.“

Womit der Privatsender-Lobbyist meint: ARD und ZDF sollten einfach bei Großlagen im Hauptprogramm durchsenden. „Tagesschau“-Chefredakteur Gniffke favorisiert dieses Modell ebenfalls. In München ging das: Mit dem Bayerischen Rundfunk war ein ganzer ARD-Sender vor Ort. In der Nacht des Putschversuchs sei aber nur ein einziger Korrespondent vor Ort gewesen, Verstärkung unmöglich. Hier – und auch sonst – müssten gezielt Kräfte geschont werden.

„Wir können 24 Stunden aus diesem Studio live senden. Jederzeit. (…) Aber wir müssen Nachrichten auch ein bisschen dosieren. Wenn ich um 20 Uhr die Leute wirklich solide informieren will, dann kann ich nicht Tag und Nacht einen Korrespondenten bildlich gesprochen durch den Fleischwolf drehen.“

ARD und ZDF haben aus der Kritik an ihrer Berichterstattung aus Nizza und der Türkei offensichtlich gelernt, sendete aus München länger in den Hauptprogrammen. Und trotzdem: Gegen ein Uhr spielten ARD und ZDF – erst mal – wieder ihr Regelprogramm an: hier ein Krimi, dort eine Dokumentation. Auch Tagesschau24 und Phoenix sendeten anderes. Nutzer riefen wieder ins Netz: Wo, bitte, bleibt der öffentlich-rechtliche Nachrichtensender. Diese Debatte – sie wird anhalten.

>> Audio auf br.de (Quelle: B5aktuell-“Medienmagazin”)