Bezahlte Berichte?

Sportjournalisten lassen sich oft vom Sportbusiness zu Reisen einladen, zeigt eine neue Studie. Mitunter reißen dabei Grenzen zur Werbung ein. Mein Bericht für ZAPP

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —
Kitzbühel. Das Rennen auf der „Streif“ – die spektakulärste Station des Ski-Weltcups. Und zur Weißwurst-Party danach eine enorme Promi-Dichte. Für Publikum und Medien: attraktiv.
Dachte sich auch der „Tagesspiegel“ und twittert stolz: Unser Redakteur „mittendrin statt nur dabei“.
Das Ergebnis unter der Überschrift „Sie gehen steil“: ein launig-kritischer Bericht über den großen Zirkus rund um das Rennen. Am Ende schließlich der Hinweis: „Der Autor reiste auf Einladung der Marke Tommy Hilfiger nach Kitzbühel.“
Wir fragen nach bei Anna Sauerbrey, im „Tagesspiegel“ zuständig für „Compliance“: Wie lief das ab, mit Hilfiger?
„Die sind zunächst auf unsere Mode-Redaktion zugekommen, haben gesagt, wir bieten diese Reise an, möchtet ihr? Die Mode-Redaktion hat zunächst sehr skeptisch reagiert, dachte dann aber hmm, vielleicht für unsere Sportberichterstattung ein interessantes Feld, wir könnten die Reise doppelt nutzen, sowohl für die Mode als auch für die sportliche Berichterstattung. In dem Fall haben sich beide Ressorts dafür entschieden, dass der Sportredakteur fährt.“
Nur ein paar Tage später erscheint auch ein eher wohlwollendes Interview mit Tommy Hilfiger. Daneben setzen Models seine Ski-Kollektion in Szene. Interviewer: der Sportredakteur. Diesmal kein Hinweis auf die Finanzspritze.
Auf Leserinnen-, Leserseite könnte der Eindruck entstehen „Ah, da wurde jemand für die Sportberichterstattung mitgenommen und dann bekam er ein nettes, gut inszeniertes, für seine Produkte inszeniertes Interview geschenkt‘…
“…ja…”
Ist diese Konstellation schwierig?
“Ich fand es auch unglücklich. Ich hätte mir gewünscht, dass wir uns wenn, dann auf die Sportberichterstattung beschränken, weil eben da die Unabhängigkeit von Berichterstattung und Sponsor größer ist.“

Die Hochschule in Ansbach. Die frühere „Kicker“-Redakteurin Jana Wiske forscht zu „Pressereisen im Sportjournalismus“. Sie hat sich in 20 Redaktionen umgehört.
„Persönlich schon teilgenommen“ haben 80 Prozent der befragten Journalistinnen und Journalisten. Ihre „Redaktion nimmt regelmäßig teil“ sagen: 55 Prozent. Außerdem glaubt die Mehrheit: Ja, Pressereisen werden wichtiger.
„Man muss es differenziert betrachten, weil einfach die Situation im Sportjournalismus auch solchen bezahlten Pressereisen einen Raum bietet. (…) Der Kostendruck lässt es zum Beispiel nicht zu, dass man mal ein Formel-1-Rennen in Australien besucht als Journalist und da beiwohnt. Und da springen dann eben auch sehr häufig Pressereisen oder sind Pressereisen ein gutes Mittel, um vielleicht das ein oder andere zu besetzen, was eben auch der Rezipient möchte, nämlich die Nähe zu den Protagonisten und die Nähe zu einem Sportevent.“
Pressereisen, meint Wiske, könnten auch helfen. Sponsoren durchaus Türöffner sein. Werbliche Artikel gelte es dann aber zu vermeiden.
„Ich hätte mir zum Beispiel ein Interview gewünscht über Lebenswerk oder das Thema Nachhaltigkeit, Umweltschutz in der Mode. Das wäre denke ich passend gewesen und vielleicht auch der journalistischen Freiheit hätte das eher gutgetan, aber tatsächlich geht’s um die aktuelle Kollektion, Preise der Kollektion, Farben. Also es geht in eine Richtung, die doch sehr werblich ist.“
Sponsoren wollen letztlich vor allem verkaufen. Hilfiger hat im Kern-Verbreitungsgebiet des „Tagesspiegel“ knapp zehn eigene Läden. — Würden sie die Ski-Kollektion mit einer Anzeige bewerben: der Listenpreis in der Wochenend-Ausgabe des Tagesspiegel läge für eine halbe Seite bei fast 19.000 Euro.
Wäre eine Anzeige für die Zeitung nicht der bessere Deal? Die hätte ja auch mehr Geld gebracht als so eine Reiseunterstützung.
„Ja, wir freuen uns über Anzeigen, über jede, die bei uns im Blatt stattfindet, natürlich auch wenn Tommy Hilfiger sich dafür entscheiden sollte, bei uns zu werben, über eine Anzeige von Tommy Hilfiger. In dem Fall war das nicht der Fall, sondern es wurde eben eine Pressereise angeboten. Das geschieht dann tatsächlich völlig unabhängig von der Anzeigenabteilung.“

Der „Tagesspiegel“ beteuert seine Unabhängigkeit – und holt unter dem Hilfiger-Interview nun auch den Transparenzhinweis nach. So sei es eigentlich auch Standard. Außerdem will der „Tagesspiegel“ vor Reisen nachschauen, ob ein Sportereignis wie Kitzbühel sein Publikum überhaupt interessiert.
„Das ist jetzt sicherlich nicht das Kernthema für unsere Berliner Leserschaft. Denke ich auch, dass man da vielleicht in Zukunft eher dann auf die Berichterstattung von unserem Partner ‚Kurier‘ in Wien zurückgreifen kann.“
Statt es selbst zu machen und hinzufahren.
„Ja.“

Der ‚Tagesspiegel‘ will also im Zweifel lieber Texte einer anderen Zeitung übernehmen. Sauberer wäre das. Aber auch ein Reporter weniger vor Ort.

>> Beitrag in der ARD-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

Vom Sportjournalist zum Sportveranstalter

ARD/MDR-Moderator René Kindermann organisiert nun auch einen Ski-Weltcup. Wie geht “sein” Sender damit um?

für Deutschlandfunk

Manuskript des Beitrags
Es sind Szenen wie diese aus der „Sportschau“, die zeigen, wie René Kindermann tickt. Damals – im März – haben gerade die Kombinierer Johannes Rydzek und Eric Frenzel bei der Weltmeisterschaft im finnischen Lahti Gold im Teamsprint geholt. Kindermann steht zusammen mit Bundestrainer Hermann Weinbuch – und: verbeugt sich – so tief er kann.

„Meine Verehrung!“
„Vielen Dank!“
„Herzlichen Glückwunsch! Was für eine unglaubliche Leistung auch heute wieder!“

Bei allzu begeisterten Sportjournalisten sprechen Kritiker gerne von Fans, die es hinter die Absperrungen geschafft haben. Bei René Kindermann lässt sich ergänzen: Er baut diese Absperrungen nun sogar selbst auf.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Torsten Püschel hat René Kindermann in Dresden die CitySki GmbH gegründet – Ziel: der Skilanglauf Sprint Weltcup – erstmals in Dresden, vor „spektakulärer Kulisse“, wie es heißt.

Auszug „Trailer“

Ein Werbefilm lässt dann auch Bildstärke erwarten: Langläufer entlang des Elb-Ufers, die Dresdner Altstadt im Blick. Dem Publikum dürfte das gefallen. Gut wiederum für den Sport.

Warum aber wird der Sportjournalist zum Sportveranstalter? Wird er damit nicht Teil der Szene, die er sonst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen präsentiert? Wo will er da persönlich Grenzen ziehen? Und: Wie laufen die Vorbereitungen?

Kindermann sagt am Telefon ab – freundlich, aber bestimmt. Nur ein einziger Satz offiziell von ihm, schriftlich abgestimmt:

„Die Stadt ist der Star, wir halten uns persönlich mit Auftritten zurück.“

Eine Sprecherin des Organisationsteams sagt sogar ein bereits vereinbartes Interview mit dem Deutschlandfunk wieder ab – auch, wenn es ausdrücklich nur um die Vorbereitungen geht.

Immerhin per E-Mail verbreitet sie Euphorie: Die Dresdner seien ebenso begeistert wie die Spitzensportler. Außerdem gebe es „sachsenweit große Unterstützung“. Beim Weltverband kämen Nachhaltigkeitskonzept und Schülerprojekte gut an.

„Aus unserer Sicht sind alle Hürden aus dem Weg geschafft und der Weg ist frei für die Premiere.“

300.000 Euro schießen sowohl die Landesregierung als auch die Stadt Dresden zu – Gegenleistung für den Werbeeffekt, den so ein Ereignis in der sächsischen Landeshauptstadt bringe, so die Weltcup-Sprecherin in Ihrer E-Mail. Ansonsten finanziere sich das Projekt ganz klassisch: über Tickets und Sponsoren.

Um die kümmert sich wiederum einer, der sich mit der Nähe zum Sport-Business auskennt wie kaum ein zweiter: Hagen Boßdorf – einst Sportkoordinator der ARD mit extremer Nähe zum Radsport, heute als Vermarkter und Berater tätig.

Boßdorf ist – zusammen mit Kindermann – Ansprechpartner für „Sponsorenpakete“. Der Weltcup lockt dafür so:

„Durch die Einbettung des Skiweltcup Dresden in die Wintersport-Übertragungen von ARD oder ZDF sowie Eurosport erreichen Sie ein Millionen-Publikum.“

Wie geht der Mitteldeutsche Rundfunk mit dieser Entwicklung um – wie will er René Kindermann, den Sportveranstalter, weiter als Sportjournalisten einsetzen? Immerhin präsentiert er nicht nur die Nordische Kombination in der ARD-„Sportschau“, sondern moderiert etwa auch den „Sport im Osten“ im MDR.

Programmdirektor Wolf-Dieter Jacobi erklärt, er sei früh eingeweiht worden – so, wie der MDR das von seinen Mitarbeitern erwarte, die zwar einerseits freie Mitarbeiter seien, andererseits aber auch das Programm prägten. Es gebe „keine Verbindung zum MDR“. Der MDR-Sport werde nur nachrichtlich berichten. Das Ereignis zeige eh’ das ZDF. Jacobi schriftlich:

„Ich sehe keinen Grund, René Kindermann oder Torsten Püschel von anderen Projekten abzuziehen. Sie organisieren ja nicht den eigentlichen Wettkampf. Das macht der Deutsche Skiverband. Die Beiden kümmern sich um die Rahmenbedingungen: Genehmigungen, Schnee, Sicherheit. Sie machen nur einen Orga-Job.“

So sieht es jedenfalls der Programmdirektor. Sein Moderator René Kindermann – laut Jacobi „einer der bekanntesten des MDR“ – muss sich derweil mit Lärmgutachten herumschlagen. Und mit Kunstschnee beschäftigen. Kindermann hat sich Schneemaschinen liefern lassen. Denn: Wer weiß schon, ob Mitte Januar genug herunterrieselt – wenn in Dresden vor dem Elbpanorama die Langläufer sprinten werden. Zum ersten Mal.

Original-Antwort: MDR-Programmdirektor Wolf Dieter Jacobi
“René Kindermann und Torsten Püschel haben uns früh eingeweiht — so, wie wir das von unseren Mitarbeitern erwarten, die zwar einerseits freie Mitarbeiter sind, aber andererseits auch unser Programm prägen. Wir haben sie darauf hingewiesen, dass sie nicht im Namen des MDR agieren können. Ich sehe bei diesem Projekt kein Problem: Es gibt keine Verbindung zum MDR. Die Beiden werben auch nicht damit, dass sie MDR-Mitarbeiter sind. Es sind allenfalls Zeitungen, die in ihren Berichten erwähnen, dass Kindermann und Püschel auch für den MDR arbeiten — verständlich, denn René Kindermann ist zum Beispiel einer der bekanntesten Moderatoren des MDR.”

“Das Landesfunkhaus Sachsen wird sicher darüber berichten, da es ein Großereignis in Dresden ist. Der MDR-Sport wird allenfalls nachrichtlich aktiv, denn Winter-Großereignisse laufen bei ARD und ZDF. Den Skiweltcup in Dresden wird zudem das ZDF übertragen. Die beiden haben also in unseren Programmen nichts mit ihrem Projekt zu tun. Die Federführung für Skilanglauf hat ohnehin der Bayerische Rundfunk in der ARD. Ich sehe keinen Grund, René Kindermann oder Torsten Püschel von anderen Projekten abzuziehen. Sie organisieren ja nicht den eigentlichen Wettkampf. Das macht der Deutsche Skiverband. Die Beiden kümmern sich um die Rahmenbedingungen: Genehmigungen, Schnee, Sicherheit. Sie machen nur einen Orga-Job.”

>> Download MP3 (Quelle: DLF-Sport)