Wie das Scheuer-Ministerium Journalisten austrickst

Das Bundesverkehrsministerium “torpedierte” mit Tricks die Arbeit von kritischen Journalisten. Bericht für ZAPP. Wie das Scheuer-Ministerium Journalisten austrickst weiterlesen

Keine Zeit für Experimente

Vor knapp fünf Jahren gingen Formate wie “Bento” und “Ze.tt” an den Start. Jetzt naht bei vielen das Ende. Ist allein Corona daran schuld? Notiert für die taz.

für taz

„Zeit für etwas Frisches“ – mit diesen Worten gab der damalige Spiegel-Online-Chefredakteur Florian Harms 2015 den Startschuss für „das neue Angebot für junge Leute“ aus seinem Haus: Bento war geboren. Die Neuen bezogen einen eigenen Newsroom, maximal getrennt von ihren älteren Kolleginnen und Kollegen.Die einen pflasterten vom Dachgeschoss aus das Internet zu, die anderen begannen, sich im Erdgeschoss auszutoben.

Es war die Zeit, in der Verlage viel probierten, um weiteres Publikum für sich und vor allem auch für die eigenen Werbekunden zu gewinnen. Bei dem Aufbruch ging es nicht zuletzt darum, die nächste Generation an etablierte Häuser zu binden.

Wenige Monate vor Bento hatte bereits Zeit Online einen Ableger gestartet. „Es ist ein Ze.tt“, bloggte Jochen Wegner, der Chefredakteur von Zeit Online. Das neue Team, sagte er damals im Interview, solle „ein bisschen rumspielen, uns auch ärgern“. Der Verlag spendierte Ze.tt sogar eigene Räume mehrere U-Bahn-Stationen entfernt, um möglichst unabhängig wirken zu können.

Der Start dieser Portale war auch eine Reaktion auf einen Eindringling im hiesigen Medienmarkt. Schon 2014 legte die deutsche Version von Buzzfeed los, das konsequent – wie kein Portal hierzulande – auch für Spaß sorgte. Die eigene Homepage war von Beginn an ein beiläufiges Produkt. Kern der Sache sollte vielmehr sein, Menschen über soziale Netzwerke zu erreichen. Damals war dieser Schwerpunkt originell.

Das Coronavirus, das auch eine Wirtschaftskrise ausgelöst hat, bringt nun die Projekte ins Wanken. Die Redaktion von Buzzfeed ist größtenteils in Kurzarbeit, arbeitet nur einen Tag pro Woche. Die Zentrale in den USA versucht, die deutsche Redaktion zu verkaufen. Ze.tt schlüpft bei Zeit Online als Ressort unter. Bento verschwindet ganz.

Die Anzeigen-Krise

Den kleinen und großen Nachrichtenmarken, Zeitungshäuser wie Onlineportale, sind die Werbeeinnahmen weggebrochen. Bei Tageszeitungen haben auch Stammkunden ihre Abos gekündigt. Vor allem Unternehmen versuchen, das Geld zusammenzuhalten. Das alles trifft viele Häuser schwer, die nicht das Privileg der Beitragsfinanzierung haben oder wie die taz von einer Genossenschaft getragen werden, die wie ein Schutzschirm wirkt.

Andererseits melden erste Medienhäuser auch Zuversicht. Der Zeit-Verlag berichtet etwa von „ordentlichen Zuwächsen“ bei Abos, in der Auflage und auch der Reichweite im ersten halben Jahr. Im Anzeigengeschäft habe es zwar „coronabedingt deutliche Einbußen“ gegeben. Für die nächsten Monate sei man aber wieder „vorsichtig optimistisch“.

Während der Verlag nicht nur im Vertrieb, in der Anzeigenakquise und in der Organisation von Konferenzen, die vor Corona in vielen Häusern als vermeintlicher Zukunftsmarkt ausgebaut wurden, auch in der Print­redaktion „in geringem Maße“ Kurzarbeit eingeführt habe, sei zumindest die Printredaktion wieder bei „100 Prozent“. Trotzdem fallen beim Zeit-Magazin fast alle Regionalausgaben weg. Andere Ableger verschieben sich: das Magazin speziell für Männer, die internationale Ausgabe und der noch neue Ableger, der sich an Menschen im Ausland richtet, die mit dem Gedanken spielen, in Deutschland zu studieren.

Das eigene Geschäft beschnitten hatte mit dem Aufkommen der Coronakrise auch die FAZ. Ende Juni erschien das letzte Mal die Frankfurter Allgemeine Woche, nach insgesamt vier Jahren. „Das Magazin hat viele Leser gefunden und eine jüngere Zielgruppe an die FAZ herangeführt“, heißt es am Main. Die Abo-Zahlen seien aber zu schlecht gewesen. Letztlich habe dann noch „die Coronakrise die Lage am Anzeigenmarkt und im Verlagsgeschäft weiter verschärft“. Corona, zeigt sich hier, ist mancherorts auch ein Anlass zum Aufräumen. Immerhin: Eine Sprecherin bestätigt, dass tatsächlich alle Mitarbeitenden der Woche Anfang Juli anderweitig im Haus untergekommen sind. Auch sei bislang keine Kurzarbeit nötig gewesen. „Der Verlauf der nächsten Wochen ist jedoch nicht absehbar.“

Eine ungewisse Lage

Wie alle größeren Portale spürt die FAZ seit Corona deutlich stärkere Zugriffe auf das eigene Portal im Netz und verkauft dafür auch zunehmend Digital­abos. Das hat, wie so oft, auch mit einer Aktion zu tun: Die Zeitung senkte den Preis für ihr Bezahlangebot F+ auf monatlich einen symbolischen Euro. Das brachte ihr gut 22.000 neue Abonnentinnen und Abonnenten. Ob dieser Aufschwung nachhaltig ist, ist aber unklar: Der Niedrigpreis gilt für vier Monate. Frühestens im August wird die Zeitung wissen, ob viele auch zum regulären Preis bleiben.

Interviews ermöglichte für diesen Text keine Geschäftsführung. Die Lage scheint noch viel zu ungewiss, Entscheidungen bisweilen auch unangenehm. Bekannt vom Spiegel ist, dass er ein weiteres Sparprogramm aufgelegt hat. Auch wenn es beim Spiegel noch lange nicht an die Substanz geht, sollen in den nächsten Jahren 10 Millionen Euro eingespart werden. Mit dem Aus von Bento werden nicht alle Mitarbeitenden im Haus bleiben, ebenso wie auch der Zeit-Verlag nicht allen Ze.tt-Mitarbeitenden Angebote für eine gemeinsame Zukunft macht.

Bento soll sich einige Jahre selbst getragen haben. Der Versuch, das Angebot in eine nächste Phase zu entwickeln und dafür zu entschleunigen – mehr Eigenrecherchen zu bieten, statt bloß eines von mehreren jungen News-Portale zu sein – sei aber schiefgegangen. Die Marke habe sich nicht „drehen“ lassen, heißt es. Dann sei eben auch noch der Werbe-Killer Corona eingeschlagen. Und für ein junges Portal statt Werbung Abos zu verkaufen, sei aussichtslos.

Der Spiegel arbeitet nun an einem neuen Angebot für die junge Zielgruppe, wenn Bento im Herbst wegfällt. Spiegel Start soll jungen Leuten Lebenshilfe bieten, etwa zur Karriere und Orientierung bei Verbraucherthemen. Gerade das zuletzt aufgebaute Digitalressort Leben steht dem Vernehmen nach vor der Aufgabe, künftig stärker auch die „U30“ anzusprechen.

Die Zeit und der Spiegel hatten ihre jungen Ableger auch gegründet, um – wie Buzzfeed – mit neuen Werbeformen zu experimentieren: dem „Native Advertising“, bei dem die Grenzen von Werbung und Journalismus verschwimmen, Werbetreibende Geschichten „sponsern“. Bento setzte dafür sogar einen Experten mit an den Newsdesk und hatte „mehr Freiraum sowohl für inhaltliche Experimente als auch neue Wege in der Vermarktung“, als das unter der Marke Spiegel möglich wäre, hieß es noch vor einigen Jahren offiziell, während es im gedruckten Spiegel unter der Überschrift „Seelen-Verkäufer“ über andere Medienhäuser hieß: „Werbung, die aussieht wie ein Text der Redaktion, wird es nicht geben.“

Nun hat diese Werbeform in Deutschland allerdings auch nie so gezündet wie etwa in den USA. Außerdem sind auch einige etablierte Portale flexibler geworden, wenn es darum geht, Werbung nicht allzu platt als solche auf die Seiten zu stellen. Die Zeit der Experimente ist heute ein Stück weit vorbei. Ob das alles mit oder wegen Corona passiert? Auch da scheinen die Grenzen fließend. Erkennbar ist allerdings: Ob Spiegel, Zeit oder auch Tageszeitungen wie die FAZ: Verlage konzentrieren sich in der Krise wieder stärker auf ihre Kernprodukte.

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“Ganz, ganz enge Fristen”

Das Bundesverkehrsministerium “torpediert” Gerald Traufetters Arbeit. Der “Spiegel”Journalist warnt vor nötigen Gegenmaßnahmen. Interview für ZAPP.

für NDR Fernsehen

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>> Beitrag in der NDR-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

Verwaist und prekär fürs System

Leere Newsrooms, getrennte Teams, maue Auftragslage: Für die taz bin ich der Frage nachgegangen, was die Krise mit den Medien und ihren Journalist*innen macht.

für taz

Ein Laptop, eine Maus, eine Tastatur und drei Monitore, dann kann es losgehen: Der Onlineauftritt des Spiegels entsteht dieser Tage auch an einem Esstisch im Norden der Republik – zu Hause, bei einem der sogenannten Chefs vom Dienst. Der Newsroom an der Hamburger Ericusspitze ist genauso weitgehend verwaist wie das größte journalistische Großraumbüro der Republik – der Newsroom der Deutschen Presseagentur in Berlin.

Nachdem ein Mitarbeiter Kontakt zu einem Corona-Verdachtsfall hatte, arbeiten die Redakteur*innen der dpa-Zentrale von draußen. In dem 2.200 Quadratmeter großen Büro hält Chefredakteur Sven Gösmann die Stellung, zusammen mit zwei Assistentinnen, einem Techniker und seinem Nachrichtenchef. Der hat auf Twitter „Die große Leere – der Film“ zur Aufführung gebracht, einen Rundgang durchs redaktionelle Nichts.

„Wenn man sich überlegt, dass sonst mindestens 250 Menschen hier arbeiten, ist das ein verdammt stiller Raum“, sagt Gösmann. Konferiert wird nun per Videoschalte oder Chat. Gösmann sagt: Glücklicherweise sei Vernetzung in der 70-jährigen Geschichte bei dpa schon immer ein Thema gewesen. „Wir haben 150 Standorte und unsere Journalist*innen sind es auch gewohnt, aus dem Homeoffice zu arbeiten.“ Im Fall der Fälle ist Dezentralität Gold. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender, die ihre Newsrooms für Radio und TV nicht so einfach aufgeben könnten und immer neue, immer größere bauen, haben Pandemiepläne ausgelöst, Mitarbeitende getrennt.

Besondere Vorsicht gilt bei der „Tagesschau“. „Sie muss bis zum Schluss durchhalten“, sagte Chefredakteur Marcus Bornheim in einem Interview mit „Zapp“, das nur vor und nicht im Nachrichtenhaus geführt wurde – die „Tagesschau“ hat sich auch intern isoliert. Ein Teil der Redaktion arbeite inzwischen auch an einem anderen Ort. So gebe es für den Fall, dass im Newsroom Corona-Alarm ausgelöst werde, einen „zweiten Sturm“, sagte Bornheim.

Wenn einem die Puste ausgeht

„Wir müssen damit rechnen, dass die Krise auch uns zum Teil beeinträchtigt“, mahnte der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow auf einer Pressekonferenz. Die Dritten erwägen demnach, im Fall der Fälle ihre Programme zu bündeln – bis auf regionale Informationen. Im Hörfunk seien „Übernahmen von Teilstrecken möglich, wenn einem Inforadio etwas die Puste ausgeht“. Beim BR ist es soweit: Ein Corona-Fall bei der Info-Welle B5 dünnt die Redaktion bedrohlich aus. Ab Montag wird deshalb „bis auf Weiteres überwiegend gemeinsames Programm“ mit Bayern 2 gesendet.

Schon heute kürzen oder streichen die Dritten einzelne Sendungen, um Personal für die Aktualität zusammenzuziehen – nicht zuletzt für ein „ARD Extra“, das nun nahezu täglich nach der Tagesschau um 20 Uhr laufen soll. „Hier zeigt sich die Stärke des Föderalismus“, betont ARD-Programmdirektor Volker Herres. Die neun Landesrundfunkanstalten wechselten sich reihum wöchentlich ab. Damit könne jede zwischendurch wieder zu Kräften kommen. Gleichzeitig lassen die Sender weiter auch Stoffe jenseits der Information abdrehen: Serien und Spielfilme, also Nachschub für die Ablenkung von der Krise.

Das Problem: An Filmsets wimmelt es nur so vor Schauspieler*innen, Kompars*innen, Kameramenschen und anderen Beteiligten. Corona freut das. „Wir kommen da in eine Situation, die für die fiktionalen Produktionen wirklich heikel ist“, sagt selbst ARD-Programmdirektor Herres. Einige Beteiligte wollten nicht mehr ans Set. „Das ist für die Produzenten natürlich mit erheblichen Risiken verbunden.“ Wenn es zu Verschiebungen kommen sollte, sei die ARD bereit, Mehrkosten von bis zu 50 Prozent des ursprünglichen Auftrags zu übernehmen.

Die Sender stoppen die Produktionen als Auftraggeber*innen allerdings nicht, sondern schieben diese Verantwortung den Produzenten zu – trotz mitunter fragwürdigen Bedingungen. Von einem Krimidreh für das ZDF erreichte die taz das Foto einer Flasche mit Desinfektionsmittel. Auf einem aufgeklebten Zettel für die Crew stand: „Bitte seid sparsam. Wir haben nur das und haben keine Möglichkeit, noch welches zu kaufen.“

Das ZDF geht bei einer Anfrage der taz nicht auf diesen Hinweis ein. „Die Gesundheit aller Beteiligten hat für uns höchste Priorität“, heißt es. Mitte der Woche liefen für den Mainzer Sender noch fiktionale Produktionen im Wert von gut 50 Millionen Euro. Sie könnten „im Zweifelsfall geschoben und zu einem späteren Zeitpunkt umgesetzt werden“. Ein Angebot, das immer mehr Produzenten annehmen: Auch der besagte Krimi-Dreh ist nun gestoppt.

Es sieht mau aus

Ein besonders Risiko ist die Lage für freischaffende Künstler*innen, darunter auch Journalist*innen. Öffentlich-rechtliche Sender wollen Ausfallhonorare zahlen und Mitarbeitende anderweitig einsetzen, etwa für die Aufbereitung der Sendungen, die nun speziell für Schüler*innen angeboten würden und ARD und ZDF viel Applaus bringen.

Auch wenn teils noch an Details gearbeitet wird: Tarifverträge für regelmäßige freie Mitarbeiter*innen sehen oft Sonderzahlungen vor, Redaktionen weniger bestellen. ARD-Vorsitzender Tom Buhrow versprach, im Zweifel werde man sich „großzügig“ zeigen.

Prekärer ist die Lage schlagartig außerhalb der beitragsfinanzierten Medienhäuser, wo es keine Tarifverträge für „arbeitnehmerähnliche Freie“ gibt. Freie Fotograf*innen stehen plötzlich teils ganz ohne Aufträge da. Besonders mau sieht es bei jenen aus, die sonst über Pressekonferenzen und Veranstaltungen berichten.

Georg Rudiger berichtet beispielsweise von Freiburg aus über das Musikleben im Südwesten, dem Elsass und der Schweiz – für Zeitungen und Fachmagazine. „Fast alle Themen sind weggebrochen“, sagt er. Immerhin: Statt eines geplanten Vorberichts führt er mit einem Dirigenten nun ein Interview darüber, wie die Corona-Krise auch diese Szene trifft. Das laufe gut. Er schreibt auch noch weiter an Programmheften für Festivals, die „im Sommer hoffentlich stattfinden“. Die nächsten vier Wochen habe er so wohl noch zu tun. Und dann? „Wenn bis zum Sommer keine Konzerte stattfinden, habe ich ein echtes Problem.“

Gleichwohl: Das Bild ist divers. „Einigen fällt komplett alles weg – je nachdem, in welchem Bereich sie arbeiten“, sagt Anna Heidelberg-Stein aus dem Vorstand des Berufsverbands Freischreiber. Dazu gehörten auch viele, die ihr Geld vor allem damit verdienten, Podien oder Kongresse zu moderieren. Veranstalter und Zeitungen zahlten selten Ausfallhonorare.

Anerkennung der Systemrelevanz

In ersten Bundesländern sind Nothilfen angelaufen, auch für sogenannte Soloselbstständige. In der kommenden Woche soll zudem der Bundestag ein milliardenschweres Hilfspaket beschließen. Auch Verwertungsgesellschaften wie die VG Wort haben Notfonds. Vor allem die Hilfen der Politik brauche es dringend flächendeckend und ohne große Bürokratie, sagt Heidelberg-Stein. Einige Kolleg*innen, vor allem auf Wissenschaft spezialisierte, könnten sich aber auch „aufgrund ihrer Expertise vor Aufträgen gar nicht retten“.

Auch Zeitungen trifft die Entwicklung. Viele Regionaltitel haben ihren Umfang reduziert, da über Corona hinaus im Regionalen fast nichts mehr los ist. Der Verlegerverband BDZV rechnet zudem mit deutlichen Anzeigenrückgängen, etwa weil es vorerst keine Veranstaltungen gebe, die beworben werden könnten. „Sicher bekommt der Lebensmitteleinzelhandel seine Regale derzeit auch ohne Sonderangebote leer verkauft und storniert bereits gebuchte Anzeigen“, sagt eine Sprecherin der Zeitungsbranche. „Gleiches gilt für andere Geschäfte, in denen durch behördliche Anordnungen die Öffnungszeiten reduziert werden oder deren Betrieb untersagt wird.“

Was nun alle beschäftigt, ist die Frage, wie Journalismus bei einer Ausgangssperre funktioniert. Frank Überall, Vorsitzende der Journalist*innen-Gewerkschaft DJV, freut sich, dass immer mehr Bundesländer Journalist*innen als „systemrelevante Berufsgruppe“ einstufen. „Dass man sich zur Berichterstattung noch vor Ort ein Bild machen kann, sind gute Ansätze“, sagt er. Außerdem helfe die Einstufung denjenigen, die noch in Funkhäuser müssten und Kinder hätten: Sie können Notbetreuung beantragen.

Sven Gösmann, Chefredakteur der dpa, denkt unterdessen darüber nach, ob der Themenmix sich nicht langsam ein wenig verschieben sollte. „Immer noch sterben in Idlib Menschen. Immer noch sitzen in Lesbos Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern. Immer noch gibt es andere Themen. Und immer noch gibt es natürlich auch das eine oder andere Schöne“, sagt Gösmann. „Aber Corona überlagert alles.“

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Gemeinnütziger Retter

In den USA finanzieren immer mehr Stiftungen journalistische Projekte – vielleicht auch bald hier. Für die taz bin ich der Frage nachgegangen, was das mit der Unabhängigkeit macht.

für taz

Für einen kurzen Moment sah es so aus, als hätte der Spiegel seine nächste Affäre. „Spiegel-Gate(s)“ titelte Anfang dieses Jahres das Magazin M der Deutschen Journalist*innen-Union, darunter eine Beobachtung: Einerseits lässt sich der Spiegel von der Stiftung um Software-Milliardär Bill Gates Recherchen zur „Globalen Gesellschaft“ finanzieren. Andererseits berichtete das Magazin – Überschrift: „Strahlend grün“ – recht wohlwollend über Terrapower. Die Firma will Atomkraft neu erfinden. Hauptinvestor: Bill Gates.

Das Gewerkschaftsmagazin schreibt zwar nicht direkt, Gates habe sich Berichterstattung gekauft. Allerdings gehe „die Trennschärfe zwischen werblichen und redaktionellen Inhalten“ verloren. Nun ließe sich über den Spin der AKW-Story im Spiegel inhaltlich streiten. Das macht M auch. Aber was ist mit dem mitschwingenden Verdacht, der Journalismus im Spiegel sei käuflich – nicht nur am Kiosk? An diesem Vorwurf hängt immerhin nicht zuletzt auch die Frage, wie gefährlich es ist, wenn Stiftungen journalistische Projekte fördern – ein Feld, das bald noch spürbar wachsen dürfte.

Der Spiegel ruft seinen Kritikern offiziell zu: „Absurd“! Wer sich im Verlag umhört, erfährt gleichwohl auch: Vor der Entscheidung für die Förderung habe man monatelang überlegt und mit der Stiftung von Bill und Melinda Gates verhandelt. Nicht zuletzt sei es darum gegangen auszuschließen, dass der Geldgeber Geschichten bestimmen könnte. Nun seien vier Themenfelder definiert, konkretes obliege aber allein der Redaktion.

Professor Volker Lilienthal, der an der Hamburger Universität Qualitätsjournalismus lehrt, beobachtet das Engagement der Stiftungen in den Medien. „Dahinter steht selbstverständlich der Wunsch, eine Agenda zu setzen“, sagt Lilienthal, „mindestens für ein Themenfeld, womöglich sogar für konkrete Projekte.“

Mehr als eine Milliarde Dollar

In den USA ist das längst ein etabliertes Feld. Die US-amerikanische Journalismusforscherin Magda Konieczna kam zu dem Schluss, dass Stiftungen dort allein zwischen 2009 und Mitte 2016 mehr als eine Milliarde US-Dollar in journalistische Projekte gepumpt haben. Der Non-Profit-Newsdesk ProPublica macht mit seinen investigativen Recherchen inzwischen etwa pro Jahr einen zweistelligen Millionenumsatz. Den Großteil des Budgets spenden zwei Milliardäre, die mit Immobilien zu Reichtum kamen.

Deutschland steht hier noch in den Startlöchern. Aber auch hierzulande finanzieren bereits einige Stiftungen journalistische Projekte. Die Brost-Stiftung hatte 2014 mit drei Millionen Euro das Recherchebüro Correctiv angeschoben. Die Klaus-Tschira-Stiftung finanziert mit jährlich 750.000 Euro das deutsche Science Media Center. Die Robert-Bosch-Stiftung bildet Journalist*innen in einer „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“ fort und hatte unter anderem einen Austausch deutscher und chinesischer Journalist*innen, aber auch Berichte über Osteuropa finanziert. Die Schöpflin-Stiftung, die wie die Rudolf-Augstein-Stiftung viele kleinere Projekte unterstützt, plant sogar ein „Haus des Journalismus“.

Auch wenn Stiftungen „zweifellos Einfluss auf die Kommunikationsökologie der Gesellschaft“ ausübten, ist für Lilienthal die Frage, wie weit das im Einzelnen konkret in den „Schutzraum des Journalismus“ hineinrage. „Redaktionen oder auch einzelne Journalist*innen, für die Fördergelder mehr als nur ein Zubrot sind, setzen so ein Modell unter Stress“, erklärt Lilienthal. „Wenn die eigene Existenz daran hängt, wird man stets im Hinterkopf haben, dass die Förderung auslaufen wird und wird sich überlegen, was man tun muss, um wieder eine zu bekommen.“

Vorwürfe gegen den „Spiegel“

Beim Spiegel heißt es, man habe sich für die Förderung der Gates-Stiftung entschieden, weil eben keine Abhängigkeit entstünde. Die Redaktion leiste sich ohnehin eigene Reporter*innen im Ausland, klassisch finanziert mit Werbung und Abos. Die Förderung helfe dabei, die „globale Gesellschaft“ intensiver zu covern.

Anfang Januar twitterte Lilienthal noch über die Vorwürfe gegen den Spiegel: „Darf nicht wahr sein.“ Er reagierte seinerzeit auf den Tweet eines WDR-Journalisten. Der hatte wiederum notiert, das Magazin habe „scheinbar aus heiterem Himmel“ über Atomkraft als Mittel zur Lösung der Klimakrise berichtet – „jetzt kommen die wahren (Hinter-)Gründe ans Licht“.

Heute sagt Lilienthal, die Geschichte habe ihn „in einem ersten Reflex schon befremdet“. Er halte es aber „inzwischen für widerlegt, dass sie als Beispiel dafür taugt, wie ein Geldgeber die Inhalte der Redaktion beeinflusst, die er finanziert“.

Über das Spannungsverhältnis hat gerade eine von Lilienthals Absolventinnen, Anna Driftschröer, geforscht. Sie hat sowohl Journalist*innen interviewt, die von Stiftungen finanziert werden, als auch Vertreter*innen von Stiftungen. Das Ergebnis ist zwiespältig. Einerseits hätten die Stiftungsvertreter*innen berichtet, dass sie mit den geförderten Redaktionen „in einem eher engen Kontakt stehen“. Andererseits hätten die Journalist*innen allesamt erklärt, „bisher keine Erfahrungen gemacht zu haben, dass Förderer versuchten, die redaktionellen Inhalte oder die Art und Weise der Berichterstattung zu beeinflussen oder gar vorzugeben“. Zu diesem Ergebnis kam auch eine ähnliche Studie in den USA.

Driftschröers Dozent sieht in ihrem Befund eine gewisse Logik. „Die Augstein-Stiftung käme wohl kaum auf die Idee, Tichys Einblick zu finanzieren“, sagt Lilienthal, dessen Professur einst selbst von der Augstein-Stiftung gesponsert wurde. Stiftungen finanzierten vielmehr Projekte, die zur eigenen Haltung passten. „Und wenn es dann einen Einfluss gibt, wird das als guter Ratschlag empfunden, nicht als Einmischung.“

Es bleibt ein Dunkelfeld

Die Sache mit der Brandmauer zwischen Stiftungen und geförderten Journalist*innen bleibt also ein Dunkelfeld. Unterdessen lobbyiert eine Allianz aus Stiftungen, stiftungsfinanzierten Projekten und Journalistenverbänden dafür, dass bald noch mehr Stiftungen den Journalismus finanzieren. Der Hebel dafür soll eine Gesetzesänderung sein: Journalismus soll die Möglichkeit bekommen, als gemeinnützig zu gelten. Dieser Status sei für Stiftungen oft ein hartes Kriterium.

„Journalist*innen sollten keine akrobatischen Übungen vollführen müssen, damit ihre Projekte als gemeinnützig gelten können“, sagt die Geschäftsführerin der Rudolf-Augstein-Stiftung, Stephanie Reuter. Dabei gehe es vor allem um Rechtssicherheit: „Gerade Angeboten im Lokalen ist die Anerkennung über andere Zwecke der Abgabenordnung in der Vergangenheit versagt geblieben.“Tatsächlich müssen gemeinnützige journalistische Projekte derzeit mehr als die Hälfte ihrer Umsätze mit Bildungsarbeit erzielen, damit die Finanzämter ihnen den privilegierten steuerrechtlichen Status der Gemeinnützigkeit verleihen. Die Journalist*innen des Recherchebüros Correctiv halten dafür viele Vorträge zu Informationsfreiheitsgesetzen – Zeit und Energie, die für Recherchen fehlt.

Aber auch Vorkämpferin Reuter sieht bei aller Euphorie das Eigeninteresse vieler Stiftungen. Journalist*innen seien oft „wichtige Multiplikatoren für die jeweiligen Stiftungsthemen“ wie Umweltschutz. Ein Ausweg könne der Einsatz eines „Intermediärs“ sein: Stiftungen zahlten Geld in einen Topf, dann entscheide ein unabhängiger Dritter, was damit passiert. So könne „beispielsweise ein Verein wie Netzwerk Recherche als ‚Firewall‘ fungieren“.

Das Netzwerk Recherche (NR) hat sich auch dem Forum angeschlossen, das für die Gemeinnützigkeit und so letztlich für ein stärkeres Engagement von Stiftungen im Journalismus kämpft. NR-Projektleiter Thomas Schnedler warnt aber auch vor einem Risiko der Stiftungsfinanzierung: blinde Flecken in den Berichten. Ein No-Go sei in jedem Fall eine Kontrolle der Inhalte. Er habe aber auch „noch nie davon gehört, dass hierzulande Journalist*innen Stiftern die Berichterstattung vorab vorlegen mussten“.

Im Fall vom Spiegel sagt Schnedler, der mache bei dem Projekt „schon sehr viel richtig“. Er informiere ausführlich über diese Förderung, unter jedem Text des Ressorts „Globale Gesellschaft“. Optimal wäre, wenn der Spiegel sein Publikum auch selbst über die Fördersumme informierte.

Das hat der Spiegel bislang nicht getan, dies aber in dieser Woche nach einer Anfrage der taz nachgeholt. Inzwischen steht unter allen Texten die Summe: Die Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt das Projekt mit etwa 2,3 Millionen Euro, verteilt auf drei Jahre.

„Aber auch so ist ein Punkt offen: Wie steht es in der Praxis um die redaktionelle Unabhängigkeit?“, fragt Schnedler. Bereits der Anschein einer Abhängigkeit müsse vermieden werden. So einem öffentlichen Verdacht lasse sich allerdings auch nur schwer begegnen.

„Für etwas, das nicht passiert ist, gibt es ja keinen Beweis. Da müsste schon derjenige liefern, der das behauptet.“

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Lebenshilfe-Themen sollen Abos bringen

Unter anderem im Deutschlandfunk habe ich erklärt, welche Strategie der “Spiegel” nun im Digitalen fährt: Mehr “weiche” Themen, bald auch individuelle Abos, dazu künstliche Intelligenz für den persönlichen Lesemix.

für Deutschlandfunk

— Manuskript des Beitrags —
Auf „Spiegel Online“ hat sich viel getan. Die Schriftarten kommen – wie das Logo – nun aus dem gedruckten Magazin. Bei Meinungsbeiträgen und nicht mehr nur bei einigen wenigen Kolumnen erscheint konsequent auch das Portrait der Autorin oder des Autors – Kommentare sollen so auf einen Blick zu erkennen sein. Die Redaktion „clustert“ außerdem Themen, bündelt also mehrere Texte zu einem aktuellen Dossier, direkt auf der Startseite. „Tempo und Tiefe“ heißt dieses Modell intern.

Inhaltlich fällt aber vor allem dies auf: Das neue Ressort „Leben“. Es bündelt, was bisher am Rande Thema war – etwa Reise und Gesundheit, dazu kommen Familie und Psychologie. Barbara Hans, in der Chefredaktion für den Digitalauftritt zuständig, sagt: Der „Spiegel“ lasse sich stärker als bisher davon leiten, was Leserinnen und Leser eigentlich tatsächlich interessiere.

„Das ist eben nicht immer nur die internationale Politik oder die Analyse zur Nato, sondern das sind auch ganz praktische Fragen: Wie erziehe ich meine Kinder? Wie gehe ich um mit meinen dementen Eltern? All diese Fragen. Und ich glaube, das ist weniger eine Frage des Themas als des Angangs.“

Tatsächlich fahren mit diesem Themenspektrum auch andere Medien schon lange gut. Die „New York Times“ generiere mit ihrer Rubrik „Smarter Living“ einen großen Teil ihrer digitalen Abos, betont der Chefredakteur des „Spiegel“, Steffen Klusmann.

„Und wenn Sie sich jetzt mal anschauen, was da draußen passiert, dann werden in den nächsten Jahren sehr viele alte Printmarken oder alte Medienmarken wahrscheinlich untergehen. Und die Frage, wer ist dann derjenige, der sozusagen das, was die anderen dann vielleicht gemacht haben – auch wenn es nicht zur Kern-DNA, aber wenn es gut ins Portfolio passt – warum sollten wir es dann nicht tun? Warum sollten wir das dem ‚Focus‘ oder dem ‚Stern‘ überlassen, wenn wir das vielleicht sogar besser hinkriegen und wenn es da draußen reihenweise Leute gibt, die dafür bereit sind, sogar ein Abo abzuschließen. Wir wären ja dämlich, wenn wir es nicht machen würden.“

Letztlich schrauben Klusmann und Hans nicht nur am Themenmix, sondern vor allem auch hinter den eigenen Kulissen. Online und das gedruckte Magazin, das waren seit dem Start von „Spiegel Online“ getrennte Redaktionen – am früheren Verlagssitz sogar separiert von einer Schnellstraße. Nun arbeiten alle zusammen, sagt zumindest Chefredakteur Klusmann.

„Die Zeit war längst reif. Und irgendwann war auch dem letzten hier auch klar, dass man so nicht weiterarbeiten kann in zwei unterschiedlichen Redaktionen, wo man zwei unterschiedliche Kanäle bedient. Das geht einfach nicht mehr. Diese Branche steht mit dem Rücken zur Wand und entweder man verbündet sich – auch im eigenen Haus, nicht nur mit Konkurrenten, sondern vor allen Dingen im eigenen Haus und erhöht dadurch die Schlagkraft.“

Das alles klappte aber nur nach zähen Verhandlungen. Chefredakteur Klusmann musste Zugeständnisse machen. Wer einst für Online eingestellt wurde, bekommt heute zwar mehr Geld. Das Gehalt fällt oft aber auch künftig noch kräftig ab im Vergleich zu langjährigen Reporterinnen und Reportern des „Spiegel“-Magazins. Und: Klusmann hat ein Moratorium verhängt. Wer lange für das Magazin gearbeitet hat, braucht zunächst keine Schichten im Newsroom der digitalen Ausgabe zu schieben.

„Was die im Zweifel nicht so gut können wie viele bei Online. Das muss man einfach sagen. Das sind ja unterschiedliche Gewerke, die wir da bedienen. Und deswegen haben wir gesagt: Also im ersten Jahr – die die wollen, können. Es ist auch ein sich aneinander gewöhnen und von den anderen lernen. Ich meine: Wir haben nicht eine Tageszeitung mit einer Webseite zusammengelegt, sondern ein Wochenmagazin. Und nicht irgendein Wochenmagazin, sondern das Wochenmagazin. Mit nicht irgendeiner Webseite, sondern der Webseite.“

Und dann gibt es bei „Spiegel“ noch eine Neuerung: Ein Algorithmus lernt, was registrierten Nutzerinnen und Nutzern gefällt und schlägt individuell Beiträge vor. Barbara Hans, die in der Chefredaktion die digitalen Aktivitäten leitet, verspricht aber: Diese Vorschläge werden nur am Rande angezeigt. Die eigentliche Startseite werde kein „Netflix“ für den Journalismus.

„Das wäre furchtbar. Ich meine, wir haben mehr als 500 Kolleginnen und Kollegen hier im Haus, die Journalismus machen. Und spiegel.de wird – wie bislang auch schon – natürlich eine publizistische Seite sein, die handgemacht wird und handgesteuert wird. Das, was der Algorithmus uns ermöglicht, ist es, zusätzliche Angebote anzubieten. Also ‚Wenn Sie dieser Text interessiert hat, könnte Sie auch das interessieren‘. Das ist natürlich im Netz inzwischen sehr gelernt. Und das ermöglicht uns im Grunde die künstliche Intelligenz. Aber die Definition dessen, was relevant ist, die wird bei uns von Menschen getroffen, von Journalistinnen und Journalisten.“

>> Download MP3 (Quelle: Deutschlandfunk-“Mediasres”)

Erfundene Reportagen und ihr langer Widerhall

Für den Deutschlandfunk-“Hintergrund” bin ich der Frage nachgegangen, was sich ein Jahr nach dem Fall “Relotius” im Journalismus getan hat – auch im Deutschlandfunk.

für Deutschlandfunk

— Manuskript des Beitrags —
„Als ich auf die Journalistenschule ging, da war das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ für uns das Größte.“

– „Der Begriff „Spiegel“-Affäre bekommt in diesen Tagen eine neue Bedeutung.“

– „Claas Relotius galt als Superstar der Branche. Seine Reportagen: preisgekrönt, detailreich, nah dran – zu schön, um wahr zu sein.“

– „Relotius hatte über Jahre hinweg Interviews und Reportageszenen teils erfunden.“

– „Personen Worte in den Mund gelegt, die er nie getroffen hat.“

– „Dieses Haus – so der erste Satz der morgigen Ausgabe – ist erschüttert.“

– „Wir wissen, wir haben auch eine Leitfunktion für die gesamte Branche. Und dass wir der nicht gerecht geworden sind, das schmerzt uns furchtbar.“

– „Ein massiver Schlag gegen die Glaubwürdigkeit.“

Die journalistische Fälschungsaffäre des Claas Relotius. Sie hat nicht nur, aber ganz besonders das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ getroffen. Clemens Höges ist seit 29 Jahren dabei. Er war Reporter und Korrespondent in Krisenregionen, in Washington, aber auch in Deutschland. Höges hat das Deutschland-Ressort geleitet.

Inzwischen ist Clemens Höges Mitglied der Chefredaktion und sitzt in seinem Büro im 13. Stock des „Spiegel“-Hochhauses an der Hamburger Ericusspitze. Die Erinnerung an die Relotius-Affäre sitzt tief.

„Weil es ausgerechnet uns getroffen hat, so etwas, weil Relotius ausgerechnet bei uns so gearbeitet hat, wie er das getan hat. Ausgerechnet deswegen, weil kein anderes Printmedium in Deutschland verfügt über eine Dokumentation in der Stärke, wie wir sie haben. Wir haben uns immer sehr viel darauf zu Gute gehalten, dass bei uns alles stimmen muss.“

Tatsächlich hatte der „Spiegel“ immer wieder mit Sprüchen wie „Keine Angst vor der Wahrheit“ geworben und seine Dokumentation, also Archivare und Faktenchecker, als Alleinstellungsmerkmal gepriesen. Auch in einem Imagefilm zum 70. Geburtstag – mit einer Erinnerung an die hohen Maßstäbe, die „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein einst setzte.

„Sagen, was ist – ein Augstein-Zitat, das heute noch gilt. Und damit es so bleibt, gibt es beim „Spiegel“ eine ganze Abteilung: die Dokumentation. 70 Personen überprüfen Fakten, korrigieren Schreibweisen und suchen Fehler. Tief im Archiv ist auch heute noch die inoffizielle Verfassung des Heftes zu finden: das „Spiegel“-Statut, eine Art Grundgesetz für alle Mitarbeiter des Hauses.“

„Alle im „Spiegel“ verarbeiteten und verzeichneten Nachrichten, Informationen, Tatsachen müssen unbedingt zutreffen. Und in Zweifelsfällen ist eher auf eine Information zu verzichten, als die Gefahr einer falschen Berichterstattung zu laufen.“

Bei Relotius hat dieses System versagt. Entsprechend groß war der Schock, erinnert sich Höges.

„Als das unten im Atrium der Belegschaft verkündet wurde: Die Leute waren fassungslos. Bei einzelnen flossen Tränen. Es war unvorstellbar.“

Der „Spiegel“ hat all das mit großer Energie aufgearbeitet, investigativ recherchiert im eigenen Haus. Eine Kommission, der mit der früheren Chefredakteurin der „Berliner Zeitung“, Brigitte Fehrle, auch eine externe Expertin angehörte, legte Mitte dieses Jahres einen schonungslosen Bericht vor. Fehrle ging zusammen mit zwei Kollegen aus dem „Spiegel“ über Monate der Frage nach, warum Relotius täuschen konnte.

„Bei der Dokumentation war es so, dass da ein grundlegender Fehler gewesen ist. Da ist ein Dokumentar für alle Texte aus diesem Ressort zuständig gewesen – egal, aus welcher Weltregion oder in welchem Themenbereich diese Texte spielten. Der war sehr eng verwoben mit den Redakteuren und hat, glaube ich, einfach nicht mehr so genau hingeguckt wie eigentlich im „Spiegel“ hingeguckt wird. Und das andere Problem liegt eher in der Redaktion. Relotius hat in einem Bereich gearbeitet, wo es hauptsächlich darum ging, Reportagen zu schreiben, die sehr brillant sein sollten, die im Zweifel auch Preise gewinnen sollten. Also die außergewöhnliche Geschichte, die außergewöhnliche Protagonisten – das ist das, was im Grunde Standard ist in diesem Ressort. Und das kann man natürlich besser leisten, wenn man sich nicht so sehr um die Fakten kümmert.“

Zu der Jagd nach Journalistenpreisen kam also eine laxe Kontrolle. Relotius nutzte das aus: Er lieferte – vermeintlich – brillante Reportagen. In diesem Genre zählen vor allem die subjektiven Beobachtungen des Journalisten. Vom Hamburger Schreibtisch aus lässt sich kaum checken, was sich im Ausland, gar in Krisenregionen abgespielt haben soll. Das Vertrauen der Redaktion für Autoren spielt hier eine besonders Rolle.

Juan Moreno, der „Spiegel“-Reporter, der Relotius auf die Schliche kam, veröffentlichte im Herbst ein Buch: „Tausend Zeilen Lüge“. Darin und auch auf Lesungen beschreibt Moreno, mit welchen Tricks Relotius vermied, dass jemand in der Ferne mitbekam: Da wurden Recherchen erfunden oder abgeschrieben – wie offenbar bei einer Geschichte über den US-amerikanischen Footballspieler Colin Kaepernick, der sich aus Protest gegen Rassismus zur Nationalhymne hinkniete.

„Das ist natürlich der absolute Wahnsinn, erst mal als journalistischer Stunt, sich so was auszudenken, und dann aber auch in der Exekution: Was der gemacht hat, ist, der hat beim „Spiegel“ angerufen. Es gibt eine Abteilung, die übersetzt die Texte und hat denen erzählt, ich habe dieses Interview – und es ist fantastisch, es war für den Reporterpreis letztes Jahr nominiert. Ich habe es nur bekommen, weil die Eltern wollten es nicht für amerikanische Medien machen, weil dann alle über sie herfallen. Wir dürfen es leider nicht ins Englische übersetzen. Ja, was sagen die Kollegen? Ne, wir drucken es nicht? Also: Klar, ja. Wenn das der Wunsch der Eltern war, verständlicherweise. Dann machen wir das. Und das hat er immer wieder gemacht.“

Der „Spiegel“ hat Konsequenzen gezogen. Einige Mitarbeiter, die in der Affäre eine Rolle spielten, haben den Verlag verlassen. Das Gesellschaftsressort heißt nun „Reporter“, ist an die große Dokumentation angeschlossen und muss immer wieder mit anderen Ressorts zusammenarbeiten. Die Reporterinnen und Reporter sollen sich gegenseitig im Blick haben. Doch der Schaden geht weit über den „Spiegel“ hinaus – auch, weil Relotius in seiner Karriere andere Redaktionen journalistisch betrogen hatte, etwa „Zeit Online“ und den „Tagesspiegel“. Die Affäre hat viele Journalistinnen und Journalisten nachdenklich gestimmt. Zum Beispiel Gianna Niewel, Redakteurin der Seite 3 der „Süddeutschen Zeitung“ – dem Ressort für Portraits und Reportagen.

„Als das herausgekommen ist – es war ein Mittwoch – da hatte ich gerade ein dreiseitiges Dossier bei uns, das ich gemeinsam mit einem Kollegen geschrieben habe. Und wir haben plötzlich alles in Zweifel gezogen. Also, es war das Porträt eines Flughafenseelsorgers. Und wir hatten geschrieben „Er will einen Ordner zeigen“. Wir haben uns gefragt, will er den wirklich zeigen oder zeigt er den nur, weil wir da sind? Wir haben wirklich über jeden Nebensatz diskutiert.“

Niewel hat sich Ende November in Tutzing am Starnberger See mit mehreren Dutzend Kolleginnen und Kollegen getroffen – auf einer gemeinsamen Tagung der bayerischen Akademie für politische Bildung und der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche. Der Titel der Tagung: „Jetzt mal ehrlich!“ Über Redaktionsgrenzen hinweg diskutierten die Journalisten unter anderem darüber, welche Lehren sie aus dem Relotius-Skandal gezogen haben. Denn im Laufe des Jahres flogen auch einige andere Reporter auf, die ihre Redaktionen und das Publikum getäuscht haben. Verglichen mit Relotius waren sie zwar kleine Fische.

So entdeckte das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ einen Fälscher frühzeitig – noch vor dem Druck. Dennoch fährt die Zeitung ihre journalistische Qualitätssicherung hoch, berichtet Gianna Niewel.

„Also, auf einer operativen Ebene arbeiten wir als Haus gerade an einer Plattform, sodass Fälschungen noch unwahrscheinlicher werden können. Wo es darum geht, dass Autorinnen und Autoren ihre Interviewbänder, ihre Kontaktinformationen hochladen können, dass das zugreifbar ist. Und ansonsten haben wir bei der Seite 3 auch nochmal das Faktenchecken angezogen. Das machen wir nochmal deutlich intensiver, als wir es vorher ohnehin schon gemacht haben.“

Die Redakteurin der „Süddeutschen Zeitung“ sagt ganz offen: Diese neue Zeit ist für die Journalisten bisweilen auch belastend.

„Es bedeutet in erster Linie mehr Arbeit. Wir haben ja jetzt nicht plötzlich zwei Stellen mehr bekommen, um das zu machen, sondern das ist eine Arbeit, die wir – meine Kolleginnen, Kollegen und ich – zusätzlich machen. Die wir so gut machen, wie es nur irgendwie geht. Aber das ist natürlich auch ein System, das an seine Grenzen gerät. Ich persönlich kann sagen, wenn ich Kolleginnen und Kollegen Fakten checke: die kenne ich seit Jahren, mit denen bin ich teilweise befreundet. Und ich glaube, dieses Vertrauen, das wir haben, das ist sehr wichtig und sehr schön. Aber ich versuche mich beim Faktenchecken davon immer ein Stück weit zu distanzieren und zu sagen, ich versuche dann fast der Gegner zu sein, weil ich denke, nur wenn ich mich in die Rolle reinsteigere, sage ich jetzt mal, kann ich wirklich das so gut wie möglich machen.“

Erste Ausbildungszentren misstrauen außerdem heute dem Nachwuchs. Die Deutsche Journalistenschule in München prüft, ob beschriebene Szenen in den Bewerbungsreportagen stimmen können. Bei der Reportageschule in Reutlingen soll künftig im laufenden Betrieb ein Faktenchecker den angehenden Reporterinnen und Reportern auf die Finger schauen – zumindest mit Stichproben. Auch erste Jurys von Journalistenpreisen sehen mittlerweile genauer hin. Immerhin hatte Relotius selbst etliche Auszeichnungen gesammelt. Er war förmlich in einem Preis-Rausch.

Berlin, Anfang Dezember. Im Veranstaltungszelt TIPI direkt am Bundeskanzleramt wird der Reporterpreis verliehen. Er ist schon seit Jahren nicht mehr mit Geld dotiert, unter Journalistinnen und Journalisten aber dennoch heiß begehrt. Relotius hatte ihn gleich mehrfach bekommen – das letzte Mal 2018, wenige Tage vor Bekanntwerden seiner eigenen Affäre. Der Text, für den er damals ausgezeichnet wurde, wurde laut „Spiegel“ zu großen Teilen erfunden. Ein Jahr später lässt man sich die Stimmung bei der Verleihung dadurch nicht vermiesen. Gleichwohl haben die Veranstalter ihre Standards angezogen. Anette Dowideit aus dem Vorstand berichtet: Wer Texte einreicht, muss ein Rechercheprotokoll beilegen.

„Man macht jetzt ein Making-of von den Texten, die man einreicht. Und dass wir auch sagen, es gibt Faktchecker, also dass man sich darauf gefasst machen muss, wenn man einen Preis, einen Vorschlag einreicht und sich um einen Preis bewirbt, dass der dann auch gecheckt wird und die Fakten noch einmal nachgeprüft werden können.“

Dowideit ist selbst Investigativreporterin der „Welt“. Auch bei ihrer eigenen Arbeit gelten strengere Beweispflichten.

„Und zwar haben wir bei uns im Team, bei der „Welt“, im Investigativteam gesagt, dass wir noch stärker dokumentieren, wie wir recherchiert haben. Dass wir unter anderem, wenn wir mit Personen sprechen, dass wir, wenn es möglich ist, dann auch Selfies mit denen machen, einfach nur für unsere Unterlagen. Dass wir auch stärker nachhalten, wann, wo hat welches Gespräch stattgefunden.“

Auch der „Spiegel“ erhöht seine Standards. Auf etwa 75 Seiten erfahren die Reporterinnen und Reporter, wie gründlich sie arbeiten müssen. Co-Chefredakteur Clemens Höges sagt: Künftig werde es noch wichtiger sein, harte Belege vorzulegen.

„Bei Investigativgeschichten lag die Messlatte bei uns schon immer natürlich sehr hoch, weil bei Investigativgeschichten auch die Gefahr, dass man einer falschen Quelle aufsitzt, weil Interessen im Hintergrund eine Rolle spielen, dass man auch juristische Risiken eingeht – diese Gefahren sind bei investigativen Stoffen alle sehr viel größer. Und da haben wir schon immer vorgebaut. Aber das bauen wir auch noch aus.“

Höges macht aber auch klar: Gerade bei Recherchen im Ausland bleibe ein Risiko – und Relotius hatte vor allem im Ausland recherchiert, immer wieder in den USA, aber auch in Krisenregionen.

„Selfies mit Gesprächspartnern sind natürlich hilfreich, um zu dokumentieren‚ hey, ich war da und es gibt da diesen Menschen. Die Wirkung ist eingeschränkt. Es gibt wenige Leute, die mehr Fotos gemacht haben als Claas Relotius. Nur waren die Personen, von denen er behauptete, es seien die auf den Fotos, die waren nicht echt, die gab es nicht. Das waren ganz andere Leute teilweise.“

Und selbst, wenn ein Redakteur oder Dokumentar einem – vermeintlichen – Protagonisten hinterhertelefoniere, könne ein bezahlter Lügner am anderen Ende der Verbindung sitzen, mahnt Höges.

Das Ausland ist eine besondere Schwachstelle. Sie nutzte auch ein Reporter beim Deutschlandfunk aus. Etwa 20 Jahre hatte er als freier Mitarbeiter unter anderem für diesen Sender gearbeitet und aus dem europäischen Ausland berichtet. Es stellte sich heraus: Zuletzt lieferte er einige Beiträge, bei denen er ausdrücklich vorgab, vor Ort gewesen zu sein – so, wie das die Redaktionen auch bei ihm bestellt hatten. Tatsächlich aber stellte er seine Berichte aus fremdem Material zusammen, das er etwa im Internet fand: bei anderen, örtlichen Sendern oder in Mitschnitten von Veranstaltern. Dem Deutschlandfunk fiel das selbst auf. Deutschlandfunk-Chefredakteurin Birgit Wentzien betont: Dieser Fall sei mitnichten ein zweiter Relotius, keine Fälschung, aber doch journalistischer Betrug:

„Naja, wenn ich als Reporter so tue, als wäre ich in der Arena von Verona und ich sitze daheim in meiner kleinen Kemenate in Bad Reichenhall und wenn ich als Reporter oder Autorin und Autor so tue, als würde ich das Geschehen verfolgen, dann – glaube ich – produziere ich eine Fakenews, eine falsche Geschichte und simuliere eine Anwesenheit, die ja nicht gegeben war. Und tue nicht mein Handwerk, sondern ich liege einfach schlicht und ergreifend daneben.“

Dazu kommt ein Fall, bei dem eine Autorin – neben anderen Medien – auch bei Deutschlandfunk Nova eine erfundene Geschichte erzählt hat. Wentzien sagt: In diesem Fall hat die Redaktion nicht ausreichend nach Belegen gefragt. Das Deutschlandradio, zu dem auch der Deutschlandfunk gehört, überarbeitet nun ebenfalls seine Standards: Im Frühjahr nächsten Jahres soll ein Update des journalistischen Selbstverständnisses erscheinen. Vor allem bei subjektiven Berichten sollen Autorinnen und Autoren ihren Redaktionen konsequenter als bisher belegen, dass ihre Geschichten auch stimmen.

Außerdem sollen in beiden Funkhäusern – in Berlin und Köln – Vertrauenspersonen installiert werden, die Hinweisen nachgehen und selbst auch Stichproben machen. Deutschlandfunk-Chefredakteurin Wentzien sagt, es gehe darum, den eigenen Werkzeugkasten zu entstauben, nicht etwas Neues zu erfinden. Hier und da habe über die Jahre die Routine übernommen. Das Ziel sei, wieder genauer hinzusehen.

„Ein Kollege in Berlin hat ein ganz praktisches Beispiel oder sagen wir mal ein ganz praktisches Bild dafür genutzt. Er sagte: Das, was wir gerade machen, ist so etwas wie eine Schluckimpfung oder eine Auffrischung einer Impfung, um danach ganz kräftig wieder in der Landschaft zu stehen. Das pikst. Manchmal ist es auch bitter, ein bisschen bitter, wenn man so ein Stück Zucker mit Tropfen einnimmt, aber es hilft ungemein.“

In der Diskussion – im Deutschlandradio und darüber hinaus – geht es allerdings nicht nur um die Kontrolle der journalistischen Arbeit, das Checken der Fakten und Protagonisten. Es geht auch um die Verantwortung bei der Planung: Redaktionen wollen mehr denn je darauf achten, dass Reporterinnen und Reporter wirklich frei recherchieren können, statt um jeden Preis Wunschgeschichten zu liefern.

Im „Spiegel“, bei Claas Relotius, lief das mitunter anders. Im Zuge ihrer Aufarbeitung veröffentlichte die installierte Kommission eine E-Mail. Aus ihr geht hervor, wie die Redaktion bei Relotius eine Reportage aus den USA bestellt hat – und gleichzeitig die gewünschte Dramaturgie minutiös vorgab. Das sei allerdings kein „Spiegel“-weiter Standard gewesen, heißt es – sowohl von der Kommission als auch von „Spiegel“-Reporter Moreno und der Chefredaktion des „Spiegel“.

Derjenige, der diese Debatte losgetreten hat, schweigt allerdings: Claas Relotius selbst. Ein Anwalt geht gegen einzelne Details im Buch über die Affäre vor, lehnt Interviewanfragen an Relotius aber ab. Sein Mandant räume zwar ein, dass er eine schwere Verfehlung begangen habe. Er sei aber erst mal noch selbst damit beschäftigt, die Dinge zu verstehen. Clemens Höges und seine Kolleginnen und Kollegen im „Spiegel“ wünschen sich, dass Relotius mit der Aufklärungskommission redet. Vor allem eine offene Frage soll er endlich beantworten.

„Er hatte alle Möglichkeiten, Geschichten zu machen, die gut sind und stimmen. So wie es die ganzen Kollegen hier tun. Warum hat er das nicht gemacht? Warum musste er fälschen? Für eine Geschichte zum Klimawandel, er sollte nach Kiribati, Inselgruppe in der Südsee fliegen. Und soweit wir wissen, ist er nicht nach Kiribati geflogen, hat aber so getan, als wäre er nach Kiribati geflogen. Warum das? Ein Journalist, der mal eben nach Kiribati fliegen kann und dort eine Reportage schreiben kann, warum erfindet man das dann? Warum? Ich verstehe es nicht.“

Auch wenn nun seit einem Jahr das Schimpfwort „Relotius-Presse“ die Runde macht – beim Abverkauf habe der „Spiegel“ die Affäre nicht gespürt. Im Gegenteil: In den vergangenen Monaten verkaufte sich das Magazin mit im Schnitt gut 726.000 Exemplaren – gedruckt und digital – sogar etwas besser als vor einem Jahr. Das Publikum hält dem Magazin die Treue. Einen Relotius-Effekt gib es hier nicht.

Gleichwohl kam es vor einem Jahr im Journalismus zu einer Zäsur. Es gibt eine neue Zeitrechnung. Vor Claas Relotius. Und danach. Beim „Spiegel“ und über ihn hinaus. Die neue Ära im Journalismus hat gerade erst begonnen.

>> Download MP3 (Quelle: Dlf-“Hintergrund”)

Bilanz: Ein Jahr Relotius

Für ZAPP bin ich der Frage nachgegangen, was sich nach der Fälschungsaffäre im “Spiegel” und in anderen Redaktionen getan hat.

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —
Verleihung des Deutschen Reporterpreises 2019. Es ist wieder so weit: Eine große Feierstunde für den Journalismus.
Vor einem Jahr hatte er hier seinen letzten Preis bekommen: Claas Relotius – für eine Reportage über den Krieg in Syrien.
[Claas Relotius] „Und ohne die Drei, die bezeichnender Weise alle selbst geflohen sind, wäre es überhaupt nicht möglich gewesen, diese Geschichte zu schreiben, zu recherchieren, überhaupt an diesen Jungen ranzukommen.“
[Jörg Thadeusz] „Herzlichen Glückwunsch, Claas Relotius! Vielen, vielen Dank!“
Nur wenige Tage später platzte die Bombe.
[Nachrichtencollage] „Der Begriff ‚Spiegel-Affäre‘, der bekommt in diesen Tagen eine neue Bedeutung.“
„Claas Relotius galt als Superstar der Branche. Seine Reportagen: preisgekrönt, detailreich, nah dran – zu schön, um wahr zu sein.“
„Relotius hatte über Jahre hinweg Interviews und Reportage-Szenen teils erfunden.“

[Susanne Beyer (2018), Stv. Chefredakteurin “Der Spiegel”] „Wir wissen, wir haben auch eine Leitfunktion für die gesamte Branche. Und dass wir der nicht gerecht geworden sind, das schmerzt uns furchtbar.“
Der „Spiegel“ enthüllte in eigener Sache: „Sagen, was ist.“ In 54 „Spiegel“-Heften hatte Relotius geschrieben. Vieles davon: gefälscht, verfälscht oder abgeschrieben.
Er schrieb aber auch für viele andere Medien. – Der Skandal trifft weite Teile des Journalismus im deutschsprachigen Raum.
[Stephan Lamby, Filmproduzent] „Natürlich müssen sich alle fragen, wie so etwas passieren konnte und ob die Branche anfällig dafür ist. Und viele suchen die Antworten noch immer.“
[Stephan Lebert, Reporter “Die Zeit”] „Das Urvertrauen ist weg. Das Urvertrauen, dass Reporter wo hingehen und aufschreiben, was Sie sehen.“
[Felix Dachsel, Chefredakteur “Vice Deutschland”] „Wenn wir zum Beispiel im Ausland Geschichten angeboten kriegen, dann lehnt man die vielleicht eher ab, weil das Risiko, dass man es nicht überprüfen kann, zu hoch ist. Was eine traurige Konsequenz ist.“
Auch eine Konsequenz: mehr Kontrolle. Redaktionen – etwa die „Süddeutsche Zeitung“ – installieren Datenbanken. Reporterinnen und Reporter sollen ihr komplettes Material an die Redaktionen schicken: Dokumente, Kontaktdaten, Mitschnitte.
Aus Autorensicht: mehr Misstrauen.
Spüren Sie so eine Art Generalverdacht gegen Autorinnen und Autoren?
[Carola Dorner, Vorsitzende “Freischreiber”] „Früher war es so, dass ich mich immer sehr gefreut habe, wenn der ‚Doker‘ anrief, wenn der Faktchecker anrief, weil ich dann immer das gute Gefühl hatte, da bewahrt mich jetzt jemand davor, einen Flüchtigkeitsfehler zu machen, dann Fehler können ja jedem passieren, das wissen wir ja auch. Aber jetzt hat das schon eher was von Inquisition.“
[Ariel Hauptmeier, Reportageschule Reutlingen] „Ich leite ja zusammen mit einem Kollegen die Reportageschule in Reutlingen. Und wir werden das jetzt insofern auch reflektieren diesen Skandal, dass wir künftig einen Dokumentar, einen ehemaligen Dokumentar vom ‚Stern‘ beschäftigen werden, der jeweils jede Übungsreportage einmal stichprobenartig überprüfen wird.“
Der „Spiegel“ an der Hamburger Ericusspitze. Hier wurde alles minutiös aufgearbeitet, Strukturen verändert. Einige Mitarbeiter mussten gehen. Nach einem Jahr gibt es neue Standards. Strengeren Kontrollen.
Clemens Höges ist seit 29 Jahren dabei – erst Reporter, dann Ressortleiter, nun Mitglied der Chefredaktion. Er verspricht: Man werde noch genauer hinsehen.
[Clemens Höges, Chefredaktion “Der Spiegel”] „Ich wäre eigentlich froh, wenn die Affäre Relotius nicht verschwinden würde, sondern wenn sie uns, aber durchaus auch Kollegen in anderen Häusern immer sagt, was passieren kann, worauf man achten muss, dass man eben immer noch mal zehn Prozent gründlicher arbeiten muss als man es eigentlich vielleicht für nötig hält. Das Relotius – ich glaube, das wird nicht schnell verschwinden. Und das ist gut so.“
Der „Spiegel“ will künftig noch mehr Belege sehen. Was das bedeutet, zeigt dieser Fall aus 2014. Wettbetrug im Fußball, „Faule Äpfel“. Die Basis, ein Facebook-Chat mit einem Insider – nicht mehr auffindbar. Schon damals. Nun heißt es offiziell, „aus heutiger Sicht“ würde ihn der „Spiegel“ so „nicht mehr drucken“.
Clemens Höges mahnt allerdings: Kontrollen seien gut, hätten aber auch ihre Grenzen. Etwa: bei Selfies mit Interviewpartnern – so wie hier beim Besuch von ZAPP.
[Clemens Höges, Chefredaktion “Der Spiegel”] „Die Wirkung ist eingeschränkt Es gibt wenige Leute, die mehr Fotos gemacht haben als Claas Relotius. Nur waren die Personen, von denen er behauptete, es seien die auf den Fotos, die waren nicht echt, die gab es nicht. Das waren ganz andere Leute teilweise.“
Viel ist aufgearbeitet, vieles anders – ein Jahr nach dem großen Knall. Eine Frage aber, sie quält die Journalisten noch immer. Vor allem hier beim „Spiegel“.
[Clemens Höges, Chefredaktion “Der Spiegel”] „Ich verstehe Relotius nicht. Ich verstehe nicht, warum er das gemacht hat. Dieses ist ein wirklich gutes Haus, das seinen Reportern alle Möglichkeiten gibt. (…) Warum musste er fälschen? Oder warum glaube er, fälschen zu müssen? Warum? Oder warum wollte er fälschen? Warum hat er es gemacht? Kiribati. Für eine Geschichte um Klimawandel, er sollte nach Kiribati, Inselgruppe in der Südsee fliegen, Insel in der Südsee. Und soweit wir wissen, ist er nicht nach Kiribati geflogen, hat aber so getan, als wäre er nach Kiribati geflogen. Warum das? Ein Journalist, der der mal eben nach Kiribati fliegen kann und dort eine Reportage schreiben kann, warum erfindet man das dann? Warum? Ich verstehe es nicht.“

>> Beitrag in der ARD-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

Relotius-Anwalt zur Klage gegen Juan Moreno

Zusammen mit Jörg Wagner habe ich Christian Schertz auf radioeins (rbb) befragt: Wann äußert sich Relotius? Wogegen wehrt er sich? Welche Perspektive hat er?

für radioeins

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>> Mitschnitt im Youtube-Kanal von Moderator Jörg Wagner

Der Fall Relotius und seine Folgen

Zusammen mit Inga Mathwig habe ich eine Sondersendung von ZAPP zur Fälschungsaffäre recherchiert: Was haben die Redaktionen über ihren Fälscher herausgefunden und welche Konsequenzen ziehen Journalisten nun?

für NDR Fernsehen

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>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)