120 Anfragen an einem Tag

Die Sprecherin des Robert-Koch-Instituts schafft es nicht mehr, alle Anfragen zu beantworten. Wird aus der Corona-Krise eine Informationskrise?

für taz

Susanne Glasmacher leitet die Pressestelle des Robert-Koch-Instituts (RKI) schon seit 20 Jahren. Krisen hatte sie immer wieder: Sars, die Schweinegrippe und auch Ehec. Doch nichts davon war so belastend wie Corona. „Damals gab es mal einen Tag mit 100 Anfragen, jetzt schon seit über drei Monaten täglich.“ Allein an einem „vergleichsweise ruhigen Tag“ Mitte April habe ihre Pressestelle 120 E-Mails erreicht. „Das ist schon brutal viel.“

Für das Abarbeiten von Presseanfragen seien sie eigentlich nur zu zweit. In Krisen kämen noch mal ein bis zwei Kolleginnen dazu. „Das war’s“, sagt Glasmacher. Und dann erzählt sie von der aktuellen Überforderung. „Mein Leitbild war stets: Antworte allen. Das haben wir auch eine ganze Weile noch geschafft. Aber irgendwann mussten wir das aufgeben. Es ist nicht mehr zu schaffen.“ Sie sortiere nun, vor allem nach der Reichweite der Medien.

Die Wissenschaftspressekonferenz hat mit der Coronakrise einen „Krisenstammtisch“ gegründet. An den Videokonferenzen nehmen bis zu 30 Fachjournalist:innen teil. „Viele haben erzählt, dass sie bei einzelnen Pressestellen telefonisch gar nicht mehr durchkommen und auch auf E-Mails oft keine oder nur sehr knappe Reaktionen erhalten“, sagt Medizinjournalistin und Vorstand Nicola Kuhrt.

Die Lage am RKI, dem „derzeit für die wissenschaftliche Berichterstattung entscheidenden Nadelöhr“, sei schwierig, aber auch bei anderen Instituten, Universitäten und Gesundheitsministerien beim Bund und bei den Ländern.

Die Großen haben es leichter

„Wir sind dort gut vernetzt“, sagt Kuhrt, die selbst das Portal Medwatch mitgegründet hat und sonst für diverse Magazine berichtet. Expert:innen wollten sich bei öffentlichen Äußerungen aber mit ihrer Pressestelle abstimmen. „Das ist natürlich völlig in Ordnung. Es hilft aber nicht, wenn die Pressestelle dann drei Tage nicht erreichbar ist.“

Vor allem in den großen Sendern halten sich die Schwierigkeiten in Grenzen. Der WDR, bei dem die Wissenschaftsredaktion Quarks angesiedelt ist, meldet mit der Frage, welche relevanten Fragen im Kontakt von Politik und RKI auf der Strecke blieben: „Nach unseren bisherigen Erfahrungen keine.“ Und für den Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios, Theo Koll, sind die Informationszugänge „insgesamt gut in dieser Krisenphase“, auch zu politischen Akteuren – „als hätten sie plötzlich abends alle Zeit“. Es gibt aber auch andere Erfahrungen.

NDR-Journalist Christian Baars recherchiert für „Tagesschau“ und „Panorama“. „Manchmal geht es richtig schnell, bei anderen Anfragen muss ich nachhaken“, sagt er über das RKI – wenngleich er Verständnis habe: „Gerade das RKI wird zugeballert mit Anfragen.“

Ein größeres Problem habe er ohnehin mit dem Bundesgesundheitsministerium: „Dass da konkrete Fragen beantwortet würden, kann ich leider nicht berichten.“ Schon „ein paarmal“ habe er gar keine Antwort erhalten, und wenn, dann nur „allgemeine Statements“. Das sei schon früher so gewesen. „Aber es ist gerade in dieser Situation wahnsinnig unbefriedigend.“

Verweis auf Zeitungsartikel

Als Baars zu Beatmungsgeräten recherchierte, habe er nur einen Verweis auf eine Pressekonferenz und auf einen Zeitungsartikel erhalten – „nach ganzen zwei Tagen“. Medizinjournalistin Kuhrt hatte für den Stern zum selben Komplex Fragen gestellt. „Die Antwort kam auch, aber eine Woche später“, berichtet sie. „Da war das Stück längst gedruckt.“ Was sie nicht weiß: Warum die Antwort dauerte. „Solche Hinweise bleiben derzeit auf der Strecke. Da hält sich mein Verständnis für Verzögerungen eher in Grenzen.“

Die Wissenschaftspressekonferenz hat in einem offenen Brief bessere Informationszugänge angemahnt. „Nach der Veröffentlichung gab es einige Gespräche“, berichtet Kuhrt. „Wir wissen, dass sich viele ernsthaft bemühen. Und dennoch sagen wir auch heute noch: Wir wünschen uns eine größere Unterstützung und auch eine Wertschätzung unserer Arbeit.“ Mit besseren Erklärungen könne zudem die Akzeptanz der Maßnahmen steigen.

Könnten Journalist:innen ihre Anfragen koordinieren? RKI-Sprecherin Glasmacher berichtet immerhin: Sie erreiche „aus größeren Häusern Anfragen zur gleichen Fragestellung aus ganz unterschiedlichen Redaktionen“. Bei den Jour­na­lis­t:in­nen heißt es indes: Die Anforderungen etwa einer Nachrichtensendung oder -seite für schnelle Reaktionen sei anders als die eines Polit- oder Nachrichtenmagazins, das eher an Details interessiert sei. Also ist das eher keine Lösung.

Eine andere Möglichkeit wären Datenbanken mit Antworten auf bereits gestellte Fragen. Damit würden Kapazitäten frei für neue Recherchen. Die Wissenschaftspressekonferenz überlegt zudem, gemeinsam mit der Bundespressekonferenz Vertreter:innen aus Wissenschaft und Politik einzuladen. „So könnten Kolleg:innen sowohl des Wissenschafts- als auch des Politikressorts gleichzeitig teilnehmen“, sagt Kuhrt. „Expertinnen und Experten müssten sich dann auch nicht mehr überlegen, wofür sie überhaupt Zeit haben.“

Machtverschiebung in der Kommunikation

Das Kölner Science Media Center, das auf eine Initiative der Wissenschaftspressekonferenz zurückgeht und von Stiftungen und Spender:innen finanziert wird, organisiert bereits seit Jahresbeginn „Pressebriefings“ zu Corona. An den Veranstaltungen nehmen neben Wis­sen­schaft­ler:innen zwischen 25 und 90 Journalist:innen teil.

Volker Stollorz, Leiter des Zentrums, beobachtet aber auch „eine Machtverschiebung“: Institutionen laden zunehmend selbst zu Runden ein. Dann würden aber nicht Journalist:innen moderieren, sondern die Wissenschaft sich selbst. Vor allem bei den Pressekonferenzen des RKI rate er zur Umsicht. Da es dem Bundesgesundheitsministerium unterstellt sei, falle es eher nicht unter die Wissenschaftsfreiheit. Klar erkennbar sei dann auch das „One Voice Prinzip“: Auf den pro Woche zwei Pressekonferenzen des RKI spreche nur die Hausleitung. Abweichende Meinungen seinen keine zu hören, obwohl Diskurs zwingend Teil der Wissenschaft sei.

RKI-Sprecherin ­Glasmacher sagt wiederum, ihre Ex­per­t:in­nen müssten in dieser Lage sehr viel bewältigen und daneben auch wissenschaftlich pu­bli­zieren. Gespräche mit Medien seien „in dieser Situation nur im Ausnahmefall möglich“. Ihren kleinen Apparat mal eben aufstocken, das funktioniere auch nicht. Und PR-Agenturen wären eher Risiko statt Hilfe: „Jede ungeschickte oder unpräzise Aussage wäre in der angespannten Lage ein Problem.“

Wenn sie sich etwas wünschen könnte, sagt Glasmacher, dann wäre es, dass mehr Jour­na­lis­t:innen Verständnis hätten für ihre Situation. Sie tue jedenfalls mit ihrem Team, was sie könne, um so viele Anfragen wie möglich abzuarbeiten. Allein: „Wenn uns dann noch Einzelne in vier Tagen fünf Fragenkataloge schicken und dazu mehrfach anrufen, um ihrer Sache Nachdruck zu verleihen, dann fragen wir uns schon, ob das sein muss.“

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de


Das Vorschaubild zeigt einen Blick ins Hochsicherheitslabor des Robert-Koch-Instituts. Foto: RKI

Das Geschäft mit Verkürzungen

In “Zitat-Kacheln” verkürzen Medien Reden und Interviews teils deutlich. Zusammen mit Caroline Schmidt habe ich mich für ZAPP gefragt: Wie legitim ist diese Praxis?

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —
Er ist einer, der Debatten gerne mal anheizt: SPD-Vize Ralf Stegner. Was denkt er, wie weit dürfen Medien das dann noch zuspitzen? Für ZAPP schaut er sich Texttafeln an. Erstes Beispiel: Ein langer Tweet: Thema Enteignung für bezahlbaren Wohnraum. Auf der Tafel verdichtet zu einem Halbsatz.
“Enteignung als Notwehrrecht für handlungsfähigen Staat.”
“Klarheit ist gut. Verständlichkeit auch. Das ist zulässige Polemik zwischen demokratischen Parteien. Dagegen ist nichts zu sagen.”
Das nächste Zitat nicht verkürzt, aber der Zusammenhang fehlt. So provoziert’s.
“Ein Diesel-SUV, das nur wenige Kilometer genutzt wird, ist umweltfreundlicher als der Kleinwagen mit hoher Fahrleistung.”
“Der hat das sicherlich ein bisschen anders sagen wollen, aber: Pech gehabt. Dass das den Spott der Konkurrenz findet, da darf er sich nicht beschweren, zumal er ja auch ein sehr zugespitzter Formulierer selber ist. Und insofern finde ich: Das gehört zum Geschäft dazu. Wem es zu warm in der Küche ist, der sollte nicht Koch werden. “
Zuspitzungen – für Stegner okay. Manches werde aber auch bewusst verdreht. Ein Tweet aus dem Jahr 2016 verfolgt Stegner bis heute.
Fakt bleibt, man muss Positionen und Personal der Rechtspopulisten attackieren, weil sie gestrig, intolerant, rechtsaußen und gefährlich sind.
Das rechte Portal PI-News nutzte das Zitat, um Stegner für einen Anschlag auf einen AfD-Politiker verantwortlich zu machen.
“Das missbrauchen die jetzt ständig, zu behaupten, man würde zur Gewalt gegen sie aufrufen – das ist ein Missbrauch, offenkundig das Gegenteil, was gemeint ist, auch in der Verkürzung nicht zulässig, weil ich in vielen Äußerungen immer klar gesagt habe, dass ich Gewalt ablehne, in jedweder Form.”
So funktionieren Texttafeln oder Kacheln. Scheinbar transportieren sie wörtliche Zitate. Tatsächlich aber sind diese oft verkürzt, der Kontext fehlt, manche gar verfälscht.
So auch im Fall Linnemann. Der CDU-Politiker hatte der Rheinischen Post ein Interview gegeben. Darin sagt er, dass Kinder, die kaum Deutsch können, auf einer Grundschule noch nichts zu suchen hätten. Die dpa griff diese Aussage auf, spitzte sie zu – mit folgendem Titel:
CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können.
Als die Journalisten bei der Rheinischen Post die Kachel sahen, waren sie überrascht.
“Unser erster Impuls war: Auweia, das werden die bereuen.”
Die Meldung verbreitete sich in Windeseile – und mit ihr die Empörung im Netz.
Dumpfbacken
Populistischer Unfug.
Rassistisch.

Schnell berichten Medien über den Aufreger:
Carsten Linnemann sorgt mit Grundschulaussage für Empörung
Kein Deutsch, keine Einschulung?
Eva Quadbeck mag eigentlich Zuspitzungen. Nur so bekomme man in den Sozialen Medien Aufmerksamkeit für die eigenen Inhalte.
“Aber man darf sie nicht unzulässig zuspitzen und man muss sich auch selber prüfen ob man mit dem mit der Art und Weise wie man zuspitzt nicht Missverständnisse produziert. Und ein Wort wie das Grundschulverbot produziert natürlich Missverständnisse und drückt auch denjenigen, der das gesagt hat einfach in eine falsche Ecke.”
Linnemann habe eine Vorschulpflicht gefordert. Kein Grundschulverbot. Gerade seriöse Medien sollten hier sauber sein.
“Weil wir mit diesen Meldungen auffallen wollen, lassen wir uns dazu herab immer steiler immer schriller zu werden? Nein das sollten wir natürlich nicht tun.
Die Verlockung ist allerdings groß im Kampf um die Aufmerksamkeit im Ne
tz. ”
Auch die Tagesschau verbreitet ihre Inhalte längst bei Facebook, Twitter und Instagram. So gut es geht jedenfalls.
“Wir können bei Instagram nicht einen kompletten Nachrichtenüberblick liefern, aber wir können den Menschen, die dort unterwegs sind eben zeigen, Tagesschau ist eine Marke für Nachrichten, und wer sich dafür interessiert, kann unser Gesamtangebot auch nutzen, auf anderen Kanälen auch nutzen.”
Ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen auch hier: Kacheln mit maximal verkürztem Text.
“Es ist immer eine Gratwanderung zwischen Verknappung und Kontext. Journalismus ist insgesamt immer eine Gratwanderung, weil es ja unheimlich schwer ist, das gesamte Bild abzubilden.”
Und so passieren ab und zu Fehler. Auf Twitter entschuldigt sich der Nachrichtenchef der dpa ausführlich:
“Linnemann hat nicht von einem Grundschulverbot gesprochen. Wir haben mit dieser selbstgewählten Formulierung die Äußerungen über ein journalistisch zulässiges Maß hinaus zugespitzt. Das bedauern wir.”
Ein richtiger Schritt, findet auch Eva Quadbeck, denn:
“Umso wichtiger ist natürlich dass die klassischen Medien ihr Geschäft entsprechend seriös betreiben und nicht selber eine Instagramisierung für sich zulassen. Die einfache Botschaft kann nur die Hinleitung zur Differenzierung sein.”
Wie gut müssen Grundschüler Deutsch können? Viele Zeitungen haben diese Frage dann doch noch erörtert. So hat eine reißerische Verfälschung am Ende zu einer ausgewogenen Debatte geführt.
“Man muss auch immer bedenken: Neben der virtuellen Welt gibt es immer auch eine reale. Und beides muss betrachtet werden. Und manche Aufregung ist wie gesagt ein Shitstörmchen im Wasserglas.”

>> Beitrag in der NDR-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

ARD-Kriegsreporter Jay Tuck: “Berichterstattung aus dem Kampfgebiet”

“Sehr hässlich und unvergesslich”: Tuck erzählt, was er für die “Tagesschau” in zwei Golfkriegen erlebt hat, wie Kriegsberichterstattung damals organisiert und inszeniert wurde und welche Bilder und Schreie ihn heute noch verfolgen. ARD-Kriegsreporter Jay Tuck: “Berichterstattung aus dem Kampfgebiet” weiterlesen

Kritik an Verwendung von “Zitat-Kacheln”

für NDR Info

Manuskript des Beitrags
Ein Anruf bei Martin Hoffmann. Der Journalist, der einst das Social-Media-Team der Zeitung “Die Welt” geleitet hat, kritisiert schon seit Monaten immer wieder Kollegen – und zwar immer dann, wenn sie besonders knackige Zitate von sehr populistischen Politikern auf sogenannte Zitat-Kacheln schreiben, die sie dann beispielsweise bei Facebook oder Twitter veröffentlichen. Die Zitate stehen neben den Fotos der Politiker – zur schnellen Verbreitung in den sozialen Netzwerken. Hoffmann findet das falsch: “Das Problem mit diesen ‘Zitat-Kacheln’ ist letztendlich, dass wir Journalisten da einfach eine Botschaft weitergeben, ohne ihr irgendwie einen Rahmen zu geben, also ohne sie einzuordnen.”

Im Radio oder im Fernsehen sei das anders, hier würde ein Reporter in seinem Bericht oder ein Moderator den jeweiligen Kontext liefern, vielleicht auch die Aussage mit Fakten widerlegen. Oder auch in einem Text in der Zeitung oder im Netz: Auch hier würde niemand – ohne ein Minimum an Einordnung einfach so ein Zitat drucken, meint Hoffmann: “Dummerweise hat sich das aber so im Online-Journalismus – besonders in Social-Media – irgendwie eingeschlichen. Das ist nicht gut!”

Hoffmanns Vorwurf lautet: “Zitat-Kacheln”, auf denen sich nur ein kurzer Wortlaut, der Name und die Funktion des Politikers und vielleicht noch ein Stichwort zum Thema der Aussage findet, sei kein Journalismus. Medien würden so bloß Populisten helfen. Zuletzt hat sich Hoffmann nach der Bayern-Wahl aufgeregt, als Medien – zum Beispiel der Deutschlandfunk – Zitate von AfD-Politikern verbreitet haben, in denen sie die Neuwahl des Bundestages forderten.

Hoffmann fliegen dafür in sozialen Netzwerken “Likes” und zustimmende Kommentare zu. Auch von Kollegen – und auch, wenn er das Social-Media-Team der Tagesschau kritisiert. Etwa, wenn die Tagesschau Zitate von US-Präsident Donald Trump verbreitet. Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke wiederum nimmt seine Kollegen in Schutz: “Wer mit der kurzen Form nicht leben kann, der sollte nicht Nachrichten machen. Das ist unsere verdammte journalistische Pflicht, Inhalte auf engem, begrenztem Raum und in kurzer Zeit zu vermitteln. Dazu gehören auch ‘Zitat-Kacheln’.”

Bieten Redaktionen wie die Tagesschau damit aber nicht vielleicht doch Populisten eine Bühne? Gniffke wehrt sich auch gegen diesen Vorwurf: Seine Redaktion biete niemandem eine Bühne, sie berichte. Dabei dürfte es auch keine Rolle spielen, ob den Journalisten ein Politiker, dessen Äußerungen oder Wortwahl nicht gefallen: “Wenn wir also beispielsweise ein Zitat von Markus Söder mit dem ‘Asyl-Tourismus’ benutzen, dann können wir unserem Zuschauer, unserem User, getrost das Urteil überlassen, ob er das gut oder schlecht findet. Da müssen wir und da sollten wir nicht dran schreiben: ‘Ach, das finden wir aber nicht so schick’.”

Tatsächlich ist die Verkürzung der “Zitat-Kacheln” mitunter aber durchaus ein Problem: wenn Zitate zwar knackig sind, aber aus dem Zusammenhang gerissen. Passiert ist das vor einem Monat dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Viele Medien, darunter die Heute-Sendung im ZDF, teilten Spahns Aussage zum Mangel an Pflegekräften: “Wenn von einer Million Pflegekräften 100.000 nur drei, vier Stunden mehr pro Woche arbeiten würden, wäre schon viel gewonnen.”

Das Zitat ging “viral” und Spahn wurde von vielen Bürgern kritisiert. Allein: Spahn hatte sich in dem Interview vor allem dafür stark gemacht, die Bedingungen der Pflegekräfte zu verbessern und mehr Pfleger einzustellen. Der zitierte Vorschlag sollte eine Übergangslösung sein. Die “Zitat-Kacheln” suggerierten etwas anderes.

Redaktionen verweisen in solchen Fällen gerne auf die ergänzenden Zeilen in ihren Einträgen in sozialen Netzwerken und die Links auf ausführliche Artikel. Kritiker Hoffmann warnt hingegen: “Wenn man sich die Mechanismen anschaut, die da wirken, dann ist es nun mal ganz oft so, dass die Leute eben diesen zweiten Klick nicht mehr machen. Sie sehen das, was ihnen vielleicht in den Feed gespült wird, machen dann aber ganz oft nicht mehr den Klick.” Was am Ende hängen bleibe sei ausschließlich die Aussage, die auf der Kachel steht.

>> Download MP3 (Quelle: NDR Info)

Faktencheck: Chemnitz-Videos auf dem Prüfstand

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —

„Es ist hier markant die Kirche. Es ist aber auch (…) der Schaden im Straßenbelag, der mir später helfen wird, den Ort ganz genau zu bestimmen, auf den Meter genau, von wo gefilmt worden ist. Ich sehe hier ein Werbebanner.“

Die Herausforderung für Journalisten wie Lars Wienand von „T-Online“: Belegen, ob das Video aus Chemnitz echt ist. Hinweise sammeln, Details abgleichen – etwa mit Karten- und Fotodiensten.

„Eine gute Übersichtsaufnahme aus der Luft, wo ich die Schilderbrücke sehe. Wo ich die Kirche sehe. Wo ich Schaden im Straßenraum sehe. (…) Ich kann den Ort sehr genau eingrenzen.“
Also es kommt weder aus Hollywood, noch aus einer anderen Stadt? Das ist tatsächlich da in Chemnitz?
„Das ist dort gefilmt. Oder es ist (…) so hervorragend produziert worden – was ich für ausgeschlossen halte.“

Verfassungsschutz-Präsident Maaßen hatte das zunächst nicht ausgeschlossen. Mit seinen öffentlich platzierten Zweifeln hat er Faktenchecker herausgefordert.
Und so fragen sich viele: „Wurden in Chemnitz Menschen gejagt?“ Und gehen Hinweisen auf den Ort nach. Sie unterziehen das „Video aus Chemnitz [dem] Faktencheck“. Gleichen dafür auch das Wetter aus dem Video mit Archiven ab. Sogar: den Sonnenstand. Ihr Befund: „Herr Maaßen, alles spricht dafür, dass das Jagdszenen-Video echt ist“. Auch, weil ein Werbeplakat im Video eine aktuelle Kampagne der Chemnitzer Theater zeigt. Auch der ARD-„Faktenfinder“ bilanziert: Es gibt „Keine Indizien für [eine] Fälschung“.

„Natürlich wenn der Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz sich äußert, dann wollen wir das natürlich noch mal ganz genau prüfen. Denn wir gehen ja davon aus, dass er dann irgendwelchen, ja, belastbaren Indizien oder Belege hat, dass dem so sei. Wir konnten diese aber einfach nicht finden.”

Ein weiteres Indiz für die Echtheit: andere Videos von denselben Protesten.

„Diese Aufnahme zum Beispiel gibt es aus verschiedenen Perspektiven auch. Hier sieht man das aus einer anderen Perspektive, wie dieser Personenmob da lang läuft. Und so lässt sich tatsächlich die gesamte Demonstrationsroute rekonstruieren.“

Inzwischen können die Journalisten genau sagen, wo der Aufmarsch wann unterwegs war und wo es dabei zu Übergriffen gekommen ist. Dazu kommt noch die klassische Recherche vor Ort. Auch Reporter der „Tagesthemen“ treffen zwei Männer, die sagen: Sie seien die Gejagten in dem schlecht aufgelösten Video.

„Der Mann ist einfach zu uns gekommen und hat gesagt: Habt ihr ein Problem? Geh‘ weg von Deutschland, geh‘ doch raus! Dann hat er uns geschlagen.“

Faktenchecker sind sich also sicher: Das Video ist kein Fake. Es ist echt. Dabei passieren Faktencheckern auch Fehler. Etwa „Watson“, einem jungen Portal. Ausgerechnet ein rechter Demonstrant mit einem RAF-Tattoo – rein montiert, hieß es zunächst bei „Watson“. Dann: detailliert eine „Korrektur“: das „Hitlergruß-Bild mit RAF-Tattoo ist kein Fake“. Man habe sich zu sehr auf eigene, dürftige Bilder verlassen.
In sozialen Netzwerken geht die Chefredakteurin mit der Korrektur maximal in die Offensive: „Bitte helft uns, diese Korrektur zu verbreiten.“ Dafür: auch Lob.

„Die haben diesen Fehler dann transparent gemacht und erklärt, wie dieser Fehler zustande gekommen ist. Und sie haben sich dafür sehr aufrichtig entschuldigt. Und ich glaube, das ist der beste Weg.“

Auf die Arbeit der „Faktenfinder“ schauen in diesen Tagen viele ganz genau. Dabei ist es nicht nur an ihnen, Material in sozialen Netzwerken zu prüfen.

„Weil jeder eben auch selbst zum Sender geworden ist. Da hat jeder auch eine größere Verantwortung, das liegt nicht nur bei uns Medien, sondern das liegt auch bei jedem Einzelnen, die Verbreitung von Falschnachrichten nicht noch zu unterstützen.“

Auf Twitter treffen sie sich: Journalisten und technisch teils noch versiertere Nutzer. In ihrem Verifikations-Quizz üben sie täglich, Schnappschüsse zu analysieren. Heute stellt Lars Wienand die Aufgabe: Gesucht wird der Heimatort — dieses Schweins.

„Auch das ist Training für den Ernstfall. Das ist jetzt wirklich eine eher launige Aufgabe. Ein Schwein. Es ist aber auch eine eher harmlose Aufgabe. Das gleiche mit einem Menschen zu machen, kann ich bei einem Quizz nicht einfach so tun. Also das schult für andere Situationen.“

Es geht darum, fit zu sein, wenn es wieder mal ernst wird und die Faktenchecker herausgefordert werden. Vom Verfassungsschutz oder wem auch immer.

Die unheimliche Kampagne gegen die ARD

Über die strategischen “Staatsfunk”-Vorwürfe der Verlage

für ARD Fernsehen

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Fakten, Fakten, Fakten

Politik und Medien sind vor der Bundestagswahl im Anti-Fake-News-Rausch

für taz

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“Fake News”-Checker in Deutschland

für NDR Fernsehen

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Manuskript des Beitrags
Teil 1: Überblick

Sie wollen es für Facebook richten: Die Journalisten des Recherchebüros Correctiv: „Jäger der Falschmeldungen“. Im Januar gefeiert auch als die „Fake-News-Fahnder“.
David Schraven, Herausgeber “Correctiv”:
„Wir wollen, dass Menschen aufgeklärte Informationen haben, auf deren Basis sie auf tatsächlichen Informationen, auf deren Basis sie informierte Entscheidungen treffen können über die Zukunft unseres Landes.“
Die Umsetzung aber zieht sich: Correctiv sucht nun erst „zum schnellstmöglichen Termin Fact Checker“ und fragt: „Du möchtest im Internet nach falschen Behauptungen suchen und diese richtigstellen?“ Facebook wiederum: Schraubt noch immer an der Technik. Will aber bald auch in Deutschland, dass Nutzer einen verdächtigen „Beitrag als Falschmeldung markieren“ und der Konzern beim Teilen dann hinweisen: „von Faktenprüfern außerhalb von Facebook angezweifelt“.
Aber die Suche nach weiteren Partnern: kompliziert. „Facebook, Fake News und die Medien – Aufklärer verzweifelt gesucht“.
Stattdessen bauen Medien ohne Facebook Anti-Fake-News-Einheiten auf – auch ARD und ZDF. Öffentlich-rechtliche Sender im Kampf um die Deutungshoheit? Umstritten.
Kai Gniffke, Chefredakteur “ARD-aktuell”:
„Die ‚Tagesschau’ ist kein Wahrheitsministerium. Die ‚Tagesschau’ ist ein Dienstleister in Sachen Information. Und die ‚Tagesschau’ – glaube ich – ist auch die Quelle, bei der die Menschen nachgucken, wenn sie ein Gerücht oder eine Meldung hören, bei der sie sich nicht sicher sind, ob das stimmt.“
Peter Frey, Chefredakteur ZDF:
„Es hat auch etwas damit zu tun, dass ich davon ausgehe, dass die Bundestagswahl gezielt zum Anlass genommen wird, Deutschland mit ‚Fake News’ anzugreifen. Und darauf müssen wir eine Antwort geben.“

Teil 2: Besuch beim BR

Arbeitsgruppentreffen. Thema: Fake im Netz.
„Ich glaube, wir haben die Tools, um Fake-Videos zu finden. Wir finden sie halt in dem Moment, in dem sie gerade anfangen, von größeren Mengen von Leuten wahrgenommen zu werden.“
„Wir kriegen von diesen Videos halt nur etwas mit, wenn es in einen Artikel eingebunden ist, weil wir uns nur gerade auf die Artikel ein bisschen spezialisiert haben.“
Das Netz durchwühlen, aktuelle Aufreger suchen – vier Wochen gibt der Bayerische Rundfunk dieser Arbeitsgruppe, um den richtigen Umgang mit „Fake News“ zu finden. Die Einheit: „BR Verifikation“. Ziel: Vernetzung – mit Sendern, Redaktionen und Reportern. Gemeinsam: verifizieren.
„Ist aber tatsächlich noch so ein bisschen dürftig, was da aus den Redaktionen kommt.“
„Die sind noch nicht gewöhnt, dass es uns gibt. (Lachen)“

Deshalb fahnden sie selbst nach Fake-News – und werden immer wieder fündig, auch jenseits des Politischen.
„RT-Deutsch darüber ein Heilmittel gegen alle Krebsarten. Also die ganze Meldung macht einen eigentlich schon mal skeptisch.“
„Wenn was dran ist, dann machen wir es auch.“
„Dann machen wir es ganz groß – aber ich halte es für ausgesprochen unwahrscheinlich.“

Spezielle Datenbanken verraten den Journalisten, was gerade wie oft geteilt wird. Nur: Was in geschlossenen Gruppen oder auch auf WhatsApp passiert bleibt unsichtbar.
Stefan Primbs (“BR Verifikation”):
„Also wir sehen im Grunde nur die Spitze des Eisbergs. Wir hoffen aber ein bisschen, dass uns die Spitze des Eisbergs doch etwas über den Eisberg an sich verrät.“
Auch Sprachen sind eine Barriere. Für das Vorstoßen in die Filterblasen etwa von Türken in Deutschland brauchen Anti-Fake-News-Teams auch passende Mitarbeiter.
Stefan Primbs (“BR Verifikation”):
„Hier haben wir noch einen blinden Fleck. Das ist die türkischsprachige, die russischsprachige, auch die arabischsprachige Community in Deutschland.“
Trotz aller Probleme: In der Redaktion wird schon umgesetzt, Berichte über Falschmeldungen ans Publikum gebracht. Die klassische journalistische Form aber: ein Auslaufmodell.
Gudrun Riedl (Redaktionsleitung BR24):
„Wenn wir ein Thema posten, ist eben nicht gesagt, dass dieses Thema diskutiert wird, sondern das Thema nimmt eben in der Diskussion auf Facebook eine völlig andere Richtung. Und wenn wir diese Themensetzung unserer User – die uns ja liken – ernst nehmen, dann müssen wir das Thema eben in einer völlig anderen Facette diskutieren, auch recherchieren. Das nehmen wir wichtig. Und das halte ich auch für eine notwendige Weiterentwicklung des Journalismus.“
Beispiel: die Wahl die Wahl des Bundespräsidenten. Halbwissen bei den Nutzern: Gauck, der bisherige, wohne „in einem Schloss mit ca. 1.000 Zimmern“.
Die Journalistin schmeißt ihren „Fact Fox“ an – eine Datenbank für widerlegte Gerüchte. Automatisch wird die neue Behauptung mit früheren abgeglichen. Die journalistische Antwort – kopiert und eingefügt mit wenigen Klicks: „Ganz so ist es nicht“. Gauck wohnt nur in einer Villa.
Gudrun Riedl (Redaktionsleitung BR24):
„Das kennt jeder auch aus seinem eigenen Kreis, Freunde, Bekannte, Familie –, dass oft sich Vorurteile lange halten und auch immer wieder diskutiert werden zu bestimmten Zusammenhängen. Und Social Media bewegt sich eben auch in so einem Rahmen. Das hat auch zu tun mit Journalismus: Wir haben uns Jahrzehnte nicht erklärt, warum sehen wir ein bestimmtes Thema unter diesen Gesichtspunkten, auch von der Faktenanordnung her. Wir müssen es einfach besser erklären…“
„…transparent machen.“
„Transparent machen. Erklären, wie wir zu einer Einschätzung kommen, diese Einschätzung aber auch diskutieren mit den Argumenten, die uns entgegengestellt werden.“

„Tools und Technik“ gegen „Fake News“ – noch entwickeln die Journalisten das in ihrem Labor. Und fragen sich dabei: Ob Gerüchte tatsächlich Wahlen entscheiden können? Hier glauben sie nicht daran. Aber:
Stefan Primbs (“BR Verifikation”):
„Es kann natürlich durchaus sein, dass gewisse Stimmungselemente durch eine Reihe von, insbesondere von propagandistisch gefärbten News verändert werden. Und diese Stimmungselemente können wir wahrnehmen. Darauf müssen wir als Medien reagieren und müssen den Leuten helfen, die Sachen einzuordnen.“

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“ZAPP”)

Faktencheck in den Medien

Wie “Spiegel”, “Tagesschau” und Co. Qualität sichern – und was trotzdem durchrutscht

für NDR Fernsehen

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Manuskript des Beitrags
Bertolt Hunger hat schon Fakten geprüft, bevor der Journalismus in die Glaubwürdigkeitskrise kam. Seit gut zwanzig Jahren ist er Dokumentar beim „Spiegel“ – einer von 70. Dokumentare checken die Texte ihrer Kollegen. Tatsächlich: Wort für Wort.

„Wir haben hier ein Jahrzehnte altes System – simpel, aber effektiv. Alles, was hier durchgestrichen ist, ist korrekt. Ich kann auf einen Blick sehen, ist noch etwas offen oder nicht. Hier ist jetzt alles erledigt. In der Regel schreiben wir auch unsere Quelle daneben.“

Fast 250 Journalisten arbeiten für den „Spiegel“. Die aktuelle Produktion: für die Kamera tabu. Das Beispiel für den Fakten-Check: ein Fall von Anfang Februar: „Putins Schläfer: Tschetschenische Agenten getarnt als Flüchtlinge“.

Aber wie viele kommen so nach Deutschland? Der Autor schreibt ursprünglich: „Mehr als 4.000“.

„Ich habe gefunden, im vergangenen Jahr eine höhere Zahl. Im Jahr davor war sie niedriger. Also das schwankt sehr stark. Deswegen kann man 4000 sowieso schon mal nicht sagen. Und mein Versuch dann, an dem Nachmittag noch von der zuständigen Behörde Zahlen für mehrere Jahre zu bekommen, ist gescheitert. Und dann mussten wir am Ende etwas allgemeiner werden.“

Im Magazin ist dann nur noch von „Tausenden Tschetschenen“ die Rede. Ein Fehler: vermieden.

In der Chefredaktion. Auch hier liefern die Dokumentare ihre Korrekturvorschläge an. Über manches wird heftig gestritten.

„Da der „Spiegel“ ja auch in seinen Geschichten ja immer auch eine Kommentierung mitliefert, gibt es da manchmal ganz schöne, ein Kräftemessen – ist einer Inflationsrate von 1,5 problematisch für die Wirtschaft oder erst ab 2,5 oder so was. Da kann es dann auch zu Glaubensfragen ausarten.“

Bei der Interpretation von Fakten – also Meinung – entscheidet die Chefredaktion. Hunderte eindeutige Vorschläge
der Dokumentare werden hingegen sofort übernommen – pro Ausgabe.

Treibt nur der “Spiegel” diesen Aufwand? ZAPP hat bei mehr als 20 Medienhäusern nachgefragt. Das Ergebnis: Auch andere Magazine haben Fakten-Check-Abteilungen – wenn auch deutlich kleinere.

Produktionstag bei der „Zeit“ – dem Gegenmodell. Denn: trotz Wochenrhythmus‘ – hier prüfen seit jeher die Redakteure die Texte, die auch die Seiten planen – ohne Fakten-Check-Abteilung.

„Die ‚Zeit‘ braucht das nicht, weil bei der Zeit funktioniert das tatsächlich sehr, sehr gut, ohne dass wir eine eigene Abteilung haben. Unsere Ressorts und unsere Redaktion, die arbeitet auch so, dass sich die Kollegen aufeinander verlassen, dass die Kollegen sich gegenseitig redigieren, gegenseitig ihre Texte checken.“

Spezialisierte Redakteure sollen die Qualität sichern. Texte über die Volkswirtschaft redigiert auch ein Volkswirt, juristisches ein Jurist. Klappt das genauso gut ohne separate Fakten-Checker? Das Problem: Statistiken dazu fehlen.

Neben der „Zeit“ arbeiten vor allem aktuelle Medien ohne Fakten-Check-Abteilungen. Eine Sprecherin von Axel Springer bringt das Prinzip auf den Punkt: „Fact-Checker heißen bei uns Journalisten und davon haben wir in allen Redaktionen eine Menge.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ merkt zudem an: „90 Prozent unserer Texte werden in der Stunde vor Redaktionsschluss fertig“.
Wie Qualitätssicherung bei ihnen funktioniert, wollen sie aber nicht zeigen. Anders: ARD-aktuell.

Vergangenen Montag – es entsteht die „Tagesschau“. Spezialisten prüfen hier bei Bedarf Bildquellen, sonst: Generalisten – jeder muss jedes Thema übernehmen können, wenn die Aktualität treibt.

Er – heute zuständig für die Bundespolitik. Die Reporter – unterwegs im Regierungsviertel. Währenddessen scannt er – über Agenturen und Live-Übertragungen – die Nachrichtenlage aus der Ferne. So wird er zum Fakten-Checker.

„Ich sitze ja den ganzen Tag auf diesen zwei Themen. Und ich versuche das immer so anzugehen als wäre ich der Autor. Also würde der andere aus den Latschen kippen, könnte ich übernehmen – also wenn ich das Material hätte. Also so arbeite ich – und ich glaube, die anderen auch – sich so rein, weil dann ist man sozusagen auf Ballhöhe.“

Am Ende: Textabnahme kurz vor der Sendung. Vieraugen-Prinzip – mit Abstand zu den Reportern.

„Die Korrespondenten vor Ort sind sehr in ihren Themen drin. Häufig müssen sie sich schnell einarbeiten, aber sie sind in der Regel gut drin. Das gilt insbesondere für die Auslandskorrespondenten, die das US-Wahlsystem kennen und unsere London-Korrespondenten sind inzwischen Fachleute im Brexit. Und wir hier aus der Distanz haben einen eigenen Blick. Und in der Regel gelingt es uns, das zusammenzuführen zu einem verständlichen und auch inhaltlich korrektem Stück.“

Und trotzdem: Fehler passieren. Große wie hier aus dem Krisengebiet in der Ukraine:
(Programmauszug)
Und vermeintlich kleine – erst am Sonntag: Obwohl der neue Bundespräsident aus Ostwestfalen-Lippe stammt: nur…
(Programmauszug)

„Die Menschen in Lippe wissen, woher der Steinmeier kommt und dass das ein Lipper ist. Und da fällt es natürlich denen besonders auf, wenn wir da ungenau sind. Und dann kommt vielleicht auch der Verdacht auf, dass wir in anderen Punkten ungenau sind. Und das wollen wir nicht.“

Und auch dem „Spiegel“ mit seinem opulenten Fakten-Prüf-Apparat rutschen Fehler durch, die an der Glaubwürdigkeit kratzen. Auch hier: ein Geburtsort – von US-Präsident Bill Clinton: Litte Rock im Staat „Alabama“ – richtig ist: Arkansas. In der folgenden Ausgabe: Die Korrektur.

„Wir haben uns alle geschämt und an den Kopf gefasst. Aber es ist passiert. Der menschliche Fehler kann mal vorkommen. Es gibt sicherlich irgendwelche Erklärungen von wegen, da ist irgendjemand noch drüber gegangen und der Dokumentar hat es nicht mehr gesehen oder was auch immer. Aber es zeigt – ja, dass am Ende: kein System hundert-prozentige Sicherheit gewährleistet.“

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“ZAPP”)