Millionen für deutsche Verlage

Der Tech-Konzern Google pumpt immer mehr Geld in die Medienlandschaft, auch in Deutschland. Für ZAPP habe ich eine Zwischenbilanz gezogen.

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —
Google hat schon wieder etwas Neues. In der Google-eigenen „News-App“ dürfen Zeitungen und Verlage ihre Inhalte jetzt in einer Art „Schaufenster“ präsentieren. Von der „Zeit“ über „T-Online“ bis zum „Spiegel“. „Showcase“ heißt das. Und Google: zahlt dafür.
Der frühere „Handelsblatt“-Manager Gerrit Rabenstein verantwortet die Partnerschaften zu den Verlagen in Deutschland. Er ist ganz stolz.
[Gerrit Rabenstein, “Google News Initiative”] “Google News Showcase” ist in der Tat das größte und ehrgeizigste Projekt, was wir dieser Art gestartet haben. Über die nächsten drei Jahre wird Google dort 900 Millionen Euro investieren. (…) Was wir davon haben, ist: Wir können da, wir können unsere Nutzerinnen und Nutzern zum Beispiel in “Google News” zusätzliche, weiterführende Informationen anzeigen. Verlage haben davon, dass sie neue Nutzerinnen und Nutzer auf ihre Internetseiten teilweise auch für Bezahlcontent heranführen.“
Dem „Tagesspiegel“ und anderen Verlagen kauft Google die Texte aber nicht ab. Wer sie lesen will, den leitet die Suchmaschine auf das jeweilige Portal – mitunter direkt zum Abo-Angebot.
Im Verlag ist die Freude groß: Der Technologieriese schickt Publikum und auch noch Geld. Der Chefredakteur weiß jedoch: Damit verfolgt der Tech-Konzern natürlich auch eigene Ziele.
[Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur “Der Tagesspiegel”] „Google ist schon der Konzern, der sich im Moment am meisten auf die Verlage zubewegt hat. Das muss man schon sagen. Wie gesagt, wir machen uns da nichts vor. Aber es ist eines, es sind sehr interessante Schritte und es vor allen Dingen bedeutet für uns in der Umsetzung und in der Praxis, dass wir definitiv Vorteile haben und besser dastehen als vorher.“
Wenn es um Medien geht, ist Google seit Jahren allgegenwärtig. Mit seiner „Digital News Initiative“ und einem Nachfolgeprojekt pumpt der Konzern weltweit viele Millionen Euro in den Medienmarkt. Finanziert damit Digitalprojekte in zahlreichen Verlagshäusern. Google sponsert zahlreiche Journalistentreffen und investiert auch in die Ausbildung, etwa mit Stipendien für Datenjournalisten.
Ingo Dachwitz sieht das kritisch. Er legt gerade mit der Otto-Brenner-Stiftung eine Studie vor: „Medienmäzen Google“. Dafür haben die Autoren mit vielen in der Branche gesprochen.
[Ingo Dachwitz, netzpolitik.org] „Was die Verlagsleute angeht, ist erst mal ganz deutlich geworden: Viele Innovationsprojekte der letzten Jahre wären nicht zustande gekommen, wenn Google gar nicht dieses Geld gegeben hätte. Also Google stößt da in eine Lücke vor, die die Verlage in Sachen Innovation offengelassen haben. Das ist für viele Verlage, gerade auch für kleinere Verlage, aber selbst für die größeren essenziell gewesen, eigentlich an der Stelle die Unterstützung von Google zu bekommen. Und da ist so ein bisschen die Haltung: Der Journalismus braucht eigentlich jede Hilfe, die er kriegen kann, und kann deshalb auch nicht wählerisch sein an der Stelle, von wem es Geld gibt.“
Im Verlagshaus Gruner + Jahr hat der „Stern“ mit Geld von Google eine junge politische Talkshow entwickelt, zu sehen auf Googles Portal Youtube.
Auch technische Standards haben Medien gemeinsam mit Google entwickelt – etwa einen Code, der Webseiten schneller laden lässt – zum Beispiel: Nachrichtenangebote.
Googles Initiativen sind wohl auch eine Folge politischen Drucks.
Viele Verleger fordern seit Jahren: Die Politik soll Google verpflichten, für die Einbindung von Nachrichten in Google-Angeboten zu zahlen. Im Frühjahr soll es EU-weit soweit sein.
[Ingo Dachwitz, netzpolitik.org] „Wir können ganz klar nachweisen, welche strategischen Interessen es eigentlich gibt, die sich mit diesen Initiativen verbinden. Das ist der PR-Aspekt. Das ist die politische Landschaftspflege an der Stelle. Das ist das Abwehren von Regulierungsversuchen im medienpolitischen Bereich. Das ist teilweise auch die Vermarktung eigener Google Produkte.“
[Gerrit Rabenstein, “Google News Initiative”] „Ich habe manchmal den Eindruck, es wird laut gerufen danach, dass wir uns engagieren. Und wenn wir etwas tun, dann ist es aber auch wieder falsch. Ich glaube manchmal, unsere Kritiker müssen sich auch entscheiden, welche Rolle sie Google zugestehen möchten. Wir sind nicht nur als Technologieanbieter, sondern auch als Suchmaschine natürlich daran interessiert an einer engen Zusammenarbeit und einem engen Austausch.“
Für etliche Verlage überwiegt der Vorteil: Google nehme sie und ihre Sorgen ernst. Aber was ist mit der gesunden journalistischen Distanz?
[Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur “Der Tagesspiegel”] „Unseren Journalismus machen wir völlig unabhängig von Google. Es kann durchaus auch auf diese Art und Weise Artikel verlinkt werden von uns, von unserer Seite aus, die sich kritisch mit Google auseinandersetzen. Google hat null Einfluss auf die redaktionelle Arbeit. Es wäre noch schöner!“
Die Studienmacher berichten: Zumindest einzelne Gesprächspartner hätten durchaus Sorgen vor Selbstzensur und Beißhemmungen durch eine größere Nähe zu Google.
[Ingo Dachwitz, netzpolitik.org] „Wir haben von keinem Fall gehört, dass das Google jetzt als Tool benutzt hätte, um Berichterstattung zu verhindern oder explizit Einfluss zu nehmen. Das ist sozusagen die gute Nachricht. Die gute Erkenntnis an der Stelle. Die schlechte Nachricht ist: Es bleibt trotzdem nicht ohne Folgen für die Branche. Und es bleibt nicht ohne Gefahren für die Verlage.. (…) Wenn man anfängt, damit zu planen, dass es Geld von Google gibt an der Stelle, dann muss man auch stärker darauf achten, dass man den Förderer an der Stelle nicht verschreckt. Ich halte es aus journalistischer Perspektive nicht für klug.“
Google ist der „Gatekeeper“ im Internet. Dem können und wollen sich viele Medien nicht verschließen. Die Berührungsängste sind spürbar weniger geworden. Manche können sie sich womöglich einfach nicht mehr leisten.

(Quelle: NDR-“Zapp”)

Wie die deutsche Presse sich selbst kontrolliert

Der Presserat half einst, um ein Bundespressegesetz und damit eine staatliche Regulierung abzuwenden. Aber: Funktioniert das wirklich? Ein “Hintergrund” für den Deutschlandfunk.

für DLF

Dieser Beitrag wird hier lediglich als Arbeitsprobe präsentiert. Die Rechte, etwa für Vervielfältigungen, liegen beim DLF.

— Manuskript des Beitrags —

Manfred Protze kann getrost „Mr. Presserat“ genannt werden. Er ist seit 33 Jahren dabei und schätzt, dass er seitdem bereits an etwa 15.000 Entscheidungen beteiligt war. Protze befindet mit seinen Kolleginnen und Kollegen darüber, ob Verlage Grenzen überschritten haben. Kurz nachdem Protze zum Presserat kam, war er 1988 selbst Berichterstatter eines Vorgangs, der das Gremium intensiv beschäftigt und geprägt hat.

Tagesschau 1988: „Das Geiseldrama ist heute gewaltsam beendet worden. Bei einer Schießerei auf der Autobahn Köln-Frankfurt konnten die Geiselnehmer von Gladbeck und Bremen überwältigt werden. Doch in dem Feuergefecht kam noch eine weitere Geisel ums Leben.“

Protze war Regionalreporter der Deutschen Presse-Agentur. Als die Geiselnehmer durch sein „Territorium“ bei Oldenburg fuhren und die Polizei eine Nachrichtensperre verhängt hatte, wollte er sich ein eigenes Bild machen. Die Geiselnehmer schossen auf das Taxi, in dem er saß. Zwar wurde niemand verletzt. Aber: Ein Journalist, von Geiselnehmern beschossen – konnte so jemand Teil des Kontrollgremiums der Presse sein?

„Zum einen habe ich natürlich als junges Mitglied im Presserat die Vereinbarkeit meiner Rolle als – wenn man so will – ethischer Richter mit meinem eigenen Rechercheverhalten zum Thema gemacht. Habe das dem Leitungsgremium des Presserats vorgelegt. Die haben aber keinen Anlass gesehen, mein Amt in irgendeiner Weise in Zweifel zu ziehen. Das war die eine Seite. Und die andere: Es gab Verhalten von Journalisten, das durchaus auch Grenzen überschritten hat.“

Den Presserat haben vor allem die Interviews beschäftigt, die Reporter damals telefonisch mit den Geiselnehmern führten. Während die Geiseln noch in einer Bank um ihr Leben bangten, aber auch, als sie mit ihren Geiselnehmern auf der Flucht waren.

TV-Beitrag: „Fußgängerzone Köln, der dritte Tag. Hier wurde das Gangsterstück vollends zur Massenunterhaltung. Und wieder: Die Journalisten ohne Abstand verhindern ein Eingreifen der Polizei. Interviews mit den Geiselnehmern.“
„Wir waren in einer Notsituation. Was sollen wir machen? Ich habe keine Lust, mich von Maschinenpistolen durchlöchern zu lassen, ne?“

Der Presserat sprach mehrere Rügen aus, erinnert sich Protze. Außerdem zog das Gremium Konsequenzen aus dem Fall. Es erweiterte sein Regelwerk.

„Und das Wichtigste dabei ist halt die Festlegung: Interviews mit Tätern während des Tatvorgangs darf es nicht geben. Also man darf ihnen während der Ausübung einer Straftat nicht auch noch eine öffentliche Bühne liefern. Und das zweite ist generell die Festlegung: Die Presse wird sich nicht als Propagandainstrument für Straftäter gleich welcher Art zur Verfügung stellen.“

Der Pressekodex ist Richtschnur für Journalistinnen und Journalisten. Das Gremium haben 1956 fünf Verleger und fünf Journalisten gegründet – nach britischem Vorbild. Sie konnten damit ein Bundespressegesetz abwenden, das eine stärkere staatliche Regulierung vorsah. Der Presserat steht damit auch für die Pressefreiheit. Heute tragen ihn der Zeitungsverlegerverband BDZV, der Zeitschriftenverband VDZ sowie die Gewerkschaften DJV und DJU.

Aktiv wird der Presserat nur, wenn sich Leserinnen und Lesern bei ihm über einen Bericht beschweren – egal, ob Texte in gedruckten Zeitungen erschienen sind oder in den digitalen Angeboten der Verlage. In den vergangenen Jahren erreichten das Kontrollgremium immer mehr Beschwerden, 2019 waren es 2.175. Nur 2015 waren es in der Geschichte des Presserats noch mehr. Das lag vor allem an einem Fall:

Tagesschau 2015: „Flugzeugkatastrophe in den südfranzösischen Alpen. Auf ersten Bildern des Unglücksortes sind Trümmerteile mit Schriftzügen des Germanwings-Flugzeugs zu sehen. Sie sind weit verstreut.“

Beim Absturz der Germanwings-Maschine gingen unter anderem Beschwerden zu sogenannten Opfergalerien ein: Boulevardzeitungen, aber auch Zeitschriften zeigten Fotos der Verstorbenen, dazu Namen und teilweise auch Hobbys sowie weitere Details, die sich in Profilen etwa auf Facebook recherchieren ließen. Der Germanwings-Absturz beschäftigte das Gremium aber auch über Opferfotos hinaus, erinnert sich Protze.

„Ich nehme mal als Beispiel die Frage: Durfte ein Medium aus den Krankenakten des Unglückspiloten zitieren oder nicht? Da gab es massive Beschwerden zum Beispiel von Ärzten, die der Auffassung waren, hier wird nicht nur das Persönlichkeitsrecht des Piloten verletzt, gegebenenfalls sogar seiner Angehörigen, sondern auch noch die ärztliche Schweigepflicht unterlaufen und dergleichen. Das sind dann Fälle, in denen wir wirklich sehr intensiv streiten.“

Am Ende entschied der Presserat unter anderem: Der Co-Pilot, der die Maschine zum Absturz brachte, durfte in den meisten Fällen benannt und gezeigt werden. Der Presserat rügte aber eine Veröffentlichung von Fotos der Getöteten – wie oft in solchen Fällen, zumal wenn es auch um Kinder geht.

Knifflig sind auch Fälle, in denen es um den Verdacht auf Schleichwerbung geht, wenn also in Zeitungen und Zeitschriften die Grenze zwischen journalistischen Veröffentlichungen und Anzeigen verschwimmt. Neben Regionalzeitungen erhalten vor allem Illustrierte Rügen für Schleichwerbung.

Schleichwerbung beschäftigt den Presserat zunehmend – und damit auch Sascha Borowski. Er ist seit August der neue ehrenamtliche Sprecher und seit 2014 im Presserat. Hauptberuflich ist er „Chief Digital Editor“ der „Allgäuer Zeitung“. Borowski engagiert sich im Presserat, weil ihm daran gelegen ist, dass die Branche selbst weiter auf ihre journalistische Sorgfaltspflicht achtet – einen zentralen Grundsatz des Pressekodex.

„Die meisten Beschwerden, die wir im Presserat bekommen, sind tatsächlich Leser von Regionalzeitungen, die ein ganz spezielles Verhältnis zu ihrer Zeitung haben. Die stehen zu ihrer Zeitung. Die finden ihre Marke gut. Die haben ein Verhältnis zu ihrer Marke und sie wollen, dass da wirklich in den Redaktionen, dass ihre Zeitung sauber und sorgfältig recherchiert. Und das muss unser Anspruch sein, bei allem Druck, den wir haben – wirtschaftlicher Druck, zeitlicher Druck. Und dazu gehört auch, dass wir, wenn wir Fehler machen und wir machen Fehler, dass wir die transparent korrigieren – übrigens auch im Digitaljournalismus. Das ist sehr, sehr wichtig. Da ist es sehr einfach, Texte kurz zu ändern, neu zu speichern und zu veröffentlichen und damit Fehler zu kaschieren.“

Verlage, die sich dem Presserat angeschlossen haben, haben sich auch zu Transparenz bei eigenem Fehlverhalten verpflichtet. Rügen, die der Presserat bei klarem Fehlverhalten gegen sie ausspricht, müssen sie demnach selbst veröffentlichen. Regionaljournalist und Presseratssprecher Sascha Borowski:

„Es ist, glaube ich, schon für jeden Journalisten nicht schön, wenn ihn Kolleginnen und Kollegen aus der Praxis rügen, weil er seine Profession nicht sauber gemacht hat. Insofern glaube ich schon, dass wir als Presserat durchaus eine gewisse Wirkung haben.“

Der gewissermaßen prominenteste Stammkunde des Presserats ist die „Bild“-Zeitung. Sie hat immer wieder deutlich gemacht, was sie vom Presserat hält. Die Redaktion berichtete schon mal unter Überschriften wie „Irre!“ über die Entscheidungen des Gremiums. In einem Fall – 2015 – starteten die Boulevardjournalisten sogar eine regelrechte Kampagne.

Der Presserat hatte entschieden, dass der Mord an einer 18-Jährigen nicht herausragend genug sei, um – ausnahmsweise – etwa auch ein Foto des Mörders zu veröffentlichen. Die Persönlichkeitsrechte, die auch Täter und Tatverdächtige hätten, seien wichtiger. „Bild“ berichtete tagelang und startete einen Aufruf:

„Wie finden SIE, dass der Presserat den Mord an einer 18-Jährigen ‚nicht besonders‘ findet? Sagen Sie ihm Ihre Meinung – und bitten Sie um eine Antwort!“

2011 drehte „Bild“ den Spieß sogar um, deutete die Rügen des Presserats zu einer Art Qualitätsmerkmal um:

„BILD erhält die meisten Beschwerden beim Deutschen Presserat. Weil wir uns nicht scheuen, unsere Meinung zu sagen und – im Interesse unserer Leser – den Mächtigen auf die Füße zu treten.“

Das alles ist ein paar Jahre her. Heute ist Julian Reichelt der Chefredakteur von „Bild“. Anders als seine Vorgänger will er nicht die Konfrontation suchen, sagt er:

„Es ist klar, dass Regulatoren – in dem Fall ja sozusagen Selbstregulatoren – und Regulierte nicht immer einer Meinung sind. Ich sehe allerdings keinen Anlass, da jetzt in irgendeiner Weise sozusagen zurückzuschlagen oder massiv Stimmung dagegen zu machen. Die machen ihre Aufgabe, wir machen unsere Aufgabe. Wie genau diese Aufgabe definiert ist, ist dynamisch. Wie Journalismus verstanden wird, was berichtet werden sollte, was nicht, ist immer in gewisser Weise auch dem Zeitgeist unterworfen – nach meinem Empfinden ein bisschen zu sehr dem Zeitgeist unterworfen.“

Reichelt sagt etwa: Wer es mit einem Mord an Kindern oder als Terrorist frei gewählt habe, in die Geschichtsbücher einzugehen, der solle da auch bleiben – auch mit vollem Namen. Und auch in einem anderen Punkt widerspricht er dem Presserat, dem neben Journalisten auch Vertreter von Verlagen angehören, auch vom Axel-Springer-Konzern, der „Bild“ herausgibt: Bei der Frage, ob die Presse Ausschnitte aus Videos zeigen darf, die Täter selbst ins Internet stellen oder live in sogenannten sozialen Netzwerken übertragen – wie 2019 die Attentäter in Christchurch und Halle.

Der Presserat entscheidet stets mit einfacher Mehrheit. Die will nicht, dass sich Journalistinnen und Journalisten zu Instrumenten von Tätern machen – wie bei den Interviews vor gut 30 Jahren in Gladbeck. Der „Bild“-Chefredakteur verteidigt hingegen seine Veröffentlichungen: Es gehe darum, die Täter und ihre Radikalisierung zu verstehen. Deshalb veröffentliche er auch Auszüge solcher Videos.

„Wer sind die Täter? Wie sind sie zu Tätern geworden? Was wurde da vielleicht nicht gesehen? Was wurde da übersehen? Und was von dieser Ideologie ist im Gange? Oder nimmt vielleicht sogar gerade noch zu? Was davon kann gestoppt werden? Was sehen wir da gerade nicht? All das ist nach meiner Auffassung die Aufgabe von Journalismus. Der Presserat kommt da zu einer anderen Auffassung. Aber das ist das Schöne in einem freien Land, dass man da darüber trefflich unterschiedlicher Meinung sein kann und auch streiten kann.“

Er selbst ärgere sich nicht über Rügen, sagt Reichelt. Und auch andere, langjährige Kritiker des Systems „Presserat“, hinterfragen die Wirkmacht des Kontrollorgans.

„Natürlich ist es nicht schön, so eine Rüge zu kassieren. Aber, ich meine: Wen juckt’s?!“

Medienjournalistin Ulrike Simon beobachtet die Arbeit des Presserats schon seit mehr als 20 Jahren, aktuell für die Branchenzeitung „Horizont“. Grundsätzlich ist das Instrument des Presserats eine gute Idee, sagt Simon. Die Medienjournalistin sieht in der Konstruktion aber auch ein Problem: Der Presserat sieht keine empfindlichen Strafen vor. Nur das würde aber ihrer Meinung nach in Redaktionen zu einer Verhaltensänderung führen, die sich konsequent anders verhielten, als es der Pressekodex vorsehe.

„Wenn ich Auto fahre, kann ich selbstverständlich immer wieder über rote Ampeln fahren, kann immer wieder die Geschwindigkeit übertreten. Ein Problem habe ich erst, wenn ich erwischt werde, wenn ich mehrfach erwischt werde, vielfach erwischt werde, mir einiges zu Schulden kommen lasse, dann habe ich irgendwann entweder Führerscheinentzug oder ich habe Punkte in Flensburg, muss irgendwann notgedrungen einen ‚Idiotentest‘ machen, wie man das landläufig nennt. So etwas gibt es in den Medien nicht. Es kostet kein Geld, es muss kein Chefredakteur noch einmal ein Volontariat machen, wenn er immer wieder Verstöße begeht. Diese Konsequenzen gibt es nicht und kann es auch nicht geben. Insofern ist es ein Dilemma, das nur zum Teil zu lösen ist.“

Das langjährige Presseratsmitglied Manfred Protze berichtet wiederum: Viele Verlage betrieben bei den Anhörungen einen teils beachtlichen Aufwand, um das Gremium mit ausführlichen Schriftsätzen davon zu überzeugen, dass eine Rüge in ihrem Fall nun gerade nicht angebracht sei. Ganz egal scheine ihnen eine drohende Rüge also nicht zu sein. Bei denen, die für die Rechte der Betroffenen einer Berichterstattung kämpfen, ist der Presserat wiederum kein beliebtes Instrument.

„Der Presserat hat in seiner Geschichte an der Praxis gerade der Boulevardmedien nichts, aber auch gar nichts ändern können.“

Der Berliner Anwalt Christian Schertz hat sich auf den Schutz von Persönlichkeitsrechten spezialisiert.

„Ich habe manchmal das Gefühl gehabt, dass gerade bei ‚Bild‘, in den schlimmsten Zeiten der ‚Bild‘-Zeitung, die Rügen eher sogar fast als Ehrung angesehen wurden. Nach dem Motto ‚Da haben wir mal wieder richtig gerockt‘. Und deswegen mache ich keinen Hehl daraus, bei allem Respekt vor dem von der Institution selbst und der Idee, dass er in der Praxis leider nichts verändert hat und auch keine Wirkung entfaltet. Das Einzige, was wirklich hilft, gegen diese Medien und solche Verrohung der Medien vorzugehen, sind presserechtliche Schritte bei Gericht.“

Dann, nur dann, drohten auch echte Strafen und vor allem auch: Strafzahlungen mit abschreckendem Charakter. Schertz wünscht sich zudem, dass sich der Presserat öffnet.

„Es sind letztlich die Vertreter von Burda, Bauer, Springer et cetera, die dort über sich selbst richten. Und damit ist es natürlich schon dem Grunde nach was Anderes, als wenn unabhängige Richter über so einen Fall entscheiden. Das heißt, ich würde mir wünschen, dass der Presserat, wenn er denn überhaupt mal Reformwillen entwickelt, versucht, unabhängige, vielleicht auch pensionierte Richter zu gewinnen für die Spruchkörper und nicht Verlagsvertreter aus den Boulevardmedien, aber auch aus anderen Medien, die dann letztlich über sich selbst entscheiden müssen, und man sticht dem anderen nicht so gerne ein Auge aus. Das ist auch bei Journalisten so.“

Der Presserat selbst sieht sich allerdings nicht als Ersatzjustiz, sondern als zusätzliches, brancheninternes Instrument – vor allem auch, um den einen oder anderen Streit zu klären, bevor ein ordentliches Gericht bemüht werden muss mit all den Kosten, die daran hängen.

Der Presserat bekommt laufend neue Fälle auf den Tisch. In diesen Tagen – mal wieder über eine Berichterstattung von „Bild“.

In Solingen soll eine Mutter fünf ihrer eigenen Kinder getötet haben. Deren elfjähriger Bruder, zum vermuteten Tatzeitpunkt in der Schule, tauschte sich anschließend per Whatsapp mit einem zwölfjährigen Freund aus. RTL, aber eben auch „Bild“ zitierten aus dem Chat, zeigte die beiden Jungen. Dabei mahnt die Richtlinie 4 des Pressekodex zu den Grenzen einer Recherche: Gegenüber schutzbedürftigen Personen sei „besondere Zurückhaltung geboten“ – bei Kindern und bei Menschen in einer „seelischen Extremsituation“.

„Bild“ hat den Text nach heftigen Protesten etwa in sozialen Netzwerken wieder aus dem Netz genommen – wie es vom Axel-Springer-Verlag heißt, um den Freund des Überlebenden nicht „dauerhaft identifizierbar“ zu machen. Außerdem habe die Mutter des Chatpartners die Veröffentlichung zuvor ausdrücklich erlaubt. Ob das eine weitere Rüge abwendet?

Schon länger liegen dem Gremium Eingaben vor im Fall einer polizeikritischen Kolumne der „taz“, gegen die Bundesinnenminister Horst Seehofer nach eigenen Angaben sogar eine Strafanzeige prüfte.

Die Autorin hatte – bereits im Juni und zudem satirisch – angeregt, Polizisten auf die „Mülldeponie“ zu werfen. Hunderte Beschwerden gingen beim Presserat ein. Der will an diesem Dienstag prüfen, ob die Kolumne gegen Ziffer 1 seines Kodex verstößt: die Wahrung der Menschenwürde. Medienkritikerin Ulrike Simon fragt sich jedoch, ob dieser Stoff überhaupt für das ehrenamtliche Gremium geeignet ist.

„Diese Kolumne strotzte vor Geschmacklosigkeit. Geschmacksfragen sind nicht das Thema des Presserats. Das ist ein Thema, das der Journalismus für sich diskutieren muss.“

Überfordern Kolumnen, zumal zugespitzt satirische, das Selbstkontrollgremium der Presse? Auch der neue Sprecher des Presserats, Sascha Borowski sieht schwieriges Terrain:

„Vieles dabei ist tatsächlich eine Stilfrage, eine Geschmacksfrage und vielleicht gar nicht unbedingt eine medienethische Frage. Insofern bin ich auch sehr gespannt, was die Kolleginnen und Kollegen im zuständigen Beschwerdeausschuss sagen werden, ja.“

In den 1950er-Jahren startete der Presserat mit einem Beschwerdeausschuss. Mittlerweile sind es drei. Das Kontrollorgan wächst mit der Masse der Beschwerden. Presserat-Sprecher Borowski wirbt dafür, den Presserat dennoch nicht zu überhöhen.

„Ich bin der Meinung, der Presserat ist vor allem ein Kollegengremium. Da sitzen 28 Fachleute, die aus der Praxis kommen, und die diskutieren über mögliche Verfehlungen von Kolleginnen und Kollegen und sagen dazu dann ihre Meinung. Und ich finde, so muss man den Presserat auch sehen: Der kann Tipps geben, der kann hilfreich sein, der kann immer wieder dazu anregen, dass die Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion wirklich diskutieren über Entscheidungen und damit sensibilisieren. Ich glaube, das ist so mit eine Hauptaufgabe des Presserates, bei der Arbeit in die Redaktionen hinein.“

Kritiker wünschen sich unter anderem, dass der Deutsche Presserat schneller entscheidet, gerade bei den eher wenigen Fällen, die groß in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Der neue Sprecher sagt: Ihm persönlich sei es bisweilen auch zu lang, wenn zwischen Veröffentlichung und Entscheidung mehrere Monate lägen wie nun bei der „taz“. Sascha Borowski bittet aber auch um Verständnis: In den Beschwerdeausschüssen säßen nun mal Praktiker, die neben ihrer hauptamtlichen Arbeit in Redaktionen und Verlagen ehrenamtlich zusammenkämen – und das eben derzeit vier Mal im Jahr.

(Quelle: DLF-“Hintergrund”)

Keine Zeit für Experimente

Vor knapp fünf Jahren gingen Formate wie “Bento” und “Ze.tt” an den Start. Jetzt naht bei vielen das Ende. Ist allein Corona daran schuld? Notiert für die taz.

für taz

„Zeit für etwas Frisches“ – mit diesen Worten gab der damalige Spiegel-Online-Chefredakteur Florian Harms 2015 den Startschuss für „das neue Angebot für junge Leute“ aus seinem Haus: Bento war geboren. Die Neuen bezogen einen eigenen Newsroom, maximal getrennt von ihren älteren Kolleginnen und Kollegen.Die einen pflasterten vom Dachgeschoss aus das Internet zu, die anderen begannen, sich im Erdgeschoss auszutoben.

Es war die Zeit, in der Verlage viel probierten, um weiteres Publikum für sich und vor allem auch für die eigenen Werbekunden zu gewinnen. Bei dem Aufbruch ging es nicht zuletzt darum, die nächste Generation an etablierte Häuser zu binden.

Wenige Monate vor Bento hatte bereits Zeit Online einen Ableger gestartet. „Es ist ein Ze.tt“, bloggte Jochen Wegner, der Chefredakteur von Zeit Online. Das neue Team, sagte er damals im Interview, solle „ein bisschen rumspielen, uns auch ärgern“. Der Verlag spendierte Ze.tt sogar eigene Räume mehrere U-Bahn-Stationen entfernt, um möglichst unabhängig wirken zu können.

Der Start dieser Portale war auch eine Reaktion auf einen Eindringling im hiesigen Medienmarkt. Schon 2014 legte die deutsche Version von Buzzfeed los, das konsequent – wie kein Portal hierzulande – auch für Spaß sorgte. Die eigene Homepage war von Beginn an ein beiläufiges Produkt. Kern der Sache sollte vielmehr sein, Menschen über soziale Netzwerke zu erreichen. Damals war dieser Schwerpunkt originell.

Das Coronavirus, das auch eine Wirtschaftskrise ausgelöst hat, bringt nun die Projekte ins Wanken. Die Redaktion von Buzzfeed ist größtenteils in Kurzarbeit, arbeitet nur einen Tag pro Woche. Die Zentrale in den USA versucht, die deutsche Redaktion zu verkaufen. Ze.tt schlüpft bei Zeit Online als Ressort unter. Bento verschwindet ganz.

Die Anzeigen-Krise

Den kleinen und großen Nachrichtenmarken, Zeitungshäuser wie Onlineportale, sind die Werbeeinnahmen weggebrochen. Bei Tageszeitungen haben auch Stammkunden ihre Abos gekündigt. Vor allem Unternehmen versuchen, das Geld zusammenzuhalten. Das alles trifft viele Häuser schwer, die nicht das Privileg der Beitragsfinanzierung haben oder wie die taz von einer Genossenschaft getragen werden, die wie ein Schutzschirm wirkt.

Andererseits melden erste Medienhäuser auch Zuversicht. Der Zeit-Verlag berichtet etwa von „ordentlichen Zuwächsen“ bei Abos, in der Auflage und auch der Reichweite im ersten halben Jahr. Im Anzeigengeschäft habe es zwar „coronabedingt deutliche Einbußen“ gegeben. Für die nächsten Monate sei man aber wieder „vorsichtig optimistisch“.

Während der Verlag nicht nur im Vertrieb, in der Anzeigenakquise und in der Organisation von Konferenzen, die vor Corona in vielen Häusern als vermeintlicher Zukunftsmarkt ausgebaut wurden, auch in der Print­redaktion „in geringem Maße“ Kurzarbeit eingeführt habe, sei zumindest die Printredaktion wieder bei „100 Prozent“. Trotzdem fallen beim Zeit-Magazin fast alle Regionalausgaben weg. Andere Ableger verschieben sich: das Magazin speziell für Männer, die internationale Ausgabe und der noch neue Ableger, der sich an Menschen im Ausland richtet, die mit dem Gedanken spielen, in Deutschland zu studieren.

Das eigene Geschäft beschnitten hatte mit dem Aufkommen der Coronakrise auch die FAZ. Ende Juni erschien das letzte Mal die Frankfurter Allgemeine Woche, nach insgesamt vier Jahren. „Das Magazin hat viele Leser gefunden und eine jüngere Zielgruppe an die FAZ herangeführt“, heißt es am Main. Die Abo-Zahlen seien aber zu schlecht gewesen. Letztlich habe dann noch „die Coronakrise die Lage am Anzeigenmarkt und im Verlagsgeschäft weiter verschärft“. Corona, zeigt sich hier, ist mancherorts auch ein Anlass zum Aufräumen. Immerhin: Eine Sprecherin bestätigt, dass tatsächlich alle Mitarbeitenden der Woche Anfang Juli anderweitig im Haus untergekommen sind. Auch sei bislang keine Kurzarbeit nötig gewesen. „Der Verlauf der nächsten Wochen ist jedoch nicht absehbar.“

Eine ungewisse Lage

Wie alle größeren Portale spürt die FAZ seit Corona deutlich stärkere Zugriffe auf das eigene Portal im Netz und verkauft dafür auch zunehmend Digital­abos. Das hat, wie so oft, auch mit einer Aktion zu tun: Die Zeitung senkte den Preis für ihr Bezahlangebot F+ auf monatlich einen symbolischen Euro. Das brachte ihr gut 22.000 neue Abonnentinnen und Abonnenten. Ob dieser Aufschwung nachhaltig ist, ist aber unklar: Der Niedrigpreis gilt für vier Monate. Frühestens im August wird die Zeitung wissen, ob viele auch zum regulären Preis bleiben.

Interviews ermöglichte für diesen Text keine Geschäftsführung. Die Lage scheint noch viel zu ungewiss, Entscheidungen bisweilen auch unangenehm. Bekannt vom Spiegel ist, dass er ein weiteres Sparprogramm aufgelegt hat. Auch wenn es beim Spiegel noch lange nicht an die Substanz geht, sollen in den nächsten Jahren 10 Millionen Euro eingespart werden. Mit dem Aus von Bento werden nicht alle Mitarbeitenden im Haus bleiben, ebenso wie auch der Zeit-Verlag nicht allen Ze.tt-Mitarbeitenden Angebote für eine gemeinsame Zukunft macht.

Bento soll sich einige Jahre selbst getragen haben. Der Versuch, das Angebot in eine nächste Phase zu entwickeln und dafür zu entschleunigen – mehr Eigenrecherchen zu bieten, statt bloß eines von mehreren jungen News-Portale zu sein – sei aber schiefgegangen. Die Marke habe sich nicht „drehen“ lassen, heißt es. Dann sei eben auch noch der Werbe-Killer Corona eingeschlagen. Und für ein junges Portal statt Werbung Abos zu verkaufen, sei aussichtslos.

Der Spiegel arbeitet nun an einem neuen Angebot für die junge Zielgruppe, wenn Bento im Herbst wegfällt. Spiegel Start soll jungen Leuten Lebenshilfe bieten, etwa zur Karriere und Orientierung bei Verbraucherthemen. Gerade das zuletzt aufgebaute Digitalressort Leben steht dem Vernehmen nach vor der Aufgabe, künftig stärker auch die „U30“ anzusprechen.

Die Zeit und der Spiegel hatten ihre jungen Ableger auch gegründet, um – wie Buzzfeed – mit neuen Werbeformen zu experimentieren: dem „Native Advertising“, bei dem die Grenzen von Werbung und Journalismus verschwimmen, Werbetreibende Geschichten „sponsern“. Bento setzte dafür sogar einen Experten mit an den Newsdesk und hatte „mehr Freiraum sowohl für inhaltliche Experimente als auch neue Wege in der Vermarktung“, als das unter der Marke Spiegel möglich wäre, hieß es noch vor einigen Jahren offiziell, während es im gedruckten Spiegel unter der Überschrift „Seelen-Verkäufer“ über andere Medienhäuser hieß: „Werbung, die aussieht wie ein Text der Redaktion, wird es nicht geben.“

Nun hat diese Werbeform in Deutschland allerdings auch nie so gezündet wie etwa in den USA. Außerdem sind auch einige etablierte Portale flexibler geworden, wenn es darum geht, Werbung nicht allzu platt als solche auf die Seiten zu stellen. Die Zeit der Experimente ist heute ein Stück weit vorbei. Ob das alles mit oder wegen Corona passiert? Auch da scheinen die Grenzen fließend. Erkennbar ist allerdings: Ob Spiegel, Zeit oder auch Tageszeitungen wie die FAZ: Verlage konzentrieren sich in der Krise wieder stärker auf ihre Kernprodukte.

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de

Die Corona-Pandemie und die Medien

Fernsehsender finden in Corona-Zeiten so viel Zuspruch wie selten zuvor. Zugleich trifft der weitgehende Stillstand des öffentlichen Lebens vor allem die Printmedien hart. Meine “Gedanken zur Zeit” für NDR Kultur.

für NDR Kultur

— Manuskript des Beitrags —
Medien werden gebraucht. Das ist die einfache Botschaft dieser Tage. Öffentlich-rechtliche Sender erleben einen erstaunlichen Zuspruch. Mehr als 15 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer sind bei der „Tagesschau“ derzeit nicht die Ausnahme, sondern die neue Regel – wohlgemerkt: allein um 20 Uhr und allein im klassischen Fernsehen. Dazu kommen viele weitere Angebote, etwa in sozialen Netzwerken bis hin zur jungen Plattform TikTok. Und da ist der tägliche NDR-Podcast mit dem Virologen Christian Drosten – 20 Minuten Tiefgang statt bloß die viel kritisierten „1:30“ aus dem Nachrichtengeschäft. Plus neue Angebote für Daheimbleiber: Radio und Fernsehen für Kinder und Jugendliche erfährt eine plötzliche Renaissance.
Natürlich: Beizeiten wird wieder über alle Ausformungen und Dimensionen von ARD, ZDF und Deutschlandradio diskutiert werden – und auch diskutiert werden müssen. Aber: Die Frage, ob es öffentlich- rechtliche Sender überhaupt braucht, stellt zurzeit fast niemand mehr. Sie scheint sich erledigt zu haben. Zumindest vorerst. Dankbarkeit über tägliche Sondersendungen und auch über die letzten Kulturübertragungen, die sonst ohne Publikum wären, überwiegen.

Das gilt im Übrigen auch für viele Informationsangebote kommerzieller Sender. Die Mediengruppe RTL Deutschland jubiliert ebenso über ein enormes Interesse an ihren Corona-Angeboten. Damit ist nicht etwa die Webcam-Show mit Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Oliver Pocher gemeint, die „Quarantäne-WG“ – sie wurde mangels Interesse schon wieder abgesetzt. RTL berichtet von „rapide schrumpfenden“ Zuschauerzahlen. Skype-Bilder aus Wohnzimmern erschöpfen sich eben doch schnell. Das wird auch Informations-Profis noch auf eine Probe stellen: Für permanente Schalten in die Wohn- und Arbeitszimmer der Reporter werden sich die Sender etwas einfallen lassen müssen, wenn sie auch optisch nicht zu sehr abfallen wollen.
Das mit dem Zuspruch gilt auch bei den Privatsendern für das Informationsprogramm: Mehr als 30 Millionen Menschen will die Kölner RTL-Gruppe damit nach eigenen Angaben auf allen Kanälen an einem einzigen Tag erreicht haben. Und auch Verlage melden Positives: nie dagewesene Klick-Raten auf Nachrichtenportale im Netz, Hamsterkäufe bei Zeitschriften, Rekorde bei Online-Abonnements für Regionalzeitungen. Diese recherchieren zur Lage des Gesundheitssystems vor Ort, des Kreiskrankenhauses etwa oder des örtlichen Gesundheitsamtes – und sie sind so auch das lokale Rückgrat für die nationalen und regionalen Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender.

Unsicherheit, wie sie sich derzeit vielfach breitmacht, über das Virus selbst, über die aktuelle Lage und ihre möglichen Folgen, ist außerdem der perfekte Nährboden für Gerüchte, Spekulationen und Desinformation –die gerade in sozialen Netzwerken verbreitet werden. Medien helfen, kursierende Fake News einzudämmen, indem sie Präsenz zeigen auf Facebook, auf Twitter und auf Instagram. Auch hier verbreiten sie ihre Recherchen und Analysen. Das stabilisiert die Gesellschaft, baut unnötiger Panik vor. Und auch auf diesen Kanälen zeigt sich: Vieles, was Redaktionen recherchiert haben, wird intensiv geteilt.

Medien scheinen Krisenprofiteure zu sein. Der genauere Blick aber offenbart: Viele sind auch so bedroht wie nie. Klar, der Rundfunkbeitrag sorgt in solchen Zeiten für Sicherheit – und damit auch für eine Absicherung der journalistischen Grundversorgung. Hier droht vielmehr, dass Corona auch in den Sendern die Mannschaften zu sehr schwächt.
In Österreich haben einige Journalistinnen und Journalisten zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus der Sendetechnik ihre eigene „Corona-WG“ eröffnet: Der ORF hat eine Isolierstation eingerichtet, wie ein Krankenhaus. Dort lebt nun ein Kernteam, damit es sich gar nicht erst draußen anstecken kann.

Soweit ist noch kein Sender in Deutschland. Die „Tagesschau“ hat – wie viele Redaktionen – zunächst mehrere Teams aufgebaut, die räumlich getrennt voneinander arbeiten, teils sogar zurückgezogen zu Hause. Arte hat bereits mehrere Tage lang seine Nachrichtensendung gestrichen. Es gab zu viele Coronafälle in den eigenen Reihen. Auch erste Radiosender in der ARD mussten Programm zusammenlegen. Und wir stehen erst am Anfang der Pandemie.

Bedroht ist aber vor allem der Journalismus, der sich durch Verkauf des eigenen Produkts und durch Werbung finanziert. Zur Unsicherheit über die gesundheitliche Lage kommt nämlich der wirtschaftliche Niedergang dazu: Unternehmen und Kulturinstitutionen haben im großen Stil Anzeigen storniert. Die Betreiber von Supermärkten etwa, heißt es beinahe verzweifelt in Verlagen, bräuchten keine Schnäppchen- Prospekte mehr drucken und verteilen zu lassen. Ihnen würden auch so die Regale leergekauft. Und wo kein Konzert, wo keine Lesung und wo kein Sportereignis stattfindet, da fällt auch die Werbung dafür aus. Gerade bei Lokalzeitungen macht Werbung oft noch immer etwa 40 Prozent aller Einnahmen aus, auch wenn sich das langsam, aber sicher zugunsten der Abobeiträge verschiebt, gerade im Digitalen.

Alles hängt mit allem zusammen, auch im Journalismus. Viele Reporterinnen und Reporter leben von Veranstaltungen – im Sport, in der Kultur, in den Regionen. Nun haben viele weniger oder nichts mehr zu tun. Zeitungen drucken statt Sportseiten Rätsel und Kochtipps. Allenfalls Kindernachrichten boomen in der Krise. Wer Kindern erklären kann, was da gerade auf der Welt und mit uns passiert, warum sie nicht mehr einfach auf den Bolzplatz dürfen, in die Schule oder zu Freunden, ist gefragt. Bei den meisten anderen aber ist Ebbe.

Wie viele Journalistinnen und Journalisten werden – wirtschaftlich gesehen – überleben? Wie viele Verlage, also auch Zeitungen? Es geht um viel. Damit Zeitungen eine womöglich monatelange Krise durchstehen können, brauchen sie Einnahmen. Wer fordert, Verlage mögen ihre Berichterstattung dieser Tage doch vor ihre „Paywalls“ holen, ihre Bezahlschranken, also kostenpflichtigen Angebote, mag dabei ein nobles Ziel verfolgen: dass die Gesellschaft aufgeklärt wird in schwierigen Zeiten. Doch riskieren jene, die das fordern, Totalausfälle im Lokaljournalismus oder dass sich am Ende der Staat im großen Stil an Verlagen beteiligen müsste, um sie zu retten – Journalismus ist dieser Tage immerhin auch offiziell systemrelevant.

Wer kann, sollte also unbedingt für Journalismus Geld ausgeben. Nur so können Verlage überleben, die nicht das Privileg und den Schutz des Rundfunkbeitrags genießen. Nur so schauen auch im Lokalen Journalistinnen und Journalisten hin, wie das Gesundheitssystem mit der gigantischen Herausforderung Corona klarkommt. Was es konkret heißt, wenn der Staat Grundrechte wie die persönliche Freiheit einschränkt. Und welche Folgen das hat für Betriebe und Kultureinrichtungen, für unser Leben insgesamt. In der Krise ist Solidarität gefragt, auch mit Medien. Gerade mit lokalen. Auch sie leisten derzeit Bemerkenswertes.

Nur ein Beispiel: Die „Nordsee-Zeitung“ aus Bremerhaven hat gerade eine Sonderausgabe produziert. Die Journalistinnen und Journalisten informieren in 13 Sprachen über das mitunter tödliche Virus, den richtigen Schutz und wichtige Kontakte vor Ort. Verteilt wurde diese Ausgabe an diesem Sonntag frei an alle Haushalte, damit auch zugezogene Mitbürgerinnen und Mitbürger aus dem Ausland alle relevanten Informationen erhalten. Für ihre tagesaktuellen Ausgaben verlangt aber auch die „Nordsee“-Zeitung im Netz Geld.

Aber was, wenn einem in dieser Zwangspause selbst fast alles genommen wurde – die eigene Arbeit, der eigene Betrieb? Was, wenn sich jemand tatsächlich Abonnements nicht leisten kann? Warum sollte der- oder diejenige außen vor bleiben bei relevanten, lokalen Informationen? Auch dafür hat unsere Gesellschaft eine Lösung: Bibliotheken bieten Zugriff auch auf viele Zeitungen und Zeitschriften, auf ePaper, per Online-Ausleihe. Ja, das ist umständlicher als direkt auf die Portale zu gehen und hinter die sonst üblichen Bezahlschranken schauen zu können. Aber es muss niemand auf der Strecke bleiben, der auch recherchierte lokale Informationen sucht. Das System funktioniert. Aber eben auch nur, solange Zeitungen grundsätzlich finanziert werden.

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Verwaist und prekär fürs System

Leere Newsrooms, getrennte Teams, maue Auftragslage: Für die taz bin ich der Frage nachgegangen, was die Krise mit den Medien und ihren Journalist*innen macht.

für taz

Ein Laptop, eine Maus, eine Tastatur und drei Monitore, dann kann es losgehen: Der Onlineauftritt des Spiegels entsteht dieser Tage auch an einem Esstisch im Norden der Republik – zu Hause, bei einem der sogenannten Chefs vom Dienst. Der Newsroom an der Hamburger Ericusspitze ist genauso weitgehend verwaist wie das größte journalistische Großraumbüro der Republik – der Newsroom der Deutschen Presseagentur in Berlin.

Nachdem ein Mitarbeiter Kontakt zu einem Corona-Verdachtsfall hatte, arbeiten die Redakteur*innen der dpa-Zentrale von draußen. In dem 2.200 Quadratmeter großen Büro hält Chefredakteur Sven Gösmann die Stellung, zusammen mit zwei Assistentinnen, einem Techniker und seinem Nachrichtenchef. Der hat auf Twitter „Die große Leere – der Film“ zur Aufführung gebracht, einen Rundgang durchs redaktionelle Nichts.

„Wenn man sich überlegt, dass sonst mindestens 250 Menschen hier arbeiten, ist das ein verdammt stiller Raum“, sagt Gösmann. Konferiert wird nun per Videoschalte oder Chat. Gösmann sagt: Glücklicherweise sei Vernetzung in der 70-jährigen Geschichte bei dpa schon immer ein Thema gewesen. „Wir haben 150 Standorte und unsere Journalist*innen sind es auch gewohnt, aus dem Homeoffice zu arbeiten.“ Im Fall der Fälle ist Dezentralität Gold. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender, die ihre Newsrooms für Radio und TV nicht so einfach aufgeben könnten und immer neue, immer größere bauen, haben Pandemiepläne ausgelöst, Mitarbeitende getrennt.

Besondere Vorsicht gilt bei der „Tagesschau“. „Sie muss bis zum Schluss durchhalten“, sagte Chefredakteur Marcus Bornheim in einem Interview mit „Zapp“, das nur vor und nicht im Nachrichtenhaus geführt wurde – die „Tagesschau“ hat sich auch intern isoliert. Ein Teil der Redaktion arbeite inzwischen auch an einem anderen Ort. So gebe es für den Fall, dass im Newsroom Corona-Alarm ausgelöst werde, einen „zweiten Sturm“, sagte Bornheim.

Wenn einem die Puste ausgeht

„Wir müssen damit rechnen, dass die Krise auch uns zum Teil beeinträchtigt“, mahnte der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow auf einer Pressekonferenz. Die Dritten erwägen demnach, im Fall der Fälle ihre Programme zu bündeln – bis auf regionale Informationen. Im Hörfunk seien „Übernahmen von Teilstrecken möglich, wenn einem Inforadio etwas die Puste ausgeht“. Beim BR ist es soweit: Ein Corona-Fall bei der Info-Welle B5 dünnt die Redaktion bedrohlich aus. Ab Montag wird deshalb „bis auf Weiteres überwiegend gemeinsames Programm“ mit Bayern 2 gesendet.

Schon heute kürzen oder streichen die Dritten einzelne Sendungen, um Personal für die Aktualität zusammenzuziehen – nicht zuletzt für ein „ARD Extra“, das nun nahezu täglich nach der Tagesschau um 20 Uhr laufen soll. „Hier zeigt sich die Stärke des Föderalismus“, betont ARD-Programmdirektor Volker Herres. Die neun Landesrundfunkanstalten wechselten sich reihum wöchentlich ab. Damit könne jede zwischendurch wieder zu Kräften kommen. Gleichzeitig lassen die Sender weiter auch Stoffe jenseits der Information abdrehen: Serien und Spielfilme, also Nachschub für die Ablenkung von der Krise.

Das Problem: An Filmsets wimmelt es nur so vor Schauspieler*innen, Kompars*innen, Kameramenschen und anderen Beteiligten. Corona freut das. „Wir kommen da in eine Situation, die für die fiktionalen Produktionen wirklich heikel ist“, sagt selbst ARD-Programmdirektor Herres. Einige Beteiligte wollten nicht mehr ans Set. „Das ist für die Produzenten natürlich mit erheblichen Risiken verbunden.“ Wenn es zu Verschiebungen kommen sollte, sei die ARD bereit, Mehrkosten von bis zu 50 Prozent des ursprünglichen Auftrags zu übernehmen.

Die Sender stoppen die Produktionen als Auftraggeber*innen allerdings nicht, sondern schieben diese Verantwortung den Produzenten zu – trotz mitunter fragwürdigen Bedingungen. Von einem Krimidreh für das ZDF erreichte die taz das Foto einer Flasche mit Desinfektionsmittel. Auf einem aufgeklebten Zettel für die Crew stand: „Bitte seid sparsam. Wir haben nur das und haben keine Möglichkeit, noch welches zu kaufen.“

Das ZDF geht bei einer Anfrage der taz nicht auf diesen Hinweis ein. „Die Gesundheit aller Beteiligten hat für uns höchste Priorität“, heißt es. Mitte der Woche liefen für den Mainzer Sender noch fiktionale Produktionen im Wert von gut 50 Millionen Euro. Sie könnten „im Zweifelsfall geschoben und zu einem späteren Zeitpunkt umgesetzt werden“. Ein Angebot, das immer mehr Produzenten annehmen: Auch der besagte Krimi-Dreh ist nun gestoppt.

Es sieht mau aus

Ein besonders Risiko ist die Lage für freischaffende Künstler*innen, darunter auch Journalist*innen. Öffentlich-rechtliche Sender wollen Ausfallhonorare zahlen und Mitarbeitende anderweitig einsetzen, etwa für die Aufbereitung der Sendungen, die nun speziell für Schüler*innen angeboten würden und ARD und ZDF viel Applaus bringen.

Auch wenn teils noch an Details gearbeitet wird: Tarifverträge für regelmäßige freie Mitarbeiter*innen sehen oft Sonderzahlungen vor, Redaktionen weniger bestellen. ARD-Vorsitzender Tom Buhrow versprach, im Zweifel werde man sich „großzügig“ zeigen.

Prekärer ist die Lage schlagartig außerhalb der beitragsfinanzierten Medienhäuser, wo es keine Tarifverträge für „arbeitnehmerähnliche Freie“ gibt. Freie Fotograf*innen stehen plötzlich teils ganz ohne Aufträge da. Besonders mau sieht es bei jenen aus, die sonst über Pressekonferenzen und Veranstaltungen berichten.

Georg Rudiger berichtet beispielsweise von Freiburg aus über das Musikleben im Südwesten, dem Elsass und der Schweiz – für Zeitungen und Fachmagazine. „Fast alle Themen sind weggebrochen“, sagt er. Immerhin: Statt eines geplanten Vorberichts führt er mit einem Dirigenten nun ein Interview darüber, wie die Corona-Krise auch diese Szene trifft. Das laufe gut. Er schreibt auch noch weiter an Programmheften für Festivals, die „im Sommer hoffentlich stattfinden“. Die nächsten vier Wochen habe er so wohl noch zu tun. Und dann? „Wenn bis zum Sommer keine Konzerte stattfinden, habe ich ein echtes Problem.“

Gleichwohl: Das Bild ist divers. „Einigen fällt komplett alles weg – je nachdem, in welchem Bereich sie arbeiten“, sagt Anna Heidelberg-Stein aus dem Vorstand des Berufsverbands Freischreiber. Dazu gehörten auch viele, die ihr Geld vor allem damit verdienten, Podien oder Kongresse zu moderieren. Veranstalter und Zeitungen zahlten selten Ausfallhonorare.

Anerkennung der Systemrelevanz

In ersten Bundesländern sind Nothilfen angelaufen, auch für sogenannte Soloselbstständige. In der kommenden Woche soll zudem der Bundestag ein milliardenschweres Hilfspaket beschließen. Auch Verwertungsgesellschaften wie die VG Wort haben Notfonds. Vor allem die Hilfen der Politik brauche es dringend flächendeckend und ohne große Bürokratie, sagt Heidelberg-Stein. Einige Kolleg*innen, vor allem auf Wissenschaft spezialisierte, könnten sich aber auch „aufgrund ihrer Expertise vor Aufträgen gar nicht retten“.

Auch Zeitungen trifft die Entwicklung. Viele Regionaltitel haben ihren Umfang reduziert, da über Corona hinaus im Regionalen fast nichts mehr los ist. Der Verlegerverband BDZV rechnet zudem mit deutlichen Anzeigenrückgängen, etwa weil es vorerst keine Veranstaltungen gebe, die beworben werden könnten. „Sicher bekommt der Lebensmitteleinzelhandel seine Regale derzeit auch ohne Sonderangebote leer verkauft und storniert bereits gebuchte Anzeigen“, sagt eine Sprecherin der Zeitungsbranche. „Gleiches gilt für andere Geschäfte, in denen durch behördliche Anordnungen die Öffnungszeiten reduziert werden oder deren Betrieb untersagt wird.“

Was nun alle beschäftigt, ist die Frage, wie Journalismus bei einer Ausgangssperre funktioniert. Frank Überall, Vorsitzende der Journalist*innen-Gewerkschaft DJV, freut sich, dass immer mehr Bundesländer Journalist*innen als „systemrelevante Berufsgruppe“ einstufen. „Dass man sich zur Berichterstattung noch vor Ort ein Bild machen kann, sind gute Ansätze“, sagt er. Außerdem helfe die Einstufung denjenigen, die noch in Funkhäuser müssten und Kinder hätten: Sie können Notbetreuung beantragen.

Sven Gösmann, Chefredakteur der dpa, denkt unterdessen darüber nach, ob der Themenmix sich nicht langsam ein wenig verschieben sollte. „Immer noch sterben in Idlib Menschen. Immer noch sitzen in Lesbos Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern. Immer noch gibt es andere Themen. Und immer noch gibt es natürlich auch das eine oder andere Schöne“, sagt Gösmann. „Aber Corona überlagert alles.“

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de

radioeins-“Medienmagazin” vom 7. März 2020

In unserer radioeins-Sendung diskutieren Jörg Wagner und ich die Lage auf dem Berliner Zeitungsmarkt. Im Studio zu Gast: “Tagesspiegel”-Chefredakteur Lorenz Maroldt.

für radioeins

— Zeitmarken dieser Sendung —

[00:00] INTRO: Lorenz Maroldt 2016 | [03:02] Der Tagesspiegel und die Konkurrenzsituation 2005/2020 mit der Berliner Zeitung | [13:35] Der Tagesspiegel und die Foto-Redaktion/ der Redaktionsetat | [17:28] Die Folgen durch die Corona-Epidemie | [19:03] Der Tagesspiegel und die Newsletter | [23:51] Der Tagesspiegel, die MoPo und der öff.-rechtl. Rundfunk | [25:53] Der Tagesspiegel/Berliner Verlag/Springer und die Mitbestimmung | [46:04] Bonus: MTMextra-Vortrag von Holger Friedrich | [1:07:51] Bonus: Interview Holger Friedrich | [1:17:38] Bonus: Lorenz Maroldt – die Erfindung des “Checkpoint”-Newsletters

>> Download MP3 (Quelle: radioeins/Jörg Wagner)

Neuer Ärger bei der “Berliner Zeitung”

Silke und Holger Friedrich haben ihren neuen Chefredakteur Matthias Thieme verloren. Über die Hintergründe und Folgen habe ich mit dem Deutschlandfunk gesprochen.

für Deutschlandfunk

>> Download MP3 (Quelle: Dlf-“Mediasres”)

Subventionen für Print

Erstmal bekommen Zeitungen nun eine direkte Finanzspritze aus der Staatskasse. Für die taz bin ich der Frage nachgegangen, warum sich Verlage derart in Not sehen und wie es um die Unabhängigkeit bestellt ist.

für taz

Wie es aussieht, wenn sich eine Lokalzeitung zurückzieht, lässt sich künftig im nördlichen Rheinland-Pfalz bei der Rhein-Zeitung beobachten. „In den vergangenen Tagen erst wurde neu entschieden, dass es neben den drei großen Regionaldesks keine weiteren Ortskorrespondentenbüros in der Fläche geben wird“, heißt es in einem Rundschreiben der Chefredaktion. Mit anderen Worten: Die Lokalzeitung wird kaum noch Präsenz zeigen. Die lokale Berichterstattung werde darunter „enorm“ leiden, mahnt der Deutsche Journalisten-Verband.

Auch in der Redaktion fragen sich viele, wie so noch Kontakt zu Leser*innen aufrechterhalten, wie Geschichten „entdeckt“ werden sollen. Jeder wisse doch, wie wichtig Präsenz im Lokalen sei. Leser*innen schauten bei Problemen vor Ort bei ihrer Zeitung vorbei. Der Rückbau am Mittelrhein ist ein weiteres Indiz für die Krise der klassischen Zeitung. Die Politik möchte dieser Krise nun entgegenwirken, der Bundestag hat Ende vergangenen Jahres Subventionen beschlossen.

Denn die Kurve der Auflagenkontrolle durch die Informationsgemeinschaft IVW zeigt für alle Titel kontinuierlich nach unten. 2009 verkauften Verlage täglich noch knapp 24 Millionen Exemplare. Im vergangenen Jahr waren es nicht einmal mehr 15 Millionen. Während das Geschäft mit gedruckten Zeitungen einbricht, weil Abonnent*innen keine Lust mehr haben oder schlicht sterben, wachsen zwar die Umsätze im Digitalen – oft sogar kräftig. Aber das Digitale fängt noch nicht auf, was bei gedruckten Zeitungen wegfällt.

„Es gibt einen Zeithorizont von fünf Jahren“, sagt Katrin Tischer, die Geschäftsführerin des Verlegerverbandes BDZV. Der hat seine Mitglieder befragt, wann das Digitale mehr bringt, als im Gedruckten einbricht. Tischer spricht von „viel Optimismus“ und einer „positiven Aussicht“. Mindestens bis dahin, also 2025, sollen aber die Steuer­zahler*innen einspringen.

Die genannte Subvention, der Haushaltsposten „Förderung der Zustellung von Abonnement­zeitungen und Anzeigenblättern“, sieht für das laufende Jahr 40 Millionen Euro vor. Wie der Titel schon sagt: Gefördert wird allein das Austragen gedruckter Exemplare. Auf diese Abgrenzung legen die Verleger*innen großen Wert. Nicht alle finden die Idee gut, Zeitungen an den Tropf des Staates zu legen. Von Springer-Boss Mathias Döpfner, der immerhin Präsident des Verleger­verbandes ist, sind deutliche Worte überliefert: „Lieber Insolvenzen von Zeitungen als der subventionierte Verlust ihrer Unabhängigkeit.“

Sozialere, dafür teurere Zustellung

Nun hatte sich ausgerechnet Döpfners BDZV in der Politik starkgemacht für Subventionen. Döpfner selbst traf sich dafür mit Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Wer sich beim BDZV nach diesem Widerspruch erkundigt, erfährt: Der Spruch habe sich allein auf Finanz­spritzen bezogen, die direkt auf Redaktionen abzielten. Genau das passiert in Frankreich mit der „Modernisierungsförderung“ oder in Dänemark und Schweden mit der „Innovationsförderung“: Regierungen bezuschussen die Entwicklung digitaler Produkte und so letztlich Stellen in Newsrooms oder verlagseigenen Start-ups.

Das Arbeitsministerium ließ sich in einer Studie die Presseförderung in Europa zusammenstellen. Dem Vernehmen nach soll es zunächst auch dieses Modell favorisiert haben. Schließlich wäre es dabei um die Förderung der Zukunft gegangen, nicht um lebensverlängernde Maßnahmen für ein altes Medium. Die deutschen Ver­leger*innen sollen aber vehement abgelehnt haben. Nur eine „Logistikförderung“ garantiere Unabhängigkeit.

Dass sich in der Bundesregierung das Arbeitsressort um die Presseförderung kümmert, hat einen Grund: Die Einführung des Mindestlohns hat das Austragen der Zeitungen teuer gemacht. Zusteller*innen – bundesweit sind das etwa 100.000 – wurden früher pro Stück bezahlt. Inzwischen bekommen sie einen Stundenlohn. Das ist sozialer, für die Verlage aber teurer. Die Verlage rechneten der Politik in Lobbytreffen und Briefen vor, dass die Zustellkosten allein für Tageszeitungen von 1 auf 1,4 Milliarden Euro pro Jahr gestiegen seien.

„Auch wenn inzwischen mehrere Tausend Abonnenten unsere Zeitungen digital lesen und wir über die mobilen Kanäle rund um die Uhr informieren, wollen die Menschen weiterhin überwiegend ihre Zeitung gedruckt in Händen halten, morgens spätestens um 6 Uhr“, schrieben etwa die Verleger von Schwäbischer Post und Gmünder Tagespost. „Neu-Abonnenten wählen zu über 90 Prozent das gedruckte Exemplar.“ Für ihre Schreiben haben sich auch konkurrierende Verleger zusammengetan. „Wie Telekommunikation, Strom und Verkehr ist ein flächendeckendes Pressezustellnetz eine Infrastruktur von erheblichem Wert für unsere Gesellschaft“, notierten die Geschäftsführer von Süddeutscher Zeitung und Münchner Merkur.

Mehr Geld für Zeitungen in ländlichen Regionen

Manch einer versucht es noch, indem er die Effizienz hochschraubt. Eine Delegation der Mediengruppe DDV, der die Sächsische Zeitung gehört, hat sich in Norwegen Elektrofahrzeuge besorgt. Platz haben eine Person und viele Zeitungen. Zu­stel­ler*innen können in beide Richtungen aussteigen, müssen also nicht ums Auto herumlaufen, um an Briefkästen zu kommen. Die DDV ist nun General­importeur für Verlage in ganz Deutschland.

Die Subventionen für die Verlage liegen unterdessen noch auf den Konten der Regierung. Das Arbeitsministerium muss erst einen Verteilungsschlüssel vorlegen. Im Gespräch ist nach Informationen der taz eine Staffelung: mehr Geld für die umständlichere Zustellung in ländlichen Regionen, weniger in Metropolen.

Wann es so weit ist, möchte eine Sprecherin des Ministeriums nicht sagen. Dort dürfte man sich aber immerhin mit der Not der Verlage auskennen: Das Ministerium wird von der SPD geführt. Die wiederum ist über ihre Tochter DDVG an diversen Verlagen beteiligt, etwa an der Madsack-Gruppe in Hannover.

Doris Achelwilm, die medienpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, bezeichnet den ganzen Vorgang als „in der Sache intransparent und unstimmig“. Die Koalition habe ein Preisschild gedruckt, wolle aber erst jetzt ein passendes Produkt dazu erfinden. Kritik kommt auch von den Grünen: Ein Gießkannensystem sei ein „zweifelhafter Weg“, um die Zeitungslandschaft zu fördern. Vielmehr müsse darüber nachgedacht werden, die zunehmende Zeitungskonzentration zu verhindern, dass wenigen Verlagsgruppen immer mehr Titel gehören oder für sie zentral überregionale Berichterstattung produzieren.

Der Verlegerverband BDZV will jedenfalls weiter lobbyieren. Im nächsten Haushalt sollen weit mehr als 40 Millionen Euro freigegeben werden. Nach der Umstellung auf den Mindestlohn gelte es, zusätzliche Ausgaben von 400 Millionen Euro zu kompensieren, allein bei den Zeitungsverlagen. „Die beschlossene Förderung reicht überhaupt nicht“, sagt BDZV-Geschäftsführerin Tischer.

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de

Bezahlte Berichte?

Sportjournalisten lassen sich oft vom Sportbusiness zu Reisen einladen, zeigt eine neue Studie. Mitunter reißen dabei Grenzen zur Werbung ein. Mein Bericht für ZAPP

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —
Kitzbühel. Das Rennen auf der „Streif“ – die spektakulärste Station des Ski-Weltcups. Und zur Weißwurst-Party danach eine enorme Promi-Dichte. Für Publikum und Medien: attraktiv.
Dachte sich auch der „Tagesspiegel“ und twittert stolz: Unser Redakteur „mittendrin statt nur dabei“.
Das Ergebnis unter der Überschrift „Sie gehen steil“: ein launig-kritischer Bericht über den großen Zirkus rund um das Rennen. Am Ende schließlich der Hinweis: „Der Autor reiste auf Einladung der Marke Tommy Hilfiger nach Kitzbühel.“
Wir fragen nach bei Anna Sauerbrey, im „Tagesspiegel“ zuständig für „Compliance“: Wie lief das ab, mit Hilfiger?
„Die sind zunächst auf unsere Mode-Redaktion zugekommen, haben gesagt, wir bieten diese Reise an, möchtet ihr? Die Mode-Redaktion hat zunächst sehr skeptisch reagiert, dachte dann aber hmm, vielleicht für unsere Sportberichterstattung ein interessantes Feld, wir könnten die Reise doppelt nutzen, sowohl für die Mode als auch für die sportliche Berichterstattung. In dem Fall haben sich beide Ressorts dafür entschieden, dass der Sportredakteur fährt.“
Nur ein paar Tage später erscheint auch ein eher wohlwollendes Interview mit Tommy Hilfiger. Daneben setzen Models seine Ski-Kollektion in Szene. Interviewer: der Sportredakteur. Diesmal kein Hinweis auf die Finanzspritze.
Auf Leserinnen-, Leserseite könnte der Eindruck entstehen „Ah, da wurde jemand für die Sportberichterstattung mitgenommen und dann bekam er ein nettes, gut inszeniertes, für seine Produkte inszeniertes Interview geschenkt‘…
“…ja…”
Ist diese Konstellation schwierig?
“Ich fand es auch unglücklich. Ich hätte mir gewünscht, dass wir uns wenn, dann auf die Sportberichterstattung beschränken, weil eben da die Unabhängigkeit von Berichterstattung und Sponsor größer ist.“

Die Hochschule in Ansbach. Die frühere „Kicker“-Redakteurin Jana Wiske forscht zu „Pressereisen im Sportjournalismus“. Sie hat sich in 20 Redaktionen umgehört.
„Persönlich schon teilgenommen“ haben 80 Prozent der befragten Journalistinnen und Journalisten. Ihre „Redaktion nimmt regelmäßig teil“ sagen: 55 Prozent. Außerdem glaubt die Mehrheit: Ja, Pressereisen werden wichtiger.
„Man muss es differenziert betrachten, weil einfach die Situation im Sportjournalismus auch solchen bezahlten Pressereisen einen Raum bietet. (…) Der Kostendruck lässt es zum Beispiel nicht zu, dass man mal ein Formel-1-Rennen in Australien besucht als Journalist und da beiwohnt. Und da springen dann eben auch sehr häufig Pressereisen oder sind Pressereisen ein gutes Mittel, um vielleicht das ein oder andere zu besetzen, was eben auch der Rezipient möchte, nämlich die Nähe zu den Protagonisten und die Nähe zu einem Sportevent.“
Pressereisen, meint Wiske, könnten auch helfen. Sponsoren durchaus Türöffner sein. Werbliche Artikel gelte es dann aber zu vermeiden.
„Ich hätte mir zum Beispiel ein Interview gewünscht über Lebenswerk oder das Thema Nachhaltigkeit, Umweltschutz in der Mode. Das wäre denke ich passend gewesen und vielleicht auch der journalistischen Freiheit hätte das eher gutgetan, aber tatsächlich geht’s um die aktuelle Kollektion, Preise der Kollektion, Farben. Also es geht in eine Richtung, die doch sehr werblich ist.“
Sponsoren wollen letztlich vor allem verkaufen. Hilfiger hat im Kern-Verbreitungsgebiet des „Tagesspiegel“ knapp zehn eigene Läden. — Würden sie die Ski-Kollektion mit einer Anzeige bewerben: der Listenpreis in der Wochenend-Ausgabe des Tagesspiegel läge für eine halbe Seite bei fast 19.000 Euro.
Wäre eine Anzeige für die Zeitung nicht der bessere Deal? Die hätte ja auch mehr Geld gebracht als so eine Reiseunterstützung.
„Ja, wir freuen uns über Anzeigen, über jede, die bei uns im Blatt stattfindet, natürlich auch wenn Tommy Hilfiger sich dafür entscheiden sollte, bei uns zu werben, über eine Anzeige von Tommy Hilfiger. In dem Fall war das nicht der Fall, sondern es wurde eben eine Pressereise angeboten. Das geschieht dann tatsächlich völlig unabhängig von der Anzeigenabteilung.“

Der „Tagesspiegel“ beteuert seine Unabhängigkeit – und holt unter dem Hilfiger-Interview nun auch den Transparenzhinweis nach. So sei es eigentlich auch Standard. Außerdem will der „Tagesspiegel“ vor Reisen nachschauen, ob ein Sportereignis wie Kitzbühel sein Publikum überhaupt interessiert.
„Das ist jetzt sicherlich nicht das Kernthema für unsere Berliner Leserschaft. Denke ich auch, dass man da vielleicht in Zukunft eher dann auf die Berichterstattung von unserem Partner ‚Kurier‘ in Wien zurückgreifen kann.“
Statt es selbst zu machen und hinzufahren.
„Ja.“

Der ‚Tagesspiegel‘ will also im Zweifel lieber Texte einer anderen Zeitung übernehmen. Sauberer wäre das. Aber auch ein Reporter weniger vor Ort.

>> Beitrag in der ARD-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)