tagesschau.de will weiter auf Texte setzen – Leopold: Kern bleibt aber Fernseh-“Tagesschau”

Im radioeins-“Medienmagazin” haben Jörg Wagner und ich mit Juliane Leopold gesprochen, der Digital-Chefredakteurin der “Tagesschau”. Sie arbeitet an einem neuen Auftritt und kontert neuerliche Kritik der Verlage. tagesschau.de will weiter auf Texte setzen – Leopold: Kern bleibt aber Fernseh-“Tagesschau” weiterlesen

Digitale Verleger wollen gleichbehandelt werden

Die Bundesregierung will den Aufbau digitaler Angebote im Verlagswesen subventionieren. Nicht darin enthalten sind verlagsunabhängige Portale. Diese beschweren sich nun und bekommen Unterstützung auch aus der Koalition. Notiert für ZEIT ONLINE. Digitale Verleger wollen gleichbehandelt werden weiterlesen

Millionen für deutsche Verlage

Der Tech-Konzern Google pumpt immer mehr Geld in die Medienlandschaft, auch in Deutschland. Für ZAPP habe ich eine Zwischenbilanz gezogen. Millionen für deutsche Verlage weiterlesen

Wie die deutsche Presse sich selbst kontrolliert

Der Presserat half einst, um ein Bundespressegesetz und damit eine staatliche Regulierung abzuwenden. Aber: Funktioniert das wirklich? Ein “Hintergrund” für den Deutschlandfunk. Wie die deutsche Presse sich selbst kontrolliert weiterlesen

Keine Zeit für Experimente

Vor knapp fünf Jahren gingen Formate wie “Bento” und “Ze.tt” an den Start. Jetzt naht bei vielen das Ende. Ist allein Corona daran schuld? Notiert für die taz.

für taz

„Zeit für etwas Frisches“ – mit diesen Worten gab der damalige Spiegel-Online-Chefredakteur Florian Harms 2015 den Startschuss für „das neue Angebot für junge Leute“ aus seinem Haus: Bento war geboren. Die Neuen bezogen einen eigenen Newsroom, maximal getrennt von ihren älteren Kolleginnen und Kollegen.Die einen pflasterten vom Dachgeschoss aus das Internet zu, die anderen begannen, sich im Erdgeschoss auszutoben.

Es war die Zeit, in der Verlage viel probierten, um weiteres Publikum für sich und vor allem auch für die eigenen Werbekunden zu gewinnen. Bei dem Aufbruch ging es nicht zuletzt darum, die nächste Generation an etablierte Häuser zu binden.

Wenige Monate vor Bento hatte bereits Zeit Online einen Ableger gestartet. „Es ist ein Ze.tt“, bloggte Jochen Wegner, der Chefredakteur von Zeit Online. Das neue Team, sagte er damals im Interview, solle „ein bisschen rumspielen, uns auch ärgern“. Der Verlag spendierte Ze.tt sogar eigene Räume mehrere U-Bahn-Stationen entfernt, um möglichst unabhängig wirken zu können.

Der Start dieser Portale war auch eine Reaktion auf einen Eindringling im hiesigen Medienmarkt. Schon 2014 legte die deutsche Version von Buzzfeed los, das konsequent – wie kein Portal hierzulande – auch für Spaß sorgte. Die eigene Homepage war von Beginn an ein beiläufiges Produkt. Kern der Sache sollte vielmehr sein, Menschen über soziale Netzwerke zu erreichen. Damals war dieser Schwerpunkt originell.

Das Coronavirus, das auch eine Wirtschaftskrise ausgelöst hat, bringt nun die Projekte ins Wanken. Die Redaktion von Buzzfeed ist größtenteils in Kurzarbeit, arbeitet nur einen Tag pro Woche. Die Zentrale in den USA versucht, die deutsche Redaktion zu verkaufen. Ze.tt schlüpft bei Zeit Online als Ressort unter. Bento verschwindet ganz.

Die Anzeigen-Krise

Den kleinen und großen Nachrichtenmarken, Zeitungshäuser wie Onlineportale, sind die Werbeeinnahmen weggebrochen. Bei Tageszeitungen haben auch Stammkunden ihre Abos gekündigt. Vor allem Unternehmen versuchen, das Geld zusammenzuhalten. Das alles trifft viele Häuser schwer, die nicht das Privileg der Beitragsfinanzierung haben oder wie die taz von einer Genossenschaft getragen werden, die wie ein Schutzschirm wirkt.

Andererseits melden erste Medienhäuser auch Zuversicht. Der Zeit-Verlag berichtet etwa von „ordentlichen Zuwächsen“ bei Abos, in der Auflage und auch der Reichweite im ersten halben Jahr. Im Anzeigengeschäft habe es zwar „coronabedingt deutliche Einbußen“ gegeben. Für die nächsten Monate sei man aber wieder „vorsichtig optimistisch“.

Während der Verlag nicht nur im Vertrieb, in der Anzeigenakquise und in der Organisation von Konferenzen, die vor Corona in vielen Häusern als vermeintlicher Zukunftsmarkt ausgebaut wurden, auch in der Print­redaktion „in geringem Maße“ Kurzarbeit eingeführt habe, sei zumindest die Printredaktion wieder bei „100 Prozent“. Trotzdem fallen beim Zeit-Magazin fast alle Regionalausgaben weg. Andere Ableger verschieben sich: das Magazin speziell für Männer, die internationale Ausgabe und der noch neue Ableger, der sich an Menschen im Ausland richtet, die mit dem Gedanken spielen, in Deutschland zu studieren.

Das eigene Geschäft beschnitten hatte mit dem Aufkommen der Coronakrise auch die FAZ. Ende Juni erschien das letzte Mal die Frankfurter Allgemeine Woche, nach insgesamt vier Jahren. „Das Magazin hat viele Leser gefunden und eine jüngere Zielgruppe an die FAZ herangeführt“, heißt es am Main. Die Abo-Zahlen seien aber zu schlecht gewesen. Letztlich habe dann noch „die Coronakrise die Lage am Anzeigenmarkt und im Verlagsgeschäft weiter verschärft“. Corona, zeigt sich hier, ist mancherorts auch ein Anlass zum Aufräumen. Immerhin: Eine Sprecherin bestätigt, dass tatsächlich alle Mitarbeitenden der Woche Anfang Juli anderweitig im Haus untergekommen sind. Auch sei bislang keine Kurzarbeit nötig gewesen. „Der Verlauf der nächsten Wochen ist jedoch nicht absehbar.“

Eine ungewisse Lage

Wie alle größeren Portale spürt die FAZ seit Corona deutlich stärkere Zugriffe auf das eigene Portal im Netz und verkauft dafür auch zunehmend Digital­abos. Das hat, wie so oft, auch mit einer Aktion zu tun: Die Zeitung senkte den Preis für ihr Bezahlangebot F+ auf monatlich einen symbolischen Euro. Das brachte ihr gut 22.000 neue Abonnentinnen und Abonnenten. Ob dieser Aufschwung nachhaltig ist, ist aber unklar: Der Niedrigpreis gilt für vier Monate. Frühestens im August wird die Zeitung wissen, ob viele auch zum regulären Preis bleiben.

Interviews ermöglichte für diesen Text keine Geschäftsführung. Die Lage scheint noch viel zu ungewiss, Entscheidungen bisweilen auch unangenehm. Bekannt vom Spiegel ist, dass er ein weiteres Sparprogramm aufgelegt hat. Auch wenn es beim Spiegel noch lange nicht an die Substanz geht, sollen in den nächsten Jahren 10 Millionen Euro eingespart werden. Mit dem Aus von Bento werden nicht alle Mitarbeitenden im Haus bleiben, ebenso wie auch der Zeit-Verlag nicht allen Ze.tt-Mitarbeitenden Angebote für eine gemeinsame Zukunft macht.

Bento soll sich einige Jahre selbst getragen haben. Der Versuch, das Angebot in eine nächste Phase zu entwickeln und dafür zu entschleunigen – mehr Eigenrecherchen zu bieten, statt bloß eines von mehreren jungen News-Portale zu sein – sei aber schiefgegangen. Die Marke habe sich nicht „drehen“ lassen, heißt es. Dann sei eben auch noch der Werbe-Killer Corona eingeschlagen. Und für ein junges Portal statt Werbung Abos zu verkaufen, sei aussichtslos.

Der Spiegel arbeitet nun an einem neuen Angebot für die junge Zielgruppe, wenn Bento im Herbst wegfällt. Spiegel Start soll jungen Leuten Lebenshilfe bieten, etwa zur Karriere und Orientierung bei Verbraucherthemen. Gerade das zuletzt aufgebaute Digitalressort Leben steht dem Vernehmen nach vor der Aufgabe, künftig stärker auch die „U30“ anzusprechen.

Die Zeit und der Spiegel hatten ihre jungen Ableger auch gegründet, um – wie Buzzfeed – mit neuen Werbeformen zu experimentieren: dem „Native Advertising“, bei dem die Grenzen von Werbung und Journalismus verschwimmen, Werbetreibende Geschichten „sponsern“. Bento setzte dafür sogar einen Experten mit an den Newsdesk und hatte „mehr Freiraum sowohl für inhaltliche Experimente als auch neue Wege in der Vermarktung“, als das unter der Marke Spiegel möglich wäre, hieß es noch vor einigen Jahren offiziell, während es im gedruckten Spiegel unter der Überschrift „Seelen-Verkäufer“ über andere Medienhäuser hieß: „Werbung, die aussieht wie ein Text der Redaktion, wird es nicht geben.“

Nun hat diese Werbeform in Deutschland allerdings auch nie so gezündet wie etwa in den USA. Außerdem sind auch einige etablierte Portale flexibler geworden, wenn es darum geht, Werbung nicht allzu platt als solche auf die Seiten zu stellen. Die Zeit der Experimente ist heute ein Stück weit vorbei. Ob das alles mit oder wegen Corona passiert? Auch da scheinen die Grenzen fließend. Erkennbar ist allerdings: Ob Spiegel, Zeit oder auch Tageszeitungen wie die FAZ: Verlage konzentrieren sich in der Krise wieder stärker auf ihre Kernprodukte.

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de

Die Corona-Pandemie und die Medien

Fernsehsender finden in Corona-Zeiten so viel Zuspruch wie selten zuvor. Zugleich trifft der weitgehende Stillstand des öffentlichen Lebens vor allem die Printmedien hart. Meine “Gedanken zur Zeit” für NDR Kultur.

für NDR Kultur

— Manuskript des Beitrags —
Medien werden gebraucht. Das ist die einfache Botschaft dieser Tage. Öffentlich-rechtliche Sender erleben einen erstaunlichen Zuspruch. Mehr als 15 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer sind bei der „Tagesschau“ derzeit nicht die Ausnahme, sondern die neue Regel – wohlgemerkt: allein um 20 Uhr und allein im klassischen Fernsehen. Dazu kommen viele weitere Angebote, etwa in sozialen Netzwerken bis hin zur jungen Plattform TikTok. Und da ist der tägliche NDR-Podcast mit dem Virologen Christian Drosten – 20 Minuten Tiefgang statt bloß die viel kritisierten „1:30“ aus dem Nachrichtengeschäft. Plus neue Angebote für Daheimbleiber: Radio und Fernsehen für Kinder und Jugendliche erfährt eine plötzliche Renaissance.
Natürlich: Beizeiten wird wieder über alle Ausformungen und Dimensionen von ARD, ZDF und Deutschlandradio diskutiert werden – und auch diskutiert werden müssen. Aber: Die Frage, ob es öffentlich- rechtliche Sender überhaupt braucht, stellt zurzeit fast niemand mehr. Sie scheint sich erledigt zu haben. Zumindest vorerst. Dankbarkeit über tägliche Sondersendungen und auch über die letzten Kulturübertragungen, die sonst ohne Publikum wären, überwiegen.

Das gilt im Übrigen auch für viele Informationsangebote kommerzieller Sender. Die Mediengruppe RTL Deutschland jubiliert ebenso über ein enormes Interesse an ihren Corona-Angeboten. Damit ist nicht etwa die Webcam-Show mit Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Oliver Pocher gemeint, die „Quarantäne-WG“ – sie wurde mangels Interesse schon wieder abgesetzt. RTL berichtet von „rapide schrumpfenden“ Zuschauerzahlen. Skype-Bilder aus Wohnzimmern erschöpfen sich eben doch schnell. Das wird auch Informations-Profis noch auf eine Probe stellen: Für permanente Schalten in die Wohn- und Arbeitszimmer der Reporter werden sich die Sender etwas einfallen lassen müssen, wenn sie auch optisch nicht zu sehr abfallen wollen.
Das mit dem Zuspruch gilt auch bei den Privatsendern für das Informationsprogramm: Mehr als 30 Millionen Menschen will die Kölner RTL-Gruppe damit nach eigenen Angaben auf allen Kanälen an einem einzigen Tag erreicht haben. Und auch Verlage melden Positives: nie dagewesene Klick-Raten auf Nachrichtenportale im Netz, Hamsterkäufe bei Zeitschriften, Rekorde bei Online-Abonnements für Regionalzeitungen. Diese recherchieren zur Lage des Gesundheitssystems vor Ort, des Kreiskrankenhauses etwa oder des örtlichen Gesundheitsamtes – und sie sind so auch das lokale Rückgrat für die nationalen und regionalen Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender.

Unsicherheit, wie sie sich derzeit vielfach breitmacht, über das Virus selbst, über die aktuelle Lage und ihre möglichen Folgen, ist außerdem der perfekte Nährboden für Gerüchte, Spekulationen und Desinformation –die gerade in sozialen Netzwerken verbreitet werden. Medien helfen, kursierende Fake News einzudämmen, indem sie Präsenz zeigen auf Facebook, auf Twitter und auf Instagram. Auch hier verbreiten sie ihre Recherchen und Analysen. Das stabilisiert die Gesellschaft, baut unnötiger Panik vor. Und auch auf diesen Kanälen zeigt sich: Vieles, was Redaktionen recherchiert haben, wird intensiv geteilt.

Medien scheinen Krisenprofiteure zu sein. Der genauere Blick aber offenbart: Viele sind auch so bedroht wie nie. Klar, der Rundfunkbeitrag sorgt in solchen Zeiten für Sicherheit – und damit auch für eine Absicherung der journalistischen Grundversorgung. Hier droht vielmehr, dass Corona auch in den Sendern die Mannschaften zu sehr schwächt.
In Österreich haben einige Journalistinnen und Journalisten zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus der Sendetechnik ihre eigene „Corona-WG“ eröffnet: Der ORF hat eine Isolierstation eingerichtet, wie ein Krankenhaus. Dort lebt nun ein Kernteam, damit es sich gar nicht erst draußen anstecken kann.

Soweit ist noch kein Sender in Deutschland. Die „Tagesschau“ hat – wie viele Redaktionen – zunächst mehrere Teams aufgebaut, die räumlich getrennt voneinander arbeiten, teils sogar zurückgezogen zu Hause. Arte hat bereits mehrere Tage lang seine Nachrichtensendung gestrichen. Es gab zu viele Coronafälle in den eigenen Reihen. Auch erste Radiosender in der ARD mussten Programm zusammenlegen. Und wir stehen erst am Anfang der Pandemie.

Bedroht ist aber vor allem der Journalismus, der sich durch Verkauf des eigenen Produkts und durch Werbung finanziert. Zur Unsicherheit über die gesundheitliche Lage kommt nämlich der wirtschaftliche Niedergang dazu: Unternehmen und Kulturinstitutionen haben im großen Stil Anzeigen storniert. Die Betreiber von Supermärkten etwa, heißt es beinahe verzweifelt in Verlagen, bräuchten keine Schnäppchen- Prospekte mehr drucken und verteilen zu lassen. Ihnen würden auch so die Regale leergekauft. Und wo kein Konzert, wo keine Lesung und wo kein Sportereignis stattfindet, da fällt auch die Werbung dafür aus. Gerade bei Lokalzeitungen macht Werbung oft noch immer etwa 40 Prozent aller Einnahmen aus, auch wenn sich das langsam, aber sicher zugunsten der Abobeiträge verschiebt, gerade im Digitalen.

Alles hängt mit allem zusammen, auch im Journalismus. Viele Reporterinnen und Reporter leben von Veranstaltungen – im Sport, in der Kultur, in den Regionen. Nun haben viele weniger oder nichts mehr zu tun. Zeitungen drucken statt Sportseiten Rätsel und Kochtipps. Allenfalls Kindernachrichten boomen in der Krise. Wer Kindern erklären kann, was da gerade auf der Welt und mit uns passiert, warum sie nicht mehr einfach auf den Bolzplatz dürfen, in die Schule oder zu Freunden, ist gefragt. Bei den meisten anderen aber ist Ebbe.

Wie viele Journalistinnen und Journalisten werden – wirtschaftlich gesehen – überleben? Wie viele Verlage, also auch Zeitungen? Es geht um viel. Damit Zeitungen eine womöglich monatelange Krise durchstehen können, brauchen sie Einnahmen. Wer fordert, Verlage mögen ihre Berichterstattung dieser Tage doch vor ihre „Paywalls“ holen, ihre Bezahlschranken, also kostenpflichtigen Angebote, mag dabei ein nobles Ziel verfolgen: dass die Gesellschaft aufgeklärt wird in schwierigen Zeiten. Doch riskieren jene, die das fordern, Totalausfälle im Lokaljournalismus oder dass sich am Ende der Staat im großen Stil an Verlagen beteiligen müsste, um sie zu retten – Journalismus ist dieser Tage immerhin auch offiziell systemrelevant.

Wer kann, sollte also unbedingt für Journalismus Geld ausgeben. Nur so können Verlage überleben, die nicht das Privileg und den Schutz des Rundfunkbeitrags genießen. Nur so schauen auch im Lokalen Journalistinnen und Journalisten hin, wie das Gesundheitssystem mit der gigantischen Herausforderung Corona klarkommt. Was es konkret heißt, wenn der Staat Grundrechte wie die persönliche Freiheit einschränkt. Und welche Folgen das hat für Betriebe und Kultureinrichtungen, für unser Leben insgesamt. In der Krise ist Solidarität gefragt, auch mit Medien. Gerade mit lokalen. Auch sie leisten derzeit Bemerkenswertes.

Nur ein Beispiel: Die „Nordsee-Zeitung“ aus Bremerhaven hat gerade eine Sonderausgabe produziert. Die Journalistinnen und Journalisten informieren in 13 Sprachen über das mitunter tödliche Virus, den richtigen Schutz und wichtige Kontakte vor Ort. Verteilt wurde diese Ausgabe an diesem Sonntag frei an alle Haushalte, damit auch zugezogene Mitbürgerinnen und Mitbürger aus dem Ausland alle relevanten Informationen erhalten. Für ihre tagesaktuellen Ausgaben verlangt aber auch die „Nordsee“-Zeitung im Netz Geld.

Aber was, wenn einem in dieser Zwangspause selbst fast alles genommen wurde – die eigene Arbeit, der eigene Betrieb? Was, wenn sich jemand tatsächlich Abonnements nicht leisten kann? Warum sollte der- oder diejenige außen vor bleiben bei relevanten, lokalen Informationen? Auch dafür hat unsere Gesellschaft eine Lösung: Bibliotheken bieten Zugriff auch auf viele Zeitungen und Zeitschriften, auf ePaper, per Online-Ausleihe. Ja, das ist umständlicher als direkt auf die Portale zu gehen und hinter die sonst üblichen Bezahlschranken schauen zu können. Aber es muss niemand auf der Strecke bleiben, der auch recherchierte lokale Informationen sucht. Das System funktioniert. Aber eben auch nur, solange Zeitungen grundsätzlich finanziert werden.

>> Download MP3 (Quelle: NDR Kultur)

Verwaist und prekär fürs System

Leere Newsrooms, getrennte Teams, maue Auftragslage: Für die taz bin ich der Frage nachgegangen, was die Krise mit den Medien und ihren Journalist*innen macht.

für taz

Ein Laptop, eine Maus, eine Tastatur und drei Monitore, dann kann es losgehen: Der Onlineauftritt des Spiegels entsteht dieser Tage auch an einem Esstisch im Norden der Republik – zu Hause, bei einem der sogenannten Chefs vom Dienst. Der Newsroom an der Hamburger Ericusspitze ist genauso weitgehend verwaist wie das größte journalistische Großraumbüro der Republik – der Newsroom der Deutschen Presseagentur in Berlin.

Nachdem ein Mitarbeiter Kontakt zu einem Corona-Verdachtsfall hatte, arbeiten die Redakteur*innen der dpa-Zentrale von draußen. In dem 2.200 Quadratmeter großen Büro hält Chefredakteur Sven Gösmann die Stellung, zusammen mit zwei Assistentinnen, einem Techniker und seinem Nachrichtenchef. Der hat auf Twitter „Die große Leere – der Film“ zur Aufführung gebracht, einen Rundgang durchs redaktionelle Nichts.

„Wenn man sich überlegt, dass sonst mindestens 250 Menschen hier arbeiten, ist das ein verdammt stiller Raum“, sagt Gösmann. Konferiert wird nun per Videoschalte oder Chat. Gösmann sagt: Glücklicherweise sei Vernetzung in der 70-jährigen Geschichte bei dpa schon immer ein Thema gewesen. „Wir haben 150 Standorte und unsere Journalist*innen sind es auch gewohnt, aus dem Homeoffice zu arbeiten.“ Im Fall der Fälle ist Dezentralität Gold. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender, die ihre Newsrooms für Radio und TV nicht so einfach aufgeben könnten und immer neue, immer größere bauen, haben Pandemiepläne ausgelöst, Mitarbeitende getrennt.

Besondere Vorsicht gilt bei der „Tagesschau“. „Sie muss bis zum Schluss durchhalten“, sagte Chefredakteur Marcus Bornheim in einem Interview mit „Zapp“, das nur vor und nicht im Nachrichtenhaus geführt wurde – die „Tagesschau“ hat sich auch intern isoliert. Ein Teil der Redaktion arbeite inzwischen auch an einem anderen Ort. So gebe es für den Fall, dass im Newsroom Corona-Alarm ausgelöst werde, einen „zweiten Sturm“, sagte Bornheim.

Wenn einem die Puste ausgeht

„Wir müssen damit rechnen, dass die Krise auch uns zum Teil beeinträchtigt“, mahnte der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow auf einer Pressekonferenz. Die Dritten erwägen demnach, im Fall der Fälle ihre Programme zu bündeln – bis auf regionale Informationen. Im Hörfunk seien „Übernahmen von Teilstrecken möglich, wenn einem Inforadio etwas die Puste ausgeht“. Beim BR ist es soweit: Ein Corona-Fall bei der Info-Welle B5 dünnt die Redaktion bedrohlich aus. Ab Montag wird deshalb „bis auf Weiteres überwiegend gemeinsames Programm“ mit Bayern 2 gesendet.

Schon heute kürzen oder streichen die Dritten einzelne Sendungen, um Personal für die Aktualität zusammenzuziehen – nicht zuletzt für ein „ARD Extra“, das nun nahezu täglich nach der Tagesschau um 20 Uhr laufen soll. „Hier zeigt sich die Stärke des Föderalismus“, betont ARD-Programmdirektor Volker Herres. Die neun Landesrundfunkanstalten wechselten sich reihum wöchentlich ab. Damit könne jede zwischendurch wieder zu Kräften kommen. Gleichzeitig lassen die Sender weiter auch Stoffe jenseits der Information abdrehen: Serien und Spielfilme, also Nachschub für die Ablenkung von der Krise.

Das Problem: An Filmsets wimmelt es nur so vor Schauspieler*innen, Kompars*innen, Kameramenschen und anderen Beteiligten. Corona freut das. „Wir kommen da in eine Situation, die für die fiktionalen Produktionen wirklich heikel ist“, sagt selbst ARD-Programmdirektor Herres. Einige Beteiligte wollten nicht mehr ans Set. „Das ist für die Produzenten natürlich mit erheblichen Risiken verbunden.“ Wenn es zu Verschiebungen kommen sollte, sei die ARD bereit, Mehrkosten von bis zu 50 Prozent des ursprünglichen Auftrags zu übernehmen.

Die Sender stoppen die Produktionen als Auftraggeber*innen allerdings nicht, sondern schieben diese Verantwortung den Produzenten zu – trotz mitunter fragwürdigen Bedingungen. Von einem Krimidreh für das ZDF erreichte die taz das Foto einer Flasche mit Desinfektionsmittel. Auf einem aufgeklebten Zettel für die Crew stand: „Bitte seid sparsam. Wir haben nur das und haben keine Möglichkeit, noch welches zu kaufen.“

Das ZDF geht bei einer Anfrage der taz nicht auf diesen Hinweis ein. „Die Gesundheit aller Beteiligten hat für uns höchste Priorität“, heißt es. Mitte der Woche liefen für den Mainzer Sender noch fiktionale Produktionen im Wert von gut 50 Millionen Euro. Sie könnten „im Zweifelsfall geschoben und zu einem späteren Zeitpunkt umgesetzt werden“. Ein Angebot, das immer mehr Produzenten annehmen: Auch der besagte Krimi-Dreh ist nun gestoppt.

Es sieht mau aus

Ein besonders Risiko ist die Lage für freischaffende Künstler*innen, darunter auch Journalist*innen. Öffentlich-rechtliche Sender wollen Ausfallhonorare zahlen und Mitarbeitende anderweitig einsetzen, etwa für die Aufbereitung der Sendungen, die nun speziell für Schüler*innen angeboten würden und ARD und ZDF viel Applaus bringen.

Auch wenn teils noch an Details gearbeitet wird: Tarifverträge für regelmäßige freie Mitarbeiter*innen sehen oft Sonderzahlungen vor, Redaktionen weniger bestellen. ARD-Vorsitzender Tom Buhrow versprach, im Zweifel werde man sich „großzügig“ zeigen.

Prekärer ist die Lage schlagartig außerhalb der beitragsfinanzierten Medienhäuser, wo es keine Tarifverträge für „arbeitnehmerähnliche Freie“ gibt. Freie Fotograf*innen stehen plötzlich teils ganz ohne Aufträge da. Besonders mau sieht es bei jenen aus, die sonst über Pressekonferenzen und Veranstaltungen berichten.

Georg Rudiger berichtet beispielsweise von Freiburg aus über das Musikleben im Südwesten, dem Elsass und der Schweiz – für Zeitungen und Fachmagazine. „Fast alle Themen sind weggebrochen“, sagt er. Immerhin: Statt eines geplanten Vorberichts führt er mit einem Dirigenten nun ein Interview darüber, wie die Corona-Krise auch diese Szene trifft. Das laufe gut. Er schreibt auch noch weiter an Programmheften für Festivals, die „im Sommer hoffentlich stattfinden“. Die nächsten vier Wochen habe er so wohl noch zu tun. Und dann? „Wenn bis zum Sommer keine Konzerte stattfinden, habe ich ein echtes Problem.“

Gleichwohl: Das Bild ist divers. „Einigen fällt komplett alles weg – je nachdem, in welchem Bereich sie arbeiten“, sagt Anna Heidelberg-Stein aus dem Vorstand des Berufsverbands Freischreiber. Dazu gehörten auch viele, die ihr Geld vor allem damit verdienten, Podien oder Kongresse zu moderieren. Veranstalter und Zeitungen zahlten selten Ausfallhonorare.

Anerkennung der Systemrelevanz

In ersten Bundesländern sind Nothilfen angelaufen, auch für sogenannte Soloselbstständige. In der kommenden Woche soll zudem der Bundestag ein milliardenschweres Hilfspaket beschließen. Auch Verwertungsgesellschaften wie die VG Wort haben Notfonds. Vor allem die Hilfen der Politik brauche es dringend flächendeckend und ohne große Bürokratie, sagt Heidelberg-Stein. Einige Kolleg*innen, vor allem auf Wissenschaft spezialisierte, könnten sich aber auch „aufgrund ihrer Expertise vor Aufträgen gar nicht retten“.

Auch Zeitungen trifft die Entwicklung. Viele Regionaltitel haben ihren Umfang reduziert, da über Corona hinaus im Regionalen fast nichts mehr los ist. Der Verlegerverband BDZV rechnet zudem mit deutlichen Anzeigenrückgängen, etwa weil es vorerst keine Veranstaltungen gebe, die beworben werden könnten. „Sicher bekommt der Lebensmitteleinzelhandel seine Regale derzeit auch ohne Sonderangebote leer verkauft und storniert bereits gebuchte Anzeigen“, sagt eine Sprecherin der Zeitungsbranche. „Gleiches gilt für andere Geschäfte, in denen durch behördliche Anordnungen die Öffnungszeiten reduziert werden oder deren Betrieb untersagt wird.“

Was nun alle beschäftigt, ist die Frage, wie Journalismus bei einer Ausgangssperre funktioniert. Frank Überall, Vorsitzende der Journalist*innen-Gewerkschaft DJV, freut sich, dass immer mehr Bundesländer Journalist*innen als „systemrelevante Berufsgruppe“ einstufen. „Dass man sich zur Berichterstattung noch vor Ort ein Bild machen kann, sind gute Ansätze“, sagt er. Außerdem helfe die Einstufung denjenigen, die noch in Funkhäuser müssten und Kinder hätten: Sie können Notbetreuung beantragen.

Sven Gösmann, Chefredakteur der dpa, denkt unterdessen darüber nach, ob der Themenmix sich nicht langsam ein wenig verschieben sollte. „Immer noch sterben in Idlib Menschen. Immer noch sitzen in Lesbos Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern. Immer noch gibt es andere Themen. Und immer noch gibt es natürlich auch das eine oder andere Schöne“, sagt Gösmann. „Aber Corona überlagert alles.“

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de

radioeins-“Medienmagazin” vom 7. März 2020

In unserer radioeins-Sendung diskutieren Jörg Wagner und ich die Lage auf dem Berliner Zeitungsmarkt. Im Studio zu Gast: “Tagesspiegel”-Chefredakteur Lorenz Maroldt.

für radioeins

— Zeitmarken dieser Sendung —

[00:00] INTRO: Lorenz Maroldt 2016 | [03:02] Der Tagesspiegel und die Konkurrenzsituation 2005/2020 mit der Berliner Zeitung | [13:35] Der Tagesspiegel und die Foto-Redaktion/ der Redaktionsetat | [17:28] Die Folgen durch die Corona-Epidemie | [19:03] Der Tagesspiegel und die Newsletter | [23:51] Der Tagesspiegel, die MoPo und der öff.-rechtl. Rundfunk | [25:53] Der Tagesspiegel/Berliner Verlag/Springer und die Mitbestimmung | [46:04] Bonus: MTMextra-Vortrag von Holger Friedrich | [1:07:51] Bonus: Interview Holger Friedrich | [1:17:38] Bonus: Lorenz Maroldt – die Erfindung des “Checkpoint”-Newsletters

>> Download MP3 (Quelle: radioeins/Jörg Wagner)

Neuer Ärger bei der “Berliner Zeitung”

Silke und Holger Friedrich haben ihren neuen Chefredakteur Matthias Thieme verloren. Über die Hintergründe und Folgen habe ich mit dem Deutschlandfunk gesprochen.

für Deutschlandfunk

>> Download MP3 (Quelle: Dlf-“Mediasres”)