Kurswechsel: Olaf Scholz und die Medien

Das Verhältnis von Olaf Scholz zu den Medien gilt als schwierig. Für ZAPP bin ich mit Lea Eichhorn der Frage nachgegangen, ob Scholz seine Strategie für seine Kanzlerkandidatur ändert.

für NDR Fernsehen

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(Quelle: NDR-“ZAPP”)

Vize-Kanzler im Wahlkampf-Modus

Es scheint, als habe Vize-Kanzler und SPD-Chef Gabriel schon in den “Wahlkampf-Modus“ gewechselt. Auffällig dabei: Gabriel läßt es menscheln. Was kommt da noch alles?

für WDR5

Manuskript des Beitrags
Frühmorgens zwischen Goslar und Berlin: Wie Millionen Bundesbürger pendelt auch Sigmar Gabriel zu seinem Arbeitsplatz. Und wie Millionen andere wirkt auch er noch nicht ganz fit – hier im ICE.

„Kaffee? Milch, Zucker, Süßstoff, Zitrone?“

„Alles gut.“

„Alles gut, schwarz wie die Nacht.“

„Ja.“

Sigmar Gabriel reibt sich die Augen. Er wird von einem Fernsehteam des WDR begleitet, für „die Story: Papa an der Macht“ über Politiker, die auch Väter sind.

„Das ist ein ständiger Kampf, also es geht immer wieder um die Frage, wann fahre ich jetzt doch noch nachts nach Hause, um wenigstens zusammen frühstücken zu können. Also das ist ein Kampf, der jeden Morgen, jeden Tag neu beginnt.“

Die Dokumentation hat Gabriel gewiss nicht bestellt – er wurde gefragt. Dass er aber mitspielt, ist nicht selbstverständlich. Seine Zusage passt in ein Bild, das sich ergibt, wenn man Gabriels Medienauftritte der vergangenen Wochen wie Puzzlestücke zusammensetzt: Gabriel lässt es „menscheln“ wie nie zuvor.

Ein weiteres Puzzleteil: eine „Homestory“ in der „Bunten“ – die Tochter auf dem Arm, die Ehefrau an der Seite. Die Botschaft: „Daheim ist es viel lustiger als Berlin.“ Im ZDF-„Morgenmagazin“ schlendert der SPD-Vorsitzende wiederum mit Cherno Jobatey durch seine Heimatstadt Goslar – und betont, wie sein Tag begann:

„Indem ich meine Tochter zum Kindergarten gebracht hat. Ne! Erst mal musste ich Frühstück machen.“

„Wie prägend ist so ein Vater?“

„Ich finde es das tollste auf der Welt. Ich habe zwei Töchter, eine Erwachsene und jetzt noch mal die kleine. Und das ist irgendwie phantastisch.“

Diese gehäuften Auftritte sind kein Zufall, meint der Düsseldorfer Medientrainer Christof Schramm, der sonst Wirtschaftsbosse fit für die Öffentlichkeit macht.

„Er inszeniert sich als Vater-Politiker. Er positioniert sich als Mann und Vater. Das hat man selten gesehen, vor allem nicht in solchen Ämtern.“

Sollte ihn seine Partei am Ende aufstellen – es wäre jedem schon bekannt, was er zu bieten hat, was Kanzlerin Angela Merkel fehlt: ein klassisches Familienleben. Für den Medienberater ist offensichtlich, dass sich Gabriel positioniert.

„Gabriel ist – zumindest in seiner Funktion als Vizekanzler – 2013 im Amt. Und wenn Sie die Zeit der letzten drei Jahre nehmen, nämlich seit 2013, dann werden Sie kaum Homestorys, kaum Geschichten wie diese Finden. Und ich glaube, das liegt nicht daran, dass die Medien kein Interesse gehabt haben. Bestimmt haben sie daran Interesse. Bestimmt haben die auch nachgefragt, immer wieder und immer wieder. Nur was hätte ihm damals genutzt? Da ging es nicht um eine Wahl, es ging nicht um ein Amt.“

Welcher Plan steckt hinter den jüngsten Veröffentlichungen? Darüber schweigt Gabriel. Auch seine Strategen im Willy-Brandt-Haus wollen kein Interview geben.

Das Thema ist heikel: Gabriel öffnet bereitwillig das Tor zu seinem Privatleben. Das einzige Tabu bleibt das Gesicht seiner Kinder. Sonst macht er erstaunlich viel mit.

Das beobachtet auch Daniel Friedrich Sturm, der gerade eine Gabriel-Biographie schreibt. Sturm sagt aber auch: Private Anekdoten gehören im Wahlkampf dazu.

„Denken Sie daran, dass auch Frau Merkel im letzten Wahlkampf davon berichtet hat, wie sie also für ihren Mann Kuchen backe und dass er also die bestimmten Streusel ganz, ganz gerne möge. Das sind natürlich alles Banalitäten. Gabriel geht da weiter, aber Gabriel hat auch mehr zu erzählen, weil seine eigene Biographie ist natürlich auch eine wunderbare sozialdemokratische Geschichte, oder um das neudeutsche Wort zu benutzen: ein Narrativ.“

Und das erzähle er nun immer wieder – darunter auch: wie schwer es seine Mutter gehabt habe. Sie hat Gabriel allein aufgezogen und als Krankenschwester malocht.

Gabriel-Biograph Sturm fragt sich allerdings, was da noch kommen soll, wenn ihn die SPD tatsächlich als ihr Gesicht in den Wahlkampf schicken sollte.

„Ich erinnere mich an den Wahlkampf 2013. Damals hatten wir Peer Steinbrück als Kanzlerkandidaten. Seine Frau ist dann ja auch auf eine öffentliche Bühne getreten. Es gab diese denkwürdige Szene, wo Peer Steinbrück Tränen in den Augen hatte. So etwas wird Gabriel ja wahrscheinlich auch machen müssen.“

Sigmar Gabriel hat zwar selbst begonnen, seine Familie im Wahlkampf zu thematisieren. Er wird das im Zweifel aber schwerlich selbst beenden können.

>> Download MP3 (Quelle: WDR5-“Töne, Texte, Bilder”)

Neuer Gabriel

In der Vaterrolle zum Imagewandel?

für NDR Fernsehen

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Manuskript des Beitrags
Die Sommertour von Vizekanzler Sigmar Gabriel. Medial: erfolgreich. Das passt, denn Gabriel ist längst im Wahlkampfmodus. Er liefert starke Bilder, zeigt Nähe.

„Bei Müllers hat’s gebrannt, brannt, brannt…“

„Will Sigmar Gabriel den SPD-Vorsitz behalten, muss er dieses Mal antreten, muss er Kanzlerkandidat werden. Sonst ist der Parteivorsitz futsch, das weiß er. Und für eine solche Kandidatur braucht er natürlich zum einen bessere Umfragewerte für die SPD, aber natürlich auch bessere persönliche Werte.“

Und dafür tut er viel: Er beteiligt sich am WDR-Film „Papa an der Macht“. Lässt sich begleiten.

“Und wann wird jetzt aus dem Vater der Minister?”
“Ist schon, oder gleich im Auto?” “Im Auto – klar, jetzt geht’s los.”

Die Botschaft ist klar: Familie – so wichtig wie die Politik.

„Das ist ein ständiger Kampf. Es geht immer wieder rum die Frage, wann fahre ich doch noch abends nach Hause, um morgens wenigstens gemeinsam frühstücken zu können. Das ist ein Kampf, der jeden Morgen, jede Tag, jede Woche neu beginnt.“

Auch im „Zeit Magazin“: der SPD-Chef als „Papa mobil“. Bei „Bunte“ platziert: die Homestory aus dem Gosslar’schen Garten mit Frau und Tochter. Glückliches Familienleben.

Und auch im „Morgenmagazin“: alles Papa.

„Na, wie ist das denn mit Papa, ich habe Dich im Fernsehen gesehen? Was geht da bei Ihnen vor?“ „Das finde ich eher traurig. Weil manchmal erzählt sie, dass sie an den Fernseher geht und mich am Fernseher geküsst hat. Und das geht einem dann eher zu Herzen.“

Offen über das Privatleben reden – für Kommunikationsberater Christoph Schramm ganz klar: Strategie.

„Ich finde es clever. Und // ich würde es ihm genauso raten. Ich würde es jedem Politiker genauso raten, weil er inszeniert sich auf eine sehr geschickte Art und Weise. Zum Beispiel inszeniert er sich – und das ist neu in der deutschen Medienwelt – als Vaterpolitiker. Er positioniert sich als Mann und Vater. Das hat man selten gesehen, vor allem nicht in solchen Ämtern.“

„Er hat ja ein Gefühl für das, was gerade populär ist. Und er hat auch ein Gefühl für Stimmungen. Er ist ja ein sehr sensibler Mensch und er weiß auch ein bisschen, was gefragt ist. Und er neigt auch dazu bei Themen zu springen und bei Positionen zu springen. Und das ist eben auf einer anderen Ebene ein Versuch, sich einfach beliebter zu machen. Und da ist noch Luft nach oben – weiß Gott!“

Denn: Gabriels gilt bisweilen als Raubein, als Unsympath, als bockig. Er geht gerne in den Nahkampf.

„Wir müssen erstens dafür sorgen – ich kann mich hier nur wiederholen, insofern ist die Sendung ein bisschen schwierig gerade, dass wir in Jordanien, im Libanon…“
„Das habe ich verstanden, Herr Gabriel.“
„Nun lassen Sie mich doch einfach ausreden. Sie haben mich doch gefragt.“
„Wenn Sie sagen, Sie noch einmal das gleiche sagen, dann darf ich Sie doch nochmals an meine Frage erinnern und das war die nach kurzfristigen Lösungen. Und da scheint mir…“
„…das ist kurzfristig. Frau Schausten! Das ist sehr kurzfristig!“

„Die Frage ist doch…“
„Das stimmt nicht, was Sie sagen!“
„Doch! Das können Sie nachlesen.“
„Das ist nicht das erste Mal, dass Sie in Interviews mit Sozialdemokraten nichts anderes versuchen, als uns das Wort im Mund umzudrehen.
„Herr Gabriel, Sie werden mir jetzt bitte nichts unterstellen.“

„Sigmar Gabriel – Patron und Provokateur“ – für diese neue Biographie hat Daniel Friedrich Sturm mit Gabriel, seinen Freunden und Gegnern gesprochen. Der Kurswandel hin zur privaten Kommunikation: für ihn offensichtlich.

„Es gibt ja Politiker, die ja bewusst versuchen, jegliche privaten Geschichten außen vor zu halten. Angela Merkel ist ja so ein Typ. Oder auch Jürgen Trittin. (…) Sigmar Gabriel hat dieses Tor geöffnet. Er ist lange genug Politiker, dass er sicher auch weiß, dass das auch Risiko haben könnte. Aber er spielt jetzt damit.“

Das Willy-Brandt-Haus, die Parteizentrale der SPD. Gerne wüsste man, wie sie das hier planen, die Homestorys und anderen Medienauftritte. Doch während Gabriel mit seinen Strategen sein Privatleben zunehmend öffentlich macht, bleibt die Strategie dahinter: ein großes Tabu.

Der Kommunikationsberater, der sonst Wirtschaftsbosse fit macht für die Öffentlichkeit, aber erkennt die Strategie dahinter: Nähe schaffen. Auch mit dunklen Geschichten aus der Familie.

„Mein Vater – anders als meine Mutter – hat sich nie richtig mit dem demokratischen Deutschland anfreunden können. Er ist bis zu seinem letzten Tag – er ist vor ein paar Jahren gestorben – ist er ein überzeugter Nationalsozialist geblieben. Ja, ja. Ganz hart.“
„Wie merkt man das?“
„Als ich glaube ich mit 15, 16 bei ihm war, da sah ich den Bücherschrank, weil er gerade nicht da war. Und da war ich dann doch entsetzt.“
„Was war da?“
„Na ja, ‚die Auschwitz-Lüge‘ und solche Literatur.“

„Er muss nicht über seinen Vater erzählen und er muss auch nicht über seine Kindheit erzählen. Das macht er freiwillig. Und wenn er von der [sieht auf Bouhs] Nazi-Vergangenheit seines Vaters erzählt, dann frage ich mich: Oh, das hat durchaus gewisses Krisenpotenzial. Er weiß aus seiner Erfahrung mit dem Medienbetrieb, dass nichts unentdeckt bleibt. Und ich bin mir sehr sicher, dass er das an dieser Stelle und mehr als ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl, dass er dieses Thema jetzt lieber kontrolliert abbrennt, als dass es ihm zu einem Zeitpunkt auf die Füße fällt, wenn er es nicht kontrollieren kann und wenn er es nicht gebrauchen kann.“

Der Gabriel-Kenner aber fragt sich: Wie Nachhaltig ist diese Strategie – vor allem: mit Blick auf die Bundestagswahl in gut einem Jahr.

„Diese Homestory hat er ja sehr // früh gemacht, jetzt im Sommer 2016. Er wird ja im Sommer 2017 – so er denn Kanzlerkandidat der SPD wird – wird er ja noch irgendetwas medial machen müssen und wollen, wo das Private in irgendeiner Form bedient wird. Da bin ich gespannt, was er vorhat. Vielleicht geht er ja mit seiner Frau noch in irgendeine Talkshow. Das kann ich mir gut vorstellen.“

Die Kommunikationsoffensive in eigener, in sehr privater Sache – damit setzt Gabriel sich und seine Familie unter Zugzwang. Zumindest, falls ihn seine Partei dann auch tatsächlich aufstellen sollte und der Wahlkampf für ihn offiziell beginnt.

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“ZAPP”)