Springer: Wohin steuert der Medienkonzern?

Zusammen mit Jon Mendrala habe ich mir u.a. für ZAPP die Frage gestellt, wo in Zeiten der KKR-Investitionen eigentlich noch der Journalismus bleibt.

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —
Hamburg. Am Axel-Springer-Platz eine Großbaustelle – und großes Bangen. Wie viele Mitarbeiter müssen gehen? Bei „Bild“, „Sportbild“, „Computerbild“. Dazu die „Welt“: werktags bald ohne Lokalteil. Und dann noch das:

[“Handelsblatt” 27.8.2019] „KKR wird Springers größter Aktionär“.
[“Abendblatt” 27.8.2019] „US-Investor übernimmt 43 Prozent von Springer“.
Manch einer sieht eine
[taz 18.9.2019] „Weltuntergangsstimmung bei Springer“.
Der Deutsche Journalisten-Verband sieht allein in Hamburg bis zu 100 Stellen bedroht.

[Stefan Endter, DJV Hamburg] „Das ist eine Sorge um die Arbeitsplätze. Das ist die Sorge um eine Zukunft der Produkte für die Kolleginnen und Kollegen zum Teil seit Jahrzehnten engagiert arbeiten.“

Unruhige Zeiten am Standort Hamburg. In den Neunzigern war Martin Jastorff selbst Manager bei Springer, kümmerte sich um die Strategie des Konzerns. Heute lehrt er Medienmanagement. Ihn beschäftigt, was gerade passiert.

[Prof. Dr. Martin Jastorff, Macromedia Hochschule] „Springer hat schon sehr früh den Weg zum digitalen Verlag eingeschlagen und das ja auch sehr erfolgreich und sehr viel konsequenter als die meisten anderen deutschen Medienunternehmen. Insofern ist der Weg, den sie jetzt gehen, einfach wirklich sehr konsequent, sich – ja – von fast allen Print-Titeln, muss man ja ganz ehrlich sagen, zu trennen.“

Berlin. Seit Mitte der Sechziger Jahre Springers Konzernsitz – früher direkt an der Mauer. Zur aktuellen Lage: für ZAPP kein Interview. Stattdessen: ein Gespräch mit Lutz Meier. Der Wirtschaftsjournalist beobachtet Springers neuen „Balanceakt“.

[Lutz Meier, Wirtschaftsjournalist „Capital“] „Das Hauptgeschäft von Axel Springer heute ist Kleinanzeigenportale zu betreiben für Jobs, für Wohnungen und anderes. Drei Viertel des Gewinns kommt aus diesen Kleinanzeigenportalen. Vereinfacht gesagt, bestehen diese Geschäfte ja aus einem Server, den man irgendwo hinstellt. Die Inserenten, die die Kleinanzeigen aufgeben, liefern den Content. Dadurch entstehen Vorsteuerrenditen von 40, 50 Prozent. So etwas gab es in den besten Zeiten des Verlagswesens nicht.“

Die US-Investoren von KKR schießen etwa drei Milliarden Euro in den Konzern, damit er weiter wachsen kann. Das Kalkül: satte Gewinne – vor allem: für KKR. Das hat schon mal geklappt.

Von 2006 bis 2014 bei ProSiebenSat1. Für mehr Profit strich der Konzern etliche Stellen im klassischen TV-Geschäft. Der Betriebsrat sprach von einem „Erosionsprozess“. Der Konzern würde „ausgehöhlt“. Was passiert jetzt bei Springer?

Auf den Münchner Medientagen Ende Oktober. Die Branche diskutiert über die Zukunft. Und eine KKR-Managerin lobt Springers Digitalgeschäft.

[Franziska Kayser, Finanzinvestor KKR] „Gleichzeitig wird natürlich das traditionelle Geschäft bei Axel Springer immer Teil des Unternehmens bleiben. Also wir unterstützen die ‚Bild‘, die ‚Welt‘. Beides wird in der traditionellen Form so weitgeführt werden.“

Axel Springer selbst kündigt an: „Wir gehen mit BILD und WELT jetzt den nächsten Schritt“. Offiziell ist von „Kosteneinsparungen von 50 Millionen Euro“ die Rede. Bei den klassischen Medien in Deutschland.

[Lutz Meier, Wirtschaftsjournalist „Capital“] „Es ist schon ein deutliches Signal, die guten Jahre sind vorbei. Und es ist, glaube ich, vor allem ein Signal nach innen an die Leute, dass jetzt mehr gearbeitet, mehr Geld verdient werden soll und dass die journalistischen Bereiche keine – ja – Narrenfreiheit haben.“

Während die Kollegen im Print-Geschäft um ihre Jobs fürchten, baut Springer im Digitalen aber auch aus. Und: um. Im Neubau zieht der Konzern bald seinen TV-Sender Welt mit der Print- und Onlineredaktion zusammen.

Neben Fernsehwerbung soll die „Welt“ vor allem im Digitalen Geld verdienen, mit „Welt+“. Genauso „Bild“. Dafür kündigt Springer auch Investitionen an – mehr als „100 Millionen Euro, vor allem in eine Live-Video-Strategie von BILD“.

Schon heute zücken „Bild“-Reporter ihre Smartphones praktisch überall – so wie hier vor der CDU-Zentrale. „Bild“ geht live – im Videostream. Das soll erst der Anfang sein. Und Springer investiert auch weltweit. In Medien, die in Deutschland kaum einer kennt. Etwa „Politico“ mit Informationen aus Brüssel zur EU-Politik. Und: „Business Insider“ – ein internationales Wirtschaftsportal.

Dass Springer den Journalismus weiter hochhält, hat vor allem mit Friede Springer zu tun, der Witwe des Gründers – und: mit Mathias Döpfner. Der Journalist leitet den Konzern seit bald 18 Jahren. Von ihrem Großinvestor KKR haben sie sich schriftlich geben lassen, dass die letzten Traditionsmarken bleiben.

[Textzitat Axel Springer SE] „Mindestens fünf Jahre, das können aber auch bis zu zehn Jahre sein. Die Vereinbarung mit KKR sieht einen großzügigen Ergebniskorridor vor, der faktisch einer Bestandsgarantie gleicht.“

Doch auch in der Medienbranche gilt: Am Ende schaut ein Investor auf die Zahlen.

[Lutz Meier, Wirtschaftsjournalist „Capital“] „Die suchen ja nicht die Seele. Die suchen Return on Investment. Und für Mitarbeiter ist es natürlich schon wichtig, dass man ihnen das Gefühl gibt, das Unternehmen ist mehr als eine Geldmaschine.“

[Prof. Dr. Martin Jastorff, Macromedia Hochschule] „Ich glaube, als Springer-Mitarbeiter fühlt man sich immer noch als Teil eines besonderen Unternehmens. Aber natürlich sind auch harte Einschnitte nicht zu vermeiden, wenn es der Print-Branche eben doch deutlich schlechter geht, wie in den letzten Jahren.“

Einschnitte, bei denen viele etablierte Mitarbeiter auf der Strecke bleiben dürften. Hier schließt sich der Kreis, denn wer sich bald als Journalist etwa in Hamburg einen neuen Job suchen muss – möglicherweise könnte er ihn finden: Auf einem Anzeigenportal aus dem Hause Axel Springer.

>> Beitrag im ZAPP-Youtube-Kanal (Quelle: NDR-“Zapp”)

Mehr Digitalabos, neue Struktur, stärkere Macht: Axel Springer 2017

Auf der Pressekonferenz des Axel-Springer-Verlags am 8. März 2018 in Berlin berichtet der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner , wie sich “Bild” und “Welt” 2017 im Digitalen entwickelt haben, wie sein Konzern hinter den Kulissen das Geschäft neu organisiert und warum die “publizistische Einflusssphäre” des Medienhauses wächst — und damit auch seine journalistische Verantwortung.

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Die Marktschreier

Wie Redaktionen Recherchen verkaufen

für B5aktuell

Manuskript des Beitrags
„Wir sind hier im Haus 18 beim NDR in Lokstedt und hier sitzt das Ressort ‚Investigation’. Wir sind ‘ne kleine, aber feine Truppe…“

Und Julia Stein gehört selbst zu dieser Redaktion, die gerade wieder Schlagzeilen macht, zusammen mit dem WDR und der „Süddeutschen Zeitung“ als Teil eines weltweiten Recherchercheverbunds. „Swissleaks“: der größte Daten-Bankraub der Geschichte. Um Themen wie diese möglichst schnell an ein zugleich möglichst breites Publikum zu bringen, arbeiten hier bewusst Fernseh-, Radio- und Online-Journalisten in einer Redaktion. Vor allem sitzen sie ganz in der Nähe besonders gefragter Kollegen, von ARD-aktuell und vor allem von der „Tagesschau“.

„Es ist kein Zufall, es ist Absicht. Wenn wir eine Etage tiefer gehen würden, sind wir schon bei ‚Tagesthemen’, bei ‚Nachtmagazin’, noch eine Etage tiefer sind wir bei der Planung von ARD-aktuell. Und die kurzen Wege, die Kollegen direkt zu treffen, das hat sich schon vielfach als Vorteil erwiesen.“

Auch wenn diese Nähe mitnichten ein Selbstläufer ist, wie Julia Stein berichtet: die „Tagesschau“ schafft für Recherchen wie „Swissleaks“ immer wieder Reichweite und die ist bei Journalisten begehrt. Noch sehr viel aktiver sind die Kollegen von der BBC. Die britische Rundfunkanstalt, die Sender in aller Welt betreibt, hat ihr System perfektioniert.

Ausschnitt „Panorama“

BBC-Journalisten finden heraus: Bei den Sprachtests, die Einwanderer für ein Visum bestehen müssen, wird großflächig betrogen. Eine Industrie der Schummelei – das ist ein Thema, nicht nur für eine Dokumentation. In London nimmt sich deshalb eine spezielle Einrichtung der Sache an: eine Redaktion namens „Impact“. Sie sorgt dafür, dass die BBC einzelne Recherchen auf so vielen Plattformen wie möglich erzählt.

„The role auf the BBC-‚Impact’-Team is to make sure that our best regional journalism reaches as many audience as possible. That could be on…“

In der hauseigenen Akademie der BBC erzählt „Impact“-Chef Mark Perrow wie er das macht – etwa, indem er die Geschichten auch gezielt in anderen Sprachen erzählt, die Geschichten weiter dreht, in diesem Fall für den eigenen Kanal für Indien.

Ausschnitt BBC India

„Das war eine gewichtige Recherche. Sie sollte so viele Menschen wie möglich erreichen. Es geht doch darum, unser Geld so klug wie möglich einzusetzen.“

Die Gefahr dabei: Redaktionen machen Geschichten größer als sie sind. Tatsächlich ist der Druck in den Medienhäusern mitunter gewaltig: Jeder muss beweisen, dass er sein Geld wert ist und Zeitungen wie Magazine müssen sich im wahrsten Wortsinne verkaufen – so auch die „Welt“ aus Berlin. Exklusives stellt sie bewusst zur Schau.

„Die ‚Welt’-Gruppe betreibt das sehr systematisch, weil wir das natürlich versuchen, bei jeder Geschichte, wo wir sehen, die ist Exklusiv oder wir sind die ersten mit dieser Meldung, wollen wir natürlich logischerweise Marketing betreiben für unsere Produkte,“

erklärt Beat Balzli, der stellvertretende Chefredakteur. Er will, dass die Geschichten seiner Journalisten die Runde machen, in der „Tagesschau“, aber vor allem bei den Nachrichtenagenturen, die Medien oft wörtlich übernehmen. Wer das konsequent schafft, der darf auf eine Belohnung hoffen: eine Bonuszahlung für Journalisten.

„Das wird sicher angesprochen in den Zielvereinbarungen, das ist ganz klar. Also die Zitierungsquote ist ein Teil der Ziele, das ist klar.“

Das mit der Präsenz ist für die „Welt“ aber auch etwas einfacher geworden: Axel Springer hat N24 gekauft. Der Nachrichtensender bildet mit den Journalisten der Zeitung eine gemeinsame Redaktion. Seitdem hat Exklusives auch hier Konjunktur.

>> Download MP3 (Quelle: B5-“Medienmagazin”)

Journalisten wehren sich gegen nervige Trolle

für NDRinfo

Manuskript des Beitrags
Es gibt einfach keine Geheimnisse mehr, Redaktionen sagen endlich die Wahrheit. Zum Beispiel die Macher der „Welt“ – ihre Kritik an Russland ist natürlich: bestellt.

„Hier im Newsroom hat das rote Telefon geklingelt. Am anderen Ende war diesmal nicht – wie sonst – Angie herself, sondern der US-Präsident.“

Und sogar die „Tagesschau“ antwortete ganz offen auf einen Nutzer, der sich über gleichlautende Berichte wundert und auf der Facebook-Seite nach Gründen fragt:

„Systempresse. Wissen Sie doch.“

Medien haben jahrzehntelang sogenannte Trolle einfach stillschweigend ertragen –Nutzer, die nicht sachlich diskutieren, sondern pöbeln und das ständig. Jetzt aber halten Journalisten gezielt gegen diese kleine, aber eben sehr lautstarke Minderheit der Nutzer. Mit dabei ist auch der „Spiegel“. Social-Media-Chef Torsten Beeck:

„Das ist so eine Mischung aus Verzweiflung und Kopfschütteln, was das häufig auslöst, dass man einfach denkt: Was soll ich mit den Leuten noch machen? Wir haben jetzt zehn Mal versucht, denen mit Argumenten bei zu kommen. Und es ist manchmal auch einfach so ein Schlussstrich, den man tatsächlich als Redakteur auch zieht,“

und dann eben den Troll, wie Beeck sagt, „freundlich auf die Schippe“ nimmt. Dabei soll niemand beleidigt, niemand verletzt werden. Auch will damit niemand fundierter Kritik an der journalistischen Arbeit entgehen.

„Man kann tatsächlich auch nicht alles mit einem total ironischen Super-Tweet einmal kurz wieder wegwischen, aber ich glaube man sieht, dass wir da auch tatsächlich ein gewisses Selbstbewusstsein auf den Kanälen entwickeln.“

Bei der „Welt“ in Berlin steuert wiederum Martin Hoffmann die Ironie-Offensive. Auch er ist überzeugt: Aussitzen bringt nichts. Der alte Trick „bloß nicht auf Nervensägen einsteigen, die verschwinden dann schon“ – im Netz habe er nicht funktioniert.

„Ich glaube, dass vor allem die Erfahrung gezeigt hat, dass es wenig bringt, die Leute einfach zu ignorieren, weil sie ganz schnell mit ihren Aussagen das Diskussionsklima vergiften.“

Wenn jemand konsequent echte Diskussionen stört, dann versucht deshalb auch Hoffmann mit möglichst lustigen Einträgen die Stimmung zu heben: Mit ironischen Kurzgeschichten, die quasi vom „wahren Leben“ in seiner Redaktion berichten.

„Uns springen dann ganz schnell andere Nutzer auch zur Seite und dadurch wird der Troll quasi von so einer überwältigenden Mehrheit von Menschen im Prinzip abgeblockt, dass er dann früher oder später klein bei gibt.“

Ironie statt Ignoranz, da macht – wohl dosiert – auch die „Tagesschau“ mit, die zweifellos seriöseste aller deutschen Nachrichtenmarken. Chefredakteur Kai Gniffke ist dabei zwar eher zurückhaltend, lässt seinen Leuten im Netz aber freie Hand.

„Ich bin nicht der Meinung, dass Ironie wirklich immer gut funktioniert. Im Gegenteil: Ich bin eher skeptisch. Aber ab und zu darf das sein, gerade wenn es augenzwinkernd ist. Das trägt auch dazu bei, dass nicht jede Diskussion dann auch so verletzend geführt wird, wie das leider manchmal der Fall ist.“

Auch die „Tagesschau“ will – dem ein oder anderen augenzwinkernden Eintrag zum Trotz – dabei offen für echte Kritik bleiben, sich ihr stellen und von ihr lernen, wo das geboten ist. Aber auf Herablassendes müsse man eben auch reagieren dürfen, sagt Gniffke – ab und zu durchaus auch mit Ironie, solange sie nicht gleich zur Regel wird.

„Ironie ist nicht das Allheilmittel. Das kann mal auch dazu dienen, das wir unsere Selbstachtung wahren, aber es gibt sicherlich angemessenere Möglichkeiten auch, mit Kritik umzugehen.“

>> Download MP3 (Quelle: NDRinfo-“Netzwelt”)

Warum trollen Journalisten zurück?

Interviews mit Martin Hoffmann (“Welt”) und Torsten Beeck (“Spiegel”) zum Umgang mit Nervensägen im Netz — vom 18./19. Dezember 2014

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