Digitale Verleger wollen gleichbehandelt werden

Die Bundesregierung will den Aufbau digitaler Angebote im Verlagswesen subventionieren. Nicht darin enthalten sind verlagsunabhängige Portale. Diese beschweren sich nun und bekommen Unterstützung auch aus der Koalition. Notiert für ZEIT ONLINE. Digitale Verleger wollen gleichbehandelt werden weiterlesen

Die Corona-Pandemie und die Medien

Fernsehsender finden in Corona-Zeiten so viel Zuspruch wie selten zuvor. Zugleich trifft der weitgehende Stillstand des öffentlichen Lebens vor allem die Printmedien hart. Meine “Gedanken zur Zeit” für NDR Kultur.

für NDR Kultur

— Manuskript des Beitrags —
Medien werden gebraucht. Das ist die einfache Botschaft dieser Tage. Öffentlich-rechtliche Sender erleben einen erstaunlichen Zuspruch. Mehr als 15 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer sind bei der „Tagesschau“ derzeit nicht die Ausnahme, sondern die neue Regel – wohlgemerkt: allein um 20 Uhr und allein im klassischen Fernsehen. Dazu kommen viele weitere Angebote, etwa in sozialen Netzwerken bis hin zur jungen Plattform TikTok. Und da ist der tägliche NDR-Podcast mit dem Virologen Christian Drosten – 20 Minuten Tiefgang statt bloß die viel kritisierten „1:30“ aus dem Nachrichtengeschäft. Plus neue Angebote für Daheimbleiber: Radio und Fernsehen für Kinder und Jugendliche erfährt eine plötzliche Renaissance.
Natürlich: Beizeiten wird wieder über alle Ausformungen und Dimensionen von ARD, ZDF und Deutschlandradio diskutiert werden – und auch diskutiert werden müssen. Aber: Die Frage, ob es öffentlich- rechtliche Sender überhaupt braucht, stellt zurzeit fast niemand mehr. Sie scheint sich erledigt zu haben. Zumindest vorerst. Dankbarkeit über tägliche Sondersendungen und auch über die letzten Kulturübertragungen, die sonst ohne Publikum wären, überwiegen.

Das gilt im Übrigen auch für viele Informationsangebote kommerzieller Sender. Die Mediengruppe RTL Deutschland jubiliert ebenso über ein enormes Interesse an ihren Corona-Angeboten. Damit ist nicht etwa die Webcam-Show mit Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Oliver Pocher gemeint, die „Quarantäne-WG“ – sie wurde mangels Interesse schon wieder abgesetzt. RTL berichtet von „rapide schrumpfenden“ Zuschauerzahlen. Skype-Bilder aus Wohnzimmern erschöpfen sich eben doch schnell. Das wird auch Informations-Profis noch auf eine Probe stellen: Für permanente Schalten in die Wohn- und Arbeitszimmer der Reporter werden sich die Sender etwas einfallen lassen müssen, wenn sie auch optisch nicht zu sehr abfallen wollen.
Das mit dem Zuspruch gilt auch bei den Privatsendern für das Informationsprogramm: Mehr als 30 Millionen Menschen will die Kölner RTL-Gruppe damit nach eigenen Angaben auf allen Kanälen an einem einzigen Tag erreicht haben. Und auch Verlage melden Positives: nie dagewesene Klick-Raten auf Nachrichtenportale im Netz, Hamsterkäufe bei Zeitschriften, Rekorde bei Online-Abonnements für Regionalzeitungen. Diese recherchieren zur Lage des Gesundheitssystems vor Ort, des Kreiskrankenhauses etwa oder des örtlichen Gesundheitsamtes – und sie sind so auch das lokale Rückgrat für die nationalen und regionalen Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender.

Unsicherheit, wie sie sich derzeit vielfach breitmacht, über das Virus selbst, über die aktuelle Lage und ihre möglichen Folgen, ist außerdem der perfekte Nährboden für Gerüchte, Spekulationen und Desinformation –die gerade in sozialen Netzwerken verbreitet werden. Medien helfen, kursierende Fake News einzudämmen, indem sie Präsenz zeigen auf Facebook, auf Twitter und auf Instagram. Auch hier verbreiten sie ihre Recherchen und Analysen. Das stabilisiert die Gesellschaft, baut unnötiger Panik vor. Und auch auf diesen Kanälen zeigt sich: Vieles, was Redaktionen recherchiert haben, wird intensiv geteilt.

Medien scheinen Krisenprofiteure zu sein. Der genauere Blick aber offenbart: Viele sind auch so bedroht wie nie. Klar, der Rundfunkbeitrag sorgt in solchen Zeiten für Sicherheit – und damit auch für eine Absicherung der journalistischen Grundversorgung. Hier droht vielmehr, dass Corona auch in den Sendern die Mannschaften zu sehr schwächt.
In Österreich haben einige Journalistinnen und Journalisten zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus der Sendetechnik ihre eigene „Corona-WG“ eröffnet: Der ORF hat eine Isolierstation eingerichtet, wie ein Krankenhaus. Dort lebt nun ein Kernteam, damit es sich gar nicht erst draußen anstecken kann.

Soweit ist noch kein Sender in Deutschland. Die „Tagesschau“ hat – wie viele Redaktionen – zunächst mehrere Teams aufgebaut, die räumlich getrennt voneinander arbeiten, teils sogar zurückgezogen zu Hause. Arte hat bereits mehrere Tage lang seine Nachrichtensendung gestrichen. Es gab zu viele Coronafälle in den eigenen Reihen. Auch erste Radiosender in der ARD mussten Programm zusammenlegen. Und wir stehen erst am Anfang der Pandemie.

Bedroht ist aber vor allem der Journalismus, der sich durch Verkauf des eigenen Produkts und durch Werbung finanziert. Zur Unsicherheit über die gesundheitliche Lage kommt nämlich der wirtschaftliche Niedergang dazu: Unternehmen und Kulturinstitutionen haben im großen Stil Anzeigen storniert. Die Betreiber von Supermärkten etwa, heißt es beinahe verzweifelt in Verlagen, bräuchten keine Schnäppchen- Prospekte mehr drucken und verteilen zu lassen. Ihnen würden auch so die Regale leergekauft. Und wo kein Konzert, wo keine Lesung und wo kein Sportereignis stattfindet, da fällt auch die Werbung dafür aus. Gerade bei Lokalzeitungen macht Werbung oft noch immer etwa 40 Prozent aller Einnahmen aus, auch wenn sich das langsam, aber sicher zugunsten der Abobeiträge verschiebt, gerade im Digitalen.

Alles hängt mit allem zusammen, auch im Journalismus. Viele Reporterinnen und Reporter leben von Veranstaltungen – im Sport, in der Kultur, in den Regionen. Nun haben viele weniger oder nichts mehr zu tun. Zeitungen drucken statt Sportseiten Rätsel und Kochtipps. Allenfalls Kindernachrichten boomen in der Krise. Wer Kindern erklären kann, was da gerade auf der Welt und mit uns passiert, warum sie nicht mehr einfach auf den Bolzplatz dürfen, in die Schule oder zu Freunden, ist gefragt. Bei den meisten anderen aber ist Ebbe.

Wie viele Journalistinnen und Journalisten werden – wirtschaftlich gesehen – überleben? Wie viele Verlage, also auch Zeitungen? Es geht um viel. Damit Zeitungen eine womöglich monatelange Krise durchstehen können, brauchen sie Einnahmen. Wer fordert, Verlage mögen ihre Berichterstattung dieser Tage doch vor ihre „Paywalls“ holen, ihre Bezahlschranken, also kostenpflichtigen Angebote, mag dabei ein nobles Ziel verfolgen: dass die Gesellschaft aufgeklärt wird in schwierigen Zeiten. Doch riskieren jene, die das fordern, Totalausfälle im Lokaljournalismus oder dass sich am Ende der Staat im großen Stil an Verlagen beteiligen müsste, um sie zu retten – Journalismus ist dieser Tage immerhin auch offiziell systemrelevant.

Wer kann, sollte also unbedingt für Journalismus Geld ausgeben. Nur so können Verlage überleben, die nicht das Privileg und den Schutz des Rundfunkbeitrags genießen. Nur so schauen auch im Lokalen Journalistinnen und Journalisten hin, wie das Gesundheitssystem mit der gigantischen Herausforderung Corona klarkommt. Was es konkret heißt, wenn der Staat Grundrechte wie die persönliche Freiheit einschränkt. Und welche Folgen das hat für Betriebe und Kultureinrichtungen, für unser Leben insgesamt. In der Krise ist Solidarität gefragt, auch mit Medien. Gerade mit lokalen. Auch sie leisten derzeit Bemerkenswertes.

Nur ein Beispiel: Die „Nordsee-Zeitung“ aus Bremerhaven hat gerade eine Sonderausgabe produziert. Die Journalistinnen und Journalisten informieren in 13 Sprachen über das mitunter tödliche Virus, den richtigen Schutz und wichtige Kontakte vor Ort. Verteilt wurde diese Ausgabe an diesem Sonntag frei an alle Haushalte, damit auch zugezogene Mitbürgerinnen und Mitbürger aus dem Ausland alle relevanten Informationen erhalten. Für ihre tagesaktuellen Ausgaben verlangt aber auch die „Nordsee“-Zeitung im Netz Geld.

Aber was, wenn einem in dieser Zwangspause selbst fast alles genommen wurde – die eigene Arbeit, der eigene Betrieb? Was, wenn sich jemand tatsächlich Abonnements nicht leisten kann? Warum sollte der- oder diejenige außen vor bleiben bei relevanten, lokalen Informationen? Auch dafür hat unsere Gesellschaft eine Lösung: Bibliotheken bieten Zugriff auch auf viele Zeitungen und Zeitschriften, auf ePaper, per Online-Ausleihe. Ja, das ist umständlicher als direkt auf die Portale zu gehen und hinter die sonst üblichen Bezahlschranken schauen zu können. Aber es muss niemand auf der Strecke bleiben, der auch recherchierte lokale Informationen sucht. Das System funktioniert. Aber eben auch nur, solange Zeitungen grundsätzlich finanziert werden.

>> Download MP3 (Quelle: NDR Kultur)

Neuer Ärger bei der “Berliner Zeitung”

Silke und Holger Friedrich haben ihren neuen Chefredakteur Matthias Thieme verloren. Über die Hintergründe und Folgen habe ich mit dem Deutschlandfunk gesprochen.

für Deutschlandfunk

>> Download MP3 (Quelle: Dlf-“Mediasres”)

Subventionen für Print

Erstmal bekommen Zeitungen nun eine direkte Finanzspritze aus der Staatskasse. Für die taz bin ich der Frage nachgegangen, warum sich Verlage derart in Not sehen und wie es um die Unabhängigkeit bestellt ist.

für taz

Wie es aussieht, wenn sich eine Lokalzeitung zurückzieht, lässt sich künftig im nördlichen Rheinland-Pfalz bei der Rhein-Zeitung beobachten. „In den vergangenen Tagen erst wurde neu entschieden, dass es neben den drei großen Regionaldesks keine weiteren Ortskorrespondentenbüros in der Fläche geben wird“, heißt es in einem Rundschreiben der Chefredaktion. Mit anderen Worten: Die Lokalzeitung wird kaum noch Präsenz zeigen. Die lokale Berichterstattung werde darunter „enorm“ leiden, mahnt der Deutsche Journalisten-Verband.

Auch in der Redaktion fragen sich viele, wie so noch Kontakt zu Leser*innen aufrechterhalten, wie Geschichten „entdeckt“ werden sollen. Jeder wisse doch, wie wichtig Präsenz im Lokalen sei. Leser*innen schauten bei Problemen vor Ort bei ihrer Zeitung vorbei. Der Rückbau am Mittelrhein ist ein weiteres Indiz für die Krise der klassischen Zeitung. Die Politik möchte dieser Krise nun entgegenwirken, der Bundestag hat Ende vergangenen Jahres Subventionen beschlossen.

Denn die Kurve der Auflagenkontrolle durch die Informationsgemeinschaft IVW zeigt für alle Titel kontinuierlich nach unten. 2009 verkauften Verlage täglich noch knapp 24 Millionen Exemplare. Im vergangenen Jahr waren es nicht einmal mehr 15 Millionen. Während das Geschäft mit gedruckten Zeitungen einbricht, weil Abonnent*innen keine Lust mehr haben oder schlicht sterben, wachsen zwar die Umsätze im Digitalen – oft sogar kräftig. Aber das Digitale fängt noch nicht auf, was bei gedruckten Zeitungen wegfällt.

„Es gibt einen Zeithorizont von fünf Jahren“, sagt Katrin Tischer, die Geschäftsführerin des Verlegerverbandes BDZV. Der hat seine Mitglieder befragt, wann das Digitale mehr bringt, als im Gedruckten einbricht. Tischer spricht von „viel Optimismus“ und einer „positiven Aussicht“. Mindestens bis dahin, also 2025, sollen aber die Steuer­zahler*innen einspringen.

Die genannte Subvention, der Haushaltsposten „Förderung der Zustellung von Abonnement­zeitungen und Anzeigenblättern“, sieht für das laufende Jahr 40 Millionen Euro vor. Wie der Titel schon sagt: Gefördert wird allein das Austragen gedruckter Exemplare. Auf diese Abgrenzung legen die Verleger*innen großen Wert. Nicht alle finden die Idee gut, Zeitungen an den Tropf des Staates zu legen. Von Springer-Boss Mathias Döpfner, der immerhin Präsident des Verleger­verbandes ist, sind deutliche Worte überliefert: „Lieber Insolvenzen von Zeitungen als der subventionierte Verlust ihrer Unabhängigkeit.“

Sozialere, dafür teurere Zustellung

Nun hatte sich ausgerechnet Döpfners BDZV in der Politik starkgemacht für Subventionen. Döpfner selbst traf sich dafür mit Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Wer sich beim BDZV nach diesem Widerspruch erkundigt, erfährt: Der Spruch habe sich allein auf Finanz­spritzen bezogen, die direkt auf Redaktionen abzielten. Genau das passiert in Frankreich mit der „Modernisierungsförderung“ oder in Dänemark und Schweden mit der „Innovationsförderung“: Regierungen bezuschussen die Entwicklung digitaler Produkte und so letztlich Stellen in Newsrooms oder verlagseigenen Start-ups.

Das Arbeitsministerium ließ sich in einer Studie die Presseförderung in Europa zusammenstellen. Dem Vernehmen nach soll es zunächst auch dieses Modell favorisiert haben. Schließlich wäre es dabei um die Förderung der Zukunft gegangen, nicht um lebensverlängernde Maßnahmen für ein altes Medium. Die deutschen Ver­leger*innen sollen aber vehement abgelehnt haben. Nur eine „Logistikförderung“ garantiere Unabhängigkeit.

Dass sich in der Bundesregierung das Arbeitsressort um die Presseförderung kümmert, hat einen Grund: Die Einführung des Mindestlohns hat das Austragen der Zeitungen teuer gemacht. Zusteller*innen – bundesweit sind das etwa 100.000 – wurden früher pro Stück bezahlt. Inzwischen bekommen sie einen Stundenlohn. Das ist sozialer, für die Verlage aber teurer. Die Verlage rechneten der Politik in Lobbytreffen und Briefen vor, dass die Zustellkosten allein für Tageszeitungen von 1 auf 1,4 Milliarden Euro pro Jahr gestiegen seien.

„Auch wenn inzwischen mehrere Tausend Abonnenten unsere Zeitungen digital lesen und wir über die mobilen Kanäle rund um die Uhr informieren, wollen die Menschen weiterhin überwiegend ihre Zeitung gedruckt in Händen halten, morgens spätestens um 6 Uhr“, schrieben etwa die Verleger von Schwäbischer Post und Gmünder Tagespost. „Neu-Abonnenten wählen zu über 90 Prozent das gedruckte Exemplar.“ Für ihre Schreiben haben sich auch konkurrierende Verleger zusammengetan. „Wie Telekommunikation, Strom und Verkehr ist ein flächendeckendes Pressezustellnetz eine Infrastruktur von erheblichem Wert für unsere Gesellschaft“, notierten die Geschäftsführer von Süddeutscher Zeitung und Münchner Merkur.

Mehr Geld für Zeitungen in ländlichen Regionen

Manch einer versucht es noch, indem er die Effizienz hochschraubt. Eine Delegation der Mediengruppe DDV, der die Sächsische Zeitung gehört, hat sich in Norwegen Elektrofahrzeuge besorgt. Platz haben eine Person und viele Zeitungen. Zu­stel­ler*innen können in beide Richtungen aussteigen, müssen also nicht ums Auto herumlaufen, um an Briefkästen zu kommen. Die DDV ist nun General­importeur für Verlage in ganz Deutschland.

Die Subventionen für die Verlage liegen unterdessen noch auf den Konten der Regierung. Das Arbeitsministerium muss erst einen Verteilungsschlüssel vorlegen. Im Gespräch ist nach Informationen der taz eine Staffelung: mehr Geld für die umständlichere Zustellung in ländlichen Regionen, weniger in Metropolen.

Wann es so weit ist, möchte eine Sprecherin des Ministeriums nicht sagen. Dort dürfte man sich aber immerhin mit der Not der Verlage auskennen: Das Ministerium wird von der SPD geführt. Die wiederum ist über ihre Tochter DDVG an diversen Verlagen beteiligt, etwa an der Madsack-Gruppe in Hannover.

Doris Achelwilm, die medienpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, bezeichnet den ganzen Vorgang als „in der Sache intransparent und unstimmig“. Die Koalition habe ein Preisschild gedruckt, wolle aber erst jetzt ein passendes Produkt dazu erfinden. Kritik kommt auch von den Grünen: Ein Gießkannensystem sei ein „zweifelhafter Weg“, um die Zeitungslandschaft zu fördern. Vielmehr müsse darüber nachgedacht werden, die zunehmende Zeitungskonzentration zu verhindern, dass wenigen Verlagsgruppen immer mehr Titel gehören oder für sie zentral überregionale Berichterstattung produzieren.

Der Verlegerverband BDZV will jedenfalls weiter lobbyieren. Im nächsten Haushalt sollen weit mehr als 40 Millionen Euro freigegeben werden. Nach der Umstellung auf den Mindestlohn gelte es, zusätzliche Ausgaben von 400 Millionen Euro zu kompensieren, allein bei den Zeitungsverlagen. „Die beschlossene Förderung reicht überhaupt nicht“, sagt BDZV-Geschäftsführerin Tischer.

>> zur Originalveröffentlichung auf taz.de

Bezahlte Berichte?

Sportjournalisten lassen sich oft vom Sportbusiness zu Reisen einladen, zeigt eine neue Studie. Mitunter reißen dabei Grenzen zur Werbung ein. Mein Bericht für ZAPP

für NDR Fernsehen

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem Du auf "Übernehmen" im Banner klicken.

— Manuskript des Beitrags —
Kitzbühel. Das Rennen auf der „Streif“ – die spektakulärste Station des Ski-Weltcups. Und zur Weißwurst-Party danach eine enorme Promi-Dichte. Für Publikum und Medien: attraktiv.
Dachte sich auch der „Tagesspiegel“ und twittert stolz: Unser Redakteur „mittendrin statt nur dabei“.
Das Ergebnis unter der Überschrift „Sie gehen steil“: ein launig-kritischer Bericht über den großen Zirkus rund um das Rennen. Am Ende schließlich der Hinweis: „Der Autor reiste auf Einladung der Marke Tommy Hilfiger nach Kitzbühel.“
Wir fragen nach bei Anna Sauerbrey, im „Tagesspiegel“ zuständig für „Compliance“: Wie lief das ab, mit Hilfiger?
„Die sind zunächst auf unsere Mode-Redaktion zugekommen, haben gesagt, wir bieten diese Reise an, möchtet ihr? Die Mode-Redaktion hat zunächst sehr skeptisch reagiert, dachte dann aber hmm, vielleicht für unsere Sportberichterstattung ein interessantes Feld, wir könnten die Reise doppelt nutzen, sowohl für die Mode als auch für die sportliche Berichterstattung. In dem Fall haben sich beide Ressorts dafür entschieden, dass der Sportredakteur fährt.“
Nur ein paar Tage später erscheint auch ein eher wohlwollendes Interview mit Tommy Hilfiger. Daneben setzen Models seine Ski-Kollektion in Szene. Interviewer: der Sportredakteur. Diesmal kein Hinweis auf die Finanzspritze.
Auf Leserinnen-, Leserseite könnte der Eindruck entstehen „Ah, da wurde jemand für die Sportberichterstattung mitgenommen und dann bekam er ein nettes, gut inszeniertes, für seine Produkte inszeniertes Interview geschenkt‘…
“…ja…”
Ist diese Konstellation schwierig?
“Ich fand es auch unglücklich. Ich hätte mir gewünscht, dass wir uns wenn, dann auf die Sportberichterstattung beschränken, weil eben da die Unabhängigkeit von Berichterstattung und Sponsor größer ist.“

Die Hochschule in Ansbach. Die frühere „Kicker“-Redakteurin Jana Wiske forscht zu „Pressereisen im Sportjournalismus“. Sie hat sich in 20 Redaktionen umgehört.
„Persönlich schon teilgenommen“ haben 80 Prozent der befragten Journalistinnen und Journalisten. Ihre „Redaktion nimmt regelmäßig teil“ sagen: 55 Prozent. Außerdem glaubt die Mehrheit: Ja, Pressereisen werden wichtiger.
„Man muss es differenziert betrachten, weil einfach die Situation im Sportjournalismus auch solchen bezahlten Pressereisen einen Raum bietet. (…) Der Kostendruck lässt es zum Beispiel nicht zu, dass man mal ein Formel-1-Rennen in Australien besucht als Journalist und da beiwohnt. Und da springen dann eben auch sehr häufig Pressereisen oder sind Pressereisen ein gutes Mittel, um vielleicht das ein oder andere zu besetzen, was eben auch der Rezipient möchte, nämlich die Nähe zu den Protagonisten und die Nähe zu einem Sportevent.“
Pressereisen, meint Wiske, könnten auch helfen. Sponsoren durchaus Türöffner sein. Werbliche Artikel gelte es dann aber zu vermeiden.
„Ich hätte mir zum Beispiel ein Interview gewünscht über Lebenswerk oder das Thema Nachhaltigkeit, Umweltschutz in der Mode. Das wäre denke ich passend gewesen und vielleicht auch der journalistischen Freiheit hätte das eher gutgetan, aber tatsächlich geht’s um die aktuelle Kollektion, Preise der Kollektion, Farben. Also es geht in eine Richtung, die doch sehr werblich ist.“
Sponsoren wollen letztlich vor allem verkaufen. Hilfiger hat im Kern-Verbreitungsgebiet des „Tagesspiegel“ knapp zehn eigene Läden. — Würden sie die Ski-Kollektion mit einer Anzeige bewerben: der Listenpreis in der Wochenend-Ausgabe des Tagesspiegel läge für eine halbe Seite bei fast 19.000 Euro.
Wäre eine Anzeige für die Zeitung nicht der bessere Deal? Die hätte ja auch mehr Geld gebracht als so eine Reiseunterstützung.
„Ja, wir freuen uns über Anzeigen, über jede, die bei uns im Blatt stattfindet, natürlich auch wenn Tommy Hilfiger sich dafür entscheiden sollte, bei uns zu werben, über eine Anzeige von Tommy Hilfiger. In dem Fall war das nicht der Fall, sondern es wurde eben eine Pressereise angeboten. Das geschieht dann tatsächlich völlig unabhängig von der Anzeigenabteilung.“

Der „Tagesspiegel“ beteuert seine Unabhängigkeit – und holt unter dem Hilfiger-Interview nun auch den Transparenzhinweis nach. So sei es eigentlich auch Standard. Außerdem will der „Tagesspiegel“ vor Reisen nachschauen, ob ein Sportereignis wie Kitzbühel sein Publikum überhaupt interessiert.
„Das ist jetzt sicherlich nicht das Kernthema für unsere Berliner Leserschaft. Denke ich auch, dass man da vielleicht in Zukunft eher dann auf die Berichterstattung von unserem Partner ‚Kurier‘ in Wien zurückgreifen kann.“
Statt es selbst zu machen und hinzufahren.
„Ja.“

Der ‚Tagesspiegel‘ will also im Zweifel lieber Texte einer anderen Zeitung übernehmen. Sauberer wäre das. Aber auch ein Reporter weniger vor Ort.

>> Beitrag in der ARD-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

Mit Optimismus und Unsicherheit in die Zukunft

Wie steht es um die Digitalisierung der Zeitungen? Was sind die größten Hürden? Eine Umfrage unter Verlagen liefert neue Erkenntnisse. Ich habe sie für den Deutschlandfunk ausgewertet.

für Deutschlandfunk

— Manuskript des Beitrags —
Im Jahr 2025, dann könne es so weit sein: Verlage könnten dann mehrheitlich mit ihren Geschäften im Digitalen das auffangen, was sie beim Verkauf gedruckter Zeitungen verloren haben. Das meldete jedenfalls der Großteil der befragten Verlage ihrem Bundesverband BDZV zurück. Verbands-Geschäftsführerin Katrin Tischer kann deshalb von Krisenstimmung in den Zeitungshäusern nicht mehr viel erkennen.

„Es gibt einen Zeithorizont von fünf Jahren. Der hört sich in der digitalen Welt lang an. Da steckt aber viel Optimismus drin. Es gibt eine positive Aussicht.“

Die „Trendumfrage“ stützt diese Grundstimmung tatsächlich: Mit Blick auf die bezahlten Online-Inhalte erwarten die Verlagsmanager in diesem Jahr ein Plus von durchschnittlich 14 Prozent. Die Erlöse im Gedruckten dürften im selben Zeitraum nicht mal um ein Prozent zurückgehen, so die Erwartungen. Auch die Prognosen für abgeschlossene Abonnements und die Einnahmen mit verkauften Werbeplätzen fallen entsprechend aus. Allerdings nehmen die meisten Häuser noch immer insgesamt weit mehr mit Print ein als mit Digitalem.

Die Umfrage hat Christoph Mayer von der Unternehmensberatung Schickler ausgearbeitet. Er erkennt: bei den Verlagen spielt die Frage, wie sie im Digitalen Geld verdienen, nun keine Nebenrolle mehr.

„Wir haben das in den letzten Umfragen auch immer wieder gefragt: Wie relevant ist das? Es gibt dort auch immer wieder relevante Zustimmung. Die hatten aber mehr den Charakter: Das ist ein Thema, wir müssen uns das mal anschauen. Wir müssen damit experimentieren. Wir sind jetzt in einer Phase, wo das Thema wirklich auf die Straße kommt.“

Für die Leserinnen und Leser heißt das konkret: Schon heute müssen sie auf zwei von drei Nachrichtenportalen bezahlen. In drei Jahren soll das nahezu überall der Fall sein. Für die Redaktionen heißt das: Sie arbeiten zunehmend zuerst fürs Netz, erst dann für die Zeitung. Dieses Prinzip „digital first“ gilt schon heute in fast jedem zweiten Newsroom. Die Verlage wollen außerdem die Anmelde- und die Bezahlvorgänge vereinfachen. Und: Im Verband der deutschen Zeitungsverleger wird derzeit – mal wieder – eine „Log-in-Allianz“ diskutiert: ein Passwort für alle Portale – womöglich sogar über die Angebote der Verlage hinaus.

Die Umfrage zeigt aber auch: Bei kleineren Verlagen, also vor allem eigenständigen Regionalzeitungen, ist der Optimismus eher verhalten. Dass Leserinnen und Leser schnell zu digitalen Produkten wechseln, glauben besonders die großen Verlage. BDZV-Geschäftsführerin Katrin Tischer sagt: das sei nur logisch.

„Teilweise ist es auch daher geschehen, weil der Druck in Ballungszentren ein ganz anderer ist. Da wohnen andere Menschen, die ein anderes Mediennutzungsverhalten haben.“

Der Branchenverband sieht sich bestätigt: Auch diese neue Umfrage zeige klar, wie wichtig die gedruckte Zeitung bleibe, vor allem in ländlichen Regionen, bei älteren Leserinnen und Lesern und in Landstrichen, in denen schnelles Internet noch Mangelware ist.

Die Bundesregierung will in diesem Jahr erstmals Verlage direkt subventionieren. Im Haushalt sind 40 Millionen Euro für die Förderung der Zeitungszustellung reserviert. Das Signal nach der „Trendumfrage“:

„Das reicht überhaupt nicht aus. Also es ist in einer Höhe, dass man nicht mal weiß, auf welcher Mikro-Ebene man es verteilen könnte auf die Verlage. Also den Lesern wird damit nicht geholfen und den Verlagen auch nicht.“

, sagt BDZV-Geschäftsführerin Tischer. Obwohl die gedruckte Zeitung bei kleinen Verlagen auch perspektivisch noch so wichtig ist: Vor allem ihre sogenannten Entscheider denken daran, dass die Tageszeitung nicht mehr an jedem Tag erscheint: 44 Prozent – mehr als doppelt so viel wie in großen Verlagen. Druck und Vertrieb seien einfach zu teuer. Auch deshalb: der Wunsch nach Subventionen.

Und noch ein Problem treibt die Zeitungshäuser um: Wie kommen sie künftig noch an gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Für mehr als die Hälfte aller befragten Verlage sei auch das inzwischen „ein Thema“.

>> Download MP3 (Quelle: Deutschlandfunk-“Mediasres”)

Alles in eigener Sache

Ein streitbares Editorial und eine verschwiegene IM-Tätigkeit: Der neue Verleger der “Berliner Zeitung” bringt die Redaktion in Erklärungsnot. Für ZEIT ONLINE bin ich der Frage nachgegangen: Was will Holger Friedrich?

für ZEIT ONLINE

Ihre zweite Seite widmen die Journalisten der Berliner Zeitung traditionell dem “Tagesthema”. An diesem Montag ist das ein eher ungewöhnliches: die Berliner Zeitung selbst. Online haben die Journalisten sogar die Rubrik “In eigener Sache” angelegt. Die füllt sich vor allem mit Texten zur Spitzelvergangenheit des Neueigentümers Holger Friedrich.

Rechercheure der Welt am Sonntag hatten den IT-Unternehmer, der zusammen mit seiner Frau Silke Friedrich im September überraschend als Käufer der Berliner Zeitung auftrat, mit seiner eigenen Stasiakte konfrontiert. Friedrich gab in einem am Freitag veröffentlichten Text zu, als Soldat Berichte über Kameraden geschrieben zu haben, sprach allerdings auch von einer “Notsituation”: Das DDR-Regime habe ihn erpresst. Die Alternative sei der Knast gewesen. Er habe sich zudem bei der ersten sich ihm bietenden Gelegenheit “der Zwangssituation durch aktive ‘Dekonspiration’ entzogen” und fortan “die Kooperation mit dem MfS verweigert”. Dennoch ist die Empörung nun groß. Der Bild-Chefredakteur Julian Reichelt nutzte diese Vorlage gar, um auf Twitter den gesamten Titel zu diskreditieren: “Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist die Berliner Zeitung wieder in Stasihand.”

Die Redaktion erklärte am Sonntag, sie wolle “diesen Fall journalistisch aufbereiten (…), Fakten sammeln, die Akten – die Opfer- und die Täterakte – einsehen (…), sich ein Bild machen und auch Experten bitten, sich ein Bild zu machen, (…) versuchen, mit Menschen zu reden, die in den Akten auftauchen”. Die Redaktion muss ihre journalistische Energie jetzt also nicht zuletzt ihrem eigenen Besitzer widmen – 30 Jahre nach dem Mauerfall und in einer Zeit, in der sie nach langjähriger Ausdünnung ohnehin kaum weiß, wo sie Ressourcen für Langzeitrecherchen hernehmen soll.

Ihr Neueigentümer hat den Redakteurinnen und Redakteuren aber noch weiteren Ärger gebracht. Die Zeitung hatte am 8. November auf ihrer Titelseite über eine “Ostdeutsche Erfolgsstory in der Medizin” berichtet: Die Firma Centogene aus Rostock ging in den USA an die Börse. So weit, so berichtenswert – auch andere Medien wie die ARD taten das. Es fehlte jedoch eine Information, die der Spiegel spitzbekam und am Freitag veröffentlichte: Friedrich, der einst mit dem Verkauf eines IT-Unternehmens nach eigenem Bekunden zu “viel zu viel Geld” kam, sitzt im Aufsichtsrat der Firma, die seine Redaktion bejubelte.

Ja, der Hinweis auf Centogene sei von Friedrich gekommen, erklärt die Redaktion nun im hauseigenen “Tagesthema” und betont: “Weder der Chefredaktion noch den beiden Wissenschaftsredakteuren war zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass Holger Friedrich an dem Unternehmen beteiligt ist.” Man werde die Berichterstattung fortan “ausnahmslos darauf prüfen, ob geschäftliche Interessen des Unternehmerehepaares Friedrich oder unseres Hauses davon berührt sind – und dies öffentlich machen”.

“Wir sind wie ein schönes Stahlboot”

Und dann ist da noch die “Berliner Botschaft” der Friedrichs, wie ihr Editorial in der gedruckten Ausgabe vom 8. November betitelt war. Darin hatten sie einerseits nach Tempo und Fortschritt gerufen und sich etwa gefragt, ob Wahlen nicht öfter und via Smartphone machbar wären. Andererseits erklärten sie aber auch, sie wollten “einen Beitrag” leisten zur “außerparlamentarischen Opposition in neuem Format, auch im Sinne bürgerlicher Selbstermächtigung”. Für Irritationen sorgten weiter ihre Äußerungen zum Thema Russland (“Warum etwa haben wir 2001 die ausgestreckte Hand von Herrn Putin nicht ergriffen?”) und ihre Huldigung des letzten Generalsekretärs des SED-Zentralkomitees, Egon Krenz (“Wir sind ihm dankbar und möchten fragen, ob es in gleichem Maße groß war, ihn neben anderen zu viereinhalb Jahren Haft zu verurteilen”).

Seit Erscheinen dieses Editorials rätseln viele, was die Mission der Neuverleger ist. “Bürgerliche Selbstermächtigung: Ist das etwa nicht der Sound von Pegida?”, fragt etwa der frühere Chefredakteur der Berliner Zeitung Uwe Vorkötter in seiner Horizont-Analyse. Der SPD-Nachwuchsstar Kevin Kühnert twitterte wiederum mit einem Link zum Editorial, es habe “zuletzt wehgetan, die Entwicklung der Zeitung zu verfolgen”, die er gelesen habe wie keine andere. “Diese narzisstische Horrorshow hat sie nicht verdient.” Redakteure bettelten mithin: “Bitte, bitte, uns nicht abschreiben. Wir sind noch da!”

In einem ausführlichen Interview mit dem rbb-Sender radioeins, das der Autor dieses Textes mitgeführt hat, sagte Silke Friedrich kurz nach Bekanntwerden des Eigentümerwechsels, die beiden seien auf Langfristigkeit aus: “Wir machen keinen Sprint, sondern wir sind wie ein schönes Stahlboot, ein schöner Verdränger, der aus dem Wasser gleitet.” Ihr Mann Holger ergänzte, sie seien “interessiert, eine Institution für Berlin so aufzustellen, dass sie auch im 21. Jahrhundert ihre Bedeutung hat”. Allein: Wie passen die jüngsten Eskapaden zur Zukunftssicherung?

Ist die Zeitung nur ein Liebhaberobjekt, das im Zweifel weg kann?

Im besten Fall zeigt sich hier, welche Folgen ein reichlich unbedarfter Umgang mit Medien haben kann. Das neue Verlegerpaar wurde in Interviews zu ihrem Leben und auch zu ihrem Verhältnis zur DDR gefragt. Holger Friedrich hatte die Chance, das vielleicht düsterste Kapitel seines Lebens kontrolliert öffentlich zu machen. Er zog es allerdings vor, zu schweigen. Die Folge ist ein PR-Gau – für ihn, vor allem aber auch für seine Zeitung, für die er die Verantwortung trägt. Genauso können die Redaktion der Berliner Zeitung und ihr Publikum nur hoffen, dass es Holger Friedrich schlicht nicht in den Sinn kam, seiner Chefredaktion mit dem Tipp auf die ostdeutsche Erfolgsfirma auch einen Beipackzettel zu reichen, auf der er seine Verbandelung offenlegt.

Die Friedrichs sind nun mal Quereinsteiger, keine Verleger des alten Schlags. Für die Zeitung hat das auch Vorteile: Ihre neuen Eigentümer bauen rasant um. Sie wollen den Berliner Verlag aufpäppeln und mit ihm auch Publikum aus aller Welt erreichen. Die Berliner Zeitung veröffentlicht seit diesem Monat auf Englisch und Russisch. Türkisch und Arabisch sollen folgen.

Holger Friedrich spendierte der Zeitung wiederum als Erstes eine neue, flotte Webseite. Dafür brachte er seine eigenen Experten mit: Friedrich – einst Partner bei McKinsey – betreibt mit Core ein Beratungsunternehmen, das weltweit aktiv ist, vor allem in der Finanzbranche. Beim Berliner Verlag hat er für die Entwicklungen Google mit ins Boot geholt. Das alles dauerte keine zwei Monate, ein irres Tempo. Technologie-Fetischist Friedrich erhöht in der Branche den Druck und zeigt anderen, wie träge sie mitunter sind. Auch daher dürfte das Unbehagen etablierter Verlagsmanager rühren. Aus ersten Verlagshäusern dringt bereits die Anekdote, IT-Chefs müssten sich erklären: Warum geht das bei den Friedrichs so schnell?

Rückendeckung kommt aus den eigenen Reihen. Frederik Bombosch, Vorsitzender des Betriebsrates, sprach im rbb zwar einerseits von einer “Achterbahnfahrt” mit den neuen Eigentümern, aber auch von ihnen als “zwei erfrischende Persönlichkeiten, die unserem Verlag auch ganz viel geben und bringen”. Zur Lobhudelei über Egon Krenz hatte Bombosch selbst ein Gegenstück veröffentlicht. Das sei problemlos möglich gewesen, da offiziell Konzept: “Die Friedrichs haben ja selbst formuliert, dass sie sich eine Debatte wünschen über das, was unsere Gesellschaft bewegt.”

Die Frage aber bleibt, worum es den neuen Eigentümern wirklich geht. Der NZZ sagte Holger Friedrich, ihre “zentrale Plattform” werde berlin.de, ein Portal, das der Verlag betreibt, an dem aber auch die Hauptstadt beteiligt ist und Bürgern dort ihre Dienstleistungen anbietet. “berlin.de ist wie ein Gebäude aus den Neunzigerjahren, das nie saniert wurde. Das wird die nächste Baustelle, diese gehen wir zusammen mit der Stadt an.” Ist die Zeitung nur ein Liebhaberobjekt, das im Zweifel weg kann? War die Hauptstadt-Seite der eigentliche Grund für den Kauf? Welche Rolle wird starker, unabhängiger Journalismus in dieser Gemengelage spielen?

Die Friedrichs werden weiter viel erklären müssen. Wenn ihnen tatsächlich an der Zukunft nicht nur des Verlages und irgendeines Internetportals gelegen ist, sondern auch an der Berliner Zeitung, müssen sie Vertrauen zurückgewinnen. Eine Lösung könnte etwa ein Transparenz-Portal sein: die eigene Vergangenheit und die heutigen Verflechtungen für alle offen einsehbar – eine vertrauensbildende Maßnahme.

Die Redaktion der Berliner Zeitung arbeitet jedenfalls daran, ihren eigenen Teil zum Projekt “Glaubwürdigkeit” beizutragen. “Wir sind eine Redaktion mit einer langen und schmerzhaften Geschichte in der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit”, schreibt die Chefredaktion der Zeitung, die bis zur Wende publizistisches Organ der SED war und sich Anfang der Neunzigerjahre konsequent von einstigen Stasi-Spitzeln trennte. “Wir haben dabei gelernt, dass diese nur mit Transparenz, Wahrhaftigkeit und Mut gelingen kann. Dies gilt auch für die jetzige Situation.”

>> zur Originalveröffentlichung auf zeit.de


Vorschaubild: “349” by mariettapluesch01 is licensed under CC BY-NC 2.0

Auf der Pirsch

Seit 70 Jahren beliefert dpa Zeitungen und Sender mit Nachrichten. Mit Inga Mathwig habe ich mich für ZAPP gefragt, wie es um ihre Verlässlichkeit und Zukunft bestellt ist.

für NDR Fernsehen

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem Du auf "Übernehmen" im Banner klicken.

>> Beitrag in der NDR-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

Täglich neue Digital-Abos

Statt auf Print setzt die “Sächsische Zeitung” zunehmend auf digitale Modelle. Dabei ist auch klar, welche Geschichten neue Abos bringen – mit überraschenden Ergebnissen, wie ich bei einem Besuch für den Deutschlandfunk erfahren habe.

für Deutschlandfunk

— Transkript des Beitrags —
“Also, das hier ist das Herz der Redaktion. Wir sind im Newsroom und vor uns ist das große Dashboard.” Uwe Vetterick führt durch seine Redaktion. Verblüffend ruhig und konzentriert geht es hier zu, dazu eine erstaunlich gediegene Atmosphäre. Im gesamten zwölfstöckigen Verlagshaus haben sich Innenarchitekten ausgetobt.

An der “Newsbar” sitzen die Redakteure, die für die aktuelle Produktion verantwortlich sind, auf Lederhockern an einem halbrunden Hochtisch. Fest im Blick: eine Videowand – mit dem eigenen Portal, aber auch den Internetauftritten anderer Zeitungen: “Also was machen die, mit denen wir im Netz um Aufmerksamkeit und Abonnenten konkurrieren?” Wer ist das? „”Das sind zuallererst natürlich unsere regionalen Mitbewerber wie die ‘Freie Presse’, die LVZ in Leipzig, die ‘Leipziger Volkszeitung’.”

Besonders von Interesse ist aber eine Tabelle zum eigenen Portal: Sie zeigt, welche Artikel so interessant waren, dass Leser ein Digital-Abo lösten, statt den Hinweis auf den kostenpflichtigen Inhalt wegzuklicken.

“Also das letzte Abo ist vor 30 Minuten reingekommen: ‘Morddrohungen im Streit um #wirsindmehr’. Das ist die große Gegendemonstration nach den Vorgängen in Chemnitz gewesen, um die es jetzt Auseinandersetzungen gibt”, sagt Chefredakteur Uwe Vetterick. Mittlerweile kämen täglich zwischen 20 und 30 neue Digital-Abos dazu. Bis auf grob fünf davon blieben auch alle über den Testmonat hinaus dabei. [*]

Vetterick spricht angesichts dieser detaillierten Erkenntnisse von einem regelrechten Kulturwandel: “Journalismus – insbesondere Zeitungsjournalismus – war ja immer Schreiben in eine Blackbox, über eigentlich Jahrzehnte. Das heißt, man hat nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert und geschrieben, wusste aber nie, auf wie viel Interesse das tatsächlich stoßen würde. Und jetzt hat das was sehr Motivierendes, wenn man sieht: Die Geschichte, die ich gerade gemacht habe, ist Menschen etwas wert und die schließen dafür ein Abo für sächsische.de ab.”

Die Journalisten wissen nun also ziemlich genau, welche Artikel nicht einfach nur Klicks bringen, sondern auch Abo-Abschlüsse – mit teils überraschenden Ergebnissen. So läuft Landespolitik trotz des eher trockenen Sujets. Und: Klassische Kulturberichte, Kritiken von Konzerten und Bühnenprogrammen rufen zwar wenige Leser ab, doch besonders viele von ihnen zahlen dafür.

Diese Erkenntnis sorgte wiederum für große Erleichterung in der Kulturredaktion, etwa bei Oliver Reinhard: “Die Diskussion war: Sollen wir da überhaupt noch online drüber berichten?“ Lohnt das noch? „Genau, lohnt das überhaupt noch, wenn es überhaupt keiner liest. Also diese Idee – monatelang – wahrscheinlich können wir das nicht mehr machen, weil es zu wenige Leute nicht mehr interessiert, wir müssen unsere Ressourcen bündeln, die ist absolut vom Tisch.”

Gleichzeitig verdichtet sich bei anderen Themen die Berichterstattung, etwa beim Sport: Die Sportredaktion steckt fast ihre gesamte Energie in die Begleitung des Bundesligisten Dynamo Dresden – laut der neuen Onlineauswertung ein Abo-Garant. Und um Abos im Digitalen geht es immerhin: Sie sollen Lokalzeitungen wie der „Sächsischen“ das Überleben sichern in einer Zeit, in der immer weniger Leser zur gedruckten Zeitung greifen und die Zeitung auf Papier endlich scheint.

Uwe Vetterick ist in seinem Büro angekommen, das einer bunten Sofalandschaft gleicht. Vetterick zückt sein Tablet, beamt eine Grafik auf den gigantischen Bildschirm, der in seinem Raum hängt. Der Chefredakteur präsentiert Balkendiagramme zur Verteilung der verschiedenen Abo-Typen auf die Altersgruppen.

Fast nur noch Rentner greifen zur gedruckten Zeitung. 40- bis 65-Jährige abonnieren immerhin das E-Paper, also die gelayoutete Zeitung für Tablet-Computer. Die 25- bis 40-Jährigen zahlen für Nachrichten im Netz.

Noch sind die klassischen Zeitungsleser klar in der Mehrzahl, sagt der Chefredakteur. Aber: “Wenn die Entwicklung weiter so anhält und wenn wir – wir machen gerade die ersten Schritte –, aber wenn wir weiter in diese Richtung gehen, dann sind wir total zuversichtlich, dass wir diese Transformation hinkriegen. Überhaupt keine Frage.”

Auch wirtschaftlich, sodass Sie – in Anführungszeichen – Ihren Apparat halten können? “Die Musikindustrie hat es in Teilen schon hinter sich und wir sind ganz zuversichtlich, dass uns das gelingen wird, weil wir haben ja ein bisschen Zeit. Aber wir müssen die nutzen. Und das ist das, was wir hier in Dresden hinbekommen wollen.”

Uwe Vetterick hat es also – bei aller Euphorie – noch nicht geschafft, dass die neuen Erlösquellen im Digitalen ausgleichen, was im Analogen, dem gedruckten Geschäft, langsam, aber sicher wegfällt. Doch kein Zweifel: Er tut viel dafür, damit er dieses Ziel am Ende auch erreicht.

[*] Die Abo-Zahlen wurden in der ursprünglichen Version des Beitrags nicht richtig wiedergegeben. Sie sind hier korrigiert.

>> Download MP3 (Quelle: Deutschlandfunk-“Mediasres”)