Das Geschäft mit Verkürzungen

In “Zitat-Kacheln” verkürzen Medien Reden und Interviews teils deutlich. Zusammen mit Caroline Schmidt habe ich mich für ZAPP gefragt: Wie legitim ist diese Praxis?

für NDR Fernsehen

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— Manuskript des Beitrags —
Er ist einer, der Debatten gerne mal anheizt: SPD-Vize Ralf Stegner. Was denkt er, wie weit dürfen Medien das dann noch zuspitzen? Für ZAPP schaut er sich Texttafeln an. Erstes Beispiel: Ein langer Tweet: Thema Enteignung für bezahlbaren Wohnraum. Auf der Tafel verdichtet zu einem Halbsatz.
“Enteignung als Notwehrrecht für handlungsfähigen Staat.”
“Klarheit ist gut. Verständlichkeit auch. Das ist zulässige Polemik zwischen demokratischen Parteien. Dagegen ist nichts zu sagen.”
Das nächste Zitat nicht verkürzt, aber der Zusammenhang fehlt. So provoziert’s.
“Ein Diesel-SUV, das nur wenige Kilometer genutzt wird, ist umweltfreundlicher als der Kleinwagen mit hoher Fahrleistung.”
“Der hat das sicherlich ein bisschen anders sagen wollen, aber: Pech gehabt. Dass das den Spott der Konkurrenz findet, da darf er sich nicht beschweren, zumal er ja auch ein sehr zugespitzter Formulierer selber ist. Und insofern finde ich: Das gehört zum Geschäft dazu. Wem es zu warm in der Küche ist, der sollte nicht Koch werden. “
Zuspitzungen – für Stegner okay. Manches werde aber auch bewusst verdreht. Ein Tweet aus dem Jahr 2016 verfolgt Stegner bis heute.
Fakt bleibt, man muss Positionen und Personal der Rechtspopulisten attackieren, weil sie gestrig, intolerant, rechtsaußen und gefährlich sind.
Das rechte Portal PI-News nutzte das Zitat, um Stegner für einen Anschlag auf einen AfD-Politiker verantwortlich zu machen.
“Das missbrauchen die jetzt ständig, zu behaupten, man würde zur Gewalt gegen sie aufrufen – das ist ein Missbrauch, offenkundig das Gegenteil, was gemeint ist, auch in der Verkürzung nicht zulässig, weil ich in vielen Äußerungen immer klar gesagt habe, dass ich Gewalt ablehne, in jedweder Form.”
So funktionieren Texttafeln oder Kacheln. Scheinbar transportieren sie wörtliche Zitate. Tatsächlich aber sind diese oft verkürzt, der Kontext fehlt, manche gar verfälscht.
So auch im Fall Linnemann. Der CDU-Politiker hatte der Rheinischen Post ein Interview gegeben. Darin sagt er, dass Kinder, die kaum Deutsch können, auf einer Grundschule noch nichts zu suchen hätten. Die dpa griff diese Aussage auf, spitzte sie zu – mit folgendem Titel:
CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können.
Als die Journalisten bei der Rheinischen Post die Kachel sahen, waren sie überrascht.
“Unser erster Impuls war: Auweia, das werden die bereuen.”
Die Meldung verbreitete sich in Windeseile – und mit ihr die Empörung im Netz.
Dumpfbacken
Populistischer Unfug.
Rassistisch.

Schnell berichten Medien über den Aufreger:
Carsten Linnemann sorgt mit Grundschulaussage für Empörung
Kein Deutsch, keine Einschulung?
Eva Quadbeck mag eigentlich Zuspitzungen. Nur so bekomme man in den Sozialen Medien Aufmerksamkeit für die eigenen Inhalte.
“Aber man darf sie nicht unzulässig zuspitzen und man muss sich auch selber prüfen ob man mit dem mit der Art und Weise wie man zuspitzt nicht Missverständnisse produziert. Und ein Wort wie das Grundschulverbot produziert natürlich Missverständnisse und drückt auch denjenigen, der das gesagt hat einfach in eine falsche Ecke.”
Linnemann habe eine Vorschulpflicht gefordert. Kein Grundschulverbot. Gerade seriöse Medien sollten hier sauber sein.
“Weil wir mit diesen Meldungen auffallen wollen, lassen wir uns dazu herab immer steiler immer schriller zu werden? Nein das sollten wir natürlich nicht tun.
Die Verlockung ist allerdings groß im Kampf um die Aufmerksamkeit im Ne
tz. ”
Auch die Tagesschau verbreitet ihre Inhalte längst bei Facebook, Twitter und Instagram. So gut es geht jedenfalls.
“Wir können bei Instagram nicht einen kompletten Nachrichtenüberblick liefern, aber wir können den Menschen, die dort unterwegs sind eben zeigen, Tagesschau ist eine Marke für Nachrichten, und wer sich dafür interessiert, kann unser Gesamtangebot auch nutzen, auf anderen Kanälen auch nutzen.”
Ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen auch hier: Kacheln mit maximal verkürztem Text.
“Es ist immer eine Gratwanderung zwischen Verknappung und Kontext. Journalismus ist insgesamt immer eine Gratwanderung, weil es ja unheimlich schwer ist, das gesamte Bild abzubilden.”
Und so passieren ab und zu Fehler. Auf Twitter entschuldigt sich der Nachrichtenchef der dpa ausführlich:
“Linnemann hat nicht von einem Grundschulverbot gesprochen. Wir haben mit dieser selbstgewählten Formulierung die Äußerungen über ein journalistisch zulässiges Maß hinaus zugespitzt. Das bedauern wir.”
Ein richtiger Schritt, findet auch Eva Quadbeck, denn:
“Umso wichtiger ist natürlich dass die klassischen Medien ihr Geschäft entsprechend seriös betreiben und nicht selber eine Instagramisierung für sich zulassen. Die einfache Botschaft kann nur die Hinleitung zur Differenzierung sein.”
Wie gut müssen Grundschüler Deutsch können? Viele Zeitungen haben diese Frage dann doch noch erörtert. So hat eine reißerische Verfälschung am Ende zu einer ausgewogenen Debatte geführt.
“Man muss auch immer bedenken: Neben der virtuellen Welt gibt es immer auch eine reale. Und beides muss betrachtet werden. Und manche Aufregung ist wie gesagt ein Shitstörmchen im Wasserglas.”

>> Beitrag in der NDR-Mediathek (Quelle: NDR-“Zapp”)

Kritik an Verwendung von “Zitat-Kacheln”

für NDR Info

Manuskript des Beitrags
Ein Anruf bei Martin Hoffmann. Der Journalist, der einst das Social-Media-Team der Zeitung “Die Welt” geleitet hat, kritisiert schon seit Monaten immer wieder Kollegen – und zwar immer dann, wenn sie besonders knackige Zitate von sehr populistischen Politikern auf sogenannte Zitat-Kacheln schreiben, die sie dann beispielsweise bei Facebook oder Twitter veröffentlichen. Die Zitate stehen neben den Fotos der Politiker – zur schnellen Verbreitung in den sozialen Netzwerken. Hoffmann findet das falsch: “Das Problem mit diesen ‘Zitat-Kacheln’ ist letztendlich, dass wir Journalisten da einfach eine Botschaft weitergeben, ohne ihr irgendwie einen Rahmen zu geben, also ohne sie einzuordnen.”

Im Radio oder im Fernsehen sei das anders, hier würde ein Reporter in seinem Bericht oder ein Moderator den jeweiligen Kontext liefern, vielleicht auch die Aussage mit Fakten widerlegen. Oder auch in einem Text in der Zeitung oder im Netz: Auch hier würde niemand – ohne ein Minimum an Einordnung einfach so ein Zitat drucken, meint Hoffmann: “Dummerweise hat sich das aber so im Online-Journalismus – besonders in Social-Media – irgendwie eingeschlichen. Das ist nicht gut!”

Hoffmanns Vorwurf lautet: “Zitat-Kacheln”, auf denen sich nur ein kurzer Wortlaut, der Name und die Funktion des Politikers und vielleicht noch ein Stichwort zum Thema der Aussage findet, sei kein Journalismus. Medien würden so bloß Populisten helfen. Zuletzt hat sich Hoffmann nach der Bayern-Wahl aufgeregt, als Medien – zum Beispiel der Deutschlandfunk – Zitate von AfD-Politikern verbreitet haben, in denen sie die Neuwahl des Bundestages forderten.

Hoffmann fliegen dafür in sozialen Netzwerken “Likes” und zustimmende Kommentare zu. Auch von Kollegen – und auch, wenn er das Social-Media-Team der Tagesschau kritisiert. Etwa, wenn die Tagesschau Zitate von US-Präsident Donald Trump verbreitet. Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke wiederum nimmt seine Kollegen in Schutz: “Wer mit der kurzen Form nicht leben kann, der sollte nicht Nachrichten machen. Das ist unsere verdammte journalistische Pflicht, Inhalte auf engem, begrenztem Raum und in kurzer Zeit zu vermitteln. Dazu gehören auch ‘Zitat-Kacheln’.”

Bieten Redaktionen wie die Tagesschau damit aber nicht vielleicht doch Populisten eine Bühne? Gniffke wehrt sich auch gegen diesen Vorwurf: Seine Redaktion biete niemandem eine Bühne, sie berichte. Dabei dürfte es auch keine Rolle spielen, ob den Journalisten ein Politiker, dessen Äußerungen oder Wortwahl nicht gefallen: “Wenn wir also beispielsweise ein Zitat von Markus Söder mit dem ‘Asyl-Tourismus’ benutzen, dann können wir unserem Zuschauer, unserem User, getrost das Urteil überlassen, ob er das gut oder schlecht findet. Da müssen wir und da sollten wir nicht dran schreiben: ‘Ach, das finden wir aber nicht so schick’.”

Tatsächlich ist die Verkürzung der “Zitat-Kacheln” mitunter aber durchaus ein Problem: wenn Zitate zwar knackig sind, aber aus dem Zusammenhang gerissen. Passiert ist das vor einem Monat dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Viele Medien, darunter die Heute-Sendung im ZDF, teilten Spahns Aussage zum Mangel an Pflegekräften: “Wenn von einer Million Pflegekräften 100.000 nur drei, vier Stunden mehr pro Woche arbeiten würden, wäre schon viel gewonnen.”

Das Zitat ging “viral” und Spahn wurde von vielen Bürgern kritisiert. Allein: Spahn hatte sich in dem Interview vor allem dafür stark gemacht, die Bedingungen der Pflegekräfte zu verbessern und mehr Pfleger einzustellen. Der zitierte Vorschlag sollte eine Übergangslösung sein. Die “Zitat-Kacheln” suggerierten etwas anderes.

Redaktionen verweisen in solchen Fällen gerne auf die ergänzenden Zeilen in ihren Einträgen in sozialen Netzwerken und die Links auf ausführliche Artikel. Kritiker Hoffmann warnt hingegen: “Wenn man sich die Mechanismen anschaut, die da wirken, dann ist es nun mal ganz oft so, dass die Leute eben diesen zweiten Klick nicht mehr machen. Sie sehen das, was ihnen vielleicht in den Feed gespült wird, machen dann aber ganz oft nicht mehr den Klick.” Was am Ende hängen bleibe sei ausschließlich die Aussage, die auf der Kachel steht.

>> Download MP3 (Quelle: NDR Info)